In der Glamourwelt von Manhattan - Nora Roberts - E-Book

In der Glamourwelt von Manhattan E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Eiskalt und verführerisch! Drehbuchautor Fabian DeWitt ist begeistert von Alana. Die junge Schauspielerin soll in seinem neuesten Film eine gnadenlose Femme fatale spielen, die unverhüllt Züge seiner Exfrau trägt. Bei der Arbeit mit Alana wird Fabian unwiderstehlich von ihr angezogen. Doch er hat Angst vor neuerlichen Verletzungen. Als er herausfindet, dass Alana ein Geheimnis vor ihm zu haben scheint, das er ihr nie zugetraut hätte, ist die Liebe zu der natürlichen, offenen und impulsiven Frau in Gefahr.

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Seitenzahl: 276

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Nora Roberts

In der Glamourwelt von Manhattan

Roman

Aus dem Amerikanischen von M. R. Heinze

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe Dual Imagesist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

1. AuflageWilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München Copyright © 1985 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by MIRA Taschenbuchin der Harlequin Enterprises GmbH, HamburgCovergestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Fotos von shutterstock/Songquan DengSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12091-7V002

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

Mit einer vollen Einkaufstüte auf dem Arm betrat Amanda das Haus. Sie strahlte vor Glück. Im Freien sangen die Vögel in der Frühlingssonne. Ihr goldener Ehering leuchtete. Nach drei Monaten Ehe war es ihr noch ein Bedürfnis, Cameron mit einem ganz besonderen intimen Abendessen zu überraschen. Die aufreibende Arbeit im Krankenhaus machte es ihr oft unmöglich zu kochen, was ihr als Jungverheirateter doch so viel Freude bereitete. Da an diesem Nachmittag zwei Termine ausgefallen waren, wollte Amanda ein erlesenes und zeitraubendes Essen vorbereiten, das man nicht so schnell vergaß und das gut zu Kerzenschein und teurem Wein passte.

Fröhlich summend betrat sie die Küche, was für sie als zurückhaltende Frau eine ungewöhnliche Zurschaustellung ihrer Gefühle bedeutete. Mit einem zufriedenen Lächeln zog sie eine Flasche von Camerons Lieblings-Bordeaux aus der Tüte und erinnerte sich daran, wie sie die erste Flasche gemeinsam geleert hatten. Cameron war so aufmerksam und romantisch gewesen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte Amanda, dass sie noch vier Stunden bis zur Rückkehr ihres Mannes hatte, genug Zeit für die Vorbereitung eines köstlichen Mahles und das Entzünden der Kerzen auf dem festlich gedeckten Tisch.

Zuerst aber wollte sie nach oben gehen und ihre Arbeitskleidung ausziehen. Im Schlafzimmer wartete ein traumhaftes Seidenkleid in sanftem Blau auf sie. An diesem Abend würde sie keine Psychiaterin sein, sondern eine Frau, eine sehr verliebte Frau.

Das Haus war perfekt in Schuss und geschmackvoll eingerichtet. Das entsprach Amandas Natur. Als sie zu der Treppe ging, fiel ihr Blick auf eine Kristallvase, und einen Moment lang wünschte sie sich, frische Blumen besorgt zu haben. Vielleicht sollte sie den Blumenhändler anrufen und sich etwas Extravagantes schicken lassen. Ihre Hand glitt leicht über das schimmernde Geländer, während sie die Treppe hinaufstieg. Ihre sonst so ernsten und entschlossen dreinblickenden Augen nahmen einen träumerischen Ausdruck an. Sachte drückte sie die Schlafzimmertür auf.

Ihr Lächeln gefror und wich blankem Entsetzen! Alle Farbe wich aus ihren Wangen. Nur ein einziges Wort entrang sich gepresst ihrem Mund.

»Cameron!«

Das Paar im Bett löste die leidenschaftliche Umarmung. Der Mann, sehr attraktiv, mit zerzausten Haaren, starrte ungläubig. Die Frau, katzenhaft, erotisch, lächelte sehr, sehr träge. Man konnte sie fast schnurren hören.

»Vikki!« Amanda betrachtete ihre Schwester mit schmerzerfülltem Gesicht.

»Du bist aber früh nach Hause gekommen.« Die Andeutung eines Lachens, nur ein Hauch, schwang in der Stimme ihrer Schwester mit.

Cameron zog sich ein Stück von seiner Schwägerin zurück. »Amanda, ich …«

Während Amanda das Paar im Bett nicht aus den Augen ließ, zog sie aus ihrer Jackentasche einen kleinen, tödlichen Revolver. Die Ehebrecher rührten sich nicht, blieben schweigend vor Entsetzen.

Amanda zielte eiskalt und feuerte … Mit einem satten PLOPP! ergoss sich ein bunter Konfettiregen über das Bett.

»Alana!«

Dr. Amanda Lane Jamison, besser bekannt unter ihrem richtigen Namen Alana Kirkwood, wandte sich an ihren verstörten Regisseur, während das Paar im Bett und das Fernsehteam in Gelächter ausbrachen.

»Tut mir leid, Neal, aber ich konnte nicht anders. Amanda ist immer das Opfer«, erklärte Alana dramatisch mit blitzenden Augen. »Stell dir doch vor, wie die Einschaltquoten hochschnellen, wenn sie nur ein einziges Mal jemanden ermordet.«

»Sieh mal, Alana …«

»Oder wenigstens jemanden schwer verletzt«, fuhr Alana rasch fort. »Und wer«, rief sie und deutete mit einer großen Geste auf das Bett, »verdient es mehr als ihr haltloser Gatte und ihre ruchlose Schwester?«

Alana verbeugte sich vor den johlenden und applaudierenden Mitgliedern der Crew und legte zögernd ihre Waffe in die ausgestreckte Hand des Regisseurs.

