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Seit Jahrzehnten erfreut sich das Genre des Heimat-Bergromans sehr großer Beliebtheit. Je hektischer unser Alltag ist, umso größer wird unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben, wo nur das Plätschern des Brunnens und der Gesang der Amsel die Feierabendstille unterbrechen.
Zwischenmenschliche Konflikte sind ebenso Thema wie Tradition, Bauernstolz und romantische heimliche Abenteuer. Ob es die schöne Magd ist oder der erfolgreiche Großbauer - die Liebe dieser Menschen wird von unseren beliebtesten und erfolgreichsten Autoren mit Gefühl und viel dramatischem Empfinden in Szene gesetzt.
Alle Geschichten werden mit solcher Intensität erzählt, dass sie niemanden unberührt lassen. Reisen Sie mit unseren Helden und Heldinnen in eine herrliche Bergwelt, die sich ihren Zauber bewahrt hat.
Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:
Alpengold 168: Der gestohlene Hof
Bergkristall 249: Dem anderen war sie versprochen
Der Bergdoktor 1693: Du lügst, wenn du von Liebe sprichst
Der Bergdoktor 1694: Der falsche Freund
Das Berghotel 105: Hand in Hand durchs Leben
Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 594
Veröffentlichungsjahr: 2020
Andreas Kufsteiner, Dunja Wild, Christian Seiler, Verena Kufsteiner
Heimat-Roman Treueband 10 - Sammelband
Cover
Impressum
Du lügst, wenn du von Liebe sprichst
Vorschau
Du lügst, wenn du von Liebe sprichst
Marlene kann ihrem Mann nicht mehr vertrauen
Von Andreas Kufsteiner
Marlenes Hände zittern, als sie die hirschlederne Joppe ihres Mannes vom Garderobenhaken nimmt und die Taschen durchsucht. Noch vor ein paar Wochen hätte sie es niemals für möglich gehalten, dass sie Julian einmal hinterherschnüffeln würde. Doch seit sie erfahren hat, dass er sich mit einer bildschönen fremden Frau im Café getroffen hat, ist Marlenes Vertrauen tief erschüttert.
In diesem Moment geht die Tür auf, und Julian steht auf der Schwelle. Aus seinem Gesicht weicht alle Farbe. »Was wühlst du in meiner Jacke herum?«
Es war der vierte Januar, ein kalter und klarer Tag.
Die Wintersonne konnte kaum etwas gegen den klirrenden Frost ausrichten, der das Hochtal rund um St. Christoph in seiner eisigen Faust hielt. Aber das leuchtende Winterblau des Himmels und die schneeweiße Pracht der verschneiten Alpenlandschaft waren von so makelloser Schönheit, dass sich niemand über die Minustemperaturen beschwerte. Man konnte sich ja dicke Strickpullis anziehen und die dick wattierten, gesteppten Daunenjacken hervorholen, die selbst einem scharfen Nordostwind trotzten.
Falls es von innen her zu kalt wurde oder wenn Erkältungen drohten, halfen über Tag heißer Tee oder abends am Kachelofen ein Glas Punsch.
Derzeit war bei den Dörflern das »Almräuscherl« der Renner: Heiße Schokolade, nicht zu stark gesüßt, mit einem gut eingeschenkten Stamperl Marillenlikör. Wer wollte, konnte das fabelhafte Getränk mit einem Sahnehäubchen garnieren. Manche streuten auch noch ein paar Schokoladenflöckchen obendrauf. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.
Im Gasthaus »Zum Ochsen« mitten im Dorf servierte Wirt Joschi Althöfer persönlich seine Eigenkreationen, entweder mit einem Schuss Rum oder mit Kräuterschnaps aus eigener Brennerei. Viele meinten jedoch, am besten sei immer noch die Marillen-Variante.
Ganz Mutige tauschten den Marillengeist gelegentlich gegen einen hochprozentigen, hausgebrannten Birnenschnaps aus, um auch einmal ein anderes »Räuscherl« zu probieren.
Diejenigen, von denen man es eigentlich gar nicht erwartet hätte, mixten sogar Marillen- und Birnengeist, taten aber scheinheilig so, als sei ihnen der Kakao pur am liebsten: »Mir genügt ein bisserl heißer Kakao, mehr brauch ich gar net! Man muss ja net immer ein Schnapserl hineingeben!«
Kinder bekamen das derzeitige Winter-Getränk mit einem Löffel Fruchtgelee oder Saft. Ein Hauch Zimt sorgte für das richtige Aroma. Die restlichen, trockenen Lebkuchen und Kipferln vom Weihnachtsfest wurden wieder schmackhaft, wenn man sie zusammen mit dem Almräuscherl zu sich nahm.
Jackl Breitmeyer war nicht nur seit fünfzehn Jahren Großknecht auf dem Kanderberg-Hof, sondern auch ein begeisterter Hobby-Koch, falls es seine Zeit erlaubte. Denn in erster Linie war natürlich die Arbeit auf dem Hof an der Reihe.
Wahrscheinlich war Jackl der einzige Knecht im ganzen Zillertal, der es verstand, köstliche Gerichte zu zaubern. Obendrein mixte er gern Getränke jeder Art. Deshalb war er auch mit Begeisterung auf den Almräuscherl-Zug aufgesprungen.
Er gab in den heißen Schokoladentrunk entweder Walderdbeer- oder Wildkirsch-Likör oder puren, eingedickten Saft von Schwarzen Johannisbeeren, die sommers im riesigen Obstgarten hinter dem Hof geerntet und dann eingekocht wurden.
Für Jackl war’s außerdem selbstverständlich, das Ganze mit Rahm abzurunden, sozusagen als Krönung. Es war auch keine gewöhnliche Sahnehaube, die er auf den Becher setzte. Eine Prise Vanille, selbstverständlich die echte Bourbon-Vanille, machte aus dem Rahmtupferl einen echten Genuss.
Heute hatte er Marie, die Hauserin, auf einen Becher Wildkirsch-Räuscherl eingeladen.
Es war Nachmittag, die Dämmerung glitt wie ein blauer Schatten über die weißen Gipfel. Rotgolden ging die Sonne an diesem prachtvollen Wintertag unter. Wer einen Blick für die Schönheiten der Natur hatte, fühlte sich in ein Wintermärchen versetzt.
Jackl logierte auf dem altehrwürdigen Alpenhof der Familie Stolzinger-Bender in einer sehr gemütlichen Wohnung, Parterre links, etwas abseits von den anderen Räumlichkeiten.
Innerhalb dieser Wohnung, die er regelmäßig selbst renovierte, besaß er eine eigene Küche. »Klein, aber mein«, wie er gern betonte. Wenn er nicht zusammen mit dem jungen Ehepaar Bender und den Eltern Stolzinger aß, dann brutzelte er selbst etwas zusammen.
Ab und zu wurde er von der Familie gebeten, in der großen Hauskuchl den Kochlöffel zu schwingen. Er hatte immer wieder gute Einfälle, sogar wenn es darum ging, Reste vom Vortag zu verarbeiten.
Vom Alter her passten der stattliche Knecht, der auf den altertümlichen Namen Jakobus getauft worden war, und die fesche Marie gut zusammen. Er war zweiundvierzig, sie Ende dreißig, beide ledig, wenn auch nicht aus Überzeugung.
Mit den jeweiligen Liebsten hatte es sich nicht so gefügt, wie es hätte sein sollen. Nur Ärger und dann die Trennung anstelle Hochzeit und Eheglück, so war’s bei ihnen beiden gewesen. Weil dieses leidige Schicksal sie miteinander verband, kamen sie ausgesprochen gut miteinander zurecht, denn jeder hatte Verständnis für den anderen.
Nun saßen die zwei am Fenster in Jackls Wohnstube und schauten hinaus, während der Geruch nach heißer Schokolade süß und verlockend durch den Raum zog.
»Es wär mir recht, wenn du bei mir bleiben würdest, Marie«, meinte der Großknecht. »Die Arbeit ist schon seit dem Mittag erledigt, wir sitzen recht gemütlich beisammen und könnten uns dies und das erzählen. Der Abend ist noch lang. Wir haben Zeit, heut ist Sonnabend, und niemand treibt uns an.«
»Ich muss aber heim«, widersprach sie. »Mein Katzerl wartet auf mich, und ich hab noch eine Menge zu tun. Du weißt doch, dass ich drunten im Dorf meiner alten Nachbarin ein bisserl unter die Arme greife. Die Agnes rafft ja fast gar nix mehr, es wird immer schlimmer. Neulich hat der Doktor gemeint, dass er sie im Pflegeheim St. Johannes anmelden will. Es sind Nonnen zur Pflege dort, das würde der Agnes gefallen. Sie hat doch keine Verwandten mehr und ist selbst net dazu imstande, für ihre Zukunft zu sorgen.«
»Wegen der Agnes wirst du doch net einen so schönen Abend in den Wind schreiben«, beklagte sich Jackl. »Ruf die Frau vom Mesner-Hartl an. Die Else kennt sich aus mit den alten Herrschaften.«
»Richtig. Trotzdem kann ich net bleiben. Vielleicht hast du bestimmte Gedanken im Hinterkopf. Das ist mir net recht.« Marie räusperte sich. Sie war genau an den richtigen Stellen rund und weich, ihr dunkelblondes Haar trug sie ordentlich aufgesteckt. Obendrein galt sie als blitzsauber.
