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Eine zweite Chance zu leben und zu lieben
Sloan Cooper ist klinisch tot, als sie in letzter Minute zurück ins Leben geholt wird. Aus dem Krankenhaus entlassen, zieht sie zurück in ihre Heimat am Mirror Lake. In den atemberaubenden Bergen Marylands findet sie Frieden – und lernt Nash kennen, der in der Natur seinem alten Großstadtleben entkommen möchte. Doch dann wird die Idylle jäh gebrochen, als eine junge Frau spurlos verschwindet. Sloan und Nash versuchen herauszufinden, was dahintersteckt und stoßen bald auf eine ganze Reihe von Vermisstenfällen. Gemeinsam wollen sie die düstere Wahrheit ans Licht bringen. Doch Sloan hat sich gerade erst zurück ins Leben gekämpft und eine neue Liebe gefunden – ist sie bereit, beides erneut aufs Spiel zu setzen?
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Seitenzahl: 628
Veröffentlichungsjahr: 2025
Über das Buch:
Als Polizistin der Natural Resources Police ist Sloan Cooper ambitioniert, stark und clever. Doch ein fast fataler Schuss ändert alles auf einen Schlag. Sie zieht zur Genesung zu ihren Eltern in die Heimat am Mirror Lake in den Bergen Marylands. Die Weite des Sees, die Ruhe der Natur und die Entschleunigung helfen Sloan sich zu erholen. Genauso, wie sie auch Nash helfen. Aus der Großstadt geflohen, um der Hektik und ständigen Arbeit zu entkommen, sucht auch er eine Auszeit. Nash und Sloan lernen sich kennen und finden ineinander mehr, als sie sich je erträumt hätten. Bis ein Vermisstenfall den ruhigen Ort und ihre Zweisamkeit erschüttert. Eine junge Frau ist spurlos von einem Parkplatz verschwunden. So sehr sich Sloan auch auf ihre Gesundheit konzentrieren will, kann sie die Ermittlerin in sich doch nicht leugnen und beginnt nachzuforschen. Dabei steht Nash ihr zu Seite und gemeinsam finden sie Hinweise auf eine schockierende Reihe von Vermisstenfällen. Nicht nur am Mirror Lake, sondern verteilt über mehreren Staaten und doch klar verbunden. Das neugewonnene Leben und die neugefundene Liebe will Sloan auf keinen Fall riskieren – doch der Fall lässt sie nicht los und betrifft sie noch viel mehr, als Sloan ahnen kann.
Über die Autorin:
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Mehr als 200 Titel waren New-York-Times-Bestseller, und ihre Bücher erobern auch in Deutschland immer wieder die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.
nora roberts
Roman
Aus dem Englischen von Christiane Burkhardt
Die Originalausgabe Hidden Nature erschien erstmals 2025 bei St. Martin’s Press, New York.
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Copyright © 2025 by Nora Roberts
Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München [email protected] (Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Claudia Krader
Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design unter Verwendung von © Jill Battaglia / Trevillion Images
Shutterstock: (Elena Elisseeva, Jacob_09, jax10289, yalicn)
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-34069-8V001
www.heyne.de
Für Bruce und Jason, meine Doppelwupper
Da bricht ein edles Herz. – Gute Nacht, mein Fürst!
Und Engelscharen singen dich zur Ruh!
William Shakespeare
Der Tag, an dem Sloan Cooper starb, begann vor Sonnenaufgang und endete kurz vor Mitternacht. Als Polizistin bei der Natural Resources Police, der NRP, hatte sie dabei geholfen, drei Männer zu fassen, die den ganzen Herbst über Wanderer in den Western Maryland Mountains bedrängt und beraubt hatten. Die drei Männer, zwei Brüder und ihr Vater, betrachteten das in Staatsbesitz befindliche Land als ihr Privateigentum und alle, die es betraten, als Eindringlinge.
Nach einem dreitägigen Einsatz, bei dem sie den Vater, einen gewissen John alias Red Bowson, höchstpersönlich entwaffnet hatte, befanden sich die drei in Polizeigewahrsam. Sloan ging davon aus, dass sie im Gefängnis genug Zeit haben würden, über ihre Missetaten nachzudenken. Sie war hochzufrieden, zumal das ihre Chance auf den Rang eines Sergeants war!
Sloan fuhr den Wagen zum Büro, während ihr Partner mit seiner Verlobten telefonierte. Joel Warren war eine richtige Bohnenstange mit dunklem Teint und kurz geschorenen Locken unter dem Stetson aus Filz. Auf den ersten Blick wirkte er etwas langsam, dabei besaß er einen messerscharfen Verstand und genug Energie, um eine Kleinstadt damit zu versorgen.
Sie hatten zusammen die Ausbildung gemacht und sich beide bei der Polizei des US-Bundesstaats Maryland beworben. Er, der in Washington, D. C., geboren und aufgewachsen war, und sie, die aus einem kleinen Kaff in den besagten Western Mountains stammte, hatten sich von Anfang an gut verstanden. Ihre fast fünfjährige Zusammenarbeit funktionierte bestens, und zwar trotz – oder vielleicht wegen – ihrer ganz unterschiedlichen Charaktere. Er war eher der lässige Typ, der seine Arbeit machte und dann nach Hause ging. Sie hingegen konnte man als ehrgeizig, zielstrebig und sehr korrekt bezeichnen.
Mit halbem Ohr hörte sie, wie er seiner Verlobten erklärte, dass sie auf dem Heimweg waren. Er spielte die letzten Vorkommnisse herunter, verschwieg, dass auf sie geschossen worden war, genauso Sloans blaues Auge, das sie sich bei der Verhaftung zugezogen hatte. Nicht nur, um Sari die schlimmen Details zu ersparen, sondern weil das für Joel längst Vergangenheit war. Er lebte im Jetzt. Einfach bewundernswert!
Nach dem Auflegen suchte er nach einer neuen Position für seine Beine. »Eigentlich dürfte ich es dir gar nicht sagen.«
»Was sagen?«
»Meine Mutter weiß Bescheid, Saris Familie auch. Wir sollten eigentlich noch drei Wochen warten, aber …«
Sie war eine geschulte Ermittlerin und kannte Joel wie einen Bruder. »Soll das ein Witz sein? Sari ist schwanger?«
Seine braunen Augen funkelten. »Siehst du? Ich habe nichts gesagt. Du bist von allein draufgekommen und hast recht, Süße. Sie ist im dritten Monat.«
»Echt krass, Joel.« Begeistert reckte sie die Faust, bevor sie ihm auf die Schulter klopfte. »Du wirst Vater.«
»Ich fühle mich jetzt schon wie einer. Komisch, oder? Mama meint, es wird ein Mädchen. Und die hat immer recht.«
»Ja, Mama Dee liegt meistens richtig. Wärst du auch mit einem Jungen einverstanden?«
»Ich bin mit allem einverstanden.«
»Wie geht es Sari?«
»Die musste sich einen Monat lang täglich übergeben, aber das ist jetzt Gott sei Dank vorbei. Sie meint, sie kann es gar nicht erwarten, einen dicken Bauch zu bekommen. In ein paar Wochen ist Thanksgiving. Da werden wir ein richtiges Erntedankfest feiern können.« Er schenkte ihr ein breites Grinsen. »Du wirst Tantchen, Süße.«
»Bei Tante Sloan wird es immer Kekse geben. Ich freu mich so, Joel. Für euch beide. Du wirst ein toller Papa sein.«
»Was ist mit dir und Matias? Überlegt ihr, den nächsten Schritt zu machen?«
»Du meinst zusammenzuziehen?« Im Gegensatz zu Joel hatte sie nicht daran gedacht, sich bei dem Mann zu melden, mit dem sie seit fast einem Jahr liiert war. Andererseits würde sich Matias nach zweiundzwanzig Uhr ohnehin nicht über einen Anruf freuen. »Keine Ahnung«, meinte sie. »Eher nicht, aber wer weiß. Glaub nicht, ich wüsste nicht, was du denkst.« Sie schaute zu ihm hinüber. »Nämlich dass Keine Ahnung einfach Nein heißt. Dabei heißt es wirklich Keine Ahnung und Noch nicht. Wir sind zufrieden damit, wie es ist.«
»Hm.«
Sie verdrehte nur die Augen, denn sie kannte diesen Laut nur zu gut. Damit wollte er sagen, dass sie sich was vormachte. Gut möglich, aber sie war glücklich mit ihrem derzeitigen Leben.
»Ich brauch ’ne kalte Limo.«
»Du brauchst ’ne kalte Limo.«
»Ich brauch Energie.«
»Das sagst du jedes Mal. Okay, ich muss sowieso für kleine Mädchen. Dann können wir auch gleich tanken.«
Wäre sie ein paar Kilometer früher oder später abgebogen, wäre alles anders gekommen. Doch sie fuhr auf die rechte Spur und nahm die nächste Ausfahrt. Nach einem knappen Kilometer durchs Nirgendwo hielt sie vor der Tankstelle.
»Du füllst Benzin nach, während ich dem werdenden Vater sein Lieblingsgetränk hole. Dem werdenden Vater!«, wiederholte sie. »Wow, Joel!« Sie verließ den Pick-up. Eine sportliche Frau, die ihr blondes Haar unter dem Stetson zu einem Knoten gebunden hatte. Ihre Augen, von denen das linke ein Veilchen zierte, waren groß, mandelförmig und leuchtend grün. Sie dominierten ein Gesicht mit markanten Wangenknochen, einer schmalen Nase und einem breiten, klar definierten Mund.
