Geheimrezept zum Glücklichsein - Nora Roberts - E-Book

Geheimrezept zum Glücklichsein E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Endlich Ruhe! Jackie freut sich auf ungestörte Stunden in der frisch angemieteten Villa. Hier wird sie endlich in den kommenden drei Monaten ihren Roman schreiben. Doch die Pool-Villa hat ihren Preis. Die lebenslustige junge Frau muss sich das Anwesen mit dem Architekten Nathan teilen. Jackie findet ihn arrogant, wenn er auch sexy ist. Er verbringt seine Zeit lieber alleine. Die hübsche, energische Jackie geht ihm auf die Nerven. Werden sie die drei Monate überstehen? Oder: Ziehen Gegensätze sich wirklich an?

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Seitenzahl: 326

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Nora Roberts

Geheimrezept zum Glücklichsein

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Tatjána Lénárt-Seidnitzer

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

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Die Originalausgabe Loving Jackist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

1. AuflageWilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 

Neumarkter Str. 28, 81673 München.Copyright © 1989 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2008 by MIRA Taschenbuch in der Cora Verlag GmbH & Co. KG, HamburgUmschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,unter Verwendung eines Fotos von shutterstock/PlusONESatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12087-0V002

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

Sobald Jackie das Haus sah, war sie verliebt. Allerdings musste sie zugeben, dass sie sich schnell verliebte. Es lag nicht daran, dass sie sich leicht beeindrucken ließ. Sie war nur Gefühlen gegenüber offen, weit offen – ihren eigenen und denen anderer.

Das Haus barg viele Gefühle, fand sie, und nicht nur heitere. Das war gut so. Völlige Heiterkeit hätte ihr für einige Tage gefallen, doch bald hätte sich Langeweile eingestellt. Jackie bevorzugte die Kontraste, die scharfen Winkel und arrogant vorstehenden Ecken, aufgelockert durch Rundfenster und unerwartet reizvolle Torbögen.

Die weiß getünchten Wände leuchteten im Sonnenschein, strenge Ebenholzrahmen setzten sich davon ab. Obgleich sie nicht glaubte, dass die Welt schwarz-weiß war, bewies das Haus, dass die beiden krassen Gegensätze in Harmonie miteinander existieren konnten.

Die Fenster waren groß, gaben den Ausblick nach Westen wie nach Osten frei, während Oberlichter den Sonnenschein willkommen hießen. Blumen gediehen in Hülle und Fülle im Seitengarten sowie in Tontöpfen auf der Terrasse. Sie genoss die kühnen Farben, den Hauch von Exotik und Üppigkeit.

Durch breite Glastüren blickte Jackie hinaus auf das kristallklare Wasser eines nierenförmigen Pools. Sie konnte sich bereits vorstellen, daneben zu sitzen und den Sonnenuntergang zu beobachten, umgeben vom Duft der Blumen. Allein. Das war ein Haken, den sie jedoch zu akzeptieren bereit war.

Hinter dem Pool und der hügeligen Rasenfläche verlief der Intracoastal Waterway, ein Kanal. Das Wasser war dunkel, geheimnisvoll. Ein Motorboot tuckerte gerade vorüber. Ihr gefiel das Geräusch. Es bedeutete, dass andere Menschen da waren – nahe genug, um Kontakt zu knüpfen, aber nicht so nahe, um sie zu stören.

Die Wasserstraße erinnerte sie an Venedig und einen besonders angenehmen Monat, den sie als Teenager dort verbracht hatte. Sie war Gondel gefahren und hatte mit dunkeläugigen Männern geflirtet. Florida im Frühling war nicht so romantisch wie Italien, aber es sagte ihr zu.

»Es gefällt mir.« Jackie drehte sich zu dem großen, sonnendurchfluteten Raum um. Zwei hellbeige Sofas standen auf einem stahlblauen Teppich. Die restlichen Möbel waren aus elegantem Ebenholz und hatten etwas Männliches. Ihr gefiel der strenge Stil. Sie verschwendete selten ihre Zeit mit der Suche nach Mängeln und war manchmal bereit, sie zu akzeptieren, wenn sie ihr auffielen. Aber in diesem Haus sah sie Perfektion.

Sie strahlte den Mann an, der lässig vor dem weißen Marmorkamin stand. Die Feuerstelle war gereinigt worden, ein Farn stand jetzt darin. Die tropisch anmutende weiße Kleidung des Mannes hätte genau für diesen Hintergrund ausgewählt sein können. Und so, wie sie Frederick Q. MacNamara kannte, war das der Fall.

»Wann kann ich einziehen?«

Freds Lächeln erhellte sein rundes, jungenhaftes Gesicht.»Das ist typisch Jackie. Immer impulsiv.« Sein Körper war ebenfalls gerundet – nicht gerade fett, aber auch nicht sehnig. Seine Lieblingsbeschäftigung war Heranwinken – Taxen und Kellner. Er trat zu ihr mit einer lässigen Grazie, die früher einmal vorgetäuscht gewesen war, nun aber zu seiner zweiten Natur geworden war.»Du hast noch nicht mal den ersten Stock gesehen.«

»Ich sehe ihn, wenn ich auspacke.«

»Jackie, ich will, dass du dir ganz sicher bist.« Er tätschelte ihr die Wange – der ältere, erfahrenere Cousin dem jungen Wirrkopf. Sie verübelte es ihm nicht.»Ich möchte nicht, dass du es in ein paar Tagen bereust. Immerhin beabsichtigst du, drei Monate lang allein in diesem Haus zu wohnen.«

»Irgendwo muss ich ja wohnen.« Sie gestikulierte mit einer Hand, die so schlank und zart war wie alles andere an ihr. Gold und bunte Edelsteine glitzerten an vier Fingern, ein Zeichen ihrer Liebe für das Schöne.»Wenn ich es mit dem Schreiben ernst meine, muss ich allein sein. Warum also nicht hier?«Sie hielt einen Moment inne. Es zahlte sich nie aus, Fred gegenüber allzu arglos zu sein, auch wenn er ihr Cousin war und sie eine Schwäche für ihn hatte.»Bist du sicher, dass du mir das Haus vermieten darfst?«

»Vollkommen.« Seine Stimme war so glatt wie sein Gesicht.»Der Besitzer benutzt es lediglich als Winterhaus, und selbst dann nur sporadisch. Er hat lieber jemanden hier wohnen, als es leer stehen zu lassen. Ich habe Nathan gesagt, dass ich mich bis November darum kümmere, aber dann hat sich dieses Geschäft in San Diego ergeben, und es lässt sich nicht verschieben. Du weißt ja, wie es ist.«

Jackie wusste es genau. Bei Fred bedeutete ein»unerwartetes Geschäft«für gewöhnlich, dass er entweder einen eifersüchtigen Ehemann oder das Gesetz mied. Trotz seines wenig gewinnenden Äußeren hatte er ständig Probleme mit Ersteren, und nicht einmal ein gewinnender Familienname konnte ihn immer vor Letzterem schützen.

