Hinter dem schwarzen Mantel - Hans Müller-Jüngst - E-Book

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Hans Müller-Jüngst

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Beschreibung

Peter Globisch stammt aus Templin in Brandenburg und kommt als Jobsuchender auf den Hopfenhof von Herbert Zacher nach Weinlinden an die Donau. Schnell macht er sich dort einen Namen als guter Techniker und wird eine Art Vorarbeiter, der seinem Chef ergeben ist und dieses Vertrauensverhältnis geht so weit, dass Herbert Zacher in eines Tages für einen Anschlag auf die Berger Mühle gewinnen kann. Diese Mühle liegt auf dem Gebiet des verhassten Nachbarortes Leopoldsau, das als sozialdemokratisch gilt, während Weinlinden streng christsozial ist. Die Mühle soll ein sozialdemokratisches Schulungszentrum werden, was Herbert Zacher durch einen Brandanschlag, zu dem er Peter Globisch heranzieht, verhindern will. Die Mutter des Mühlenpächters kommt beidem Bandanschlag ums Leben, und Peter Globisch kommt wegen Totschlags für elf Jahre hinter Gitter. Die Karriere des Hopfenbauers Herbert Zacher ist abrupt beendet, und für Peter Globisch stellt sich nach seiner Entlassung die Frage nach einem Neuanfang. Er lernt Petra Gerber kennen und zieht zusammen mit ihrer kleinen Tochter und ihr in ein altes Donauhaus, schreibt sich an der Fernuni ein und studiert Wirtschaft, die große Frage nach der Resozialisierung scheint damit beantwortet. Sie ist für Peter Globisch gelungen, er schafft es dank vieler Zufälle und Glücksmomente, den Weg zurück in ein normales Leben zu finden.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Hans Müller-Jüngst

Hinter dem schwarzen Mantel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Leopoldsau und Weinlinden

Das SPD-Fortbildungszentrum

Petra und Peter kommen sich näher

Arbeitsgruppe Armut

Urlaub in Polen

Impressum neobooks

Leopoldsau und Weinlinden

„Bitte gehen Sie doch weiter, bleiben Sie doch nicht hier stehen und behindern den ganzen Verkehr!“ rief der Polizist den Leuten zu, die sich das Unfallgeschehen auf der Herrnhuther Straße aus nächster Nähe ansehen wollten. So etwas passierte nicht alle Tage, wenn überhaupt einmal etwas passierte. Von daher waren die Leute schon neugierig und wollten wissen, ob jemand verletzt war; Sachschaden hatte es ja gegeben, das konnte man hören, wie da zwei PKWs ineinandergescheppert waren. Der eine kam aus Leopoldsau, der andere aus Weinlinden.

Die Herrnhuther Straße verengt sich beim Hutgeschäft Mayer. Eigentlich musste der aus Leopoldsau kommende Wagen warten und dem entgegenkommenden Fahrzeug Vorfahrt gewähren. Offensichtlich hatte der Fahrer aus Leopoldsau bei diesem Mal das Wartegebot nicht beachtet. Die Autos stießen mit ihrer jeweils linken Seite an den Scheinwerfern zusammen. Die Unfallwucht war ziemlich mächtig, wenn man sich die Verformung der Karosserien ansah. Die Fahrgastzellen waren aber nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. In punkto Sicherheit hatte sich doch einiges getan. Auch waren in beiden Autos die Airbags ausgelöst worden, sodass den Fahrern nichts geschehen war.

Das enttäuschte die Umstehenden doch ein wenig, bloße Blechschäden waren relativ uninteressant. Viele verließen die Unfallstelle auch wieder und gingen desinteressiert von dannen. Mütter nahmen ihre Kinder bei den Händen, Männer zogen eiligen Schrittes nach Hause, nur einige Jugendliche blieben stehen und schauten sich die Aufräumarbeiten an. Inzwischen hatte sich der Verkehr in beide Fahrtrichtungen doch beträchtlich gestaut. Es näherte sich ein Werkstattwagen mit Aufladevorrichtung.

Nachdem der Polizist den Unfallhergang dokumentiert hatte, wurden die Fahrzeuge an den Straßenrand geschoben, um dann später zur Werkstatt gebracht zu werden. Erst einmal floss der Verkehr wieder, es dauerte aber, bis sich der Stau aufgelöst hatte. Alle hatten sich mittlerweile von der Unfallstelle entfernt, bis auf einen Herrn im langen schwarzen Mantel, der vor dem Schaufenster von Wäsche Hermeling stand, er beobachtete noch, wie die Unfallbeteiligten von der Polizei mit zur Wache genommen wurden. Danach ging auch er fort und schritt schnell Richtung Stadtzentrum. Dort lief er in einen Hofeingang und verschwand von der Bildfläche.

Auf der Wache wurden die Fahrer zum Unfallhergang befragt. Der Leopoldsauer Fahrer war sich seiner Schuld bewusst und gestand alles ein, meinte aber:

„Ich habe gesehen, wie ein Mann im langen schwarzen Mantel das Schild „Achtung Fahrbahnverengung“ absichtlich verdeckt hat. Da ich die Strecke nicht kannte, fuhr ich mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, bis mir im letzten Moment die Verengung auffiel, da war es jedoch zu spät, angemessen zu reagieren, und ich kollidierte mit dem Weinlindener Auto.“

Der diensthabende Polizist nahm die Angaben des Mannes auf, ohne sie zu kommentieren. Die beiden Männer wurden entlassen und konnten gehen. Der Leopoldsauer Fahrer wusste nicht so recht, was er tun sollte und bewegte sich Richtung Stadtzentrum. Dort setzte er sich in das Cafe Kurtz und trank ein Bier. Es war Sommer, und er saß draußen. Er hieß Hans Diekmann und war stellvertretender Chefredaktuer des Leopoldsauer Anzeigers. Er kam eigentlich nie nach Weinlinden, weshalb er auch die Verengung auf der Herrnhuther Straße nicht kannte.