So wie Joel schätzten die Leute sie auf den ersten Blick falsch ein, hielten sie wegen der großen Feenaugen für weich. Dabei stemmte sie fünfundsiebzig Kilo – fünfzehn Kilo mehr als ihr Körpergewicht. Sie konnte einen Boxball zum Tanzen bringen und anderthalb Kilometer in unter sechs Minuten rennen.
In ihrer Kindheit war Sloan durch die Alleghenies gewandert, im Sommer im See geschwommen oder hatte dort gerudert. Der Winter wurde mit Skifahren und Schneewandern verbracht. Die freie Natur hatte ihren Körper, aber auch ihren Geist geprägt. Mit ihrem Beruf, mit ihrem Ehrgeiz machte sie aus ihrer Sicht das Beste aus ihren Gaben.
Sie betrat den kleinen Tankstellenshop und war in Gedanken schon auf der Toilette und bei der Heimfahrt. Zu Hause würde sie lange heiß duschen und dann ins Bett gehen. Doch als die Tür hinter ihr zufiel, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Der Mann stand mit dem Rücken zu ihr – ein über eins achtzig großer, achtzig Kilo schwerer Weißer mit braunem Haar. Seine bedrohliche Haltung und der angstgeweitete Blick des Mannes hinterm Tresen sorgten dafür, dass sie die Hand auf ihre Waffe legte.
Alles ging ganz schnell. Und dauerte eine Ewigkeit.
Der Kerl vor ihr wirbelte herum. Aus seiner Waffe löste sich ein Schuss. Er streifte ihre Stirn, ein heftiges, schreckliches Brennen. Sie schoss zurück. Beim zweiten Treffer, in die Brust, taumelte sie zurück und ging zu Boden. Der Schmerz war unbeschreiblich.
Der Schütze eilte auf sie zu – Mitte dreißig, braune Augen, eine kleine Narbe auf der rechten Wange. Ihr Atem ging schwer, der Schmerz übernahm ihren Körper. Sie versuchte, ihre Waffe zu heben, doch die Welt um sie herum verblasste zusehends. Für die Warnung an Joel hatte sie keine Luft mehr.
Der Täter – schwarze Adidas, dazu ein grauer Trenchcoat und zerfranste Jeans – verschwamm vor ihren Augen. Vage hörte sie einen Schuss, anschließend noch einen. Dann war Joel bei ihr und drückte ihr so fest auf die Brust, dass ihr schier der Kopf platzte. »Sloan! Sloan! Schau mich an. Bleib bei mir. Eine Kollegin ist verletzt. Eine Kollegin ist verletzt. Ich brauche sofort medizinische Unterstützung.«
Sie starrte ihn an, erkannte ihn. Dann waren seine Worte nicht mehr zu verstehen. Das Gesicht kam ganz nah an sie heran, so nah, dass sie nichts anderes mehr wahrnahm. Seine kohlschwarzen Augen schauten grimmig. »Du bleibst gefälligst bei mir! Hilfe ist unterwegs. Ich bin da, ich bin bei dir.«
»Es tut weh.«
»Ich weiß, Süße, ich weiß. Benutz diesen Schmerz und bleib bei mir. Ich bin da. Du gehst nirgendwohin.«
Der Schmerz zerstörte jedes Zeit- und Raumgefühl. Sie ertrank förmlich darin. Immer wenn sie kurz auftauchte, kam auch der Schmerz zurück, schneidend wie tausend Klingen. Unbekannte Gesichter. Worte, die sie nicht verstand.
Eine bittere Kälte erfasste sie, ohne das unablässige Toben des Schmerzes zu lindern. Joel. Sie konnte ihn hören. Er war da, während die Welt jenseits des Krankenwagens vorbeiraste.
»Du bist stark. Du bist verdammt zäh und wirst kämpfen, verstanden? Kannst du mich verstehen, Sloan?«
Weißer Nebel hüllte sie ein. Alle schrien, aber die Stimmen drangen nicht mehr zu ihr durch. Lichter, viel zu viele Lichter blendeten sie. Sie schloss die Augen. Da war Joel wieder. Er nahm ihre Hand und sah sie eindringlich an. »Du kämpfst gefälligst, Sloan. Nicht aufgeben.« Dann war alles weg. Der Schmerz, die Lichter, die Stimmen. Tiefes Schwarz.
Es wurde wieder hell. Das Licht war ganz weich und blass. Sloan fühlte sich frei, schien zu schweben und schaute auf die Frau auf dem Operationstisch hinunter. Wie bleich und reglos sie war! Dann das viele Blut. Die vielen Menschen um sie herum. Sie haben das arme Ding aufgeschnitten, dachte sie, bis sie bemerkte, dass sie dieses Ding war. Ich bin das da unten.
Jemand rief: Los! Und der Stromstoß aus den Defibrillator-Paddles sorgte dafür, dass sich ihr Körper aufbäumte. Im Schweben seufzte sie. Sie strengten sich so an …
Ihr dürft sie gehen lassen, dachte sie. Lasst mich gehen.
Wieder wurden die Paddles aufgelegt, doch sie ignorierte den Elektroschock. Aus ihrer schwebenden Position nahm sie vieles wahr. Joel, der draußen nervös auf und ab lief, das Handy am Ohr. »Sie ist noch im OP. Ihre Angehörigen sind unterwegs. Ich ruf dich an, sobald sie rauskommt.«
Sie sah, wie er sich Tränen abwischte, und das rührte sie. Sie wollte ihm gern sagen, dass es ihr gut ging. Wie friedlich dieses angenehm weiche Licht wirkte. Aber sein Hemd war blutbefleckt, sein Blick wie erloschen.
»Wir werden sie nicht verlieren, Sari. Sie wird kämpfen. Sie wird nicht aufgeben. Sie ist noch nicht so weit, Sari.«
Na gut, na gut, verdammt noch mal.
Wieder schaute sie auf sich hinunter. Sie dachte an Joel und das Baby, das bald zur Welt kommen würde. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Schwester. Die Paddles wurden erneut aufgelegt. Jetzt ließ sie zu, dass alles wieder schwarz wurde.
***
Sloan erwachte. Der Schmerz war immer noch da, aber gedämpft. Die Luft roch irgendwie stechend. Der Krankenhausgeruch war für sie intensiver als das Piepen der Geräte. Das weiche, aber dennoch viel zu grelle Licht führte dazu, dass sie sich kurz nach dem diffusen Grau zurücksehnte.
»Sie kommt zu sich, Joel. Sloan? Ich bin’s, Mom. Mach die Augen auf, Liebes. Sloan, mein Schatz, mach die Augen auf.«
Sie blinzelte. Es war so anstrengend und schien die Mühe nicht wert zu sein. Ihr wollten die Augen wieder zufallen.
»Komm schon. Drück meine Hand und mach die Augen auf.« Sie spürte die Lippen ihrer Mutter auf dem Handrücken, in ihrer Handfläche, auf ihren Fingern. »Da ist mein Mädchen wieder.«
»Krankenhaus«, würgte sie hervor. Ihre Kehle war ganz rau, ihre Zunge fühlte sich an wie ein trockener Lappen.
»Ja, genau. Alles wird gut, du wirst schon sehen.«
Da fiel es ihr wieder ein. Der Tankstellenshop, der Mann am Tresen. Explodierender Schmerz. »Angeschossen.« Sie versuchte, sich aufzusetzen, konnte aber kaum den Kopf heben. »Joel.«
»Ich bin da, direkt neben dir, Süße.«
Langsam wurde ihr Blick klar, sie konnte alle sehen. Ihre Mutter, leichenblass mit tief verschatteten, roten Augen. Ihren Partner, der ziemlich fertig aussah. »Wie schlimm?«
»Nicht schlimm genug, um dir den Rest zu geben.« Er beugte sich vor und küsste den Scheitel ihrer Mutter, drückte dabei Sloans Hand. »Ich ruf den Arzt.«
»Alles wird gut.« Wieder küsste Elsie Cooper die Hand ihrer Tochter. Tränen fielen auf Sloans Fingerknöchel wie zwei warme Regentropfen. »Dein Dad und Drea sind auch hier. Wir haben uns abgewechselt.«
»Seit wann? Seit wann denn?«
»Du hast eine Weile geschlafen. Heute ist der dritte Tag. Sie haben dich ins künstliche Koma versetzt. Gerade wachst du wieder auf. Schätzchen? Spürst du diesen Knopf?« Sie führte Sloans Hand. »Wenn es zu sehr wehtut, kannst du diesen Knopf drücken, dann werden Medikamente abgegeben.«
»Okay. Ich fühle mich … matschig.«
Eine Träne kullerte über Elsies Wange, während sie lächelte. »Das kann ich mir vorstellen. Da kommt die Schwester, das ist Angie. Sie hat sich bestens um dich gekümmert. Um uns alle.«
»Schön zu sehen, dass Sie wach sind.« Die Schwester hatte einen grau melierten Bob, ihre blassblaue Uniform war mit roten Blumen übersät. Sloan schätzte sie auf vierzig und war erleichtert, als sie sah, dass nicht nur die Lippen, sondern auch die braunen Augen der Frau lächelten. »Dr. Vincenti wird jeden Moment kommen. Elsie, Joel? Darf ich Sloan kurz untersuchen?«
»Wir warten draußen«, versprach Elsie.
