Ghost Stories - Siri Hustvedt - E-Book

Ghost Stories E-Book

Siri Hustvedt

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Beschreibung

Als er im Sterben lag, sagte Paul Auster seiner Frau, er wolle ein Geist werden. Und das ist er für Siri Hustvedt geworden: eine allzeit spürbare Präsenz, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie meint, seine Zigarillos im Haus zu riechen, sie liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte, die 43 Jahre währen sollte. Mit ihrem beispiellosen Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch nähert sie sich dem unmöglichen Wunsch, Paul zu neuem Leben zu erwecken. Und Paul selbst kommt zu Wort, mit Briefen, die er für den Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles hinterlassen hat. In diesem großen Werk der Erinnerung werden Fragen aufgeworfen, die alle Menschen angehen; es lässt eine einzigartige Liebes- und Lebensgemeinschaft wiedererstehen, die des legendär gewordenen Autorenpaars aus Brooklyn.

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Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Siri Hustvedt

Ghost Stories

Ein Buch der Erinnerung

 

 

Aus dem Englischen von Grete Osterwald und Uli Aumüller

 

Über dieses Buch

Ein Buch der Erinnerung, ein Buch der Liebe

 

Als er im Sterben lag, sagte Paul Auster seiner Frau, er wolle ein Geist werden. Und das ist er für Siri Hustvedt geworden: immerzu spürbar, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie riecht seine Zigarillos im Haus, sie liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte, die 43 Jahre währen sollte.

Mit ihrem beispiellosen Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch nähert sie sich dem unmöglichen Wunsch, Paul zu neuem Leben zu erwecken. Und Paul selbst kommt zu Wort, mit Briefen, die er für den Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles hinterlassen hat.

In diesem großen Werk der Erinnerung werden Fragen aufgeworfen, die alle Menschen angehen. Es lässt eine einzigartige Liebes- und Lebensgemeinschaft wiedererstehen: die des legendär gewordenen Autorenpaars aus Brooklyn.

Vita

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Mit Was ich liebte hatte sie ihren internationalen Durchbruch. Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin, bei Rowohlt erschien zuletzt der Band Mütter, Väter und Täter.

Grete Osterwald übersetzt u. a. Albert Camus, Jeffrey Eugenides und Nicole Krauss. Sie wurde für ihre Arbeit mehrmals ausgezeichnet, zuletzt 2017 mit dem Jane Scatcherd-Preis.

Uli Aumüller übersetzt u. a. Siri Hustvedt, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Milan Kundera. Für ihre Übersetzungen erhielt sie den Paul-Celan-Preis und den Jane Scatcherd-Preis.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2026 unter dem Titel «Ghost Stories. A Memoir» bei Simon & Schuster, New York.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2026

Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«Ghost Stories» Copyright © 2026 by Siri Hustvedt

«Blue Team» (S. 233 f.) und «Heroische Couplets» (S. 394) wurden von Brigitte Landes ins Deutsche übertragen.

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München, nach dem Original von Simon & Schuster LLC

Coverabbildung Bjørn Aslaksen/VG/NTB

ISBN 978-3-644-02467-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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Hinweise des Verlags

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Um eine optimale Lesbarkeit und technische Kompatibilität – auch auf älteren Lesegeräten – zu gewährleisten, wurden sehr lange Kapitel unterteilt. Entsprechende Abschnitte sind im Inhaltsverzeichnis als [Fortsetzung] gekennzeichnet.

 

 

www.rowohlt.de

Verlorene Zeit

Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot. Er starb am 30. April 2024 um 18 Uhr 58 hier im Haus in Brooklyn, wo ich jetzt diese Worte schreibe. Im Januar 2023 wurde bei ihm nicht-kleinzelliger Lungenkrebs diagnostiziert. Aber schon vorher, Anfang November 2022, war in der Notaufnahme des Mount Sinai West Hospital eine CT gemacht worden. Der Radiologe entdeckte eine Masse in seiner rechten Lunge und merkte an, es könnte Krebs sein.

 

Wir alle sterben, aber nur einige von uns wissen, dass ihr Leben bald enden könnte. Obwohl ich oft darüber nachgedacht hatte, was es bedeuten würde, ohne Paul zu leben, begann ich es mir öfter vorzustellen. Ich stellte mir vor, allein durchs Haus zu gehen. Ich stellte mir vor zu trauern. Wenn dein Vater stirbt, sagte ich zu unserer Tochter Sophie, werde ich meinen Alltag verlieren.

 

Was ich mir nicht vorstellte, war, dass die Zeit nach Pauls Tod bis zur Unkenntlichkeit durcheinandergeraten würde. Ich erinnere mich und vergesse wieder, welcher Tag es ist. Ich erinnere mich, dass Mai ist, und vergesse es. Die Stunden überschlagen sich, aber Minuten verstreichen oft langsam. Ich will meinen Körper in Kalender- und Uhrzeit verankern, diesen verlässlichen, wenn auch letztlich fiktionalen Markierungen der Zeit, kann den regelmäßigen Schlägen aber keinen Sinn entnehmen. Ich fürchte, dass ich, wenn ich nicht laufend Datum, Tag und Stunde überprüfe, die Orientierung verlieren, auf der Treppe stolpern und stürzen oder haltlos davontreiben werde. Ich lege Listen und Terminkalender an. Listen und Terminkalender liegen auf allen möglichen Tischen und Ablagen im Haus herum. Ich mache mir Sorgen, dass ich häusliche Pflichten, Verabredungen, offenstehende Rechnungen vergesse. Ich mache mir Sorgen, dass meine Gedanken in mehr Stücke zerspringen, als ich wieder aufsammeln kann. Ich bin dabei, mich selbst wieder aufzusammeln.

 

Ich habe Mühe beim Atmen. Mein Herz schlägt zu schnell, nicht ständig, in Ausbrüchen. Ich habe Schmerzen zwischen den Rippen, manchmal heftig. Nacken und Kopf tun mir weh. Die Nerven summen und brummen, Elektrizität schießt auf und ab durch meine Glieder. Mein Bauch rumort, und der Stuhlgang ist aus dem Rhythmus. Manches sind alte Beschwerden, die schlimmer geworden sind. Ich stelle mir vor, ich hätte einen Tumor entwickelt, der jenen spiegelt, welcher in Pauls Lunge gefunden wurde, und würde bald sterben. Ich treibe die Phantasie noch weiter. Vielleicht ist Spiegelkrebs ein seltenes medizinisches Phänomen außerhalb des Geltungsbereichs der etablierten Wissenschaft, einer jener Ausreißer, die aus «bereinigten Daten» entfernt worden sind.

 

Ich bin froh, dass ich noch über mich lachen kann. Allerdings, auch Hypochonder sterben an Krankheiten.

 

Ich schlafe mit Tabletten.

 

Ich greife nach einem Blatt Papier oder einem Objekt, das Beachtung verdient, dann sehe ich ein anderes, das mich anzieht. Ich lege das erste wieder aus der Hand, um es erst Stunden später zu entdecken, ein unbelebtes Opfer der unvollendeten Geste. Ein Stapel ungeöffneter Kondolenzschreiben und Karten liegt auf dem roten Tisch im Esszimmer. Ich ertrage es nicht, sie zu öffnen. Nicht heute. Ich werde warten. Morgen.

 

Morgen kommt. Ich öffne die Briefe, verstehe aber nicht immer, was ich lese. Die kurzen, freundlichen Worte sind die besten. Es gibt auch lange handschriftliche Briefe, viele Seiten lang, von Leuten, die ich nicht kenne. Paul muss irgendwie mit ihnen verbunden gewesen sein, aber wie genau, finde ich nicht in jedem Fall heraus. Ich setze mich, um das Wort morgen für eine To-do-Liste zu schreiben. Als ich hinschaue, sehe ich, dass ich gestern geschrieben habe. Ich denke an Freuds Kommentar über Gegensätze in Träumen. Im Reich des Schlafs kann dein dich überragender Freund zur Größe eines Käfers schrumpfen. Mein Leben hat jetzt etwas Traumhaftes.

 

Ich steige in eine halb gefüllte Badewanne und merke, dass ich vergessen habe, meine Socken auszuziehen.

