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Justins Herz ist kaputt. Seine Symptome verschwinden nicht mehr – doch sie bringen ihn auch nicht um. Umgeben von ratlosen Ärzten greift Justin nach einem Strohhalm: ein Institut, das ein neues Behandlungsverfahren für unheilbare Herzrhythmusstörungen erforscht. Dort, so verspricht ihm sein neuer Arzt, soll er heilen, in einem alten viktorianischen Krankenhaus, umgeben von einem Park mit uralten Bäumen und verwilderten englischen Gärten. Der morbide Charme des Gebäudes und der Gärten zieht Justin schnell in seinen Bann, doch noch mehr weckt der Institutsleiter Elias Robinson seine Neugier. Der attraktive, in sich gekehrte Mann erweckt Gefühle in Justin, die nicht sein dürfen. Doch etwas stimmt nicht: Justin scheint der einzige Patient im Institut zu sein. Ist es möglich, dass außer ihm, Elias und dessen geheimnisvollen Assistenten niemand dort ist? Um herauszufinden, was im Healing Heart vor sich geht, muss Justin Grenzen überschreiten – die seines Körpers, die zwischen Traum und Wirklichkeit und die seines Herzens. Denn auch Elias ist in Gefahr ...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Kann Spuren von Erdnüssen enthalten!
Es gibt Inhalte, die Betroffene triggern können, das heißt, dass womöglich alte Traumata wieder an die Oberfläche geholt werden. Deswegen habe ich für diese Personen eine Liste mit möglichen Inhaltswarnungen für alle meine Romane zusammengestellt:
www.tina-alba.de/inhaltswarnungen
Zur Verbesserung der Barrierefreiheit habe ich diese Seite eingefügt, da es für ALT-Texte je nach Anbieter ein enges Zeichenlimit gibt, das keine wirklichen Bildbeschreibungen zulässt. Außerdem ist es technisch derzeit nicht möglich, einen ALT-Text für das Cover zu setzen.
Bildbeschreibung Cover:
Save my broken Heart Tina Alba. Porträt eines jungen Mannes mit kurzen, dunklen Haaren und Dreitagebart vor einem dunklen Hintergrund. Er hält ein Weinglas in der Hand und blickt direkt in die Kamera. Ein Herz mit einer EKG-Linie, das Wort Heart ist in leuchtendem Hellblau hervorgehoben.
Design des E-Books:
Keine Grafiken im Romantext.
Sonstiges:
Im Anhang sind die Cover von zwei beworbenen Büchern:
Die Gabe des Mondes von Tina Alba: Nachtblauer Gesamteindruck, vor dem Hintergrund einer Wiese mit Tannen am Rand ist der Vollmond zu sehen. Auf diesem ist ein Sichelmond mit abgehenden Strahlen in Strichzeichnung ausgeführt. Den Mond umgibt eine rüschenartige Vignette. Die Titelschrift ist in Schnörkelschrift ausgeführt.
Flammensturm von Tanja Rast: Orangefarbener Gesamteindruck mit züngelnden Flammen. Zwei Männer im Profil, die nach links gucken: der Vordere hat einen roten Bart, der Hintere ist eher angedeutet, bartlos.
Elias – London, 20. Dezember 2007
»Hey, kommst du mit zur Weihnachtsfeier?«
»Was?« Elias hob müde den Kopf und starrte Sorsha an. »Echt jetzt?«
Sorsha seufzte leise. »Fauch mich nicht an, okay? Ich dachte nur, dass dir ein bisschen Ablenkung sicher guttun würde.« Sie ließ sich neben ihm auf die Sitzbank im Pausenraum fallen und drückte sacht seine Schulter. »Das ist scheiße. Und nichts kann einen darauf vorbereiten. Aber es war nicht deine Schuld.«
»Und falls doch?« Elias ließ den Kopf hängen und starrte auf seine Hände. »Was, wenn ich doch etwas falsch gemacht habe?«
»Hast du aber nicht. Niemand macht dir einen Vorwurf. Miss Perry war alt. Sie war für den Eingriff einfach schon zu schwach.«
»Mein Kopf weiß das alles, Sor. Aber mein Bauch kann es nicht akzeptieren, mein Herz nicht. Und ich bin ganz sicher nicht in der Stimmung für eine Weihnachtsfeier.«
»Okay. Okay, verstehe. War blöd von mir, dich zu fragen. Aber …«
Elias hob den Kopf und begegnete Sorshas hilflosem Blick. »Aber was?«
»Zieh dich nicht zu sehr zurück, okay?«
Er presste die Lippen zusammen. »Ich möchte aber gerade lieber ein wenig allein sein. Ich muss damit erst mal klarkommen. Und das kann ich am besten, indem ich alles noch mal durchgehe. Mich versichere, dass …« Er schluckte. Mich versichern, dass es wirklich nicht an etwas lag, was ich getan oder nicht getan habe. Sie ist gestorben, so kurz vor Weihnachten. Sie war irgendjemandes Frau, Großmutter, Mutter, Schwester, Tante. Sie hatte Familie. Und ganz gleich, dass sie schon fast neunzig war, ihre Familie trauert. Und ich … scheiße.
