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Der Sommer verwöhnt Einheimische und Touristen an der Ostsee seit Tagen mit dem schönsten Wetter. In einem engen Radius um Wismar werden junge Frauen erst vermisst und etwa drei Wochen später tot aufgefunden. Um Panik zu vermeiden, wird darüber vorerst Stillschweigen gewahrt. Die Kommissare Torben Kruse und Indra Holm werden mit der Bildung einer Soko zur Klärung der Frauenmorde beauftragt. Die Faktenlage zeigt in allen Fällen einige identische Merkmale. Dennoch lässt sich keine Verbindung zwischen den Morden erkennen. Können die Ermittler erst dann erfolgreich sein, wenn weitere Frauen sterben? Das wollen sie mit allen Mitteln verhindern. Am Abend einer Schulfeier verschwindet eine Siebzehnjährige. Wird sie das nächste Opfer sein? Neben der Suche nach Gemeinsamkeiten der Femizide konzentrieren sich die Kommissare auf die Jugendliche. Wird sie zu retten sein oder läuft die Zeit ab?
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2025
Julia F
Ein Fall für Indra Holm
Kriminalroman
Norbert Wibben
Julia F
Ein Fall für Indra Holm
Für meine wunderbaren Kinder,
ich liebe euch!
Im Kellerraum
Eine Falle
Ein neuer Fall
Zeitungsartikel
Beobachtet
Abgelenkt
Entkommen
Besprechung im Kommissariat
Ecke Schulstraße – Krönkenhagen
Casting
Vermisst
Besuch bei der Kripo
Unerwartete Information
Ein Neujahrsvorsatz
Einlösen eines Vorsatzes
Im Raum der Soko
Stalker
Ein Versuch
Entkommen
Freiheit
Verletzung
Anruf bei der Polizei
Ein Erfolg
Aufgeschreckt
Entdeckt
Ein weiterer Zeitungsartikel
Soko Besprechung
Jacob Muller
Unerwartete Erkenntnis
Neuer Ansatz
Überstunden
Fangschaltung
Ein Telefonat
Zweites Verhör
Entdeckt
Auf Poel
Verdächtig
Weiterer Ansatz
Bedrohung
Ein kleiner Fehler
Suche nach Mette
Ein neuer Fall?
Änderung eines Berufswunsches
Praktikumsende und Pressekonferenz
Neue Aufgabe
Vermisstenmeldung
Zeitungsmeldungen
Durchbrüche
Erneute Befragungen
Informationen
Hinweis von Hauke Brem
Tanjas Erwachen und ein Tipp
Neue Inselrunde
Im Schwarzen Busch
Befragung und Verhör
Ein Wiedersehen
Resultate
Friedhelms Verhör
Abschluss
Wichtige Hinweise
Danksagung
Im Kellerraum
Mittwochvormittag, 18. Juni, 9:00 Uhr.
Dagmar Brillow ist eine junge Frau von achtundzwanzig Jahren. Sie trägt ihre mittelblonden Haare normalerweise in einer modernen, asymmetrischen Frisur. Sie stammt von der Insel Poel und arbeitet dort als Aushilfe in der Gastronomie. Ihre Freundlichkeit gegenüber allen Kunden ist genauso bekannt wie ihr Gespür, sich modisch zu kleiden.
Doch dazu passt ihre derzeitige Verfassung nicht. Heute stehen Haarbüschel fettig und wirr von ihrem Kopf ab. Der Zustand ihrer Bluse und Jeans zeugen davon, dass sie viele Tage in ihnen geschlafen haben muss. Die junge Frau weiß nicht, wie sie in den muffigen Kellerraum gekommen ist. Sie wird hier seit geschätzt drei Wochen gefangen gehalten. Zum Glück, das beurteilt sie mit leichtem Unbehagen, gibt es hier eine funktionierende Toilette mit Spülung. Andernfalls hätte sie während der Gefangenschaft ihre Notdurft vermutlich in einen Blecheimer verrichten müssen. Den daraus resultierenden Gestank möchte sie sich nicht vorstellen.