 

14. Mai. Die Witwe braucht Therapie. Ich bin unterwegs zu einer Psychoanalytikerin und Psychiaterin, die mir von jemandem, dem ich vertraue, wärmstens empfohlen wurde. Das Bedürfnis ist mir nicht neu. Ich war elf Jahre lang in analytischer Psychotherapie. Sie hat mich befreit. Die Pandemie beschränkte Dr. C. und mich auf Zoom, und im Frühjahr 2021, als die Wirkung des tödlich um sich greifenden Virus nachließ, war das Ende der Therapie erreicht. Wir planten eine letzte persönliche Begegnung bei einer Abschiedssitzung im Herbst. Sie fand nie statt. Am 1. Oktober starb Dr. C. plötzlich und unerwartet im Alter von einundsiebzig Jahren an einem Herzinfarkt. Der Schock ihres Todes war der erste in einer Serie von Schocks. Wäre sie noch am Leben, würde ich mich zu ihrer Praxis begeben. Da Paul am Ende seines Lebens ans Haus gefesselt war und ich nicht wagte, ihn allein zu lassen, ist Gehen ein Luxus geworden. Ich beschließe, mir viel Zeit zu nehmen und mit der Subway zur Upper West Side zu fahren.

 

Aus mir unerfindlichen Gründen scheine ich den falschen Weg zur Grand Army Plaza gegangen zu sein. Ich erkenne den Triumphbogen und die Statuen, den verkehrsreichen Ring, die öffentliche Bibliothek gegenüber, kann aber den Eingang zur Subway nicht finden. Was ist mit mir los? Ich frage drei Fußgänger nach der Treppe zur Subway, aber wie Traumbewohner können mir alle nicht zeigen, wo es zu den Linien 2 und 3 geht. Ich schaue nach der Zeit. Kann sein, dass ich den ersten Termin bei der hervorragenden Analytikerin verpasse. Bin ich jetzt offiziell dement? Ich rufe ein Uber und erreiche die Ecke Central Park West und 89th Street auf die Minute genau zum vereinbarten Beginn der Sitzung.

 

In den Tagen unmittelbar nach der kleinen Trauerfeier an Pauls Grab am 3. Mai auf dem Green-Wood-Friedhof überkam mich ein Zwang zu sortieren, wegzuwerfen und zu schrubben. Wenn ich verzweifelt oder beunruhigt bin, mache ich oft sauber. Ich bringe meine kleine Welt auf Hochglanz. Ich übe eine gewisse Kontrolle aus, indem ich Staubflocken, Fussel und Flecken vertreibe. Ich würde keine von jenen Witwen sein, die die Kleider ihres Mannes monate- oder gar jahrelang im Schrank lassen. Ein toter Mann braucht keine Hemden, Schlüssel oder Rasiercreme. Ein toter Mann kann nicht krank sein. Er nimmt keine Pillen.

 

Eine große, durchsichtige Plastiktasche, die früher eine neue Steppdecke geborgen hatte, wurde zum Hort für die Überreste von Medikamenten, die ich hinter einem Stapel Laken im Wäscheschrank aufbewahrte. Es war das Erste, was wegmusste. Stechampullen Dexamethason, Packungen Prednison, Meloxicam, Mirtazapin, Natrium- und Magnesiumtabletten, Levothyroxin, Oxycodon, Tamsulosin, Cotrimoxazol, Sucralfat, Famotidin, Gabapentin. Einige Fentanylpflaster. Schachteln mit fünf Milligramm, zehn Milligramm und zwanzig Milligramm Hydrocortison. Eine Spritze und ein kleines Fläschchen zur Injektion des gleichen Steroids im Fall einer endokrinen Krise, Blisterpackungen Zofran, Flaschen mit Sucralfatsuspension und Lactulose. An diese erinnere ich mich. Kein Zweifel, dass noch andere Arzneimittel dabei waren, die sich im Lauf der eineinhalb Jahre von Pauls Krebsbehandlung angesammelt hatten, verordnete, abgesetzte und manchmal erneut verordnete Medikamente, je nach dem Notfall des Augenblicks. Es gab viele Notfälle. Ich habe noch einige Tabellen, die ich für Pauls tägliche Einnahmen angelegt hatte, mit dem Namen des Medikaments und wofür es gut war, gefolgt von ein, zwei, drei oder vier mit der Hand ausgefüllten Spalten: 7:46, 12:00, 16:35.

 

Ich wusste, ungebrauchte Medizin sollte nicht in den Müll geworfen, nicht im Ausguss oder in der Toilette hinuntergespült werden, sodass die Tasche mit medizinischem Abfall voll und voller wurde, bis sich der Zipper kaum noch schließen ließ. Nach Pauls Beerdigung nahm meine Schwester Asti die ganze Fuhre und brachte sie in eine Apotheke in ihrer Nachbarschaft, wo sie etwas machen mit solchen Medikamenten. Was sie damit machen, weiß ich nicht, und es ist mir, sonst so neugierig auf alles, vollkommen egal.

 

Manche der Tabletten haben Paul davor bewahrt, früher zu sterben. Andere halfen ihm, sich besser zu fühlen. Manche machten ihn kränker. Als ich Asti die Tasche übergab, empfand ich noch größere Erleichterung, als ich mir vorgestellt hatte. Ich hasste diese Tasche. Hätte ich den Mut gehabt, all die Ampullen und Fläschchen aneinanderzureihen, hätten sie als greifbarer zeitlicher Bericht der Krankheit bis zum Tod dienen können, aber der Anblick der Rx-Nummern, ausgefüllten Daten, manchmal zungenbrecherischen Namen der Präparate sowie der Anweisungen und Warnungen auf den Flaschen schrie mir nicht nur fehlgeschlagene Behandlung entgegen – sie waren auch Erinnerungen an meinen Dauerzustand kontrollierter Panik, in schwankendem Auf und Ab, über viele Monate. Ich gab Paul die richtigen Medikamente, wenn auch ein paar Mal verspätet. Während der vier fünfstündigen Infusionen saß ich neben meinem Mann. Ich saß neben ihm in der Notaufnahme und Tag für Tag an seinem Bett, wenn er im Krankenhaus lag. Ich verwaltete das Patientenportal des Memorial Sloan Kettering Cancer Center und formulierte Fragen an die Ärzte und Pfleger. Ich verdaute zahllose medizinische Aufsätze über nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC) und seine Behandlung. Es half mir, Pauls Ärzten sinnvolle Fragen zu stellen, und doch verbarg meine äußerliche Kompetenz und Stärke die Tatsache, dass ich in Angst lebte. Ich fürchtete, ihm die falschen Tabletten zu geben oder das Symptom eines unmittelbar drohenden Notfalls nicht zu erkennen, aber am meisten fürchtete ich das, was ich nicht kontrollieren konnte – seinen Tod.

 

Nachdem er gestorben war, wurden Pauls Leiden und meine Wachsamkeit gegenstandslos, genau wie die Krebstherapien und die Therapien zur Therapie der grotesken Folgen eben dieser Krebstherapien. Die «unerwünschten Nebenwirkungen» des immuntherapeutischen Medikaments Nivolumab, eines Checkpoint-Inhibitors, beendeten Pauls Leben, ehe der Krebs eine Chance hatte, das Gleiche zu tun. Von Nivolumab waren keine Reste in der Tasche. Es wurde als Infusion verabreicht, zusammen mit den Chemotherapeutika Carboplatin und Paclitaxel. Die Tasche meiner Schwester zu übergeben, erlöste mich von keiner Erinnerung, aber es befreite mich vom Anblick handfester Beweise dessen, was Paul erlitten und ich miterlebt hatte.

 

Seine Jeans, T-Shirts, Schuhe, Gürtel, Pullover, sein einziger Anzug (er trug ihn selten), ein Smoking, und seine Mäntel sind größtenteils verschwunden, Familienmitgliedern überlassen oder an Wohltätigkeitseinrichtungen gespendet worden. Die lammfellgefütterte Lederjacke, die er vor Jahren in Argentinien gekauft (er wüsste das genaue Jahr) und bis zum Gehtnichtmehr getragen hatte, hängt noch in der Garderobe. Ich möchte sie tragen, wenn es wieder kalt wird. Ich möchte mich in dieses Überbleibsel des Geliebten einhüllen, solange es zusammenhält. Als ich die Schränke durchging und die Jacke sah, nahm ich sie vom Bügel und presste mein Gesicht in das Fell. Ich hoffte, ihn in absentia zu atmen, aber ich roch nur Muff und Leder, nichts Menschliches.