»Wenn du was brauchst, dann sag es, okay?« Sorsha zog ihn unvermittelt in eine innige Umarmung.
Elias schloss die Augen ganz fest. Unter seinen Lidern brannten die Tränen, aber er konnte, wollte jetzt nicht heulen. Sorsha kratzte an seinen Mauern. Er erwiderte die Umarmung, löste sich dann sanft, aber bestimmt, und nickte. »Mach ich. Versprochen.«
»Okay.« Sorsha drückte noch einmal fest seine Schulter, dann verließ sie den Pausenraum. Auf dem Korridor sang eine Gruppe Medizinstudierende mit einem der Assistenzärzte Deck the halls with boughs of holly.
Elias wartete, bis sie weitergezogen waren, dann schlich er in das Büro, in dem er seinen Arbeitsplatz zugewiesen bekommen hatte, und zerrte alle Daten der Bypass-OP von Jenny Perry auf seinen Bildschirm. Er suchte nach seinem Fehler, bis ihm die Augen brannten und ihm schwindlig wurde.
»Elias? Was machen Sie denn noch hier?«
Jemand rüttelte ihn sacht an der Schulter. Elias blinzelte. Wo war er? Was war passiert? Und warum hatte er so höllische Kopfschmerzen?
»Hey. Langsam!«
»Dr. Carpenter?« Elias hob den Kopf und unterdrückte ein Stöhnen. Lichtblitze tanzten vor seinen Augen. »Entschuldigen Sie, ich …« Verdammt. Bin ich eingeschlafen? Er rieb sich das Gesicht.
Deborah Carpenter sah ihn ernst an. »Machen Sie Schluss und nehmen Sie sich über die Feiertage frei. Sie haben ein schlimmes Erlebnis zu verarbeiten, und ich möchte nicht, dass Sie das bis an Ihr Lebensende verfolgt.« Sie setzte sich auf den Schreibtischstuhl neben seinen und rollte näher. »Sie haben nichts falsch gemacht.«
Elias wich ihrem Blick aus. »Ich weiß. Sie war alt. Es war ein … Glücksspiel. Aber wir hätten sie retten, ihr noch eine gute Zeit ermöglichen können.«
»Ja. Und nein.« Dr. Carpenter legte sacht ihre Hand auf seine. »Ich weiß, wie schwer das ist. Ich habe in meiner Laufbahn nicht nur einen Patienten verloren. Manchmal ist es Schicksal. Machen Sie sich nicht fertig, Elias. Ich halte große Stücke auf Sie. Aber ich will ehrlich sein: Wenn Sie es nicht schaffen, das hier zu verarbeiten, sich selbst zu vergeben und Frieden damit zu schließen, dann muss ich Ihnen ernsthaft abraten, die Laufbahn, die Sie gewählt haben, weiter zu verfolgen. Wir sind Ärzte. Keine Götter. Und wir haben leider nicht die Gabe magischer Heilung.« Mit einem traurigen Lächeln deutete sie auf das Buch, das Elias auf seinen Fahrten zum Krankenhaus las. Es hing halb aus seinem Rucksack, offenbarte ein Cover in rauchigen Blautönen und den Titel Die Gabe des Mondes. Er presste die Lippen zusammen und nickte. »Ich verstehe das. Ich … okay. Ich werde nach Hause fahren.«
»Haben Sie jemanden, bei dem Sie die Feiertage verbringen können?«
»Ja. Ich bin bei einem Freund eingeladen.« Er hatte absagen wollen, aber wahrscheinlich war es doch ganz gut, nicht allein zu sein. Und Peter konnte immerhin gut zuhören. Und ihn vielleicht wirklich ein bisschen ablenken.