Er stieß einen gequälten tiefen Seufzer aus. »Du bist absolut irrsinnig, und das warst du schon immer, seit ich dich kenne.«

»Vielen herzlichen Dank, Neal.«

»Wir machen sofort weiter«, warnte er und versuchte, dabei nicht zu grinsen. »Mal sehen, ob wir diese Szene nicht vor dem Mittagessen abdrehen können.«

Fügsam ging Alana in die Kulisse des Erdgeschosses. Geduldig ließ sie ihr Haar und ihr Make-up in Ordnung bringen. Aus Alana wurde wieder Amanda. Amanda war stets perfekt, übergenau, ruhig, total kontrolliert – alles, was auf Alana selbst nicht zutraf. Alana spielte diese Rolle nun schon seit mehr als fünf Jahren in der beliebten, tagsüber gesendeten Seifenoper »Unser Leben, unsere Liebe«.

In diesen fünf Jahren hatte Amanda das College mit Auszeichnung geschafft, ihr Diplom als Psychiaterin gemacht und war eine anerkannte Therapeutin geworden. Ihre Ehe mit Cameron Jamison schien jüngst im Himmel geschlossen worden zu sein. Er war jedoch ein weichlicher Opportunist, der sie ihres Geldes wegen und ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen geheiratet hatte, während es ihn nach ihrer Schwester gelüstete – und nach der Hälfte der weiblichen Bevölkerung der fiktiven Stadt Trader’s Bend.

Nun wurde Amanda also mit der Wahrheit konfrontiert. Seit sechs Wochen steuerte die Handlung auf diese Enthüllung zu, und von den Zuschauern kamen körbeweise Briefe. Sowohl die Zuschauer als auch Alana waren der Meinung, dass Amanda endlich die Augen über diese Laus von einem Ehemann geöffnet werden mussten.

Alana mochte Amanda und respektierte ihre Ehrlichkeit und ihre tadellose Haltung. Sobald die Kameras liefen, verwandelte sich Alana in Amanda. Obwohl sie persönlich einen Tag in einem Vergnügungspark einem Ballettabend entschieden vorzog, verstand sie alle Nuancen der Frau, die sie darstellte.

Wenn diese Szene über den Bildschirm ging, bekamen die Zuschauer eine schlanke Frau zu sehen mit blondem Haar, das glatt zurückgekämmt und zu einem schlichten Knoten zusammengefasst war. Das Gesicht, durchscheinend wie Porzellan, atemberaubend, war von einer eisigen Schönheit, die unterschwellige Signale verhaltener Sexualität aussandte. Sie hatte Klasse, Stil.

Blaue Augen und hoch angesetzte Wangenknochen unterstrichen die rassige Eleganz. Der perfekt geformte Mund war wie geschaffen für ein ernstes Lächeln. Fein geschwungene Augenbrauen, einen Hauch dunkler als das zarte Blond ihres Haars, hoben die langen Wimpern hervor. Eine makellose Schönheit, stets beherrscht, das war Amanda!

Alana wartete auf ihr Stichwort und dachte flüchtig darüber nach, ob sie am Morgen den Kaffeekessel ausgeschaltet hatte.

Sie spielten die Szene noch einmal durch und mussten sie wiederholen, weil Vikkis trägerloser Badeanzug zum Vorschein kam, als sie sich im Bett bewegte. Dann wurden noch die Großaufnahmen mit den Reaktionen der Beteiligten gemacht. Die Kamera erfasste bildfüllend Amandas bleiches, geschocktes Gesicht und hielt diese Einstellung einige dramatische Sekunden lang.

»Mittagspause!«

Sofort löste sich das Bild auf. Die Liebenden stiegen auf verschiedenen Seiten aus dem Bett. J. T. Brown, Alanas Fernsehehemann, kam in Badehose zu ihr, hielt sie an den Schultern fest und gab ihr einen herzhaften Kuss. »Sieh mal, Süße«, sagte er, noch immer im Tonfall seiner Rolle, »ich werde dir das alles später erklären. Vertraue mir! Jetzt muss ich meinen Agenten anrufen.«

»Memme!«, schrie Alana ihm mit einem sehr un-Amanda-artigen Lachen nach, ehe sie sich bei Stella Powell, ihrer Serienschwester, unterhakte. »Zieh dir etwas über den Badeanzug, Stella. Ich kann das Kantinenessen heute nicht sehen.«

Stella warf ihre wuscheligen kastanienbraunen Haare zurück. »Zahlst du?«

»Du quetschst deine Schwester immer ganz schön aus«, murmelte Alana. »Okay, ich bleche, aber beeil dich. Ich verhungere.«

Auf dem Weg zu ihrer Garderobe durchquerte Alana noch zwei weitere Sets, nämlich den fünften Stock des Doctors Hospital und das Wohnzimmer der Lanes, der führenden Familie von Trader’s Bend. Sie hätte gern ihr Kostüm ausgezogen und ihr Haar gelöst, aber dann hätte sie sich nach dem Mittagessen wieder mit Garderobe und Maske herumschlagen müssen. Also griff sie nur nach ihrer viel zu großen und abgewetzten Handtasche, die wenig zu Amandas eleganter Arbeitskleidung passte. Dabei dachte sie schon an eine dicke Scheibe Baklava, vollgesogen mit Honig.