Das Hutgeschäft Mayer war in einem uralten Fachwerkhaus untergebracht, das noch aus dem 18. Jahrhundert stammte und im Zuge des Straßenneubaus aus Denkmalschutzgründen stehen gelassen worden war, so ragte es in die Fahrbahn hinein.

Hans Diekmann ging der Mann im langen schwarzen Mantel nicht aus dem Kopf. Er hatte ganz kurz dessen Gesicht gesehen und glaubte, den Mann von früher her zu kennen. Vielleicht hatte er sich aber auch getäuscht, es war wirklich nur der Bruchteil einer Sekunde, in dem der Mann ihm seine Gesichtszüge gezeigt hatte. Er trank nachdenklich sein Bier und schaute auf den Marktplatz. Plötzlich sah er auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes Peter Globisch herlaufen.

Peter Globisch war ein Krimineller, der auf einen Artikel hin, den er im Leopoldsauer Anzeiger veröffentlicht hatte, wegen Mordes verhaftet worden war und eine langjährige Freiheitsstrafe verbüßt hatte. Hans Diekmann kam damals auf einen Tipp hin an der Stelle im Leopoldsauer Stadtpark vorbei, wo eine Frauenleiche gefunden worden war, die Leiche seiner Freundin. Er sah Peter Globisch wegrennen und schrieb über das Geschehene einen Artikel im Anzeiger. Er hatte seine Angaben auch bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Die verhaftete Peter Globisch aber erst, als mehrere Zeugen aussagten, aufgrund des Artikels hellhörig geworden zu sein und Peter Globisch nach Hause kommen gesehen zu haben. Er hätte Blut an der Hose gehabt und sich schnell umgezogen.

Daraufhin fuhr die Polizei zu Peter Globisch und ließ seine Hose untersuchen. Das Blut stimmte mit dem der Rita Huber, so der Name der Toten, überein. Man fand auch das Messer, das eindeutig Peter Globisch zugordnet werden konnte. Er bekam 12 Jahre Gefängnis aufgebrummt.

Die Frauenleiche wies mehrere Einstiche im Brustbereich auf, außerdem war ihre Kehle durchgeschnitten. Rosi Huber stammte aus Leopoldsau und war zu dem Zeitpunkt ihrer Ermordung 27 Jahre alt. Sie galt allgemein als hübsch. Sie war nicht verheiratet und fuhr am Wochenende immer in die Disco nach Weinlinden. Sie hatte damals einen alten Käfer, den hatte sie von ihrem Vater übernommen, der nicht mehr fahren wollte. Rosi Huber arbeitete bei der Stadt, genau gesagt beim Liegenschaftsamt. Sie hatte damals auf Anraten ihres Vaters die Stadtinspektorinnenlaufbahn eingeschlagen. In Leopoldsau an der Realschule hatte Rosi die Mittlere Reife gemacht. Viele Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis wurden damals Friseurinnen oder Arzthelferin, auch MTA oder PTA. Aber Rosis Vater meinte, das wäre alles nichts für sie, sie sollte etwas Solides machen. So wurde sie Stadtinspektorin.

Sie erledigte ihre Aufgaben auf dem Liegenschaftsamt nicht besonders gern, machte aber ihren Job ganz ordentlich. Man war bei der Stadt sehr zufrieden mit ihr.

In der Schule hatte sie nie geglänzt, schaffte aber einen Abschluss, der etwas unterhalb der Note gut lag, das reichte für eine Ausbildung bei der Stadt. Rosi hatte ein Appartement im Stadtzentrum. Es lag in einem großen Mietshaus, wo die Mieter einander kaum kannten. Sie kam wochentags um 17.00 h nach Hause, machte sich etwas zu essen und verabredete sich mit einer Freundin zum Kino oder ins Cafe. Sie traf sich selten mit Männern, sie war auch mit niemandem liiert.

Es gab einmal eine zweijährige Freundschaft mit Peter Latterer. Der wohnte in der Nachbarschaft und man hatte sich zunächst immer gegrüßt, bis man ins Gespräch gekommen war. Es gab die erste Einladung zu Peter und es begann eine feste Beziehung.

Von Anfang an empfand Rosi diese Beziehung als eine Einengung ihres persönlichen Freiraumes. Sie ließ Peter das nie spüren, hatte es nach zwei Jahren aber satt, jeden Abend zu Hause sein zu müssen und sich nie mit jemandem verabreden zu können. Sie machte Schluss.

Sie lebte von da an ein lockereres Leben, nicht in anrüchigem Sinne. Sie ging abends oft aus und war insgesamt guter Dinge. Sie traf sich gelegentlich auch mit Männern. Auf ihrer Arbeitsstelle war sie eine gern gesehene Kollegin. Sie war immer guter Laune und klagte nie, auch wenn mal länger gearbeitet werden musste, was aber selten vorkam und nur mit Vorankündigung anberaumt werden konnte.

Rosi hatte schwarzes mittellanges Haar, ein ebenes Gesicht und eine schlanke Figur. Sie ging ins Fitnessstudio, um ihre Figur halten zu können und sich zu etwas mehr Kondition zu verhelfen. Dreimal pro Woche raffte sie sich dazu auf, darunter, hatte ihr Fitnesstrainer gesagt, hätte es gar keinen Zweck. Sie war eisern und ließ nie einen Fitnesstermin ausfallen.

Manchmal ging sie auch schwimmen. Der Aufwand aber, den man für das Schwimmen treiben musste, war ihr zuwider: man musste sich anziehen, wieder ausziehen, duschen, in das kalte Wasser springen, wieder duschen, anziehen und zu Hause wieder ausziehen, sie ging deshalb nicht sehr oft schwimmen.