Justin – Montpellier, 20. Dezember 2007
Mit gerade mal siebzehn Jahren dem Tod von der Schippe gesprungen – das sollte ihm erst mal einer nachmachen! Justin lachte leise und keuchte auf, als ein ziehender Schmerz durch die Naht auf seiner Brust fuhr. Er würde eine hübsche kleine Narbe behalten, mit der er ganz sicher irgendwann mal irgendwen würde beeindrucken können. Sicherlich nicht Jean, denn der stand ja dummerweise auf Mädchen, aber … Er hatte Zeit. Er hatte sie geschenkt bekommen, so viel war klar. Und er würde diese Zeit nutzen.
Von seinem Krankenhauszimmer aus konnte er den Garten sehen. Schnee überall, irgendwelche Scherzkekse hatten sogar einen Schneemann gebaut und ihm eine dicke rote Rübennase ins Gesicht gesteckt. Wahrscheinlich hatte jemand die Rübe in der Küche geklaut. Warm in dicke Jacken verpackt drehten Leute draußen in gemächlichem Tempo ihre Runden, allein, am Arm eines Pflegers oder einer Schwester oder mit einem Rollator. Patienten lüften hatte das eine der Schwestern scherzhaft genannt. Justin fragte sich, wann er zum Auslüften und vermutlich Hintern abfrieren in den Garten geschickt wurde. Half Kältetherapie wohl bei Herzkrankheiten? Mit leisem Zweifel beobachtete er die schleichenden Gestalten und wusste ganz genau, dass er so nicht enden wollte. Alt werden – ja, bitte, gern, aber alt sein? So grau-beige-alt wie die meisten Leute hier in der teuren Herzklinik, die irgendwo zwischen Diagnose, Therapie, Pillen und Arztgesprächen vergessen hatten, wie man lebt? Nie.
Er wusste, dass er mit diesem winzig kleinen Chip in seiner Brust, der sein Herz wieder in Gang setzen würde, wenn das noch einmal passierte, eine zweite Chance bekommen hatte.
Das.
Justin verzog das Gesicht. Vorsichtig richtete er sich auf, zog die Beine an und legte die Arme um seine Knie. Es geht mir gut. Alles okay, Mamie. Ehrlich. Die Ärztin hat gesagt, ich könnte damit hundert Jahre alt werden. Ja, das war ein Weckruf, aber jetzt habe ich diese Diagnose und dieser Herzschrittmacher … ach nein. Das war kein einfacher Herzschrittmacher, das war so viel mehr. Ein Defibrillator, der sein Herz wieder in Gang setzen würde, sobald das Flimmern erneut auftrat, das zu einem lebensgefährlichen Herzstillstand führen konnte. Justin lachte leise. »Ich bin jetzt ein Cyborg«, sagte er zu dem kleinen regenbogenbunten Einhorn, das seine Mamie ihm mitgebracht hatte. »Irgendwie cool.«
Wenn da nicht das gewesen wäre.
Justin strich mit den Fingerspitzen über das kleine Plüschtier und fühlte sich seltsam beruhigt. Albern, er war viel zu alt für so ein Spielzeug, aber … ach, Mamie war einfach nur niedlich, und sie hatten beide gelacht. Er hatte es nicht über sich gebracht, ihr von dem zu erzählen. Diesem irren Traum, den er gehabt hatte, als er auf Professeur Mireille Martins OP-Tisch gelegen hatte. Eine Not-OP. Schon praktisch, wenn man halb tot in der Klinik landet, das erspart einem diese ganzen Formulare. Na ja. Da er noch nicht volljährig war, hatte ohnehin Mamie alles unterschreiben müssen. Er hatte sie erst nach der OP gelesen. Da stand was von Nebenwirkungen durch die Narkose. Amnesie und so ein Zeug, Übelkeit, Awareness – so nannten die Ärzte es, wenn jemand während einer Narkose mitbekam, was um ihn herum passierte.
