1,99 €
Es ist die Zeit kurz nach dem Gemetzel am Little Big Horn, wo die vereinigten Dakota-Stämme der Sioux und Cheyennes einen ehrgeizigen Offizier, "Gelbhaar"-Custer oder auch "Boy-General" genannt, mit seinen 277 Kavalleristen bis auf den letzten Mann niedermachten. Längst hat die Armee die roten Teufel zurechtgestutzt und in Reservationen gepfercht, doch überall gärt es im Land. Der Kampf um die Macht zwischen Ranchern und Siedlern nimmt immer bedrohlichere Formen an. Und wer es sich leisten kann, holt sich Revolvermänner heran, die mit einer schnellen Kugel heiße Probleme auf ihre Weise lösen.
Dem ehemaligen Offizier und jetzigen Rancher Clint Marshal neiden sowohl Cattlemen wie Siedler den Aufschwung seiner Ranch und verdächtigen ihn des Rinderdiebstahls. Aus der Vergangenheit taucht ein Mann auf, der ihm auch hier keine Ruhe lässt und ihn mit Intrigen und brutaler Gewalt vernichten will. Doch Clints neue Freunde stehen ihm bei, und auch Janice Wagoner zeigt ihm in der Stunde der Gefahr mehr als nur das Lächeln einer tapferen jungen Frau ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
DIE FERNEN HÜGEL
Vorschau
Impressum
DIE FERNEN HÜGEL
Es ist die Zeit kurz nach dem Gemetzel am Little Bighorn, wo die vereinigten Dakota-Stämme der Sioux und Cheyennes einen ehrgeizigen Offizier, »Gelbhaar«-Custer oder auch »Boy-General« genannt, mit seinen 277 Kavalleristen bis auf den letzten Mann niedermachten. Längst hat die Armee die roten Teufel zurechtgestutzt und in Reservationen gepfercht, doch überall gärt es im Land. Der Kampf um die Macht zwischen Ranchern und Siedlern nimmt immer bedrohlichere Formen an. Und wer es sich leisten kann, holt sich Revolvermänner heran, die mit einer schnellen Kugel heiße Probleme auf ihre Weise lösen.
Dem ehemaligen Offizier und jetzigen Rancher Clint Marshal neiden sowohl Cattlemen wie Siedler den Aufschwung seiner Ranch und verdächtigen ihn des Rinderdiebstahls. Aus der Vergangenheit taucht ein Mann auf, der ihm auch hier keine Ruhe lässt und ihn mit Intrigen und brutaler Gewalt vernichten will. Doch Clints neue Freunde stehen ihm bei, und auch Janice Wagoner zeigt ihm in der Stunde der Gefahr mehr als nur das Lächeln einer tapferen jungen Frau ...
Schon von weitem sieht Pat O'Mulligan den Reiter über die Hügel kommen und erkennt den hochbeinigen stahlgrauen Hengst, der auf so unnachahmliche Weise in einem verhaltenen, abrollenden Galopp geht. Er stapft aus dem Küchenbau ins Freie, nicht ohne zuvor einen verbeulten Hut aufgestülpt zu haben.
In seiner gedrungenen, muskulösen Gestalt ist er ganz ein Sohn der grünen Insel, und es gibt Leute, die ihm auch aus Erfahrung das aufbrausende Temperament eines typischen Iren bestätigen können. Dabei verrät sein breites Bullenbeißergesicht eine gehörige Portion Gutmütigkeit. Nur die rostroten Fransen, die seine blanke Schädelmitte umgeben, mahnen zur Vorsicht. Rotschöpfe sind meistens unberechenbar, wenn man auch bei Pat O'Mulligan kaum noch von einem Schopf im eigentlichen Sinne sprechen kann.
Er bringt aus den Tiefen seiner Hosentaschen einen Strang zerblätterten Tabak und ein Ungetüm von Klappmesser zum Vorschein, schneidet sich ein Stück ab und lässt es hinter den Backenzähnen verschwinden. Dann beugt er sich ächzend zu seinem linken Bein hinab und schnallt die Manschette des Holzstumpfes fester, der ihm den linken Unterschenkel ersetzen muss. Dieses Bein hatte der Master-Sergeant Patrick O'Mulligan am Belle Fourche River gelassen, wo die Armee die Minencamps in den Black Hills gegen die Kriegshorden von Red Cloud zu schützen hatte. Es war sein ganz privater Tribut an die blutige Geschichte des Bozeman-Weges gewesen.
