Insel des Sturms - Nora Roberts - E-Book

Insel des Sturms E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Aidan und Jude: Sie ist die Frau, die er immer gesucht hat – doch ist ihr Herz schon bereit für ihn?

Aidan Gallagher kehrt nach Jahren des Reisens in sein kleines irisches Heimatdorf zurück, um den Pub seines Vaters zu übernehmen. Wie magnetisch wird er von einer unbekannten, schönen Frau – Jude Murray – angezogen. Vorsichtig beginnt er, die Fremde mit Geschichten von den Geheimnissen Irlands zu umwerben. Und bald stellt Jude fest, dass dieser Mann mit den Augen eines irischen Sturms sie nicht nur fasziniert, sondern auch auf tiefe, rätselhafte Weise ihre Seele berührt …

Alle Bände der Reihe:
Insel des Sturms. Die Sturm-Trilogie 1
Nächte des Sturms. Die Sturm-Trilogie 2
Kinder des Sturms. Die Sturm-Trilogie 3

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Seitenzahl: 553

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Buch

Da sie sich gezwungen sieht, ihr Leben neu zu überdenken, entschließt sich die junge Amerikanerin Jude Murray, nach Irland in das meerumtoste Haus ihrer Großmutter zu ziehen. Sie will sich den Studien der irischen Geschichte widmen – und neuen Lebensmut finden. Eines Tages lernt sie Aidan Gallagher kennen, den ältesten der drei Gallagher-Geschwister. Nach Jahren des Reisens kehrte Aidan wieder in seine Heimat Irland und sein kleines Dorf zurück, um den familieneigenen Pub zu leiten. Und wie von einem Magnet angezogen, sucht er immer wieder die Nähe der geheimnisvollen Fremden mit den schönen, traurigen Augen. Jude und Aidan tauchen gemeinsam ein in die rätselhafte Welt der irischen Mythen. Und entdecken dabei nicht nur das leidenschaftliche Schicksal ihrer eigenen Ahnen...

Autorin

Nora Roberts schrieb vor rund zwanzig Jahren ihren ersten Roman und hoffte inständig, überhaupt veröffentlich zu werden; heute wird weltweit alle fünf Minuten ein Buch von ihr gekauft. Mit deiser neuen Irland-Trilogie über die Gallagher-Brüder gelang ein weiterer Höhepunkt ihres Schaffens.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinWidmungKapitel 1Kapitel 2Copyright

Liebe Leserinnen,

diejenigen von Ihnen, denen meine Bücher vertraut sind, wissen, dass Irland sowohl im wahren Leben als auch in der Fiktion eines meiner Lieblingsländer ist. Es ist reich an dramatischen Klippen und ruhigen Feldern, voller Mythen, Legenden und Magie. In Insel des Sturms habe ich in Anlehnung an einige dieser Mythen meine eigene Saga erdacht.

So hätte es wirklich passieren können.

Ich möchte Sie mit den Gallaghers aus Ardmore bekannt machen: Aidan, Shawn und Darcy, die in dem hübschen Dorf am Meer im Bezirk Waterford den Pub führen.

Außerdem gibt es nicht weit von dort entfernt ein kleines Cottage, einen Ort der Magie, an dem eine einsame Amerikanerin ihre Wurzeln und ihr Herz erforschen will.

Sie ist nicht alleine, denn eine andere einsame Gefährtin lebt ebenfalls in diesem Haus. Nur ist sie rein zufällig ein Geist.

Mithilfe eines Märchenprinzen, der zwar unklug, doch reinen Herzens liebte, finden Aidan Gallagher aus Ardmore und Jude Frances Murray aus Chicago am Ende ihr gemeinsames Zuhause, wo sie den ersten Schritt unternehmen, um den dreihundertjährigen Bann zu brechen.

Kommen Sie also wieder mit mir nach Irland, dieses Mal durch die Türen des Gallagher’schen Pubs, in dessen Kamin ein gemütliches Torffeuer prasselt und auf dessen Tresen bereits die Pints auf Euch Gäste warten, und verfolgen Sie dort die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will.

Nora Roberts

Für Ruth Ryan Langan

Come away! O, human child!To the woods and waters wild,With a fairy hand in hand,For the world’s more full of weeping thanyou can understand.

Komm mit fort! Oh, Menschenkind! Zu den wilden Wäldern und Gewässern, die da sind. Geh mit einer Fee, geht beide Hand in Hand… Da die Welt erfüllt ist von mehr Tränen, Als erfasset dein Verstand.

W. B. YEATS

1

Ganz offensichtlich, gar keine Frage, war sie übergeschnappt!

Als Psychologin sollte sie es wissen.

Sämtliche Zeichen waren da, und zwar bereits seit Monaten. Die Gereiztheit, die Übellaunigkeit, der Hang zu Tagträumen und die Vergesslichkeit. Der Mangel an Motivation, an Energie, an der normalerweise für sie typischen Zielstrebigkeit.

Ihre Eltern hatten sich bereits in der ihnen eigenen milden Art, die besagen sollte, Du-kannst-es-besser-Jude, dazu geäußert. Und ihre Kollegen bedachten sie inzwischen mit verstohlenen Seitenblicken voll des stummen Mitleids oder des missbilligenden Unbehagens. Sie hatte begonnen, ihre Arbeit und ihre Studenten zu verabscheuen; bei ihren Freunden, Verwandten, Mitarbeitern und Vorgesetzten deckte sie permanent Dutzende störender Eigenschaften auf.

Allmorgendlich empfand sie die einfache Pflicht des Aufstehens und sich für den Unterricht Ankleidens als ebenso beschwerlich wie das Erklimmen eines Bergs. Und zwar eines Bergs, den sie weder aus der Ferne sehen noch mühselig erklimmen wollte.

Dazu kam dieses unbesonnene, impulsive Verhalten, das sie seit einer Weile an den Tag legte. O ja, dieses Verhalten war das Beunruhigendste von allem. Die stets ach so gelassene, nüchterne Jude Frances Murray, einer der kräftigsten Äste des Stammbaums der Chicagoer Murrays, die stets ach so vernünftige und arbeitswillige Tochter des Ärztepaares Linda und John K. Murray, schmiss plötzlich ihren Job hin.

Sie hatte weder ein Forschungssemester genommen noch um ein paar Wochen Urlaub gebeten, sondern einfach mitten im Semester ihren Posten an den Nagel gehängt.

Warum? Totaler Blackout!

Ihr Verhalten schockierte sie selbst ebenso wie den Dekan, ihre Kollegen und Eltern.

Hatte sie vor zwei Jahren, als ihre Ehe in die Brüche gegangen war, derart heftig reagiert? Nein, natürlich nicht. Sie war stoisch mit ihrer täglichen Routine fortgefahren wie zuvor – hatte ihre Vorlesungen abgehalten, ihre Studien weitergeführt, ihre Termine wahrgenommen – und das alles, ohne mit der Wimper zu zucken – selbst in den Wochen, in denen sie regelmäßig zu ihrem Anwalt geschlurft war und sorgsam die Papiere ausgefüllt hatte, die das Ende einer Beziehung besiegelten.

Nicht dass es eine besonders innige Verbindung gewesen wäre oder dass die Anwälte viel Arbeit gehabt hätten. Eine Ehe von nicht einmal acht Monaten Dauer bedeutete wenig Durcheinander, wenig Probleme. Wenig Leidenschaft.

Leidenschaft, so nahm sie an, hatte von Anfang an gefehlt. Hätte sie auch nur die geringste Leidenschaft gezeigt, hätte William sie ganz sicher nicht, beinahe noch ehe die Blumen aus ihrem Brautstrauß verwelkt waren, einer anderen Frau wegen verlassen.

Aber es war sinnlos, jetzt noch darüber nachzugrübeln, dachte sie. Hier handelte es sich um Jude Frances. Oder das hatte es jedenfalls, verbesserte sie sich. Wer sie jetzt war, wusste bestenfalls der liebe Gott.

Vielleicht stellte diese Frage einen Teil des Ganzen dar, überlegte sie. Sie hatte am Rande eines Abgrundes gestanden, hatte hinabgesehen in das weite, dunkle Meer der Gleichförmigkeit, der Monotonie, der Langeweile – das Miss Murray seit ihrer Geburt verkörperte. Heftig hatte sie mit den Armen gerudert, war von dem Abgrund zurückgestolpert  – und schreiend davongerannt.

