Herzen in Gefahr - Nora Roberts - E-Book

Herzen in Gefahr E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Cathleen verlässt ihre Heimat Irland, um auf dem Gestüt von Keith Logan in Amerika zu arbeiten. Der Abschied fällt ihr schwer. Sein Angebot ist jedoch zu verlockend, als dass sie es ausschlagen könnte. Sie genießt die faszinierende Welt der Pferde und der aufregenden Rennen in Maryland. Wenn da nicht ihre Anziehung für Keith wäre. Dabei sind die beiden wie Katz und Maus, ihre Lebenseinstellungen könnten nicht gegensätzlicher sein. Was wird aus ihrem Vorhaben, keine Affäre mit dem interessantesten Mann anzufangen, den sie je getroffen hat?

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Nora Roberts

Herzen in Gefahr

Roman

Aus dem Amerikanischen von Emma Luxx

Wilhelm Heyne Verlag München

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Die Originalausgabe Irish Roseist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

1. AuflageWilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.Copyright © 1988 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003 by MIRA Taschenbuchin der Cora Verlag GmbH & Co. KG, HamburgUmschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,unter Verwendung eines Fotos von shutterstock/riauaSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12085-6V002

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

Cathleen McKinnon war Irin. Und sie war so widersprüchlich wie ihr Land. Einerseits rebellisch und leidenschaftlich, andererseits poetisch und schwermütig. Gegensätze waren ihre typischste Eigenschaft. Sie war stark genug, um für ihre Überzeugung einzutreten, und so eigensinnig, dass sie selbst um eine verlorene Sache noch kämpfte, aber trotzdem war sie eine Frau, die lieber gab als nahm. Tatkräftige Entschlossenheit kennzeichnete sie genauso wie romantische Träumerei und hochfliegender Ehrgeiz.

Cathleen war zweiundzwanzig und bisher noch nie aus ihrem Heimatdorf herausgekommen. Daher war die Fahrt zum Flughafen von Cork eine ungewohnte und aufregende Sache für sie gewesen. Schließlich hatte sie den Flughafen erst dreimal in ihrem Leben gesehen. Ihre Nervosität war also verständlich. Doch waren es nicht die vielen Menschen und der Lärm, die sie beunruhigten. Den Trubel fand sie eher spannend, die Lautsprecheransagen faszinierend.

London, New York, Paris. Durch die dicke Glasscheibe konnte sie beobachten, wie die großen, schlanken Maschinen von der Startbahn abhoben.

Jedes Mal, wenn sie ein Flugzeug aufsteigen sah, versuchte sie, sein Ziel zu erraten, malte sich aus, eines Tages selbst in einem solchen Riesenvogel zu sitzen und in den Himmel hineinzufliegen.

Nein, die startenden Flugzeuge machten sie nicht nervös, sondern eine ganz bestimmte Maschine, die jeden Moment landen musste. Beinahe hätte sie sich vor Aufregung das Haar zerrauft. Im letzten Moment unterdrückte sie ihre Ruhelosigkeit. Das hätte noch gefehlt, dass sie jetzt ihre Frisur durcheinanderbrachte. Unruhig zupfte sie an ihrer Jacke herum. Hoffentlich sehe ich nicht zu ärmlich aus, dachte sie und strich über ihren Rock.

Zum Glück war ihre Mutter eine ausgezeichnete Schneiderin. Das marineblaue Kostüm hatte vielleicht nicht gerade den modischsten Schnitt, schmeichelte jedoch ihrem hellen Teint und harmonierte reizvoll mit der Farbe ihrer Augen. Cathleen hatte sogar ihre widerspenstige rötlich schimmernde Haarpracht gebändigt. Das geschickt hochgesteckte Haar ließ sie älter und, wie sie hoffte, erfahrener wirken. Die wenigen Sommersprossen auf ihrer Nase hatte sie überpudert und die vollen Lippen mit Lipgloss betont, sie war jedoch mit Wimperntusche und Lidschatten sehr sparsam umgegangen. Dafür hatte sie sich von ihrer Mutter die alten Goldohrringe geliehen. Es war ihr sehr wichtig, einen gepflegten Eindruck zu machen. Auf keinen Fall wollte sie aussehen wie die arme Verwandte und womöglich Mitleid erwecken. Schließlich war sie eine McKinnon. Sie würde ihren Weg gehen, selbst wenn sie bisher nicht so viel Glück gehabt hatte wie ihre Cousine.

Das müssen sie sein, dachte Cathleen, als sie ein kleines Charterflugzeug entdeckte, das langsam auf den Flugsteig zurollte. Nur reiche Leute konnten es sich leisten, eine Privatmaschine zu chartern. Cathleen malte sich aus, wie fantastisch es sein müsste, in solch einem Flugzeug zu sitzen, Champagner zu trinken und irgendwelche exotischen Häppchen dazu zu essen. Ihre Fantasie war schon immer sehr rege gewesen. Allerdings fehlten ihr die Mittel, um die zahlreichen Wunschträume Realität werden zu lassen.

Sie beobachtete, wie eine weißhaarige, stämmig aussehende Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand aus dem Flugzeug stieg. Neben ihr wirkte das zierliche Kind mit dem karottenroten Haarschopf zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe. Die beiden standen kaum auf irischem Boden, als ein etwa sechsjähriger Junge mit Riesensprüngen hinter ihnen aus dem Flugzeug hüpfte.

An dem tadelnden Gesichtsausdruck der Frau konnte Cathleen erkennen, dass der Junge ermahnt wurde. Als die Frau ihn bei der Hand fasste, verzog er mutwillig sein Gesicht. Cathleen mochte ihn auf Anhieb. Dem Alter nach musste er Brendon, Delias ältester Sohn, sein. Und das Mädchen mit der Puppe im Arm war sicher Lisa, seine jüngere Schwester.