»Gruselig«, murmelte Justin zu dem Einhorn. »Aber das war es nicht. Scheiße, das war es nicht.« Ich habe geträumt. Oder? Ich war weg. Irgendwie.
Justin – Montpellier, Januar 2008
Ich fühle mich wie Iron Man.
Tatsächlich wurde er das Gefühl nicht los, dass da in seiner Brust seit dieser Operation ein kleiner, leuchtender Punkt existierte, den nur er wahrnehmen konnte – und auch nur dann, wenn die Dunkelheit um ihn herum nahezu perfekt war.
Wenn er die Jalousien in seinem Zimmer bis zum Boden herunterließ und dann sein T-Shirt auszog, glaubte er, es sehen zu können. Das kleine Gerät unter seiner Haut, das ihm von nun an das Leben retten würde. Vielleicht hatte es das sogar schon getan, seit er aus der Klinik gekommen war? Vielleicht tat es das jede Nacht?
Er wusste es nicht.
Er wusste nur, dass er jede Nacht träumte und in jedem Traum leuchtete und sich an einem Ort befand, der nur aus Licht zu bestehen schien. Er fühlte sich so lebendig, wenn er aufwachte. Zum Bäumeausreißen. Er würde alles schaffen, wenn er nur wollte. Der Tod hatte ihn berührt, und er war davongekommen. Was sollte da noch passieren? Es gab nichts mehr, was Justin Dubois noch erschrecken konnte.
Auch nicht in seinen Träumen.
Elias – London, 2013
»Du musst etwas essen.«
»Ich kann nicht.« Elias schüttelte den Kopf und rieb über den Punkt zwischen seinen Augen. Warum konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Wenigstens für fünf Minuten?
»Oder wenigstens etwas schlafen. Geh nach Hause, nimm ein paar Tage frei, gib dir Zeit.«
Eine Hand landete schwer und warm auf seiner Schulter. Elias versteifte sich und wischte sie mit einem unwilligen Schnauben weg. Er blickte auf und begegnete Bennets mitfühlendem Blick.
»Ich brauche keinen Urlaub«, stieß er hervor. Er musste sich zwingen, nicht zu schreien. Immerhin meinte Bennet es wie alle seine besorgten Kolleginnen und Kollegen nur gut. Doch das Letzte, was er jetzt wollte und brauchte, war Mitleid.
»Was ich brauche, ist eine Antwort, Bennet. Die verdammte Antwort auf die Frage, was da schiefgelaufen ist. Warum er jetzt tot ist. Warum ich ihn verloren habe.« Mit jedem Wort war seine Stimme lauter geworden. Elias hielt inne und atmete durch, tief und bebend. Er hielt den Kugelschreiber, mit dem er eben noch seine Unterschrift unter ein Formular gesetzt hatte, an dessen Inhalt er sich schon nicht mehr erinnern konnte, so fest, dass der Stift fast zerbrach.
»Wir, Elias. Nicht du alleine. Wir haben ihn verloren. Und es bringt ihn nicht zurück, wenn du dich deswegen zerfleischst. Wir sind keine Götter, nicht mal Halbgötter.« Bennet lachte bitter. »Wir haben alles versucht. Manchmal müssen wir einsehen, dass wir am Ende sind. Dass wir nichts mehr tun können.« Er schluckte, wieder legte er seine Pranke auf Elias’ Schulter. Der Mann war so entsetzlich hartnäckig!
Elias hatte nicht mehr die Kraft, die Berührung abzuschütteln. Er senkte den Kopf und stützte die Stirn in die Hände. Noch einmal atmete er zitternd durch. »Ich hätte ihn retten können, Bennet. Irgendwas ist schiefgegangen, irgendwas habe ich falsch gemacht. Irgendeinen dummen, kleinen Fehler begangen.« Er schloss die Augen, bis das Brennen unter seinen Lidern verschwunden war, dann sah er wieder auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie war grau. Vorgestern war sie noch dunkelbraun gewesen, da war er sicher. Scheiße.
»Du siehst schlimm aus, Mann. Melde dich krank. Du kannst so nicht arbeiten.«
Elias schüttelte erneut den Kopf und hievte sich aus seinem Schreibtischstuhl. Er angelte einen Becher aus dem Regal neben der Bürotür.