Rosi fühlte sich recht wohl in Leopoldsau. Sie ging gern in die Stadt zum Shoppen und ließ sich bei ihrem Lieblingscoiffeur frisieren. Der erzählte ihr immer den neuesten Tratsch. Er wusste, dass die Kundinnen das gerne hörten. Leopoldsau war eine mittelgroße Stadt mit circa 20000 Einwohnern. Sie war sehr alt. Manche legten die Ursprünge der Stadt ins frühe Mittelalter, als die Burg des Grafen Leopold gebaut worden war, etwa um 800 n. Chr. Bauern siedelten um die Burg herum und hatten in ihrem Schutz ihr Auskommen. Sie mussten dem Grafen den Zehnten abgeben, das war ein Zehntel aller Ernteeinkünfte und der Viehwirtschaft. Demnach wäre Leopoldsau 1200 Jahre alt.

Im nächsten Jahr sollte tatsächlich das 1200. Gründungsjahr gefeiert werden. Über Jahrhunderte hinweg war die Stadt ein unbedeutender Marktflecken, der nur von seiner Lage an der Kreuzung zweier wichtiger Handelswege profitierte, der bayrischen Salzstraße und der Donau. Erst die aufkommende Binnenschifffahrt und der damit verbundene Handelszuwachs machten aus Leopoldsau ein blühendes Städtchen. Lepoldsau wurde das Stapelrecht verliehen. Das hieß, dass vorbeiziehende Schiffe ihre Waren für eine bestimmte Zeit in der Stadt zum Verkauf anbieten mussten. An alten Gebäuden waren der Pulverturm, der alte Hafenanleger und die katholische Stiftskirche erhalten. Diese war auf dem Fundament einer romanischen Basilika in spätgotischem Stil errichtet, sie war mithin circa 800 Jahre alt. Der Kirchenbesuch hatte in den letzten Jahren stark nachgelassen. Von dem Häuflein Aufrechter, die sonntags den Weg zur Messe fanden, waren zwei Drittel über 65 Jahre alt, die Jugend in die Kirche zu bekommen, war ein schweres Unterfangen, an dem die Kirchen beider Konfessionen hart zu arbeiten hatten.

Es gab ganz erbärmliche Anbiederungsversuche, man brachte moderne Musik in den Gottesdienst, modern hieß, dass es zum Beispiel ein Schlagzeug gab; das war sehr ungewöhnlich für Gottesdienste, die nur die alte Instrumentenbesetzung kannten, so wie sie zum Beispiel zum Posaunenchor gehörte. Auch wurden die Instrumente elektrisch verstärkt, das zog für eine kurze Zeit. Schnell wurde den Jugendlichen aber klar, dass das alles nur dazu diente, die völlig überholten liturgischen Mottenkisten zu kaschieren, die Kirche hatte den Jugendlichen nicht wirklich etwas zu sagen. Die überholte Liturgie war das eine, inhaltslose Phrasendrescherei war das andere. Auch häufige Besuche von Pfarrern stießen sauer auf, was hatten sie den Jugendlichen schon zu bieten? Da waren nicht nur die Fragen der Sexualität, die die Jugend bedrückten, es ging allgemein um Fragen der Zukunftsperspektiven, um Ausbildungsplätze, um Lebensentwürfe, was sollte ein Pfarrer dazu sagen?

Der Haupttreffpunkt für Jugendliche war in Leopoldsau die Eisdiele San Marco in der Hochstraße. Wer schon 18 war, hatte zumeist einen Führerschein und ein Auto, oft mit Unterflurlicht, wenngleich der Unterhalt eines Autos viele vor Riesenprobleme stellte. Spritpreise von 1.50 Euro und mehr waren kaum zu stemmen bei dem geringen Salär, über das die Jugendlichen verfügten. Selbst wer einen Ausbildungsplatz hatte, kam monatlich auf kaum mehr als 650 Euro. Davon musste sehr oft noch ein Teil zu Hause abgegeben werden. So überlegte man sich jede Fahrt mit dem Auto, fuhren Freunde mit, war es klar, dass sie sich am Benzingeld beteiligten. Am Wochenende fuhr man häufig ins "Black Rose", die angesagteste Disco weit und breit. Viele soffen nur im "Black Rose", andere hingen einfach rum, die Autofahrer tranken nichts. Man durfte sich in der Probezeit nichts erlauben, wollte man den Führerschein nicht sofort wieder verlieren. Und 0.5 Promille, die hatte man schon nach einem Bier intus. Da brauchte man auch gar nichts zu trinken. Gegen 2.00 h fuhren die meisten wieder zurück nach Leopoldsau. Auf dieser Strecke, der B 526, waren schon viele Unfälle passiert, gerade nach solchen Discobesuchen. Oft fuhren besonders Jugendliche mit viel zu hoher Geschwindigkeit in die kurvenreiche und mit Bäumen eingefasste B 526.

Erst im letzten Jahr war ein mit 5 Personen besetzter Golf mit 90 km/h vor eine Eiche gerast, niemand hatte den Unfall überlebt. Heute steht ein Kreuz mit immer frischen Blumen an der Unfallstelle.

Die Mütter der Verunglückten hatten ihren Schmerz nie verwunden und kümmerten sich um die Blumen. Seitdem ist die Geschwindigkeit auf der B 526 auf 60 km/h begrenzt, fast durchgängig von Weinlinden bis Leopoldsau.