In ihrem kleinen Häusl am Kirchanger, dass ihr die Eltern vererbt hatten, war nicht ein Stäubchen zu finden. Auch sie selbst sah immer blütenrein aus, selbst dann, wenn sie den ganzen Tag über herumgewerkelt hatte.
»Wir sind doch erwachsene Leut«, versuchte es der Jackl noch einmal. »Du und ich, wir machen keine Dummheiten mehr, diese Zeiten sind vorbei. Und wenn man doch einmal bestimmte Gefühle hat, dann gehört es sich, dass man sich darüber einig ist. Also, Marie, keine Sorge, ich fall net über dich her. Du könntest nebenan im Gästekammerl schlafen oder auf der Couch in der Stube.«
»Ich will aber net«, bekam er zur Antwort. »Jetzt hör schon auf, Jackl. Am siebten Jänner, also nach Dreikönig, bin ich wieder da. Eine halbe Stunde bleib ich noch, dann muss ich aber wirklich gehen.«
Jackl schaute enttäuscht drein. Er stellte es sich schön vor, mit Marie ein bisserl enger zusammenzurücken. Man konnte ja nicht immer nur befreundet sein.
Eine Freundschaft zwischen Mann und Frau war seiner Meinung nach eh zum Scheitern verurteilt. Entweder es knisterte irgendwann, oder man ging seiner Wege.
Er fühlte inwendig ein gewisses Flattern, wenn er Marie anschaute. Ihre blanken Augen hatten es ihm angetan. Na ja, nicht nur ihre Augen. Wie lang war es her, dass er eine Frau im Arm gehalten hatte?
Mit der Zeit sehnte er sich nun doch wieder nach Zweisamkeit. Und sie? Fühlte sie dasselbe wie er? Marie spielte die Widerspenstige, aber manchmal sah sie ihn so lieb an, dass ihm das Herz aufging.
Ehe er sie fragen konnte, ob sie vielleicht in der nächsten Woche den einen oder anderen Tag bei ihm bleiben würde, fiel die schwere Haustür ins Schloss.
Im Licht der hellen Hoflampen tauchten die junge Bäuerin Marlene Bender und ihr Mann Julian auf.
Marlene war das einzige Kind der Eheleute Egid und Traudel Stolzinger und somit die Erbin des Kanderberg-Anwesens.
Aus Liebe zu Julian hatte sie ihm gleich nach der Hochzeit jedoch die Hälfte des Hofes samt Wiesen, drei Almen und einem Waldstück überschrieben, sodass sie beide als Besitzer gleichberechtigt waren.
Ihre Eltern waren zunächst skeptisch gewesen. Falls die Ehe ihrer Tochter irgendwann in eine Krise geriet, was dann? Julian würde darauf pochen, seinen Anteil am Hof zu erhalten.
Verständlich, dass die Stolzingers so dachten, obwohl sie den jungen Agrarwirt Julian Bender sehr schätzten. Er war überaus tüchtig und tat alles, was in seinen Kräften stand.
»Der junge Bauer ist nun mal ein fesches Mannsbild«, seufzte Marie und rückte noch näher ans Fenster heran. »Ich kann die Marlene verstehen. Nur ein Vierteljahr war sie mit ihm verlobt, dann haben sie schon geheiratet. Und das ist nun auch erst fünf Monate her. Alles ging ganz schnell. Aber kann man als Madel so einem hübschen Burschen widerstehen?«
»Ich will so was net hören«, erwiderte Jackl griesgrämig. »Es kommt net nur aufs Äußere an. Außerdem hab ich auch meine Qualitäten. Ich zeig nur net gleich alles her. Mich muss man entdecken, Marie, nach und nach. Täglich biete ich eine neue Überraschung!«
»Das ist ja wie beim Adventskalender«, lachte sie. »Hinter jedem Türchen ein Zuckerl, net wahr? Lass gut sein, Jackl. An den Julian kommt so schnell keiner heran. Aber ich werd mich hüten, mehr zu sagen. Erstens ist er hier der Chef, das hat die Marlene so gewollt. Und zweitens soll man net herumtratschen.«
»Wie meinst du das, Marie?«
»Ach, was die Leut so reden! Du hast es doch auch schon gehört. Dass der Bender-Julian vor der Hochzeit kein Kostverächter war und dass er auch jetzt noch jedes Madel um den Finger wickeln kann, wenn er nur will.«
»Schmarrn«, wehrte Jackl ab. »Man muss wirklich net auf das Gequatsche hören. Na gut, ich hab’s auch schon gesehen, dass er manchmal mit einem Madel im Dorf spricht oder einen Blick auf die hübschen Skihaserln riskiert, aber was heißt das schon? Gar nix!«
»Eben.« Marie starrte weiter nach draußen. Julian und Marlene stiegen ins Auto, beide waren fesch gekleidet.
»Aufgerüscht«, meinte der Jackl, aber er meinte es ganz und gar nicht abfällig. Im Gegenteil. Auch er verstand es, sich bei passender Gelegenheit in Schale zu werfen und flott daherzukommen. Warum sollte er nicht ab und zu etwas aus sich machen und den anderen zeigen, dass er nicht auf der Brennsupp’n dahergeschwommen war?
Heute fand im Berghotel »Am Sonnenhang« die Neujahrsfeier der Bergwacht statt. Julian Bender war wie viele andere junge Männer aus dem Dorf in der Rettungsmannschaft und versäumte keine Übung, selbst dann nicht, wenn er einen langen Arbeitstag hinter sich hatte.
»Ein schönes Paar«, hüstelte Marie und nippte an ihrem Almräuscherl. »Sie schauen glücklich aus. Wenn’s nur so bleibt … ich würd’s den beiden wirklich von Herzen wünschen. Besonders der Marlene.«
»Müsst ihr Weiberleut immer überall ein Problem sehen?«, fuhr Jackl auf. »Das begreif ich net! Geh her, trink noch einen Schluck und dann bring ich dich heim. Sonst segelst du noch bei Eis und Schnee den Weg hinunter! Aber eins sag ich dir: Demnächst lass ich dich erst dann gehen, wenn die Sonne hinter den Bergen hervorspitzt.«
»Das könnte dir so passen«, erwiderte Marie. »Da kannst du lange warten, Jackl!«
Er lachte nur, denn er hatte genau die zarte Röte gesehen, die ihr bei seinen Worten ins Gesicht gestiegen war.
Donnerwetter, sie schaute ja aus wie ein Dirndl von achtzehn Jahren, das grad den ersten Kuss bekommen hat!
Und das alles meinetwegen, dachte der Jackl. Sakra, das neue Jahr lässt sich gut an!
Es blieb nur zu hoffen, dass alles so günstig weiterging. Nicht nur für ihn und Marie, sondern für alle Menschen im Tal.
***
Marlene Bender ging gerne mit ihrem Mann aus, denn sie war sehr stolz auf ihn.
Stolz spielte in ihrem Leben überhaupt eine große Rolle. Unter anderem auch in ihrem Mädchennamen. Ein paar Leut hatten früher gemeint, dass der Nachname »Stolzinger« genau passend für sie war. Marlene setzte sich über Bemerkungen dieser Art hinweg.
Sie wusste, was sie wollte, ohne jedoch stur oder dickköpfig zu sein. Niemand konnte ihr so leicht nicht an den Karren fahren, denn sie hatte gelernt, wie sie sich lästige Zeitgenossen vom Hals halten konnte.
Man musste sich ja nicht mit jedem einlassen. Was hinter dieser Haltung steckte, war ein »gesunder« Stolz. Marlene wollte sich nicht demütigen oder veralbern lassen – in diesem Punkt setzte sie ganz klare Grenzen.
Von ihrem Ex-Verlobten Steffen Hinzinger hatte sie sich getrennt, weil er sie hinter ihrem Rücken gegenüber Freunden und Bekannten als »zickige Henne, die sich aber im Kammerl leicht rupfen lässt« bezeichnet hatte.
Was sonst noch alles über seine Lippen gekommen war, wollte sie heute gar nicht mehr wissen.
Seine Entschuldigung hatte sie zwar angenommen, aber sie vermied es, ihm über den Weg zu laufen.
Seine Entgleisung war nicht zu begreifen. Sie hatte ihn immer mit Achtung behandelt und nie ein schlechtes Wort über ihn verloren. Umso schmerzlicher war es gewesen, dass er sie auf so üble Weise verunglimpft hatte.
Doch das war schon eine ganze Weile her. Inzwischen hatten sich in Marlenes Leben die Weichen umgestellt – ganz von selbst!
Sie war seit einigen Monaten Julians Frau und liebte ihn hingebungsvoll.
Die junge Hoferbin hätte nie gedacht, dass sie jemals so tiefe Gefühle empfinden würde. Ihn zu sehen, sich zu verlieben und nur noch an ihn zu denken, das war für sie wie Schritt in eine wundervolle Zukunft gewesen.