Dann stieg ein Mann aus dem Flugzeug, an den sich Cathleen noch sehr gut erinnern konnte. Es war Travis Grant, der Mann ihrer Cousine Delia, den sie vor vier Jahren kennengelernt hatte, als die beiden zu einem kurzen Besuch nach Irland gekommen waren. Travis war groß und breitschultrig, und sein Lächeln löste bei jeder Frau beunruhigende Gefühle aus. Schon damals war ihr seine ruhige Überlegenheit aufgefallen. Bei ihm konnte sich eine Frau geborgen fühlen, solange sie es verstand, ihm eine gleichwertige Partnerin zu sein.

Travis hatte einen kleinen Jungen auf dem Arm, seinen jüngsten Sohn, der nicht das kastanienbraune Haar der Mutter, sondern den dichten dunklen Haarschopf des Vaters geerbt hatte.

Er stellte das Kind kurz auf seine eigenen kleinen Beine, um seiner Frau aus dem Flugzeug zu helfen.

Delia sah bezaubernd aus. Das schöne Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern und schimmerte rötlich in der Sonne. Ein glückliches Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Sogar auf diese Entfernung sah Cathleen, dass ihre Augen glänzten. Delia war eine zierliche Frau, die ihrem Mann kaum bis zur Schulter reichte. Nachdem er sie um die Taille gefasst und aus dem Flugzeug gehoben hatte, legte Travis schützend den Arm um sie. Delia blickte zu ihm auf, berührte liebevoll seine Wange und küsste ihn.

Die beiden wirken wie ein Liebespaar, dachte Cathleen. Die Eifersucht, die sie bei diesem Gedanken durchzuckte, war wie ein stechender Schmerz. Sie versuchte nicht, ihren Neid zu unterdrücken. Cathleen war ein Mensch, der seine Gefühle zeigte und sie, ohne an die Konsequenzen zu denken, auslebte. Und warum sollte sie Dee nicht beneiden? Delia Cunnane, dem armen Waisenkind aus Skibbereen, war es gelungen, den richtigen Mann zu finden und den ärmlichen Verhältnissen, in denen sie groß geworden war, zu entfliehen. Sie hatte ihr Glück gemacht, und Cathleen schwor sich, es ihr gleichzutun.

Sie richtete sich noch ein wenig stolzer auf und wollte gerade auf die Tür zugehen, durch die die kleine Gruppe kommen musste, als sie noch einen Mann aus dem Flugzeug steigen sah. Hatte ihre Cousine zwei Dienstboten mitgebracht? Erstaunt betrachtete sie den Fremden. Nein, dachte sie, dieser Mann ist bestimmt kein Dienstbote. Er sieht nicht so aus, als würde er andere bedienen.

Er sprang aus dem Flugzeug und schaute sich langsam, fast ein wenig misstrauisch um. Es war unmöglich, hinter der dunklen Sonnenbrille, die er trug, seine Augen zu erkennen. Cathleen ahnte jedoch, dass sein Blick scharf und beunruhigend war, daher hatte sie kein Verlangen danach, ihn ohne Brille zu sehen.

Er war so groß wie Travis, jedoch ein wenig schlanker, sehniger und wirkte etwas härter. Cathleen beobachtete, wie er sich zu den Kindern hinunterbeugte, um etwas zu ihnen zu sagen. Die Bewegung wirkte lässig, aber nicht lieblos. Das dunkle Haar reichte ihm bis zum Kragen seines blauen Sporthemdes. Er trug Cowboystiefel und ausgeblichene Jeans, sah aber trotz seiner Kleidung nicht wie ein Farmer aus.

Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der Land bearbeitete, sondern sah aus wie einer, der es besaß.

Warum begleitete dieser Mann Travis und Dee nach Irland? War er vielleicht ein Verwandter von Travis? Er sah ihm allerdings nicht ähnlich. Von dem verbindlichen Charme, den Dees Mann ausstrahlte, konnte Cathleen bei ihm nichts bemerken. Das kantige Gesicht verriet Härte und eine gewisse Rücksichtslosigkeit.

Aber weshalb grübelte sie eigentlich über diesen Fremden nach, der sie nichts anging? Es konnte ihr doch gleichgültig sein, wer er war. Sie atmete tief durch und ging der Reisegruppe entgegen.

Brendon stürmte zuerst durch die Tür. Die weißhaarige Frau eilte hinter ihm her. »Bleib stehen, du Lümmel. Dass du mir nicht noch einmal davonläufst!« Sie fasste ihn und das kleine Mädchen bei der Hand. »Lisa, wir dürfen uns jetzt nicht verlieren.«

Das Mädchen schaute sich ebenso neugierig um wie sein Bruder. Bis es plötzlich Cathleen entdeckte. »Dort steht sie ja!«, rief Lisa aufgeregt. »Dort steht unsere Cousine. Sie sieht genauso aus wie auf dem Foto.« Ohne jede Scheu lief das Kind auf Cathleen zu. »Du bist Cathleen, nicht wahr? Ich bin Lisa. Mom hat uns erzählt, dass du uns abholen wirst.«

»Ja, ich bin Cathleen.« Sie beugte sich zu dem Kind hinunter, um es liebevoll zu betrachten. Ihre Nervosität war verflogen. »Als ich dich das letzte Mal sah, warst du ein winziges Bündel, und geschrien hast du, als wolltest du Steine erweichen.«

Lisa schaute sie mit großen Augen an. »Du sprichst ja genauso wie Mom. Hannah, hör mal, sie spricht wie Mom.«