 

Im Schrank unseres Schlafzimmers ist jetzt Platz. Ich schreibe noch immer «unser». Obwohl Pauls bescheidene Kleidung ausgeräumt ist, bleibt es «unser» Schrank. «Unser» Schlafzimmer. Ich glaube, solange ich hier lebe, wird es unseres sein. Nichts von seinen Sachen befindet sich noch in dem Schrank, aber die Zeit hat ihn zu unserem gemacht.

 

Wo ist diese Zeit geblieben?

 

Ich schmiss seine Boxershorts weg. Viele Jahre lang kaufte Paul Dreierpackungen karierter Boxershorts von Fruit of the Loom in einem Laden an der Fifth Avenue in Brooklyn. Schon früh in unserer Ehe hatte ich gelernt, mich nicht in seine Kleidungswünsche einzumischen, die einfach, aber unabänderlich waren. Er mochte es, zu diesem preisgünstigen Geschäft zu gehen, um schwarze Levi’s-Jeans, eine bestimmte Marke schwerer Baumwoll-T-Shirts und die Shorts zu kaufen. Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, aber wir hatten mit der Hospizpflege zu Hause begonnen, und seine allgemeine Schwäche machte es ihm unmöglich, sich selbst anzuziehen, also half ich ihm dabei.

Eines Morgens, als ich in der Schublade mit seiner Unterwäsche kramte, sagte er: Nicht die roten.

Nicht die roten?

Ich kann die roten nicht leiden.

Du meinst, du konntest die roten nie leiden?

Wie es scheint, hatte er die roten nie leiden können. Sie waren in der Schublade geblieben. Bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass sie neuer aussahen als die anderen. Er kaufte die Dreierpackungen wegen der blau und grün karierten. Die roten waren Ausschuss.

 

Jahre um Jahre karierte Boxershorts, und ich hatte keine Ahnung, dass er die roten nicht leiden konnte.

 

Nachdem ich ihm das T-Shirt, ein weißes, kein schwarzes an jenem Morgen, über den Kopf gezogen hatte, sagte er: Du bist so gut zu mir, Siri. Ich streichelte sein Gesicht und antwortete auf Norwegisch: Det skulle bare mangle. Im Lauf der Jahre hatte Paul manche Ausdrücke auf Norwegisch gelernt, meiner Muttersprache. So etwa diesen, der wörtlich Das hätte gerade noch gefehlt bedeutet. Übersetzt: Aber natürlich. Das versteht sich doch von selbst.

 

Während ich dies schreibe, bin ich erstaunt über die Entschiedenheit, mit der ich Pauls Arbeitszimmer in Angriff nahm. Die meisten Tage verbrachte er von morgens bis nachmittags in einem kleinen Raum hinten im Haus, nahe dem Garten, und schrieb. Heute wäre ich nicht so beherzt bei der Sache, aber damals war ich auf einer Mission. Ich schätze, dass sich mindestens hundertfünfzig Stifte auf Pauls Schreibtischplatte befanden: Füller, Kugelschreiber, Druckkulis und Tintenroller, entweder in unregelmäßigen Reihen hingelegt oder aus Behältnissen ragend. Er hatte ungefähr ein Dutzend Minenbleistifte. Er hatte einen Vorrat an Farbbändern für seine manuelle Olympia, der ihm für mehrere lange Leben gereicht oder eine kleine Armee kritzelnder Ludditen hätte ausstatten können. Er hatte kleine Tipp-Ex-Blättchen, die beim Anschlag unter die Typen gelegt werden (davon keine großen Mengen). Er hatte etliche gut abgeriebene Radiergummis und fünfunddreißig Clairefontaine-Hefte von der fein karierten Sorte. Bevor er seine Manuskripte auf der Olympia tippte, schrieb er alle seine Bücher mit der Hand in eines dieser Hefte.

 

Wir störten einander nicht in unseren jeweiligen Arbeitsbereichen. Sie waren sakrosankt. Er rührte nie an meinen Schreibtisch. Ich rührte nie an seinen. Ich hatte keine Ahnung, dass er so viele Stifte, Farbbänder und Hefte besaß. Ich suchte oft nach Stiften, die ich in der Küchenschublade gelassen zu haben glaubte, wo sie aber nicht waren. Er hatte immer einen, oft zwei oder drei in der vorderen Tasche seiner Jeans. Wenn Ergriffenheit ein Gefühl ist, das irgendwo zwischen leichter Zärtlichkeit und Schmerz liegt, dann war es Ergriffenheit, was ich empfand, als ich die Stifte sah und all die Farbbänder entdeckte. Stifte werden noch überall verkauft, aber Schreibmaschinenfarbbänder und Tipp-Ex-Korrekturpapier sind nicht mehr so leicht zu bekommen, es leuchtete also ein, wenn Paul sich auf ihr mögliches Verschwinden – nicht nur aus New York City, sondern von der Erdoberfläche – vorbereitet hatte.

 

Ich liebte das hämmernde Geräusch seiner Schreibmaschine, wenn er tippte, schnell, dann langsamer und wieder schnell. Ich mag den Widerstand der Tasten gegen meine Finger, sagte er. Paul blieb im Einklang mit seinen Geräten. In seinen Schreibgewohnheiten lebte der junge Mann in dem alten Mann fort.

 

Die Schreibmaschine steht wie gewohnt auf seinem Tisch, ein sprachloses Ding, das seinen Platz in dem Schreibritual nun verloren hat. Gewohnheiten, Routinen, Rituale gewinnen Bedeutung durch Wiederholung, und diese Wiederholungen können als Bollwerk gegen Angst dienen. Paul wackelte nicht mit den Beinen und kaute nicht an den Nägeln. Er war nie sichtlich nervös, aber Angst färbte sein Leben. Wir kamen Stunden zu früh an Flughäfen an, was guten Stoff für den Familienhumor abgab. Wenn ich es übernommen hatte, ein Auto zu buchen oder Tickets aufzubewahren (in den Zeiten von Papiertickets), vergewisserte er sich wieder und wieder, ob ich auch getan hatte, was getan zu haben ich ihm wiederholt gesagt hatte. Objekte, die er als Erweiterung seines Körpers betrachtete, hütete er eifersüchtig – Stifte, aber auch seine Hausschlüssel, seinen kleinen Kalender, den ich jedes Jahr bei Charing Cross bestellte, und seine Geldbörse, die er allesamt stets vorne in der rechten Hosentasche bei sich trug. Diese Objekte durfte niemand anders anrühren. Als er im Krankenhaus lag und delirierte, wurden Schlüssel, Taschenkalender und Geldbörse in eine Plastiktüte gesteckt und in einem Schubfach neben seinem Bett aufbewahrt, aber sie waren nicht mehr bei ihm. Sooft er in dem fremden Bett aufwachte und sie nicht finden konnte, rief er mich oder unseren Schwiegersohn Spencer an. Er hatte in den Kalender gekritzelte Termine, an die er sich erinnern musste. Er hatte kein Geld. Wie sollte er ein Taxi nehmen? Wie würde er ins Haus gelangen?

 

Der Mann konnte nicht allein aus dem Bett aufstehen.

 

«Der Gegenstand von Angst ist Nichts, und Nichts ist kein Gegenstand», schreibt Søren Kierkegaard in Der Begriff der Angst. Angst, sagt der Philosoph, ist, wie wenn man in einen Abgrund schaut. Paul benutzte dieses Wort für den Tod im letzten Jahr seines Lebens häufiger. Ich habe lange Zeit damit verbracht, in den Abgrund zu schauen, sagte er.

 

Pauls Mut, während er in den Abgrund schaute, verblüffte mich.

 

Seine Handschrift ist überall im Haus, kleine Notizen auf Zetteln und Papieren, auf den Scheckheften, die sich in einem Schrank in der Bibliothek befinden. Auf einem breiten Bord unterhalb der Bücherregale liegt eine weiße Mappe, die ich noch nicht geöffnet habe. Sie enthält ein Blatt mit den Namen von Leuten, die er zu seiner Gedenkfeier einladen wollte, wie auch Bemerkungen zu seinem letzten Willen, den er, nur Tage bevor er starb, noch einmal änderte. Außen drauf, in seiner Handschrift, die Worte:

Für Siri/Sophie

Bemerkungen zum Jenseits.