Jackie hätte argwöhnischer sein sollen, aber sie war nicht immer weise, und das Haus hatte sie bereits geblendet.»Wenn der Besitzer es bewohnt haben möchte, komme ich ihm gern entgegen. Lass mich unterschreiben, Fred. Ich möchte auspacken und ein paar Stunden am Pool verbringen.«

»Wenn du dir sicher bist.« Er holte bereits ein Papier aus der Tasche.»Ich möchte keine Szene – wie damals, als du meinen Porsche gekauft hast.«

»Du hattest versäumt, mir mitzuteilen, dass das Getriebe mit Klebstoff zusammengehalten wurde.«

»Gekauft wie besehen«, meinte Fred milde und reichte ihr einen silbernen Kugelschreiber mit Monogramm.

Jackie verspürte einen Anflug von Beklommenheit. Schließlich hatte sie es mit Cousin Fred zu tun, der stets leichtfertige Geschäfte tätigte. Doch plötzlich flog ein Vogel in den Garten und sang fröhlich. Sie sah es als ein gutes Omen an. Sie unterzeichnete den Mietvertrag in kühner, geschwungener Schrift, bevor sie ihr Scheckbuch zückte.»Tausend pro Monat?«

»Plus fünfhundert Kaution«, fügte Fred hinzu.

»Stimmt.« Vermutlich hatte sie Glück, dass ihr lieber Cousin ihr keine Kommission berechnete.»Gibst du mir eine Nummer oder eine Adresse, damit ich mich mit dem Besitzer in Verbindung setzen kann, falls es nötig sein sollte?«

Einen Moment blickte er verdutzt drein. Dann strahlte er sie an. Es war jenes MacNamara-Lächeln, charmant und harmlos.»Ich habe ihm schon von dem Wechsel erzählt. Sorg dich um nichts, Süße. Er wird sich bei dir melden.«

»Gut.« Sie wollte sich nicht mit Details belasten. Es war Frühling, und sie hatte ein neues Haus sowie ein neues Projekt. Neuanfänge waren das Beste auf der Welt.»Ich werde mich um alles kümmern.« Sie berührte eine große chinesische Vase. Als Erstes wollte sie frische Blumen hineinstellen.»Bleibst du über Nacht?«

Den Scheck hatte er bereits in seine Jackentasche gesteckt.»Ich würde gern, aber da wir alles geregelt haben, sollte ich den nächsten Flug zur Küste nehmen. Du wirst bald einkaufen müssen, Jackie. Das Nötigste ist da, allerdings nicht mehr viel.«

Während Fred sprach, ging er zu einem Stapel Gepäck. Es kam ihm nicht in den Sinn, ihre Koffer hinaufzutragen, und ihr nicht, ihn darum zu bitten.»Die Schlüssel liegen auf dem Tisch. Viel Spaß.«

»Den werde ich haben.« Jackie öffnete ihm die Tür, als er seine Koffer nahm. Sie hatte ihre Einladung, über Nacht zu bleiben, aufrichtig gemeint, und sie war ebenso aufrichtig froh, dass er abgelehnt hatte.»Vielen Dank, Fred.«

»Gern geschehen.« Er beugte sich hinab, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben.»Grüß die Familie von mir, wenn du mit ihr sprichst.«

»Mach ich. Gute Reise, Fred.« Sie beobachtete, wie er zu einem langen, schnittigen Kabriolett ging. Es war weiß, genau wie sein Anzug. Nachdem er die Koffer verstaut hatte, setzte er sich hinter das Lenkrad und winkte ihr lässig zu. Dann brauste er los.

Jackie wandte sich ab und schlang die Arme um sich. Sie war allein und auf sich selbst gestellt. Natürlich nicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Immerhin war sie fünfundzwanzig und war allein in Urlaub gefahren, hatte ihre eigene Wohnung und ihr eigenes Leben. Doch jedes Mal, wenn sie etwas Neues anfing, war es ein Abenteuer.

Von diesem Tag an … war es der sechsundzwanzigste oder siebenundzwanzigste Mai? Sie schüttelte den Kopf. Es war nicht wichtig. Von diesem Tage an begann sie eine neue Karriere. Jacqueline R. MacNamara, Schriftstellerin.

Das klingt gut, dachte sie. Als Erstes wollte sie ihre neue Schreibmaschine aufstellen und das erste Kapitel anfangen. Mit einem Lachen nahm sie den Maschinenkasten sowie ihren schwersten Koffer und schleppte alles die Treppe hinauf.

Es dauerte nicht lange, sich einzuleben, in den Süden, in das Haus, in die neue Routine. Jackie stand früh auf, genoss die morgendliche Stille mit Obstsaft und Toast – oder Cola und kalter Pizza, wenn es sich so ergab. Ihr Tippen verbesserte sich durch die Übung, und am dritten Tag klapperte ihre Schreibmaschine schon recht flott. Nachmittags legte sie eine Pause ein, um im Pool zu baden, in der Sonne zu liegen und über die nächste Szene nachzudenken.

Sie wurde schnell braun. Es war ein Geschenk ihrer italienischen Urgroßmutter, die die rein irische Linie der MacNamaras durchbrochen hatte. Die Bräune gefiel ihr, und oft dachte sie an die Gesichtscremes, die ihre Mutter ihr stets empfohlen hatte: Gute Haut und die Figur machen eine Schönheit aus. Nicht Stil oder Mode oder geschicktes Make-up, hatte sie oft erklärt.