Für sie eine vollkommen untypische Reaktion.

Bereits der Gedanke an ihr verändertes Verhalten versetzte ihr derartige Stiche, dass sie sich fragte, ob sie vielleicht, um die ganze Sache abzukürzen, einfach einen Herzinfarkt bekam.

AMERIKANISCHE COLLEGEPROFESSORIN TOT IN GEMIETETEM VOLVO AUFGEFUNDEN

Es wäre ein seltsamer Nachruf. Vielleicht erschiene er ja sogar in der von ihrer Großmutter so geliebten Irish Times. Ihre Eltern wären natürlich vollkommen niedergeschmettert. Es wäre ein derart unordentlicher, öffentlicher, peinlicher Tod. Mehr als unpassend!

Natürlich waren sie auch traurig, aber vor allem verwirrt. Was, in aller Welt, hat sich das Mädchen nur dabei gedacht, einfach nach Irland abzuhauen und eine viel versprechende Karriere sowie eine herrliche Wohnung mit Seeblick aufzugeben?

Sicher kämen sie zu dem Ergebnis, das alles wäre die Folge von Omas unseligem Einfluss.

Und natürlich hätten sie mit der Vermutung Recht – so wie sie immer in allem Recht gehabt hatten, seit die Tochter infolge ihrer äußerst geschmackvollen Partnerwahl genau ein Jahr nach ihrer Hochzeit auf die Welt gekommen war.

Obgleich sie lieber nicht darüber nachdachte, war Jude sicher, dass das körperliche Zusammensein ihrer Eltern ebenso wie die genannte Partnerwahl immer äußerst geschmackvoll und präzise verlief. Genau wie die sorgsam choreografierten, traditionellen Ballettvorführungen, die sie beide so gerne besuchten.

Aber weshalb saß sie hier in einem gemieteten Volvo, dessen dämliches Lenkrad auch noch auf der falschen Seite saß, und dachte an das Liebesleben ihrer Eltern?

Jude presste ihre Finger auf die Augen, bis das Bild allmählich verschwand.

Das, sagte sie sich müde, war genau die Art von Bildern, die man sah, wenn man verrückt wurde.

Sie atmete tief ein. Sauerstoff reinigte und beruhigte das Gehirn. So, wie sie die Sache sah, hatte sie folgende Alternativen: Entweder zerrte sie ihre Koffer aus dem Auto, ging zurück in den Dubliner Flughafen, drückte die Wagenschlüssel der Mietwagenfirma-Angestellten mit dem karottenroten Haar und dem kilometerbreiten Lächen wieder in die Hand und buchte sofort den Rückflug.

Natürlich hatte sie keinen Job mehr, aber sie käme sicher eine Zeit lang mit ihren beachtlichen Ersparnissen zurecht. Auch ihr Apartment war sie los, da sie es für sechs Monate an dieses nette Pärchen vermietet hatte, aber wenn sie nach Hause zurückflöge, nähme bestimmt Oma sie erst mal bei sich auf.

Und sähe sie mit ihren wunderschönen vergissmeinnichtblauen Augen traurig an. Jude, Liebling, du wagst dich immer nur bis an den Rand deiner Wünsche. Weshalb tust du nie den letzten, endgültigen Schritt?

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.« Elend hob Jude die Hände vors Gesicht und wiegte sich müde hin und her. »Es war deine Idee, dass ich hierher fliegen sollte, nicht meine. Was soll ich denn während der nächsten sechs Monate im Faerie Hill Cottage, in deinem alten Häuschen auf dem Feenhügel, bitte anfangen? Ich weiß ja nicht mal, wie man dieses verdammte Auto steuert.«

Noch eine weitere Klage und sie bekäme einen Heulkrampf. Sie spürte, wie das Wasser in ihrer Kehle aufstieg und wie es in ihren Ohren rauschte; doch ehe die erste Träne Gelegenheit hatte zu kullern, ließ sie den Kopf nach hinten sinken, kniff die Augen fest zusammen und verfluchte sich für ihren Mangel an Beherrschung. Heulkrämpfe, Wutanfälle, Sarkasmus und andere Arten unerfreulichen Benehmens waren einfach verschiedene Wege, die Dinge zu dramatisieren. Auf Grund ihrer Erziehung und Ausbildung erkannte sie die Anzeichen. O nein, sie gäbe dem Aufruhr in ihrem Inneren nicht nach!

»Das ist dann wohl jetzt das nächste Stadium, Jude, du jämmerliche Närrin! Sprichst mit dir selbst und sitzt jammernd in einem Volvo herum, weil du zu unentschlossen, verdammt, zu gelähmt bist, um den Schlüssel im Zündschloss herumzudrehen und ganz einfach loszufahren.«

Vorsichtig atmete sie aus und straffte die Schulter. »Zweite Möglichkeit«, murmelte sie. »Führ zu Ende, was du nun mal begonnen hast.«

Sie startete den Motor, sandte ein leises Stoßgebet gen Himmel, dass sie auf der Fahrt niemanden – auch sich selbst nicht – umbrächte oder verletzte, und rollte dann langsam vom Parkplatz auf die Straße.

Um nicht jedes Mal zu schreien, sobald sie an einen der von den Iren so fröhlich »Rundherums« genannten Kreisverkehre gelangte, sang sie leise vor sich hin. Immer wenn ihr schwindlig wurde, sie mal wieder links mit rechts verwechselte und um ein Haar irgendwelche unschuldigen Fußgänger über den Haufen fuhr, sang sie, welches Lied ihr in ihrem Entsetzen auch momentan durch den Kopf schoss.

Auf dem Weg von Dublin bis hinunter in die Grafschaft Waterford grölte sie Filmmusik, brüllte irische Trinklieder, und jaulte – infolge eines Beinahe-Zusammenstoßes kurz hinter Carlow – derart lautstark den Refrain von »Brown Sugar«, dass Mick Jagger, hätte er es gehört, sicher vor Neid erblasst wäre.

Dann wurde der Verkehr ein wenig ruhiger. Vielleicht hatte sie mit ihrem Lärm die Götter des Straßenverkehrs ausreichend schockiert, sodass sie aufhörten, ihr andere Wagen in den Weg zu schleudern – vielleicht aber war es auch der segensreiche Einfluss der allgegenwärtigen der Heiligen Jungfrau gewidmeten Mariensäulen – jedenfalls wurde das Fahren ein wenig angenehmer und Jude fing beinahe an, die Strecke und die Umgebung zu genießen.

Woge um Woge grüner Hügel schimmerten im Sonnenlicht, das sich glühend wie das Innere einer Muschel weiter und weiter bis in die Schatten hoher Berge fortsetzte, diese hoben sich vor dem mit rauchigen Wolken behangenen, perlmuttfarbenen Himmel dunkel ab – alles eher auf ein Gemälde als in die Wirklichkeit gehörend.

Das Gemälde fand sie so schön, dass sie nach längerem Hinschauen das Gefühl bekam, sie glitte mitten hinein, verschmelze mit den Farben, den Formen, der Szene, die irgendein Meister mit Brillanz kreiert hatte.

Genau das sah sie, wenn sie es wagte, die Augen von der Straße zu erheben. Brillanz und eine überwältigende, betörende Schönheit, die einem das Herz, noch während man ihm gut zuredete, förmlich zerriss.

Grüne, unglaublich grüne Felder wurden von uralten rauen Hecken oder knorrigen, windgebeugten Bäumen unterbrochen, gefleckte Kühe oder zerzauste Schafe zupften gemächlich an den Grashalmen, Menschen auf Traktoren tuckerten gemütlich darüber hinweg. Hier und da standen kleine, weiß oder cremefarben getünchte Häuser, in deren Gärten frische Wäsche flatterte und vor deren Türen wilde, leuchtend bunte Blumen wucherten.

Dann ragten wunderbar und massiv die verfallenen Gemäuer einer alten Abtei, wenn auch nur Überreste, so doch stolz, in den blendend hellen Himmel – als warteten sie auf ihre Renaissance.

Was würdest du empfinden, wenn du dieses Feld überqueren und die glitschigen Stufen zu der alten Brustwehr erklimmen würdest, überlegte Jude. Würdest, oder besser könntest du die Jahrhunderte spüren, während derer die Füße anderer Menschen dieselben Stufen hinaufgeklettert sind? Würdest du, wie Großmutter behauptet, die Musik und die Stimmen, das Klirren alter Waffen, das Schluchzen von Frauen, das Gelächter von Kindern vernehmen, das bereits vor langer Zeit verklungen ist?