Sie hatte ihr Glück kaum fassen können, als er ihr gestanden hatte: »Du bist mein Engel, ich will nur dich – für immer und ewig.«
Marlene war eine bezaubernde junge Frau von sechsundzwanzig Jahren, blond, bildhübsch und gescheit.
Es gab viele Madeln im Dorf, die sie glühend beneideten. Erstens, weil sie entzückend aussah und aus einem Hause kam, in dem man nicht jeden roten Heller zweimal umdrehen musste. Zweitens, weil sie eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsmeisterin gemacht hatte und sogar Lehrlinge ausbilden durfte.
Ihr Berufsabschluss war glänzend ausgefallen, sie besaß ein Diplom, das in einem Rahmen im Bürostüberl auf dem Hof hing. Freilich prahlte sie nicht damit, genauso wenig wie Julian, der sich »diplomierter Agrarwirt« nennen durfte. Außerdem hatte er ein Betriebswirtschaftsstudium absolviert.
Drittens wurde Marlene beneidet, weil sie einen Mann geheiratet hatte, der auffallend gut aussah und sich von niemandem in die Tasche stecken ließ. Ihr Angetrauter war außerdem auch noch sehr umgänglich, kam mit jedem zurecht und erwies sich immer wieder als gern gesehener Gast auf jedem Fest.
Julian besaß eine offene Art, auf Menschen zuzugehen. Aber er war auch mutig, sportlich und immer ein bisschen schneller als die anderen. Ganz zu schweigen von seinem Einsatz, den er sowohl auf dem Hof als auch in der Bergwacht bewies. Ein Drückeberger war er jedenfalls nicht.
Marlene schwebte auch fünf Monate nach der Hochzeit noch auf rosaroten Wolken, irgendwelchen Ärger gab es nicht. Und wenn es doch einmal danach aussah, dann wischte sie jeden dunklen Punkt einfach weg.
Sie hatte ihren »Märchenprinzen« gefunden, alles andere ließ sie gar nicht an sich heran. Was die Leute schwatzten, wollte sie ganz gewiss nicht hören.
Der Kanderberg-Hof galt als einer der größten und schönsten im Tal. Er hatte seinen Namen von der Anhöhe, auf der er seit drei Jahrhunderten stand und über das weite Tal bis hinauf zu den mächtigen Zillertaler Gipfeln blickte.
Es hieß, der Kanderberg sei der »kleine Bruder« vom Feldkopf, dem höchsten Massiv im Tal. Denn weil sich das »Brüderl« und der »Große« gegenüberlagen, sah es so aus, als ob das Kanderbergl zum großen Bruder beinahe ehrfürchtig aufschaute.
Solche und andere Geschichten erzählte man sich besonders an kalten Abenden gern in St. Christoph. Denn wenn man näher am Kamin zusammenrückte, ergab es sich ganz von selbst, dass man auf die schöne Bergheimat zu sprechen kam und damit auch auf das Dorf und seine Bewohner.
Wie jeder wusste, waren schon Marlenes Großeltern recht wohlhabend gewesen und hatten ihrer einzigen Enkelin ein ansehnliches Erbe hinterlassen. Die Eltern Stolzinger waren seit einiger Zeit im Ruhestand und bewohnten unmittelbar neben dem Bauernhaus das »Sachl«, ein hübsches Vierzimmer-Häusl mit unverbautem Bergblick.
Auf dem Hof herrschte derzeit fast nur Sonnenschein, wenn man von der Herzkrankheit des Altbauern absah. Egid Stolzinger litt unter Angina Pectoris und ärgerte sich maßlos darüber, dass er nur noch selten auf dem Hof zupacken konnte. Und wenn er mal einen Finger krumm machte, dann rief Marlene besorgt: »Lass es lieber, geh und setz dich gemütlich in die Stube, Vaterl!«
Auch die Traudel, seine Frau, eilte stets übervorsichtig herbei und nahm ihm sogar die Axt aus der Hand, wenn er ein bisserl Holz spalten wollte. Neuerdings war das Holzhacken eh kein Thema mehr, denn Dr. Burger hatte es ihm strikt verboten.
Je mehr der Stolzinger-Egid sich ärgerte, desto mulmiger und enger wurde ihm ums Herz, besonders nachts. Wenn ihm die Luft knapp wurde, stand er auf und ging leise hinaus. Auf keinen Fall wollte er seine Traudel stören, die von jeher großen Wert auf einen geruhsamen Schlaf legte.
Bis jetzt halfen dem Altbauern noch allerlei Medikamente, obwohl er oft vergaß, sie nach Vorschrift einzunehmen. Meistens war’s sogar Absicht, denn er hasste Pillen und Tropfen. Als Dr. Martin Burger, der Bergdoktor, ihm erklärt hatte, auf welche Weise die Tabletten und Tropfen im komplizierten System des Herzens wirkten, war er in Gedanken sonst wo gewesen – nur nicht bei dem »chemischen Zeug«.
Seine vermeintliche Vergesslichkeit in puncto Medikamenteneinnahme kehrte er unter den Tisch, um den Vorwürfen seiner Familie zu entgehen.
Doch Dr. Burger hatte ihn natürlich durchschaut und ihm ins Gewissen geredet. Er hielt inzwischen eine Bypass-Operation für nötig. Aber dieser Eingriff schreckte den fünfundsechzigjährigen Stolzinger-Bauern erst recht ab, mehr noch als die grauslichen Tabletten.
Alles, was ihm noch helfen konnte, war, seiner Meinung nach, eine Wallfahrt nach Lourdes, auf der ihn seine Frau begleiten sollte. Neuerdings sprach er von nichts anderem mehr.
Ansonsten lief alles gut am Kanderberg. Zu gut, denn immer wieder schlichen ein paar Neider um das junge Ehepaar herum, weil sie ein Haar in der Suppe finden wollten.
Man kennt sie ja, diese Zeitgenossen: Sie gönnen niemandem etwas, nur sich selbst. Und wenn sie Unfrieden säen können, dann freut es sie ungemein …
***
Marlene betrat am Arm ihres Mannes am heutigen Abend den Enzian-Saal des Berghotels, in dem die Bergwacht den Beginn des neuen Jahres feierte.
Sie trug ein festliches, knöchellanges Dirndl aus glänzender Trachtenseide in Moosgrün. Julian kam sehr fesch in seinem besten Lodenanzug daher.
Alle Bergwachtler hatten ihre Frauen mitgebracht oder, wenn sie noch unverheiratet waren, die Freundin oder die Verlobte. Bergwachtleiter Dominikus Salt begrüßte außerdem das Gemeindeoberhaupt Toni Angerer und Förster Fabian Reckwitz. Dr. Burger und seine hübsche Frau Sabine waren ebenfalls der Einladung gefolgt.
Sabine war auch Medizinerin und vertrat ihren Mann gelegentlich in der Praxis, wenn er zu Notfällen gerufen wurde, zum Beispiel bei einem Einsatz der Bergwacht.
Der Doktor und die Bergwachtler arbeiteten Hand in Hand, wenn es darum ging, einen Verletzten zu bergen und ärztlich zu versorgen. Auch eine dramatische Reanimierung am Unglücksort war durchaus nicht selten. Durch schnelles Eingreifen war schon so manchem Verunglückten das Leben gerettet worden.
Heute hatten das Feiern und der Frohsinn den Vorrang. Die »Hexensteiner« spielten zum Tanz auf, es gab Tiroler Schmankerln und eine köstliche Auswahl an süßen, frisch gebackenen Neujahrskrapfen.
Die Krapfenzeit hielt traditionell ab Silvester bis zum Ende der Fastnacht an. Herrliche Aussichten für alle Süßschnäbel!
Zum Empfang gab’s ein Glasl Sekt und natürlich noch eins, wenn man etwas »Prickelndes« bevorzugte.
»Schön, euch zu sehen, Marlene und Julian«, wandte sich Dr. Burger an das junge Paar. »Ihr schaut ja so fesch und glücklich aus wie die Hochzeiter, dabei seid ihr doch schon miteinander verheiratet. Ich freu mich immer, wenn zwei Menschen so gut miteinander harmonieren.«
»Das ist bei Ihnen und Ihrer Frau net anders«, entgegnete Marlene mit ihrem reizenden Lächeln. »Da meint man auch immer, dass Sie das Eheglück gepachtet haben. Es gibt ja nix Schöneres auf der Welt. Wenn man den Menschen gefunden hat, dem man sein Herz auf immer schenken will, fühlt man sich dem Paradies ganz nah.«
Sie hatte zwei kleine Grübchen in den Wangen, ihre Augen leuchteten, und ihr verliebter Blick zeigte allen, die es noch nicht wussten, wie sehr sie in ihren Mann vernarrt war. Wenn sie jemandem rückhaltlos vertraute, dann war es Julian – ihr Julian, den der Herrgott anscheinend extra für sie erschaffen hatte.
