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Kunst, Bücher, Waffen, Kuriositäten – es gibt nichts, was Kaldan nicht sammelt. Aufgewachsen in der Gosse und mit anderen Straßenkindern als Familie weiß er noch zu gut, wie es sich anfühlt, arm und immer auf der Flucht zu sein. So nutzt er seinen durch Glück, Gewitztheit und kluge Verbindungen gewonnenen Reichtum nicht nur dazu, seine Sammlung zu erweitern, sondern auch, andere zu unterstützen, wo er kann. Seine Vergangenheit hat er hinter sich gelassen – glaubt er. Denn eines Nachts erwischt er ausgerechnet seinen ehemaligen besten Freund und Geliebten aus wilden Jugendzeiten dabei, wie dieser in sein Haus einsteigt. Ganz gleich, was passiert: Sevaron landet immer auf den Füßen. Bis eines Tages sein Leben in Scherben fällt. Sonnte er sich zunächst in der Bewunderung seines Auftraggebers, wäre er ihn jetzt am liebsten los, denn er macht nur noch Ärger. Ärger, der seinen Höhepunkt erreicht, als Sevaron ausgerechnet bei Kaldan einsteigen und diesen um eines seiner Sammlerstücke erleichtern soll. Notfalls über des Sammlers Leiche. Und Sevaron muss erleben, dass nicht immer alles glattgehen kann. Als Kaldan ihn erkennt, ist auf einmal die Vergangenheit wieder ganz nah, und eine alte Liebe flammt wieder auf. Noch dazu sitzt ihnen beiden unvermittelt Sevarons Auftraggeber im Nacken. Was als gemeinsame Flucht beginnt, wird schnell zu einer Jagd auf Leben und Tod ...
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Kann Spuren von Erdnüssen enthalten!
Es gibt Inhalte, die Betroffene triggern können, das heißt, dass womöglich alte Traumata wieder an die Oberfläche geholt werden. Deswegen habe ich für diese Personen eine Liste mit möglichen Inhaltswarnungen für alle meine Romane zusammengestellt:
www.tina-alba.de/inhaltswarnungen
Zur Verbesserung der Barrierefreiheit habe ich diese Seite eingefügt, da es für ALT-Texte je nach Anbieter ein enges Zeichenlimit gibt, das keine wirklichen Bildbeschreibungen zulässt. Außerdem ist es technisch derzeit nicht möglich, einen ALT-Text für das Cover zu setzen.
Bildbeschreibung Cover:
Geliebter Dieb von Tina Alba. Porträt eines jungen Mannes unter einer dunklen Kapuze. Er blickt ernst direkt in die Kamera, einige rötliche Strähnen fallen ihm in die Stirn. Am Titelschriftzug klebt eine stilisierte Frauenfigur mit einer rotglühenden Spirale in Höhe des Nabels.
Design des E-Books:
Keine Grafiken im Romantext. Der jedem Kapitel vorangestellte Name des Perspektivträgers ist in Schnörkelschrift ausgeführt.
Sonstiges:
Im Anhang ist das Cover eines beworbenen Buches:
Die Gabe des Mondes von Tina Alba: Nachtblauer Gesamteindruck, vor dem Hintergrund einer Wiese mit Tannen am Rand ist der Vollmond zu sehen. Auf diesem ist ein Sichelmond mit abgehenden Strahlen in Strichzeichnung ausgeführt. Den Mond umgibt eine rüschenartige Vignette. Die Titelschrift ist in Schnörkelschrift ausgeführt.
Katzen. Welcher Hornochse lässt auf seinem Grundstück Katzen als Wachtiere herumlaufen?
Sevaron kauerte sich in den Schatten eines Zierbusches und zerrte das in dickes Leder gewickelte Päckchen aus seiner Gürteltasche. Der Puppenspieler hatte es ihm mit einer ausdrücklichen Warnung vor den wilden Raubtieren in die Hand gedrückt und ihm zugleich eingeschärft, es erst dann hervorzuholen, wenn er wirklich kurz davor war, seinen Hintern über die mehr als mannshohe Umzäunung zu schwingen.
Sevaron gedachte, sich daran zu halten, wollte er schließlich nicht selbst stinken wie ein ganzer Busch Balsamminze und damit persönlich zu einem Katzenspielzeug werden. Er tastete nach seiner Schleuder, legte das Päckchen hinein und vergewisserte sich, dass es beim Aufprall auf dem Boden oder an einer Wand tatsächlich wie geplant aufplatzen und seinen miefenden Inhalt in einer dichten Wolke freisetzen würde. Leise und langsam schob er sich näher an den Zaun heran und spähte zwischen den schmiedeeisernen Stäben hindurch. Jeder zweite von ihnen wurde von einer vergoldeten Spitze gekrönt. Ein Grund vielleicht, nicht zu versuchen, hinüberzuklettern, aber kein Hindernis. Sevaron ließ den Blick durch den Teil des Gartens schweifen, den er von seinem Versteck aus überblicken konnte. Am Zaun entlang wuchs eine lichte Reihe schlanker Birken, dahinter lagen in geometrische Formen gegossene Zierbeete zwischen künstlich angelegten Wegen, die selbstverständlich mit hellen Kieseln bedeckt waren.
Sevaron unterdrückte ein Schnauben. Wer konnte auf so etwas vernünftig laufen? Sicherlich keine Damen in diesen entsetzlichen hochhackigen Schuhen, die in der Oberschicht gerade der letzte Schrei waren. Er bewegte die Zehen in seinen weichen Stiefeln mit der Greiflücke zwischen dem Großen und den weiteren Zehen. Wenn das mein Garten wäre, gäbe es Wiesen und Kräuter. Bäume. Einen Teich. Wildwuchs und irgendwo ein Baumhaus oder einen kleinen Pavillon. Er biss die Zähne zusammen. Das war nicht sein Garten, er würde nie so wohnen, und das war in Ordnung. Er hatte sein Leben gewählt, und es war ganz sicher nicht das eines reichen Schnösels mit kiesverzierten Wegen und in Beeten eingesperrten Pflanzen. Immerhin sorgte der große Garten dafür, dass die nächsten Nachbarn weit genug entfernt waren.