Auch Weinlinden war alt und durch seine Lage an der Salzstraße reich geworden. Es gab in der Nähe aber vor allem Weinbau und Landwirtschaft. Hopfenanbau war besonders wichtig für die Stadt, es gab gewaltige Hopfenfelder in der Umgebung. Fast alle deutschen Brauereien wurden beliefert, eine Menge Hopfen wurde aber auch exportiert, nach Österreich, in die Schweiz und nach Frankreich.

Weinlinden lag ungefähr 8 km von der Donau entfernt, die Stadt profitierte so noch vom Donauhandel, insbesondere wurde der Hopfen donauabwärts nach Österreich verschifft.

Zwischen Weinlinden und Leopoldsau gab es immer schon ein Konkurrenzdenken, welche Stadt die attraktivere wäre, in welcher Stadt die wirtschaftlichen Erfolge am besten umgesetzt würden. Wenn man in Leopoldsau mit Millionenaufwand den Stadtpark sanierte und einen Musikpavillon baute, zog man in Weinlinden gleich und errichtete ein neues Stadttheater. Die Neuschöpfungen würdigte man entsprechend in der jeweiligen Stadtpresse, die Stadtregierung wusste sich ins rechte Licht zu rücken.

In Leopoldsau herrschte seit ewigen Zeiten die Sozialdemokratie, während Weinlinden von der CSU regiert wurde. Von daher bekam das Konkurrenzdenken auch politische Nahrung. Beide Städte wussten sich der Demokratie in besonderem Maße verhaftet, nur gab es da den kleinen parteipolitischen Unterschied. Die Weinlindener schimpften einen Leopoldasauer immer mit „rote Sau“

Im "Black Rose" gab es öfters Schlägereien zwischen Leopoldsauern und Weinlindenern. Es bedurfte immer nur eines geringen Anlasses für eine Kneipenschlägerei, immer war natürlich Alkohol im Spiel.

Besonders stark eskalierte der Städtestreit am 1. Mai. Nachts zogen die jungen Leute auf getrennten Wegen in die jeweiligen anderen Städte, um den Maibaum umzulegen. Der wurde bewacht, und die Wachen schrien dann um Hilfe, sodass eine mächtige Klopperei die Folge war, die Lädierten zogen wieder nach Hause und pflegten ihre Wunden. Auch den eigenen Maibaum hatte man unter großen Opfern zu verteidigen gewusst. Die Leopolsdsauer badeten während der Sommermonate gern in der Donau. Unweit des Stadtzentrums hatte man eine Badestelle angelegt, die in Zeiten des Massenauftriebs sogar von der DLRG bewacht wurde. Es kamen auch Weinlindener zum Baden, man legte sich aber an eine ganz andere Stelle auf die große Liegewiese.

In dem Naturfreibad vermied man aber Schlägereien, man beließ es bei unflätigen Bemerkungen, wenn ein Weinlindener oder ein Leopoldsauer zu nahe am eigenen Lager vorbeikam.

Die Mädchen ließ man dabei völlig unbehelligt, die Mädchen machten sich aus dem ganzen Streitgehabe ohnehin nichts. Sie liefen immer zu zweit zum Kiosk oder zur Toilette.

Neben dem Hopfenbau gab es in Weinlinden als wichtigsten Arbeitgeber die Haber Maschinenbau GmbH. Fast jeder dritte Weinlindener arbeitete da. Der Geschäftsführer war ein strammes CSU-Mitglied und hatte Verbindungen bis nach München zur Landesregierung. Es fand sogar einmal ein Landesparteitag der CSU auf dem Firmengelände der Haber GmbH statt. Dr. Steilmeyer, so hieß der Geschäftsführer, mischte sich selbstverständlich in die Stadtpolitik ein, es gab hier mal eine Spende, da gab es eine Unterstützung für den Sportverein von Weinlinden, hinter vorgehaltener Hand erwartete man da natürlich Wohlwollen seitens der Kommunalpolitik. So erwarb man sehr günstige Firmengrundstücke, oder es wurde bei der Gewerbesteuer Zurückhaltung geübt. Dr. Steilmeyer wohnte in einer Villa am Stadtrand. Seine Frau war Hausfrau, seine beiden Söhne besuchten das Gymnasium. Er erwartete von seiner Frau, dass sie sich um die Schulbelange kümmerte. Seine Söhne sahen ihn kaum, in der Regel nur abends und am Wochenende.

Sie waren 16 und 17 Jahre alt und viel unterwegs. Sie interessierte es kaum, was ihr Vater machte oder wie es um die Haber GmbH bestellt war. Sie waren sehr häufig in Streitereien mit Leopoldsauern verwickelt. Ihre Schulleistungen bewegten sich im Mittelfeld, sie kamen immer problemlos mit. Sie waren geachtete Mitschüler und hatten unter der Schülerschaft viele Freunde. Für sie alle war das "Black Rose" der Dreh- und Angelpunkt in ihrer Freizeit. Dort traf man sich, dort soff man, dort versuchte man, Mädchen anzubaggern.

Paul Steilmeyer war der ältere, er sah gut aus und vertrug auch schon einiges an Alkohol. Dieter Steilmeyer war klein und von zierlicher Gestalt. Er versteckte sich oft hinter seinem großen Bruder. Manchmal wurde er zum Gespött wegen seines Äußeren, dann drohte er, seinen großen Bruder zu holen, woraufhin er in Ruhe gelassen wurde.

Vielen Erwachsenen in Weinlinden war das "Black Rose" ein Dorn im Auge, ein Sündenpfuhl, eine Rauschgifthölle, ein Sextempel. Den Leopoldsauern war das "Black Rose" relativ egal, es war ja 12 km entfernt und spielte in deren Erfahrungsfeld deshalb kaum eine Rolle. Höchstens, wenn ihre Kinder besoffen aus Weinlinden nach Hause kamen, dann gab es schon Antipathien gegen das "Black Rose". Das war dann so ziemlich der einzige Punkt, in dem sich Weinlindener und Leopoldsauer einig waren. Im übrigen befehdete man sich, wo man nur konnte.