»Was hast du vor?« Bennet hob eine Braue.
»Was schon? Ich hole mir einen Kaffee. Und dann gehe ich die Videoaufzeichnung noch einmal durch. Und noch einmal. Und dann erzählst du mir noch einmal, wie du die Operation wahrgenommen hast, und dann erzählt Sally mir noch einmal, was während der Anästhesie passiert ist, und ich rede mit Augustus über die Bluttransfusion und mit Max über die Herz-Lungen-Maschine. So lange, bis ich verdammt noch mal weiß, was da …« Elias blinzelte, als der kleine Büroraum sich um ihn zu drehen begann. Oben, unten, rechts, links, nichts hatte mehr eine Bedeutung, als der Schwindel ihn packte und vor seinen Augen grelle Blitze zu zucken begannen. Er versuchte, sich abzustützen, und griff ins Leere. Wie durch mehrere Schichten dicker Watte glaubte er, Bennets Stimme zu hören. Etwas klirrte, und dann … Nacht.
Wo bin ich?
Was passiert hier?
Warum ist es so dunkel?
Wer bist du? Was … was willst du? Was …?
Kalt. Es ist kalt.
Sterbe ich?
Und … wer spricht da? Wer bist du? Du kennst mich? Warum? Was … was passiert hier? Wer bist du? Wer …?
Schatten stiegen aus der Dunkelheit empor und hüllten ihn ein. Sie wisperten Versprechungen, raunten süße Worte und hielten ihn sanft in ihren Armen aus Nebel. Elias ließ sich fallen. Das Dunkel war warm und weich. Es hieß ihn willkommen und linderte den reißenden Schmerz in seiner Brust.
Sterbe ich? Falls es so ist: Es ist wunderschön.
»Elias?«
»Wa…« Er konnte kaum die Augen öffnen. Seine Lider waren so schwer. Alles wog schwer, sogar die Luft, die er atmete.
»Gott sei Dank. Du hast uns ganz schön erschreckt!«
»Bennet?« Elias blinzelte. »Was ist passiert?«
»Du hättest auf mich hören sollen. Weiß du nicht mehr? Du wolltest Kaffee holen. Und bist umgekippt. Kreislaufzusammenbruch. Immerhin muss ich dich jetzt nicht mehr mit Gewalt nach Hause schleifen oder Deborah bitten, dich zu suspendieren. Du bist jetzt erst mal zehn Tage aus dem Verkehr gezogen, und dann …« Er seufzte. »Dann sehen wir weiter. Sprich mit ihr.«
Elias verzog das Gesicht und schloss die Augen. »Ich … ich will. Nein, ich muss wieder arbeiten. Deb wird das verstehen, gerade sie muss doch …« Er versuchte, sich aufzurichten, sah nur noch Sterne und sank mit einem frustrierten Stöhnen auf das Bett zurück.
»Nein. Sie hat einen anderen Vorschlag. Bitte hör ihr zu, wenn sie dir davon erzählt, okay? Beiß ihr nicht gleich den Kopf ab. Hör erst mal …«
»Was?« Elias wollte bitter klingen, doch die Schärfe in seiner Stimme überraschte selbst ihn. »Was?«, wiederholte er erschöpft. Er konnte es sich bereits denken, und er wusste, wie seine Antwort lauten würde.
»Ich sage ihr, dass du wach bist. Wahrscheinlich weiß sie eh schon Bescheid.«
»Mh, ja. Wahrscheinlich.« Elias warf einen Blick auf den Monitor neben seinem Bett, auf dem sein Herzschlag, Pulsrate, Atemfrequenz und die Sauerstoffsättigung in seinem Blut in stetig weiterfließenden Kurven über den Bildschirm flimmerten. »Big Sister is watching me.«
»Hör ihr zu.«
»Ja, Daddy.« Elias schnaufte leise.
»Lass den Quark. Und komm wieder auf die Beine.«
Elias schwieg.
Bennet drückte seine Schulter und verließ das Zimmer. Wenig später trat Professor Deborah Carpenter durch die Tür, mehr weißer Kittel als Frau, das graue Haar wie immer zu einem strengen Dutt gebunden, aus dem sich keine einzelne Strähne zu lösen wagte. Deborah hatte alles unter Kontrolle. Immer. Damals wie heute. Ihre Miene wirkte hart und streng, doch Elias erkannte die Schatten in ihrem Blick.