Sevaron grinste. Sein Besuch würde erst auffallen, sobald der Hausherr am kommenden Morgen das Fehlen eines der hübschen Stücke aus seiner Sammlung bemerkte.
Hinter den Blumenbeeten lag das Haus, in dem sich das Objekt der Begierde des Puppenspielers befand. Angeblich in dem kleinen Lesezimmer, das auf die Terrasse hinausführte. Die wiederum blickte auf den Garten, genau in Richtung der Blumenbeete und der Wege mit den unpraktischen Kieseln, die sicherlich höchst verräterisch unter Schuhsohlen knirschen würden. Sevaron wartete angespannt, bis in dem Raum das Licht gelöscht wurde. Nach und nach versank das ganze Haus im Dunkeln. In der Nähe des Gebäudes tauchten Schemen auf, dunkler als die Nacht, größer als die Pirrianer Hetzer, die viele Adeligen zur Jagd und als Wachhunde hielten. Und diese verdammten Viecher reichten einem normal gewachsenen Mann schon fast bis an die Hüfte!
Sevaron biss sich auf die Lippe und fasste seine Schleuder fester. Katzen? Das sind Berglöwen! Er zählte zwei der langsam ziehenden Schatten. Der Spieler hatte von vier der mächtigen Tiere gesprochen. Was bei allen Göttern bringt einen dazu, sich mit einem Rudel Berglöwen zu umgeben? Er atmete tief durch und riss sich zusammen. Es hing so verdammt viel an diesem noch mehr verdammten Auftrag!
Nein. Daran durfte er jetzt nicht denken. Jetzt brauchte er einen klaren Kopf. Die Balsamminze, dann das Seil, an dem er den Zaun überwinden würde, und schließlich so schnell wie möglich auf die Terrasse. Durch die Glastür mit dem hoffentlich einfach zu knackenden Schloss hinein ins Haus – und hoffen, dass zum einen die kleine Statue wirklich da war, wo der Spieler sie vermutete, und zum anderen die fehlenden beiden Berglöwen nicht da drin waren. Mit etwas Glück war er schneller wieder draußen, als er Berglöwe sagen konnte. Er mochte Katzen, er mochte sie wirklich, aber das hier?
Lächerlich!
Sevaron schwang die Schleuder. Passte den richtigen Moment ab und ließ das Kräuterpäckchen fliegen. Beinahe im selben Augenblick warf er die vorbereitete Seilschlinge, erwischte eine Zaunspitze und zog sich hoch, während sein Geschoss mit einem trockenen Aufprall im Gras landete. Die Staubwolke, die aufstieg, konnte Sevaron nur ahnen, aber er roch die Minze – und die Berglöwen taten das offensichtlich auch.
Freier Weg zum Haus! Er landete weich auf der anderen Seite des Zaunes, und Schatten zogen sich um ihn zusammen wie ein schützender Mantel. Seine Freunde, die immer da waren, sobald er sie brauchte. Wabernde Dunkelheit, die ihn umhüllte wie Nebel, seinen Schritt dämpfte und ihn beinahe unsichtbar machte. Geduckt und auf leisen Sohlen huschte Sevaron zum Haus, auf die Terrasse, zur Tür, während er schon das kleine Bündel Diebeshaken aus der Gürteltasche zerrte. Er zwang sich, langsam und ruhig zu atmen und nicht auf die Geräusche hinter sich zu hören – leises Fauchen, Grollen und Fiepen, etwas, das entfernt nach einem Mauzen klang, falls Berglöwen denn zu einer solchen Lautäußerung fähig waren.
Das Schloss erwies sich als kniffliger als erhofft. Sevaron spürte Schweiß auf der Stirn, während er im Schlüsselloch herumstocherte und stumm, aber leidenschaftlich fluchte. Irgendwann würden die Leibwächter des Hausbewohners ganz sicher das merkwürdige Verhalten der Katzen bemerken. Bis dahin sollte er tunlichst wieder auf der anderen Seite der Tür sein.
Bei Benrias Eiern, worauf habe ich mich bloß eingelassen?
Endlich, ein erlösendes Klicken, und die Tür gab nach, als der Gott der Diebe offensichtlich sein Stoßgebet erhörte. Sevaron zog seine Schatten um sich, schlüpfte durch den Spalt und zog die Tür, die sich als erfreulich gut geölt erwies, hinter sich wieder zu. Er erlaubte sich ein leises Aufatmen und blickte sich um. Zugleich lauschte er auf weitere Geräusche aus dem Garten und der sich an das Lesezimmer anschließenden Bibliothek, doch er vernahm nur seinen eigenen Herzschlag.
Unter der Verbindungstür zur Bibliothek schimmerte ein dünner Lichtschein hervor. Jemand schien sich dort zu bewegen. Sevaron biss die Zähne zusammen. Mist. Wenn das verdammte Ding nicht hier ist, sitze ich fest, bis der Kerl schlafen geht. Und die Minze würde irgendwann ihren Reiz für die Katzen verlieren.
Was gab es hier? Das Übliche: einen Lesesessel mit einem unförmigen Kissen darin, ein Beistelltischchen, eine Anrichte mit Glaskaraffen, Gläsern und einem angeschnittenen Kuchen unter einer Glashaube, einen Kamin mit abgedeckter Glut, die noch Wärme ausstrahlte. Ein Regal voller Bücher, auf dem Boden ein dicker Webteppich. Ein Fell vor dem Kamin, das Sevarons Gedanken in unzüchtige Richtungen gelenkt hätte, wäre er nicht so angespannt gewesen. Kein weiterer Berglöwe, das war gut. Allerdings auch nicht das kleine schwarze Kästchen mit den rot schimmernden Runen darauf, das der Puppenspieler ihm beschrieben hatte und in dem sich das wahre Objekt seiner Begierde befand – eine kleine Onyxstatue mit Adern aus feuerrotem Opal. Wenn ich so ein Kästchen wäre, wo würde ich mich verstecken?