Nun, Jackie besaß die Haut und die Figur, obgleich selbst ihre Mutter zugeben musste, dass sie nie eine wahre Schönheit sein würde. Sie war hübsch genug, auf eine frische, gesunde Art. Aber ihr Gesicht war dreieckig statt oval, ihr Mund breit statt geschwungen. Ihre Augen waren eine Spur zu groß, und sie waren braun. Wiederum das Italienische. Sie hatte nicht das Meergrün oder Himmelblau geerbt, das sonst in ihrer Familie dominierte. Auch ihr Haar war braun. Als Teenager hatte sie mit Tönungen und Strähnchen experimentiert, sich aber schließlich doch für ihre Naturfarbe entschieden. Diese gefiel ihr inzwischen sogar, und dass ihr Haar sich von selbst lockte, ersparte ihr kostbare Zeit beim Friseur. Sie trug es kurz, und es umrahmte in üppigen Locken ihr Gesicht.

Sie nahm jeden Tag so, wie er kam, stürzte sich gleich nach dem Aufwachen in die Schreiberei und jeden Nachmittag in den Pool. Nach einem schnellen Lunch kehrte sie an die Schreibmaschine zurück und arbeitete bis zum Abend. Danach spazierte sie im Garten umher, oder sie setzte sich auf die Terrasse und las oder beobachtete die Boote. Nach einem besonders produktiven Tag gönnte sie sich ein Bad im Whirlpool und ließ sich von dem sprudelnden Wasser und der feuchten Hitze des verglasten Raums angenehm ermüden.

Jackie verschloss das Haus eher um des Besitzers als um ihrer eigenen Sicherheit willen. Jeden Abend ging sie in dem Raum, den sie als Schlafzimmer ausgewählt hatte, mit völligem Seelenfrieden und in freudiger Erwartung des nächsten Tages zu Bett.

Wann immer ihre Gedanken zu Fred wanderten, lächelte sie. Vielleicht irrte sich die Familie doch in ihm. Gewiss hatte er mehr als einmal einen leichtgläubigen Verwandten in eine Einbahnstraße geführt, ja in einer Sackgasse zurückgelassen. Aber ihr hatte er mit dem Haus in Florida etwas Gutes getan. Am Abend des dritten Tages sank sie in das sprudelnde Wasser und dachte daran, Cousin Fred Blumen zu schicken. Sie war ihm zu Dank verpflichtet.

Nathan war todmüde und ausgesprochen glücklich, endlich wieder nach Hause zu kommen. Der letzte Teil der Reise war ihm endlos lang vorgekommen. Nach sechs Monaten wieder amerikanischen Boden zu betreten, reichte ihm nicht. Bei der Landung in New York setzte die erste Woge der Ungeduld ein. Er war zu Hause und doch nicht zu Hause. Zum ersten Mal seit Monaten gestattete er sich, an sein eigenes Haus, sein eigenes Bett zu denken. An sein privates Heiligtum.

Dann musste er eine Stunde Verspätung ertragen. Selbst nach dem Start blickte er immer wieder zur Uhr, um zu sehen, wie lange er noch durchhalten musste.

Der Flughafen von Fort Lauderdale war immer noch nicht das Ziel. Nathan hatte einen kalten, harten Winter in Deutschland verbracht und genug von Schnee und Eiszapfen. Die warme, feuchte Luft und der Anblick der Palmen verärgerten ihn nur, weil er immer noch nicht ganz zu Hause war.

Als er endlich am Flughafen in seinen vertrauten Wagen stieg, fühlte er sich wieder wie er selbst. Die Stunden des Flugs von Frankfurt nach New York zählten plötzlich nicht mehr. Die Verspätung und Ungeduld waren vergessen. Er war hinter dem Lenkrad und zwanzig Minuten von seiner eigenen Auffahrt entfernt. Wenn er sich an diesem Abend ins Bett legte, dann zwischen seine eigenen Laken. Frisch gewaschen von Mrs Grange, die alles für seine Ankunft vorbereiten würde, wie Fred MacNamara ihm versichert hatte.

Nathan verspürte einen Anflug von Schuldbewusstsein wegen Fred. Er hatte ihn recht überstürzt aus dem Haus gedrängt, aber nach sechs Monaten intensiver Arbeit in Deutschland war er nicht in der Stimmung für einen Hausgast. Er musste sich unbedingt mit ihm in Verbindung setzen und sich bedanken, dass Fred sich um alles gekümmert hatte. Es war eine Regelung, die eine Unmenge Probleme mit wenig Aufhebens gelöst hatte. Und je weniger Aufhebens, desto lieber war es Nathan. Er schuldete Fred ein riesiges Dankeschön.

In ein paar Tagen, dachte Nathan, während er den Schlüssel ins Schloss steckte. Nachdem er vierundzwanzig Stunden geschlafen und sich ein wenig Faulsein gegönnt hatte.

Er öffnete die Tür, schaltete das Licht ein und blickte sich um. Es war so unglaublich gut, zu Hause zu sein. In dem Haus, das er entworfen und gebaut hatte, inmitten der Dinge, die er nach seinem Geschmack und Wohlbehagen ausgesucht hatte.

Zu Hause! Es war genau so, wie er … nein, es war nicht so, wie er es zurückgelassen hatte. Er rieb sich die müden Augen, während er den Raum musterte. Seinen Raum.

Wer hatte die Ming-Vase ans Fenster gerückt und Lilien hineingestellt? Und warum stand die Meißen-Schale auf dem Tisch statt auf dem Regal? Er runzelte die Stirn. Er nahm solche Dinge sehr genau, und er entdeckte ein Dutzend kleiner deplatzierter Dinge.

Er musste mit Mrs Grange darüber sprechen, aber er wollte sich durch ein paar Ärgernisse nicht die Freude darüber verderben lassen, wieder zu Hause zu sein.

Es war verlockend, geradewegs in die Küche zu gehen und sich etwas Kaltes einzugießen, doch das Wichtigste kam zuerst. Er nahm seine Koffer, ging hinauf, genoss dabei jeden Moment der Ruhe und des Alleinseins.