Dagmar erinnert sich, zuletzt zum Hafen in Kirchdorf auf Poel gewandert zu sein. Es war in der letzten Maiwoche, elf Uhr dreißig, Donnerstag abends. Nach einem anstrengenden Arbeitstag und trotz der damit verbundenen vielen Rennerei wollte sie im einsam daliegenden Hafenbereich den Kopf freibekommen. Das machte sie immer, bevor sie in ihre kleine Wohnung ging. Sie genoss die frische, klare Meeresluft, die von der Wismarer Bucht zum Hafen wehte, als sie ein gefährlich klingendes Knistern vernommen hatte. Sie versuchte, sich erschrocken umzudrehen und nach dessen Quelle zu forschen. Doch schon spürte sie ein heftiges Kribbeln im Genick. Es ähnelte dem Gefühl, wenn ein Arm eingeschlafen ist. Nur, dass es in ihrem Nacken stattfand und wesentlich stärker schmerzte.
Das Nächste, an das sie sich erinnert, ist, dass sie in diesem Kellerverlies auf einer muffigen Matratze liegend aufwachte. Dagmar hat keine Ahnung, weshalb sie sich hier befindet. Ihr Entführer spricht nur wenig zu ihr und tritt ihr nicht zu nahe. Eine sexuell motivierte Ursache gibt es offenbar nicht. Doch was mag der Grund sein, warum sie hier ist? Darüber grübelt sie jeden Tag, während sie, eine Runde nach der anderen, in dem engen Gefängnis umherwandert. Eine Antwort findet die junge Frau nicht.
Der Gefangenenwärter versorgt sie in unregelmäßigen Abständen mit Nahrung und Trinkwasser. Bei der Übergabe fordert er, dass sie zurücktritt und sich an eine Wand stellt. Die ist entgegengesetzt zu einer Eisentür, die nach draußen führt. Durch die betritt er den Raum.
Wer der Mann ist, kann Dagmar nicht sagen. Die wenigen Worte, die er zu ihr gesprochen hat, geben keinen Hinweis. Er ist mit einer undurchsichtigen Maske vermummt, die lediglich seine hellen Augen erahnen lässt. Das Einzige, was sie außerdem beschreiben könnte, sind seine dunklen Haare, die kurz geschnitten sind. Alles zusammen würde der Polizei sicher nicht helfen, den Mann zu identifizieren.
Sobald er den Zugang öffnet, betätigt er vorsorglich einen Elektroschocker. Dessen Knistern führt bei der jungen Frau unweigerlich zu einem heftigen Erschauern. Das erinnert sie an den Abend, als sie damit betäubt und entführt worden ist.
Er starrt sie oft mehrere Minuten an, ohne etwas zu sagen, und stellt erst dann Essen und Wasser für sie auf den Boden. Dagmar stutzt. Das ist gestern anders gewesen! Mit tonloser Stimme flüsterte er: »Du bist wunderschön!« Das versicherte er mit leisen, bebenden Worten, bevor er den Raum verließ und die Tür hörbar abschloss.
An diesem Tag wacht sie, halb auf der Matratze liegend, benommen auf. Sie wundert sich, weshalb sie derart gelegen hat. Sie schläft zwar normalerweise auf dem Bauch, aber warum zur Hälfte auf dem kalten Boden? Ihr Hals ist trocken und kratzt beim Schlucken rau. Dagmar richtet sich in eine sitzende Position auf und überlegt, was die Ursache für ihren Zustand sein mag. Sollte sie Halsschmerzen bekommen? Dann wäre der tagelange Aufenthalt im feuchten Kellerraum dafür verantwortlich.
Sie hat keine Erinnerung, sich schlafen gelegt zu haben. Sie hatte am Abend etwas getrunken, bevor sie sich plötzlich unwohl fühlte. Dagmar achtete während ihrer Gefangenschaft stets darauf, dass der Verschluss der von ihrem Entführer erhaltenen Trinkflasche noch unversehrt war. Dieser hatte sie gestern länger als zuvor warten lassen. Dass das absichtlich und einem Plan folgend geschah, ahnt sie nicht. Ihr Durst war entsprechend groß gewesen. Nach einem schnellen, prüfenden Blick hatte sie gierig von dem Wasser getrunken. Sie ist dennoch sicher, dass die Verschlusskappe nicht geöffnet worden war. Das Trinkwasser schmeckte außerdem wie sonst. Doch bereits kurz darauf taumelte sie und stürzte zu Boden.