»Das eheliche Paradies wünsche ich euch bis ans Ende aller Tage«, schmunzelte Dr. Burger. »Lasst euch net aus dem Paradiesgärtchen vertreiben. Und wie geht’s sonst? Ist daheim bei euch alles in Ordnung? Wie kommt der Vater zurecht?«
»Derzeit recht gut«, antwortete Julian an Marlenes Stelle. »Er redet dauernd von dieser Wallfahrt nach Lourdes und schwört, dass es kein anderes Heilmittel für ihn gibt.«
»Kann er sich denn so eine lange Reise überhaupt zumuten, Herr Doktor?«, fragte Marlene besorgt.
»Mit der entsprechenden Vorsicht, ja«, bekam sie zur Antwort. »Vor allen Dingen müsste er sehr gewissenhaft seine Medizin nehmen. Es gibt sehr kranke Menschen, deren Zustand schon beinahe hoffnungslos ist. Sie glauben so fest an ein Wunder, dass sie die Reise nach Lourdes gut überstehen.«
Er machte eine kurze Pause, bevor er hinzufügte: »Aber man darf einfach nicht davon ausgehen, dass einem dort wirklich das erhoffte Wunder geschenkt wird. Kurzfristig tritt oft eine Besserung ein wegen der inneren Begeisterung, der Körper aktiviert alle vorhandenen Kräfte, und es scheint, als sei der Kranke schon fast geheilt. Aber nach einigen Tagen ist es wieder vorbei damit. Das Adrenalin und alle möglichen anderen Hormone, die einem überirdische Erlebnisse vorgaukeln wie, zum Beispiel, das Endorphin, verpuffen wieder. Man kann das mit einem Ballon vergleichen, aus dem nach und nach die Luft wieder entweicht.«
»Vater lässt sich die Reise nach Frankreich aber net ausreden. Er will sogar einige Wochen in Lourdes bleiben, und meine Mutter soll ihn unterstützen«, seufzte Marlene.
»Ich weiß«, nickte Dr. Burger. »Er hat es mir schon mehrmals gesagt. Wir müssen ihm letztendlich seinen Willen lassen. Es kann sein, dass auf dieser Reise irgendetwas passiert, was ihm hilft. Was es sein könnte, kann niemand voraussagen. Aber ich denke, ihr solltet noch mal mit Pfarrer Roseder sprechen. Ich kann das Ganze nur aus medizinischer Sicht beurteilen. Ein Seelsorger sieht vieles sicherlich ganz anders.«
»Danke, Herr Doktor«, wollte Marlene antworten, aber ihre Worte gingen in einem donnernd lauten Tusch unter. Die »Hexensteiner« waren trotz ihrer Auftritte bei Weihnachts- und Silvesterfeiern noch taufrisch und lockten die Gäste mit flotten Klängen auf die Tanzfläche.
Julian hielt seine hübsche Frau ganz fest im Arm.
»Du bist die Schönste«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Ich möchte dich nie wieder loslassen, Schatz. Ich will dich ganz nah bei mir haben und dir in die Augen sehen.«
Sie schmiegte sich an ihn. »Ich hab nix dagegen, Liebling. Von mir aus können wir bis zum Morgengrauen tanzen. Und wenn’s uns ein bisserl schwindlig wird, dann gehen wir einen Moment hinaus in die Winternacht.«
»Das ist viel zu kalt. Möchtest du es net lieber schön warm und weich haben?«, schmeichelte Julian. »Die ganze Nacht durchtanzen, das ist ja der reinste Marathon. Irgendwann muss Schluss sein. Daheim wartet unser kuscheliges Schlafstüberl …«
»Ach, du!«, lachte sie und schaute ihn mit ihren blanken Augen verliebt an.
Trotz aller Tanzfreude musste aber zwischendurch doch eine kleine Pause eingelegt werden. Und zwar nicht nur, damit die Gäste wieder zu Atem kamen, sondern auch, weil die »Hexensteiner« sich mit einem kühlen Weißbier erfrischen wollten. Hernach würde die Post dann wieder abgehen, denn die vier munteren Burschen hatten noch einige musikalische Überraschungen auf Lager.
Beni Summerer, der einsatzfreudige Pilot des Bergwacht-Rettungshubschraubers, stapfte mit seiner Verlobten Rosl quer durch den Saal heran.
»Julian«, wisperte Marlene. »Der Beni und die Rosl! Können wir ihnen net ausweichen?«
»Zu spät«, entgegnete Julian gedämpft. »Sie sind schon im Anmarsch. Keine Sorge, sie werden gleich wieder auf die Tanzfläche verschwinden, wenn die Pause vorbei ist.«
»Das kann noch dauern. Ich mag’s net, wenn die Rosl auf mich einredet!«, klagte Marlene. »Und der Beni ist manchmal so peinlich mit seinen Äußerungen.«
»Das meint er net so, Schatzl. Er ist sehr verlässlich und ein großartiger Pilot. Wir sind ein gutes Team. Man kann immer auf ihn zählen. Manchmal ist er eben ein bisserl laut, das muss man in Kauf nehmen.«
Marlene wollte einwenden, dass Beni trotz aller Vorzüge, die er zweifellos hatte, dennoch so lästig sein konnte wie eine Laus im Pelz. Aber da stand er auch schon mit breitem Grinsen am Tisch, fläzte sich auf den Stuhl und zerrte die Rosl neben sich.
»Aua«, fuhr sie ihn empört an. »Zieh doch net so an meinem Arm, du Grobian!«
»Jetzt hab dich net so, Schneckerl«, dröhnte Beni und tätschelte Rosls Wange. »Gar so zerbrechlich bist du nun auch wieder net.«
Er war ein gutmütiger Bursche, aber leider fehlte ihm eine gewisse Feinfühligkeit. Autos, der donnernd laute Hubschrauber und Motorräder gingen ihm über alles. Bei diesen Dingern musste er fest zupacken, denn mit links ging gar nichts bei so einer Maschine. Bis jetzt hatte die Rosl es nicht geschafft, ihm beizubringen, dass man eine Frau nicht wie einen Schaltknüppel behandelte.
»Da schau her, der Julian und sein Vogerl. Grüßt euch, ihr zwei Turteltauben«, brüllte er freudestrahlend durch den Saal. Dabei drückte er zuerst Marlenes Hand so fest, dass sie um ein Haar aufgeschrien hätte. Julian erhielt einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter.
»Seid’s gut ins neue Jahr geschliddert bei euch auf dem Hof?«, fuhr Beni fort, dieses Mal wenigstens nicht ganz so laut. »Oder habt ihr auswärts gefeiert?«
»Nein, wir waren daheim. Ganz familiär«, erwiderte Julian. »Vor Mitternacht sind die Nachbarn herübergekommen, und wir haben ein bisserl gezündelt. Ein paar Knaller, ein paar Böller, ein kleines buntes Feuerwerk. Das gehört dazu. Und wie war’s bei euch?«
»Silvester war ein Pfundstag«, verkündete Beni. »Du weißt ja noch gar net, dass ich mir am Silvestermorgen mein neues Motorrad in Schwaz abgeholt hab. Das ist ein Maschinchen, sag ich dir! Ein richtiger Kracher. Am Silvesterabend haben wir auf der Achenwaldhütte so richtig auf die Pauke gehauen. Ich war in Feierlaune. Bloß meine Rosl hat gemosert, weil ich für das Motorrad angeblich zu viele Scheine hingelegt hab. Sie will, dass wir eine Superhochzeit feiern. Das ist teuer. Derzeit ist erst mal Ebbe in meinem Geldbeutel.«
»Er denkt immer nur an seine blöden Fahrzeuge«, jammerte die Rosl. »Ich bin für ihn nur ein lästiges Anhängsel.«
»Ach geh!« Beni lachte schallend, sodass es erneut durch den Festsaal hallte wie eine Posaune. Er war ein breiter und kräftiger Bursch, seine Stimme passte perfekt zu ihm. »Julian, komm doch auf einen Sprung mit, ich zeig dir mein neues Motorradl. Es steht daheim in der Garage. Du musst es dir unbedingt anschauen!«
Weil der Beni nur ein paar Minuten entfernt vom Hotel »Sonnenhang« wohnte, stimmte Julian zu. Sein Bergkamerad hätte eh keine Ruhe gegeben.
»Ich bin gleich zurück«, sagte er und küsste Marlene auf die Wange. »Dass du mir inzwischen net davonflatterst, Schatzl!«
»Ich werd mit ein paar anderen Männern tanzen, während du weg bist«, scherzte sie.
Julian warf ihr noch eine Kusshand zu und machte sich dann mit Beni von dannen.
»Tja, die Mannsleut«, hüstelte die Rosl. »Manchmal ist es wirklich net zum Aushalten mit ihnen. Obwohl du dich ja net beschweren kannst, Marlene. Dein Julian ist recht charmant. Schatzl hier, Küsschen da. Und dann diese zärtlichen Blicke. Er schaut obendrein auch noch toll aus. Beni kommt mir mit seinen Pranken manchmal vor wie ein Braunbär. Aber ein großes Plus hat er – seine Treue.«
Rosls Augen glitzerten kälter als zwei Eiskristalle. Sie gab sich alle Mühe, ihren Neid zu verbergen. Aber das wollte nicht so recht klappen.