Wie schon so oft, wenn er für den Puppenspieler an Orte gegangen war, an denen er definitiv nichts verloren hatte, dankte Sevaron seinen unbekannten Ahnen, die ihm diese unendlich nützliche Gabe vererbt hatten, nachtsehende Augen zu besitzen. Er entdeckte die Schatulle im Bücherregal, unscheinbar trotz der roten Runen, und mit einem winzigen Schloss versehen. Die Versuchung, sie einfach zu greifen und damit zu türmen, war groß, vor allem, weil sie tatsächlich schwer in Sevarons Händen wog, schwer genug, um eine kleine Statue aus Edelstein zu hüten. Dennoch, er musste sich vergewissern, dass der Onyx wirklich darin war.
Verschlossen, natürlich. Ein Kästchen aus Holz, schwarz lackiert und glatt wie Glas. Das winzige Schloss schimmerte silbrig. Auf eine seltsame Art fühlte es sich angenehm an. Durch seine dünnen Lederhandschuhe spürte Sevaron etwas wie ein sanftes Summen, das von dem Ding ausging. Ein Ton, den er nicht hören, aber spüren konnte wie ein aufgeregtes Flattern in der Magengrube.
Vorsichtig setzte er die Schatulle wieder auf dem Regalbrett ab und zog seine Diebeshaken hervor. Sacht schob er den Allerkleinsten in das zierliche Schloss und tastete mit der Spitze darin herum. Leises Klicken, dann sprang der Deckel so unvermittelt auf, dass Sevaron scharf einatmete und sich zusammenreißen musste, um nicht einen Satz nach hinten zu springen.
Er erstarrte, lauschte, blickte sich um – nichts. Aus der Bibliothek drang nach wie vor kein Laut, auch im Garten regte sich nichts. Sevaron nahm das Kästchen wieder an sich und sah hinein.
Und wünschte sich im selben Augenblick, er hätte es nicht getan. Denn das, was da auf dunklem Samt ruhte, sah ihn an.
In der Schatulle saß eine aus sternendurchdrungener Nacht geschnittene Frauenfigur, durchzogen von rotschimmernden Adern, als sei Lava darin gefangen. Feueropal stellte Sevarons Verstand fest, während alles in ihm, was fühlte, diese kleine Figur in den Händen bergen und nie wieder loslassen und sie zugleich weit von sich schleudern wollte. Etwas an diesem Ding fühlte sich so vertraut an, erinnerte ihn an etwas, das nur noch als vages Gefühl irgendwo ganz tief auf dem Grund seiner Seele unter Schichten aus Vergessen kauerte.
Sevaron glaubte zu spüren, wie seine Brust sich zusammenzog. Mit zitternden Fingern berührte er die schimmernden Opaladern. Der Stein war warm und vibrierte ganz sacht. Er fühlte sich beinahe lebendig an. Etwas wie eine feste Umarmung – oder war es Zupacken, ein Festhalten? - legte sich um Sevaron, als seine magischen Schatten sich um ihn herum zusammenzogen und …
Etwas fauchte, ein wildes Grollen folgte, und das etwas stürzte sich mit Hunderten scharfer Messer auf Sevaron. Irgendwo polterte dumpf etwas zu Boden, Sevaron spürte, wie sich etwas Warmes, Haariges gegen seine Beine warf und scharfe Krallen durch das dünne Leder seiner Kleidung bohrte.
»Firsa! Was ist hier los?« Gleichzeitig mit der sonoren Stimme drang ein Lichtkegel in das kleine Lesezimmer.
Sevaron wirbelte herum, die Schatulle mit der Figur entglitt seinen Händen, als das fauchende, krallende Ding sich auf seinen Arm stürzte und herzhaft zubiss.
Seine Schatten huschten davon wie Ratten im Schein einer Fackel, und Sevaron stand einfach nur da, fror mit einem Mal erbärmlich und blinzelte auf die hochgewachsene Gestalt im Türrahmen, von der er im Gegenlicht nur Umrisse erkennen konnte.
»Was bei allen Göttern …?« stieß der Mann hervor, hob die Laterne und starrte ganz offensichtlich. »Das kann doch nicht … Sevaron, bist du …? Firsa, zurück!«
Was? Sevaron wollte aufatmen, als der pelzige Dämon von seinem Arm abließ, doch seine Kehle war eng, er zitterte immer noch. Die Stimme. Ich kenne die Stimme. Das kann nicht sein, doch nicht er! Unmöglich!
Sein Blick flog zwischen dem Mann in der offenen Tür und dem Fenster hin und her. Fliehen? Bleiben? Er blinzelte.
Der Kerl streckte die Hand aus. »Sev? Bist du es wirklich? Wir können über alles reden! Wirklich, alles. Nur lauf nicht weg!«
Lauf nicht weg, lauf nicht wieder weg! »Nein!« Sevaron wirbelte herum, warf das Beistelltischchen zwischen sich und den großen Kerl, dessen Stimme ihm so verdammt vertraut erschien. Mit der Schulter voran warf er sich in die Glastür. Holz und dünne Scheiben splitterten, hinter sich hörte Sevaron einen saftigen Fluch, und dann dieses Wort, das kein Einbrecher gern hörte: »Wachen!« Er rannte.
Es war doch gar nicht so weit bis zum Zaun, und das Seil hing noch da, er würde einfach hinüberfliegen und in den Straßen untertauchen, erst einmal weg. Sollte der Puppenspieler doch jemand anderen schicken, wenn ihm diese kleine Statue so wichtig war!
Schritte hinter ihm, Rufe, das rasche Tappen weicher Pfoten auf Gras, in Blumenbeeten und auf diesem verfluchten Kies, auf dem er rutschte und schlitterte, beinahe stürzte. Sevaron keuchte, fing sich und rannte. Da war der Zaun. Sevaron duckte sich instinktiv, als ihm etwas um die Ohren zischte, klein und verdammt schnell. Es bohrte sich neben ihm in den Rasen. Ein Bolzen?