Der Reiter hat inzwischen die äußeren Korrals erreicht und treibt seinen grauen Hengst in federndem Sprung über den schmalen Bach, der die Ränder der Korrals schneidet und sie so gleichzeitig mit Wasser versorgt. Dann erst lässt er das Pferd in Schritt fallen und reitet auf den geräumigen Hof. Er ist ein hochgewachsener Mann mit starkem, schmalem Gesicht und ruhigen, offenen Augen, und seine Art, mit langgeschnallten Bügeln locker im Sattel zu sitzen, verrät eine langjährige Kavallerieschulung, die kein Mann so rasch wieder abstreifen kann.
Mit zwei Schritten ist Pat O'Mulligan bei dem Pferd und fasst es an der Trense.
»Was gibt's, Boss?«, fragt er.
»Nichts Gutes«, gibt Clint Marshal ernst zurück, während er sich aus dem Sattel schwingt. »Ich habe mich im Norden bei den Leuten am Elk Creek umgesehen und keinen sehr herzlichen Empfang gefunden.
Wenn jemand mehr als tausend Rinder besitzt, dann gehört er für diese närrischen Burschen schon zu den großen Rinderleuten, und sie trauen ihm nicht mehr. Aber einiges habe ich trotzdem herausgefunden. Es laufen Gerüchte um, dass sich drüben im Bighorn Basin ein Rinderkrieg anbahnt. Angeblich sollen sich in Lander bereits einige Dutzend Revolverhelden aufhalten, die von der Stockmen Association angeworben worden sind. Das ließe sich sogar haargenau mit dem vereinbaren, was wir selbst aus Casper erfahren haben.«
»Ein großer Rinderkrieg? Das hat uns noch gefehlt«, poltert der Ire los. »Denkst du, dass sich unter solchen Umständen der Weidekrieg noch auf ein begrenztes Gebiet eindämmen ließe?«
»Bestimmt nicht«, erwidert der Besitzer der Shamrock-Ranch bitter. »Ein kleines Buschfeuer kann man vielleicht noch bekämpfen, aber ein richtiger Präriebrand springt auch über Hindernisse hinweg und ist nicht mehr aufzuhalten – wenn man ihn nicht schon im Keim ersticken kann«, setzt er nach einer gedankenvollen Pause hinzu.
Pat O'Mulligan schabt mit dem Handrücken über sein stoppeliges Kinn.
»Wenn's weiter nichts ist«, knurrt er mit gallebitterer Ironie. »Dazu braucht man ja nur ein halbes Dutzend wahnwitziger Narren zur Vernunft zu bringen und die Viehdiebstähle der letzten Zeit aufzuklären. Siehst du da eine Schwierigkeit, Clint?«
»Natürlich nicht«, stimmt Clint Marshal in dem gleichen ironischen Tonfall ein. »Nur müssten wir uns dabei etwas beeilen, damit wir unsere Unschuld an den Viehverlusten früh genug beweisen können.«
»Ehe die CC-Ranch und die anderen Großranches uns auf den Hals kommen, meinst du?«
»Jedenfalls wird der Verdruss nicht mehr lange auf sich warten lassen«, gibt Clint Marshal bitter zurück. »Wo steckt eigentlich Joker?«
»Er ist gleich nach dir weggeritten – zur Stadt, wie er sagte. Er wollte sich bei Jeremy Farady nach Neuigkeiten aus Casper umhören, aber ich nehme an, dass es ihm um das Dumont-Mädel ging.«
»Um Pearl?« Clint Marshals Miene verrät Besorgnis und Verärgerung. »Muss dieser verwegene Streithammel denn immer den Teufel am Schwanz ziehen? Warum hast du ihn nicht zurückgehalten, Pat? Du weißt doch genau, was dabei herauskommt, wenn die Dumont-Brüder ihre Schwester zusammen mit Joker erwischen.«
Pat O'Mulligan zuckt mit den Achseln.