»Wie schlimm ist es?«, fragte Sloan, sobald die Tür zugefallen war. »Wie schwer bin ich verletzt?«
Angie kontrollierte die Infusionen, die Geräte und sah nach Sloans Puls. »Joel meinte, dass ich nicht um den heißen Brei herumreden soll. Also – es stand ziemlich schlimm. Sie werden wieder ganz gesund, doch das wird dauern. So gute Leute wie Dr. Vincenti und das chirurgische Team findet man selten.«
»Ich bin gestorben.«
»Im Moment sind Sie quicklebendig.« Angie führte einen Becher mit Strohhalm an Sloans Lippen. »Trinken Sie.«
Weil sie solchen Durst hatte, gehorchte Sloan. »Auf dem OP-Tisch, da bin ich gestorben. Sie mussten mich zurückholen.«
Angie stellte den Becher ab und nahm Sloans Hand. »Sie hatten eine Nahtoderfahrung?«
»Ja, oder? Ihr habt mir Stromstöße versetzt, stimmt’s? Mein Herz ist stehen geblieben. Da habt ihr mir dreimal Stromstöße versetzt, wenn ich mich nicht täusche.«
»Die Kugel hat knapp das Herz verfehlt. Die Operation war nicht ohne, um es gelinde auszudrücken. Doch Dr. Vincenti ist sehr, sehr gut. Und Sie sind jung, gesund und stark. Davon mal abgesehen, war Ihre Zeit noch nicht gekommen. Jetzt sind Sie lebendig, bei Bewusstsein und vollkommen klar. Ihre Vitalwerte sind gut. Ihr Zustand ist stabil. In vierundzwanzig Stunden sollten Sie über den Berg sein. Wenn Sie nicht zu müde sind, würden Ihre Angehörigen Sie gerne sehen.«
»Ja, bitte.«
»Familie ist immer gut.« Sanft half Angie Sloan dabei, sich aufzusetzen, und wendete das Kissen, damit die kühle Seite nach oben kam. »Menschen, die einen lieben, helfen über vieles hinweg. Und Sie werden geliebt. Hier ist der Notrufknopf, Sie können jederzeit klingeln. Dr. Vincenti ist unterwegs.«
Ihr Vater und ihre Schwester betraten das Zimmer. In den Augen des Vaters, dessen braunes Haar und getrimmter Bart von silbernen Strähnen durchzogen waren, glänzten Tränen. Er presste seine unrasierte Wange an die ihre. Sie spürte, wie er zitterte und tief Luft holte, um nicht zu weinen. »Alles okay, Dad. Mir geht’s gut.«
»Du hast mir einen Riesenschrecken eingejagt, Sloan. Gib mir eine Minute.«
Sie schaute zu ihrer Schwester, die hinter ihm stand. Dreas Gesicht war vom vielen Weinen ganz fleckig. Ihr sonst glänzend braunes Haar war stumpf und zu einem schlampigen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie wischte sich über die Augen, die genauso blau waren wie die ihrer Mutter.
Drea nahm Sloans Hand und lächelte. »Puh«, sagte sie.
»Das fasst es ganz gut zusammen.«
Dean Cooper hob den Kopf und nahm Sloans Gesicht in beide Hände, die sich genauso rau anfühlten wie seine Bartstoppeln. »Bitte mach das nie wieder.«
»Okay, Dad.«
Aus lebenslanger Gewohnheit küsste er sie auf Stirn, beide Wangen und den Mund. »Ich weiß, du bist müde und brauchst Ruhe. Aber vergiss nicht, dass wir für dich da sind.«
»Ich weiß.« Sie bemühte sich, vollkommen klar zu werden. »Wer kümmert sich um das Resort?«
»Es ist alles organisiert, mach dir keine Sorgen.«
»Viele in Heron’s Rest haben dir die Daumen gedrückt«, fügte Drea hinzu. »Alle helfen, damit es rundläuft wie immer.«
»Und Joel? Der ist unser Held. Ihr seid beide Helden.«
Sie spürte, wie sie wieder wegdämmerte, bemühte sich, wach zu bleiben. »Haben wir ihn gefasst? Er ist weiß, männlich, Mitte dreißig, hat braunes Haar und braune Augen … Haben wir ihn erwischt?« Dann war sie wieder weg.
***
Sloan wurde erneut von Schmerz geweckt. Joel saß an ihrem Bett und las in einem abgewetzten Taschenbuch. Es war eine Ausgabe von Stephen Kings Es, die er stets bei sich trug. Sie erinnerte sich, wie sie ihn gefragt hatte, warum er ausgerechnet dieses Buch dabeihatte. Weil es ihm bewusst mache, dass nichts so schlimm sein könne wie Pennywise, meinte er – egal, was ihnen unterkam. Um seine Theorie zu überprüfen, hatte sie es selbst gelesen und konnte ihm nur beipflichten.
»Diesmal war ich ganz schön nah dran«, murmelte sie.
Er schaute auf und legte das Buch weg. »Hallo.«
»Haben wir ihn erwischt?«
»Drück den Knopf. Du hast Schmerzen.«
Sie schüttelte den Kopf und fragte sich umgehend, wie diese winzige Bewegung so viel Schmerz auslösen konnte. »Ich möchte gerne wach bleiben. Der Schütze.«
»Ich habe die Schüsse gehört – zwei Schüsse. Dann ist er rausgerannt und hat auf mich geschossen. Daneben. Ich habe das Feuer erwidert, ihn erwischt. Sein Kennzeichen konnte ich mir merken, Marke und Modell der Karre, in die er gesprungen ist. Ich konnte ihn nicht verfolgen. Du lagst blutend am Boden.«
»Irgendwas war seltsam. Der Mann hinterm Tresen hatte Todesangst. Ich habe die Hand auf die Waffe gelegt, aber da ist der Täter herumgewirbelt und hat geschossen. Zweimal?«
»Zweimal.«
»Ich konnte meine Waffe nicht mehr ziehen.«
»Doch, das konntest du, Süße. Als ich bei dir war, hattest du sie in der Hand. Ich hab einen Krankenwagen gerufen und Kennzeichen, Fahrzeug sowie eine Beschreibung des Verdächtigen durchgegeben. Als du in den Krankenwagen geschoben wurdest, hatten sie ihn schon geschnappt. Drück den Knopf, dann erzähl ich dir den Rest.« Sie gehorchte. Der Schmerz zog sich ein paar Millimeter zurück.
»Fahnder haben das Auto entdeckt. Es fuhr in Schlangenlinien. Stell dir vor, ich hatte den Kerl knapp unter der Achsel getroffen. Er hat die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und einen Baum gestreift – die Karre war hinüber. Dann ist dieses bekloppte Arschloch tatsächlich ausgestiegen und hat geschossen. Sie haben ihn abgeknallt.«
»Sonst noch jemand verletzt?«
»Nein.«
»Was ist mit dem Zivilisten, dem Mann hinterm Tresen?«
»Dem geht es gut. Er war fertig mit den Nerven, dürfte sich in die Hosen gemacht haben vor Angst. Der hat sofort ein T-Shirt aus dem Regal genommen, damit ich dir einen Druckverband anlegen konnte.«
»Der Typ hat zweimal geschossen. Ich weiß nicht …« Verwirrt fasste sie sich an die rechte Schläfe, wo der Kopfverband war.