1.1.23

 

Bevor Paul starb, lächelte ich über den schrägen Humor von Jenseits. Jetzt finde ich ganz und gar nichts Komisches mehr daran. Sophie und ich leben im Jenseits, wo die Logik von Raum und Zeit ins Chaos fällt.

 

Ich verstaute das Faxgerät im Keller. Paul und ich hatten uns eine Assistentin geteilt, Jen Dougherty, die nun allein meine Assistentin ist. Jen faxte Paul die E-Mails, die sie für ihn empfing. Dann rief er sie an, diktierte Antworten auf Anfragen oder sagte einfach ja oder nein, und sie führte seine Instruktionen aus. Der Anschluss meines Mannes an den rapiden Fortschritt der Kommunikationstechnologien endete so ziemlich bei dem Faxgerät, obwohl es Ausnahmen gab. Als ich es leid war, Paul mit großen Augen, verdruckst sich entschuldigend wegen des Eindringens, an der Tür meines Arbeitszimmers zu sehen, weil er für eine Frage, ein Datum oder einen Sachverhalt eine Suche im Internet brauchte, kaufte ich ihm ein iPad, ein Zusatzgerät zu meinem eigenen, das er, ohne E-Mail-Anschluss, für seine Recherchen benutzte.

 

Kein Mensch schickt mir Faxe.

 

Außer denen von Jen stammten die einzigen, die sonst noch eingingen, von Dachdeckerbetrieben. Werbung für neue Dächer tuckerte regelmäßig aus dem Gerät.

Wahrscheinlich Dachdecker, sagte ich immer zu Paul.

Wahrscheinlich, sagte er dann und ging die Treppe hinunter, um nachzuschauen.

Paul besaß kein Handy. Wenn das Festnetztelefon klingelte, wusste ich, dass es für ihn war. Ich ging nie dran. Seit seinem Tod hat es kaum noch geklingelt. Wenn doch, ist es gewöhnlich Pauls Agentin, Carol Mann. Sie rief ihn fast täglich unter dieser Nummer an. Sonntagmorgens weiß ich, dass es Janet ist, Pauls Schwester. Sie sprachen jede Woche miteinander. Ich nehme ihren Anruf jetzt entgegen. Wenn es sonst klingelt, sind es Robo-Calls, Immobilienhaie, die sich über Todesanzeigen hermachen, oder Betrüger auf Beutejagd bei alten Leuten, die noch Festnetz haben.

 

Das vierstöckige Haus in Brooklyn, das Paul und ich dreißig Jahre lang ohne Unterbrechung bewohnten, in dem unsere Tochter, Sophie, aufwuchs, und wo Daniel, mein Stiefsohn, lebte, wenn er nicht bei seiner Mutter war, wurde über Nacht riesig. Lange Zeit haben wir beide hier ohne Kinder gewohnt, und das Haus fühlte sich weitläufig an, aber nicht zu groß. Beim Anblick der vielen Tausend unserer Bücher an den Wänden tun mir die Arme weh, als wäre mir gesagt worden, ich müsste sie in Kisten packen und allein irgendwohin tragen.

 

Als wir 1981 das erste Mal zusammenlebten, mieteten wir ein Apartment in den beiden obersten Etagen eines Hauses am Tompkins Place 18 in Cobble Hill, Brooklyn. Ich besaß damals sehr wenig, außer Büchern. Wir verschenkten alle Exemplare, die wir doppelt hatten, und das waren viele. Wir behielten die jeweils bessere Ausgabe. Ich erinnere mich, wie ich im Stillen dachte: Das bedeutet, dass wir wirklich zusammenbleiben müssen.

 

Sophie lebt jetzt mit ihrem Mann Spencer und ihrem Baby, dem am Neujahrstag 2024 geborenen Miles, im eigenen Haus in Bedford Stuyvesant, einem anderen Viertel von Brooklyn. Es wäre ganz und gar vernünftig, den dreien in der Halsey Street ein paar Räume dieses Hauses abzugeben, wenn so etwas denn möglich wäre, aber das ist es nicht.

 

Obwohl über die Jahre Möbel ersetzt wurden, ist die Einteilung der Zimmer in unserem Haus gleich geblieben. Küche und Bäder wurden renoviert, Stühle und Sofas neu bezogen, Wände gestrichen, aber das Gleiche hat sich mit der Zeit gegen das Andere durchgesetzt. Wenn ich mich allein durchs Haus bewege, imitiere ich die Rhythmen vor Pauls Tod in den Räumen nach seinem Tod. Das Haus ist ein reales Haus, aber es ist auch eine Architektur der Erinnerung.

 

Alle länger von denselben Personen bewohnten Häuser werden zu Zonen gestischer Wiederholung, von zubereiteten und verspeisten Mahlzeiten, hinausgebrachtem Müll und hereingeholter Post, an- und ausgestellten Kaffeemaschinen, Kesseln mit kochendem Wasser zum Aufgießen des Tees, Bettenmachen und Wäschefalten, Duschen und Baden, Zähneputzen und Gesichtwaschen und so weiter und so fort. Lauter Formen verkörperter Erinnerung. Ich verrichte diese banalen Aufgaben eine nach der anderen, ganz wie gewohnt. Meine Glieder bewegen sich. Ich atme ein und aus. Mein Herz schlägt. Die Gleichheit ist in meinen Bewegungen zu spüren, und es hat etwas Tröstliches, sie zu wiederholen, aber der Rhythmus dieser Tätigkeiten ist unregelmäßig geworden. Das Muster ist nicht mehr da. Ich habe die alte Zeiteinteilung verloren.

 

Jeden Sonntag kommen die «Kids» (Pauls und Siris Kürzel für Sophie und Spencer) zum Dinner.

 

Vorigen Sonntag waren sie zum Dinner hier. In der Frühlingsluft aßen wir Schwertfisch auf der Terrasse, während das Kid der Kids, Miles, noch ganz aus Milch gemacht, voller Staunen die Kletterhortensie anstarrte, gluckste, gesprächsähnliche Laute produzierte und an seiner Faust lutschte. Spencer besorgte den Abwasch. Am Montagmorgen öffnete ich die Spülmaschine, blickte auf drei saubere, ordentlich eingestellte Teller, und die Selbstbefragung begann. Gestern waren die «Kids» hier, Sonntag, wie üblich. Wo ist der vierte Teller? Ist er zerbrochen? Die Scherben eines blau-weißen Tellers schwebten mir als geistiges Bild vor Augen. Warum erinnere ich mich nicht? Ich stellte mir die Fragen allen Ernstes. Meine Verständnislosigkeit gründete in der Gewohnheit, und ich brauchte mindestens eine Minute, um mich wieder zu orientieren. Hätte mich jemand «Ist dein Mann tot?» gefragt, hätte ich sofort ja gesagt. Meine Verwirrung über den fehlenden Teller hatte mit dieser Gewissheit nichts zu tun. Sie kam von woanders, eine visuelle Wahrnehmung, die automatisch geworden war, und meine innere Erzählerin, diese bewusste «Stimme» im Kopf, folgte gehorsam.

 

Als meine Mutter gestorben war, griff ich jeden Tag spätnachmittags zum Telefon, um sie anzurufen. Aber tatsächlich wählte ich nie.