»Hast du schon einmal versucht, einen verliebten Kater einzusperren, Boss? Übrigens, fast hätte ich etwas vergessen: Vor ungefähr zwei Stunden sah ich im Südosten zwei Männer vorüberreiten. Erkennen konnte ich sie nicht, denn sie waren etwa eine Meile entfernt, doch sie schienen vom Elk Butte herüberzukommen und dem Creek aufwärtszufolgen, denn sie schlugen die Richtung zum Cloud Peak ein. Wenn du mich fragst, Boss, es gefällt mir nicht, dass irgendwelche Burschen auf der Shamrock-Weide spazieren reiten und dabei der Ranch selbst aus dem Weg gehen.«
Nachdenklich schaut Clint Marshal in die angegebene Richtung. »Du denkst an Viehdiebe, Pat?«, erkundigt er sich.
Wieder zuckt der Ire mit den Achseln. »Dann hätten sie sich wahrscheinlich nicht so offen blicken lassen.«
»Das meine ich auch. Sie hätten eine Menge Möglichkeiten gehabt, ungesehen an der Shamrock-Ranch vorüberzureiten. Außerdem ist der Boden vom Regen aufgeweicht, und jedes Greenhorn könnte der Fährte davongetriebener Rinder folgen.«
»Ob sie dann hinüber ins Bighorn Basin wollten?«
»Das hätten sie weiter im Süden bequemer haben können.«
»Zum Teufel«, begehrt der Ire auf. »Welche Erklärung gäbe es denn sonst noch?«
»Ich sehe nur eine einzige«, gibt Clint Marshal lakonisch zurück. »Sie wollten gesehen werden.«
»Was ist das nun wieder für eine verrückte Idee?«
»Hast du eine bessere, Pat?«
Zornig spuckt der Ire einen Strahl Tabaksaft zur Seite, ehe er zögernd einräumt: »Das nicht, aber was sollten diese Burschen damit bezwecken?«
»Vielleicht wollten sie uns einen Anreiz geben, das herauszufinden. Fast alle Ranches haben ihren Frühjahrs-Round-up bereits beendet. Kriege brechen meistens los, wenn die Ernte eingebracht ist. Und im Rinderland nehmen die Fehden ihren Anfang, wenn die gröbste Arbeit geschafft ist. Gibt dir das nicht zu denken?«
»Boss«, krächzt Pat O'Mulligan erregt. »Was hast du vor?«
»Zumindest werde ich mir noch vor Einbruch der Dunkelheit die Fährte dieser Kerle näher ansehen. Und wenn es dabei irgendwelchen Verdruss geben sollte, nun, auf der eigenen Weide wird uns daraus niemand einen Vorwurf machen können, nicht wahr?«
Fünf Minuten später hat Clint Marshal seinen grauen Hengst in den Stall gebracht und sich aus dem Sattelkorral ein frisches Pferd geholt. Aber auch Pat O'Mulligan lässt sich nicht davon abhalten, es ihm nachzutun. Er hat bereits einen starkknochigen Wallach am Holm angebunden und schleppt seinen eigenen Sattel heran, der auf der linken Seite an Stelle eines Steigbügels eine Art Lederfutteral trägt, an dem ein Armeesporn befestigt ist. Denn abgesehen von der Tatsache, dass der Ire seit dem Verlust seines linken Unterschenkels von rechts aufsitzen muss, hat er es nie aufgegeben, seine Sattelarbeit so zu verrichten, als ob er noch im Besitz aller Gliedmaßen wäre.
Als sie wenig später vom Hof reiten, steckt Pat O'Mulligans Holzstumpf in dem Futteral, und er selbst zeigt eine Haltung, als ob er noch immer an der Spitze einer Kavallerie-Abteilung ritte.
✰✰✰
»Hier ungefähr muss es gewesen sein«, sagt Pat O'Mulligan zehn Minuten später, als sie in verhaltenem Galopp etwa eine Meile zurückgelegt haben. »Ich glaube, sie sind dort drüben über die Kuppe geritten.«
Jenseits der Kuppe ist am Fuße des Hangs deutlich die Fährte dreier Pferde auszumachen. In Windungen zieht sie sich über Bodenwellen und durch Buschflächen hin, wo die beiden Reiter nun immer wieder Rudel von Weiderindern aufscheuchen.