»Vorwärts, Stella!« Alana steckte ihren Kopf in die angrenzende Garderobe, in der Stella gerade den Reißverschluss ihrer Jeans schloss. »Mein Magen ist schon über die Zeit.«

»Das ist er immer«, erwiderte ihre Kollegin und schlüpfte in ein weit geschnittenes Sweatshirt. »Wohin?«

»In den griechischen Delikatessenladen an der Ecke.« Mit ihrem typischen langen, schwingenden Gang lief Alana übereifrig den Korridor entlang, während Stella versuchte, mit ihr Schritt zu halten. Es war nicht so, dass Alana von einem Ort zum nächsten hetzte, aber sie eilte stets den Dingen entgegen, die auf sie warteten.

»Meine Diät …«, begann Stella.

»Nimm einen Salat«, wehrte Alana gnadenlos ab. Sie wandte den Kopf und betrachtete Stella flüchtig vom Scheitel bis zur Sohle. »Weißt du, wenn du nicht immer vor der Kamera diese knapp sitzenden Sachen tragen würdest, müsstest du dich nicht zu Tode hungern.«

Stella lachte, als sie die Tür zur Straße erreichten. »Eifersüchtig?«

»Ja. Ich bin immer elegant und so was von proper. Und du hast den Spaß.« Alana trat ins Freie und atmete einen tiefen Zug von New York ein. Sie liebte die Stadt in einer Weise, die eigentlich Touristen vorbehalten war. Alana lebte seit ihrer Geburt auf der lang gestreckten Insel Manhattan, die trotzdem für sie ein Abenteuer geblieben war, die optischen Eindrücke, die Gerüche, die Geräusche.

Für Mitte April war es frisch, und Regen hing in der Luft. Der Wind war feucht und roch nach Abgasen. Straßen und Bürgersteige waren durch den Mittagsverkehr verstopft. Alle hetzten, alle hatten etwas Wichtiges zu erledigen. Ein Fußgänger schlug fluchend mit der Faust auf die Motorhaube eines Taxis, das zu nahe an den Randstein herangefahren war. Eine Frau mit orangefarbener Stachelfrisur trippelte in schwarzen Lederstiefeln vorbei. Jemand hatte auf das Plakat eines heißen Broadwaystücks etwas Ordinäres geschrieben. Aber Alana sah einen Straßenhändler, der Narzissen verkaufte.

Sie kaufte zwei Sträuße und reichte Stella einen.

»Du kannst nichts auslassen, wie?«, murmelte Stella, vergrub aber ihr Gesicht in den gelben Blüten.

»Stell dir doch vor, was mir dann alles entgehen würde«, entgegnete Alana. »Abgesehen davon haben wir Frühling.«

Stella fröstelte und blickte zu dem bleigrauen Himmel. »Aber ja, sicher doch.«

»Iss etwas.« Alana packte sie am Arm und zog sie mit sich. »Du wirst immer grantig, wenn du eine Mahlzeit überspringst.«

Der Delikatessenladen quoll über von Leuten und Düften. Gewürze und Honig. Bier und Öl. Schon immer ein sinnenbetonter Mensch, sog Alana die vermischten Gerüche ein, ehe sie sich an die Theke vorkämpfte. Sie hatte eine unbeschreibliche Art, ihr Ziel mitten durch eine Menschenmenge hindurch zu erreichen, ohne ihre Ellbogen einzusetzen oder jemandem auf die Zehen zu treten. Während sie sich durchschlängelte, beobachtete und lauschte sie. Sie wollte keinen Duft, keinen Stimmenklang oder die Farben eines Essens verpassen. Und als sie durch die Glasfront der Theke blickte, konnte sie die ausgestellten Köstlichkeiten bereits schmecken.

»Hüttenkäse, eine Scheibe Ananas und Kaffee, schwarz«, sagte Stella seufzend.

Alana warf ihr einen kurzen, mitleidvollen Blick zu. »Griechischer Salat, ein dickes Stück von dem Lamm auf Brot und eine Scheibe Baklava. Kaffee, Sahne und Zucker.«

»Du bist abstoßend«, erklärte Stella. »Du nimmst nie ein Gramm zu.«

»Ich weiß.« Alana schob sich an die Kasse. »Das ist eine Frage der geistigen Kontrolle und eines sauberen Lebens.« Sie kümmerte sich nicht um Stellas empörtes Schnauben, bezahlte und steuerte auf einen leeren Tisch zu. Sie und ein Bulle von einem Mann erreichten ihn gleichzeitig. Alana hielt das Tablett und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. Der Mann straffte die Schultern, zog den Bauch ein und ließ ihr den Vortritt.

»Danke«, sagte Stella und wehrte ihn gleichzeitig mit einem kühlen Blick ab, weil sie genau wusste, dass Alana ihn sonst eingeladen hätte, ihnen Gesellschaft zu leisten. Diese Frau braucht einen Aufpasser, dachte Stella.

Alana tat alles, was eine alleinstehende Frau lieber unterlassen sollte. Sie sprach mit Fremden, ging nachts allein auf die Straße und öffnete ihre Wohnungstür, ohne vorher die Sicherheitskette vorzulegen. Sie war nicht waghalsig oder sorglos, sondern glaubte von allen Menschen das Beste. Und irgendwie war sie in ihren fünfundzwanzig Lebensjahren nie enttäuscht worden.