Sevaron schlug einen Haken, noch einen. Da, der Zaun, ganz nahe! Noch ein Bolzen, so nah, dass er den Lufthauch an der Wange spürte. Scheiße, wer schießt so verdammt gut im Dunkeln? Und wo waren seine Schatten? Und warum war ihm noch immer so unendlich kalt?
Scharfer Schmerz zuckte durch seinen Oberarm, als eines der verflixten Geschosse ihn streifte. Er stolperte, prallte gegen den Zaun, etwas Weiches streifte sein Gesicht. Das Seil. Er packte es mit beiden Händen, sprang, stemmte die Füße gegen den Zaun und zog sich hoch, Hand über Hand über … mit einem Mal verließ ihn alle Kraft im linken Arm. Kurz noch klammerte er sich an das Seil, suchte mit den Füßen Halt und glitt an den glatten Gitterstäben des Zauns ab. Vor seinen Augen tanzten Sterne in samtschwarzer, rot geäderter Nacht. Genau wie in dem Feueropal. Den er fallen gelassen hatte.
Verdammt.
Was geschieht hier? Was geschieht mit mir?
Das taube Gefühl in seiner Hand verwandelte sich in sengenden Schmerz, der von seinen Fingern direkt in seine Brust schoss.
Sevaron schrie auf.
Alles wurde dunkel.
Einen Augenblick stand Kaldan da wie gelähmt, die Hand nach dem Mann ausgestreckt, der da vor ihm stand, die Schatulle mit der Feueropal-Göttin in den Händen und ebenso erstarrt wie Kaldan selbst. Kaldan hatte ihn eine Ewigkeit nicht gesehen, und dennoch sofort gewusst, wen er vor sich hatte.
Zu nah waren sie einander damals gewesen – und nun wirbelten seine Gedanken durcheinander, kamen sich mit Erinnerungen an andere Zeiten ins Gehege und sorgten dafür, dass er einfach nur dastand und sein ganz sicher ebenso verwirrtes Gegenüber anstarrte.
»Sevaron? Sev, bist du …?« Er ist es, bei allen Göttern, das ist wirklich Sevaron! »Lauf nicht weg, wir können über alles reden!« Alles. Wirklich. Alles. Darüber, was damals geschehen ist, und über das hier. »Sev?« Kaldan ärgerte sich, dass seine Stimme zitterte und den Hauch eines flehenden Untertones trug. Sein Magen zog sich zusammen. Er wollte sich auf diesen verdammten Mistkerl stürzen, ihn schütteln und ohrfeigen – und zugleich wollte er ihn in seine Arme reißen und nie wieder loslassen.
Sevaron war hier. Und er sollte verdammt noch mal bleiben! Kaldan hörte Sevarons schnellen, flachen Atem. Sah, wie um ihn herum feine Schattenfäden waberten, die sich wie dünne Tentakel in alle Richtungen wanden und sich dort zu ballen schienen, wo Sevaron mit beiden Händen die Schatulle umklammert hielt. »Sev, bitte …«
Sevaron spannte alle Muskeln. Einen Atemzug lang verharrte er wie ein in die Enge getriebenes Tier, leise zitternd – und dann wirbelte er herum, brach wie eine Naturgewalt durch die Glastür und stürmte in den Garten. Etwas polterte zu Boden, Sevaron war verschwunden.
Verdammter Mist! »Wachen!« Kaldan brüllte durch das Loch in der Tür in den Garten. Nur Augenblicke später vernahm er die schnellen Schritte seiner Männer, das Geräusch abgefeuerter Armbrüste. Er hastete hinaus, spürte Glassplitter und gebrochenes Holz unter seinen Füßen. Blinzelnd versuchte er, im Mondlicht etwas zu erkennen, und fluchte stumm. Er hatte Sevaron schon immer um seine hervorragende Nachtsicht beneidet. Wo war der verdammte Misthund hin? Hatte er es geschafft abzuhauen? Kaldan kniff die Augen zusammen. Da, Richtung Zaun. Ein Schrei gellte durch die Nacht, es folgte ein dumpfer Aufprall, und dann war mit einem Mal alles ruhig.
Kaldan hielt den Atem an und schluckte hart. Vorsichtig suchte er seinen Weg von der Terrasse in den Garten, wo ihm bereits einer seiner Männer mit einem Leuchtkiesel in der Hand entgegentrat und sich zackig verneigte. »Herr, wir haben ihn. Ich lasse die Nachtpatrouille rufen, dann können sie …«
»Nein.« Kaldan hob eine Hand und unterdrückte ein Aufatmen. »Nein, nicht die Stadtwache. Ich will ihn sehen.«
Der Mann nickte und geleitete Kaldan zu der Stelle, an der der Einbrecher, den er für seinen ehemals besten Freund aus Jugendtagen hielt, zu Boden gegangen war. Neben ihm saßen Brin und Mirr, seine beiden sonst so zuverlässigen samtpfotigen Unterstützer der Nachtwache. Die beiden mächtigen Kater blinzelten ihn an und sahen aus, als hätte sie jemand unsanft aus dem Schlaf gerissen. Brin hing sogar die Zunge aus dem leicht geöffneten Maul, und er stank verdächtig nach Kräutern. Wie unwürdig das aussah!
Einer der Wachleute drehte Sevaron nicht gerade sanft mit dem Fuß auf den Rücken und strahlte ihm mit einem Leuchtkiesel ins Gesicht.
»Vorsichtig!« Kaldan schob sich zwischen seinen Wachen und den Katern hindurch und ging neben seinem ungebetenen Gast in die Knie. Ein blutender Kratzer zog sich über seine rechte Schläfe, der Ärmel seines hautengen schwarzen Lederhemdes war am linken Oberarm zerrissen. Das Leder glänzte feucht. Im Schein der Leuchtkiesel schimmerte das schmale Gesicht geisterhaft blass. Sogar die leicht geöffneten Lippen wirkten blutleer.