»Hey.« Ihre Stimme klang sanft. Leise schloss sie die Tür hinter sich. Ihre hohen Absätze klapperten auf dem Linoleum, als sie ans Bett trat und sich einen Hocker heranzog.
»Hey.« Elias starrte auf die Bettdecke, auf seine Hand, die Infusionsnadel im Handrücken und den unvermeidlichen blauen Fleck, der sie umgab. Er bekam immer blaue Flecken.
»Wie geht’s dir?«
Er warf einen Blick auf den Monitor. »Alle Werte im grünen Bereich, würde ich sagen. Nur noch ein bisschen groggy. Sag nichts. Ich weiß. Zu wenig gegessen, zu wenig getrunken, zu wenig Schlaf. Ich werde mich brav ausruhen, und in drei Tagen sitze ich wieder an meinem …«
»Nein.«
Das eine kleine Wort schnitt durch die Luft wie ein Messer. »Tut mir leid, Elias. Du brauchst eine Pause. Und nicht nur das.«
Oh Gott, jetzt kommt’s. Elias holte tief Atem.
»Diesmal solltest du eine Therapie machen.«
Er riss sich zusammen, schaffte es, nicht die Augen zu rollen und aufzustöhnen. »Nein.«
Deborah nickte. »Damit habe ich gerechnet. Aber ich werde mir auch nicht weiter ansehen, wie du dich kaputtmachst. Willst du eine Neuauflage von Dezember 2007?«
»Das war unter der Gürtellinie, Deb, und das weißt du.« Elias schluckte hart, als die Erinnerung zurückkam wie ein Schlag in die Magengrube und ihm den Atem nahm. Damals war es eine alte Frau gewesen, die er nicht hatte retten können. Ausgerechnet zu Weihnachten. Schon damals hatte er sich geschworen, dass er nie, nie wieder einen Patienten verlieren würde. Auch damals hatte er analysiert, geforscht, geprüft, bis er endlich hatte glauben können, dass er verdammt noch mal nicht schuld gewesen war. Auch damals war er irgendwann zusammengeklappt, weil er einfach nicht mehr konnte.
Diesmal war ein vierzigjähriger Familienvater unter seinen Händen gestorben. Elias hatte seinen Schwur gebrochen, und nagende Schuldgefühle lagen wie ein Eisenkäfig um sein Herz. Ein Käfig, der es daran hindert, vollkommen zu zerbrechen. Wo ist diese sanfte, warme Dunkelheit hin? »Das Einzige, was ich noch tun kann, ist herauszufinden, warum …«
Deborah atmete langsam aus. Als ihre Finger seine berührte, musste er sich zwingen, die Hand nicht wegzuziehen. »Manchmal gibt es darauf keine Antwort«, sagte sie sanft. »Das habe ich dir damals schon gesagt.«
Elias lachte harsch. »Genau wie Bennet.« Es muss eine Antwort geben.
»Und er hat recht. Du kannst nicht arbeiten, nicht im Augenblick, nicht so. Du brauchst Zeit. Ruhe. Jemanden, der dir hilft, deine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ich kenne da jemanden, sie …«
»Nein.«
»Elias …«
»Nein, Deb.« Elias hob den Kopf und sah sie an. Er holte tief Atem. »Ich werde kündigen.«
Die Dunkelheit in ihm lächelte sanft, streichelte seine Seele und flüsterte zärtlich seinen Namen. Und dass jetzt alles gut werden würde.
Justin – London, Sommer 2017
Du meine Güte, ist das voll hier!