»Der Revolver war einer deiner besten Einfälle in dieser Saison«, bemerkte Stella, während sie in ihrem Hüttenkäse herumgrub. »Ich dachte, Neal würde einen Schreikrampf bekommen.«

»Er müsste sich etwas mehr entspannen.« Alana sprach mit vollem Mund. »Seit er mit dieser Tänzerin Schluss gemacht hat, schleifen seine Nerven offen am Boden. Wie ist das mit dir? Triffst du dich noch mit Cliff?«

»Ja.« Stella zuckte eine Schulter. »Ich weiß nicht, warum. Es führt zu nichts.«

»Wohin soll es denn führen?«, entgegnete Alana. »Wenn du ein Ziel hast, steuere es an.«

Stella begann langsam zu essen. »Nicht jeder stürzt sich so rasant ins Leben wie du, Alana. Ich habe mich schon immer gewundert, wieso du noch nie ernsthaft gebunden warst.«

»Einfach.« Alana nahm Salat auf die Gabel und kaute genüsslich. »Bisher hat noch kein Mann meine Knie zittern lassen. Wenn das einmal passiert, dann ist es passiert.«

»Einfach so?«

»Warum nicht? Das Leben ist nicht so kompliziert, wie es sich die meisten Leute machen.« Sie mahlte noch etwas Pfeffer über das Lamm.

»Liebst du Cliff?«

Stella runzelte die Stirn nicht wegen der Frage. Sie war Alanas Direktheit gewöhnt. Es war wegen der Antwort. »Ich weiß es nicht. Vielleicht.«

»Dann liebst du ihn nicht«, meinte Alana leichthin. »Liebe ist ein sehr klares Gefühl. Willst du wirklich nichts von dem Lamm?«

Stella überging die Frage. »Wenn du nie geliebt hast, woher willst du es dann wissen?«

»Ich war noch nie in der Türkei, aber ich bin mir ganz sicher, dass es dieses Land gibt.«

Lachend griff Stella nach ihrer Kaffeetasse. »Verdammt, Alana, du hast doch immer eine Antwort. Erzähl mir etwas über das Drehbuch, das man dir angeboten hat.«

»Lieber Himmel!« Alana legte die Gabel auf den Teller, stützte die Ellbogen auf den Tisch und faltete die Hände. »Das Beste, was ich je gelesen habe. Ich will diese Rolle. Und ich werde diese Rolle bekommen«, fügte sie hinzu, als stellte sie eine Tatsache fest. »Ich schwöre dir, ich habe auf die Rolle der Rae gewartet. Sie ist herzlos, vielschichtig, selbstsüchtig, kalt, unsicher. Was für eine Rolle! Und was für eine Story! Die Story ist fast so kalt und herzlos wie Rae, aber sie packt einen.«

»Fabian DeWitt«, murmelte Stella. »Man sagt, dass er als Vorbild für den Charakter der Rae seine Exfrau genommen habe.«

»Das hat er natürlich nicht an die große Glocke gehängt. Wenn er das in der Öffentlichkeit zugibt, macht sie ihm die Hölle heiß.« Alana begann wieder zu essen. »Jedenfalls ist das die beste Arbeit, die ich je in die Hand bekommen habe. In ein paar Tagen werde ich für die Rolle vorsprechen.«

»Fernsehfilm«, sagte Stella nachdenklich. »Qualitätsarbeit mit DeWitt als Autor und Marshell als Produzenten. Wenn du die Rolle bekommst, liegt dir unser eigener Produzent zu Füßen. Mann, dann schnellen die Einschaltquoten hoch!«

»Er zieht schon die Fäden.« Mit einem leichten Stirnrunzeln spießte Alana ein Stück Baklava auf die Gabel. »Er hat mir eine Einladung zu einer Party heute Abend in Marshells Wohnung besorgt. DeWitt soll auch kommen. Soviel ich weiß, hat er bei der Besetzung der Rolle das letzte Wort.«

»Man sagt, dass er immer selbst am Drücker sitzen will«, stimmte Stella zu. »Warum dieses Stirnrunzeln?«

»Ich mag dieses Fädenziehen nicht.« Doch dann schob sie den Gedanken von sich. Letztlich würde sie die Rolle aufgrund ihrer eigenen Fähigkeiten bekommen. Wenn es etwas gab, das Alana im Überfluss besaß, so war es Selbstvertrauen. Sie hatte es immer gebraucht.

Anders als die Rolle der Amanda in der Seifenoper, war Alana nicht finanziell abgesichert aufgewachsen. In ihrem Elternhaus hatte es mehr Liebe als Geld gegeben, doch das hatte sie nie bedauert.

Sie war sechzehn gewesen, als ihre Mutter starb und ihr Vater sich fast ein Jahr lang nicht von dem Schock erholte. Ganz selbstverständlich hatte sie die Verantwortung für den Haushalt und zwei jüngere Geschwister übernommen, in der Parfümerieabteilung eines Kaufhauses gearbeitet und davon ihr College bezahlt, während sie den Haushalt geführt und jede winzige Rolle angenommen hatte.

Es waren arbeitsreiche, schwierige Jahre gewesen, und vielleicht stammte ihr außergewöhnliches Übermaß an Energie und Schwung aus jener Zeit. Und die Überzeugung, dass alles getan werden konnte, was getan werden musste.