Natürlich glaubte sie nicht an solche Dinge. Aber hier, in diesem Licht, in dieser Luft, erschien es doch irgendwie möglich.

Das endlos grüne Land bot dem Betrachter einfach alles, von alter, längst vergangener Pracht bis hin zu reizvoll beständiger Schlichtheit: strohgedeckte Dächer, steinerne Kreuze, Burgen, dann wieder Dörfer mit engen, gewundenen Straßen und Schildern in gälischer Sprache.

Einmal sah sie einen alten Mann, der mit seinem Hund die Böschung entlang spazieren ging, wo das Gras bis zu den Knöcheln reichte und ein kleines Schild vor Rollsplitt warnte. Zu Judes großer Freude hatten sowohl Mann als auch Hund identische braune Hütchen auf dem Kopf. Sie behielt das Bild lange im Kopf und beneidete die beiden um ihre Freiheit und natürliche Zusammengehörigkeit.

Sicher gingen sie jeden Tag denselben Weg und kehrten dann, ob Regen oder Sonnenschein, zum Tee zurück in ein romantisches Cottage mit reetgedecktem Dach und einem sorgsam gepflegten Vorgarten. Bestimmt hatte der Hund seine eigene kleine Hütte, aber normalerweise läge er wohl zusammengerollt zu Füßen seines Herrn vor dem Kamin.

Auch sie liefe gern mit einem derart treuen Freund über diese Felder. Laufen und laufen, bis sie sich setzen wollte. Würde sitzen und sitzen, bis sie wieder aufstehen wollte. Dies war eine Vorstellung, die sie verwirrte. Zu tun, was sie wollte, wann sie es wollte, in ihrem eigenen Tempo und auf ihre eigene Weise.

Diese einfache, alltägliche Freiheit war ihr vollkommen fremd. Aber sie fürchtete auch, sie am Ende zu finden, ihr silbriges Ende mit den Fingerspitzen zu berühren und dann wieder zu verlieren.

Da sich die Straße wie ein schmales braunes Band entlang der Waterford’schen Küste Richtung Süden schlängelte, erhaschte Jude immer wieder einen Blick aufs Meer, das seine blaue Seide mit dem Horizont verwob oder in turbulentem Grün und Grau gegen einen breiten, sanft geschwungenen Sandstrand klatschte.

Die Anspannung zwischen ihren Schulterblättern nahm ein wenig ab, und ihre Hände umfassten das Lenkrad etwas lockerer. Dies war das Irland, von dem ihre Großmutter zu sprechen, dies waren die Farben, die Dramatik, der Frieden, von denen sie zu schwärmen pflegte. Und dies, so dachte Jude, genau diese Dinge hatten sie bewogen zu kommen: um zu sehen, wo ihre Familie, ehe man ihre Wurzeln ausgerissen und auf der anderen Seite des Atlantiks wieder eingepflanzt hatte, verwachsen gewesen war.

Sie war froh, dass sie nicht bereits auf dem Flughafen kehrtgemacht und einen Platz in der nächsten Maschine zurück nach Chicago gebucht hatte. Hatte sie nicht den Großteil der dreieinhalbstündigen Fahrt ohne ein einziges Missgeschick hinter sich gebracht? Abgesehen von der kleinen Panne an dem Kreisverkehr in Waterford City, wo sie dreimal rundherum gefahren war und sich schließlich um ein Haar in einen Wagen mit ebenso hilflosen Touristen gebohrt hatte.

Im Grunde war ja niemandem etwas geschehen.

Und jetzt lag das Ziel vor ihr. Die Wegweiser zum Dorf Ardmore waren der Beweis. Auf Grund der sorgfältigen Zeichnung ihrer Großmutter wusste sie, dass der Weiler Ardmore nahe bei dem Cottage lag. Dass sie dort ihre Einkäufe und mögliche andere Besorgungen erledigen konnte.

Natürlich hatte ihre Großmutter ihr außerdem eine beeindruckende Liste mit Namen von Menschen gegeben, die sie besuchen sollte – entfernte Verwandte, die sich sicher freuen würden, wenn sie kam. Doch das, so dachte Jude, hatte noch Zeit.

Wenn sie sich vorstellte, dass sie tagelang mit niemandem ein Wort wechseln musste! Dass niemand ihr irgendwelche Fragen stellen und erwarten würde, dass sie die Antworten darauf fand. Dass sie keinen Small Talk halten müsste wie mit ihren Kollegen und Studenten. Dass es keinen Zeitplan gab.

Nach einem Augenblick seliger Freude machte ihr Herz einen erschreckten Satz. Was, in Gottes Namen, sollte sie sechs Monate lang tun?

Es müssten ja keine sechs Monate sein, tröstete sie sich, als die alte Anspannung wieder zurückkehrte. Niemand konnte sie dazu zwingen. Sie würde nicht verhaftet oder vor Gericht gestellt, wenn sie bereits nach sechs Wochen, nach sechs Tagen oder gar sechs Stunden zurückkehrte.

Und als Psychologin wusste sie, dass ihr Hauptproblem bei den Erwartungen anderer lag. Einschließlich ihrer eigenen. Obgleich sie akzeptierte, dass sie eine wesentlich bessere Theoretikerin als Praktikerin war, würde sie das auf der Stelle ändern, und zwar für ihren gesamten Irlandaufenthalt.

Wieder ruhiger stellte sie das Radio an. Angesichts des Stroms gälischer Worte, der aus dem Gerät sprudelte, rollte sie mit den Augen, suchte nach einem Sender in englischer Sprache und nahm dabei versehentlich die Straße weiter Richtung Ardmore statt nach Tower Hill, wo das alte Cottage lag.

In dem Augenblick, in dem ihr der Irrtum klar wurde, öffnete der inzwischen graue Himmel seine Schleusen, als hätte eine riesengroße Hand ein Messer in die Größte der Wolken gebohrt. Regen trommelte auf das Dach und die Windschutzscheibe ihres Wagens; sie suchte nach dem Schalter für den Scheibenwischer, fuhr vorsichtig an den Straßenrand und wartete darauf, dass der Guss ein wenig an Gewalt verlor.

Das Dorf lag am südlichen Zipfel der Grafschaft genau zwischen der Irischen See und der Bucht von Ardmore, Ardmore Bay. Sie hörte, wie der leidenschaftliche, machtvolle Sturm das Wasser gegen das Ufer branden ließ, wie der Wind an den Fenstern ihres Wagens rüttelte und bedrohlich durch einen kleinen Spalt pfiff.

Sie hatte sich vorgestellt, wie sie durch das Dorf spazierte, sich mit den malerischen Cottages, den rauchigen, sicher gut besuchten Pubs vertraut machte, über den von ihrer Großmutter geliebten Sandstrand, die schroffen Klippen, die grünen Felder schlenderte.

Doch in ihrer Vorstellung war es ein wunderbarer, sonniger Nachmittag gewesen, an dem die Dorfbewohnerinnen rosige Babys in Kinderwagen durch die Gegend schoben und die Männer augenzwinkernd ihre Mützen lüfteten, wenn sie ihnen begegnete.

An ein plötzliches gewaltiges Frühjahrsunwetter, dessen heftige Windböen die Menschen von den Straßen in die Häuser trieben, hatte sie nicht gedacht. Vielleicht lebt hier ja auch niemand, argwöhnte sie mit einem Mal. Möglicherweise kam sie um Jahrhunderte zu spät, am Ende war dies inzwischen eine Art potemkinsches Dorf.

Ein weiteres ihrer Probleme, sagte sie sich streng, war ihre Fantasie, die sie mit betrüblicher Regelmäßigkeit zur Ordnung rufen musste.

Natürlich wohnten Menschen in dem Dorf, sie waren eben vernünftig genug, vor den verdammten Wolkenbrüchen zu fliehen. Die hübschen Häuser standen nebeneinander wie Damen auf einem Ball, zu deren Füßen jemand Blumen gestreut hatte. Blumen, bemerkte sie, die momentan ziemlich niedergedrückt wurden.