 

Paul liebte die Bibliothek im zweiten Obergeschoss unseres Hauses. Er war der Hauptverantwortliche für die Organisation der Bücher in diesem Raum, die ich zum Teil noch immer irrational finde. Im Frühsommer vor etwa fünfzehn Jahren hatte ihn ein Bedürfnis gepackt, die Bücher neu zu ordnen, nicht nur in der Bibliothek, sondern überall im Haus. Wir misteten viele hundert Bücher aus, die uns nicht mehr wichtig erschienen. Ich machte mehrere logische Vorschläge für ein System, darunter auch, sich einfach ans Alphabet zu halten. Wir schlossen einen Kompromiss, Klassifizierungen nach Genre, Sprache und Jahrhundert. Es brauchte Tage, alles zu organisieren. Eines Abends, wir waren beinahe fertig mit dem Projekt – nur wenige hundert Bücher lagen noch auf dem Boden der Bibliothek –, gingen wir schlafen. Gegen zwei Uhr morgens wachte ich auf. Keinen Paul neben mir findend, ging ich auf den Flur, bemerkte einen Lichtschein aus der Bibliothek, öffnete die Tür und sah ihn auf einer Leiter schwankend Bücher in die Regale schieben. Er hatte nichts an außer Boxershorts (sie müssen blau oder grün kariert gewesen sein). Ich lachte und sagte, er solle wieder ins Bett kommen. Das könne er doch morgens vollenden. Er blieb. Im Namen der Vollendung artete die «Ordnung» in Exzentrik aus.

Herrgott noch mal, wo ist Gertrude Stein?, brüllte ich ihn an.

Der Fernseher ist ebenfalls in der Bibliothek. Wenn wir zu Hause waren, schauten wir uns abends immer einen Film an. Paul pflegte mit einem digitalen Videorecorder Filme für mich aufzuzeichnen (auch das eine Technik, die ihm gefiel). Ich habe den hier, mit Lucille Ball, für dich aufgenommen. Hast du Lust darauf?

 

Wenn ich mich am Schreibtisch sitzend leicht nach links wende, sehe ich Pauls Handschrift auf einem Stück Papier, das eine seiner Dosen mit Schimmelpennincks ausgekleidet hatte, den Zigarillos, die er jahrzehntelang rauchte. Es ist an die Pinnwand vor mir geheftet, einen Raum für Treibgut und Strandgut – Postkarten, einige Kommentare zu meiner Ehrendoktorwürde, Ankündigungen von Preisen, drei alte Zeichnungen von mir, ein WE ARE SALMAN RUSHDIE-Button, ein YES WE DID aus der Zeit nach der ersten Obama-Wahl, Fotos von Paul und Sophie, von meinen Eltern und meinen Schwestern – Liv, Asti und Ingy (Ingrid) –, den Liebsten. Auf dem Zigarrenpapier: «Ich habe 17 Cent in meiner Tasche und die Kleider, in denen ich hier steh, aber ich habe eine Idee. Dames, Joan Blondell, 1934.»

 

In den frühen Tagen unserer Liebesbeziehung gingen Paul und ich überall in der Stadt ins Kino.

 

Eine Erinnerung, die wiederkehrt: 1981, nicht lange nachdem wir uns kennengelernt hatten, schauten wir uns Ein Baum wächst in Brooklyn im Thalia an, dem inzwischen geschlossenen, schmuddeligen, muffigen, aber liebenswerten Programmkino Ecke 95th Street und Broadway, das wir beide oft besucht hatten, ehe wir ein Paar wurden. War es leer oder voll? War es nachmittags oder abends? Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich nur, dass ich heiß verliebt war, elektrisiert von Pauls Anwesenheit neben mir, aber auch auf den Film konzentriert. In einer Szene holt die junge Heldin, Francie, die Rasierschale ihres toten Vaters im Barbershop ab. Ich weiß nicht, ob er ein kleines Geräusch machte oder Atem holte, aber ich wandte den Kopf, um nach meinem neuen Lover zu schauen, und ich sah einen heftigen Tränenstrom glatt über seine Wangen fließen, feuchtglänzend in dem von der Leinwand reflektierten Licht. Ich schaute sofort weg und fragte mich, wer ist dieser Mensch?

 

Ich wusste nicht, wer der Mensch war. Jahre später sollte ich zu ihm sagen: Du weinst in der Fiktion. Ich weine im Leben.

 

Ich habe keine Ahnung, wie man den Videorecorder bedient, obwohl ich es durch eine Suche der Bedienungsanleitung im Internet leicht lernen könnte. Es ist nicht meine Unkenntnis, die mich davon abhält, mich hinzusetzen, um jeden Abend einen Film zu schauen. Seit Paul gestorben ist, habe ich abends mit wechselnder Konzentration Bücher oder wissenschaftliche Aufsätze gelesen. Ich habe Radio gehört, habe einen öffentlichen Fernsehsender ohne Werbung eingestellt, am liebsten eine fade britische Krimiserie, der ich nur meine halbe Aufmerksamkeit schenke. Mich in einen Film zu vertiefen, würde bedeuten, eine gewohnte, aber jetzt von Löchern zerfetzte Erfahrung wieder zu erleben. Paul ist nicht da, um jeden Schauspieler, jede Schauspielerin auf dem Bildschirm beim Namen zu nennen, mir eine Geschichte über den Regisseur oder den Kameramann zu erzählen, auf eine Einstellung hinzuweisen und zu erklären, wie sie gemacht ist.

 

Ich will in der Bibliothek sterben. Ich stelle mir vor, ein Krankenhausbett hier hereinzubringen, sagte er, lange bevor das Krankenhausbett kam und noch ehe wir wussten, dass der Krebs zurückgekehrt war. Er wusste, dass er in diesem lichterfüllten Raum sterben wollte. Licht wurde ihm immer wichtiger, je mehr er sich dem Tod näherte.

 

Ich habe auf meiner Seite des Bettes geschlafen. Bisher habe ich mich nicht dabei ertappt, mehr Platz einzunehmen als gewöhnlich. Wenn ich aufwache, erwarte ich ihn nicht neben mir. Ich erwarte nicht, dass er ins Zimmer kommt. Ich weiß, ich kann ihn nicht herbeizaubern, so gern ich es auch würde. Ich habe seinen bevorstehenden Tod viel zu lange gefürchtet. Ich nehme den gleichen Platz in dem Bett ein, in dem wir Jahr um Jahr miteinander und beieinander schliefen. Es ist das Bett seines Schnarchens und, seltener, auch meines, das Bett seines halbbewussten Gemurmels in den letzten Monaten seines Lebens, das zu entschlüsseln ich mir alle Mühe gab, aber meistens nicht vermochte, außer dass er einmal sagte: Meloxicam – ein nichtsteroidales Antiphlogistikum, das er absetzen musste, weil seine Natriumwerte abzufallen drohten, das ihm aber große Erleichterung von den schlimmen Rückenschmerzen verschafft hatte.

 

Am 28. April, zwei Nächte bevor er starb, schliefen wir das letzte Mal zusammen in diesem Bett. Spencer rollte Paul ins Zimmer und half mir, ihn ins Bett zu heben. Spencer, Sophie und Miles waren gekommen, um bei uns zu bleiben. Nachdem ich zu Paul gekrochen war, streichelte er, wie mir schien, lange meine Hand und meinen Arm. Wir redeten. Er wollte, dass ich weiterlebe, lange lebe, noch mehr schreibe. In der Nacht wachte ich mehrmals auf und fühlte nach ihm, um mich zu vergewissern, dass er atmete. Das hatte ich immer bei Sophie gemacht, als sie ein Baby war. Sie macht es jetzt bei Miles. Sie schaut nach ihm. Ich will nur hören, dass er atmet.

 

Wann hat Paul gesagt: Das geht schneller, als ich dachte? Wobei «das» Sterben bedeutete. Vielleicht eine Woche vorher.

 

Er dachte, er hätte mehr Zeit. Er glaubte, noch Monate zu haben. Ich war mir sicher, das würde er nicht, aber ich sagte nichts. Schließlich kann niemand mit Sicherheit wissen, wie lange ein Mensch zu leben hat. Warum sollte ich eine Ahnung herausposaunen? Im März hatte Paul zu schreiben begonnen, und er hoffte, es würde ein kleines Buch werden: Briefe an Miles. Die fünfunddreißig Seiten, die davon existieren, sind größtenteils Geschichten über Miles’ Eltern Sophie und Spencer. Er wollte noch Geschichten über uns beide und andere Familienmitglieder schreiben, aber welche Gestalt die Briefe genau annehmen sollten, weiß ich nicht.

 

Er war nicht in der Lage fortzufahren. Anfang April schrieb er den letzten Brief an seinen Enkelsohn.