»Amanda!«

Alana blickte auf und sah eine kleine Frau mittleren Alters mit einer stark nach Knoblauch riechenden Einkaufstasche vor sich. Weil sie mit ihrem Rollennamen fast so oft wie mit ihrem eigenen angesprochen wurde, streckte sie lächelnd die Hand aus. »Hallo!«

»Ich bin Dorra Wineberger, und ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie wirklich so schön wie im Fernsehen sind.«

»Danke, Dorra. Gefällt Ihnen die Serie?«

»Um nichts in der Welt würde ich auch nur eine Folge versäumen.« Dorra strahlte Alana an und beugte sich zu ihr. »Sie sind wunderbar, meine Liebe, und so freundlich und geduldig. Ich meine nur, jemand sollte Ihnen sagen, dass Cameron … also, er ist nicht gut genug für Sie. Sie sollten ihn wegschicken, bevor er Ihr Geld in die Finger bekommt. Er hat schon Ihre Diamantohrringe versetzt. Und die da …!« Dorra spitzte die Lippen und starrte verächtlich auf Stella. »Warum Sie sich mit der da überhaupt noch abgeben, nachdem sie Ihnen so viel Ärger gemacht hat … Wenn es die da nicht gäbe, wären Sie und Griff verheiratet, wie es eigentlich sein sollte.« Sie versuchte, Stella mit Blicken zu erdolchen. »Ich weiß, dass Sie ein Auge auf den Ehemann Ihrer Schwester geworfen haben, Vikki.«

Stella kämpfte mit einem Lächeln, spielte ihre Rolle, warf den Kopf zurück und zog ihre Augen zu Schlitzen zusammen. »Männer interessieren sich eben für mich«, murmelte sie träge. »Und warum auch nicht?«

Dorra wandte sich kopfschüttelnd wieder an Alana. »Gehen Sie zu Griff zurück«, riet sie sanft. »Er liebt Sie. Er hat Sie immer geliebt.«

Alana erwiderte den raschen Händedruck. »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.«

Die beiden Freundinnen starrten Dorra nach, ehe sie einander wieder ansahen. »Alle lieben Dr. Amanda«, sagte Stella lachend. »Sie ist für die Zuschauer praktisch eine Heilige.«

»Und alle lieben es, Vikki zu hassen.« Lächelnd trank Alana ihren Kaffee aus. »Du bist aber auch schrecklich verdorben.«

»Ach ja.« Stella seufzte zufrieden. »Ich weiß.« Sie kaute an ihrer Ananasscheibe und warf einen bedauernden Blick auf Alanas Teller. »Trotzdem berührt es mich immer seltsam, wenn mich die Leute mit Vikki verwechseln.«

»Das bedeutet nur, dass du deinen Job gut machst«, erklärte Alana. »Wenn du täglich zu den Leuten auf der Mattscheibe ins Haus kommst und bei ihnen keine Gefühle weckst, solltest du dich um eine andere Arbeit bemühen. Apropos Arbeit«, fügte sie mit einem Blick auf die Uhr hinzu.

»Ich weiß. He, isst du den Rest hier auf?«

Lachend gab Alana ihr das Baklava, als sie aufstanden.

Es war nach neun Uhr abends, als Alana das Taxi vor dem Haus in der Madison Avenue bezahlte, in dem P. B. Marshell wohnte. Sie machte sich keine Gedanken darüber, ob sie zu spät kam, weil sie kein Zeitgefühl hatte. Nie in ihrem Leben hatte sie ein Stichwort oder einen Einsatz verpasst, aber wenn es nicht direkt um ihre Arbeit ging, war Zeit etwas, das man genießen oder ignorieren sollte.

Sie gab dem Taxifahrer ein viel zu hohes Trinkgeld, steckte das Wechselgeld, ohne es zu zählen, einfach in ihre Handtasche und lief durch den leichten Nieselregen in die Eingangshalle. Für ihren Geschmack roch es hier wie in einem Beerdigungsinstitut. Zu viele Blumen, zu viel Bohnerwachs. Nachdem sie ihren Namen an dem Pult des Sicherheitsdienstes genannt hatte, betrat sie den Aufzug und drückte den Knopf für das Penthouse. Es fiel ihr gar nicht ein, nervös zu sein, nur weil sie P. B. Marshells Reich betrat. Eine Party war für Alana eine Party. Hoffentlich gab es Champagner. Dafür hatte sie eine besondere Schwäche.

Die Tür wurde von einem Mann mit steifer Haltung, steinerner Miene und dunklem Anzug geöffnet. Er fragte mit einem leichten britischen Akzent nach Alanas Namen. Als sie lächelte, drückte er ihre dargebotene Hand, ehe er sich dessen bewusst wurde. Alana ging an dem Butler vorbei und brachte ihn mit ihrer Mischung aus Vitalität und Sex für die nächsten Minuten völlig aus dem Gleichgewicht. Sie nahm ein Glas Champagner von einem Tablett, entdeckte ihre Agentin und steuerte quer durch den Raum auf sie zu.

Fabian beobachtete Alanas Auftritt. Einen Moment wurde er an seine Exfrau erinnert. Farbe und Figur stimmten. Dann verflog der Eindruck, und Fabian betrachtete eine junge Frau mit lässig gelockten Haaren, die über ihre Schultern fielen. Feine Regentropfen glitzerten darin. Bezauberndes Gesicht, fand er. Der Eindruck einer Eisgöttin verschwand in dem Moment, in dem sie lachte, und wurde durch Energie und Verve ersetzt.