Früher war sie mit Marlene befreundet gewesen, aber irgendwann hatte es zwischen ihnen nur noch Ärger gegeben. Rosls kleine, aber spitze Seitenhiebe waren Marlene auf den Geist gegangen.
»Julian ist auch treu«, warf sie jetzt ein. »Wenn es net so wäre, hätte ich ihn net geheiratet. Ich kann mir keinen Mann vorstellen, der mich mehr lieben würde als er. Für mich gibt’s nur ihn.«
Die Rosl zupfte an ihrem Rüschenärmel herum.
»Ja, dein fescher Mann«, säuselte sie. »Er hat großes Glück gehabt, dass er auf euren Hof eingeheiratet hat.«
»Es kommt ihm net aufs Geld an. Er hätte es nicht gebraucht.«
Rosl kicherte. »Kann sein. Aber jeder nimmt gern das, was er kriegen kann. So ist es doch, net wahr?«
»Ich will dir auf deine gehässigen Bemerkungen net antworten«, entgegnete Marlene abweisend. »Das hab ich gar net nötig. Gibt’s sonst noch etwas, was du mir zu sagen hast?«
Die Rosl lenkte ein. Nachdem sie sich sehr umständlich geräuspert hatte, hauchte sie besänftigend: »Nix für ungut. Ich mein’s ja net bös. Wir waren doch mal Freundinnen, und es wäre schön, wenn wir es wieder sein könnten.«
Marlene zuckte die Schultern. »Ich weiß net so recht. Mir steht der Sinn net nach Zänkeleien. Du warst ja schon neidisch, als ich mit Steffen zusammen war. Am liebsten hättest du ihn mir damals ausgespannt. Pech für dich, dass er dein Spielchen nicht mitgemacht hat.«
»Das ist alles vorbei. Ehrenwort«, kam es in harmlosem Ton zurück. »Ich möchte mich wieder mit dir vertragen und dir einen guten Rat geben. Es würde mir sehr leidtun, wenn du irgendwann enttäuscht wärst.«
»Enttäuscht? Weswegen?«
»Wegen Julian. Es ist dir doch sicher schon aufgefallen, dass alle Madeln ihn sehr interessiert anschauen. Und er sie.«
Marlene ärgerte sich. Rosl tat, als meine sie es gut mit ihr. Aber alles, was sie daherplapperte, zielte nur darauf ab, Julian als Schwerenöter hinzustellen.
»Wenn er mal eine andere ansieht, heißt das noch lange net, dass er mir untreu ist«, fauchte sie. »Mir passiert es auch manchmal, dass ich einen Mann mehr oder weniger zufällig anschaue. Doch ich hab dabei überhaupt keine Hintergedanken. Es gibt arglose Blicke, und es gibt begehrliche. Vielleicht kannst du das ja net unterscheiden.«
Rosl schwieg. Man sah ihrem Gesicht an, dass es in ihr kochte. Die »Hexensteiner« ließen sich unterdessen noch ein Weißbier bringen. Nebenbei machten sie sich wieder an ihren Instrumenten zu schaffen, denn gleich sollte es musikalisch mit viel Schwung in die zweite Runde gehen.
»Du willst mir anscheinend net zuhören«, begann die Rosl erneut und lief puterrot an. »Aber wegen unserer früheren Freundschaft muss ich dich warnen. Das seh ich als eine Verpflichtung an. Ich hab’s bisher niemandem gesagt, aber neulich, als ich in Mayrhofen zum Einkaufen war, bin ich kurz im Café Alpenblick gewesen. Ich hatte grad ein Tasserl Cappuccino vor mir stehen, da sah ich deinen Mann. Er saß mit einem hübschen Madel am Tisch, so ungefähr Mitte zwanzig, denke ich.« Sie senkte ihre Stimme. »Die beiden hielten sich an den Händen, es sah sehr innig aus. Ich hab ihr Gesicht net anschauen können, weil sie sich zur Seite drehte. Außerdem trug sie so eine moderne Häkelmütze, wie man sie jetzt überall sieht. Deshalb konnte ich auch die Haarfarbe net erkennen. Aber das tut ja auch gar nix zur Sache. Jedenfalls war dein Ehemann in weiblicher Begleitung im Café. Ich bin ganz schnell wieder gegangen. Julian hat mich net gesehen, da bin ich mir ganz sicher. Er war ja ganz vertieft.«
Marlene verschluckte sich an ihrem Getränk. »Schmarrn. Das ist eine Lüge! Du willst mir eins auswischen.«
»Nein, eine Lügnerin bin ich net.« Rosl wirkte beleidigt. Sie blinzelte, als habe ihr jemand Sand in die Augen geschüttet. »Vielleicht war ich ab und zu neidisch auf dich, weil du immer etwas Besseres gehabt hast als ich, sowohl im Beruf als auch privat«, lispelte sie. »Neid ist eine schlimme Sache, das weiß ich. Aber es ist so ähnlich wie mit der Eifersucht. Man weiß, dass es nix Gutes ist, aber immer wieder rasselt man hinein.«
Es war tatsächlich so, dass Marlene in den Augen ihrer früheren Schulfreundin keine Lüge erkannte. Sie war halt spitz und »neidig«, wie man im Dorf sagte. Wenn ihr danach war, verspritzte sie ihr Gift. Aber lügen – nein.
»Ich glaub dir net«, murmelte die junge Bäuerin trotzdem. »Kein Wort.«
»Dann frag ihn doch, deinen Liebsten. Jedenfalls wär’s besser, wenn du ihn net so blauäugig anhimmeln würdest«, riet die Rosl. »Jetzt sag mir net, dass ich hämisch daherquatsche oder dass ich boshaft bin. Klar, ein Engel bin ich noch nie gewesen. Aber ich will deine Ehe net kaputt reden.«
»Das könntest du auch gar net. Ich kenn meinen Mann so gut wie sonst niemand«, brachte Marlene hervor.
»Wirklich?« Rosl runzelte die Stirn. »Lass mich nachdenken. Was wissen wir im Dorf über ihn? Und was weißt du? Er ist aus Osttirol hergekommen, aus Lienz, weil er eine gute Stelle beim Baron von Brauneck in Aussicht hatte.«
»Ja, als Verwalter und Betriebswirt auf den Alpengütern des Barons. Zuerst hier bei uns, dann am Wilden Kaiser und danach im Montafon.« Marlenes Augen leuchteten. Sie hielt große Stücke auf ihren Mann. »Aber es war dann ziemlich schnell klar, dass wir heiraten würden«, setzte sie hinzu. »Wir haben uns zu Pfingsten kennengelernt und waren ein paar Wochen später schon verlobt. Deshalb hat er die Stelle beim Baron nur zur Vertretung auf Zeit angenommen. Wir haben besprochen, dass Julian bei uns auf dem Hof mit einsteigt. Und es ist alles so gekommen, wie wir es geplant haben.«
»Perfekt. Aber was war früher? Weißt du wirklich alles von deinem Mann?« Rosls Hals wurde lang und länger, als sie sich vorbeugte und bedeutungsvoll flüsterte: »Bist du dir wirklich darüber im Klaren, wen du ohne langes Nachdenken geheiratet hast? Willst du behaupten, dass dein Liebster wie ein Mönch gelebt hat, bevor du in sein Leben getreten bist?«
»Unsinn. Er war kein Mönch und ich keine Klosterschwester, obwohl ich niemals so versessen hinter den Burschen her war wie du«, gab Marlene erzürnt zurück. »Ja, schnapp ruhig nach Luft! Du hast doch bei jeder Gelegenheit versucht, dir einen Mann zu krallen.«
»Ich? Da redet die Richtige!«, fuhr die Rosl auf. »Jetzt wirst du unverschämt! Das hast du ja schon immer gekonnt. Frech werden und andere in den Sumpf ziehen, jawohl!« Anscheinend hatte sie ihre guten Vorsätze schon wieder vergessen.
»Wie war das denn mit Steffen?«, keuchte sie atemlos. »Den armen Kerl hast du dir doch mit allen Mitteln geangelt! Er hat sich gar net wehren können!«
»Ich hab’s dem Zufall überlassen, ob aus uns ein Paar werden würde oder nicht«, entgegnete Marlene ruhig. »Erzwingen wollte ich nie etwas. Auch net mit Julian. Dass wir uns sofort ineinander verliebt haben, war Schicksal. Übrigens, wir sind ganz ehrlich zueinander. Wir haben Vertrauen zueinander und glauben an die große Liebe.«
»Lauter schöne Worte«, kam es grantig zurück. »Na ja, wenn du meinst. Es geht mich ja auch nix an. Du hörst eh net auf mich, also verschwinde ich jetzt wieder. Einen schönen Abend wünsch dich dir noch – und deinem Traummann natürlich auch!«
Rosl verzog sich grollend in den hinteren Teil des Saales. Die Hexensteiner legten wieder los, nachdem sie versprochen hatten, die nächste Pause auf keinen Fall vor Mitternacht zu machen.
Marlene versuchte, ihren Ärger hinunterzuschlucken.