So log Dr. Steilmeyer vor Gericht, als er Hans Diekmann wegen eines Artikels im Leopoldsauer Anzeiger verklagte, weil dieser behauptet hatte, die Haber GmbH hätte während der NS-Zeit Konzentrationslagerinsassen unentgeltlich beschäftigt. Das sei an den Haaren herbeigezogen und deshalb völliger Unsinn, so Dr. Steilmeyer. Hans Diekmann gewann schließlich seinen Prozess, weil er eindeutige Belege für seine Ausführungen beibringen konnte, es gelang im schließlich sogar, einen Zeitzeugen zum Prozess vorladen zu lassen. Die Haber GmbH hatte versucht, diesen gegen Geldzahlungen von seiner Aussage abzubringen, haarscharf war sie an einer Anzeige wegen Zeugenbestechung vorbeigeschrammt. Von da an war das Kriegsbeil zwischen beiden Städten erst recht ausgegraben. Der Haber GmbH drohte sogar ein gewaltiger Exportrückgang, denn ihre Maschinen wurden vornehmlich ins Ausland exportiert. Als man in Italien, Frankreich und den Niederlanden von der Verstrickung der Firma in die NS-Zeit hörte, zog man Aufträge zurück. Letztendlich siegte aber das ökonomische Interesse über die moralischen Skrupel, und alles ging wieder seinen normalen Gang.

In der Folgezeit setzte die Familie Steilmeyer keinen Fuß auf Leopoldsauer Stadtgebiet. Die Weinlindener Honoratioren tranken ihr Bier im „Ochsen“ am Marktplatz, wo sie über die Leopoldsauer herzogen, was das Zeug hielt.

In Leopoldsau machte man das gleiche in der „Sonne“ mit umgekehrtem Vorzeichen. Das Bier kam von der Bärenbrauerei aus einem Nachbarort. Natürlich verwendete man für die Bierherstellung Hopfen aus Weinlinden.

Der Hopfen fand reißenden Absatz, er ging an die meistbietenden Brauereien. Man hatte bewusst keine langfristigen Verträge geschlossen, um flexibel auf Marktlagen reagieren zu können Leopoldsau war seit ewigen Zeiten ein Handelsort, es gab in der Stadt kein produzierendes Gewerbe. Stattdessen gab es mit der Ruthemöller GmbH eine mächtige Speditionsgesellschaft, die natürlich auch ins Ausland fuhr. Die Ruthemöller GmbH hatte 38 von den großen 40-Tonnern, die permanent unterwegs waren. Wenn einmal Weinlindener Hopfen transportiert werden sollte, dann wurde das Geschäft hinter vorgehaltener Hand geschlossen. Auch die Binnenschifffahrt spielte eine Rolle, hatte Leopoldsau doch einen kleinen Hafen, in dem auch Güter umgeschlagen wurden. Nie kam es jedoch dazu, dass in Leopoldsau Maschinen der Haber GmbH umgeschlagen wurden, weder an Land noch im Hafen.

Alle Leopoldsauer fanden Beschäftigung, sowohl bei Ruthemöller als auch im Hafen. Es gab in Leopoldsau, genau wie in Weinlinden auch, alle Schulformen am Ort. Das Gymnasium genoss sogar einen gewissen Ruf über die Stadtgrenze hinaus, hatte man doch bei „Jugend forscht“ auf sich aufmerksam gemacht. Die Naturwissenschaften waren am Leopoldsauer Gymnasium fest verankert. Die Schüler der Jahrgangsstufe 12 belegten bei „Jugend forscht“ den dritten Platz und erhielten 500 Euro Preisgeld, das war schon was. Auf jeden Fall wusste Hans Diekmann das im Leopoldsauer Anzeiger entsprechend zu würdigen.

Das Weinlindener Gymnasium, das nach dem alten Landesvater Alfons-Goppel-Gymnasium hieß, gelangte nicht so sehr ins Licht der Öffentlichkeit, hatte aber einige Berühmtheiten hervorgebracht, jedenfalls für bayrische Verhältnisse, so den amtierenden Bürgermeister Dr. Klein und den Heimatdichter Alois Fichtner. Die Absolventen beider Schulen zogen an die Universitäten Deutschlands und hatten damit den Städtestreit hinter sich gelassen. Nur wenige kehrten nach dem Studium zurück und siedelten in ihrer Heimatstadt. Viele gingen nach München oder Ingolstadt und kehrten ihrer Heimat damit vollends den Rücken. Besonders der als Blutmai in die Annalen beider Städte eingegangene 1. Mai vor 12 Jahren blieb den meisten Weinlindenern und Leopoldsauern in mahnender Erinnerung.

Nicht nur, dass die Jugend beider Städte sich die übliche obligatorische Klopperei wegen der Maibaumkämpfe geliefert hätte, nein es gab auch während der Erste-Mai-Kundgebung in Leopoldsau, wo man von der SPD und den Gewerkschaften Reden organisiert hatte, erhebliche Störmanöver seitens der Weinlindener. Es waren Kundgebungszelte in den Donauwiesen errichtet worden. Die Bärenbrauerei spendierte Freibier und einige Kundgebungsteilnehmer waren schon nach kurzer Zeit betrunken.

Die Luft in den Zelten wurde schnell stickig, weil es an diesem 1. Mai ungewöhnlich heiß war. Als der prominente Redner, der Landtagsabgeordnete Dr. Schulz, das Rednerpult betreten hatte, er hatte sein Sakko ausgezogen, seine Krawatte gelockert und die Hemdsärmel hochgekrempelt, begann die ganze Zeltkonstruktion plötzlich zu wanken, bis das Zelt in sich zusammenfiel. Man konnte Dr. Schulz gerade noch hinausgeleiten, als die Zeltbahnen auch schon am Boden lagen.