Kaldan spürte einen Schauer über seinen Rücken rieseln, als erneut Erinnerungen aufwallten. Er hatte dieses Gesicht berührt, so viele Male. Die Hände durch das sanft gewellte rotbraune Haar geführt, das Sevaron schon damals in einen festen Pferdeschwanz zurückgebunden hatte, wann immer er einen Auftrag gehabt hatte.
Kaldan atmete tief und zitternd ein. Er hatte diese Lippen geküsst, die sich nachgiebig und weich unter seinen geöffnet hatten. Der Gedanke an Sevarons freche Zunge ließ ihn erneut erschauern.
»Herr?«, fragte einer der Männer, »ist alles in Ordnung?«
Kaldan zwang sich zu einem Nicken und richtete sich auf. »Doran, bitte hole Naldo aus dem Bett. Er soll das Gästequartier herrichten.« Er deutete auf Sevaron. »Rito, Bergar, vergewissert euch, dass er keine gebrochenen Knochen hat, dann tragt ihr ihn ins Haus. Auf den Sessel im Lesezimmer erst einmal. Erdme, die Terrassentür wurde zerstört, als er flüchtete, sorg dafür, dass sie erst einmal notdürftig verrammelt wird, und hol mir morgen früh einen Zimmermann her. Und sieh dir Brin und Mirr an. Die beiden haben noch nie einen Eindringling durchgelassen. Vielleicht hat er sie mit irgendetwas betäubt. Ich möchte nicht, dass es auch noch Rauru und Gruma erwischt, also such den Garten ab.« Er wollte nicht glauben, dass Sevaron seine Katzen vergiftet hatte. Sein alter Freund hatte Tiere immer gerngehabt. Kaldan hatte ihm damals schon zugetraut, einen Mord zu begehen, doch niemals an einem Tier. Er strich über die breiten Köpfe der mächtigen Kater, die ihm träge zublinzelten und leise schnurrten.
In Dorans Gesicht zuckte ein Muskel, doch er schwieg, als Kaldan ihn einmal scharf musterte, nickte und entschwand Richtung Haus. Rito und Bergar beugten sich über Sevarons reglosen Körper, tasteten seine Gliedmaßen ab. Rito untersuchte behutsam seinen Kopf, nickte, und sie fassten ihn an Schultern und Füßen, um ihn ins Haus zu tragen.
»Bist du sicher, Herr? Du holst einen Mann in dein Haus, der dich bestehlen wollte, wenn nicht gar noch mehr!« Erdme warf einen vielsagenden Blick auf das Seil, das vom Zaun herunterbaumelte, und die wie eine zweite Haut Sevarons schmalen Körper umschmeichelnde Lederkluft mit den Taschen am Gürtel. Kaldan war sicher, dass in den Stiefelschäften kleine, gemeine Messer steckten. Und wahrscheinlich nicht nur dort.
»Deine Besorgnis ehrt dich«, gab er mit einem gezwungenen Lächeln zurück. »Doch lass das meine Sorge sein. Und kein Wort zu niemandem, schärf das auch den anderen ein. Dieser Mann ist nicht hier. Ihr habt ihn nicht gesehen, ihr habt ihn nicht aufgehalten, und falls sich morgen jemand nach einem eventuellen Aufruhr oder Lärm erkundigt, dann war das ich, der ich mich ungeschickt bewegt habe und in die Tür gestürzt bin.« Er bohrte seinen Blick in Erdmes. »Ist das klar, Hauptmann?«
Erdme schien die Zähne zusammenzubeißen, doch sie nickte. »Sonnenklar, Herr. Ich kümmere mich umgehend um die Tür und sorge für den Zimmermann.«
»Danke.« Kaldan winkte Rito und Bergar, die ihre bewusstlose Last zur Terrasse schleppten und sich dort vorsichtig durch die Reste der Tür schoben. Sie warteten, bis Kaldan das Kaminfeuer angefacht und eine Lampe entzündet hatte, dann luden sie Sevaron im Sessel ab und wichen dabei Firsa aus, die mit einem Satz aus dem Nichts auftauchte und auf der Rückenlehne landete.
Kaldan nickte ihnen zu. »Geht und kümmert euch um Mirr und Brin und kehrt auf eure Posten zurück. Ihr habt gehört, was ich Erdme gesagt habe?«
»Kein Wort zu niemandem«, gab Rito zurück, und Bergar ergänzte: »Und das mit der Tür, das warst du, Herr.«
»Gut so. Berichtet mir morgen, ob ihr weitere Auffälligkeiten findet. Vielleicht war er nicht allein. Und jetzt raus mit euch! Und bevor ihr noch einmal nachhakt: Ja. Ich bin sicher.«
Die beiden salutierten und schlängelten sich durch die Türöffnung, bevor Erdme mit Holzlatten und einem Hammer zurückkehren und alles verrammeln würde.
Kaldan war allein.
Mit Sevaron, der reglos und wie eine Lumpenpuppe in seinem Ohrensessel hing und von Firsa eingehend aus schmalen Augen beobachtet wurde.
Kaldan holte tief Luft, streckte die Hand aus und kraulte der jungen Seidenkatze das dichte Fell. Ihr hatte er es zu verdanken, dass er überhaupt auf den Eindringling aufmerksam geworden war. Firsa schnurrte und drückte ihm den golden gestromten Kopf in die Hand. Dann sprang sie von der Rücken- auf die Armlehne des Sessels und tappte von dort aus behutsam auf Sevarons Brust. Sie schnurrte wie ein Brummkreisel.
»Nein, Hübsche. Lass ihn atmen.« Sanft hob Kaldan die Katze hoch und setzte sie ab. Draußen entfernten sich seine Wachen auf der Suche nach einem Komplizen, den Sevaron ganz sicher nicht gehabt hatte. Der Mann war ein Einzelgänger. Es hatte nur eine Ausnahme gegeben. Eine Einzige. Kaldan schlang die Arme um seinen Oberkörper, als ihm unvermittelt kalt wurde. Verdammte Erinnerungen.