»Ja, nur ein Streifschuss. Du bist mit mindestens zehn Stichen genäht worden.«
Kopfschuss, dachte sie. Ein Stich wie von tausend wütenden Wespen. »Es hätte schlimmer kommen können.«
»Allerdings.«
»Mom, Dad, Drea. Sie waren schon da, oder?«
»Ja.«
»In meinem Kopf ist alles ziemlich durcheinander.«
»Die meinten, dass das eine Weile so bleibt. Mach dir keine Sorgen. Deine Familie war die ganze Zeit da. Ich hab sie überredet, nach Hause zu fahren. Sie hatten nur dabei, was sie am Leibe trugen. Morgen früh kommen sie wieder.«
»Wann darf ich raus? Sollte ich nicht mit dem Arzt reden?«
»Du hast bereits mit dem Arzt gesprochen.«
»Wann?«
»Heute Nachmittag. Du bist ab und zu kurz weggedämmert. Sie haben jede Menge Untersuchungen gemacht, und du hältst dich ziemlich wacker. Morgen werden sie vermutlich versuchen, dich zum Aufstehen zu bewegen, damit du ein paar Schritte machst.«
»Wann darf ich raus?« Fast hätte sie gewimmert. »Es stinkt nach Krankenhaus.«
Da sie beim letzten Aufwachen genau dasselbe gesagt hatte, lächelte er nur. »Du bist krank, Süße. Sie müssen aufpassen, dass sich nichts infiziert und so. Die Kugel hat nämlich … wie heißt das gleich wieder …« Er schloss die Augen. »… das Brustbein durchschlagen. Sie mussten Knochensplitter rausoperieren. Du hast ein gesplittertes Brustbein und ein Loch im Oberkörper. Ganz abgesehen von der Kopfwunde. Also lehn dich zurück und entspann dich. Das wird ein paar Tage dauern.«
»Ich möchte mit dem Arzt reden. Kannst du ihn mir rufen?«
»Sloan, es ist kurz nach zwei Uhr nachts. Gönn dem Kerl eine Pause.«
»Zwei Uhr nachts? Was, zum Teufel, machst du hier? Geh nach Hause.« Vor lauter Aufregung schaffte sie es, sich ein paar Zentimeter aufzurichten, um sich dann wieder zurückfallen zu lassen. »Sari ist schwanger. Oder hab ich das bloß geträumt?«
»Und ob sie schwanger ist, Tante Sloan. Sie hat gestern kurz nach dir geschaut. Wie alle von der Dienststelle. Und alle haben sie Blut gespendet. Du hast nämlich jede Menge verloren.« Um das Zittern seiner Hände zu verbergen, fuhr er sich damit über die Oberschenkel. »Beide Großelternpaare haben nach dir geschaut, dein Onkel, deine Cousins, Captain Hamm und der gesamte Rest der Truppe.«
»Ich kann mich an nichts erinnern. Alles ist so wirr. Nur nicht, dass ich auf dem OP-Tisch gestorben bin.«
»Sie haben dich zurückgeholt.«
»Ja. Dreimal. Ich bin geschwebt.« Die Szene stand ihr glasklar vor Augen. »Ich hab ihnen zugesehen.« Sie sprach langsam, erinnerte sich an jedes Detail. »Ich habe gesehen, wie du auf dem Flur auf und ab gegangen bist, das Hemd voll mit Blut, meinem Blut. Im Gang hast du mit Sari telefoniert. Und ein bisschen geweint. Du hast gesagt, dass meine Angehörigen unterwegs sind. Ich war im OP. Du wolltest Sari anrufen, wenn ich rauskomme.«
Er drückte ihre Hand. »Willst du mir einen Bären aufbinden?«
»Ich sehe das klar und deutlich vor mir, Joel. Wie kann diese Erinnerung so glasklar sein und der Rest nicht? Ich wollte loslassen, hab mich ganz leicht gefühlt – es wäre so einfach gewesen. Aber du hast geweint. Da ist mir wieder eingefallen, dass ich kämpfen sollte. Nicht aufgeben, sondern kämpfen. Also habe ich gekämpft.«
Er stand auf und ging zum Fenster, zog die Vorhänge einen Spalt auf und starrte in die Dunkelheit. »Sari hatte Angst, hat geweint und wollte kommen. Ich musste sie beruhigen. Sie mag dich sehr.«
»Ich weiß. Ich mag sie auch.«
Er ließ sich einen Moment Zeit, bevor er sich setzte. »Du bist ein Wunder, Süße.«
»Ich fühle mich aber kein bisschen so. Aus mir kommt ein Schlauch raus.«
»Für die Drainage, haben sie gesagt. Der kommt bald weg.«
»Und das ganze andere Zeug hier.«
»Infusionen mit Flüssigkeit und Medikamenten, dazu ein Katheter für den Urin.«
»Nicht gerade aufbauend«, meinte sie. »Außerdem habe ich Scheißschmerzen. Überall. Wieso grinst du so?«
»Wenn du rumzicken kannst, dürfte es dir besser gehen.«
»Na toll. Hilf mir abzuhauen. Los, bring mich weg. Ich verhungere.«
Er setzte sich auf. »Du hast Hunger?«
»Hunger? Das bedeutet, Lust auf eine Tüte Chips zu haben. Aber ich habe gesagt, dass ich verhungere.«
»Ich hol dir was.«
Kaum war er weg, gab Sloan klein bei und drückte erneut den Knopf. Sie döste ein und kam erst wieder zu sich, als Joel mit einer kleinen Plastikschüssel und einem Löffel zurück war.
»Du sollst damit anfangen.«
»Was ist das?«
»Rinderbrühe.«
»Das klingt ja ekelhaft.« Doch für die Frau, die vor wenigen Tagen fünfundsiebzig Kilo gestemmt hatte, fühlte sich der Löffel mit Brühe an, als würde er fünf Kilo wiegen. »Ekelhaft«, sagte sie und nahm noch einen Löffel. Sie schaffte vier, bevor sie nicht mehr konnte. »Tut mir leid, mehr ist nicht drin.« Sie spürte, wie sie wegdämmerte. »Geh nach Hause, Joel.« Stattdessen nahm er ihr die Schüssel ab und strich ihr über die Wange, bevor er sich setzte. Er griff zu seinem Buch, streckte die Beine aus und las.
***
Als Sloan das nächste Mal aufwachte, fiel Sonne ins Zimmer: Die Vorhänge waren aufgezogen. Ihre Schwester saß neben ihr, das offene, glänzende Haar schulterlang, und löste gerade ein Kreuzworträtsel auf ihrem Tablet. »Oh Mann«, sagte Sloan.
Drea schaute auf und strahlte über das ganze Gesicht. »Ich freue mich auch sehr, dich zu sehen.«
»Wie lang war ich diesmal weg?«
»Es ist erst kurz nach neun an diesem sonnigen Vormittag im November. Ich habe Joel rausgeworfen. Mom und Dad schauen heute Nachmittag vorbei. Möchtest du frühstücken?«
»Vielleicht. Vor allem will ich hier raus, Drea.«
»Wer will das nicht? Wie ich hörte, bist du diesem Tag bereits mit ersten Schritten entgegengegangen. Jetzt hol ich dir mal was zu essen.«
Sobald ihre Schwester weg war, fand Sloan die Fernbedienung und stellte das Kopfende weiter hoch. Zum ersten Mal sah sie sich gründlich um. Jede Menge Blumen. Das war schön. Sie würde sich dafür bedanken. Noch dankbarer wäre sie allerdings, wenn diese Blumen in ihrer Wohnung stünden. Die Zimmerwände waren beige. Außerdem gab es jede Menge Geräte, zwei Stühle und eine Tür, die vermutlich zum Bad führte. Wenn sie aus dem Fenster sah, konnte sie ein paar Gebäude, ein paar Bäume und einen Parkplatz erkennen. »Wo bin ich, verdammt noch mal?«, fragte sie, als Drea zurückkehrte.
»Hagerstown. Das war das nächstgelegene Krankenhaus. Die waren super. Angie kommt mit dem Frühstück und guten Neuigkeiten. Der Arzt wird den Katheter entfernen, und du wirst einen Spaziergang machen.«
»Draußen?«
»Nein.« So professionell freundlich, wie sie mit Kunden und Gästen umging, fuhr Drea fort: »Wir haben hier verschiedene Indoor-Aktivitäten, mit denen Sie sich amüsieren können.«
»Du nervst.«
Drea ließ sich nicht beirren. »Physiotherapie. Mega! Blut- und Urinuntersuchungen. Ein richtiger Spaß! Und ein Kreuzworträtselheft, extra für Sie.«
»Du bist die Kreuzworträtseltante.«
Drea, eine echte Kümmerin, half Sloan beim Aufsetzen und klopfte ihr Kissen auf. »Eine super Methode, das Gedächtnis zu trainieren. Und da wäre mein Tablet. Zum Streamen von Filmen und Fernsehsendungen, je nach Lust und Laune.«
Sloan konnte die Realität nicht länger leugnen. Sie bekam Angst. »Hilfe, Drea, wie lange muss ich hierbleiben?«
»Ein paar Tage bestimmt. Da musst du den Arzt fragen. Ein ganz hinreißender Mann, übrigens.«
»Machst du etwa meinen Arzt an?«
»Würde ich gern, aber er trägt einen Ehering.« Sie wandte sich zur Tür. Angie kam mit einem Tablett herein.
»Wie fühlen Sie sich heute?«
»Besser. Zeit, nach Hause zu gehen.«
»Mal gucken, wie Sie mit dem Frühstück zurechtkommen.«
»Eine Rinderbrühe.«
»Nein. Es gibt Rührei, Apfelmus und Joghurt.«
»Kaffee?«
»Vorerst einen Smoothie. Wegen Kaffee fragen wir den Arzt. Der hat gerade Visite, dürfte also jeden Moment kommen.«
»Das sagten Sie bereits, glaube ich. Joel meinte, ich hätte schon mit ihm gesprochen, also mit dem Arzt. Bloß kann ich mich an nichts erinnern.«
»Sie bekommen ganz wunderbare Drogen. Nachdem der Arzt da war, werden wir Sie wieder auf die Beine bringen. Sie sollen mehrmals am Tag einen kurzen Spaziergang machen. Später schaut ein Therapeut vorbei und zeigt Ihnen ein paar Atemübungen.«
»Darf ich duschen?«
»Bald. Sie werden sich während Ihres restlichen Aufenthalts bestimmt nicht langweilen. Wenn Sie die Entlassung motiviert, machen Sie sich das zunutze. Dann geht es schneller. Essen hilft auch.« Sie tätschelte Sloans Hand und ging.
Sloan schaffte ein paar Gabeln Rührei und lehnte sich zurück. »Ich fühle mich, als würde ich verhungern, also fang ich an zu essen. Das ist aber total anstrengend. Alles schmeckt so komisch.«
»Probier den Smoothie.« Drea hielt den Strohhalm an Sloans Lippen.