Es gab keinen Grund, weshalb sie nicht einfach auf den wunderbaren, sonnigen Nachmittag warten sollte, um sich das Dorf genauer anzusehen. Jetzt war sie sowieso zu müde, hatte leichte Spannungskopfschmerzen und wollte nur noch unter irgendein warmes und gemütliches Dach.

Jude lenkte den Wagen wieder auf die Straße und kroch, aus Sorge, dass sie sonst die Abzweigung abermals verpasste, im Schneckentempo zurück.

Dass sie auf der falschen Straßenseite fuhr, merkte sie erst, als sie beinahe mit einem entgegenkommenden Fahrzeug frontal zusammenstieß. Oder, um genau zu sein, als der andere Wagen ihr in letzter Sekunde auswich und der Fahrer sie wütend anhupte.

Aber zumindest fand sie die Abzweigung, die sie eigentlich auch beim ersten Mal gar nicht hätte verpassen dürfen, da die steinerne Spitze des großen runden Turms hoch oben auf dem Hügel unmöglich zu übersehen war. Wie ein Speer ragte sie in die Gräue hinauf und bewachte die alte Kathedrale von Saint Declan ebenso wie all die alten, mit schiefen, bemoosten Steinen markierten Grabstätten.

Einen Augenblick lang meinte sie, auf dem Friedhof einen Mann zu sehen, in einem im Regen trüben, nass schimmernden, silbrigen Gewand. Sie blickte derart angestrengt zu der Stelle hinüber, dass sie beinahe von der kaum noch als Straße zu bezeichnenden Fahrspur in einen Graben fuhr. Dieses Mal machte sie ihrer Nervosität nicht durch lautes Singen Luft. Ihr Herz trommelte einfach zu heftig, als dass sie auch nur einen Ton über die Lippen gebracht hätte, und mit zitternden Händen lenkte sie den Wagen weiter. Immer noch versuchte sie, den Mann genauer zu erkennen, auszumachen, was er tat. Doch außer dem hohen Turm, der Ruine und den Gräbern konnte sie beim besten Willen nichts mehr sehen.

Natürlich war ganz einfach niemand da gewesen, hielt sie sich vor. Niemand besuchte während eines Unwetters einen alten Friedhof. Ihre Augen waren müde, sie spielten ihr allmählich Streiche. Sie musste nur rasch ins Trockene und Warme, wo sie wieder zur Besinnung kam.

Als die Straße sich zu wenig mehr als einem schlammig nassen, zu beiden Seiten von mannshohen Hecken gesäumten Streifen verengte, glaubte sie, sie hätte sich hoffnungslos verfahren. Der Wagen holperte durch tiefe Schlaglöcher, und sie suchte verzweifelt nach einer Stelle, an der sie wenden konnte, um ins Dorf zurückzugelangen.

Bestimmt gäbe es in Ardmore einen trockenen, warmen Ort, und sicher hätte irgendjemand Mitleid mit einer hirnlosen Amerikanerin, die sich in der Gegend nicht auskannte.

Nun passierte sie eine hübsche, mit irgendeinem Rankengewächs bedeckte Steinmauer, die sie zu jedem anderen Zeitpunkt sicher pittoresk gefunden hätte, dann kam eine schmale Öffnung, bei der es sich anscheinend um etwas Ähnliches wie eine Zufahrt handelte – doch sie war bereits daran vorbei, als ihr dies klar wurde. In dem Schlamm rückwärts zu fahren und dann auch noch zu wenden, wagte sie entschieden nicht.

Der Weg stieg immer weiter an, und aus den Schlaglöchern wurden echte Gräben. Ihre Nerven waren gespannt wie Drahtseile, und ihre Zähne klapperten so laut, dass sie es hörte; inzwischen umrundete sie eine weitere Vertiefung und zog ernsthaft in Erwägung, einfach darauf zu warten, dass jemand vorbeikäme, der sie den ganzen Weg zurück nach Dublin abschleppte.

Als sie eine erneute Öffnung in der kleinen Mauer sah, stöhnte sie erleichtert auf. Vorsichtig bog sie ein, wobei sie nur minimal den Lack an ihrem Kotflügel zerkratzte, legte dann ermattet den Kopf auf das Lenkrad und schloss die Augen.

Sie hatte sich verfahren, war hungrig, müde und musste unbedingt aufs Klo. Jetzt stand es ihr bevor, im strömenden Regen auszusteigen und bei diesem fremden Haus hier anzuklopfen. Wenn der Besitzer ihr erklärte, dass das Faerie Hill Cottage weiter als drei Minuten entfernt wäre, müsste sie ihn darum bitten, sie seine Toilette benutzen zu lassen.

Nun, die Iren waren für ihre Gastfreundschaft bekannt, und deshalb würde sie, egal von wem, ganz sicher nicht zum Pipi-Machen ins Gebüsch geschickt. Trotzdem wollte sie nicht hektisch und panisch wirken, wenn sie auf der Türschwelle erschien.

Im Rückspiegel sah sie, dass der Blick aus ihren für gewöhnlich ruhigen grünen Augen tatsächlich ein wenig wild wirkte. Die Feuchtigkeit hatte ihre Haare gekräuselt, sodass sie aussah, als trüge sie einen rindenfarbenen Busch auf ihrem Kopf. Ihre Haut war kreidebleich – ein Resultat der Müdigkeit und Panik –, doch um nach ihrem Make-up zu kramen und zu versuchen, den größten Schaden zu beheben, hatte sie einfach nicht die Energie.

Sie versuchte, ein nettes Lächeln aufzusetzen, das die Grübchen in ihren Wangen hervorlockte. Auf Grund der Breite ihres Mundes und der Größe ihrer Augen schien sie weniger zu grinsen, als eine Grimasse zu schneiden – doch besser ging es eben nicht.

Entschlossen schnappte sie sich ihre Handtasche, öffnete die Tür des Wagens und machte sich ans Aussteigen.

Plötzlich nahm sie hinter einem Fenster in der oberen Etage eine beinahe unmerkliche Bewegung wahr. Das leichte Flattern eines Vorhangs, das sie innehalten ließ. Eine Frau in einem weißen Kleid und mit dichtem, goldfarbenem Haar, das wogend über ihre Schultern und ihren Oberkörper fiel. Als sie durch den grauen Schleier zum Wagen herblickte, strahlte sie große Schönheit, doch auch abgrundtiefe Trauer aus.

Dann war die Erscheinung verschwunden, und nur noch der Regen beherrschte die Szene.

Jude fing an zu zittern. Die kalte Nässe und der Wind schnitten ihr eisig ins Gesicht, also opferte sie auch den Rest ihrer Würde, rannte in Richtung des weißen Gartentores, durch das man den winzigen, doch auf Grund der sich zu beiden Seiten des schmalen Weges befindlichen Blumenpracht einladenden Vorgarten betrat.

Es gab keine Veranda, nur eine schmale Treppe, die indessen durch die ein wenig überhängende obere Etage des Cottages Schutz vor dem schlimmsten Regen bot. Jude hob einen Messingklopfer in Form eines keltischen Knotens und schlug damit an die massive, raue, doch zugleich behäbige Bogentür.

Während sie bebend versuchte, an etwas anderes zu denken als an den Druck ihrer Blase, betrachtete sie das Cottage genauer – das reinste Puppenhaus! Die Fenster mit den vielen kleinen Scheiben hatten duftig weiße, mit grünen Rändern gesäumte Vorhänge und Holzläden, die gleichermaßen funktional wie dekorativ wirkten. Das strohgedeckte Dach erschien ihr wie ein hübsches Wunder, und ein aus drei Glockenreihen bestehendes Windspiel sang eine kleine Melodie.

Ein wenig energischer klopfte sie noch mal. Verdammt, ich weiß, dass jemand da ist, dachte sie erbost, warf jedes Benehmen über Bord, trat in den Regen hinaus und spähte durch ein Fenster ins Haus.

Dann wich sie schuldbewusst beiseite, als hinter ihr deutliches Hupen laut wurde.

Ein rostiger roter Pick-up, dessen Motor schnurrte wie eine zufriedene Katze, bog hinter ihrem Wagen in die Einfahrt. Jude schob sich die nassen Haare aus der Stirn und legte sich, als der Fahrer ausstieg, fieberhaft eine Erklärung für ihre Anwesenheit zurecht.