Natürlich hatte er damit gerechnet, dass auf dieser Messe gefühlt die ganze Welt zusammenströmen würde – zumindest der Teil der Welt, der sich für Wein interessierte –, aber mit so einem Andrang hatte er dann doch nicht gerechnet. Zwar verliefen sich die Massen auf der weiten Fläche unter und vor der Laptop Stage recht gut, dennoch brummte der ganze Crystal Palace Park schon seit den frühen Mittagsstunden. Justin war erst am frühen Morgen in London gelandet und hatte die ganze Zeit im Flieger stumm vor sich hin geflucht, weil mal wieder nichts hatte glattgehen können. Vom Fluglotsenstreik bis zu ausfallenden Zügen hatte er von Paris bis London alles hinter sich und fühlte sich gerade wie ein Überlebender einer veritablen Naturkatastrophe. Oh ja, die Freuden des Reisens. Hoffentlich erfindet irgendwann mal jemand das Beamen. Oder baut ein Dimensionstor. Am besten ein tragbares. Vielleicht gleich eins, das auch mal die Zeit zurückdreht. Echt jetzt.
Seit seiner Ankunft auf der South London Wine Fair hatte er gefühlt tausend Hände geschüttelt, an unzähligen Verkostungsgläsern genippt und schon fast wieder vergessen, mit wem er bereits gesprochen hatte und wen er unbedingt noch treffen musste.
Justin schob sich zwischen zwei Ständen hindurch, fand ein einigermaßen ruhiges Plätzchen hinter der Bühne und fischte sein Smartphone aus der Hosentasche. Rasch postete er einige Fotos, die er zwischen den Gesprächen gemacht hatte, in seinem Instagram-Account, dann schickte er eine Nachricht an Gerard.
Bonjour aus London! Bin tatsächlich lebendig angekommen. Ziemlich viel los hier. Wie verabredet Großeinkauf bei Montes erledigt. Soll dir Grüße von der ganzen Bande ausrichten!
Er hängte ein Foto von sich und dem berühmten chilenischen Winzer an. Aurelio Montes hatte mit breitem Grinsen einen Arm um Justin gelegt, beide hielten Gläser mit funkelndem Roten in die Kamera.
Die Antwort kam prompt:
Großartig! Ich beneide dich, mon cher. Denkst du an den Besuch bei diesen Deutschen? Die Vogels aus der Pfalz? Villa Tabernus?
Justin grinste, wischte durch seine Fotos und schickte ein weiteres Bild zu Gerard, das die beiden Winzerinnen mit einem Grauburgunder zeigte.
Du bist so gut. Was steht heute noch an?
Justin scrollte durch seinen Kalender.
Ich werde noch einige Stände abklappern und bin heute Abend beim Degustationsmenü von … ah, keine Ahnung, aber es findet im Hilton statt. Ich brauche dringend einen Plan. Und was zu essen, meine Zunge braucht eine Pause.
Gerard antwortete mit einem Smiley und dem Piktogramm eines dick belegten Sandwiches.
Pass auf dich auf. Ich weiß, du willst immer auf allen Hochzeiten tanzen, und genau deswegen habe ich dich geschickt und nicht Eleonóre. Aber gib acht auf dich, ok?
Justin seufzte. Wieder einmal bereute er es, dass er Gerard von seinem Defi erzählt hatte. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sein Chef ihn seitdem sehr viel genauer im Auge behielt.
Jawohl.
Smiley.
Wollte auch nur einen kurzen Status durchgeben. Ich stürze mich jetzt wieder ins Gewühl. Bin in drei Tagen wieder in Paris. Vorausgesetzt, ich schaffe es zum Flughafen, ohne in eine Baugrube zu fallen, die Fluglotsen streiken nicht wieder, und der Flieger stürzt nicht über dem Kanal ab. In dem Fall wird es länger dauern, ich kann nicht so schnell schwimmen.
Gerard antwortete ein letztes Mal: Pappnase. Hab Spaß, mach noch ein paar gute Deals und feiere nicht wieder die Nächte durch. Ich brauch dich noch.
Justin konnte es sich nicht verkneifen, das allerletzte Wort zu haben: Ah, so sieht’s aus, es geht dir gar nicht um mein Wohlbefinden, nur um meine Arbeitskraft. Egoist! Smiley.
Ein letzter Smiley kam aus Paris, dann schwieg das Smartphone. Justin grinste, stopfte das Gerät in die Hosentasche zurück und machte sich wieder auf den Weg ins Getümmel.
»Justin, hey!«, brüllte eine bekannte Stimme, und nur Augenblicke später fühlte er sich in eine Bärenumarmung gezogen.