Sevaron gab noch immer keinen Laut von sich. Nur am matten und ein wenig zu schnellen Heben und Senken seiner Brust erkannte Kaldan, dass er überhaupt atmete. Feine Schweißtropfen schimmerten auf seiner Stirn. Unter den geschlossenen Augen erkannte Kaldan tiefe Schatten. Er runzelte die Stirn. Was auch immer Sevaron in den vergangenen Jahren getrieben hatte, anscheinend hatte das Leben es nicht unbedingt gut mit ihm gemeint.
Kaldan schüttelte den Kopf und sah sich im Zimmer um, in das noch immer das Licht aus der Bibliothek sickerte. Sein Blick fiel auf die Schatulle, die Sevaron fallen gelassen hatte. Die kleine Onyx-Göttin, in die Kaldan sich auf dem Trödelmarkt vor einigen Tagen im Bruchteil eines Augenblicks verliebt hatte, war herausgerollt, lag aber allem Anschein nach unversehrt auf dem Teppich. Er barg sie, schob sie in die Schatulle zurück und stellte diese auf dem Tischchen neben dem Sessel ab. Die Figur hatte durchaus einen gewissen Wert, würde sich aber nur schwierig an einen Hehler verkaufen lassen. Dazu war sie zu auffällig. »Warum gerade sie, Sev?« Und für wen arbeitest du, dass du noch hier in Pirrian bist? Oder … wieder? Oder …
Er bekam keine Antwort. Natürlich nicht. Das Schlafgift, das seine Wache für ihre Armbrüste benutzte, wirkte mehrere Stunden lang, wenn es einen mittelgroßen Menschen erwischte. Bei jemandem, der so klein und schmal wie Sevaron war, würde es sicherlich noch länger dauern, bis er wieder zu sich kam.
Leises Klopfen an der Tür ließ Kaldan aufhorchen. Naldo steckte den Kopf ins Zimmer. »Herr, das Gästequartier ist bereit, wie du gewünscht hast.« Der Diener ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen, bedachte erst die zerstörte Tür, dann die zierliche Gestalt im Sessel mit einer hochgezogenen Braue, schwieg aber.
»Danke, Naldo. Ich bitte um Entschuldigung, dich um deine Nachtruhe gebracht zu haben. Bring mir noch eine Kanne frisches Wasser hinauf, einen Becher Wein für mich, fülle die Waschschüssel und hole Verbandszeug. Dann geh wieder schlafen.«
Naldo neigte leicht den Kopf und trat an den Sessel heran.
»Nein, schon gut. Öffne mir nur die Türen. Ich werde ihn tragen. Bewahre unbedingt Stillschweigen über seine Anwesenheit.«
»Wie du wünschst, Herr.«
Kaldan schob die Arme unter Sevarons Körper und hob ihn hoch. »Firsa, komm. Naldo, bitte nimm die Schatulle dort mit.«
Die Katze heftete sich an Kaldans Fersen, während er Sevaron trug und Naldo ihm die Türen öffnete. Hinter sich vernahm er leises Knarren und Klopfen, als Erdme ihre Arbeit an der Tür begann.
Sevarons Kopf sank schwer an Kaldans Schulter, als er ihn in seine Arme zog. Ein Duft, den er lange vergessen zu haben glaubte, flutete Kaldans Nase und entzündete ein Feuer in ihm. Sandelholz, frischer Schweiß, ein Hauch Süße. Sevarons Duft, in dem er damals hatte ertrinken wollen. Immer wieder. Kaldan biss die Zähne zusammen, zwang sich dazu, diesen Duft nicht zu tief einzuatmen. Das war sieben Jahre her, und er würde es ganz gewiss nicht von Neuem beginnen lassen. Es gab nur einen einzigen Grund, aus dem er Sevaron jetzt schützte. Und der hatte nichts mit diesem wilden Duft zu tun, der Kaldan an unanständige Dinge denken ließ. Sondern mit Schuld.
Das Gästezimmer war gelüftet, das Bett aufgeschüttelt und mit frischen Laken versehen. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, auf der Kommode neben dem Bett flackerte eine Kerze in einem Messingleuchter. Eine Öllampe auf einer Anrichte spendete zusätzlich mildes Licht und verbreitete frisches Lavendelaroma. Naldo entfernte sich lautlos, nachdem er Kaldan die Tür geöffnet hatte, um kurz darauf noch einmal mit Wasser, Verbandszeug und Wein zurückzukehren und danach endgültig zu verschwinden.
Kaldan hatte Sevaron auf dem Bett abgelegt und streifte ihm nun die Stiefel ab, die aus demselben seidenweichen und doch festen Leder gearbeitet waren, aus dem auch seine ganze Kluft bestand. Hemd und Hosen schienen ihm auf den Leib geschneidert und mit raffinierten Schnürungen und Riemen so geschickt gearbeitet, dass er sie sicherlich ohne Hilfe anlegen und auch wieder ausziehen konnte und das Leder sich doch eng an seinen Körper schmiegte. Sev hatte schon damals gern Schwarz getragen. Leder und Leinen, praktische Materialien, aber Kaldan wusste, dass er sich immer nach dem Gefühl von Seide auf der Haut gesehnt hatte.
Die Erinnerung an ein von einer Wäscheleine geborgtes Seidenhemd und die Dinge, die sie damit getan hatten, trieb Kaldan Hitze in die Wangen. Verschwommen tauchten Bilder auf - von Sevaron, der sich nackt auf einem kargen Lager wand, während Kaldan ihm unendlich langsam die weiche Seide über den Körper zog. Wir waren noch so jung. Und wir waren beide einsam.
Was mit zögerlichem Ausprobieren und Neugier begonnen hatte, war so schnell mehr geworden, als sie erkannt hatten, dass sie beide kein Interesse dieser Art an den Mädchen in der Puppentruppe hatten.