Als sie jetzt langsam wieder klarer zu Denken vermag, ist die junge Frau plötzlich alarmiert. Sie erinnert sich an die gestern an sie gerichteten Worte. Dagmar springt erschrocken auf und kontrolliert ihre Kleidung. Sommerbluse, BH und Unterwäsche sind nicht eingerissen, sondern unversehrt. Die engen Bluejeans sitzen unverändert wie angegossen. Sie vermutet, dass sie Schmerzen in der Vagina oder an den Brüsten haben müsste, sollte sie vergewaltigt worden sein. Da sie keine Änderung festzustellen vermag, schlussfolgert sie, dass der Entführer sie offenbar nicht missbraucht hat. Spricht die Position, in der sie aufgewacht ist, nicht auch dagegen? Das hofft sie stark! Aber, was war dann geschehen? Ist alles ein seltsames Spiel, das der Mann mit ihr treibt?
Warum ist ihr dann so übel? Ist das psychisch bedingt, weil er sie betatscht haben könnte? Sie schüttelt sich, um diese Gedanken zu verscheuchen.
Durch ein vergittertes Fenster, das mit einer dicken Glasscheibe verschlossen ist, fällt nur wenig Licht in den Raum. Ein Tuch oder eine Decke verhindern das.
»Es ist offenbar bald Mittag«, stellt die junge Frau fest. Sie wundert sich, anders als sonst derart lange geschlafen zu haben. Ein böser Verdacht steigt in ihr auf. Warum sollte sie betäubt worden sein, wenn der Mann nichts mit ihr angestellt hat? Noch etwas benommen betrachtet sie den Verschluss der gestern Abend genutzten Trinkflasche und entdeckt trotz der schlechten Lichtverhältnisse einen feinen Einstich. Den spürt sie mehr, als dass sie ihn sieht. Der Entführer muss mittels Spritze K.o.-Tropfen oder Ähnliches in das Wasser gegeben haben. Aber warum?
Dagmar untersucht die anderen vier Flaschen, die bis auf eine die gleiche Einstichstelle aufweisen. Sie ist mittlerweile hellwach und blickt sich suchend um. Dabei stellt sie erstaunt fest, dass die Eisentür nicht wie an allen Tagen zuvor abgeschlossen ist. Die Tür ist nur angelehnt und steht einen kleinen Spalt offen. Hat ihr Entführer vergessen, sie abzuschließen oder ist das irgendein Trick? Aber warum sollte er die Fluchtmöglichkeit quasi anbieten?
Dagmar entscheidet sich, nicht weiter darüber nachzudenken. Wenn die Tür aus Versehen offenstehen würde, hat sie vielleicht nur diese eine Chance freizukommen! Ist es aber doch eine neue Falle, gibt es für sie kaum eine Möglichkeit, sich zu schützen.
Der sich bietende Fluchtweg ist jedoch kein glücklicher Umstand, sondern absichtlich so arrangiert worden. Das kann sie nicht wissen. Sie ist nur froh, entkommen zu können. Sollte sie Glück haben und nach vielen Tagen fliehen können?
Doch das wird sie nicht. Es ist lediglich eine Finte ihres Entführers. Ihm geht es darum, ihre Reaktion zu testen, sollte sie sich in Freiheit wähnen! Er will jeden ihrer Schritte für einen festgelegten Zeitraum kontrollieren. Kaltwirkende, eisblaue Augen beobachten die junge Frau aus einem sicheren Versteck heraus. Er nutzt eine gut versteckte Überwachungskamera und freut sich schon darauf, ihre Enttäuschung zu sehen. Sobald die Erkenntnis, dass sie ihm nicht entkommen wird, in ihr Bewusstsein dringt, wird sie reagieren. Doch wie das sein wird, darum geht es. Und um das, was dann folgen wird. Sollte sie weinen, schreien oder entmutigt zu Boden sinken? Egal, welche Reaktion erfolgt, sie wird erneut eingefangen, betäubt und in das Versteck zurückgebracht werden. Das ist seine Absicht.
Bevor die junge Frau den Raum verlässt, dreht sie sich um und überfliegt die wenigen Einrichtungsteile. Ist einer der Gegenstände womöglich als Waffe brauchbar? Dagmar überlegt. Vielleicht lauert ihr Entführer auf sie, um sie erneut zu fangen. Das wäre ein ähnliches Verhalten, wie es eine Katze macht, die mit der erbeuteten Maus spielt. Er würde demonstrieren, dass er jederzeit Herr der Situation ist. Ist er, wie dieses Haustier auch, bereit, sein Opfer zu töten?