Die weißhaarige Frau reichte Cathleen zur Begrüßung die Hand. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Miss McKinnon. Mein Name ist Hannah Blakely, ich bin die Haushälterin Ihrer Cousine.«

Die Haushälterin, dachte Cathleen, während sie Hannahs Händedruck erwiderte. So etwas gab es früher nicht in Delias Familie. »Willkommen in Irland«, sagte sie zu der Frau, um gleich darauf dem Jungen die Hand hinzustrecken. »Du musst Brendon sein. Du bist ja mächtig gewachsen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe.«

»Ich bin der Älteste«, erklärte Brendon stolz. »Brady ist jetzt das Baby.«

»Cathleen!«

Cathleen schaute auf. Freudig lachend eilte ihre Cousine auf sie zu. Obwohl sie schwanger war, bewegte sie sich wie ein junges Mädchen. Glücklich nahmen sich die beiden Frauen in die Arme. »Oh, Cathleen, ich bin ja so froh, zu Hause zu sein und dich wiederzusehen. Komm, lass dich anschauen.«

Sie hat sich überhaupt nicht verändert, dachte Cathleen. Delia musste inzwischen fast dreißig sein, sah jedoch viel jünger aus. Noch immer hatte sie diesen makellos schimmernden Teint und trug ihr glänzendes rötliches Haar lang und offen. Ihre Wiedersehensfreude war so aufrichtig, dass Cathleen ihre anfängliche Zurückhaltung schnell aufgab.

»Du siehst fantastisch aus, Dee. Das Leben in Amerika scheint dir gut zu bekommen.«

»Und aus dem hübschesten Mädchen von Skibbereen ist eine schöne junge Frau geworden«, erwiderte Delia und küsste sie lachend auf beide Wangen. Sie nahm Cathleens Hand und drehte sich um. »Du erinnerst dich an Travis, nicht wahr?«

»Natürlich. Ich freue mich, dich wiederzusehen, Travis.«

»Du bist erwachsen geworden in den letzten vier Jahren.« Travis küsste sie auf die Wange. »Und das ist Brady, unser Jüngster«, sagte er und lächelte seinen Sohn an, der ihm die Arme um den Nacken geschlungen hatte und Cathleen misstrauisch beäugte.

»Er ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten, Travis. Du bist ein hübscher Junge, Cousin Brady.«

Brady lächelte verschämt und schmiegte das Gesicht an den Hals seines Vaters.

»Und schüchtern ist er«, meinte Delia, während sie ihrem Sohn übers Haar strich. »Es ist wirklich lieb von dir, Cathleen, dass du uns abgeholt hast.«

»Wir bekommen so selten Besuch«, erwiderte Cathleen. »Ich habe den Kleinbus mitgebracht. Weißt du noch, wie schwierig es das letzte Mal war, einen Mietwagen zu bekommen? Diesmal werde ich euch für die Dauer eures Aufenthalts den Bus überlassen.« Während sie sprach, spürte sie plötzlich ein Prickeln im Nacken. Langsam drehte sie sich um. Hinter ihr stand dieser fremde Mann, den sie eben beim Aussteigen beobachtet hatte.

»Cathleen, darf ich dir Keith vorstellen«, sagte Delia. »Keith Logan, meine Cousine Cathleen McKinnon.«

»Guten Tag, Mr. Logan«, begrüßte Cathleen den Fremden förmlich. Es verwirrte sie etwas, dass sie in seinen verspiegelten dunklen Brillengläsern nur sich selbst sah.

»Guten Tag, Miss McKinnon«, erwiderte der Mann lächelnd.

Zwar konnte sie seine Augen nicht sehen, trotzdem hatte sie das unbehagliche Gefühl, dass ihm nichts entging. »Ich bin sicher, ihr seid müde von der Reise«, sagte sie zu Delia, ohne dabei den Blick von Keith Logan abzuwenden. »Der Bus parkt direkt vor dem Ausgang. Lasst uns gehen. Um das Gepäck können wir uns anschließend kümmern.«

Keith hielt sich ein wenig abseits, als sie durch die Abfertigungshalle des Flughafens gingen. Er neigte dazu, sich abzusondern, den stillen Beobachter zu spielen. Im Moment beobachtete er Cathleen McKinnon. Gar nicht übel, dachte er, während er ihre langen, wohlgeformten Beine betrachtete. Nervös wie ein Rennpferd vor dem Start. Er wusste nicht viel über sie. Auf dem Flug hatte er lediglich erfahren, dass ihre und Delias Mutter entfernte Cousinen gewesen und auf benachbarten Bauernhöfen zusammen aufgewachsen waren.

Er lächelte, als Cathleen sich umschaute und einen unsicheren Blick in seine Richtung warf. Wenn Delia Cunnane-Grant die McKinnons zu ihrer Familie zählte, dann war das ihre Sache. Ihm persönlich lag mehr daran, Verwandtschaften möglichst zu meiden.

Wenn er nicht bald aufhört, mich anzustarren, dann werde ich ihm gehörig meine Meinung sagen, dachte Cathleen, während sie den Kleinbus startete. Das Gepäck war verstaut, die Kinder plapperten fröhlich, und sie musste sich darauf konzentrieren, den Bus sicher durch den dichten Verkehr zu steuern.