Zuerst dachte sie, bei dem Fahrer mit den verkratzten, schlammverkrusteten Stiefeln, der schmutzigen Jacke und der abgetragenen Arbeitshose handele es sich um einen kleingewachsenen, schmalbrüstigen Mann. Doch das Gesicht, das sie unter einer schmutzig braunen Kappe hinweg anstrahlte, gehörte ganz eindeutig einer Frau.

Und zwar einer zauberhaften Person.

Ihre Augen waren so grün wie die nassen Hügel der Umgebung, ihre Haut schimmerte wie seidiges Perlmutt und Strähnen leuchtend roter Haare schoben sich unter dem Mützenrand hervor, als die Frau trotz der Stiefel geschmeidig den Weg herauf gestapft kam.

»Sie müssen Miss Murray sein. Gutes Timing, finden Sie nicht?«

»Ach ja?«

»Nun, ich bin heute ein bisschen später dran als sonst, weil Mrs. Duffys Enkel Tommy mal wieder die Hälfte seiner Bauklötze ins Klo geworfen, abgezogen und dadurch eine Risensauerei veranstaltet hat.«

»Hmmm«, war alles, was Jude zur Antwort einfiel, während sie sich fragte, weshalb sie hier im Regen stand und sich mit einer völlig Fremden über verstopfte Toiletten unterhielt.

»Können Sie Ihren Schlüssel nicht finden?«

»Meinen Schlüssel?«

»Für die Haustür. Tja, ich habe meinen dabei, also befördern wir Sie am besten erst einmal raus aus dieser Nässe und hinein ins Warme!«

Das klang wie eine herrliche Idee. »Danke«, sagte Jude, während sie der Frau zum Eingang folgte. »Aber wer sind Sie?«

»Oh, bitte entschuldigen Sie, ich bin Brenna O’Toole.« Brenna streckte einen ihrer Arme aus und schüttelte Jude kraftvoll die Hand. »Ihre Oma hat Ihnen doch sicherlich erzählt, dass ich das Cottage für Sie hergerichtet habe.«

»Meine O – das Cottage? Das hier ist mein Cottage?«

»Allerdings! Naja – falls Sie Jude Murray aus Chicago sind.« Brenna lächelte freundlich, obgleich ihre linke Braue fragend hochgeschossen war. »Ich wette, nach der langen Reise fühlen Sie sich vollkommen geschafft.«

»Richtig!« Während Brenna die Tür öffnete, fuhr sich Jude mit den Händen durchs Gesicht. »Und außerdem dachte ich, ich hätte mich verfahren.«

»Scheint eher so, als hätten Sie Ihr Ziel erreicht. Ceade mile failte.« Sie trat einen Schritt zurück und ließ Jude den Vortritt.

Tausendmal willkommen! So viel Gälisch hatte Jude von ihrer Großmutter gelernt. Und fühlte sich tatsächlich tausendmal willkommen, als sie in die Wärme trat.

Links von dem schmalen Flur, kaum breiter als die Treppe, gelangte man über eine Reihe durch die Zeit und die Benutzung spiegelblank polierter Stufen in den ersten Stock; rechts führte ein reizender Bogen in das kleine Wohnzimmer. Mit seinen Wänden in der Farbe frischer Kekse, den honigfarbenen Bordüren und den vom Alter leicht vergilbten spitzengesäumten Gardinen, auf Grund derer alles in sanftes Sonnenlicht gehüllt erschien, war der Raum mehr als einladend.

Die Möbel sahen etwas abgenutzt aus; doch der, wenn auch leicht verblichene, blau-weiß gestreifte Stoff und die dicken, weichen Kissen luden zum gemütlichen Verweilen und zum Betrachten der Sammelobjekte ein – Kristallgefäße, Schnitzfigürchen, Miniaturflaschen auf den blank polierten Tischen. Den geschrubbten Dielenboden bedeckten etwas mitgenommene Flickenteppiche, und in dem steinernen Kamin lag etwas, von dem Jude meinte, es wäre frischer Torf.

Der Raum verströmte einen erdigen sowie leicht blumigen Geruch.

»Wirklich allerliebst!« Wieder schob sich Jude das Haar aus dem Gesicht und drehte sich im Kreis. »Wie ein Puppenhaus!«

»Die alte Maude hatte eben eine Vorliebe für hübsche Dinge.«

Etwas in Brennas Stimme ließ Jude in der Bewegung innehalten. »Tut mir Leid, ich habe sie nie kennen gelernt. Sie haben sie anscheinend sehr gemocht.«

»Sicher, jeder hier liebte die alte Maude. Sie war eine wunderbare alte Dame. Es würde sie sicher freuen, wenn sie wüsste, dass Sie hier sind und sich um das Cottage kümmern. Bestimmt wollte sie nicht, dass es leer und verlassen da steht. Soll ich Ihnen vielleicht erst mal alles zeigen? Damit Sie sich besser zurechtfinden?«

»Sehr gern, aber vorher müsste ich unbedingt auf die Toilette.«

Brenna lachte fröhlich auf. »Von Dublin ist es ein ganz schön weiter Weg. Direkt neben der Küche gibt es ein kleines WC. Mein Dad und ich haben es erst vor drei Jahren aus einem alten Einbauschrank gezimmert. Einfach geradeaus.«

Ohne weitere Zeit mit Erkundigungen zu verlieren, schlug Jude die genannte Richtung ein. »Klein« war wirklich die einzig passende Beschreibung für das Bad. Wenn sie die Arme angewinkelt und angehoben hätte, hätte sie ganz sicher Kratzer an den Ellenbogen bekommen. Aber die Wände wiesen einen reizenden Rosaton auf, das weiße Porzellan war auf Hochglanz poliert, und überall hingen bestickte Handtücher.

Ein Blick in den ovalen Spiegel über dem Waschbecken verriet Jude, dass ihr Aussehen ihre Befürchtungen beinah noch übertraf. Und trotz ihrer durchschnittlichen Größe und Statur kam sie sich neben der elfengleichen Brenna wie eine ungeschlachte Amazone vor.

Wütend über den Vergleich blies sie sich die krausen Haare aus der Stirn und verließ das Bad.

»Oh, ich hätte die Sachen doch selbst geholt.«

Brenna hatte bereits ihr gesamtes Gepäck in den kleinen Flur geschleppt. »Nach der Reise fallen Ihnen sicher gleich die Augen zu. Ich nehme an, Sie hätten gern das Zimmer von der alten Maude. Es ist wirklich entzückend. Und dann stelle ich den Wasserkessel auf, mache Ihnen einen Tee und setze das Feuer in Gang. Immerhin ist es heute ziemlich kühl.«

Während sie sprach, wuchtete sie Judes beide riesige Koffer die Treppe hinauf, als wären sie leer. Jude wünschte sich, sie hätte mehr Zeit mit Krafttraining verbracht, als sie mit ihrer Tasche, ihrem Laptop und ihrem tragbaren Drucker hinterherkeuchte.

Nun zeigte Brenna ihr die beiden Schlafzimmer, und natürlich erwies sich ihre Beurteilung als richtig – das Zimmer der alten Maude mit seinem Blick zum Vorgarten war eindeutig das Schönere. Doch Jude bekam nur einen vagen Eindruck, denn als sie das Bett entdeckte, ließ sie dem Jetlag zufolge ihren Körper wie ein Bleigewicht auf die Matratze fallen.

Sie hörte nur halb zu, als die fröhliche, melodische Stimme von Leintüchern, der Heizung, und den Unwägbarkeiten des winzigen Kamins am Fuß des Bettes sprach, während Brenna den Torf in Brand steckte. Dann folgte sie wie in Trance, als Brenna die Treppe wieder hinunterpolterte, das Teewasser aufsetzte und ihr die Funktionsweise der Küche erläuterte.

Jude hörte etwas von einer frisch gefüllten Speisekammer und davon, dass sie, wenn sie etwas brauchte, bei Duffy’s im Dorf an der besten Adresse war. Es wurde noch viel mehr gesagt  – neben der Hintertür läge ein Haufen Torf, wie es die alte Maude gemocht hatte; aber natürlich gäbe es, falls Jude das vorzöge, auch jede Menge Holz; das Telefon hätte man wieder angeschlossen, und das Feuer im Küchenherd müsse man von Hand schüren.