Ungewöhnlich, dachte Fabian DeWitt, interessierte sich für sie aber ungefähr so wie für den Drink in seiner Hand. Er ließ seinen Blick über ihre Gestalt gleiten. Sehr schlank, fand er. Ungewöhnlich auch das schwarze Korsagenkleid, das Arme und Schultern freiließ und bis eine Handbreit über dem Knie eng war und erst darunter weit fiel. Über dem schwarzen Samtkleid trug sie ein zweites, genauso geschnittenes Kleid aus ganz feiner, durchsichtiger schwarzer Spitze, langärmelig und mit hohem Stehkragen. Ihre Haut schimmerte durch die Spitze. Auf den ersten Blick wirkte sie auf Femme fatale zurechtgemacht, auf den zweiten Blick dagegen sehr angezogen und damenhaft.

Oder war sie gar nicht so schlank und verbarg das nur durch das raffinierte Kleid? Soweit Fabian Frauen kannte, unterstrichen sie ihre Vorzüge und verhüllten ihre Fehler. Er hielt das für einen Teil ihrer angeborenen Unehrlichkeit. So gesehen lenkte das Kleid vielleicht von einer schlechten Figur ab.

Er warf Alana einen letzten Blick zu, als sie sich gerade auf die Zehen stellte und einen Schauspieler küsste, der soeben in einer Off-Broadway-Produktion einen Riesenerfolg hatte. Himmel, Fabian hasste diese langen Pseudopartys mit viel zu vielen Leuten!

»… wenn wir die weibliche Hauptrolle besetzen.«

Fabian wandte sich zu P. B. Marshell um und hob sein Glas. »Hmm?«

Zu sehr an Fabians häufige Geistesabwesenheit gewöhnt, um darüber noch verärgert zu sein, fing Marshell noch einmal an. »Wir können mit dem Film bestimmt bis zum Herbst fertig sein, wenn wir die weibliche Hauptrolle besetzen. Nur das hält uns noch auf.«

»Ich mache mir wegen des Herbsttermins keine Sorgen«, antwortete Fabian trocken.

»Dafür aber die Fernsehgesellschaft.«

»Pat! Wir werden die Rae besetzen, wenn wir eine Rae finden.«

Pat Marshell starrte in seinen Whisky. »Sie haben schon ein paar abgelehnt. Spitzenkräfte!«

»Ich habe drei ungeeignete Schauspielerinnen abgelehnt«, verbesserte Fabian. Er nahm aus seinem Glas einen beherrschten Schluck. »Ich werde Rae erkennen, wenn ich sie sehe.« Er lächelte kühl. »Wer könnte das besser als ich?«

Ein freies, offenes Lachen ließ Marshell quer durch den Raum blicken. Für einen Moment zogen sich seine Augen zusammen, als er sich konzentrierte. »Alana Kirkwood«, erklärte er Fabian. »Die Verantwortlichen bei der Fernsehgesellschaft möchten Sie auf diese Schauspielerin aufmerksam machen.«

»Eine Schauspielerin.« Fabian musterte Alana noch einmal. Er hätte sie nicht für eine Schauspielerin gehalten. Ihr Auftritt war ihm nur aufgefallen, weil es einfach kein Auftritt gewesen war. Sie schien überhaupt nicht auf ihre Wirkung zu achten, was eine Seltenheit in diesem Beruf war. Und sie war schon lange genug auf der Party, um sich ihm und Marshell vorstellen zu lassen, aber sie war offenbar damit zufrieden, auf der anderen Seite des Raums Champagner zu trinken und mit einem aufstrebenden Schauspieler zu flirten.

»Stellen Sie mich vor«, sagte Fabian und durchquerte den Raum.

Alana gestand Marshell einen guten Geschmack zu. Die Wohnung war stilvoll in Gold und Creme gehalten. Der Teppich war weich, die Wände lackiert. Hinter ihr hing eine signierte Lithografie.

Amanda hätte diese Wohnung verstanden und geschätzt. Alana jedoch hätte hier nie leben wollen, auch wenn sie gern hier zu Besuch war. Sie lachte mit Tony, als er sie daran erinnerte, wie sie gemeinsam vor ein paar Jahren dieselbe Schauspielschule besucht hatten.

»Und du hast auf einmal unterste Gossensprache verwendet, um ganz sicher zu gehen, dass niemand bei den Kostproben deines Könnens schlief«, erinnerte sie ihn und zog ihn an dem Spitzbart, den er für seine momentane Rolle brauchte.

»Es hat in jedem Falle gewirkt. Für welche Sache setzt du dich denn in dieser Woche ein, Alana?«

Sie hob die Augenbrauen und nippte an ihrem Champagner. »Ich habe keine wöchentliche gute Sache.«

»Vierzehntägig«, korrigierte er sich. »Die Seehundfreunde? Rettet den Mungo! Komm schon! Wofür setzt du dich jetzt ein?«

Sie schüttelte den Kopf. »Im Moment gibt es etwas, das fast meine ganze Zeit auffrisst. Ich kann nicht darüber sprechen.«

Tonys Lächeln schwand. Er kannte diesen Ton. »Wichtig?«

»Lebenswichtig.«

»Hallo, Tony.« Marshell klopfte dem jungen Schauspieler auf den Rücken. »Freut mich, dass Sie es geschafft haben, zu meiner Party zu kommen.«

»Nett, dass Sie die Party auf meinen spielfreien Abend gelegt haben, Mr Marshell«, antwortete Tony. »Kennen Sie Alana Kirkwood?« Er legte eine Hand auf ihre Schulter. »Wir haben uns vor Jahren kennengelernt.«

»Ich habe viel Gutes über Sie gehört.« Marshell streckte die Hand aus.