Sie konnte Keith im Rückspiegel deutlich sehen. Er hatte die langen Beine in dem schmalen Gang so gut es ging ausgestreckt und seinen Arm auf die abgeschabte Rückenlehne des Sitzes gelegt. Noch immer beobachtete er sie unverwandt und machte Cathleen damit so nervös, dass es ihr nicht gelang, sich auf Delias Fragen zu konzentrieren. Nur mit halbem Ohr hörte sie ihrer Cousine zu, und entsprechend zerstreut fielen ihre Antworten aus. Ja, der Familie ging es gut. Und auf der Farm lief alles wie immer. Warum starrt er mich so an? dachte sie, während sie sich bemühte, ihre Cousine mit dem neuesten Dorfklatsch zu versorgen. Besaß dieser Typ denn gar keine Manieren?

Entschlossen vermied sie jeden weiteren Blick in den Rückspiegel, widmete ihre Aufmerksamkeit der Straße und den unzähligen Schlaglöchern, denen sie geschickt auswich. Wer war dieser Keith Logan? Bei der ersten Gelegenheit musste sie ihre Cousine über ihn ausfragen. Doch vorläufig blieb ihr nichts anderes übrig, als lächelnd auf Delias Fragen zu antworten.

»Colin ist also noch nicht verheiratet?«, wollte sie gerade wissen.

»Colin?« Unbeabsichtigt schaute Cathleen doch wieder in den Rückspiegel – und in Keiths Brillengläser. »Nein, er ist immer noch unverheiratet. Mutter ist gar nicht glücklich darüber. Er fährt ab und zu nach Dublin, um seine Songs vorzutragen.« Sie übersah ein Schlagloch, und prompt wurden alle im Bus durcheinandergeschüttelt. »Oh, entschuldige. Ich sollte besser aufpassen«, sagte sie erschrocken zu ihrer Cousine.

»Das schadet mir gar nichts«, beruhigte Delia sie.

Cathleen warf ihr einen besorgten Seitenblick zu. »Wirklich nicht? Eigentlich solltest du überhaupt nicht mehr reisen.«

»Ich bin kerngesund und robust wie ein Pferd.« Delia legte die Hand auf ihren gerundeten Bauch. »Außerdem wird es noch ein paar Monate dauern, bis die beiden auf die Welt kommen.«

»Die beiden?«

Delia lächelte. »Diesmal werden es Zwillinge. Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mir das schon immer gewünscht habe.«

»Zwillinge«, wiederholte Cathleen erstaunt.

Delia schaute sich nach ihren drei Kindern um, denen inzwischen vor Müdigkeit die Augen zugefallen waren. »Ich wollte immer eine große Familie haben.«

»Na, die hast du ja jetzt bald«, bemerkte Cathleen trocken, während sie auf die Hauptstraße ihres Heimatdorfes einbog.

Delia lachte bloß über die nüchterne Erwiderung ihrer Cousine. Aufgeregt schaute sie zum geöffneten Wagenfenster hinaus. Wie vertraut ihr die alte Dorfstraße war. Sie liebte ihre Heimat, hatte sie in all den Jahren nicht vergessen können. Irland, nicht Amerika, war ihr eigentliches Zuhause. »Hier hat sich nichts verändert«, stellte sie überrascht fest.

Cathleen parkte den Bus. Gelangweilt schaute sie sich um. Sie kannte jeden Quadratzentimeter des Dorfes, jede Farm im Umkreis von fast hundert Kilometern. Tatsache war, dass sie nie etwas anderes gekannt hatte als dieses Dorf und die umliegenden Bauernhöfe. »Hast du etwa erwartet, dass sich hier etwas ändern würde? Hier tut sich doch nie etwas.«

»Da drüben ist O’Donnellys Textilgeschäft.« Delia stieg aus dem Bus. Sie konnte es nicht abwarten, die Luft von Skibbereen zu atmen, auf demselben Straßenpflaster zu stehen, über das sie schon als Kind gelaufen war. »Führt er seinen Laden noch immer selbst?«

»Der alte Geizkragen wird so lange hinter seiner Theke stehen und Geld zählen, bis er umfällt.«

Lachend nahm Delia Brady auf den Arm, der sich gähnend an ihre Schulter schmiegte. »Er hat sich also auch nicht verändert.«

Cathleen drehte sich um, um beim Abladen der Koffer zu helfen – und prallte fast mit Keith zusammen. Als wolle er sie beruhigen, legte er ihr die Hand auf die Schulter und ließ sie dort für ihren Geschmack viel zu lange liegen. Glaubte der Mann etwa, dass er sie stützen musste? »Pardon«, sagte sie scharf und streckte angriffslustig das Kinn vor.

Er schien ihren wütenden Blick gar nicht zu bemerken. »Meine Schuld«, sagte er lächelnd. Er ließ ihre Schulter los und wuchtete zwei schwere Koffer aus dem Wagen. »Warum gehst du nicht mit Dee und den Kindern in den Gasthof vor, Travis? Ich kümmere mich um das Gepäck.«

Eigentlich war Travis kein Mann, der die schwere Arbeit anderen überließ. Aber da er wusste, dass seine Frau müde und erschöpft war und da er ihren Starrsinn kannte, wenn es darum ging, dass sie sich ausruhen sollte, nahm er Keiths Angebot an. Dee würde sich nur dann hinlegen, wenn er sie persönlich ins Bett brachte. »Danke, Keith. Ich werde in der Zwischenzeit die Formalitäten an der Rezeption erledigen. Cathleen, sehen wir dich und deine Familie heute Abend?«

»Natürlich. Wir kommen alle.« Impulsiv küsste sie ihre Cousine auf die Wange. »Ruh dich jetzt aus, Dee. Sonst wird Mutter sich aufregen und dich mit ihrem Getue verrückt machen. Das kann ich dir versichern.«

»Musst du denn schon gehen? Kannst du nicht wenigstens für einen Moment mit hereinkommen?«

»Ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen. Geh jetzt, sonst schlafen dir deine Kinder noch auf der Straße ein. Wir sehen uns heute Abend.« Während Hannah mit Dee und den Kindern in den Gasthof ging, lud Cathleen das restliche Gepäck aus dem Auto. Plötzlich stand sie wieder Keith gegenüber. Hastig wandte sie sich ab. »Es ist nicht mehr viel«, sagte sie, ohne ihn dabei anzuschauen. »Nur noch ein paar Taschen.«

Bevor er etwas erwidern konnte, eilte Cathleen mit einigen Gepäckstücken in den Gasthof. In der verschlafenen kleinen Pension war es an diesem Morgen alles andere als still. Die Besucher aus Amerika hatten schon eine Woche vor ihrer Ankunft für Aufregung gesorgt. Jeder Winkel war geputzt und poliert worden, das gesamte Wirtshaus blitzte regelrecht vor Sauberkeit. Als Cathleen die Eingangshalle betrat, führte Mrs. Malloy, die Wirtin, ihre Gäste gerade nach oben zu ihren Zimmern. Beruhigt ging Cathleen wieder hinaus. Sie wurde hier nicht mehr gebraucht. Ihre Cousine war bei Mrs. Malloy in guten Händen.

Draußen blieb Cathleen einen Augenblick stehen, um das Dorf zu betrachten, das ihre Cousine vorhin so fasziniert hatte. Sie konnte beim besten Willen nichts Besonderes daran entdecken. Es war ein ganz gewöhnlicher, stiller kleiner Ort, in dem hauptsächlich Bauern und Fischer lebten.

Von der Dorfstraße aus konnte man den Hafen sehen, wo jeden Tag die Fischerboote mit ihrem Fang einliefen. Die Häuser sahen schmuck und sauber aus, und kein Mensch schloss seine Türen ab. Offene Haustüren waren Tradition in Skibbereen. Es gab niemanden hier, den Cathleen nicht kannte, und niemanden, der sie nicht kannte. Es war unmöglich, in diesem Ort ein Geheimnis vor seinem Nachbarn zu haben. Neuigkeiten verbreiteten sich schnell hier, und Klatsch war der liebste Zeitvertreib der Dorfbewohner.

Wie sehr sie sich danach sehnte, hier rauszukommen! Sie wollte die großen Städte sehen, wo es etwas zu erleben gab, wo niemand sie kannte und niemand sich um sie kümmerte. Nur ein einziges Mal wollte sie in ihrem Leben irgendetwas Verrücktes und Unüberlegtes tun, ohne dass es hinterher zum Dorfgespräch wurde.

Als sie die Tür des Busses zuschlagen hörte, schrak sie wie ertappt zusammen. Erst jetzt merkte sie, dass Keith Logan sie beobachtete. Lässig lehnte er am Auto und zündete sich eine Zigarette an. Er ließ Cathleen dabei nicht aus den Augen. »Ich kann keine große Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Delia Grant entdecken«, bemerkte er.

Es war das erste Mal, dass er sie direkt ansprach. Dabei fiel ihr auf, dass er einen anderen Akzent hatte als Travis. Er sprach langsamer, irgendwie gedehnt.

»Bis auf das Haar vielleicht«, fuhr er fort. »Aber Dees Haar hat eher die Farbe von Travis’ preisgekröntem Fohlen, während Ihres …« Er rauchte eine Weile nachdenklich. »Ihr Haar erinnert mich an das tiefe Mahagonirot des alten Nachttisches in meinem Schlafzimmer. Ich habe ihn nur wegen dieser faszinierenden Farbe gekauft.«

»Das ist zwar ein sehr schmeichelhafter Vergleich, Mr. Logan, aber ich bin weder ein Pferd noch ein Tisch.« Sie zog die Wagenschlüssel aus der Tasche und hielt sie ihm hin. »Hier, die überlasse ich Ihnen.«

Doch statt ihr die Schlüssel abzunehmen, schloss er seine Hand um ihre und hielt sie fest.

Es gefiel ihr, dass sie sich von seinem festen Griff nicht einschüchtern ließ, sondern ihn mit erhobenen Brauen hochmütig ansah.

»Wollten Sie noch irgendetwas, Mr. Logan?«

»Ich werde Sie nach Hause fahren«, erklärte er.

»Das ist nicht notwendig.« Mit zusammengebissenen Zähnen wartete sie, bis die zwei eifrigsten Klatschbasen von Skibbereen an ihr vorbeigegangen waren. Heute Abend würde jeder im Dorf wissen, dass Cathleen McKinnon Händchen haltend mit einem Fremden auf der Dorfstraße gestanden hatte. Das war so sicher, dass sie sich lieber gleich vornahm, den absehbaren Klatsch gelassen zu ertragen. »Ich brauche nur irgendein Auto anzuhalten, um nach Hause zu kommen.«

»Nein. Dafür sorge ich selbst.« Ohne ihre Hand loszulassen, richtete er sich auf. »Ich habe es Travis versprochen. Keine Sorge, ich bin es schon fast gewohnt, auf der falschen Straßenseite zu fahren.«

»Ihr Amerikaner fahrt auf der falschen Straßenseite.« Cathleen zögerte einen Moment, bevor sie in den Bus stieg. Doch weil sie noch eine Menge zu erledigen hatte und der halbe Tag schon vorüber war, nahm sie Keiths Angebot an. »Am Ortsausgang gabelt sich die Straße«, erklärte sie, nachdem sie ein kleines Stück gefahren waren. »Sie müssen sich links halten. Danach sind es etwa fünf Kilometer bis zu unserem Hof.« Um ihm zu zeigen, dass sie keine große Lust hatte, sich auf eine weitere Unterhaltung mit ihm einzulassen, verschränkte sie die Arme und blickte zum Fenster hinaus.