 

Am 17. Mai wachte ich erschrocken auf. Wo war ich? Nach einigen Sekunden panischer Angst begriff ich, dass ich mit dem Kopf am Fußende des Bettes lag und meine Beine gegen die Kissen stießen. Tags zuvor hatte ich zuversichtlich festgestellt: «Ich habe auf meiner Seite des Bettes geschlafen.» Hat mein schlafendes Selbst rebelliert? Nein, du schläfst nicht auf deiner Seite des Bettes. Dein Leben wurde auf den Kopf gestellt und du mit ihm. Schau nur, du streckst dich auf sein Gebiet aus, bist dabei, toten Raum zu usurpieren.

 

Ich habe meinen Geisteszustand «kognitive Splitterung» genannt. Es klingt wie ein Begriff, den Wissenschaftler für Trauer und deren Verwirrungen erfunden haben könnten.

 

Entschuldigen Sie bitte, ich habe kognitive Splitterung. Mein Mann ist kürzlich gestorben. Das Haus, das Bett, mein Körper, alles ist aus dem Gleichgewicht.

 

Dies ist das Haus, in dem wir einander von einer Etage zur anderen riefen, uns auf den grünen Sesseln im Salon sitzend unsere jeweiligen Manuskripte vorlasen, vor dem wir im Garten saßen, wo ich auf die frisch sich öffnenden Tulpen oder die Rosen in voller Blüte deutete, weil ich fürchtete, er könnte vergessen, einen Blick darauf zu werfen, und den Moment verpassen. Die Rosen blühen jetzt ohne ihn. Sie sind rosa und üppig und springen ohne ihn auf. Dies ist das Haus unserer kurzen und langen Gespräche, unserer Dispute und Liebeserklärungen, das Haus unseres Leidens an Ereignissen, die wir nicht kontrollieren oder verhindern konnten. Blitze schlagen ein. Wieder und wieder. Dies ist das Haus eines langanhaltenden Dialogs über die kleinen Dinge und die großen, eines Dialogs, der nun beendet ist.

 

Die Zeit vergeht. Sie vergeht anscheinend ohne mich. Will ich in ihr sein? Oder ist diese zeitliche Lähmung etwas, was ich brauche?

 

Am Sonntag, dem 19. Mai, schrieb ich folgende Notiz:

«Siri Hustvedt geht allein durchs Haus und spricht mit sich selbst. Sie fragt etwas und beantwortet es selbst. Die Frau, die jetzt einen Dialog alleine führt, erleidet einen intermittierenden Zusammenbruch. Nur Sekunden nach ihrem Lächeln über eine witzige Bemerkung, die sie zu sich selbst gemacht hat, blickt sie auf seinen Stuhl im Esszimmer, den blauen Stuhl, auf dem er jeden Morgen sein Frühstück und jeden Abend sein Abendessen einnahm, den Stuhl, unter dem Kratzer auf dem Fußboden sind, weil er schwer darauf saß und ihn manchmal im Sitzen verrückte. Die Kratzer, die sie geärgert hatten, bevor er starb, sind jetzt Spuren des Gewichts seines lebenden Körpers, nachdem er gestorben ist. Sie krümmt sich, die Arme über der Brust verschränkt, und brüllt die empfindungslosen Wände an: ‹Ich will dich zurück. Ich will dich zurück.›»

 

Trauer ist nicht konstant. Ich kann mich tagelang gegen den Sturm abschotten, und dann kommt ein scharfer Wind und haut mich um.

 

Noch mehr Kondolenzbriefe gehen ein, aber es werden weniger. Der große Stapel Post liegt auf dem Kaminsims im Esszimmer. Es tut mir so leid, von Pauls Hinscheiden zu hören. Alle benutzen dieses Wort, pass away. Soweit ich sagen kann, stirbt kaum noch jemand. Sie verscheiden. Als ich klein war, hörte ich Leute sagen: Er ist dahingeschieden. Meine Mutter hasste den Euphemismus. Menschen scheiden nicht dahin, sagte sie. Sie sterben. Sie sagte es voll Überzeugung, und ihre Stimme klang etwas heiser. Das ist die Stimme, die ich jetzt in meinem Kopf höre. Das englische away ist zumeist verschwunden. Die erste Definition, die ich im Wörterbuch von dem Wort pass als Verb fand, beschreibt eine Bewegung in eine bestimmte Richtung, und als Substantiv einen Akt oder Vorgang der Bewegung an etwas vorbei oder durch etwas hindurch. Es ist, als läse man Unsinn.

 

Ich lebe in einem Spukhaus, bewohnt von einem Geist, den Paul und ich zusammen erschaffen haben, einem «Wir», das nicht mehr existiert, jedenfalls nicht in der Gegenwart, das jedoch alle Räume durchdrungen hat. Es ist eine umarmende, sich berührende, Liebe machende, lachende, besänftigende, streitende, ruhig redende Doppelfigur aus der Vergangenheit mit geheimen Scherzen und Anspielungen, die nur «uns» bekannt sind.

 

Paul sagte einmal: Wenn wir noch hundert Jahre länger zusammenlebten, würden wir zu ein und derselben Person werden.

 

Wenn genau derselbe Gedanke in genau demselben Augenblick, ausgelöst durch denselben Katalysator, in unser beider Köpfen auftauchte, scherzten wir oft, wir seien wohl auf dem besten Wege zu dieser vereinigten Realität.

 

Aber auch Schatten von Dunkelheit und Ambiguität in ihm sind in mir gegenwärtig, während ich schreibe.

 

Menschen sterben. Diese Tatsache ist unbestreitbar. Was Zeit auch sein mag, und Argumente dafür, was sie ist oder nicht ist, gibt es viele, weiß ich doch, dass ich immer das Gefühl hatte, in der Zeit zu sein.

 

Die Gestalt der Zeit.

 

Am 24. April 2023 sagte uns Sophie, dass sie schwanger sei.

 

Spencer zufolge waren Paul und ich am 30. April 2023 zum Dinner bei den Kids in Bedford Stuyvesant. Wir hofften inständig, die Schwangerschaft möge halten. Genau ein Jahr später, um die gleiche Tageszeit, waren Sophie, Spencer, Liv, Asti, Ingy, Andrina, unsere Haushälterin, die kurz nach unserem Einzug für uns zu arbeiten begonnen hatte, die Hospizpflegerin Kettlie und der nichtsahnende Miles, einen Tag vor seinem Vier-Monats-Geburtstag, bei Paul in der Bibliothek, als er starb.

 

Paul sagte, als er ein Junge war, habe ihm seine Mutter die menschliche Fortpflanzung mit der Metapher vom gepflanzten Saatkorn erklärt, und Paul stellte sich seinen Vater als Farmer mit Strohhut und Mistgabel vor.

 

Miles wuchs in Sophie heran, wie sie in mir herangewachsen war. Die Gestalt der Zeit wird manchmal durch natürliche Rhythmen wahrgenommen, den Kreislauf der Jahreszeiten, Tag und Nacht, das Hin und Her der Gezeiten, den zu- und abnehmenden Mond, den Menstruationszyklus. Fruchtbarkeit ist zeitlich festgelegt; sie dauert nicht an. Ich denke an die wiederholten Zellteilungen und -vermehrungen, die mit der Zeit einen vollständigen Körper im Leib eines anderen Menschen bilden. In den ersten drei Monaten der Schwangerschaft wird der Embryo von dem ernährt, was mitunter womb milk – Gebärmuttermilch – genannt wird, eine lyrische Beschreibung der Nahrung, die von der Innenwand des mütterlichen Uterus produziert wird. Die Plazenta mit der Nabelschnur ist nicht vor der vierzehnten bis sechzehnten Woche ausgereift. Man stelle sich vor: Wir machen Menschen. In der Anfangsgeschichte von Sophies Schwangerschaft verwandelte sich in ihrem Inneren eine flache Zellschicht in eine ovale Keimscheibe, die schließlich zu dem Baby namens Miles heranwachsen sollte. Um die gleiche Zeit war Miles’ Großvater gerade fertig mit den Infusionstherapien, die das Wachstum des bösartigen Tumors in seinem Körper bremsen sollten. Bei Sophie verhießen die sprießenden Zellen ein Wesen, das außerhalb von ihr gedeihen konnte, während die Zellvermehrung bei ihrem Vater, wenn ungebremst, seinen sicheren Tod bedeutete.