Kaldan schluckte hart, zögerte einen Augenblick, dann begann er, Sevaron aus seiner zweiten Haut zu schälen, und versuchte, dabei nicht an diese Nacht mit dem verdammten Seidenhemd zu denken. Nicht die glatte, helle Haut zu sehen oder die dünnen Narben, die ihm hier und da auffielen. Es waren so viele. Alle fein und silbrig, jede Wunde musste hervorragend versorgt worden sein, aber wo kamen sie her? Kaldan ertappte sich dabei, dass er doch die eine oder andere mit der Fingerspitze nachzog. Warme Haut unter seiner Hand, die leise zuckte, wann immer er eine der dünnen Narben berührte. Warm, weich und so glatt und sehnige Muskeln darunter. Eine Brust wie aus Marmor gemeißelt. Kaldan biss sich auf die Lippen.
Sevaron wirkte noch immer genauso anziehend auf ihn wie vor diesen sieben Jahren – jetzt, da sie keine Jungspunde mehr waren, sondern ausgewachsene Mannsbilder, vielleicht noch mehr.
Als er tatsächlich zierliche Dolche in jedem Stiefelschaft und weitere in eng anliegenden Armscheiden entdeckte, musste Kaldan unwillkürlich leise lachen. Manche Dinge änderten sich wohl nie. Schon damals hatte Sevaron es verstanden, an den unmöglichsten Stellen seiner Kleidung diese Messerchen zu verstecken, die er im passenden Augenblick so zielsicher zu werfen verstand.
Kaldan vergewisserte sich, dass sein unfreiwilliger Gast wirklich keine gebrochenen Knochen aufwies, versorgte die immer noch blutenden Kratzer und tupfte ihm den Schweiß von der Stirn. Zuletzt breitete er eine weiche Wolldecke über ihn und zog sich einen Sessel ans Bett, auf dessen Fußende Firsa es sich gemütlich machte.
Noch einmal betrachtete Kaldan ausgiebig Sevarons Gesicht, suchte nach weiteren Narben und atmete auf, als er keine fand. Sicherlich, sie waren beide älter geworden, doch eines hatte sich nicht verändert: Während Kaldan selbst inzwischen einen sauber gestutzten kurzen Vollbart trug, auf dessen Pflege er täglich viel Zeit aufwendete, waren Sevarons Wangen noch immer haarlos wie die eines Jungen. Und doch war sein Gesicht mit den markanten hohen Wangenknochen, den sinnlichen Lippen und den an den Schläfen leicht aufwärtsstrebenden Brauen unverkennbar das eines Mannes. Eines Mannes mit anbetungswürdigen Schlüsselbeinen, geradezu verboten seidigem Haar und spitzen Elfenohren, die, wie er immer beteuert hatte, ein Erbe seiner Mutter waren.
Waldgeist hatte Kaldan ihn damals genannt. Sie hatten darüber gelacht, hatten sich gegenseitig gefoppt und veralbert, und meist hatten diese Spielchen immer dasselbe Ende gefunden: in einem Bett, auf einem Fell, im Stroh oder in einem Kleiderschrank, mit hungrigen Küssen und fahrigen Händen auf heißer Haut.
Kaldan schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen daran zu vertreiben, wie hungrig Sevaron damals nach Berührungen gewesen war. Er zog die Decke ein wenig höher, um diese zarten Schlüsselbeine zu bedecken, und angelte nach Sevarons Gürteltasche. Nacheinander fischte er ein Bündel unterschiedlicher Diebeshaken, einen nach Balsamminze riechenden Stofflappen und ein kleines in Wachspapier gewickeltes Päckchen hervor. Den Stofflappen stopfte er sofort in die Tasche zurück, bevor er Firsas Aufmerksamkeit erregte. So hat er also die Katzen von sich abgelenkt. Kein Wunder, dass sie aussahen, als hätten sie Rauschkraut gefressen. Er betrachtete den Satz Diebeshaken. Sie waren fein gearbeitet, aus gutem Stahl und mit einer dünnen Lederhülle umgeben, damit sie beim Hervorholen nicht klirrten. Werkzeug für einen Meisterdieb. Hast du es so weit gebracht, alter Freund? Ist es das, was du aus deinem Leben machen wolltest? Kaldan schob auch die Einbrecherwerkzeuge wieder in die Tasche zurück und wandte sich dem kleinen Päckchen zu. Ein scharfer Kräuterduft, begleitet von einer darunterliegenden, schweren Süße stieg ihm in die Nase, als er es vorsichtig öffnete und eine Handvoll halb getrockneter ledriger Blätter freilegte. Kaldan musste beinahe würgen, als der merkwürdige Geruch sich in seinem Rachen festzusetzen schien.
Widerlich.
Er runzelte die Stirn, hob eines der Blätter ins Licht und erkannte einen feinen violetten Flaum auf der Oberseite, die sich dadurch weich wie eine Katzenpfote anfühlte.
Er kannte dieses Kraut.
Und er verband ganz und gar keine guten Erinnerungen mit ihm.
Was verdammt noch mal hast du mit diesem Mistzeug zu schaffen, Sev?
Angewidert legte Kaldan das Blatt zurück und faltete das Päckchen wieder zusammen. Einen Augenblick lang fühlte er sich versucht, es einfach in den Kamin zu werfen, doch dann schob er es entschlossen in die Gürteltasche zurück, schnürte sie zu und legte sie zu Sevarons Kleidung.
Nicht über seinen Kopf hinweg entscheiden. Was, wenn er es nur für jemand anderen bei sich trägt? Vielleicht nimmt er es gar nicht. Und warum mache ich mir darüber überhaupt Sorgen? Sobald er wach ist, wird er mir erklären, was er hier wollte. Ich werde ihm erklären, wie ich dazu stehe, dass er bei mir eingestiegen ist, wir schaffen diesen fetten alten Drachen zwischen uns aus der Welt, und dann gehen wir unserer Wege. Soll er tun, was auch immer er nun tut, und ich … werde weiterhin tun, was ich tue. Ich kann nur hoffen, dass er mir diesmal wenigstens zuhört und nicht gleich wieder wutentbrannt abhaut.