»Danke.« Alana ließ ihre Hand in der seinen liegen, während sie rasch ihre Eindrücke ordnete: erfolgreich, seiner massigen Figur nach ein Freund von gutem Essen, liebenswürdig, wenn er es sein wollte, und verschlagen. Sie mochte diese Kombination. »Sie machen großartige Filme, Mr Marshell.«

»Danke.« Er schwieg und wartete darauf, dass sie etwas Reklame für sich machte. Als nichts dergleichen kam, wandte er sich an Fabian. »Fabian DeWitt, Alana Kirkwood und Tony Lamarre.«

»Ich habe Ihr Stück gesehen«, sagte Fabian zu Tony. »Sie beherrschen Ihre Rolle sehr gut.« Er ließ seinen Blick zu Alana wandern.

Verwirrende Augen, dachte sie, so klar und grün, in einem abwesenden Gesicht. Es verriet Spuren von Hochmut und Bitterkeit und Intelligenz. Offenbar kümmerte er sich nicht um Trends und Mode. Sein dunkles, dichtes Haar war für den gegenwärtigen Geschmack etwas zu lang. Trotzdem fand sie, dass es ihm stand. Dieses Gesicht hätte in das neunzehnte Jahrhundert gepasst. Es war schmal und gelehrtenhaft, mit einem rauen und herben Zug um den Mund.

Seine Stimme klang tief und angenehm, aber er sprach ungeduldig. Das sind die Augen eines Beobachters, dachte sie. Sie wusste noch nicht, ob sie ihn mochte, aber sie bewunderte seine Arbeit.

»Mr DeWitt.« Ihre Hände berührten sich. »,Die letzte Glocke’ hat mir gut gefallen. Das war im letzten Jahr mein Lieblingsfilm.«

Er überging die Bemerkung. Sie strahlte Sex aus, in ihrem Duft, ihrem Aussehen. »Ich weiß nichts über Ihre Arbeit, Miss Kirkwood.«

»Alana spielt Dr. Amanda Lane Jamison in ›Unser Leben, unsere Liebe‹«, warf Tony ein.

Lieber Himmel, eine Seifenoper! dachte Fabian. Alana bemerkte die leichte Verachtung in seinem Gesicht. Sie hatte etwas anderes erwartet. »Haben Sie moralische Einwände gegen Unterhaltung, Mr DeWitt?«, fragte sie leichthin. »Oder sind Sie bloß ein künstlerischer Snob?« Während sie sprach, lächelte sie dieses aufleuchtende, strahlende Lächeln, das ihren Worten die Spitze nahm.

Neben ihr räusperte sich Tony. »Entschuldigen Sie mich für einen Moment«, sagte er und verdrückte sich. Marshell murmelte etwas von einem neuen Drink.

Als sie allein waren, betrachtete Fabian weiterhin Alanas Gesicht. Alana lachte ihn aus. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann das zum letzten Mal jemand gewagt hatte. Er wusste nicht, ob er sich ärgern oder bezaubert sein sollte, aber jetzt war er wenigstens nicht mehr gelangweilt.

»Ich habe keinerlei moralische Einwände gegen Seifenopern, Miss Kirkwood.«

»Ach.« Sie nippte an ihrem Champagner. Ein winziger Saphir blitzte an ihrem Finger. »Dann sind Sie also ein Snob. Nun, jeder, wie er will. Vielleicht können wir über etwas anderes sprechen. Was halten Sie von der Außenpolitik der gegenwärtigen Regierung?«

»Zweischneidig«, murmelte er. »Was für eine Rolle spielen Sie?«

»Eine edle.« Ihre Augen funkelten übermütig. »Was halten Sie vom Weltraumprogramm?«

»Ich mache mir mehr Gedanken über den Planeten, auf dem ich lebe. Wie lange arbeiten Sie schon in der Serie mit?«

»Fünf Jahre.« Sie strahlte jemanden auf der anderen Seite des Raums an und winkte.

Fabian betrachtete sie noch einmal und lächelte zum ersten Mal, seit er die Party betreten hatte. Sein Gesicht wirkte dadurch attraktiver, aber weiterhin unnahbar. »Sie möchten nicht über Ihre Arbeit sprechen?«

»Nicht unbedingt.« Alana erwiderte sein Lächeln auf ihre offene Art. »Nicht mit jemandem, der sie für Mist hält. Ihre nächste Frage wäre, ob ich schon einmal daran gedacht habe, etwas Ernsthaftes zu machen, und dann benehme ich mich vielleicht daneben. Meine Agentin hat gesagt, dass ich Sie bezaubern soll.«

Fabian fühlte unwillkürlich die von ihr ausstrahlende Freundlichkeit und misstraute ihr. »Tun Sie das?«

»Ich habe dienstfrei«, erwiderte Alana. »Außerdem sind Sie nicht der Typ, der sich bezaubern lässt.«

»Sie sind eine gute Beobachterin«, lobte Fabian. »Sind Sie auch eine gute Schauspielerin?«

»Ja, die bin ich. Es lohnt sich doch nicht, etwas zu tun, was man nicht gut kann. Wie wäre es mit Baseball?« Sie leerte ihr Glas. »Glauben Sie, dass die Yankees in diesem Jahr eine Chance haben?«

»Wenn sie sich im Mittelfeld mehr anstrengen, ja, Alana.« Nicht der übliche Typ, dachte er. Jede andere Schauspielerin, die für eine Hauptrolle im Gespräch war, hätte ihn mit Komplimenten überschüttet und jede Rolle erwähnt, in der sie bisher vor der Kamera gestanden hatte.