 

Für Miles bin ich jetzt Mormor – das norwegische Wort für «Muttersmutter». Paul hat Papa gewählt. So nannte er seinen Großvater mütterlicherseits, den er liebte und über den er schrieb, Papa.

 

Pauls Großmutter väterlicherseits hat seinen Großvater ermordet, ein in der Auster-Familie über viele Jahre gehütetes Geheimnis. Es kam erst ans Licht, als eine von Pauls Cousinen auf einem Flug mit einem Fremden ins Gespräch kam. Der Mann kannte den Namen Auster aus Kenosha, Wisconsin, und erzählte ihr die Geschichte von dem Prozess gegen ihre Großmutter. Paul hat einem seiner Romane den Titel Die Musik des Zufalls gegeben. Ein offenes Ohr hört diese Musik überall. Im Flur auf der ersten Etage unseres Hauses hängen alte Bilder beider Familien, Pauls jüdischer Familie mit Wurzeln in Osteuropa, und meiner, von beiden Seiten aus Norwegen. In einem kleinen Rahmen steckt ein Foto von Pauls verblüffend gutaussehendem Großvater. Er war mit einer anderen Frau durchgebrannt und mit neuen Mänteln für seine Kinder zurückgekehrt. Pauls Großmutter erschoss ihren Mann, als er dabei war, eine Glühbirne zu wechseln.

 

Verrat, Wut und Mord in dem Buch, das Paul schrieb, als ich ihn kennenlernte, Die Erfindung der Einsamkeit. Seine Großmutter wurde freigesprochen. Paul sagte, als Junge habe er sich vor der kleinen, jähzornigen Frau gefürchtet. Er habe keine Zuneigung von ihr gespürt und keine für sie empfunden. So vieles von diesen Geschichten ist unbekannt. Hat es je Liebe zwischen der Großmutter und dem Großvater gegeben? War ihr Ehebett je eines der Lust oder lediglich der Pflicht? Was mag sie in all den Jahren gelitten haben?

 

Wir alle sind aus elterlichen Kopulationen entstanden, glücklichen, traurigen oder brutalen, und diese Vereinigungen werden Teil unserer eigenen Geschichten, ob sie uns laut erzählt werden oder nicht. Paul fühlte die traumatische Vergangenheit seines Vaters, lange bevor er etwas von dem Mord wusste. Wir fühlen oft, was wir nicht wissen und nicht sagen können. Die Geister der Vergangenheit zeigen sich oft in der Haltung, den Gesten, den Blicken und Worten eines Menschen, die sich dann mit der Haltung, den Gesten, Blicken und Worten eines anderen vermischen und zwischen ihnen etwas Eigenes schaffen, eine veränderliche gemischte Atmosphäre, die nicht das Produkt des einen oder des anderen ist, sondern beider. Pauls Vater Sam lebte hinter einem Schutzschirm, der ihm erlaubte, in der Welt zu funktionieren, aber Intimität war wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit für ihn.

 

Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty benutzt den Begriff Zwischenleiblichkeit (intercorporéité) für unsere verwickelten körperlichen Beziehungen mit anderen. Ich habe mich in meinen Arbeiten oft auf die Idee berufen. Als Paul im College war, hat er den Philosophen aufmerksam gelesen. Ich las Merleau-Ponty erst, nachdem wir verheiratet waren, und dabei fielen mir die Unterstreichungen meines Mannes auf, die nicht mit meinen mentalen Kursivierungen übereinstimmten. Paul hatte alles ausgelassen, was sich auf Neurologie bezog. Leseunterschiede.

 

Merleau-Ponty benutzt Schwangerschaft als eine Metapher, erörtert jedoch nie die Tatsache, dass menschliche Anfänge buchstäblich zwischenleiblich sind, aus zwei Körpern gemacht. Wir alle entwachsen einer diploiden Zelle, zwei in einer, entwickeln uns im nährenden Leib von jemand anderem und gehen aus dessen Körper hervor.

 

Ich fühle Paul als ein reißendes Loch in meinem Leib, von oben bis unten, als wären Teile von mir herausgeschnitten worden, aber ich fühle auch, dass er dort draußen sein sollte, jenseits meines Körpers. Ich will ihn in mich hineinziehen, aber da ist nichts zu umarmen. Der Gewohnheitskörper und der denkende Körper liegen im Widerstreit. Ich kann weiterhin gut denken. Meine innere Erzählerin duckt sich weg. Die Trauer-Splitterung hat sich nicht auf meine Fähigkeit ausgewirkt, über Fragen nachzudenken, die mich seit langer Zeit beschäftigen.

 

Als ich Paul kennenlernte, hatte er aufgehört, Philosophie zu lesen. Naturwissenschaftliches las er nie. Dafür las er pausenlos über Geschichte und Politik und betrieb gründliche Recherchen für die Sachbücher, die er in den späten Jahren seines Lebens schrieb. Er verschlang Berge von Wissen über Stephen Crane für sein Buch In Flammen und danach Tausende Seiten über Waffengewalt in den USA für Bloodbath Nation. Spencer (Ostrander) war durchs Land gereist, um Fotos von den Orten zu machen, wo Massenschießereien stattgefunden hatten. Inspiriert von dem Projekt, hatte Paul angeboten, daran mitzuarbeiten und einen Text zu den Bildern seines Schwiegersohns zu schreiben. Paul las auch Romane, aber nicht viele, und meistens die von Freunden.

 

Einmal sagte er, als er jung war, habe er sich darüber gewundert, dass die älteren Schriftsteller, die er kennenlernte, gleichgültig gegenüber den Werken aufstrebender, verheißungsvoller Dichter und Romanautoren waren, aber als er älter wurde, habe er verstanden, dass er allein durch sein frühes leidenschaftliches Lesen zum Schriftsteller geworden war.

 

Er sagte, ich läse so, wie er zu lesen pflegte, getrieben und unersättlich. Mein Leseinteresse an Neurowissenschaften, Neurologie, Psychiatrie, Medizingeschichte und Psychoanalyse war ihm fremd, und zu diesen Themen scheinen meine Gedanken unberührt von seiner Abwesenheit in mir weiterzuarbeiten.

 

Miles wird geboren. Paul stirbt. Ein Kreislauf der Zeit. Ich wusste, der Tod würde kommen, seiner oder meiner zuerst, aber ich rebelliere gegen die rohe Tatsache – ich spüre es in meinen Muskeln, Fasern, Knochen, im Kreislauf, Herzschlag und der Atmung. Ich bin eine Reaktionärin. Ich will, was war.

 

Ich vermisse nicht den jungen Paul, den Paul, den ich kennenlernte, so umwerfend er war. Ich sehne mich nach dem alten Mann, bevor die Krebsbehandlung ihn zerschmetterte. Ich bin nicht die sechsundzwanzigjährige Doktorandin, die ein paar Gedichte in Literaturzeitschriften veröffentlicht hatte, diejenige, die im Thalia neben ihrem Lover sitzend Ein Baum wächst in Brooklyn anschaute. Als er starb, war Paul nicht der vierunddreißigjährige Dichter, streng an der Arbeit, «Das Buch der Erinnerung» zu schreiben, den zweiten Teil von Die Erfindung der Einsamkeit.

 

Samstag, 8. Juni 2024. 13:50, 13:51. Ich sehe die Ziffern und beobachte, wie sie auf meinem Laptop wechseln, aber meine Lähmung dauert an. Ich bewege mich. Ich esse. Ich tue. Am 5. Juni flog ich nach Washington, D.C., weil ich Mitglied der Jury bin, die über den Berggruen-Preis für Philosophie und Kultur entscheidet, eine Million Dollar, womit jährlich jemand ausgezeichnet wird, der das Klima des Denkens in der Welt verändert hat. Ich war eine von mehreren Personen, die am 6. Juni zur Preisverleihung an Patricia Hill Collins, eine brillante Soziologin und eine meiner Heldinnen, eine kurze Rede hielt. Am Vorabend saß ich bei einem kleinen Essen neben ihr und fühlte mich geehrt. Ich genoss unsere Unterhaltung. Trauer und Depression gehen oft miteinander einher, aber in meinem Fall macht die Trauer Freude nicht unmöglich. Es war schön.