Es hatte sich herausgestellt, dass jemand die Seile, die an angespitzten Holzpfosten befestigt waren, durchgeschnitten und so dem Zelt den Halt genommen hatte. Man sah vier Jugendliche davonrennen, die man mit Fahrrädern schnell einholte. Sechs Leopoldsauer hatten sich auf ihre Räder geschwungen und die Übeltäter in Windeseile eingeholt. Sie brachten sie, nachdem sie ihnen schon ordentlich Dresche verabreicht hatten, nach Leolpoldsau zurück, wo sie sofort alles zugaben. Einer der Vier hatte mit seinem Handy in Weinlinden um Hilfe gebeten. Kurze Zeit später kamen vier PKW mit quietschenden Reifen auf den Zeltplatz gerast. Jedem PKW entstiegen fünf kräftig gebaute Männer. Sie nahmen eine drohende Haltung ein und forderten die Leopoldsauer auf, die vier Weinlindener sofort freizugeben. Ein Wort ergab das andere, als eine Keilerei größten Ausmaßes ihren Anfang nahm. Diese hätte sich über Stunden hingezogen, wenn nicht irgendwann ein Mannschaftswagen der Polizei gekommen wäre, die die Keilerei beendete. Auch die Sanitäter hatten alle Hände voll zu tun, es gab schlimme Verletzungen, sogar Schädelbrüche, weil man, blind vor Erregung, sich die Bierseidel auf die Schädel geschlagen hatte.

Man hatte sich über die Biertische und -bänke geprügelt, wobei es einige Beinbrüche gegeben hatte.

Die meisten Schlägereiteilnehmer kamen aber mit Blessuren am Körper davon, Blutergüsse zumeist. Dieser Maifereitag wurde so schnell nicht vergessen.

Diejenigen mit den Schädelfrakturen und Beinbrüchen wurden in Krankenhäuser gefahren, wo sie bis zu drei Wochen liegen mussten. Die vier Weinlindener Übeltäter wurden vor Gericht gebracht und zu Sozialstunden verurteilt. Die Verletzten waren auf beide Städte ungefähr gleich verteilt.

Es dauerte eine lange Zeit, bis sich die Gemüter soweit abgekühlt hatten, dass man sich nicht gegenseitig umbringen wollte. Es dauerte bis Anfang September, genau gesagt bis zur Weinlindener Hopfenernte, als eines Morgens alle Gerüstanlagen zerstört waren und der gesamte Hopfen der Umgebung am Boden lag. Hätte es in dieser Zeit geregnet, wäre alles verfault und verloren gewesen. So mussten die Weinlindener den Hopfen vom Boden aufheben und, entgegen den üblichen Erntemethoden, nach Hause fahren.

Der Schaden hielt sich so in Grenzen, die Gerüstanlagen mussten natürlich repariert werden. Die Polizei, die die Weinlindener Hopfenbauern sofort eingeschaltet hatten, suchte lange Zeit nach Anhaltspunkten, fand aber keinen brauchbaren Hinweis auf die Täter. Für die Weinlindener stand die Täterschaft fest: es waren Leopoldsauer, die als Rache für den Blutmai die Hopfengerüste umgelegt hatten. Die Feindschaft zwischen beiden Städten schien unüberbrückbar.

Auf dem Weinlindener Marktplatz stand, neben dem Cafe Kurtz, eine Statue von Ludwig II. Im Sommer saßen immer Jugendliche auf den Stufen vor der Statue, rauchten und tranken Bier. Die Cafebesitzer hatten sich schon oft darüber aufgeregt, weil sie dadurch den Außenbetrieb des Cafes beeinträchtigt sahen. Gelegentlich gab es von den Jugendlichen Anpöbeleien der Cafegäste, die auf der Terrasse ihren Kuchen vertilgten. Man konnte den Jugendlichen aber nicht verbieten, am Denkmal zu sitzen. Bestenfalls konnte man das Alter kontrollieren und gegebenenfalls den Alkoholkonsum untersagen. Ab und zu geschah das auch, die Polizei hatte aber Wichtigeres zu tun.

Am Weißen Sonntag, der in Weinlinden schon immer sehr feierlich begangen wurde, an Quasimodogeniti, einen Sonntag nach Ostern also, gingen alle Erstkommunionskinder in feinstem Weiß zur Kirche.

Die Mädchen waren die Bräute Christi und trugen aus diesem Grunde ihr weißes Brautkleid, die Jungen trugen dunkle Anzüge. Dominico in Albis, wie die korrekte liturgische Bezeichnung des ersten Sonntags nach Ostern lautet, war seit dem Konzil von Trient (1545-1563) in der römisch-katholischen Kirche der Tag der Erstkommunion. Verbindlich festgelegt ist dieser Tag für die Erstkommunion aber erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. In der Regel sind die Erstkommunikanten in der dritten Grundschulklasse, sie sind somit 8 bis 9 Jahre alt. In Weinlinden wurden an diesem Tage die Straßen und Plätze geschmückt, besonders natürlich der Marktplatz. Cafe Kurtz hatte sein dem Markt zugewandtes Schaufenster besonders fein ausstaffiert, die Terrasse wurde mit Blumenkübeln versehen. Die Kirche, deren Eingangsbereich auf dem Markt lag, war ebenfalls geschmückt. Es ertönte volles Geläut, die ganze Stadt war in Feststimmung.