Die junge Frau richtet ihre Gedanken in die Gegenwart. Grübeleien bringen nichts! Sie entdeckt keinen Gegenstand, den sie zu ihrer Verteidigung nutzen könnte. Dann nimmt sie die Trinkflaschen mit, die unversehrt ist. Notfalls eignet sie sich als Schlagwaffe, stellt sie grimmig fest. Sie weiß nicht, wo sie sich befindet und wie lange ihre Flucht dauern wird. Da ist es gut, wenn sie etwas zu trinken bei sich hat.
Bevor sie die den Raum verlässt, nimmt sie einen Schluck. Das macht sie, um sich sozusagen für die vor ihr liegende Aufgabe zu stärken.
Eine Falle
Dagmar atmet tief durch. Was ist, wenn ihr Entführer sie in der vermeintlichen Freiheit anfällt? Das hätte er andererseits in der vergangenen Nacht einfacher haben können. Sie zögert dennoch erneut. Soll sie die scheinbare Vertrautheit des Kellerraums gegen die Ungewissheit draußen eintauschen?
Sie nickt unwillkürlich und presst die Lippen aufeinander. Langsam, um kein Geräusch zu machen, öffnet sie die schwere Stahltür. Sie hastet Stufen nach oben, wirft einen gehetzten Blick in alle Richtungen und stürmt los. Die junge Frau legt nur etwas über einhundert Meter zurück und bleibt schnaufend stehen. Trotz der Bewegungsübungen im Kellerraum ist ihr Körper nicht an die Anstrengung einer hektischen Flucht gewöhnt. Dagmar weiß, sie müsste langsamer, dafür mit gleichmäßigen Schritten laufen. Die Muskeln in den Beinen zittern und die Lunge schmerzt! Sie muss sich kurz erholen. Sie blickt suchend um sich. Wo gibt es hier eine menschliche Behausung, in der sie Hilfe und Schutz vor ihrem Entführer finden könnte? Etwas entfernt zu dem Haus, aus dessen Keller sie fliehen konnte, befindet sich ein weiteres Gemäuer. Es wirkt allerdings mehr wie eine baufällige Scheune, die bisher von einer Baumreihe verborgen wurde. Außerdem liegt es in entgegengesetzter Richtung zu ihrem bisherigen Fluchtweg. Die Gegend scheint ihr bekannt zu sein. Soll sie trotzdem dorthin laufen?
Aber in ihrer Panik, dem Mann schnell zu entkommen, kann sie kaum einen klaren Gedanken fassen. Nur fort! Falls das andere Gebäude bewohnt sein sollte, würde sie dort Hilfe erhalten? Womöglich käme ihr Entführer vorher aus seinem Haus, bevor sie es passieren könnte. Dann hätte sie sich ihm freiwillig ausgeliefert. Soll sie also besser weiter in der bisherigen Richtung fliehen? Der Abstand zu ihrem Peiniger würde sich dadurch auf jeden Fall vergrößern!
Diese Überlegung gibt den Ausschlag und treibt die junge Frau vorwärts. Vor ihr liegt ein ausgedehntes Feld. Das ist mit hohem Gras bewachsen, das vermutlich bald geerntet wird. Das Areal gleicht einer allmählich ansteigenden Bodenwelle, die sich wie ein kleiner Hügel vor ihr erhebt. Die ersten Schritte zögert sie. Aber nicht lange, dann stapft sie entschlossen und mit gleichmäßigen Schritten los.
»Oben auf dem Scheitel werde ich eine bessere Sicht haben«, sagt sich Dagmar. »Danach weiß ich hoffentlich, wo ich mich befinde.« Sie wirft hastig einen prüfenden Blick zurück, ob sie inzwischen verfolgt wird. Sie bemerkt in der Ferne, vor dem verwahrlosten Gebäude, tatsächlich eine auf sie zukommende Person. Sollte das ihr Entführer sein? Er kommt schnell näher. Dessen dunkle Haare scheinen jedenfalls zu stimmen.
Die junge Frau erschauert. Er soll sie nicht bekommen! Sie rennt erneut hektisch und unkontrolliert los. Bereits nach wenigen Schritten beginnt sie jedoch unsicherer zu laufen. Das Zittern in ihren Beinen nimmt zu. Sie wollen nicht so richtig gehorchen. Dann stolpert sie mehrfach, bevor sie zu Boden sinkt.