»Was haben diese Burschen nur vor?«, wundert sich Pat O'Mulligan, der dicht zu seinem Boss aufgeschlossen hat. »Sie scheinen sich um die Rinder zu kümmern, aber sie haben keines weggetrieben, soweit man erkennen kann. – Hier, sieh dir das an, Boss! Da scheinen sie eine Kuh eingefangen und dann wieder freigelassen zu haben.«
»Yeah«, erwidert Clint Marshal wortkarg, indem er die Abdrücke am Boden auf seine Weise deutet, »es muss ein ziemlich starkes Tier gewesen sein, und sie haben es mit dem Bullwurf gelegt.«
»Da drüben, die Kuh«, sagt Pat O'Mulligan mit finster zusammengezogenen Brauen. »Sie hinkt und hat eine Schwellung am Gelenk.«
Auch in Clint Marshals Miene kommt der aufwallende Zorn zum Ausdruck, als er das bezeichnete Tier näher in Augenschein nimmt. Tatsächlich ist das Hinken der Kuh unverkennbar. Sie schont deutlich das rechte Vorderbein, dessen Sprunggelenk stark angeschwollen ist. Es handelt sich um eine ziemlich große und offenbar schon ältere Longhornkuh mit noch verhältnismäßig dichtem und zottigem Winterfell, die gleich zwei Kälber bei sich hat. Beide Kälber zeigen das frische Brandzeichen der Shamrock-Ranch, es ist ein vierblättriges Kleeblatt, während bei dem Muttertier der Brandstempel nicht mehr ganz so klar auszumachen ist.
»Diese elenden Schinder!«, knirscht der Ire. »Eine säugende Kuh mit einem Bullwurf einzufangen!«
»Die beiden Kälber«, knurrt Clint Marshal, »sie sind der Grund. Dabei sollten diese Narren doch wissen, dass eine Kuh niemals ein fremdes Kalb annimmt. Nur weil Zwillingsgeburten bei Rindern nicht so oft vorkommen und das Brandzeichen der Kuh vom Sattel aus nicht klar genug zu erkennen war, haben sie sie geworfen.«
Wütend schnaubt der Ire: »Das sieht ja ganz so aus, als ob die Kerle unseren Viehbestand inspizieren wollten. Boss, müssen wir uns das gefallen lassen? Oder wollen wir ihnen diesen Zahn schleunigst ziehen?«
Clint Marshal antwortet nicht mehr. Durch eine leichte Gewichtsverlagerung hat er seinen Falben bereits in Galopp gesetzt und reitet auf eine Kerbe zwischen zwei Bodenwellen zu, durch die auch die Fährte der drei Reiter verläuft. Wenige Minuten darauf stoßen sie an einem Wasserloch nochmals auf die Spuren eines ähnlichen Geschehens. In wirren Schlangenlinien verläuft die Fährte der drei Reiter immer wieder dorthin, wo sich Rinderrudel aufhalten.
»Da«, stößt der Besitzer der Shamrock-Ranch hervor, »dort drüben an der Waldecke sind sie!«
Gemeinsam reiten sie daraufhin im Galopp. Bei Regen hat der größte Teil der Rinder den Schutz der Buschflächen gesucht. Nur wenige Rudel halten sich in der offenen Senke auf, und auch sie haben sich zumeist zum gegenüberliegenden Rand zurückgezogen, wo sich der Waldbestand am Hang weit herab erstreckt. Und dort sind auch die drei Reiter bei der Arbeit.