Im protestantischen Leopoldsau gab es keinen Weißen Sonntag, hier ging alles seinen normalen Gang. Natürlich wurde auch in der Leopoldsauer Kirche ein Gottesdienst abgehalten, der gestaltete sich aber, wie jeder andere Gottesdienst auch. Allerdings waren manche Leopoldsauer mit Weinlindenern verwandt und nahmen deshalb an der Kommunionsfeier teil. So wie Rosi Huber, die die Tante von Leni war, der Tochter ihrer Schwester Miriam.

Miriam war ein Jahr älter als Rosi und hatte nach Weinlinden geheiratet. Sie hatte in den Augen aller mit Herbert Zacher eine sehr gute Partie gemacht. Herbert Zacher führte nämlich in der dritten Generation den größten Weinlindener Hopfenbetrieb.

Er war ein guter Geschäftsmann, man sagte ihm aber in manchen Dingen zu viel Skrupellosigkeit nach. So ließ er einmal den Betreiber der Löwenbrauerei aus Fischgründen wegen Zahlungunfähigkeit ohne Hopfen. Trotz flehenden Bittens ließ er sich nicht erweichen, die Löwenbrauerei ging pleite. Auch das gute Zureden anderer Hopfenbauern half nicht, Herbert Zacher blieb hart und eisern. Privat war Herbert Zacher ein ganz umgänglicher Mensch. Er war geachtet und hatte unter den Weinlindenern viele Freunde. Einmal pro Woche ging er zum Stammtisch in den Bären.

Seit seinem 18. Lebensjahr war er CSU-Mitglied und als solches auch im Stadtrat. Dort tat er sich als Verfechter konservativer Politik hervor. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wäre das "Black Rose" längst geschlossen worden, hätte man die Alkohol trinkende Jugend aus dem Stadtbild vertrieben.

Herbert Zacher kam werktags immer erst spät von der Firma nach Hause. Die Familie wohnte zwar auf dem Hopfenhof, das Wohngebäude war aber von dem eigentlichen Produktionsbetrieb getrennt. Auch der Firmensitz, das Gebäude also, in dem die Geschäfte vollführt wurden, war eigenständig und befand sich am anderen Ende des Firmengeländes. Es gab nach Feierabend immer noch viel Schreibkram zu erledigen. Herbert Zacher saß oft noch Stunden im Büro und schrieb E-Mails.

Miriam war gelernte Friseurin und hatte Herbert beim Tanzen im "Black Rose" kennengelernt. Herbert war mit Klassenkameraden da und mächtig in Fahrt, weil man ordentlich getrunken hatte. Er war aber noch im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte, um mit Miriam anzubändeln. Miriam war neunzehn Jahre alt, Herbert auch. Beide waren sofort ineinander verliebt. Sie standen draußen neben dem Disco-Eingang und knutschten. Manche machten sich über die Turtelnden lustig, sie störte das aber gar nicht.

Unter der Woche trafen sie sich dann meistens in Leopoldsau, weil Herbert den Wagen seines Vaters bekam und damit in den Nachbarort fahren durfte. An der Donau gab es das Ausflugslokal "Blaue Donau", wo sie dann immer hingingen. Die Zeit des Kennenlernens dauerte drei Jahre, in denen auch die Eltern Notiz voneinander zu nehmen begannen. Miriams Eltern waren alte Sozialdemokraten, Herberts Eltern Christsoziale, von daher hatte man kaum etwas miteinander auszutauschen. Man traf sich gelegentlich zum Kaffee, höchstens aber dreimal in dieser Zeit. Eines Tages sprach Herbert von Hochzeit. Er war inzwischen der angesehenste Hopfenbauer der Gegend geworden, hatte also was zu bieten.

Miriam hatte eine Anstellung bei einem von drei Frisörbetrieben in Leopoldsau. Sie arbeitete sehr gern in ihrem Beruf, sie verdiente nicht sehr viel, liebte es aber, mit den Menschen zu reden und sie zu beraten. So bekam sie den ganzen Klatsch der Stadt mit. Eine Zeit lang hatte sie überlegt, die Meisterschule zu besuchen und ihre Friseurmeisterin zu machen. Das kostete aber erstens einen nicht unerheblichen Geldbetrag, und zweitens kam Herbert mit seinem Heiratsantrag.

Miriams Eltern waren mit der Heirat sofort einverstanden, für sie war es das Wichtigste, ihre Tochter in guten Händen zu wissen. Auch Miriam überlegte nicht lange und willigte ein. Sie musste ihren Beruf aufgeben und wurde Hausfrau. Auf dem Hopfenhof war sie dem gesellschaftlichen Leben entrissen und lebte ein relativ einsames Leben. Sie fügte sich aber und klagte nicht. Sie traf sich einmal in der Woche mit den Frauen vom Tierschutzverein, in dem sie sich engagierte. Das war dann der Zeitpunkt, an dem der neueste Tratsch ausgebreitet wurde, wo sie auch mal zwei Gläschen Sekt trank. Dieses Treffen fand immer bei Cafe Kurtz statt und wurde von Herbert gern gesehen, weil auch Frauen seiner Geschäftspartner daran teilnahmen. Man traf sich dann zu Geburtstagen auf Feten in größerem Kreise. Solche Feten wurden gern gefeiert. Anfangs tanzte man immer, die Tanzerei schlief aber nach und nach ein und man saß nur noch und erzählte. Es gab immer hervorragendes Essen auf diesen Feten. Die Frauen begannen schon Tage vorher, das, was vorgekocht werden konnte, vorzubereiten. Am Tag der Feier machte man nur noch Salate und Speisen, bei denen frischer Fisch beteiligt war.