»Hübsche Gegend«, bemerkte Keith und warf einen Blick auf die grünen Hügel mit dem Heidekraut und den Schlehdornhecken, die sich im Westwind stark bogen. »Skibbereen liegt dicht am Meer, nicht wahr?«

»Ziemlich dicht.«

»Mögen Sie keine Amerikaner?«

Cathleen wandte den Kopf, um ihn anzusehen. »Ich mag keine Männer, die mich anstarren.«

Keith schnippte seine Zigarettenasche aus dem Wagenfenster. »Schade. Ich neige nämlich dazu, mir Dinge, die mich interessieren, eingehend zu betrachten.«

»Soll das ein Kompliment sein?«

»Lediglich eine Feststellung. Ist dies die Weggabelung?«

»Ja.« Sie atmete tief durch. Der Mann hatte ihr nichts getan. Sie hatte keinen Grund, unfreundlich zu ihm zu sein. »Arbeiten Sie für Travis?«, fragte sie.

»Nein. Man könnte sagen, dass wir Kollegen sind. Mir gehört eine Farm in seiner Nachbarschaft.«

»Züchten Sie auch Rennpferde?«

»Zurzeit.«

Cathleen schaute ihn nachdenklich von der Seite an. Sie konnte ihn sich gut vorstellen als Pferdezüchter. Irgendwie passte dieser Beruf zu ihm. Er war gewiss kein Typ, der gern Akten wälzte und Bücher führte. »Travis’ Gestüt ist ziemlich erfolgreich«, bemerkte sie.

Keith lächelte belustigt. »Wollen Sie mich indirekt fragen, wie erfolgreich meines ist?«

Sie wandte sich ab und schaute aus dem Fenster. »Das geht mich nichts an.«

»Nein, es geht Sie tatsächlich nichts an. Aber keine Sorge, ich bin nicht arm. Der Erfolg wurde mir zwar nicht in die Wiege gelegt, wie das bei Travis der Fall war, aber ich finde, dass er mir ganz gut bekommt. Die Grants würden Sie übrigens sofort mit nach Amerika nehmen. Sie müssten sie nur darum bitten.«

Cathleen erfasste seine Worte nicht sofort. Doch dann verstand sie. Überrascht schaute sie ihn an.

Keith blies seinen Zigarettenrauch aus dem Fenster. »Mir können Sie nichts vormachen, Cathleen. Sie wollen aus Ihrem bisherigen ruhigen Leben ausbrechen. Sie sind eine ruhelose Seele und können es kaum erwarten, aus diesem Nest rauszukommen. Wenn Sie mich fragen, hat dieser Ort einen gewissen Charme.«

»Ich habe Sie aber nicht gefragt.«

»Richtig. Aber man konnte Ihnen an der Nasenspitze ansehen, was Sie dachten, als Sie vorhin auf dem Bürgersteig standen und sich umschauten. Sie hätten am liebsten das ganze Dorf verwünscht.«

»Das ist nicht wahr.« Cathleen bekam fast ein schlechtes Gewissen, denn im Grunde genommen hatte er ja recht. Ihre Gedanken waren vorhin durchaus in diese Richtung gegangen.

»Okay, wir können es auch anders ausdrücken. Sie haben sich weit weg gewünscht, nicht wahr? Ich kenne dieses Gefühl, Cathleen.«

»Woher wollen Sie eigentlich wissen, was ich empfinde? Sie kennen mich doch gar nicht.«

»Ich kann Ihre Gefühle ziemlich genau nachempfinden. Sie kommen sich in dieser Gegend eingesperrt und eingeengt vor.« Als sie hierauf nichts erwiderte, fuhr er fort: »Seit Sie auf der Welt sind, sehen Sie immer wieder nur dasselbe, fragen sich, ob das alles im gleichen Trott endlos weitergehen soll. Ob das alles gewesen ist, was das Leben Ihnen zu bieten hat. Und manchmal überlegen Sie, ob Sie einfach weggehen sollen, irgendwohin, wo der Zufall Sie gerade hintreibt. Wie alt sind Sie, Cathleen McKinnon?«

Seine Worte hatten sie getroffen. »Zweiundzwanzig«, erwiderte sie knapp.

»Ich war knapp zwei Jahre jünger, als ich alles hinter mir ließ, um meinem Fernweh zu folgen. Ich kann nicht sagen, dass ich es jemals bereut hätte.«

Er schaute sie an. Doch wieder sah sie in seinen Brillengläsern nur ihr Spiegelbild. »Nun, das freut mich für Sie, Mr. Logan. Wenn Sie jetzt bitte anhalten würden? Dieser Weg führt zu unserem Hof. Von hier aus kann ich zu Fuß gehen.«

»Wie Sie wollen.« Er hielt zwar an, doch als sie die Tür öffnen und aussteigen wollte, legte er ihr die Hand auf den Arm, um sie zurückzuhalten. Er wusste nicht genau, warum er ihr angeboten hatte, sie nach Hause zu fahren. Genauso wenig wusste er, warum er dieses Thema überhaupt angeschnitten hatte. Er war ganz einfach einer Ahnung gefolgt, so wie er das meistens in seinem Leben tat. »Ich sehe einem Menschen sofort an, ob er Ehrgeiz besitzt. Der Charakterzug ist mir vertraut. Jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel schaue, blicke ich dem Ehrgeiz ins Gesicht. Manche sagen, diese Eigenschaft sei schlecht. Für mich ist sie eher ein großes Glück.«

Wie schaffte es dieser Mann, sie dermaßen zu verunsichern? Warum war in seiner Gegenwart ihre Kehle wie zugeschnürt, waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt? »Wollen Sie etwas Bestimmtes damit sagen, Mr. Logan?«

»Sie gefallen mir, Cathleen. Es wäre jammerschade, wenn Ihre Schönheit eines Tages durch einen mürrischen unzufriedenen Gesichtsausdruck zerstört würde.« Er lächelte sie an. »Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.«

Cathleen sprang rasch aus dem Bus, knallte die Tür hinter sich zu und eilte davon. Dabei wusste sie nicht, ob sie vor sich selbst oder vor ihm davonrannte.