Nathan schaltete das Licht in seinem Schlafzimmer an und blieb wie angewurzelt stehen. Sehr langsam stellte er die Koffer ab und ging zum Bett. Es war gemacht, allerdings sehr nachlässig. Seine Chippendale-Kommode stand voller Tiegel und Fläschchen. Ein eindeutiger Duft lag in der Luft – nicht nur von den Rosen in der Waterford-Vase, die eigentlich in den Esszimmerschrank gehörte, sondern der Geruch einer Frau. Puder, Lotion und Öl. Weder stark noch schwer, sondern leicht und lässig. Er kniff die Augen zusammen, als er ein farbiges Etwas auf der Bettdecke erblickte. Er hob den winzigen Slip auf.

Mrs Grange? Allein der Gedanke war lächerlich. Die stämmige Mrs Grange hätte nicht einmal mit einem Bein in das kleine Ding gepasst. Wenn Fred einen Gast gehabt hatte … Nathan drehte den Slip unter dem Licht um. Er konnte tolerieren, dass Fred Gesellschaft gehabt hatte, aber nicht in diesem Raum. Und warum waren ihre Sachen nicht gepackt und verschwunden?

Er hatte eine genaue Vorstellung. Vielleicht war es der Architekt in ihm, der ihn befähigte, im Geiste eine leere Seite oder einen leeren Platz völlig zu füllen. Er sah eine große, schlanke Frau, sexy, ein wenig kühn. Eine Rothaarige wahrscheinlich, mit blitzenden Zähnen und keck.

Nathan bedachte die Fläschchen auf der Kommode mit einem letzten Blick. Er würde sie von Mrs Grange schleunigst entfernen lassen. Ohne nachzudenken, steckte er das dünne Höschen in die Tasche und stürmte hinaus, um nachzusehen, was sonst noch nicht so war, wie es sein sollte.

Mit geschlossenen Augen, den Kopf an den Rand des Whirlpools gelehnt, sang Jackie vor sich hin. Ein besonders guter Tag lag hinter ihr. Der Roman ergoss sich so schnell aus ihrem Kopf aufs Papier, dass es beinahe beängstigend war. Sie war froh, dass sie den Westen als Schauplatz gewählt hatte, das alte Arizona, trostlos, rau und staubig. Es war genau der richtige Hintergrund für ihren knallharten Helden und ihre sittsam-naive Heldin.

Es gefiel ihr, sich an den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts versetzen zu können, die Hitze zu spüren, den Schweiß zu riechen. Und natürlich lauerten überall Gefahren und Abenteuer. Ihre Heldin, im Kloster erzogen, hatte es schwer, aber sie kam zurecht, denn sie war stark. Jackie hätte nicht über eine schwache Frau schreiben können, selbst wenn sie es gemusst hätte.

Und ihr Held. Allein der Gedanke an ihn ließ sie lächeln. Sie sah ihn genau vor sich. Das dichte schwarze Haar, das rötlich in der Sonne schimmerte, wenn er den Hut abnahm. Lange genug, sodass eine Frau eine Handvoll davon ergreifen konnte. Der Körper sehnig und muskulös vom Reiten, braun gebrannt von der Sonne, narbig von den Unruhen, denen er nie aus dem Weg ging.

Sein Gesicht war schmal, knochig und oft von Bartstoppeln beschattet. Er konnte mit einem Lächeln das Herz einer Frau höherschlagen oder mit einer finsteren Miene einen Mann vor Angst erschaudern lassen. Und seine Augen waren wundervoll. Schiefergrau, von langen dunklen Wimpern umrahmt, mit winzigen Fältchen in den Winkeln vom ständigen Blinzeln in die Sonne Arizonas. Sie blickten kalt und hart, wenn er seine Waffe abdrückte, heiß und leidenschaftlich, wenn er eine Frau im Arm hielt.

Jede Frau in Arizona war verliebt in Jake Redman. Und Jackie gefiel es, dass sie selbst auch ein wenig in ihn verliebt war. Wenn sie ihn so deutlich vor sich sah und so intensiv für ihn empfand, bedeutete das nicht, dass sie gute Arbeit leistete? Er war kein guter Mensch, jedenfalls nicht durch und durch. Es lag an der Heldin, Sarah Conway, nach dem Gold in ihm zu graben und die rauen Steine ebenfalls zu akzeptieren.

Jackie konnte es kaum erwarten, sich den beiden wieder voll und ganz zu widmen und sich zeigen zu lassen, was als Nächstes geschah. Wenn sie sich genügend konzentrierte, konnte sie ihn beinahe zu sich sprechen hören.

»Was zum Teufel tun Sie hier?«

Verträumt öffnete Jackie die Augen und blickte in das Gesicht ihrer Fantasiegestalt. Jake? dachte sie und fragte sich besorgt, ob ihr das heiße Wasser zu Kopf gestiegen war. Jake trug keine Anzüge und Krawatten, aber sie erkannte den Blick, der bedeutete, dass er zum Schießen bereit war. Mit offenem Mund starrte sie ihn an.

Sein Haar war kürzer, aber nicht viel, und der Schatten eines Bartes war sichtbar. Sie rieb sich die Augen, bekam Wasser hinein und blinzelte. Er war immer noch da, nun ein wenig näher. Das Motorengeräusch des Whirlpools wirkte plötzlich lauter.»Träume ich etwa?«

Nathan kniff die Augen zusammen. Sie war nicht die lasterhafte Rothaarige, die er sich vorgestellt hatte, sondern eine niedliche rehäugige Brünette. Dennoch gehörte sie nicht in sein Haus.»Was Sie tun, ist Hausfriedensbruch. Wer zum Teufel sind Sie?«

Die Stimme! Sogar die Stimme war richtig. Jackie schüttelte den Kopf und versuchte, sich zu fassen. Sie befand sich im zwanzigsten Jahrhundert, und so echt ihre Charaktere auch auf dem Papier wirkten, erwachten sie nicht so einfach in Fünfhundert-Dollar-Anzügen zum Leben. Tatsache war, dass sie allein mit einem Fremden und in einer sehr verwunderlichen Situation war.