»Oje, Sie schlafen ja im Stehen ein.« Mitfühlend drückte Brenna Jude einen dicken blauen Becher in die Hand. »Nehmen Sie den am besten mit nach oben, und legen sich ein wenig hin. Ich mache Ihnen hier unten schon einmal das Feuer an.«

»Tut mir Leid. Ich bekomme wirklich kaum noch etwas mit.«

»Wenn Sie erst mal ein Nickerchen gemacht haben, geht es Ihnen wieder besser. Meine Nummer steht hier auf dem Zettel neben dem Telefon, falls Sie irgendetwas brauchen. Meine Familie lebt kaum einen Kilometer von hier entfernt – meine Mutter, mein Vater und vier Schwestern –, falls Sie also in Not sind, rufen Sie uns an oder kommen Sie einfach vorbei!«

»Ja, ich – vier Schwestern!«

Wieder lachte Brenna, als sie Jude zurück in den Flur geleitete. »Tja, mein Dad hat die Hoffnung auf einen Jungen einfach nicht aufgeben wollen, aber manchmal laufen die Dinge eben anders als man denkt. Er ist umgeben von lauter Frauen, selbst unser Hund ist eine Hündin. Und jetzt rauf mit Ihnen in die Falle!«

»Vielen Dank. Wirklich, normalerweise bin ich nicht so … benommen.«

»Schließlich fliegen Sie auch nicht jeden Tag über den Atlantik. Kann ich noch irgendetwas für Sie tun, bevor ich wieder fahre?«

»Nein, ich …« Jude lehnte sich gegen das Geländer und blinzelte. »Oh, das hätte ich beinahe vergessen. Vorhin war eine Frau in diesem Haus. Wo ist sie so plötzlich hin?«

»Eine Frau, sagen Sie? Wo?«

»Hinter einem der Fenster.« Jude schwankte – beinahe wäre der Tee aus dem Becher geschwappt – und schüttelte den Kopf. »Als ich ankam, stand hinter einem der Fenster in der oberen Etage eine Frau und blickte heraus.«

»Ach ja?«

»Allerdings. Eine blonde, junge, wunderschöne Frau.«

»Ah, das war sicher Lady Gwen.« Brenna betrat das Wohnzimmer und hielt ein Streichholz an den im Kamin aufgeschichteten Torf. »Sie zeigt sich nicht jedem.«

»Aber wohin ist sie gegangen?«

»Oh, sie ist wohl immer noch im Haus.« Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Torf brannte, erhob sich Brenna und klopfte sich die Knie ihrer Arbeitshose ab. »Ob Sie es glauben oder nicht, sie ist inzwischen dreihundert Jahre alt … Ihr Geist, Miss Murray!«

»Mein was?«

»Ihr Geist. Aber machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sie wird Ihnen ganz sicher nichts zu Leide tun. Lady Gwen hat eine traurige Geschichte, aber die erzähle ich Ihnen besser ein anderes Mal, wenn Sie nicht so müde sind.«

Jude konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihr Hirn wollte die Arbeit ebenso einstellen wie ihr Körper, aber es erschien ihr wichtig, dass es in diesem Punkt zumindest sofort Klarheit gab. »Versuchen Sie ernsthaft, mir einzureden, in diesem Haus lebe ein Geist?«

»Und ob! Hat Ihre Oma Ihnen das denn nicht erzählt?«

»Ich glaube nicht, dass sie etwas Derartiges erwähnte. Sie behaupten also, Sie glauben an Geister?«

Abermals zog Brenna ihre linke Braue in die Höhe. »Nun, haben Sie sie gesehen oder nicht? Also bitte«, fügte sie, als Jude lediglich die Stirn runzelte, zufrieden hinzu. »Und jetzt machen Sie ein Nickerchen, und wenn Sie dann wieder aufstehen und Ihnen danach zumute ist, kommen Sie in Gallagher’s Pub – dort gebe ich Ihnen Ihr erstes echt irisches Guinness aus.«

Zu verblüfft, um sich weiter auf das Gesagte konzentrieren zu können, schüttelte Jude müde den Kopf. »Ich trinke kein Bier.«

»Tja, das ist aber bedauerlich«, erklärte Brenna gleichermaßen aufrichtig wie schockiert. »Dann guten Tag, Miss Murray!«

»Jude«, murmelte Jude und starrte ihr Gegenüber immer noch verwundert an.

»In Ordnung, Jude!« Brenna bedachte sie mit ihrem wunderbaren Lächeln und glitt durch die Haustür in den Regen.

Hier sollte es einen Geist geben, dachte Jude, als sie mit schwirrendem Kopf die Treppe zu ihrem Schlafzimmer erklomm. Sicher war das nichts weiter als romantisches irisches Geschwätz. Ihre Großmutter hatte ihr, weiß der Himmel, in ihrer Kindheit zahllose Märchen erzählt, aber mehr war es auch nicht gewesen. Eine Unzahl von spannenden Geschichten, mit denen man sich abends vor dem prasselnden Torffeuer unterhielt.

Aber sie hatte jemanden gesehen… oder etwa nicht?

Nein, bestimmt war es bloß der Regen gewesen, die Vorhänge, das Spiel der Schatten im Inneren des Cottages. Sie stellte den bisher unberührten Tee auf einen Tisch und zog ganz mechanisch ihre Schuhe aus. Es gab einfach keine Geister. Dies hier war nichts weiter als ein hübsches kleines Haus auf einem hübschen kleinen Hügel. Über dem es augenblicklich in Strömen goss.

Bäuchlings fiel sie auf das Bett, dachte daran, sich die Decke überzuziehen, und sank, ehe sie es fertig brachte, in einen tiefen Schlaf.

Und als sie träumte, träumte sie von einer Schlacht auf einem grünen Hügel, wo das Licht der Sonne die Schwerter wie Juwelen blitzen ließ, von Feen, die im Wald tanzten, während das Mondlicht Tränen auf die Blätter der hohen Bäume schickte, und von einem dunkelblauen Meer, dessen Wogen im Rhythmus ihres Herzens an das Ufer schlugen.

Und durch all die Träume zog sich beständig das leise Weinen einer Frau.

2

Als Jude schließlich erwachte, war es bereits dunkel, und die Reste des Torffeuers glühten wie winzige Rubine in dem ebenfalls winzigen Kamin. Sie starrte sie mit vom Schlaf geschwollenen Augen an, und ihr Herz pochte gegen ihre Rippen, als sie die Glut versehentlich für ein Paar sie anblitzender Augen hielt.

Dann kehrte die Erinnerung zurück, und sie dachte wieder klar. Sie war in Irland, in dem Cottage, in dem ihre Großmutter als Mädchen gewohnt hatte. Und ihr war hundekalt.

Sie setzte sich auf, rieb sich die kalten Arme und tastete nach der Nachttischlampe. Bei dem Blick auf ihre Uhr blinzelte sie erschrocken. Es war beinahe Mitternacht. Ihr kurzes Nickerchen hatte an die zwölf Stunden gedauert.

Und abgesehen davon, dass sie fror, hatte sie einen Bärenhunger.

Einen Augenblick lang blickte sie grübelnd hinüber zum Kamin. Da das Feuer so gut wie erloschen schien und sie keine Ahnung hatte, wie man es wieder in Gang brachte, begab sie sich auf die Jagd nach etwas Essbarem in die Küche.

Um sie herum ächzte und knarzte es – heimelig, sagte sie zu sich, obgleich sie am liebsten zur Kontrolle über ihre Schulter geblickt hätte. Mitnichten dachte sie etwa an Brennas Geist, sondern war lediglich derartige Hausgeräusche nicht gewohnt. Die Böden in ihrem Apartment knarzten nicht, und das einzige rote Leuchten, das sie dort je sah, war das Sicherheitslämpchen der Alarmanlage.

Aber bestimmt gewöhnte sie sich bald an die neue Umgebung.

Brenna hatte sie tatsächlich hervorragend versorgt. Sowohl der winzige Kühlschrank als auch die schmale kleine Speisekammer waren gut bestückt. Sie mochte weiter frieren, aber verhungern würde sie definitiv nicht.

Ihr erster Gedanke war, eine Dose Suppe aufzumachen und sie in den Mikrowellenherd zu stellen, und so drehte sie sich, die Dose in der Hand, suchend auf dem Absatz um – dabei machte sie eine furchtbare Entdeckung.

Es gab keinen Mikrowellenherd.