2. KAPITEL

Es ging hoch her in der kleinen Pension. Die gesamte Familie McKinnon hatte sich zu einem festlichen Dinner in Mrs. Malloys Gaststube eingefunden, um das Wiedersehen mit Cousine Delia und ihrer Familie zu feiern. Die Stimmung war großartig. Es wurde getrunken und gelacht, und da alle durcheinander sprachen, war manchmal kaum ein Wort zu verstehen. Nur Cathleen beteiligte sich nicht so recht an der fröhlichen Tischrunde. Immer wieder musste sie daran denken, was Keith Logan am Nachmittag zu ihr gesagt hatte.

Es stimmte. Sie war unzufrieden. Aber die Vorstellung, dass ein Fremder ihr ansah, was ihrer Familie nie aufgefallen war, behagte ihr gar nicht. Sie hatte längst gelernt, mit dieser nagenden Unzufriedenheit zu leben. Auch den Neid auf ihre Cousine akzeptierte sie inzwischen. War es nicht ganz natürlich, dass sie Dee beneidete? Gewiss, neidisch sein war nicht schön, aber sie war schließlich nicht vollkommen. Außerdem war es nur zu natürlich, Eifersucht zu empfinden, wenn sie Dee strahlend vor Glück neben ihrem Mann sitzen sah. Sie missgönnte Dee ihr Glück ja nicht. Sie wollte doch nur selbst auch ein bisschen glücklich sein.

Dabei freute sie sich ehrlich über den Besuch ihrer Cousine. So konnte sie wenigstens etwas über deren Leben in Amerika erfahren. Sie konnte Fragen stellen und sich eine Vorstellung von dem großen Haus machen, in dem Dee wohnte, von ihrem aufregenden Leben in der eleganten Gesellschaft der reichen Rennstallbesitzer. Ein paar Tage lang konnte sie träumen, danach würde ihr Leben wieder seinen normalen eintönigen Lauf nehmen.

Aber nicht für immer, das hatte sie sich geschworen. In ein oder zwei Jahren, sobald sie genug Geld zusammengespart hatte, würde sie nach Dublin gehen. Dort würde sie sich einen Job in einem Büro suchen und eine eigene Wohnung nehmen. Eine Wohnung ganz für sich allein. Niemand konnte sie davon abhalten.

Bei diesem Gedanken huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie schaute auf – und begegnete Keiths Blick. Heute Abend sah sie ihn zum ersten Mal ohne seine Sonnenbrille. Mit Sonnenbrille ist er mir lieber, dachte sie unwillkürlich. So sehr sie diese verspiegelten Gläser verwirrt hatten, seine schönen dunkelgrauen Augen verwirrten sie fast noch mehr. Sie verrieten Intelligenz, und sie waren von einer beunruhigenden Intensität. Er hat kein Recht, mich so anzustarren, dachte sie verärgert und hob herausfordernd das Kinn, um ebenso ungeniert zurückzustarren.

Sekundenlang vergaß sie ihre Umgebung. War es das belustigte Blitzen in seinen Augen oder die Arroganz, die sie anzog? Oder lag es daran, dass beides zusammen seinem Blick etwas Wissendes gab? Sie war nicht sicher, woran es lag, aber sie spürte deutlich, dass sie in diesem Moment etwas für ihn empfand, etwas, das sie besser nicht fühlen sollte.

Eine irische Rose, dachte Keith. Er hatte zwar noch nie eine irische Rose gesehen, aber er war sicher, dass sie kräftige scharfe Dornen besaß. Eine wilde Blume, unempfindlich und stark, die sich von keinem Gestrüpp unterkriegen ließ. Eine Blume, die er respektieren konnte.

Ihre Familie gefiel ihm. Einfache, bodenständige Menschen, die sich ihren bescheidenen Wohlstand hart erarbeiten mussten. Mary McKinnon, die neben der Farm noch eine kleine Schneiderei besaß, hatte sechs Kinder. Bis auf Colin, ihren ältesten Sohn, waren all ihre Jungs hellhäutig und rotblond. Colin hingegen sah mit seinem dunklen Haar und der leicht gebräunten Haut wie ein irischer Krieger aus, sprach jedoch wie ein Poet. Keith hatte sofort gemerkt, dass Cathleen eine Schwäche für ihren ältesten Bruder hatte. Jetzt beobachtete er sie, um herauszufinden, welche Schwächen sie noch besaß.

Er war froh, dass Travis ihn zu diesem Abstecher nach Skibbereen überredet hatte. Der Trip nach Irland hatte sich für ihn gelohnt. In Kildare hatte er ein paar gute Rennpferde gekauft und einige Anregungen bei dem Besuch der Rennbahn in Curragh mitgenommen. Jetzt wurde es Zeit, den geschäftlichen Teil dieser Reise zu vergessen und ein wenig Spaß zu haben.

»Spielst du etwas für uns, Colin?« Über den Tisch hinweg griff Delia nach der Hand von Cathleens ältestem Bruder.