Jackie überlegte, wie viel sie noch von ihrem Karatekurs wusste, blickte dann auf die breiten Schultern des Mannes und befand, dass es zu wenig war.»Wer sind Sie?«Der Anflug von Angst verlieh ihrer Stimme einen hoheitsvollen Klang, auf den ihre Mutter stolz gewesen wäre.

»Sie sind diejenige, die Fragen zu beantworten hat«, konterte er.»Ich heiße Nathan Powell.«

»Der Architekt? Oh, ich bewundere Ihre Werke. Ich habe das Ridgeway Center in Chicago gesehen und …«Nicht länger ängstlich, begann sie, sich aufzusetzen. Dann fiel ihr ein, dass sie keinen Badeanzug angezogen hatte, und sank wieder unter die Wasseroberfläche zurück.»Sie haben ein wundervolles Talent, das Ästhetische mit dem Praktischen zu kombinieren.«

»Danke. Und jetzt …«

»Aber was tun Sie hier?«

Er kniff erneut die Augen zusammen.»Das ist meine Frage. Das hier ist mein Haus.«

»Ihrs?«Sie rieb sich erneut die Augen.»Sie sind der Nathan? Freds Nathan?«Sie lächelte erleichtert.»Nun, das erklärt alles.«

Nathan bemerkte ein Grübchen in ihrer Wange, ignorierte es aber.»Für mich aber nicht. Ich wiederhole: Wer zum Teufel sind Sie?«

»Oh, Entschuldigung. Ich bin Jackie.« Als er die Brauen hochzog, lächelte sie erneut und reichte ihm eine nasse Hand.»Jackie – Jacqueline MacNamara. Freds Cousine.«

Er blickte auf ihre Hand mit den glitzernden Ringen, ergriff sie aber nicht.»Und warum, Miss MacNamara, sitzen Sie in meinem Bad und schlafen in meinem Bett?«

»Ist das Ihr Zimmer? Tut mir leid. Fred hat mir nicht gesagt, welches ich nehmen soll, und da habe ich mir das ausgesucht, das mir am besten gefällt. Er ist in San Diego, wissen Sie.«

»Es ist mir völlig egal, wo er ist.« Nathan war stets ein geduldiger Mensch, zumindest hatte er das bisher geglaubt. Nun stellte er fest, dass er überhaupt keine Geduld besaß.»Ich will wissen, warum Sie in meinem Haus sind.«

»Oh, ich habe es von Fred gemietet. Hat er Ihnen das nicht mitgeteilt?«

»Sie haben was?«

»Wissen Sie, es ist ziemlich schwierig, sich zu unterhalten, während dieser Motor läuft. Warten Sie.« Sie hielt eine Hand hoch, bevor er den Abstellknopf drücken konnte.»Ich bin … nun, ich habe niemanden erwartet und bin nicht gerade gesellschaftsfähig gekleidet.«

Automatisch blickte er hinab auf das Wasser, das heiß und schnell um ihren Brustansatz wirbelte.»Ich warte in der Küche. Beeilen Sie sich.«

Jackie atmete tief durch, als sie allein war.»Ich glaube, Fred hat es wieder mal getan«, stellte sie verärgert fest, während sie aus der Wanne stieg.

Nathan mixte sich einen großen Gin mit Tonic, und er ging dabei sehr freizügig mit dem Gin um. Manche Männer hätte es vielleicht angenehm überrascht, nach einem anstrengenden Projekt nach Hause zu kommen und eine nackte Frau vorzufinden. Leider gehörte er nicht zu ihnen. Er nahm einen kräftigen Schluck, während er sich an den Schrank lehnte.

»Mr Powell?«

Er blickte auf, als Jackie die Küche betrat. Sie trug einen kurzen, kühn gestreiften Bademantel. Ihre Beine waren leicht gebräunt und lang – sehr lang, wie ihm auffiel. Ihr Haar lockte sich feucht um ihr Gesicht, mit langem Pony, der große, dunkle Augen betonte. Sie lächelte, und das Grübchen war wieder da. Er war nicht sicher, ob es ihm gefiel. Wenn sie lächelte, sah sie so aus, als könne sie einem zehn Morgen Sumpfland aufschwatzen.

»Es scheint, dass wir über Ihren Cousin reden müssen.«

»Fred.« Sie nickte immer noch lächelnd und rutschte auf einen Hocker an der Essbar. Sie hatte beschlossen, sich völlig gelassen und überlegen zu geben. Wenn er sie für nervös und verunsichert hielt … Nun, sie hatte das Gefühl, dass sie sich dann auf der Straße wiederfinden würde.»Er ist ein Original, nicht wahr? Wie haben Sie ihn kennengelernt?«

»Durch eine gemeinsame Freundin.« Nathan verzog ein wenig das Gesicht. Er beschloss, auch mit Justine ein Wörtchen zu reden.»Ich hatte ein Projekt in Deutschland, das mich einige Monate lang beschäftigen sollte. Ich brauchte jemand, der sich um das Haus kümmert. Er wurde mir empfohlen. Da ich seine Tante kenne …«

»Patricia? Das ist meine Mutter!«

»Adele Lindstrom.«

»Oh, Tante Adele. Das ist die Schwester meiner Mutter.« Schalkhafte Belustigung blitzte aus Jackies Augen.»Sie ist eine reizende Frau.«

Es lag etwas Drolliges, ein bisschen zu Drolliges in der Bemerkung. Nathan zog vor, es zu ignorieren.»Ich habe einmal an einem Projekt in Chicago mit ihr zusammengearbeitet. Wegen der Verbindung und der Empfehlung beschloss ich, Fred auf das Haus aufpassen zu lassen.«

Jackie nagte an ihrer Unterlippe.»Er hat es nicht von Ihnen gemietet?«

»Gemietet? Natürlich nicht.« Nun drehte Jackie ihre Ringe an den Fingern, einen nach dem anderen.