Nachdem Sloan davon gekostet hatte, schüttelte sie den Kopf. »Ich möchte Kaffee, verdammt. Ich will, dass das Ding wegkommt, damit ich Pipi machen kann wie ein normaler Mensch. Ich will hier raus, verdammt, und ich will …« Sie verstummte, schlug die Hände vors Gesicht. Tränen brannten in ihren Augen, so beschämt war sie. »Ach, was rede ich da? Ich höre mich an wie die reinste Jammertante. Ich bin am Leben, dabei sollte ich eigentlich tot sein. Und was mache ich? Rumjammern. Tut mir leid, ich komme mir echt zickig vor.«
»He, jemand hat auf meine Schwester geschossen. Ich bin auch zickig.«
Sloan atmete tief durch und ließ die Hände sinken. »Aber ich bin die Oberzicke. Du darfst mir gern assistieren.«
»Okay. Dann hör auf deine Assistentin. Versuch, noch etwas zu essen.«
»Na gut.« Sie kostete erneut von dem Rührei, aß einen Löffel Joghurt. »Tut mir leid, mehr schaffe ich wirklich nicht.« Nickend schob Drea das Tablett weg. »Mist, weiß Matias Bescheid?«
Mit dem Rücken zu ihr machte sich Drea an einem Blumenarrangement zu schaffen. »Er hat dich am Tag nach der OP besucht.«
»Wo ist mein Handy? Ich sollte ihn anrufen oder wenigstens eine Nachricht schreiben.«
Mit funkelndem Blick wirbelte Drea herum. »Sie haben ihn zu dir gelassen. Mom und Dad haben darauf bestanden. Er ist drei Minuten geblieben, wenn überhaupt. Und ward seitdem nicht mehr gesehen.«
»Aha.« Sie versuchte, das Gesagte zu verarbeiten. »Verstehe.«
»Du verstehst das? Du findest das richtig?«
»Nein, natürlich nicht. Nicht mal ansatzweise. Ich werde mich darum kümmern.«
»Wenn du dieses egoistische Arschloch nicht abservierst, dann warte ich, bist du wieder in Form bist – halt, nein, du bist stärker als ich. Dann warte ich, bis du dich gerade so auf den Beinen halten kannst, und versetze dir einen Tritt in den Hintern.«
Angesichts der Wut ihrer Schwester ließ Sloans Zickigkeit etwas nach. »Das würdest du nie schaffen, Drea. Außerdem muss ich ihn nicht abservieren. Das hat er schon selbst besorgt. Entweder ich bin zu erschöpft, um traurig zu sein, oder es macht mir einfach nichts aus. Wärst du so lieb und bringst das Essen weg? Der Geruch stört mich.«
»Klar.«
Als Drea nach dem Tablett griff, nahm Sloan ihre Hand. »Ich liebe dich, auch wenn du dir einbildest, dass du die Hübschere von uns beiden bist.«
»Ich liebe dich auch. Und vertrau mir: Im Moment bin ich eindeutig die Hübschere.«
»So schlimm?«
»Am besten, du schaust die nächsten Tage nicht in den Spiegel. Ich bin gleich wieder da.«
Nachdem Drea weg war, spähte Sloan zum Bad hinüber. Sie musste unbedingt in den Spiegel schauen, nur wie?
Während sie noch überlegte, kam Dr. Vincenti herein. Drea hatte recht. Echt hinreißend, der Mann.
Dr. Vincenti war lässig und charmant. Sloan versuchte zu verdrängen, dass seine wunderschönen, offensichtlich sehr geschickten Hände in ihrem Brustkorb herumhantiert hatten. Zuerst sah er sich ihre Patientenakte an und dann ihre Wunden. Sein Haar war schwarz und perfekt gestylt. Dazu dunkle Augen mit großen Lidern in einem leicht gebräunten Gesicht. Eine leise, aber melodische Stimme.
»Danke, dass Sie mir das Leben gerettet haben.«
»Diese wichtige Aufgabe hat Ihr Partner übernommen. Er hat die alles entscheidenden ersten fünf Minuten genau richtig genutzt und Ihnen einen Druckverband angelegt. Vor allem hat er auf Sie eingeredet, damit Sie bei Bewusstsein bleiben.«
»Sie mussten mich wiederbeleben.«
»Ja, stimmt. Und da sind Sie. Der Genesungsprozess macht Fortschritte. Ich werde Ihnen den Katheter entfernen, und Angie wird gleich einen kurzen Spaziergang mit Ihnen machen. Noch dürfen Sie das Bett nicht allein verlassen.« Er zeigte streng auf Sloan. »Ich sehe Ihnen an, dass es stimmt, was Ihre Familie über Sie erzählt hat. Sie sind ein wenig ungeduldig, stimmt’s? Deswegen will ich nicht um den heißen Brei herumreden. Ein Sturz würde Sie weit zurückwerfen und zu Komplikationen führen. Also seien Sie schlau und klingeln nach der Schwester, wenn Sie aufstehen wollen oder müssen.«
»Wann darf ich nach Hause?«
Sein Lächeln ließ ihn noch charmanter wirken als ohnehin schon. »Wissen Sie, eigentlich sollte ich darüber sauer sein, dass niemand länger in unserem wunderbaren Haus bleiben will.«
»Vielleicht liegt es ja daran, dass hier alle krank sind?«
»Wir arbeiten daran, Sie wieder so fit zu machen, dass Sie entlassen werden können. Wir müssen abwarten, wie es Ihnen in vierundzwanzig Stunden geht. Sie hatten ein heftiges Trauma, eine schwere Operation.«
Sie versuchte, ebenfalls ein Lächeln aufzusetzen. »Sie sind ein erfahrener Chirurg, und ich bin jung, stark und gesund.«
»Richtig. Trotzdem wird es mehr als ein paar Tage dauern, bis Sie wieder die Alte sind. Vorausgesetzt, Sie strengen sich an, haben Geduld und bleiben hartnäckig.«
»Ich habe das Gefühl, dass ich mit jedem Tag, den ich im Bett liege, müder und schwächer werde.«
»Heute werden Sie ein paarmal aufstehen und sich ein wenig bewegen. Dann bekommen Sie Physio, und wir können die Schmerzmittel reduzieren. Die nächsten ein, zwei Tage gibt es nur weiche Nahrung, danach sehen wir weiter.« Er wechselte höchstpersönlich ihren Verband. Als er den Katheter entfernte, starrte sie stur an die Decke. Bei dem Laut, den sie von sich gab, lächelte er. »Eine ganz schöne Erleichterung, stimmt’s?«
»Und wie. Ich … ich musste aufs Klo. Und wollte Joel eine Dose Limo holen, während er tankt. Ich bin da rein, um aufs Klo zu gehen und was zu trinken zu kaufen. Jetzt fällt mir alles wieder ein.«
»Kann sein, dass Sie ein paar Gedächtnislücken haben. Aber das ist nichts, weswegen Sie sich Sorgen machen müssten.«
Sie fasste sich an die Stirn. »Es hätte schlimmer kommen können.«
Darüber lächelte er nicht. »Das ist so. Ich schaue später noch mal nach Ihnen.«
***
»Wir werden Sie jetzt langsam auf die Beine bringen«, sagte Angie. »Anfangs wird Ihnen schwindlig werden, warten Sie bitte, bis der Schwindel nachgelassen hat. Ihr Kittel ist vorne zugebunden, Sie haben also keinen nackten Po.«
»Das beruhigt mich.«
Es dauerte länger als gedacht, bis Sloan überhaupt stand. Sie hatte das Gefühl, die Füße wären nicht mehr mit den Beinen verbunden. Letztere fühlten sich an wie matschige Spaghetti. Sie schaffte es bis zur Tür, zog den Infusionsständer hinter sich her und machte ein paar Schritte auf dem Flur, wo Drea bereits mit einem Rollstuhl wartete.
»Nur als Vorsichtsmaßnahme.«
Wieder wurde sie zickig. »Will ich nicht. Brauch ich nicht.« Aber am Ende brauchte sie ihn doch und zwang sich, den aufsteigenden Ärger hinunterschlucken.
»Sie sind frustriert«, sagte Angie. »Das ist Quatsch. Sie sind über zwei Minuten gelaufen. Heute Nachmittag werden Sie es wieder tun. Und heute Abend noch mal.«
»Du magst die Oberzicke sein«, meinte Drea, die den Rollstuhl schob. »Aber aufgeben tust du nicht.«
Da hatte sie verdammt recht. Also versuchte Sloan in den nächsten drei Tagen, die ihr endlos vorkamen, so viel zu laufen wie möglich. Zwei, drei, fünf Minuten am Stück. Sie machte stündlich die vorgeschriebenen Atemübungen, zumindest tagsüber und nachts, wenn sie aufwachte.
Die Albträume, die sie aus dem Schlaf schreckten, erwähnte Sloan nicht. Das war ihre Privatangelegenheit. Sie ging davon aus, dass die verschwinden würden. Wieder und wieder durchlebte sie den Moment, in dem sich der Schütze umdrehte, schoss und traf. Sie hatte es überlebt. Und sie hatte ein Ziel, nämlich aus dieser Klinik herauszukommen.
***
Der Tag der Entlassung kam, und Sloan freute sich. Doch die Freude währte nicht lange. Sie saß auf einem Stuhl. Eine Wohltat, ein echter Fortschritt. Dr. Vincenti saß ihr gegenüber. »Ihre Genesung schreitet sehr gut voran. Nicht aber Ihr Appetit.«
»Vielleicht liegt das am Krankenhausessen?«
»Glauben Sie etwa, ich wüsste nicht, dass Sie eine ausgezeichnete Hühnersuppe von Ihrer Oma bekommen haben? Außerdem einen Cheeseburger und Pommes, Pulled Pork und Ofenkartoffeln von Ihrer Mutter? Sie hat übrigens meiner Frau das Rezept gegeben. Ich kann überhaupt nicht kochen.«
»Ihnen entgeht nichts.«
»Mir ist jedenfalls nicht entgangen, dass Sie so gut wie nichts davon gegessen haben. Seit Ihrer Einlieferung haben Sie fünfeinhalb Kilo abgenommen. Das ist nicht ungewöhnlich, aber wir müssen dringend etwas dagegen unternehmen.«
»Ich arbeite dran.«
»Bei unserem Kontrolltermin in zwei Wochen möchte ich sehen, dass Sie mindestens anderthalb Kilo zugenommen haben.«
»In zwei Wochen? Aber …«
»Da kommen Sie zur Kontrolle«, unterbrach er sie. »Sie werden heute Vormittag entlassen.« Er hob die Hand. »Wenn Sie ein paar Bedingungen erfüllen.«
»Das werde ich.«
»Sie dürfen nicht alleine leben. In zwei Wochen reden wir weiter. Ihre Wohnung liegt im dritten Stock, ohne Lift. Das geht nicht. Ihre Eltern haben mir versichert, dass Sie bei ihnen wohnen können, bis Sie sich erholt haben.«
»Ich bin in Stevensville stationiert, und meine Familie lebt in Heron’s Rest. Das ist fast vier Stunden weit weg.«
»Sie sind krankgeschrieben, Sloan. Sie brauchen noch dreißig Tage. Und Sie dürfen erst wieder Auto fahren, wenn ich das erlaube. Die Atemübungen sind wichtig, unbedingt weitermachen! Und spazieren gehen. Keine anstrengenden Übungen. Sie dürfen nichts heben, was mehr wiegt als fünf Kilo. Angie wird Ihnen zeigen, wie Sie den Verband wechseln müssen. Und Sie gucken bitte, ob die Brustwunde irgendwelche Rötungen oder Schwellungen aufweist. Wenn ja, rufen Sie sofort an, Sloan.«
Er musterte ihr Gesicht und lehnte sich zurück. »Das sind die Bedingungen.«
»Gut.« Nur zwei Wochen, dachte sie. Zwei Wochen, die sie nicht hier verbringen würde, sondern bei ihrer Familie in ihrem früheren Zuhause. Sie konnte sich nicht beklagen.