Aber es ließ sich nicht leugnen, dass ihre vergnügte Stimmung einen herben Dämpfer erlitten hatte. Rosl hatte es tatsächlich geschafft, bittere Wermutstropfen in den süßen Wein dieses Abends zu träufeln.
»Von wegen Freundschaft«, murmelte die junge Bäuerin vor sich hin. »Ich falle net auf ihr Gefasel herein. Verunsichern wollte sie mich, das war alles.«
Rosl, diese falsche Schlange! Sie würde sich niemals ändern, auch wenn sie zwischendurch immer mal wieder die Lammfromme spielte. Man sollte am besten das Weite suchen, wenn sie auftauchte – und zwar rechtzeitig.
***
Dem Himmel sei Dank! Endlich kam Julian wieder. Er brachte einen Schwall Kälte von draußen mit.
»Herrlich ist es, aber klirrend kalt, Schatzl. Fühl mal, meine Hände sind eisig. Das wird sich aber gleich ändern. Ich brauch dich nur anzusehen, dann wird mir warm und wärmer. Sogar ganz heiß!«
Das kann er gut, dachte Marlene – schmeicheln und mich um den Finger wickeln.
»Was ist mit Benis Motorrad?«, fragte sie beiläufig. »Sitzen alle Schrauben an der richtigen Stelle?«
»Es sieht danach aus. Ja, es ist wirklich ein richtiger Höllenschlitten, das Ding. Er hat’s mal kurz angelassen. Ein Röhren, als ob der Teufel selbst seine Hände im Spiel hat. Wenn der Beni damit durch das Dorf brettert, wird Gendarm Sirch seine Freude haben.« Julian lachte. »Aber so ein Geschoss macht eben einen gewissen Lärm, daran lässt sich nix ändern. Sag mal, bist du auf einmal müde? Geht’s dir net gut, Marlenchen?«
»Doch, alles bestens.«
»Sollen wir tanzen?«
»Jetzt nicht. Später.«
»Hm.« Julian seufzte. »Du hast auf einmal schlechte Laune, Kleines. Hat dir die Rosl wieder irgendwelche hirnrissigen Gerüchte ins Ohr geflüstert?«
»Sie redet zu viel«, antwortete Marlene ausweichend. »Immer dasselbe Gefasel. Alles weiß sie besser.«
»Es kann doch net sein, dass du dich von dieser Tratschtante in die Tasche stecken lässt.«
»Natürlich net. Aber sie nervt. Zuerst hat sie so getan, als ob sie wieder meine Freundin sein will. Aber dann lief es wieder auf ihre Boshaftigkeiten hinaus, weil sie mich beneidet.«
»Worum?«
»Um alles. Sogar um dich. Sie scheint an dir ein ganz bestimmtes Interesse zu haben.«
Julian lachte. »Das ist lustig. Die Rosl wäre nun wirklich die Letzte, mit der ich mich auf eine einsame Insel zurückziehen würde. Das heißt, ich würde sie überhaupt niemals irgendwohin mitnehmen, selbst wenn sie die allerletzte weibliche Person auf dieser Welt wäre. Jeder Holzklotz würde mich mehr interessieren als sie. Schade, dass der Beni sich ausgerechnet an sie gehängt hat. Er ist ein prima Kerl. So eine Gitzspritz’n hat er net verdient.«
»Lenk net vom Thema ab, Julian. Wen würdest du denn auf so eine einsame Insel mitnehmen?«
»Nur dich«, gab er zurück. »Das weißt du doch.«
»Nehmen wir mal an, ich komme in dem Spiel net vor. Wen dann?«
»Was soll das? Ich finde diese Frage überflüssig.« Julian zog die Augenbrauen hoch. Er wurde selten zornig oder ungeduldig. Aber wenn doch, dann konnte es krachen. Die hochgezogenen Augenbrauen waren der Anfang eines mittleren Orkans.
Marlene schwieg. Es war besser, an diesem Punkt erst einmal alle Diskussionen zu beenden und lieber ein Glas Wein zu trinken. Sie lächelte ihren Liebsten an. Sofort beruhigte er sich wieder und entschuldigte sich sogar mehrmals, weil er ziemlich lange mit Beni weg gewesen war.
Der Abend wurde doch noch schön. Vielleicht lag es daran, dass Rosl plötzlich aufgebracht den Saal verließ, während ihr »Braunbär« noch blieb und ein Tänzchen nach dem anderen mit der adretten Helmi wagte. Sie arbeitete eigentlich als Serviermadel im Berghotel, hatte aber heute frei und war vor einer Stunde nur mal kurz in den Saal geschlüpft, weil sie fröhliche Feste über alles liebte.
»Sie haben sich gestritten«, sagte Marlene. »Die Rosl und der Beni sind aneinandergeraten. Gut, dass sie weg ist.«
»Jetzt lass doch diese dumme Schnepfe.« Julian zog seine Frau fest an sich. »Müssen wir dauernd über sie reden? Sicherlich net. Komm, mein Schatz. Schau mir in die Augen. Nur wir beide sind wichtig, nicht das, was andere daherreden.«
»Das weiß ich doch, Liebling«, flüsterte sie.
Doch ganz tief drinnen in ihr hatte sich ein kleiner Stachel festgesetzt, der nicht mehr weichen wollte. Der Stachel hieß »Misstrauen« und wuchs bis kurz vor Mitternacht fühlbar an.
»Lass uns heimgehen«, sagte Julian leise.
Marlene nickte und schmiegte sich in seinen Arm.
Von Anfang an hatte sie sich bei ihm geliebt und geborgen gefühlt. Der Gedanke, dass ihr großes Glück aus irgendeinem Grund Risse bekommen konnte, war die Hölle.
Während Julian den wärmenden Mantel um ihre Schultern legte und darauf achtete, dass sie draußen im Schnee in ihren Tanzschuhen nicht ausglitt, dachte sie wieder an das, was die Rosl ihr erzählt hatte.
Sie muss sich geirrt haben, grübelte Marlene.
Bestimmt war es nicht Julian gewesen, den sie in Mayrhofen im Café gesehen hatte, sondern ein anderer junger Mann und ein fremdes Mädchen. Also gab es nichts, worüber sie jetzt noch sinnieren musste. Aber die Gedanken kreisten dennoch in ihrem Kopf.
Daheim wurden die beiden von Sebi, dem großen Sennhund, freudig begrüßt. Allerdings war es ihm verboten, nachts zu bellen, wenn ein Familienmitglied heimkam. Bellen durfte er nur dann, wenn eine fremde Person auftauchte. Sebi hatte sich diese Anweisung sehr gut gemerkt.
Daher winselte er nur wie von Sinnen. Er konnte vor lauter Freude kein Ende finden und tapste auf seinen Riesenpfoten so lange um Herrchen und Frauchen herum, bis es ihnen zu viel wurde. Schließlich und endlich warf er sich auch noch auf den Rücken, streckte die Beine in die Höhe und lag in Häschen-Stellung da. Das hieß: Ich bin euch völlig ergeben. Krault mich bitte!
»Jetzt ist es aber gut, du Schmuser«, lachte Marlene. »So lange waren wir doch gar net weg! Du tust ja, als ob wir sechs Wochen in Amerika gewesen wären. Und nun gehen wir schlafen. Ab in deinen Korb!«
Sebi hasste den Korb, obwohl es ein geräumiges Teil mit weicher Auspolsterung war. Aber seine linke Vorderpfote passte nicht so richtig hinein, er musste sie über den Rand hängen lassen. Entsetzlich, wenn man ständig seine eigene Pfote vor Augen hatte! Außerdem stand der Korb im Parterre. Viel lieber nächtigte der Hund im oberen Flur, wo er die Schlafzimmertür immer im Blick hatte.
Julian, der ein Hundenarr war, hatte ihm dort auf mehreren butterweichen Fleecedecken ein angenehmes »Gästebett« zurechtgemacht.
Zwar hatte Marlene gemeint, es sei nicht gut, Hunde derartig zu verwöhnen, aber heimlich steckte sie dem Vierbeiner jeden Abend noch ein Leckerli zwischen die Decken.
Die Sache mit dem Schlafkorb hatte sich dadurch von selbst erledigt und wurde nur noch der Ordnung halber angesprochen. »Geh in deinen Korb« bedeutete für Sebi: »Kuschele dich in deine Decken!«
Kuscheln war in dieser kalten Winternacht sowieso das A und O. Auch Frieda, die Hauskatze, hatte es sich schon bequem gemacht. Bis zum Frühjahr verlegte sie ihre nächtlichen Aktivitäten ins Haus.
Gern schlich sie geräuschlos hin und her, treppauf und treppab, kroch dann in ihre Schlafbox, kam wieder hervor und ärgerte Sebi ein wenig, der dies gelassen hinnahm.
Katzen waren für einen stattlichen Vierbeiner wie ihn kein Problem. Daher nahm er Friedas verwegene, kleine Frechheiten gar nicht ernst. Ein gelegentliches Knurren verwies den Stubentiger notfalls in die Schranken.