Lass dich nicht beeindrucken, warnte Nathan sich selbst. Sag ihr, dass sie packen und ausziehen soll. Keine Erklärungen, keine Entschuldigungen. Du kannst in zehn Minuten im Bett sein.»Hat er Ihnen das gesagt?«

»Ich sollte Ihnen lieber die ganze Geschichte erzählen. Kann ich auch so einen haben?«

Als sie auf sein Glas deutete, lag ihm eine barsche Erwiderung auf den Lippen. Gute Manieren waren ihm sorgfältig eingetrichtert worden, und er ärgerte sich über seinen Lapsus, obwohl Jackie wohl kaum ein Gast war. Wortlos mixte er einen Drink und stellte ihn vor sie hin.»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich auf das Wesentliche beschränken könnten.«

»In Ordnung.« Sie nahm einen Schluck.»Fred rief mich letzte Woche an. Er hatte gehört, dass ich für ein paar Monate eine Unterkunft suche. Ein ruhiges Plätzchen zum Arbeiten. Ich bin Schriftstellerin«, erklärte sie im kühnen Brustton der Überzeugung. Als er nicht darauf reagierte, nahm sie noch einen Schluck.»Jedenfalls sagte Fred mir, dass er genau das Richtige für mich hätte. Er behauptete, dass er dieses Haus gemietet hätte. Er beschrieb es mir, und ich konnte kaum erwarten, es zu sehen. Es ist wundervoll, so gut durchdacht. Jetzt, wo ich weiß, wer Sie sind, kann ich verstehen, warum. Eigentlich hätte ich Ihren Stil gleich erkennen müssen. Ich habe nämlich ein paar Semester Architektur studiert, bei LaFont.«

»Wie faszinierend … LaFont?«

»Ja. Er ist ein wundervoller alter Knabe, nicht wahr? So aufgeblasen und von sich selbst überzeugt.«

Nathan zog eine Braue hoch. Er hatte selbst bei LaFont studiert – vor einer Ewigkeit, wie es schien – und wusste sehr gut, dass der»alte Knabe«nur vielversprechende Studenten annahm. Er öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Er wollte sich nicht aus der Reserve locken lassen.»Kehren wir zurück zu Ihrem Cousin, Miss MacNamara.«

»Jackie.« Sie lächelte wiederum.»Wäre ich nicht so bedacht auf eine Unterkunft gewesen, hätte ich wahrscheinlich von vornherein ›Nein, danke‹ gesagt. Bei Fred ist immer ein Haken dabei. Aber ich kam her, sah das Haus, und damit war alles entschieden. Er sagte, er müsse geschäftlich nach San Diego und der Besitzer wolle das Haus nicht leer stehen lassen. Ich nehme an, Sie benutzen es nicht wirklich nur sporadisch als Winterhaus?«

»Nein, absolut nicht. Ich lebe das ganze Jahr hier, außer wenn ein Auftrag mich für kurze Zeit wegführt. Fred sollte nur während meiner Abwesenheit hier wohnen. Ich rief ihn vor zwei Wochen an und teilte ihm meine Rückkehr mit. Er sollte sich mit Mrs Grange in Verbindung setzen.«

»Mrs Grange?«

»Die Haushälterin.«

»Er hat keine Haushälterin erwähnt.«

»Irgendwie überrascht mich das nicht.« Nathan leerte sein Glas.»Das bringt uns zu Ihrer Hausbesetzung.«

Jackie holte tief Luft.»Ich habe einen Mietvertrag unterschrieben. Für drei Monate. Ich habe Fred einen Scheck für die Miete gegeben, im Voraus, zuzüglich der Kaution.«

»Das ist sehr bedauerlich. Sie haben keinen Vertrag mit dem Besitzer geschlossen.«

»Mit Ihrem Stellvertreter, Ihrem vermeintlichen Stellvertreter. Cousin Fred kann sehr gewandt sein.« Jackie registrierte, dass Nathan nicht lächelte, nicht einmal ein wenig. Es war zu schade, dass er die Situation nicht komisch fand.»Hören Sie, Mr Powell, offensichtlich hat Fred uns beide hereingelegt, aber es findet sich bestimmt ein Ausweg. Was die dreieinhalbtausend Dollar angeht …«

»Sie haben ihm dreieinhalbtausend Dollar bezahlt?«

»Es schien mir angemessen. Es ist ein wunderschönes Haus, und außerdem sind da der Pool und das Solarium. Vielleicht kann ich einen Teil davon zurückbekommen. Früher oder später.« Sie dachte einen Moment an das Geld, tat es dann jedoch ab.»Aber das eigentliche Problem besteht darin, wie wir diese Situation bewältigen.«

»Die da wäre?«

»Dass ich hier bin und dass Sie hier sind.«

»Das ist sehr einfach.« Nathan sah keinerlei Grund, sich schuldig zu fühlen, weil sie das Geld verloren hatte.»Ich kann Ihnen einige ausgezeichnete Hotels empfehlen.«

Sie lächelte erneut. Das Grübchen war wieder da, doch ihm entging, dass ihre sanften braunen Augen vor Entschlossenheit härter blickten.»Das würde Ihren Teil des Problems lösen, aber nicht meinen. Ich habe einen Vertrag.«

»Sie haben ein wertloses Stück Papier.«

»Möglich.« Sie tippte mit den beringten Fingern auf die Bar.»Haben Sie jemals Jura studiert? Als ich in Harvard war …«

»Harvard?«

»Nur sehr kurz. Es lag mir im Grunde nicht. Aber ich glaube, es könnte schwierig und vor allem unangenehm werden, mich auf die Straße zu setzen. Wenn Sie vor Gericht gehen wollen, werden Sie wohl irgendwann gewinnen, da bin ich sicher. Aber in der Zwischenzeit lässt sich bestimmt eine angemessenere Lösung für alle finden. Sie müssen erschöpft sein«, fuhr sie sanft fort.»Warum gehen Sie nicht hinauf und schlafen sich erst einmal aus? Alles sieht einfacher aus, wenn man geschlafen hat. Wir können morgen alles klären.«

»Es geht nicht darum, irgendetwas zu klären, Miss MacNamara. Es geht darum, dass Sie Ihre Sachen packen.« Er steckte eine Hand in die Tasche und fühlte ihren Slip. Mit zusammengebissenen Zähnen zog er ihn hervor.»Ist das Ihrer?«