»Noch etwas: Sie haben Albträume.«
Sie wollte widersprechen, blieb aber lieber bei der Wahrheit und zuckte nur mit den Schultern. »Wie ich gelesen habe, ist das nicht ungewöhnlich.«
»In diesem Fall haben Sie bestimmt auch gelesen, dass Sie Ihren Arzt darüber informieren sollten. Das haben Sie nicht. Schwamm drüber. Sie werden zweifellos auch gelesen haben, dass es für so was Therapien gibt.«
»Ich brauch keinen Seelenklempner.«
Seine wunderbar geduldigen Augen schauten nicht weg. »Das sagen fast alle, die eine Therapie brauchen. Sie wurden angeschossen und waren mehr als zwei Minuten klinisch tot. Sie haben ein körperliches, seelisches und mentales Trauma erlitten. Mein Eindruck von Ihnen ist, dass Sie zwar stur genug sind, um Hilfe abzulehnen, aber auch schlau genug, um zu wissen, wann Sie welche brauchen. Überlegen Sie es sich.«
»Na gut, ich überleg’s mir. Ich möchte mein altes Leben zurück. Ich möchte wieder arbeiten. Ich bin nicht tot, also will ich leben.«
»Die Einstellung gefällt mir. Halten Sie sich an meine Bedingungen, und denken Sie über meinen Vorschlag nach. Leben Sie! Ich leiste gute Arbeit, also versauen Sie’s nicht.«
Sloan hatte sich eingeredet, dass alles nicht so schlimm war, bis ihr Captain vorbeikam. Nachdem er weg war, versank sie in düstere Gedanken, bis Joel kam. Er brauchte sie nur anzusehen und wusste sofort Bescheid. Er schenkte ihr einen mitfühlenden Blick. »Der Captain hat ein ernstes Wort mit dir gesprochen?«
»Ich bin nicht nur dreißig Tage krankgeschrieben, sondern muss danach Schreibtischarbeit machen. Anschließend müssen mir ein Betriebsarzt und ein Betriebspsychologe grünes Licht geben, bevor ich normal eingesetzt werden darf. Was für ein Mist, Joel!«
»Tut mir leid, Süße, ehrlich. Aber ich finde das richtig. Konzentrier du dich darauf, dass du hier rauskommst. Du musst einen Schritt nach dem anderen machen.«
»Ich darf nicht zurück in meine Wohnung. Wie würde es dir gefallen, wieder zu deinen Eltern zurück ins Kinderzimmer zu ziehen?«
»Solange Sari mitkommen darf, hätte ich nichts dagegen. Meine Mutter kann übrigens hervorragend kochen. Sie hat mir Huhn und Klöße für dich mitgegeben. Das wird dir gerade aufgewärmt.«
Die Leute kümmerten sich rührend um sie, rief sich Sloan in Erinnerung. Das half. Düsteren Gedanken nachhängen, rumzicken und jammern eher weniger. »Super.«
»Süße, du musst mehr essen.«
»Ja, das werde ich, versprochen. Es ist nur so, dass Theorie und Praxis zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Ich bekomme Hunger, doch sobald ich was esse, vergeht mir der Appetit. Vielleicht ändert sich das ja, wenn ich mich wieder bewegen kann. Richtig bewegen! Ich brauche Abwechslung, will arbeiten. Kreuzworträtsel und Serien gucken bin ich leid.«
»Da gibt’s aber tolle Sachen.«
Sie fuhr sich durchs Haar, versuchte zu vergessen, dass sie Hilfe brauchte, um es zu waschen. »Offen gestanden, bin ich mich selbst leid, Joel. Ich bin es leid, im eigenen Saft zu schmoren. Ich bin es leid, zehn Minuten zu gehen und mich zu fühlen, als wäre ich zig Kilometer gejoggt. Ich bin es leid, dass man an mir herumfummelt. Ich langweile mich zu Tode.«
»Wie gut, dass ich toleranter bin als du.« Er richtete sich auf und zog ein Bild aus seiner Tasche. »Willst du meine Kleine sehen?«
»Wie bitte? Los, her damit.« Sie entriss ihm das Ultraschallfoto, starrte darauf und drehte es um hundertachtzig Grad. »Wo ist sie denn?«
»Sie mussten sie mir auch erst zeigen, aber inzwischen hab ich’s kapiert.« Er beugte sich vor und fuhr die Umrisse nach.
»Warte, noch mal.« Dann nickte sie, grinste und hatte ebenfalls kapiert. »Ich sehe sie. Cool. Wunderschön.« Sie gab ihm das Foto zurück. »Ich kaufe ihr ein rosa Stofftier. Sobald ich das Richtige gefunden habe. Danke, dass du mir etwas Schönes gezeigt hast.«
»Etwas Schönes tut immer gut.«
»Ich habe auch ’ne gute Nachricht: Matias hat sich per Messenger-Nachricht von mir getrennt.«
»Loser.«
»Nein, er ist eher ein verdruckster Feigling. Nein, warte, ein echt feiger, verdruckster Loser. Er hat mir mehr oder weniger geschrieben, dass er mit der Situation nicht umgehen kann. Als er mich im Krankenhaus sah, wusste er, dass wir nicht füreinander bestimmt sind. Außerdem soll ich ihm die Sachen zurückgeben, die er in meiner Wohnung hat. Meine Sachen schickt er an die Adresse meiner Eltern, da er nicht weiß, wann ich wieder heimdarf. Und die absolute Krönung? Er wünscht mir für meine Zukunft alles Gute.«
»Das soll eine gute Nachricht sein?«
»Ich wollte ihn besuchen, sobald ich raus bin, und mit ihm Schluss machen. Weil er ein solcher Egomane ist, dass er nur knapp zwei Minuten mit mir verbringen konnte, als ich verletzt war. Die Mühe hat er mir erspart.«
»Mach mir eine Liste, Süße.«
»Das schaff ich allein, Joel.«
»Nein. Mach mir eine Liste mit den Sachen, die dem Loser gehören. Ich bring sie ihm. Ich gehe mit deiner Schwester oder wer auch immer deine Sachen packt, die du in den nächsten Wochen in Heron’s Rest brauchen wirst, in deine Wohnung.«
»Das mach ich selber. Die müssen nicht …«
»Du darfst nicht Auto fahren, oder?«
Wieder ärgerte sie sich über sich selbst und seufzte laut.
»Nein.«
»Wieso sollte dich jemand dorthin karren und fünf Minuten an diesen feigen Kerl verschwenden, wenn du stattdessen gleich zu deiner Familie fahren kannst? Manchmal musst du zulassen, dass sich andere um dich kümmern, Süße.«
»Das tun echt alle. Und obwohl ich so viel jammere, weiß ich das echt zu schätzen.«
»Das wird leider eine ganze Weile so bleiben. Mach mir die Liste.«
»So viel ist das gar nicht. Er hat ein paar Klamotten im Schlafzimmerschrank und in der oberen linken Kommodenschublade. Im Kühlschrank stehen ein Viertelliter Hafermilch und etwas Tofu. Die Milch dürfte schlecht geworden sein.«
»Ich werd sie wegwerfen. Sonst noch was?«
Als sie Joel die Sachen aufzählte, merkte sie, wie pedantisch Matias das bisschen, was er bei ihr hatte, von ihren Dingen getrennt gehalten hatte. Wieso war ihr das nicht früher aufgefallen? Egal. Dieses Kapitel war abgeschlossen.
»Was möchtest du gerne für dich haben? Ich kann es deiner Familie ausrichten.«
»Das ist eine längere Liste.«
»Ich hab Zeit.«
Als sie damit fertig war, begleitete sie Joel zum Lift und drehte eine Runde durch das Stockwerk. Sie lief zwar sehr langsam, konnte aber stolz sein, dass sie überhaupt lief – sogar ohne größere Schmerzen. Mit den Missempfindungen und der Erschöpfung kam sie zurecht. Sie würde klarkommen, schwor sie sich. Und sie würde aufhören zu jammern.