Tja, dachte Jude, das ist wirklich ein Problem. Also müsste sie anscheinend ernsthaft mit einem Topf und einem gewöhnlichen Herd vorlieb nehmen; doch noch während sie sich an den Gedanken zu gewöhnen suchte, traf sie der nächste Schrecken. Es gab tatsächlich keinen automatischen Dosenöffner hier in diesem Haus!

Anscheinend hatte die alte Maude nicht nur in einem völlig fremden Land, sondern obendrein in einem gänzlich anderen Zeitalter gelebt.

Irgendwie kam sie mit dem mechanischen Öffner, den sie zuletzt fand, zurecht und schüttete die Suppe in einen Topf. Dann wählte sie einen Apfel aus dem Obstkorb, ging quer durch die Küche, öffnte die Hintertür und blickte in den seidig weichen, regennassen Nebel, der durch den Garten wirbelte.

Sie sah nichts außer der Luft, die sich wie zarte nächtliche Schleier bewegten. Es gab keine Formen, nicht das geringste Licht, nur die durchscheinenden Schwaden, zu denen der Nebel sich hin und wieder formte. Zitternd trat sie einen Schritt nach vorn und war sofort in einen feuchten Umhang gehüllt.

Das Gefühl von Alleinsein, das sie spontan erfüllte, war tiefer als alles, was sie je zuvor erlebt hatte. Aber es stimmte sie weder ängstlich noch traurig, stellte sie verwundert fest, als sie einen ihrer Arme ausstreckte und beobachtete, wie der Nebel ihre Hand verschlang. Eher fühlte sie sich eigenartig befreit.

Sie kannte niemanden, und niemand kannte sie. Es wurde nichts von ihr erwartet, außer die eigenen Wünsche zu berücksichtigen. Während dieser Nacht, während dieser einmaligen wunderbaren Nacht, war sie vollkommen allein.

Plötzlich vernahm sie ein leises Pulsieren, ein kaum hörbares Klopfen. War das vielleicht das Meer? Oder der Atem lebendigen Lebens? Noch während sie über sich selbst zu lachen begann, hörte sie ein anderes Geräusch, hell und leise, wie perlende Musik.

Pfeifen, Glocken, Flöten mitten in der Nacht? Beinahe wäre sie die Treppe hinuntergeeilt und wie eine Schlafwandlerin der Magie der Klänge in die Dunkelheit gefolgt.

Ein Windspiel, dachte sie mit einem Mal und lachte abermals auf. Natürlich ein Windspiel, ähnlich den netten Glöckchen vor dem Haus. Und sicher war sie immer noch nicht ganz wieder bei Sinnen, wenn sie daran dachte, um Mitternacht aus dem Haus zu laufen und auf der Suche nach einer leisen Melodie durch den Nebel zu irren.

Entschieden trat sie einen Schritt zurück und schloss die Tür. Das Nächste, was an ihre Ohren drang, war das Zischen der überkochenden Suppe.

»Verdammt!« Sie rannte zum Herd und zog den Topf beiseite. »Was ist bloß mit mir los? Himmel, selbst eine Zwölfjährige kann problemlos eine dämliche Dosensuppe auf dem Herd wärmen.«

Sie wischte die Brühe auf, verbrannte sich dabei die Fingerspitzen und löffelte dann stehend den jämmerlichen Rest.

Es war wirklich höchste Zeit, dass sie sich am Riemen riss und wieder handelte wie eine verantwortungsbewusste, vernunftbegabte Erwachsene. Sie war niemand, der sich um Mitternacht durch den Nebel träumte.

Vollkommen gleichgültig löffelte sie die Suppe, aus reinem Hunger und ohne auch nur einen Funken des närrischen Vergnügens, das man sich für gewöhnlich bei einem nächtlichen Imbiss gestattete.

Endlich musste sie sich eingestehen, weshalb sie hierher gekommen war. Sie konnte doch nicht ewig so tun, als wäre sie im Urlaub, wolle ihre Wurzeln erforschen und gleichzeitig eine Dokumentation anfertigen, die ihre bisher nicht gerade astronomische Karriere endlich in Gang brächte.

In Wirklichkeit hatte sie eine beinahe tödliche Angst, kurz vor einem völligen Zusammenbruch zu stehen. Denn inzwischen war sie permanent gestresst, litt regelmäßig unter Kopfschmerzen und bekäme sicher, wenn sie ihr Leben nicht schleunigst in den Griff kriegte, ein Magengeschwür.

Sie hatte einen Punkt erreicht, an dem sie die tägliche Routine ihres Jobs einfach nicht mehr ertrug – einen Punkt, wo sie gerade begann, ihre Studenten und Studentinnen, ihre Familie und sich selbst sträflich zu vernachlässigen.

Und schlimmer noch, gab sie, wenn auch widerwillig zu, empfand sie mittlerweile ihren Studenten und Studentinnen, ihrer Familie und sich selbst gegenüber sogar eine unverhohlene Abneigung.

Was auch immer die Ursache für diese Niedergeschlagenheit war – noch vermochte sie der Sache nicht vollends auf den Grund zu gehen –, sie hatte die einzige Lösung in einer radikalen Veränderung gesehen. Einer Ruhepause. Einfach zusammenzubrechen – und dann eventuell noch vor den Augen Dritter – kam nicht in Frage!

Diese Schande hätte sie sich selbst und ihrer Familie, die ja für eine solche Entwicklung nichts konnte, nie im Leben angetan. Also war sie davongelaufen – vielleicht auch ein feiger, zugleich jedoch seltsamerweise ein logischer Schritt, der ihr da in den Sinn gekommen war.

Als die alte Maude im reifen Alter von einhundertundeinem Jahr gütigerweise das Zeitliche gesegnet hatte, hatte sich ihr damit überraschend eine Tür geöffnet.

Und es war clever gewesen, diese Tür auch zu benützen. Eine wahrhaft vernünftige Maßnahme! Sie brauchte Zeit für sich, Ruhe, um sich darauf zu besinnen, wie es weitergehen sollte. Genau deshalb war sie hier.

Natürlich würde sie auch arbeiten. Sie hätte die Reise und die Länge des geplanten Aufenthaltes niemals rechtfertigen können ohne irgendein Konzept. Also würde sie sich an einem Aufsatz versuchen, in dem sie die Erforschung der Wurzeln ihrer Familie mit ihrem Job verband. Wenn schon nichts anderes, so würde die Dokumentation lokaler Legenden und Mythen in Verbindung mit einer psychologischen Analyse ihrer Bedeutung und Ziele ihre Gedanken von den beständigen Grübeleien ablenken.

Viel zu viel Zeit hatte sie bereits mit sinnlosen Selbstgesprächen zugebracht. Dies war ein Teil ihres irischen Erbes, hatte ihre Mutter ihr erklärt, und sofort stieß Jude einen abgrundtiefen Seufzer aus. Die Iren waren große Grübler – falls sie also hin und wieder das Bedürfnis verspürte, sich in Gedankenakrobatik zu ergehen, hatte sie sich ganz sicher den bestmöglichen Ort für ihren »Urlaub« ausgesucht.

Jude drehte sich um, um den leeren Teller in die Spülmaschine zu stellen, die indessen gleichfalls fehlte, und den ganzen Weg hinauf in ihr Schlafzimmer lächelte sie nachsichtig.

Sie packte ihre Koffer aus und verstaute alle Sachen sorgsam in einem wunderbaren, ächzenden alten Holzschrank und einer wunderbaren Kommode mit klemmenden Schubladen. Dann ordnete sie ihre Toilettensachen in ein Regal über dem altmodischen Waschbecken, stellte sich in die klauenfüßige Wanne mit dem dünnen Plastikvorhang, der an fleckigen Messinghaken von der niedrigen Decke baumelte, und nahm eine lange, heiße Dusche.

Dann stieg sie in einen Flanellpyjama und hüllte sich in einen Morgenmantel, ehe sie, wieder vor Kälte zitternd, in die Knie ging, um das Torffeuer neu zu entfachen. Zu ihrer Überraschung gelang es ihr sofort, und sie setzte sich auf den Boden, schlang die Arme um sich, blickte zwanzig Minuten lang träumend in die knisternden Flammen und stellte sich vor, sie wäre die zufriedene Frau eines Bauern, die auf die Rückkehr ihres Mannes von der Feldarbeit wartete.