»Ja, danke.« Ohne Verlegenheit nahm sie das hauchzarte Nichts entgegen.»Es ist ein bisschen spät, um die Polizei zu rufen und ihr alles zu erklären. Vermutlich könnten Sie mich gewaltsam hinauswerfen, aber Sie würden sich dafür hassen.«

Nathan begann zu glauben, dass sie mehr mit diesem Cousin Fred gemeinsam hatte als nur den Familiennamen. Er blickte auf seine Uhr und fluchte. Es war nach Mitternacht, und er brachte es nicht übers Herz, sie jetzt auf die Straße zu setzen. Das Schlimmste war, dass er vor Müdigkeit beinahe doppelt sah und ihm nicht die richtigen Argumente einfielen.»Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden, Miss MacNamara. Das erscheint mir wirklich mehr als anständig.«

»Ich wusste, dass Sie ein vernünftiger Mensch sind.« Sie lächelte.»Warum gehen Sie jetzt nicht schlafen?«

»Sie liegen in meinem Bett.«

»Wie bitte?«

»Ihre Sachen sind in meinem Zimmer.«

»Oh.« Jackie rieb sich die Schläfe.»Nun, wenn es Ihnen wirklich wichtig ist, könnte ich jetzt wohl alles hinausschaffen.«

»Schon gut.« Vielleicht war alles nur ein Albtraum, eine Halluzination. Er würde am Morgen erwachen und feststellen, dass alles so war, wie es sein sollte.»Ich nehme einfach eines der Gästezimmer.«

»Das ist eine viel bessere Idee. Sie sehen wirklich müde aus. Schlafen Sie gut.«

Er starrte sie fast eine volle Minute lang wortlos an. Nachdem er schließlich gegangen war, legte Jackie den Kopf auf die Bar und begann zu kichern. Oh, das würde sie Fred heimzahlen, daran bestand kein Zweifel. Aber im Augenblick war es für sie nun mal das Lustigste, was sie seit Monaten erlebt hatte – trotz einiger Turbulenzen.

2. KAPITEL

Als Nathan erwachte, war es zehn Uhr, doch der Albtraum war nicht vorüber. Das wurde ihm klar, sobald er die gestreifte Tapete des Gästezimmers sah. Er befand sich in seinem eigenen Haus, aber er war irgendwie zu einem Gast degradiert worden.

Seine Koffer, geöffnet, aber noch gepackt, standen auf der Kommode unter dem Gartenfenster. Er hatte die Gardinen nicht zugezogen, und Sonnenlicht fiel auf die sauber gefalteten Hemden. Entschieden wandte er sich ab. Er hatte nicht die Absicht, auszupacken, bevor er das nicht in seinem Schlafzimmer tun konnte.

Jacqueline MacNamara hatte in einem recht behalten. Ausgeschlafen fühlte er sich besser. Sein Kopf war klarer. Er erkannte, dass es dumm von ihm gewesen war, sie nicht am vergangenen Abend hinausgeworfen zu haben, aber das ließ sich nachholen. Je eher, desto besser.

Er duschte und rasierte sich. Nachdem er eine leichte Leinenhose und ein Sporthemd angezogen hatte, fühlte er sich wieder in Form. Wenn er nicht mit einem verrückten kleinen Ding wie der Brünetten in seinem Bett fertig werden konnte, dann hatte er eindeutig nachgelassen. Trotzdem konnte es nicht schaden, vorher eine Tasse Kaffee zu trinken.

Er war auf halbem Weg die Treppe hinunter, als er einen köstlichen Duft wahrnahm. Kaffee, frischer, starker Kaffee. Das Aroma war so angenehm, dass er beinahe lächelte, aber dann erinnerte er sich, wer ihn aufgebrüht haben musste. Ein anderer Geruch wehte ihm entgegen. Gebratener Speck? Gewiss war es gebratener Speck. Offensichtlich fühlte sie sich wie zu Hause. Er hörte auch Musik – Rock, fröhlich und munter und laut genug, um ein Zimmer weiter gehört zu werden.

Nein, der Albtraum war nicht vorüber, aber Nathan beabsichtigte, ihn schleunigst zu beenden. Er stürmte in die Küche.

»Guten Morgen!«Jackie begrüßte ihn mit einem Lächeln, das mit dem Sonnenschein konkurrierte. Aus Rücksicht auf ihn stellte sie das Radio leiser.»Ich wusste nicht, wie lange Sie schlafen würden, aber ich halte Sie nicht für den Typ, der den ganzen Vormittag im Bett bleibt. Daher habe ich angefangen, das Frühstück zuzubereiten. Ich hoffe, Sie mögen Blaubeerpfannkuchen. Ich habe die Beeren heute früh gekauft. Sie sind frisch.« Bevor er noch etwas sagen konnte, steckte sie ihm eine in den Mund.»Setzen Sie sich. Ich bringe Ihnen den Kaffee.«

»Miss MacNamara …«

»Jackie bitte. Milch?«

»Schwarz. Wir haben die Dinge gestern Abend ziemlich offengelassen, aber jetzt müssen wir diese Angelegenheit klären.«

»Eindeutig. Ich hoffe, Sie mögen den Speck knusprig.« Sie stellte einen Teller auf die Theke, wo bereits ein Platz mit seinem besten Geschirr und einer Damastserviette gedeckt war.

Jackie fiel auf, dass Nathan sich rasiert hatte. Ohne den Bartschatten sah er nicht mehr so sehr wie ihr Jake aus – abgesehen von der Augenpartie. Es wäre unklug, erkannte sie, ihn zu unterschätzen.

»Ich habe viel darüber nachgedacht, Nathan, und ich glaube, mir ist die ideale Lösung eingefallen.« Sie goss Teig in die Pfanne.»Haben Sie gut geschlafen?«

»Ja.« Zumindest hatte er sich gut gefühlt, als er aufgewacht war. Nun griff er beinahe trotzig nach seiner Kaffeetasse. Jackie war wie ein Sonnenstrahl, der sich hineingestohlen hatte, während er eigentlich die Gardinen hatte zuziehen wollen.

»Meine Mutter sagt immer, dass man zu Hause am besten schläft, aber mir ist es nicht wichtig. Ich kann überall schlafen. Möchten Sie die Zeitung?«

»Nein.« Er nippte an seinem Kaffee, starrte ihn an, nippte erneut. Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber es war der beste Kaffee, den er je getrunken hatte.