Manchmal gestattete Sebi der grauweißen Katzendame sogar, in achtbarer Entfernung auf einer seiner Decken zu schlummern. Man war ja schließlich ein Kavalier, vor allem, wenn man als rassereiner Hund mit dem eingetragenen Namen »Sebald vom Schweizer Berghof« einen erstklassigen Stammbaum nachweisen konnte.
Drinnen im Kanderberg-Haus mit seinen Kachelöfen, dem Kamin und den schönen Tiroler Bauernmöbeln war es gemütlich und warm. Von Generation zu Generation war dieses Haus seinen Bewohnern ein schützendes, friedliches Heim gewesen – und so sollte es auch künftig sein. Denn das Haus mit den festen Mauern und dem tief gezogenen Dach aus Felsschindeln sah immer noch so aus, als könne es Leid und Unglück fernhalten und jeden Sturm abwehren.
Draußen glitzerten unzählige Sterne am Winterhimmel. Der Frost ließ die Bäume und Sträucher erstarren und strich mit seinen eisigen Fingern über die verschneiten Wiesen und Wälder.
Doch unter dem Schnee wisperte und flüsterte es. Wenn auch der Frühling noch in weiter Ferne lag, träumte die Natur schon von der herrlichen Zeit, die auch heuer wieder kommen und das Tal verzaubern würde – wie jedes Jahr.
Auch Marlene träumte in Julians Armen. Sie war tief und fest eingeschlafen. Er lag noch eine Weile wach und lauschte ihren Atemzügen.
Meine Frau, dachte er.
Ob sie ihm noch immer so vertraute wie am Tag ihrer Hochzeit? War ihre Liebe so tief und innig, wie sie es ihm gestanden hatte? Würde sie auch dann zu ihm halten, wenn sich vielleicht einmal dunkle Wolken am Ehehimmel zusammenballten?
Er küsste sie zärtlich auf die Stirn, aber sie merkte es nicht.
In der Früh erwachte sie jedoch eher als er.
»Julian«, sagte sie leise. »Ich muss dich etwas fragen. Vielleicht nicht heute oder morgen … irgendwann.«
Er regte sich, öffnete die Augen und lächelte sie an.
»Du bist ja schon wach«, murmelte er schlaftrunken. »Marlenchen, mein Schatz, ist es denn schon Zeit zum Aufstehen?«
»Ja, leider. Noch fünf Minuten. Schlaf net wieder ein. Wir sind eh spät dran.«
»Ach was, wir haben noch ganz viel Zeit!« Er drehte sich noch einmal auf die andere Seite. Ein paar Minuten noch, dann würde sie ihn aus dem Bett werfen, ihren Siebenschläfer.
Es war wie immer. Und trotzdem anders als sonst.
Der kleine Stachel, den Marlene im Herzen spürte, ließ sich nicht herausziehen. Sie bekam Angst wie vor einer unbekannten Gefahr. Dabei schien doch alles ruhig und friedlich zu sein.
Rasch stand sie auf und blickte hinaus in den Morgen, der noch dunkel und kalt war. Es kam ihr so vor, als ob es nur ganz langsam hell wurde.
***
Auch am Dreikönigstag hatte die Winterkälte das Tal wieder fest im Griff. Es war trotzdem ein schöner Tag. Die Sonne gab ihr Bestes und strahlte vom blauen Himmel. Sie tat aber nur so, als ob sie Wärme verbreiten konnte. Denn damit haperte es wegen Väterchen Frosts eisigem Regiment, sodass weiterhin Bommelmützen und dicke Handschuhe an erster Stelle standen.
Es war der letzte Feiertag in der Reihe der weihnachtlichen Festtage. Im ganzen Dorf wurde der Tag der Heiligen Drei Könige traditionell begangen, nach alter Sitte mit den Sternsingern, die von Haus zu Haus zogen.
Auch bei der Familie Burger in der Kirchgasse herrschte noch einmal eine ganz besondere Stimmung.
Bevor der große Weihnachtsbaum nach draußen neben das Gartenhäusl gebracht wurde, wo man ihn später zu Brennholz verarbeiten würde, kam er in seinem glitzernden ein letztes Mal zu Ehren. Im Essstüberl stand außerdem noch ein kleines Tannenbäumchen mit Wurzeln in einem Terrakotta-Gefäß, es sollte nach dem Frost vor dem Haus eingepflanzt werden.
Die Kerzen wurden angezündet, und Großvater Burger las nach dem ausgiebigen Frühstück die Geschichte von Kaspar, Balthasar und Melchior vor, die aus dem Morgenland nach Bethlehem gekommen waren und allerlei Geschenke für das Jesuskind mitgebracht hatten.
»Ich hör’s immer wieder gern«, meinte die Zenzi. »Je älter ich werd, desto lieber sind mir all diese Dinge. Derzeit macht es mir schwer zu schaffen, wenn ich dran denke, dass wir in ein paar Tagen das Kripperl abräumen. Dann muss es wieder auf den Dachboden. Bis zum nächsten Weihnachtsfest. Wer weiß, was bis dahin alles passieren kann. Man wird ja net jünger. Und auch sonst …«
Die langjährige Hauswirtschafterin der Burgers hatte heuer ihr vierzigstes Weihnachtsfest im Doktorhaus gefeiert. Als junge Frau von dreiundzwanzig Jahren war sie nach dem Tod von Martin Burgers Mutter ins Haus gekommen.
Grad mal elf Jahre war der Bub damals gewesen. Die Zenzi hatte alles getan, um ihm und seinem Vater über die Trauer hinwegzuhelfen. Für Martin war es sehr schwer gewesen, anfangs hatte er jeden Tag am Grab der Mutter gestanden und nicht glauben können, dass sie nie mehr bei ihm sein würde. Dr. Pankraz Burger hatte sich sehr um seinen Sohn gesorgt. Aber der Zenzi war es geglückt, wieder Licht und ein bisserl Freude ins Haus zu bringen.
»Wer weiß, was alles passieren kann«, wiederholte sie jetzt und betrachtete melancholisch die Kerzen am Weihnachtsbaum. Sie brannten langsam nieder. Neue wurden nun nicht mehr aufgesteckt. Es war vorbei mit dem Festtagszauber.
»Das sagst du immer, Zenzerl, jedes Jahr!«, rief Dr. Pankraz Burger und klappte die Kinderbibel zu, aus der er die Geschichte vorgelesen hatte. »Was geschehen wird, wissen wir net. Das ist auch gut so, denn sonst hätte ja niemand mehr seine Ruhe. Anstatt zu grübeln, wollen wir Vertrauen ins Leben haben und frohgemut sein.«
Sorgsam legte er die kleine Bibel zur Seite und nahm die Hausbibel zur Hand, denn auch den Originaltext las er jedes Jahr vor.
Die achtjährige Tessa und ihr drei Jahre jüngerer Bruder Filli fanden den Text in der großen, altertümlichen Hausbibel »komisch«. In der Kinderbibel gab es bunte Bilder. Und man verstand auch, was gemeint war. Die Sätze waren nicht so verschachtelt, und die Worte klangen genauso, wie man heute sprach.
Freilich war die Originalbibel etwas ganz Kostbares. Auf dem Einband aus schwarzem, geprägtem Leder prangte ein goldenes Kreuz. Es war fast so beeindruckend wie in der Kirche, wo Pfarrer Roseder am Altar eine gewaltig große Bibel vor sich liegen hatte.
Tessa hatte schon einmal ein paar Seiten darin umblättern dürfen. Sie hatte Herzklopfen dabei gehabt, denn vor der Kirchenbibel musste man Ehrfurcht haben.
Man konnte ja nie wissen, ob vielleicht ein Engel darüber hinweggeflogen war. Das gescheite Madel malte sich so etwas gern aus, denn es war einfach toll, daran zu glauben.
Sabine Burger blickte auf die Uhr. Klein-Laura, das zweijährige Nesthäkchen, saß auf ihrem Schoß und ließ sich ein Neujährchen schmecken. Es war nicht etwa von Silvester übrig geblieben, sondern frisch gebacken. Neujährchen waren kleine, süße, schneckenartig gedrehte Hefestückerl, die von der ganzen Familie gern gegessen wurden. Das Rezept hatte die Zenzi vor Jahren aus einer Zeitschrift herausgeschnitten. Es gehörten unbedingt Rosinen hinein und Streuzucker obendrauf.
»Wir müssen in einer halben Stunde losgehen«, wandte sich Sabine an ihre beiden »Großen«. »Ehe ihr euch in der Sakristei umgezogen habt, braucht’s etwas Zeit. Ich helf euch dabei. Ihr sollt ja schließlich ganz echt ausschauen. Genau wie die Könige aus dem Morgenland, das versteht sich von selbst.«
Für Tessa und Filli war es Ehrensache, bei den Sternsingern mitzumachen. Der Dritte im Bunde war ihr Freund Maxl, der mit Tessa in die zweite Klasse ging.
Klein-Laura bekam große Augen. Irgendetwas war im Gange. Ihre Geschwister hatten etwas vor. Und sie?
»Lauri will auch Tönig sein«, erklärte das Zwergerl nachdrücklich.
»Das geht net«, wehrte Filli ab. »Du bist zu klein. Und du kannst auch keine Krone aufsetzen.«
Klein-Laura war anderer Meinung.