Rasch schmilzt die Entfernung zusammen. Nur noch fünfzig Yards beträgt der Abstand, als Clint Marshal seinen Falben in Schritt fallen lässt. Pat O'Mulligan drängt seinen Wallach so dicht heran, dass ihre Bügel sich berühren, und er knirscht mit grimmerstickter Stimme:
»Boss, das ist unser besonderer Freund Percy Chase von der Bull-Skull-Ranch. Den Kerl mit dem grauen Gesicht kenne ich nicht, aber der andere ist Mike Calvert. Er war den Winter über ohne festen Job und ist trotzdem im Powder-River-Land geblieben. Nun scheint er wieder auf der Lohnliste der Bull-Skull-Ranch zu stehen.«
»Es sieht ganz so aus«, gibt Clint Marshal rau zurück. »Behalte die beiden im Auge, während ich mit Chase rede, Pat.«
Percy Chase ist ein großer, erschreckend hager wirkender Mann, der mit hängenden Schultern und vorgebeugter Haltung im Sattel sitzt. Er hat krauses schwarzes Haar, dunkle Augen und einen breiten, dünnlippigen Mund. Für den Posten eines Vormanns auf der großen Bull-Skull-Ranch ist er noch verhältnismäßig jung – dreißig etwa – doch seine Stirn ist zerfurcht, und an seinen Augenwinkeln zeigen sich viele kleine Fältchen. Er wäre auf eine gewisse männlich harte Art hübsch zu nennen, wenn nicht sein verkniffener Mund etwas hämisch wirkte und die Art, wie er das kantige Kinn vorschiebt, auf eine gehörige Portion von Rücksichtslosigkeit schließen ließe.
»Hallo, Chase«, sagt Clint Marshal, als er seinen Falben zum Stehen gebracht hat, »machen Sie das öfter?«
Die dunklen Augen des Vormanns werden schmal. »Was?«, entgegnet er kalt, ohne den Gruß zu erwidern.
Auch Clint Marshal bemüht sich nicht mehr, die offene Feindseligkeit der Atmosphäre zu dämpfen.
»Dass Sie im Regen auf fremdem Weideland spazieren reiten«, gibt er mit aufreizender Gelassenheit zurück. »Denn wie Pat mir sagte, treiben Sie sich schon seit mehr als zwei Stunden auf der Shamrock-Weide herum. Oder haben Sie sich vielleicht verirrt? Der Weg zur Bull-Skull-Ranch führt drüben um den Elk Butte herum.«
Die Anzüglichkeit dieser Worte ist nicht zu überhören. Nur Percy Chase scheint begriffsstutzig zu sein.
»Wir uns verirrt?«, fragt er gedehnt. »Sie machen Witze, Marshal. Nein, wir sehen uns nur nach Kälbern um, die sich vielleicht versehentlich auf die Weiden von Drei-Kühe-Ranchern verirrt haben könnten. Sie haben doch nichts dagegen?«
Unbewegt blickt Clint Marshal ihn an. Noch zeigt sich in seiner Miene nichts von der kochenden Empörung. Nur seine Haltung hat sich unmerklich gespannt.
»Was würden Sie sagen, wenn ich doch etwas dagegen hätte, Mister?«
Percy Chase blickt sich nach seinem linken Nebenmann um und zeigt ein dünnes Lächeln, so scharf wie ein Skalpiermesser.
»Dann ...«, er lässt das Wort förmlich auf der Zunge zergehen, »müsste ich annehmen, dass sich solche Kälber vielleicht doch nicht ganz zufällig auf die Shamrock-Ranch verirrt hätten, Marshal. Mich würde das nicht weiter wundern – im Gegenteil, es wäre nur eine Bestätigung dessen, was ich insgeheim schon lange vermutet habe. Aber was das für die öffentliche Meinung bedeutet, können Sie sich sicher selbst ausrechnen.«
Noch immer zuckt kein Muskel in Clint Marshals Gesicht, dafür jedoch klingt seine Stimme gefährlich sanft, als er sagt:
»Chase, ich habe genug von Ihnen und Ihren üblen Verdächtigungen. Wenn Sie sich jetzt nicht auf der Stelle ...«
»Mr. Marshal«, fällt ihm der Mann mit dem grauen, verwitterten Gesicht ins Wort und lässt dabei seinen Kastanienbraunen vorwärts tänzeln, »hatten Sie eigentlich eine gute Kälberernte?«
Abschätzend blickt Clint Marshal ihn an.