Eine große Spezialität waren „Weinlindener Schopfspätzle“. Auch die mussten frisch zubereitet werden, der Spätzleteig konnte aber ruhig schon drei Tage vorher angerührt werden. Auf diesen Feten trafen sich immer die gleichen Leute, es war die Weinlindener Prominenz, die sich zum Teil schon seit der Jugendzeit kannte. Bürgermeister Dr. Schultz, Apotheker Büdenbender, der Dirketor der Stadtsparkasse, Herr Bartels und Pastor Burckard. Daneben gab es noch Personen aus der Weinlindener Wirtschaft, so auch Klaus Mayer, den Besitzer des Hutgeschäftes und natürlich Dr. Steilmeyer.

Für Miriam bedeutete die Hochzeit mit Herbert Zacher einen gesellschaftlichen Aufstieg, ganz klar. Sie konnte nicht so eloquent reden, wie ihre Fetenfreundinnen, die zum Teil Hochchulabsolventinnen waren, sie verstand es aber, das, was sie zum Ausdruck bringen wollte, in klarer, allgemein verständlicher Sprache auszudrücken. Sie zeigte sich nicht im mindesten scheu oder zurückhaltend und wurde wegen ihrer Geradlinigkeit von allen geschätzt. Dazu sah sie sehr gut aus, und so mancher geladene Herr warf schon mal ein Auge auf sie, was Herbert Zacher nicht entging, aber stillschweigend von ihm geduldet wurde.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit kam Leni auf die Welt. Leni war ein süßer Wonneproppen, blond und lustig. Als Leni in der dritten Grundschulklasse war, stand die Kommunion an. Aus ihrer Klasse nahmen zwölf Kinder daran teil. Sie freute sich riesig darauf, im weißen Rüschenkleid in die Kirche gehen zu können. Es gab mittlerweile Gemeinden, in denen die Kommunikanten in der gleichen Albe zur Feier gingen, in anderen Gemeinden gab es Tauschbörsen, auf denen auch Kinder aus ärmeren Familien ein Kommunionskleid erstehen konnten. Nicht so in Weinlinden. Die Familien waren ausnahmslos begütert genug, um sich ein Kommunionskleid leisten zu können. Der große Unsinn bestand darin, dass diese kostbaren Kleider, genau wie Hochzeitskleider auch, in den Schrank gehängt und irgendwann zur Altkleidersammlung gegeben wurden.

Von daher waren Tauschbörsen schon gut, auch dienten sie dazu, den Gedanken der Kleiderschau nicht zu hoch zu hängen und das eigentliche Ereignis mehr in den Vordergrund treten zu lassen.

Leni bekam aber ein nagelneues Kleid aus dem Textilhaus Schuster, wo man eigens für die Erstkommunikanten eine Abteilung eingerichtet hatte. Miriam ging mit ihrer Tochter schon weit vor Ostern dahin und suchte in aller Ruhe ein Kleid aus. Leni war bei der Anprobe ganz aufgeregt. Man fuhr zusammen zu Tante Rosi nach Leopoldsau, um der das Kleid vorzuführen. Sie war begeistert.

Ostern war in diesem Jahr für Leni nicht so bedeutsam, wie sonst immer. Man ging zum Ostergottesdienst, hatte morgens schon Ostereier gesucht und trank am Nachmittag mit den Omas und Opas zusammen Kaffee und aß dazu Buttercremetorte. Leni fieberte aber dem Sonntag nach Ostern entgegen, dem Weißen Sonntag. An diesem Tag wachte sie schon sehr früh auf und weckte ihre Mutter, die etwas ungehalten reagierte, ihr Kind aber verstehen konnte. Leni nahm ein schnelles Frühstück, ein Glas Milch und eine Nutellaschnitte und wollte danach rasch ihr neues Kleid anziehen. Miriam vergewisserte sich zuerst, dass Leni saubere Hände hatte und nicht schon vor dem Fest ihr Kleid voller Nutellaflecke war.

Um 10.00 h begann der Gottesdienst. Leni fing schon um 9.00 h an zu treiben, um 9.15 h setzte man sich Richtung Kirche in Bewegung. Es war ein bewegender Moment, als Leni zusammen mit den anderen Kommunikanten in den Kirchsaal schritt. Die Kinder hatten ein Leuchten in den Augen und waren aufgeregt. Jedes Kind trug eine Kerze vor sich her.

Die Kommunionfeier bedeutete für die Kinder die Aufnahme in die christliche Gemeinde. Sie wurde mit dem Abendmahl besiegelt.

In der römisch-katholischen Kirche berechtigt erst die Erstkommunion zur Teilnahme am Abendmahl. Es wurden Hostien als Leib Christi und Wein als Blut Christi gereicht. In vielen Kirchen ist man von Wein zu Traubensaft übergegangen. Das stieß bei vielen auf Verständnislosigkeit, weil Christus bei den Einsetzung des Abendmahls sicher keinen Traubensaft getrunken hatte. Mir Rücksicht auf Alkoholkranke und Kinder ist man aber zu Traubensaft übergegangen. Die Kommunikanten standen während des Abendmahles neben ihren Eltern und waren sehr ergriffen.

Leni wunderte sich über die geschmacklose Hostie, die aus sehr dünnem Teig bestand, der nicht fermentiert war und keine Backhefe enthielt. Den kleinen Schluck Messwein, den Leni nahm, spürte sie kaum. Pastor Burckard gab jedem Abendmahlteilnehmer mit ruhiger Hand einen Schluck aus dem Messkelch. Er sagte in persona Christi: „Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.“ Leni dachte darüber nicht nach und ließ die Eucharistiefeier über sich ergehen.

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es wieder das volle Geläut der Glocken. Es war zehn Jahre her, dass für den Glockenstuhl in Weinlinden eine neue Glocke gegossen worden war. Das Glockengeißen war ein sehr aufwändiges und teures Verfahren zur Glockenherstellung. Die Glockenspeise, das verwendete Gussmaterial, bestand im Regelfall zu 76 % aus Kupfer und zu 24 % aus Zinn, aus reiner Bronze also.