Die Feldkuppe hat sie noch nicht erreicht, dennoch meint sie, das rote und spitze Dach eines Kirchturms zu erahnen. Das erinnert sie an Kirchdorf auf Poel.
Vermutlich in Folge des verabreichten Betäubungsmittels und als Resultat ihrer Anstrengung, spielt ihr Kreislauf offenbar verrückt. Ihr wird schwarz vor Augen.
Als sie wieder richtig zu sehen vermag, hört sie ihren Verfolger. Er befindet sich bereits ganz dicht hinter ihr. Jetzt aufzuspringen macht keinen Sinn, er würde sie sofort einholen. Dagmar muss einen günstigen Moment abwarten, in dem er nicht damit rechnet, dass sie sich bewegen kann. Vielleicht schaut er sich erst um, ob er beobachtet wird, bevor er sie wahrscheinlich fesseln will. Sobald sich der Mann von ihr abwendet, oder, wenn er sich zu ihr hinab beugt, ist vermutlich der beste Augenblick! Davon ist sie überzeugt. Sie bleibt also liegen und betrachtet ihn durch nur leicht geöffnete Augenlider. Die schmalen Schlitze sind für ihn nicht zu bemerken. Die rechte Hand umklammert den Hals der Trinkflasche. Sie wird notfalls als Schlagwaffe dienen.
Ihr Entführer befindet sich nur noch wenige Schritte entfernt. Er ist ihr langsam von seinem Versteck aus gefolgt. Er weiß, das Betäubungsmittel wird unweigerlich wirken. Je schneller sie rennt und sich somit mehr anstrengt, desto zügiger wird sich der Rest der Droge in ihrem Körper ausbreiten. Er grinst zuversichtlich, als er die Wasserflasche bemerkt, aus der sie offensichtlich etwas zu sich genommen hat. Er geht davon aus, dass sie vor kurzem erneut von dem vergifteten Wasser getrunken hat, bevor sie in die Falle der offenen Tür getappt ist. Seine eisblauen Augen scheinen passend zum breiten Grinsen des Mundes aufzuleuchten.
»Planlos loslaufen. Nein, wie kann man derart dumm sein? Damit unterscheidet sie sich nicht von den anderen.«
Das ist sein hämischer Kommentar zu ihrem Versuch, ihm als Peiniger zu entkommen. Er stellt gedanklich einen Vergleich zu den Opfern seiner »Feldstudie« an. Die Namen der Frauen nutzt er nicht, um Abstand zu ihnen zu bewahren. Das ist wichtig, ist er überzeugt, damit er zu objektiver, wissenschaftlicher Beobachtung fähig ist.
»Das aktuelle Studienobjekt ist schlauer als die Bisherigen. Sie kontrollierte die Verschlusskappen der Trinkflaschen, wie ich mit Hilfe meiner versteckten Kamera feststellte. Das half ihr jedoch nicht, nach der ungewöhnlich langen Zeit ohne Wasser, genau genug hinzusehen. Der Durst hatte die Vorsicht ausgeschaltet! Dann reagierte sie wie die anderen. Als Frau geht man offenbar immer davon aus, von einem Entführer missbraucht zu werden. Ha! So ein Mistkerl bin ich nicht. Mich interessieren lediglich die psychologischen Aspekte in ihrem Verhalten!
Frau Nummer 1 traute der geöffneten Tür nicht. Die dumme Kuh war drauf und dran, meine gestellte Falle zu torpedieren. Nach einer Stunde Wartezeit hätte ich sie beinahe wieder eingeschlossen. Ich war bereits kurz vor der Treppe und konnte mich nur mit einem schnellen Sprung hinter dem ausladenden, großen Buchsbaum verbergen. Ihr Versuch, vor mir davonzulaufen, dauerte keine fünf Minuten. Nach höchstens fünfzig Metern hatte ich sie eingeholt.
Die zweite Frau kam sozusagen die Treppenstufen hinaufgekrochen. Sie schaffte es nicht einmal halb so weit wie die Erste. Als sie entdeckte, dass ich sie verfolgte, legte sie sich auf den Boden und starrte mich an, wie das berühmte Kaninchen die Schlange. Ihr Rücktransport war entsprechend einfach, da sie mir ohne Widerstand folgte.