***
Die letzte Nacht im Krankenhaus schlief Sloan, verfolgt von Albträumen, sehr schlecht. Als sie von der Benzinpumpe zum Tankstellenshop ging, kam Wind auf, von den Bäumen gewehtes Laub raschelte laut über den Boden. Das Licht im Shop war so grell, dass es sie blendete. Durch die Scheibe konnte sie nichts als dieses brutale Licht erkennen. Die Tür quietschte in den Angeln, als sie sie öffnete. Die Luft im Shop war heiß und schwül. Vom Licht geblendet, sah sie den Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand, und bekam solches Herzklopfen, dass ihr ganzer Brustkorb schmerzte. Ihre Atmung ging mühsam und rasselnd, während sie die Hand auf ihre Waffe legte. Hau ab, schrie alles in ihr.
Er drehte sich um. Da war kein Gesicht, nur der nackte Schädel eines Skeletts unter einer schwarzen Kapuze. Als er ausholte und seine Sense in ihre Brust schlug, fuhr sie nach Luft ringend im Bett hoch. Sie fasste sich an ihr rasendes Herz und spürte das Blut in den Adern rauschen. Panisch blickte sie an sich hinab, doch ihre Hände waren trocken. Zittrig, aber trocken. Sloan bemühte sich, ruhig durchatmen, und legte sich wieder hin. Kurz sah sie sich an der Decke schweben wie damals, als ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen. Sie hörte ihre eigene Stimme.
Manchmal ist es einfacher zu sterben, als zu leben.
Vielleicht, dachte sie. Vielleicht. Doch sie würde leben. Die Albträume würden verschwinden.
***
Gegen Mittag kam ihre ganze Familie, vorneweg ihr Vater. »Du wurdest bereits entlassen, das Gepäck ist im Wagen. Bist du bereit, dich von dieser Örtlichkeit zu verabschieden?«
»Mehr als nur bereit.«
Wieder schob ihre Schwester den Rollstuhl.
»Ich kann laufen. Ich soll laufen.«
»Entweder so oder gar nicht. Befehl vom Arzt.«
Nicht jammern, ermahnte sich Sloan und setzte sich in den Rollstuhl. Sie schauten beim Schwesternzimmer vorbei, um sich zu verabschieden und sich zu bedanken.
»Sie haben innerhalb kurzer Zeit Riesenfortschritte gemacht«, sagte Angie. »Sie sind eine gute Patientin.«
Sloan musste laut lachen. »Ich soll eine gute Patientin sein?«
»Ja, eine sehr gute sogar. Sie haben sich an die Anweisungen gehalten, auch wenn Sie keine Lust hatten.«
»Wir werden darauf achten«, sagte ihre Mutter. »Wir können uns gar nicht genug bedanken, bei Ihnen und all den anderen, die sich so gut um unser Mädchen gekümmert haben.«
»Das ist unser Job. Sie haben eine tolle Familie, Sloan. Das wird Sie bei der Genesung unterstützen.«
Drea schob sie in den Lift. Nicht zu einer weiteren Untersuchung, sondern um nach Hause zu fahren. Draußen saugte Sloan die kühle Luft ein wie ein Parfüm. »Kein Krankenhausmief. Einfach nur kalte Herbstluft.«
Als sie aufstand, stellte sie sich vor, einen Freudentanz aufzuführen. Drea brachte den Rollstuhl zurück, während ihr Vater den Wagen holte. Ihre Mutter hatte den Arm um sie gelegt. »Ich kann auch zum Wagen gehen.«
»Es ist kalt, mein Schatz. Hör ein bisschen auf uns, an diesem ersten Tag. Ich weiß, du musst trainieren. Und ich verspreche dir, wir werden nicht zulassen, dass du schwächelst. Wir haben uns alle sehr auf diesen Tag gefreut. Endlich kommst du nach Hause.«
»Wenn ich verspreche, mich nicht zu überanstrengen, musst du mir versprechen, die Arbeit nicht links liegen zu lassen, weil du mich ständig im Auge behalten willst.«
»Einverstanden.«
Drea kam aus dem Krankenhaus, und der Wagen fuhr vor.
»Steig du vorne ein.«
»Kommt gar nicht infrage. Wir ändern nichts an unseren Traditionen. Die Eltern sitzen vorn, die Kinder hinten.«
»Na gut.« Die Mutter küsste sie auf die Wange.
»Alle vollzählig?« Ihr Dad rieb sich die Hände. »Dann los.«
Sie musste lachen. Noch so eine Tradition. Das sagte er immer, sobald die Familie einen Ausflug unternahm. Und los ging’s, während der von ihrem Vater heiß geliebte Classic Rock im Radio lief.
»Wie ist die Auslastung diesen Herbst?«, hob Sloan an.
»Ausgebucht.« Ihre Mutter schaute nach hinten. »Am Dienstag kommen die Bensons eine Woche über Thanksgiving. Dieses Jahr kommen zwei weitere Enkel mit, sodass sie gleich zwei Blockhütten gebucht haben. Sie werden etwas Ski fahren, aber ein paar von den älteren Kindern wollen es mit Schneeschuhwandern versuchen. Alles bereits gebucht.«
Sloan erinnerte sich an die Bensons. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatten sie bereits regelmäßig in All The Rest Urlaub gemacht. Im Herbst und im Sommer. Zum Wandern beziehungsweise zum Bootfahren.
Das Familienunternehmen All the Rest vermietete Blockhütten, Cottages und Häuser am See, dazu Motor- und Segelboote, Kajaks, Kanus und SUPs. Die Leute buchten Rafting-Exkursionen und geführte Touren, mieteten Skier, Snowboards und Schneeschuhe. Das tief in den Bergen gelegene Heron’s Rest mit dem Mirror Lake in seiner Mitte war nicht so ein Tourismusmagnet wie Deep Creek und die dortigen Ferienanlagen. Aber wer es ruhiger, intimer mochte, war begeistert. Außerdem bot es zu allen vier Jahreszeiten, was sich Touristen nur wünschen können. Wie Sloan wusste, hatte jede Saison ihren eigenen Reiz. Sie würde eine Weile nicht nach Hause können. Kurze Spaziergänge um den See würden sie dafür entschädigen. Langsam würde sie wieder zu Kräften kommen und ihre Ausdauer zurückgewinnen.
Die Route nach Nordwesten war ihr vertraut. Der endlose Highway, der sich durch die Berge schlängelte. Diese wurden von Kilometer zu Kilometer eindrucksvoller. Bei der Abfahrt war es draußen kühl, aber trocken gewesen, doch inzwischen zeigten sich Hügel und Felder weiß von Schnee. Er reichte von den Gipfeln bis ins Tal, ruhte auf den Ästen der Tannen und kahlen Laubbäume. Die Landschaft wirkte wie auf einer Weihnachtskarte.
Sloan liebte diesen Anblick, dieses Gefühl und diesen Duft, wenn man durch die tiefen Wälder lief. Ein Grund, warum sie sich für ihren Beruf entschieden hatte. Sie wusste die Schönheit der Natur zu schätzen, kannte aber auch ihre Gefahren und Launen. Von klein auf hatte sie das Bedürfnis verspürt, sie zu schützen und zu erhalten.
Sie döste ein, wurde wieder wach und ärgerte sich über sich selbst. Wie ein kleines Kind, dachte sie. Oder wie eine alte Oma, die es nicht schafft, auf einer Autofahrt von wenigen Stunden wach zu bleiben. Nicht jammern, ermahnte sie sich. Ein Nickerchen ließ die Zeit schneller vergehen. Außerdem waren sie fast zu Hause. Der Wagen bog gerade vom Highway auf die gewundene steile Straße ab. Dichte Wälder in Grün und Weiß, eisbedeckter Fels, Tiefschnee und darüber die Gipfel der Alleghenies – ganz so, als gäbe es hier weit und breit keine Autobahnen. Sie sah, wie Drea stirnrunzelnd auf ihr Handy starrte. »Gibt es ein Problem?«
»Was? Nein, nicht wirklich. Ich weiß auch nicht, warum es mich so nervt, dass es auf diesen zwei Kilometern keinen Empfang gibt.«
»Was immer du da auf dem Handy anschaust, es hat bestimmt drei oder vier Minuten Zeit, bis wir durch das Funkloch sind.«
»Es hat sogar noch mehr Zeit.« Trotzdem starrte Drea weiterhin stirnrunzelnd auf das Handy. »Alles bestens. Ich hasse es nur, keine Verbindung zu haben. Krank, oder?«
»Vielleicht solltest du dir dein Handy antackern.«
»Das hab ich mir auch schon überlegt. Wie dem auch sei, ich brauche Empfang für meine Arbeit … genau wie du.«
»Ich hoffe, ich weiß noch, wie Arbeiten geht.«
»Als ob du das vergessen würdest.« Drea legte ihr Handy so in den Schoß, dass sie das Display nicht sehen konnte. »Was für Schuhe hat Dad eigentlich an?«
»Stiefel. Dunkelbraune. Wie fast immer eigentlich.«
»Schau nicht nach unten. Welche Schuhe trage ich?«
»Schwarze Stiefeletten mit schwarz-weiß karierten Schnürsenkeln.« Sloan kniff die Augen zusammen. »Chic, die sehen aus wie neu.«
»Die sind neu. Komm bloß nicht auf die Idee, sie dir auszuleihen.«
Typisch, dachte Sloan. »Ich kann mir selbst modische Stiefel kaufen, wenn ich welche will.«
»Das solltest du auch. Alles, was du siehst, prägst du dir sofort ein. Ich wünschte, ich könnte das nur halb so gut wie du.«
Wie müde Sloan war. Unglaublich müde, sie musste sich anstrengen, wach zu bleiben. Aufmerksam zu bleiben. »Ich schau einfach genau hin.«
»Nein, das ist es nicht«, erwiderte Drea.