»Ich kaufe die Bohnen in einem kleinen Geschäft in der Stadt«, antwortete Jackie auf seine unausgesprochene Frage, während sie gekonnt die Pfannkuchen umdrehte.»Ich trinke nicht oft Kaffee, und deshalb halte ich es für wichtig, dass es wirklich guter ist.« Sie nahm seinen Teller und häufte Pfannkuchen darauf.»Sie haben eine wundervolle Aussicht von hier.« Sie schenkte eine zweite Tasse Kaffee ein und setzte sich neben ihn.»Das macht das Essen zu einem Erlebnis.«

Nathan griff unwillkürlich zur Gabel. Es würde nicht schaden, erst zu essen. Er konnte Jackie danach immer noch hinauswerfen.»Wie lange sind Sie schon hier?«

»Erst ein paar Tage. Fred hatte schon immer ein hervorragendes Zeitgefühl. Wie sind die Pfannkuchen?«

»Ausgezeichnet. Essen Sie nicht?«

»Ich habe zwischendurch schon genascht.« Doch das hielt sie nicht davon ab, sich eine Scheibe Frühstücksspeck zu nehmen und daran zu knabbern.»Können Sie kochen?«

»Nur, wenn die Anleitung auf der Tüte steht.«

Jackie verspürte sofort einen Anflug von Triumph.»Ich koche sehr gut.«

»Ich nehme an, Sie haben im Ritz gelernt.«

»Nur sechs Monate«, sagte sie und grinste.»Aber ich habe die Grundlagen erlernt. Danach beschloss ich, meine eigenen Wege zu gehen. Experimente, wissen Sie. Kochen sollte ein Abenteuer sein.«

Für Nathan war Kochen eine Plackerei, die gewöhnlich in einem Misserfolg endete.

»Ihre Mrs Grange«, begann Jackie jetzt im Plauderton.»Kommt sie jeden Tag hierher, führt Ihnen den Haushalt und kocht auch?«

»Einmal pro Woche.« Die Pfannkuchen schmeckten wirklich ausgezeichnet. Er hatte sich an Hotelkost gewöhnt, und so gut sie auch war, konnte sie mit Jackies Kochkünsten nicht mithalten. Er begann, sich zu entspannen, während er die Aussicht bewunderte, die tatsächlich großartig war. Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein Frühstück intensiver genossen zu haben.»Sie macht sauber, erledigt die wöchentlichen Einkäufe und kocht gewöhnlich einen Eintopf oder so was. Warum?«

»Es hat mit unserem kleinen Dilemma zu tun.«

»Ihrem Dilemma.«

»Wie auch immer. Sind Sie eigentlich ein fairer Mensch, Nathan? Ihre Bauwerke beweisen einen Sinn für Stil und Ordnung, aber ich kann wirklich nicht sagen, ob Sie einen Sinn für Fairness haben.« Sie hob die Kaffeekanne.»Lassen Sie mich nachschenken.«

Ihm verging sehr rasch der Appetit.»Worauf wollen Sie denn hinaus?«

»Ich habe dreieinhalbtausend ausgegeben.« Jackie kaute ihren Speck.»Ich will Sie nicht glauben lassen, dass ich wegen des Verlusts an der nächsten Straßenecke Bleistifte verkaufen muss, aber es geht eigentlich nicht um den Betrag. Es geht ums Prinzip. Sie glauben doch an Prinzipien, oder?«

Vorsichtig zuckte er die Achseln.

»Ich habe in gutem Glauben für eine Unterkunft bezahlt, in der ich drei Monate lang wohnen und arbeiten kann.«

»Ich bin sicher, dass Ihre Familie ausgezeichnete Anwälte zu ihrer Verfügung hat. Warum verklagen Sie also Ihren Cousin nicht?«

»Die MacNamaras lösen Familienprobleme nicht auf diese Weise. Oh, ich werde schon mit ihm abrechnen – und zwar, wenn er es am wenigsten erwartet.«

Der Ausdruck in ihren Augen bestätigte Nathan, dass sie genau das tun würde, und zwar gehörig. Er musste einen Anflug von Bewunderung unterdrücken.»Ich wünsche Ihnen viel Glück dabei, aber Ihre Familienprobleme betreffen mich nicht.«

»In diesem Fall schon, da Ihr Haus sozusagen im Mittelpunkt steht. Möchten Sie noch etwas essen?«

»Nein, danke. Miss … Jackie, ich will ganz offen zu Ihnen sein.« Er lehnte sich zurück, in der festen Absicht, sehr deutlich und entschieden mit ihr zu reden. Hätte er sie besser gekannt, wären ihm die ersten Bedenken gekommen, als sie ihn mit einem hilfsbereiten Ausdruck in den großen braunen Augen anblickte.»Meine Arbeit in Deutschland war schwierig und ermüdend. Ich habe ein paar Monate Freizeit vor mir, die ich hier zu verbringen gedenke – allein und in Ruhe.«

»Was haben Sie gebaut?«

»Wie bitte?«

»In Deutschland. Was haben Sie gebaut?«

»Ein Vergnügungszentrum, aber das ist wirklich nicht relevant. Es tut mir leid, wenn es gefühllos wirkt, aber ich sehe mich nicht für Ihre Situation verantwortlich.«

»Das wirkt gar nicht gefühllos.« Jackie tätschelte seine Hand, schenkte ihm dann Kaffee nach.»Ein Vergnügungszentrum. Das klingt faszinierend, und ich würde später gern alles darüber hören, aber die Sache ist die …«Sie hielt inne, während sie sich ebenfalls nachschenkte.»Ich betrachte uns irgendwie als zwei Menschen im selben Boot. Wir haben beide erwartet, die nächsten Monate allein zu verbringen und unseren Projekten nachzugehen, und Fred hat alles vermasselt. Mögen Sie orientalisches Essen?«

Nathan verlor an Boden. Er wusste nicht, warum oder wann der Sand unter seinen Füßen zu rutschen begonnen hatte, aber es war der Fall. Er stützte die Ellbogen auf und hielt den Kopf in den Händen.