 

Trotzdem beherrschte mich ein Gefühl von Immobilität beim Gehen, Reden und Fliegen. Als ich meinen kleinen Koffer in den JFK Airport rollte, die Augen auf die Anzeigen gerichtet, die mich zum Ausgang wiesen, als ich weiterging, an einem nummerierten, buchstabierten Gate nach dem anderen, ihren Reihen von Aluminiumsitzen vorbei, auf Rollbänder stieg und wieder abstieg, kaum gewahr, was an plastikverpackten Backwaren, Flaschen mit Wasser, Saft, Limonade, Parfüms, Schuhen, Baseball-Kappen und T-Shirts voller Slogans in meiner peripheren Sicht auftauchte und wieder verschwand, entfaltete sich langsam eine Folge teilweise bewusster Erwartungen. Der vertraute Rhythmus meiner Füße, die Anspannung in der Schulter, während ich das Gewicht des Handgepäcks hinter mir herzog, die Anblicke, Geräusche und Gerüche dieser scheinbar endlosen Flughafengeographie mit der pauschalen Bedeutung Ich kehre nach Hause zurück lösten die Antizipation einer unmittelbar bevorstehenden Zukunft aus, die nicht stattfinden würde.

 

Ich hielt mir eine harsche Standpauke, um mich nicht am Boden zerstört wiederzufinden: Du wirst Paul nicht vom Uber aus anrufen, genau wie du ihn letzte Nacht vom Hotel aus nicht anrufen konntest, um von der Preisverleihung zu berichten, und wie sehr Dr. Patricia Hill Collins dir gefallen hat. Du wirst nicht zu ihm nach Hause kommen. Das Haus wird leer sein. Er wird nicht in einem der Zimmer auf dich warten. Es wird kein Geschichtenerzählen geben. Du wirst ihm nicht mitteilen, dass du nach der Zeremonie neben einem anderen Jurymitglied, dem leutseligen David Chalmers, in der Hotelbar gesessen hast, jenem Mann, der in den neunziger Jahren ein junger Philosoph war und inzwischen ein älterer Philosoph geworden ist – ein Mann, der in den Kreisen der analytischen Philosophie und Neurowissenschaften dafür berühmt wurde, die einfachen und schwierigen Probleme des Bewusstseins zu formulieren. Du wirst nicht mit Paul darüber scherzen, dass Professor Chalmers einen Cocktail namens «Das Letzte Wort» bestellte. Du wirst Paul nicht daran erinnern, dass sich das, was der junge Chalmers auf der Konferenz in Tucson 1994 für «das einfache Problem» hielt – die neuronalen Korrelate des Bewusstseins im Gehirn zu verorten –, als schwierig erwiesen hat. An dieser Front ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

 

Irgendwann in den frühen Nullerjahren sagte Paul: Siri, du bist vielleicht die einzige Person auf der Welt, die beides abonniert hat, das Journal of Consciousness Studies und die Vogue.

 

Im Auto setze ich meine Standpauke fort, um mich abzuhärten: Du wirst nicht mit Paul überlegen, was es zum Abendessen geben soll. Heute Nacht wirst du Pauls Hände nicht auf deinem Körper oder seine warme Haut an deiner spüren. Die Intimität, die sich über viele Jahre zwischen dir und ihm entwickelt und verändert hat, ist tot. Mit dieser unmittelbaren, dynamischen, zwischenleiblichen Realität ist es vorbei.

 

Merleau-Ponty schrieb über Trauer als eine Amputation, die ein Phantomglied generiert. Der Körperteil ist verschwunden, bleibt aber in den Sinnesempfindungen der Person vorhanden, eine Art sinnliche Halluzination des fehlenden Teils. In Über die Trauer vergleicht C.S. Lewis den Tod des geliebten Menschen mit der Amputation eines Gliedes.

 

Paul war krank, als er seinen letzten Roman, Baumgartner, beendete. Ab September 2022 setzte regelmäßig jeden Nachmittag ein Fieber ein, und er musste früh aufhören zu schreiben. Pauls verwitweter Held benutzt Amputation und Phantomglied als Metaphern für das Trauern um seine Frau Anna, die schon neun Jahre tot ist. Während Paul schrieb, erinnerte sich keiner von uns, weder er noch ich, an Merleau-Pontys Betrachtungen über Amputierte und ihre leiblichen Geister in seinem Werk Phänomenologie der Wahrnehmung, obwohl Pauls Romanfigur Sy Baumgartner ein Philosoph der nämlichen Tradition ist. Da ich mich jahrzehntelang mit Neurowissenschaften beschäftigt hatte, fragte Paul mich nach Aufsätzen und Büchern über Phantomglieder, und ich gab ihm mehrere Texte, vergaß aber Merleau-Ponty. Die Erinnerung kam wie ein mentaler Juckreiz, nachdem Paul gestorben war, vielleicht, weil ich jetzt wie Sy bin, Siri, um Paul amputiert, Paul, der in den wahrnehmenden, fühlenden, rhythmischen Realitäten, die ich ich nenne, dennoch gegenwärtig ist.

 

Diese Wahrheit ist mir unerträglich, und doch muss sie ertragen werden.

 

Warum habe ich so lange gebraucht, mein zeitliches Dilemma zu verstehen? Die Toten sind nicht in der Zeit.

 

Paul Auster (1947–2024).

 

Ging mit seinem Ende die gelebte Zeit in mir zu Ende?

 

Und doch sind Pauls Berührung, sein Reden, seine Ideen, seine Bücher, sein Humor jetzt Teil von mir, nicht nur als bewusste Erinnerung, sondern als Formen meines In-der-Welt-Seins. Er lebt in meinen Wahrnehmungen, meinen Gesten, meinem Gang und meinen Witzen. Und dies ist unheimlich: Er hat meine Worte, meine Berührung, meine Ideen, meine Bücher und meinen Humor, all die Veränderungen, die sein vier Jahrzehnte währendes Zusammenleben mit mir in ihm bewirkt hat, mit ins Grab genommen. Ich bin auch dort unten.

 

Wir überlagerten einander.

 

Dreiundvierzig Jahre. Ich habe die Zahl 43 benutzt, um zu erklären, was mit mir los ist. Seit Paul gestorben ist, bin ich von verschiedenen Leuten auf der Straße angehalten worden, die mir ihr Beileid aussprachen. Die meisten kannte ich. Andere nicht. Ich danke ihr oder ihm und sage dann bedeutungsvoll: Dreiundvierzig Jahre. Verstehen Sie, wir waren dreiundvierzig Jahre zusammen.

 

Eine Frau, die ich aus der Nachbarschaft kenne, bekundete mir auf der Straße ihr Mitgefühl.

Ich sagte: Ich bin Witwe.

Und sie sagte: Nein, nein, nein.

Ich sagte: Natürlich bin ich das. Ich bin Witwe. So nennt man das.

Ist Witwe neuerdings ein Wort wie Tod, eins, das die Leute nicht in den Mund nehmen wollen? Ich sah sie verständnislos an.

Und dann sagte ich: Dreiundvierzig Jahre.

Das war annehmbar für sie. Sie nickte mitleidig.

 

Könnte es sein, dass Trauer unsere Gefühle gegenüber anderen Leuten klärt? Während ich die Straße ein Stück weiter entlangging, dachte ich: Was für eine Idiotin.

 

Eine unterschwellige Wut geht mit meiner Trauer einher. Ich sehe ein, dass sie oft ungerechtfertigt ist.

 

Aber warum sage ich immer wieder dreiundvierzig Jahre, als deutete ich auf meinen Körper wie auf eine Quantität akkumulierter Paul-Jahre? Was sage ich da eigentlich? Ich weiß von einem Paar, das über vierzig Jahre zusammengelebt hatte. Eines Tages verkündete der Mann, er habe es satt, so zu leben, wie sie lebten, und schien entschlossen, seinen Abgang zu machen, nicht wegen einer anderen Frau oder eines Mannes, sondern um seiner selbst willen. Die Ehefrau, völlig überrascht, war untröstlich, und nach vielem Hin und Her lenkte der Mann ein. Sie blieben in einem heiklen Burgfrieden verheiratet. Paul hatte eine Tante und einen Onkel, die mindestens vier Jahrzehnte verheiratet waren, aber die meiste Zeit getrennt lebten. Sie trafen sich jeden Sommer für einen Monat. In der New York Times