Egal, dachte Sloan, sie würde diese besondere Fähigkeit nutzen, trainieren. Ihr Gedächtnis trainieren. Dann würde der Körper rasch nachziehen. Sie erhaschte einen Blick auf den See, sah ihn kurz aufblitzen, als Sonne aufs Wasser fiel. Nach zwei Kurven breitete er sich vor ihnen aus, so blau wie der Himmel, darin spiegelten sich die zerklüfteten Berge in Braun, Weiß und Tannengrün. Sofort hob sich ihre Stimmung.
Sie sah, wie eine Familie von Schwänen – Mutter, Vater und sechs fast erwachsene Junge – gemeinsam dahinschwamm. Bald würden sie nach Süden ziehen. Zumindest die Eltern würden zurückkehren, sich paaren und mit ihrem Nachwuchs über den See gleiten. Doch schon in ein paar Wochen würde der See zugefroren sein, dann ließ sich darauf Schlittschuhfahren und Eisfischen.
Wege durchschnitten die Berge, in der Ferne sah man winzige Skifahrer die Hänge hinuntersausen. Sie beobachtete, wie Rauch aus den Kaminen der im Grünen versteckten Blockhütten und Cottages kam, aus denen der hübschen Häuser am See. Wie die Scheiben ihres einstigen Zuhauses am See in der Sonne glitzerten. Sloan staunte, wie magnetisch sie sich davon angezogen fühlte. Wenn es die Arbeit zuließ, kam sie mindestens einmal im Monat hierher und blieb übers Wochenende. Diesmal war es anders, eine Art Heimkehr. Sie spürte, wie sich ihr Geist und ihre Seele beruhigten. Bisher war ihr gar nicht klar gewesen, wie sehr sie ihr Zuhause brauchte.
Sie wollte dick eingemummelt am Feuer sitzen und den Sonnenuntergang bewundern. Den Ruf der Seetaucher hören, den Flug des Reihers beobachten und den Anblick eines majestätischen Seeadlers genießen. Vom Fenster ihrer Wohnung in Annapolis konnte sie einen Blick auf die Chesapeake Bay erhaschen, aber das hier war etwas ganz anderes. Endlich begriff sie, dass sie die vertraute Umgebung ihrer Kindheit brauchte.
Sie brauchte das alte zweistöckige Haus mit seinen Fensterläden und großzügigen Terrassen, mit seiner großen Wohnküche und der Veranda, die zum Verweilen einlud. Sie wollte vom Schlafzimmerfenster aus den bewaldeten Berghang sehen. Sie brauchte Trost und Ruhe, um sich wieder so zu fühlen wie früher.
Ihr Vater fuhr in die Garage, über der Dreas Wohnung lag. Er machte den Motor aus und drehte sich lächelnd zu ihr um.
»Willkommen daheim.«
Es war nicht ihre Wohnung, aber es war ein Zuhause, und das tröstete Sloan. Der große zottelige Hund, den ihre Eltern Mop genannt hatten, trottete zu ihr, um sie zu begrüßen. Während er mit dem ganzen Körper wedelte, kraulte Sloan sein langes graues Fell. »Braver Junge. Hast du dich wieder im Schnee gewälzt.«
»Er mag nichts lieber – außer in den See zu springen und eine Runde zu schwimmen. Ich schau schnell in meine Wohnung und komm später wieder runter.« Mit diesen Worten verschwand Drea, nahm mit ihren schönen, neuen Stiefeln die Stufen neben der Garage zu ihrer darüberliegenden Wohnung.
Sloan betrat mit ihren Eltern das Haus. Der Hund sauste vorneweg. Der alte, von Bücherregalen umrahmte steinerne Kamin mit dem dicken Holzsims dominierte den Wohnbereich. Zu Zeiten ihres Großvaters väterlicherseits und vor seiner Heirat war dieser Bereich eine Ein-Zimmer-Blockhütte gewesen.
Nach der Familiengründung hatte Ezra Cooper die Hütte nach und nach mit Anbauten versehen. Es kamen ein zweiter Stock, eine große Landhausküche und ein Esszimmer hinzu, das fast ausschließlich an Feiertagen und mit Gästen benutzt wurde. Mit seinen beiden Söhnen hatte er später Terrassen und eine Garage hinzugefügt sowie die Fenster vergrößert. Darüber hinaus hatte er in einige Blockhütten, Wassersportgeräte und diverse Ausrüstungen investiert. Am Ende konnte All the Rest den Touristen am Mirror Lake viel bieten – Ferienwohnungen, Läden, Exkursionen und Freizeitspaß.
Deans älterer Bruder Archer hatte das Familienunternehmen verlassen, um zu studieren. Er war Geschichtsprofessor an der West Virginia University geworden und lebte mit seiner Frau in Morgantown. Die Großeltern hatten sich inzwischen aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. Auch wenn Sloans Eltern Dean und Elsie inzwischen das Resort führten, war Archer im Notfall stets bereit einzuspringen. Sein ältester Sohn Jonah lebte mit seiner jungen Familie nur einen Katzensprung entfernt. Er war Deans rechte Hand, leitete die Rafting-Exkursionen und kümmerte sich um alles, was in All the Rest gebraucht wurde.
Drea war für das Marketing, den Kontakt mit der Gemeinde und den Vertrieb zuständig und ihre Mutter Elsie für die Einrichtung, die Warenbestellungen und die Finanzen. So florierte das Resort bereits in dritter Generation.
Wie ihr Onkel Archer hatte auch Sloan einen anderen Weg eingeschlagen. Trotzdem war sie extrem stolz auf das, was ihre Familie mit All the Rest auf die Beine gestellt hatte. Das Zuhause, das ihr Großvater und dessen Söhne auf- und ausgebaut hatten, hieß sie willkommen, als wäre sie nie fort gewesen.
»Wir bringen deine Sachen in dein Zimmer.« Elsie fuhr Sloan übers Haar, die gerade ihre Wintermütze abgenommen hatte. »Der Arzt meinte, Treppen bis in den ersten Stock wären okay, aber wenn dir das zu viel ist, kannst du ins Wohnzimmer ziehen.«
»Nein, nein. Ich muss mich bewegen.« Sloan ging zum großen Fenster mit Ausblick auf den See und die schneebedeckten Berge. »So ein Panorama wird man nie leid.«
»Das stimmt. Soll ich dir was zu essen machen?«
»Mom, du wirst mich nicht bedienen.«
»Bloß heute.« Elsie legte den Arm um Sloans Taille und lehnte ihren Kopf an den ihrer Tochter. »Lass dich ein bisschen verwöhnen. Es ist so schön, dich für eine Weile hier zu haben. Ich freue mich so zu sehen, dass du auf einem guten Weg bist. Bald bist du wieder ganz die Alte.«
»Danach fühlt sich’s im Moment nicht an.«
»Wart’s ab«, sagte Dean. Nachdem er seine Jacke gemäß den Hausregeln in den Garderobenschrank gehängt hatte, ging er vor dem Kamin in die Hocke, um Feuer zu machen. Der Hund ließ sich sofort vor der Feuerstelle fallen. »So, eine wichtige Frage, und bitte ehrlich antworten.« Dean erhob sich geschmeidig. »Am Donnerstag ist Thanksgiving. Wenn dir nicht danach ist, dass es dann von Verwandten nur so wimmelt, sag das bitte. Dafür hat jeder Verständnis.«
»Nein, nein, ich freue mich, alle zu sehen, wirklich. Ich wünsche mir Normalität, und an Thanksgiving ist ein Haus voller Verwandter das Normalste der Welt.« Sie wandte sich ihren Eltern zu. Die zwei sind wie füreinander gemacht, dachte Sloan. Sie kannte kein Paar, das sich so verbunden war. Sloan war eine Mischung aus beiden, genau wie Drea. Während sie Teint und Haarfarbe von ihrer Mutter hatte, ähnelte Drea diesbezüglich dem Vater. Sie hingegen hatte seine Augen und Drea die ihrer Mutter. Zusammen waren sie für alle sichtbar eine Familie.
»Ihr wollt mich verwöhnen, und das kann ich gut verstehen. Die Sache hat euch einen größeren Schreck eingejagt als mir, denn ich war viel zu weggetreten, um Angst zu haben. Es tut echt gut, zu Hause zu sein. Doch wenn ich wieder die Alte werden soll, muss ich tun, was mein altes Ich getan hat.«
Elsie zog Sloan in die Arme. »Einen Schreck eingejagt? Ich habe Todesängste ausgestanden. Aber das ist vorbei. Ich mach dir was zu essen.«
»Müsst ihr nicht arbeiten?«
»Drea kümmert sich um den Bürokram. Für den Rest ist Jonah zuständig. Morgen geht es normal weiter.« Ihre Mutter klopfte ihr auf die Schulter. »Heute haben wir frei.«
Elsie führte sie mit selbst gekochter Suppe und frischem Brot in Versuchung, und Sloan bemühte sich. Trotzdem war ihr Appetit gedämpft. Nicht aber ihr Bewegungsbedürfnis. »Ich mach einen Spaziergang, einen kleinen«, versprach sie. »Nur ein bisschen frische Luft schnappen. Es tut gut, wieder rauszukommen. So fühl ich mich wieder wie ich selbst.«
»Würdest du mir einen Gefallen tun?«, fragte Elsie. »Nur heute. Bleibst du bitte in Sichtweite?«
»So wie damals, als ich acht war?« Sloan musste lachen. »Abgemacht. Die Suppe war mega, Mom.«
»Mop wird dich begleiten wollen«, warnte sie Drea.