»David!« Justin erwiderte die Umarmung und machte sich keuchend los. »Willst du mich umbringen, du Barbar?« Er lachte. David war mindestens einen Kopf größer als er, ungefähr so breit wie hoch und Geschäftsführer von Wine & More, dessen Zweigstelle in Paris Gerard gehörte.
»Damit du mich nach deinem Tod als Geist heimsuchst, kleine Pariser Nervensäge? Sicher nicht!« Seine Hand landete schwer auf Justins Schulter. »Du hast nicht angerufen.«
Justin hob eine Braue. »Hätte ich sollen? Parbleu. Tut mir leid. Ich wurde seit meiner Ankunft hier mit Beschlag belegt. Wie laufen die Geschäfte?«
»Hervorragend. Hast du gerade was vor? Termine? Oder darf ich dich zum Essen entführen? Das Angebot hier ist wirklich fantastisch. Vor allem die Meeresfrüchte.«
»Liebend gern! Solange du nicht wieder versuchst, mir Austern anzudrehen.«
David schüttelte den Kopf und schnalzte abfällig mit der Zunge. »Ein Franzose, der keine Austern mag. Du bist ein Alien, Jus.«
»Ich hege nur keine Vorliebe für salzigen Rotz mit Zitrone.« Justin schüttelte sich. »Und ich esse grundsätzlich nichts, das seinen Namen noch sagen kann.«
Davin schnaubte. »Sie haben Lachsparfait. Und Spaghetti vongole.«
»Besser.« Justin ächzte, als David ihm den Arm um die Schultern legte und ihn dann in Richtung des großen Restaurantzeltes mitten auf der Wiese vor der Bühne führte.
Die Seitenwände des Zeltes waren hochgerollt, dennoch kam es Justin so vor, als würde die Luft darin stehen. Dazu war es trotz der Tatsache, dass es bereits früher Nachmittag war, noch recht voll – wahrscheinlich waren einige Messegäste auf die Idee gekommen, den Mittagsimbiss auf später zu verschieben, wenn der erste Run auf das Buffet durch war. Es roch nach Fischgerichten und Wein. Eine aufgetakelte ältere Dame in grünem Paillettenkleid zwängte sich mit einem Teller, der verdächtig nach Knoblauch roch, an Justin und David vorbei und hinterließ eine Wolke eines klebrig süßen Parfums, die Justin husten ließ. »Mon Dieu. Das sollte verboten werden!«
David zog eine Braue hoch. »Was, Knoblauch-Baguette?«
»Nein. Dieses Parfum. Viel zu viel Jasmin und Süße, bah.« Er hustete erneut und schnaufte, um den pappigen Duft aus Nase und Rachen zu bekommen. »Ich glaube, ich brauche erst einmal einen Schluck Wasser.«
David nickte. »Da, ein freier Tisch. Entere ihn, mein Freund, und ich hole uns etwas vom Buffet.«
»Okay.« Justin trat mit drei großen Schritten an den Tisch, bevor jemand anderes ihn für sich beanspruchen konnte, und griff nach der Karaffe, die darauf stand. Er füllte ein Glas mit dem stillen Wasser und kippte es in einem Zug hinunter, ignorierte dabei, dass es zu warm war. Immerhin half es gegen das Kratzen im Hals. Pfui, wirklich.
Er ließ den Blick durch das Zelt schweifen, lauschte auf die summenden Gespräche um sich herum und nickte Leuten zu, die ihn freundlich grüßten. Einige hatte er schon einmal gesehen, andere kannte er sogar flüchtig. Er lächelte, nickte, winkte, umarmte hin und wieder einen alten Bekannten oder eine flüchtige Freundin. Immer wieder stellte er sich auf die Zehenspitzen und schielte zum Buffet. Er hatte inzwischen wirklich Hunger, aber David schien eine halbe Ewigkeit zu brauchen. Wahrscheinlich war dieser große, gutmütige Bär von einem Mann einfach wieder viel zu höflich und ließ sich von den frecheren Gästen immer wieder wegdrängen. Justin seufzte, rieb sich die Stirn und trank noch ein Glas von dem lauwarmen Wasser. Hinter seinen Schläfen spürte er einen leisen, dumpfen Druck, von dem er hoffte, ihn mit einem Imbiss davon abhalten zu können, sich in eine Migräne zu verwandeln. Die konnte er gerade wirklich nicht brauchen.