»Darum musst du ihn nicht lange bitten«, warf Mary McKinnon ein.

»Schiebt mal die Stühle beiseite«, sagte sie zu ihren zwei jüngsten Söhnen. »Nach einer solchen Mahlzeit muss getanzt werden.«

»Ich habe zufällig meine Flöte dabei.« Colin griff in seine Westentasche und zog eine schlanke Rohrpfeife heraus. Dann stand er auf und fing an zu spielen.

Es überraschte Keith, dass dieser große breitschultrige Mann dem ungewöhnlichen Instrument so zarte Töne zu entlocken verstand. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, und während er die angenehme Wärme genoss, die ihm nach jedem Schluck irischen Whiskys durch die Kehle rann, verfolgte er interessiert die weiteren Vorgänge.

Inzwischen war auch die übrige Tischgesellschaft aufgestanden. Mary McKinnon legte ihre Hand in die ihres jüngsten Sohnes, und fast automatisch fingen ihre Füße an, Tanzschritte zu der Musik zu machen. Der Tanz erschien Keith zunächst etwas steif und die Schritte ziemlich kompliziert. Doch dann steigerte sich das Tempo allmählich. Immer schneller wurde der Rhythmus. Mit Zurufen und lautem Händeklatschen feuerten die Zuschauer die Tänzer an. Keith schaute zu Cathleen hinüber. Sie stand neben ihrem Vater, hatte die Hand auf seine Schulter gelegt und lächelte. Es war ein Lächeln, wie Keith es noch nie an ihr gesehen hatte, ein Lächeln, das ihm einen seltsamen Stich versetzte.

»Mutter tanzt immer noch wie ein junges Mädchen«, sagte Matthew McKinnon zu seiner Tochter.

»Und sie ist immer noch eine schöne Frau.« Cathleen beobachtete, wie ihre Mutter in den Armen des Sohnes herumwirbelte.

»Kannst du mithalten?«, fragte ihr Vater.

Lachend schüttelte Cathleen den Kopf. »Ich konnte noch nie so gut tanzen wie Mutter.«

»Aber sicher kannst du das«, erwiderte Matthew McKinnon und legte dann seiner Tochter den Arm um die Taille. »Komm schon.«

Bevor sie protestieren konnte, hatte ihr Vater sie auf die kleine Tanzfläche gezogen. Lachend hielt er ihre Hand hoch, und ehe sie sich versah, war sie mitten drin in dem alten Volkstanz, den ihre Eltern ihr beigebracht hatten, kaum dass sie laufen konnte. Die Flötenmusik war fröhlich und mitreißend, die Begeisterung ihrer Familie ansteckend. Den Kopf zurückgeworfen, die Hände in die Hüften gestemmt, gab sich Cathleen dem Rhythmus des Tanzes hin.

»Schaffst du das auch noch?«

Delia schaute auf. Ihr achtzehnjähriger Cousin stand vor ihr. »Ob ich das noch schaffe?«, wiederholte sie und schaute den Jungen entrüstet an. »Der Tag muss erst noch kommen, an dem ich nicht mehr tanzen kann.«

Travis wollte protestieren, als sie ihrem Cousin auf die Tanzfläche folgte, hielt sich dann aber zurück. Dee wusste selbst, was sie sich zumuten konnte. Es erstaunte ihn immer wieder, wie gut sie ihre Kräfte einzuschätzen verstand. »Eine bemerkenswerte Familie, was?«, sagte er leise zu Keith.

»Das kann man wohl sagen.« Keith zog eine Zigarette aus der Tasche. Dabei ließ er Cathleen keinen Moment aus den Augen. »Dir liegt dieser Tanz wohl nicht?«

Lachend lehnte sich Travis an die Wand. »Dee hat versucht, ihn mir beizubringen, mich dann aber zu einem hoffnungslosen Fall erklärt. Wenn man diesen Tanz nicht schon als Kleinkind lernt, versteht man ihn nie. Dee hat dieses Zusammensein mit ihrer Familie mehr gebraucht, als ich ahnte.«

Keith riss sich einige Sekunden von Cathleens Anblick los, um einen schnellen Blick auf Travis zu werfen. »Die meisten Menschen bekommen hin und wieder Heimweh.«

»Sie war in den sieben Jahren, die wir verheiratet sind, nur zweimal in Irland, und das war offensichtlich nicht genug«, bemerkte Travis. »Dee ist schon eine seltsame Frau. Wenn du dich mit ihr streitest, redet sie dich in Grund und Boden. Auf der anderen Seite stellt sie keinerlei Ansprüche und beklagt sich nie.«

Keith erwiderte zunächst nichts auf die Bemerkung seines Freundes. Es erstaunte ihn noch immer, dass sich in nur vier Jahren eine so enge Freundschaft zwischen ihm und Travis entwickelt hatte. Dabei war er gar nicht der Typ, der Freundschaften suchte. Im Gegenteil. Er war stets vor Verantwortung, die Freundschaften mit sich brachten, zurückgeschreckt. Mit seinen zweiunddreißig Jahren war er die meiste Zeit seines Lebens allein gewesen. Er hatte niemanden gebraucht und niemanden gewollt. Das hatte sich erst geändert, als er die Grants kennenlernte.

»Ich verstehe nicht viel von Frauen«, sagte er, fügte aber, als er Travis’ belustigtes Lächeln sah, hinzu: »Jedenfalls nicht von Ehefrauen. Aber soweit ich das beurteilen kann, ist deine Frau glücklich. Nicht nur hier, auch in Amerika. Wenn sie dich nicht so sehr lieben würde, hätte ich ihr nämlich längst den Hof gemacht.«