»Nich klein«, stellte das winzige Madel fest. »Lauri ist Tönig. Papa?«
»Ja, meine Süße«, sagte Dr. Burger. »Worum geht’s?«
»Papa muss Tone basseln«, verlangte das Töchterchen und fügte nach kurzem Nachdenken wohlerzogen hinzu: »Bittezön.« Dabei schaute das Püppchen mit seinen Engerl-Augen so treuherzig drein, dass sogar der Schnee draußen geschmolzen wäre, wenn die Szene im Freien stattgefunden hätte.
Die Familie schwieg ratlos.
Winzlinge wie Klein-Laura waren natürlich vom Sternsingen ausgeschlossen. Aber war’s denn nicht möglich, dass dieses süße Persönchen am Mamas und Papas Hand ein Stück mitging, wenn Tessa und Filli unterwegs waren? Nur ein Viertelstündchen?
Eilig machte sich Martin Burger daran, seine Bastelkünste unter Beweis zu stellen. Sein Herzblatt wollte, dass er die Krone bastelte, also tat er es auch.
Aus festem Goldpapier, das noch von Weihnachten übrig war, schnitt er wunschgemäß ein kronenartiges Gebilde. Diese Flitterkrone musste dann schnell auf einer von Lauras warmen Mützen befestigt werden. Es klappte so gut, dass der Doktor lachend meinte: »Anscheinend hab ich meinen Beruf verfehlt. Ich hätte Schmuckdesigner werden sollen. Ihr müsst zugeben, dass die Krone täuschend echt aussieht. Wie aus dem Kronjuwelenschatz der Queen.«
»Du bist ein Künstler, Martin«, scherzte Sabine. »Ich wusste ja gar net, was du alles zustande bringst.«
»Da kannst du mal sehen, Schatz«, gab er vergnügt zurück. »Über die verborgenen Fähigkeiten deines Mannes bist du gar net auf dem Laufenden.«
»Bis jetzt haben mir deine nicht verborgenen Fähigkeiten genügt«, erhielt er zur Antwort. »Aber ich bin für Überraschungen jederzeit offen.«
»Prima. Wir sollten heute Abend in aller Ruhe darüber reden, findest du net auch, Liebes? Jetzt müssen wir erst einmal unsere Könige auf den Weg bringen. Ich bin natürlich auch dabei.«
»Es klingelt!«, rief Filli begeistert. »Das ist der Maxl. Er hat gesagt, dass er uns abholt. Aber seine Eltern kommen net mit. Sie müssen doch daheim auf dem Hof bleiben wegen der vielen Viecherl.«
Maxl war dafür bekannt, dass er meistens irgendein zweibeiniges oder vierbeiniges Tier im Schlepptau hatte.
Heute bat er verlegen darum, ob jemand auf Germar aufpassen könne, weil dieser noch nichts gefressen habe.
»Man muss ihn füttern«, stammelte Maxl. Er hatte schon sein weit wallendes Sternsinger-Gewand angezogen und dazu Schneestiefel. Irgendetwas unter dem Umhang bewegte sich.
»Wer ist Germar, Bub?«, fragte Dr. Pankraz Burger. »Und wie kommst du auf diesen Namen?«
»Ich hab ihn am dreißigsten Dezember draußen gefunden. Das ist der Namenstag von Germar. Es steht so im Kalender. Er saß ganz verhungert im Schuppen neben der Wassermühle«, erklärte Maxl. »So arm! So klein! Ich hab ihn mitgenommen. Jemand hat ihn da hingesetzt, und er wäre gestorben. Es war grauslich kalt. Aber jetzt geht es ihm besser. Er ist nur noch ziemlich mager.«
»Wer mager ist, verdient Mitleid«, ließ sich der Senior vernehmen. »So gesehen, brauch ich überhaupt keins, net wahr?« Seinem dröhnendem Gelächter folgte der Satz: »Also, Maxl, dann zeig uns mal deinen Germar. Vielleicht können wir ihn aufpäppeln.«
Unter dem Tisch tauchte eine feuchte Hundenase auf. Dackel Poldi, der selig vor sich hingedöst hatte, kroch hervor. Er reckte und streckte sich und schnüffelte auffällig an Maxls Wallegewand.
»Poldi darf Germar nix tun«, meinte Maxl ängstlich.
»Ach woher«, sagte Dr. Burger. »Wenn’s keine Katze ist, bleibt unser Poldi ganz friedlich.«
Die Zenzi war ein wenig blass geworden, denn ihr schwante etwas. Eine Katze wäre ja noch harmlos gewesen, aber das Viecherl unter Maxls Umhang schien viel kleiner zu sein. Das verdarb ihr die Laune. Dabei hatte sie sich heute tadellos frisiert und ihr frisch getöntes Haar zu einem lockeren Knoten aufgesteckt.
Nachmittags stand noch ein Dreikönigskonzert des Kirchenchors an, in dem sie Mitglied war. Nun sah es aber danach aus, als ob sie an diesem schönen Feiertag einen Schock erleiden musste, denn Maxl beförderte ein aaldünnes, braun-weißes Etwas mit schwarzen Perlaugen und einem langen Schwänzchen zutage.
»Ach, wie niedlich!«, rief Tessa. Und Filli fügte hinzu: »Dürfen wir Germar ein bisserl behalten?«
»Ich hab’s geahnt. Das ist ja eine Ratte!«, rief die Zenzi entsetzt und rannte aus der Stube, so schnell sie konnte.
»Eine gezüchtete Farbratte«, bekannte Maxl schüchtern. »Es ist ein Mannderl. Das hat mein Papa gesagt.«
»Du meine Güte«, seufzte Dr. Burger. »Hast du denn keinen Käfig für das Viecherl?«
»Nein.« Maxl sah verzweifelt aus. »Ich will einen kaufen, aber mein Taschengeld ist alle.«
Es zeigte sich, dass die Familie Burger sowohl mit Maxl als auch mit dem verschüchterten Nagetier Mitleid hatte. In aller Eile wurde Germar in einen Vogelkäfig gesetzt, der im vergangenen Frühjahr zwei Amselwaisen als vorübergehendes Heim gedient hatte. Dann bot sich der Senior an, das Tier mit Futter zu versorgen.
»Kein Problem«, erklärte er vergnügt. »Geht ihr nur endlich los, sonst wird’s nix mit der Sternsingerei. Maxl, heute Nachmittag musst du das Viecherl aber wieder abholen. Den Käfig darfst du mitnehmen. Den schenken wir dir.«
»Das ist super«, brachte Maxl hervor. »Danke.«
Poldi legte sich derweil vor den Käfig und beobachtete das fremde Tier. So eins hatte er noch nie gesehen. Ihm ging es tausend Mal besser als diesem ärmlichen Fellbündel, denn er hatte genug zu fressen und nahm nur Leckerlis zu sich, die ihm auch wirklich schmeckten. Seine Familie streichelte und behütete ihn. Aber das magere Wesen im Käfig? War es nicht zu bedauern?
Aus Gnade und Barmherzigkeit schleppte Poldi seinen besten Kauknochen herbei, damit der Fremdling wenigstens den köstlichen Geruch erschnuppern konnte.
Irgendwann an diesem Vormittag dachte auch die Zenzi daran, dass man ein Erbarmen mit allen Lebewesen haben muss. Und so kam es, dass der kleine vierbeinige Gast von ihr eine schmackhafte Mahlzeit aus Haferflocken, gehackten Nusskernen, Hunde-Trockenfutter und Käse erhielt, noch bevor der Senior das Futterschälchen gefüllt hatte.
»Das arme Ding kann ja nix dafür, dass es eine Ratz ist«, erklärte die Zenzi und freute sich über Germars Appetit. »Eigentlich schaut’s ganz possierlich aus mit dem gescheckten Fell. Wenn das Schwanzerl net wär … aber was soll’s.«
»Du hast das Herz auf dem rechten Fleck, Zenzerl«, meinte Dr. Pankraz Burger. »Das war schon immer so. Mensch und Tier sind bei dir in den besten Händen. Was hätten wir nur all die Jahre ohne dich gemacht!«
Sie errötete wie ein junges Madel.
Ein so großartiges Lob aus dem Mund des alten Doktors ließ ihr Herz höher schlagen. Der Pankraz war siebenundsiebzig, aber immer noch stattlich und fit. Damals, als junge Frau, hatte sie für ihn geschwärmt und vor sich hingeträumt, wenn ihr die Zeit dazu geblieben war. Heimlich, versteht sich, denn ihr war dann rasch klar geworden, dass er seiner verstorbenen Frau über den Tod hinaus treu bleiben würde.
Inzwischen waren viele Jahre ins Land gegangen, und die Dinge hatten ihren Lauf genommen.
Schweres und Schicksalhaftes hatte sich im Doktorhaus ereignet, aber auch viel Schönes und Heiteres. Das Wichtigste war und blieb der enge Zusammenhalt.
War es nicht wunderbar, wenn man spürte, dass man jemandem ganz viel bedeutete? Dass man zur Familie gehörte und nicht allein war in diesem Leben?
***