Kaldan griff nach dem Becher, den Naldo auf der Kommode platziert hatte, und nippte nachdenklich daran. Er schmeckte den Wein, fruchtige Schwere mit einem Hauch Vanille auf seiner Zunge. Zu wirklich für einen Traum. Um ganz sicherzugehen, zwickte er sich in die Hand und verzog das Gesicht, als er den Schmerz fühlte. Er schlief nicht, er konnte also auch nicht erwachen, und als er die Augen fest schloss und nach drei tiefen Atemzügen wieder öffnete, war Sevaron immer noch da. Das schwarze Leder hing noch immer über dem Fußende des Bettes, und er hörte Sevaron atmen und in seinem erzwungenen Schlaf leise stöhnen.
Kaldan nahm noch einen Schluck Wein, stellte den Becher beiseite und griff nach der Schatulle, die Naldo auf der Kommode abgestellt hatte. Er warf einen Blick hinein, vergewisserte sich, dass die kleine Onyxfigur unversehrt war, und schloss sie wieder. Dann öffnete er eine nach der anderen die Schubladen der Kommode. Er konnte nur warten, bis Sevaron wieder aufwachte, und er hatte nicht vor, sich dabei zu Tode zu langweilen oder sich von seinen verflixten Gedanken immer wieder in die Vergangenheit und viel zu vielen was wäre wenn hinabziehen zu lassen. Damals lag hinter ihm, hinter ihnen beiden, und es war nun einmal die herausragendste Eigenschaft der Vergangenheit, dass es keinen Sinn ergab, sich zu fragen, wie es heute sein könnte zwischen ihm und diesem unglaublichen, wunderschönen, scharfsinnigen und abenteuerlustigen Mann, wenn es damals anders gewesen wäre.
War es aber nicht, du Träumer.
Kaldan hatte in einer der Schubladen ein abgegriffenes Buch erspäht, das er nun hervorzog und mit einem Lächeln aufschlug. Eine Sammlung alter Märchen, die er schon so oft gelesen hatte, dass er sie irgendwann hier im Gästezimmer für möglichen Übernachtungsbesuch hinterlegt hatte. Jetzt fand er Ruhe in den vertrauten Geschichten und den bekannten Worten. Und er wusste, falls Sevaron ihn fragen würde, was er an seinem neuen Leben am meisten liebte, dann würde er ihm dieses Eine sagen: dass ich gelernt habe zu lesen.
Sevaron, da war er sicher, würde den Kopf in den Nacken werfen und lachen.
Warm. Weich. Gemütlich.
Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal in einem so sauber duftenden, weichen Bett gelegen hatte. Auf einer Matratze, die mit Rosshaar gestopft war und nicht aus einem muffigen Strohsack bestand, aus dem überall die Halme herausstachen und ihm in die Haut pikten.
Auch die Decken und Laken waren weich und schmiegten sich warm an seine nackte Haut. Sevaron seufzte leise und kuschelte sich tiefer in Wolle und duftende Daunenkissen. Zuweilen hatte es doch Vorteile, über ein Aussehen zu verfügen, das viele Menschen, vor allem Menschenmänner als attraktiv bezeichnen würden und das ihm schon die eine oder andere Nacht in den Armen und seidenen Decken irgendeines reichen Schnösels verschafft hatte. Sevaron wusste, dass er bald würde gehen müssen, wenn er sich noch ein wenig die Taschen mit hübschem Geschmeide und ein paar goldenen Löffeln vollstopfen wollte, bevor er leise wie ein Windhauch durch das Fenster verschwand.
Oder eben eine Figur aus Onyx und Feueropal, die ein kleines Vermögen wert sein musste und auf die der Puppenspieler so begierig war, dass …
Sevaron zuckte zusammen.
Die Statue.
Diese verfluchte Katze.
Kaldan!
Er schnappte nach Luft, riss die Augen auf, schob die Decken von sich und richtete sich auf.
Der Raum um ihn begann, sich zu drehen, ihm wurde schlecht. »Verdammt!«
Jemand fasste ihn an den Schultern und ließ ihn vorsichtig auf das Bett zurücksinken. »Das kann man wohl sagen«, gab eine sanftdunkle Stimme zurück. Sie schlug Saiten in Sevarons Körper an, deren Schwingungen er viel zu lange nicht gespürt hatte. Blinzelnd öffnete er die Augen wieder.
Über ihm schwebte ein Gesicht, verschwommen, dann immer deutlicher. Eines, das er hatte vergessen wollen und doch nie vergessen hatte. Diese unglaublichen blauen Augen.
»Scheiße.« Er wand sich aus dem festen Griff und rollte sich auf die Seite. Weg von diesem Geist der Vergangenheit. Warum musste ausgerechnet Kaldan in diesem Haus wohnen?
Ein Kunstsammler, den einer seiner Spione auf dem letzten Tempeltrödelmarkt beobachtet hatte, das waren die Worte des Puppenspielers gewesen, als Sevaron ihn nach dem Hausherrn der hübschen Villa gefragt hatte. Namen waren nie wichtig – nur die Dinge, die er beschaffen sollte. Warum gerade Kaldan? Weil er das hat, was du dem Spieler bringen sollst, du Meisterdieb. Und du solltest zusehen, dass du schnell von hier verschwindest, bevor er noch auf die Idee kommt, von früher zu sprechen. Danke, kein Bedarf.
»Ich habe dich auch vermisst, Sevaron Vigar.«
Sevaron blieb mit dem Rücken zu Kaldan liegen und antwortete nicht. Zum einen, weil er nicht wusste, was er hätte sagen sollen. Hatte er es sich nur eingebildet, oder schwang da eben tatsächlich ein leicht wehmütiger Unterton in Kaldans Stimme? Zum anderen, weil ihm immer noch schlecht war und jetzt auch noch ein dumpfer Schmerz hinter seinen Schläfen zu pochen begann und seine Brust eng wurde. Nicht auch noch das.