»Allerdings«, erwidert er hart. »Eine sehr gute sogar. Davon haben Sie sich inzwischen doch längst überzeugen können, Mister. Aber ich habe auch für jedes Kalb eine Kuh, eine Kuh mit dem Shamrock-Brand. – Würden Sie mir jetzt vielleicht verraten, wer Sie sind, Mister?«
Voller Schadenfreude bleckt Percy Chase die Zähne.
»Dies ist Mr. James Corcoran«, stellt er in gehässigem Tonfall vor. »Er ist Weidedetektiv. Wir haben ihn uns von der Stockmen Association im Bighorn Basin ausgeborgt. Gefällt Ihnen das, Marshal?«
»Boss«, knirscht Pat O'Mulligan, »mir gefallen zumindest die Fragen nicht, die dieser Bursche stellt. Ob wir ihm das auf irgendeine Art beibringen können?«
James Corcoran streift den Iren mit einem beinahe belustigten Blick, dann kehrt der Ernst in seine Miene zurück, und er sagt:
»In den wesentlichen Punkten stimmt es, was Chase gesagt hat, Mr. Marshal. Ich bin Weidedetektiv und übe diesen Job bereits seit einigen Jahren aus. Aber ich bin selbstständig in meiner Arbeit und nehme von niemandem Befehle entgegen, um das hier gleich klarzustellen. Nun hätte ich da eine Frage an Sie.«
Irgendwie imponiert Clint Marshal die Beherrschung und ruhige Überlegenheit dieses Mannes.
»Also dann«, sagt er nüchtern. »Fragen Sie, Corcoran.«
Der Weidedetektiv zeigt ein ernstes Lächeln, das zwischen ihnen eine Brücke des Verständnisses schlägt.
»Haben Sie eine Erklärung dafür, warum der Kälberertrag Ihrer Nachbarn weitaus geringer ausgefallen ist als der Ihre, Mr. Marshal?«
»Yeah, die habe ich«, erwidert Clint mit erzwungener Ruhe. »Auf der Shamrock-Ranch gibt es keinen Winterschlaf wie auf den großen Ranches hier im Powder-River-Land.«
»Winterschlaf?«, echot James Corcoran. »Sie meinen, dass Sie sich auch im Winter um Ihr Vieh kümmern? Ich gebe zu, dass dadurch gewisse Ausfälle vermieden werden, natürliche Verluste, die hier auf der Hochprärie bisher als unvermeidlich betrachtet wurden. Aber nach den vorläufigen Ergebnissen der Frühjahrszählung hat die Bull-Skull-Ranch zum Beispiel in den Wintermonaten schätzungsweise tausend Stück Vieh verloren. Und so streng war dieser Winter nicht, dass derartige Einbußen zu erklären wären.«
»Davon habe ich auch gar nicht geredet«, entgegnet Clint Marshal trocken. »Ich spreche davon, dass es hier üblich geworden ist, die Weidemannschaften im Winter zu entlassen und erst im Frühjahr wieder neue Leute einzustellen. Fragen Sie Mike Calvert. Wenn ich nicht irre, ist er in den vergangenen Monaten auch ohne Job gewesen. Einige hundert Quadratmeilen Weideland blieben also unbewacht.«
»Also doch Viehdiebstähle in großem Maßstab?«, fragt der Weidedetektiv gespannt.
»Das sollen die Leute entscheiden, die solche Verluste haben hinnehmen müssen«, gibt Clint Marshal verdrossen zurück. »Wenn ich etwas Derartiges äußerte, dann wäre damit zugleich eine Verdächtigung verbunden, und dazu sehe ich keine Veranlassung. Ich komme zurecht, und somit löffle ich nur die Suppe aus, die ich mir selbst eingebrockt habe.«
»Das könnte ein gefährlicher Standpunkt sein – dann nämlich, wenn man sich damit zwischen zwei Stühle setzt.«
Clint Marshal nickt bitter. »Lassen Sie nur die Katze aus dem Sack, Corcoran. Man verdächtigt die Siedler, Squatter und Kleinrancher, nicht wahr? Und ich werde von den großen Burschen auch dieser Gattung zugerechnet. Nur habe ich das Pech, dass andererseits diese kleinen Leute mich als Rindermann betrachten. Sollte ich also Ihrer Meinung nach Anschluss an eine der Parteien suchen?«