Die Art, wie er ihren Namen aussprach, berührte etwas in ihr. »Also, Fabian«, begann sie und fand, dass sie einander lange genug förmlich angesprochen hatten. »Sollten wir uns nicht endlich der Tatsache zuwenden, dass wir beide wissen, dass ich in ein paar Tagen für die Rolle der Rae vorsprechen werde? Ich will die Rolle haben.«

Er nickte zustimmend. Obwohl sie erfrischend direkt war, war es mehr, als er erwartet hatte. »Dann will ich Ihnen offen sagen, dass Sie nicht der Typ sind, den ich suche.«

Sie hob eine Augenbraue, ohne eine Spur von Unsicherheit zu zeigen. »Ach? Warum?«

»Erstens sind Sie zu jung.«

Sie lachte frei und ganz unaffektiert. Er misstraute auch diesem Lachen. »Jetzt sollte ich wohl sagen, ich kann älter aussehen.«

»Möglich, aber Rae ist hart. Hart wie Stein.« Er hob sein Glas, ohne sie aus den Augen zu lassen. »Sie haben zu viele weiche Stellen. Sie zeigen sich in Ihrem Gesicht.«

»Ja, weil das jetzt ich selbst bin. Und ich muss mich ja vor einer Kamera nicht selbst spielen.« Sie stockte, ehe sie fortfuhr: »Ich würde das auch gar nicht wollen.«

»Ist eine Schauspielerin jemals sie selbst?«

Alana hielt seinem bohrenden Blick stand, obwohl er die meisten entnervt hätte. »Sie halten von unserer Zunft nicht viel, nicht wahr?«

»Nein.« Fabian fragte sich nicht nach dem Grund, warum er sie testen wollte. Mit dem Finger hob er eine ihrer Locken an. Weich, überraschend weich. »Sie sind eine schöne Frau«, murmelte er.

Alana legte den Kopf schief, während sie ihn betrachtete. Sie hätte sich über das Kompliment gefreut, hätte sie es nicht als kühl kalkuliert erkannt. Genau deshalb fühlte sie sich enttäuscht. »Und?«

Er zog die Augenbrauen zusammen. »Was, und?«

»Auf einen solchen Satz folgt normalerweise noch ein anderer. Ich bin sicher, dass Sie als Schriftsteller etliche Sätze auf Lager haben.«

Er ließ seine Finger über ihren Hals streichen. »Welchen Satz möchten Sie hören?«

»Am liebsten einen, der Ihnen aus dem Herzen kommt«, erwiderte Alana ernst. »Da ich so etwas aber nicht zu hören bekomme, sollten wir diese ganze Geschichte überspringen. Wie haben Sie noch Phil, die Hauptfigur in Ihrem Stück, geschildert? Engstirnig, kaltblütig und ungeschliffen. Nun, ich glaube, Sie haben sich damit selbst sehr gut getroffen.« Sie fand es schade, dass er so wenig von Frauen, vielleicht sogar von Menschen überhaupt hielt. »Gute Nacht, Fabian.«

Erst als sie schon gegangen war, begann Fabian zu lachen. In diesem Moment wurde ihm nicht bewusst, dass er zum ersten Mal seit zwei Jahren befreit auflachte. Er merkte nicht einmal, dass er über sich selbst lachte.

Nein, sie war nicht seine Rae, aber sie war gut. Sie war sehr, sehr gut. Er würde sich an Alana Kirkwood erinnern.

2. KAPITEL

Fabian stand an einem Fenster von Marshells Büro hoch über New York. Er fühlte sich weit entrückt, und genau das wollte er. Engere Kontakte führten zu Bindungen.

Keine Schauspielerin in den letzten zwei Wochen hatte seinen Vorstellungen entsprochen. Er wusste, was er sich für die Rolle der Rae vorstellte. Wer sollte das besser wissen, hatte er doch ein vernichtend genaues Bild seiner Exfrau gezeichnet – Elizabeth Hunter, einer hervorragenden Schauspielerin und gefeierten Berühmtheit, aber einer Frau ohne wahre Gefühle.

Anfangs hatte er gedacht, die Rolle des Phil wäre schwer zu besetzen. In Phil hatte Fabian sich weitgehend selbst gezeichnet. Doch das war ziemlich einfach gewesen.

Die fünf Jahre seiner Ehe hatten als Wirbelwind begonnen und in einer Katastrophe geendet. Noch heute wusste Fabian nicht, ob er wütender auf Liz war, weil sie ihn ausgenutzt hatte, oder auf sich selbst, weil er sich hatte ausnutzen lassen.

Wie auch immer, er hatte aus den fünf stürmischen Jahren seiner Ehe sein bestes Drehbuch gemacht, was billiger und wirkungsvoller war als eine Therapie beim Psychiater. Und er hatte gelernt, Frauen zu misstrauen, besonders Schauspielerinnen. Als der Bruch vor zwei Jahren endgültig gewesen war, hatte er sich geschworen, sich nie wieder mit einer Frau einzulassen, die so gut Theater spielen konnte.