Sobald ihr Tagtraum endete, machte sie sich an die Erforschung des zweiten unbenutzten Schlafzimmers, um zu prüfen, ob es sich als Arbeitszimmer eignete.

Es war ein kleiner, schachtelförmiger Raum mit schmalen Vorder- und Seitenfenstern. Nach kurzem Überlegen kam Jude zu dem Schluss, dass sie den Schreibtisch am besten in Richtung Süden aufstellte, sodass sie, wenn sie hinausschaute, die Dächer und Kirchtürme von Ardmore sowie den breiten Sandstrand sah.

Zumindest nahm sie an, dass diese Dinge sichtbar würden, höbe sich später der Nebel und bräche der Morgen an.

Das nächste Problem bestand in der Suche nach etwas, was sich als Schreibtisch nutzen ließ. Nach einstündiger Suche zerrte sie einen passenden Tisch aus dem Wohnzimmer die schmalen Stufen hinauf, schob ihn direkt vor das Fenster und baute ihren Laptop, den Drucker und die anderen Utensilien darauf auf.

Dann kam ihr der Gedanke, dass sie ebenso gut am Küchentisch schreiben könnte, in der Nähe des prasselnden Herdfeuers, den Gesang des Glockenspiels im Ohr. Doch das erschien ihr zu lässig und zu desorganisiert.

Sie fand den richtigen Adapter für den Stecker, fuhr ihren Laptop hoch und öffnete die Datei, die sie als Tagebuch ihres Lebens in Irland zu führen geplant hatte.

3. April, Faerie Hill Cottage, Irland.

Ich habe die Reise überlebt.

Nach einer kurzen Pause gab sie sich einen Ruck. Es klang wie der Anfang eines Berichts von einem Menschen, der in einen Krieg geraten war. Schon wollte sie den Satz löschen, als sie in der Bewegung innehielt. Nein, das Tagebuch war einzig für sie selbst, und sie würde schreiben, was ihr in den Sinn käme.

Die Fahrt von Dublin bis hierher war endlos und schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis ich mich an den Linksverkehr gewöhnt habe. Wahrscheinlich nie. Aber die Landschaft ist bezaubernd. Keins der Bilder, die ich zuvor gesehen habe, wird der hiesigen Natur auch nur annähernd gerecht. Zu sagen, sie ist grün, reicht niemals. Saftig trifft es auch nicht. Am besten kann ich sie beschreiben, indem ich sage, dass – hmm – über allem ein seidig weicher Schimmer liegt.

Die Dörfer wirken lieblich und so unglaublich sauber, dass ich den Eindruck habe, allnächtlich kämen ganze Armeen von Elfen anmarschiert, um die Gehwege und die Gebäude zu schrubben.

Ich habe einen ersten Eindruck von Ardmore bekommen; aber als ich dort anlangte, goss es in Strömen, und ich war einfach zu müde, um etwas anderes als die überall herrschende Sauberkeit und die Schönheit des breiten Strandes wahrzunehmen.

Das Cottage habe ich nur durch Zufall ausfindig gemacht. Oma wird es natürlich Schicksal nennen, aber es war echt reines Glück. Mitten auf einem kleinen Hügel liegt es und ist umgeben von einem Blumenmeer, das sich bis zur Schwelle der Eingangstür erstreckt. Hoffentlich gelingt es mir, die Blumen so üppig zu erhalten, wie sie jetzt sind. Vielleicht gibt es im Dorf ja einen Buchladen, in dem ich etwas über Gartenpflege finde. Auf alle Fälle gedeihen sie trotz der kühlen Feuchtigkeit im Augenblick hervorragend.

Bei meiner Ankunft habe ich hinter dem Schlafzimmerfenster eine Frau gesehen – oder gedacht, eine Frau zu sehen  –, die auf mich herunterblickt. Es war wirklich seltsam. Ich hatte den Eindruck, dass sich unsere Blicke in der Tat begegneten. Sie war wunderschön, bleich, blond und tragisch. Natürlich musste es sich um eine Sinnestäuschung gehandelt haben, denn es war niemand da.

Brenna O’Toole, eine geradezu erschreckend tüchtige junge Frau aus dem Dorf, kam unmittelbar nach mir und nahm die Dinge auf eine entschiedene und zugleich freundliche Weise in die Hand, für die ich wirklich dankbar war. Sie ist eine wunderbare Person – ich frage mich, ob alle Menschen hier so reizend sind – und hat dieses raue, direkte Gebaren, das manche Frauen so problemlos an den Tag legen können, ohne dadurch auch nur einen Bruchteil ihrer Weiblichkeit einzubüßen.

Ich nehme an, sie hält mich für eine dämliche, hoffnungslos unpraktische Person, aber trotzdem war sie nett.

Sie hat behauptet, hier im Cottage gäbe es einen Geist; aber ich denke, das behaupten die Dorfbewohner von sämtlichen Häusern in der Grafschaft. Da ich jedoch beschlossen habe, mich an einem Aufsatz über irische Legenden zu versuchen, gehe ich dieser Geschichte vielleicht noch genauer auf den Grund.

Natürlich hat sich meine innere Uhr noch nicht an die hiesige Zeit gewöhnt, sodass ich den Großteil des Tages verschlafen und dafür um Mitternacht gespeist habe.

Draußen ist es dunkel und nebelig. Der Nebel schimmert irgendwie und kommt mir geradezu schmerzlich schön vor. Ich fühle mich behaglich, und auch in meine Gedanken ist endlich Ruhe eingekehrt.

Es wird alles gut werden.

Mit einem abgrundtiefen Seufzer lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. Ja, nickte sie, es würde alles gut.

Um drei Uhr morgens, wenn die Geister für gewöhnlich am aktivsten sind, saß Jude, eingehüllt in eine dicke Decke, eine Kanne Tee auf ihrem Nachttisch, ein Buch zwischen den Händen, warm auf ihrem Bett. Im Kamin prasselte der Torf, und hinter den Fenstern wogten die Nebelschwaden auf und ab.

Mit dem Gedanken, dass sie in ihrem ganzen Leben sicher nie glücklicher gewesen war, sank sie in die Kissen zurück und schlief, ohne auch nur das Licht zu löschen oder die Lesebrille abzunehmen, wohlig ein.

Bei Tageslicht, nachdem eine kühle Brise den Regen und den Nebel fortgetrieben hatte, sah ihre neue Welt vollkommen anders aus. Ein sanftes Licht tauchte die Felder in leuchtendes Grün. Jude hörte das Zwitschern der Vögel, was sie daran erinnerte, dass sie das Buch zur Bestimmung der verschiedenen Vogelarten heraussuchen musste. Trotzdem war es im Augenblick netter, einfach nur dazustehen und dem fröhlichen Trällern zu lauschen – egal, welcher Vogel gerade seine Kehle wetzte.

Über den dichten, drahtigen Rasen zu gehen, erschien ihr beinahe wie ein Sakrileg, doch Jude würde der Versuchung auf Dauer nicht widerstehen können.

Auf dem Hügel neben dem Dorf sah sie die Ruine der einst prachtvollen, dem heiligen Declan gewidmeten Kathedrale, die von einem majestätischen, runden Turm beherrscht wurde; vorübergehend dachte sie an die Gestalt, die sie im Regen zu sehen gemeint hatte, und zuckte zusammen.

Benahm sie sich einfach lächerlich? Es war doch nichts weiter als eine alte Kirche. Eine interessante, historisch bedeutsame  – zugegeben. Dank ihrer Großmutter und ihres Touristenführers wusste sie, dass es im Innern der Ruine Inschriften in Ogham, der altirischen Schrift, sowie romanische Rundbögen zu bewundern gab. Am besten ginge sie bald einmal hin und sähe sich die Dinge an.

Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel »Jewels of the Sun« bei Jove Books, The Berkeley Publishing Group, a division of Penguin Putnam Inc., New York.

Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann.

Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2000

Copyright © der Originalausgabe 1999 by Nora Roberts

Published by arrangement with Eleanor Wilder

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2000 by Wilhelm Goldmann Verlag, München in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH This book was negotiated through Literary Agency Thomas Schlück, Garbsen Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: Artothek/Bridgeman Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Lektorat: Maria Dürig Redaktion: Barbara Gernet Herstellung: Heidrun Nawrot

eISBN 978-3-641-09919-0

www.blanvalet-verlag.de

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