Wenn ich dagegen mein jetziges Studienobjekt anschaue…«
Der Entführer kehrt in die Gegenwart zurück. »Ich werde sie die Treppe hinab und wieder in ihr Verlies scheuchen. Den Raum wird sie vorläufig nicht so schnell wieder verlassen! Mein Elektroschocker wird ihr verdeutlichen, dass sie keine Chance gegen mich haben wird.« Er betätigt das Gerät probehalber, das ein gefährlich knisterndes Geräusch von sich gibt. Er hat sein Opfer inzwischen erreicht. Der Mann ist zufrieden, weil die junge Frau offenbar erneut der Wirkung des Betäubungsmittels erlegen ist. Er will sie fassen und über das Feld zurück zum Haus zerren. Er fühlt sich stark genug, sie notfalls zu tragen. Dann drängt sich eine andere Idee nach vorn. »Ich könnte auch eine Schubkarre holen und sie hineinlegen. Hm. Weshalb habe ich nicht früher daran gedacht?« Er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sein Opfer überhaupt derart weit rennen könnte.
»Bei der zweiten Frau war das völlig anders«, schweifen seine Gedanken kurz ab. Er weiß, warum das so sein könnte. Die aktuelle Gefangene musste nur einen winzig kleinen Schluck aus der präparierten Flasche genommen haben, bevor sie eingeschlafen ist. »Ja, das ist die Erklärung! Dann hat sie heute Morgen noch etwas getrunken«, sagt er sich. Er überlegt, ob die Wirkung der Droge trotzdem groß genug sein wird, dass er es zum Haus zurück und wieder hierherschaffen kann, ehe sie aufwacht. Er wirft einen Blick auf seinen Elektroschocker. »Soll ich ihr vorsichtshalber einen Stromstoß geben?« Sich umdrehend schaut er prüfend zum Versteck, um die Entfernung zu schätzen. In diesem Moment springt Dagmar auf und greift ihn völlig unerwartet an. Sie schlägt mit der Wasserflasche nach ihm, der er nur knapp ausweichen kann. Durch den Schwung wird ihr die Flasche aus der Hand gerissen. Bevor der Entführer sein Erstaunen überwinden und ihre Attacke verhindern kann, zerkratzt das vermeintliche Opfer die Unterarme und das Gesicht des Peinigers. Das ruft ihn in die Gegenwart.
»Du Luder hast mich getäuscht!«, brüllt er. »Tust so, als ob du trinkst! Ha, aber das soll dir nicht helfen!« Er holt weit aus und hämmert ihr den Elektroschocker mit Schwung gegen den Kopf. Sie taumelt und kippt um. Er nutzt den Schocker und verpasst ihr mehrere Stromstöße direkt auf die Herzgegend. »So, das sollte reichen, deinen Willen zu brechen!«, schreit er der gekrümmt daliegenden Gestalt entgegen. Speichel tropft aus seinem Mund. »Oder möchtest du noch eine Zugabe?« Ihm ist in seiner Wut nicht aufgefallen, dass das Elektroimpulsgerät bei der vermeintlich letzten Attacke nicht richtig funktionierte. Der harte Schlag gegen Dagmars Kopf hatte es beschädigt.
Die junge Frau liegt verkrampft und still vor dem Mann. Er beugt sich vorsichtig zu ihr hinab. Er befürchtet, erneut ausgetrickst zu werden. Mit einer Hand schüttelt er sie an der Schulter. Keine Reaktion! Ein selbstzufriedenes Grinsen breitet sich auf dem malträtierten Gesicht aus. Aber nur kurzzeitig, da die Kratzspuren heftig brennen. Er zieht einen kräftigen Strick aus der Hosentasche und fesselt seinem Opfer Hände und Füße. Er betrachtet sein Werk zufrieden. Dann fällt ihm auf, dass die junge Frau offenbar nicht atmet. Die Brust hebt und senkt sich nicht mehr, wie noch vorhin, bevor … »Genau«, stellt er murmelnd fest. »War der Einsatz des Schockers tödlich?« Danach sieht es aus. Er prüft schnell ihren Puls und blickt sich um. Doch nirgends sind Menschen zu sehen. Seine Tat ist unbeobachtet geblieben.
Der Weg vom Kellerraum bis hierher wird selten von anderen Personen genutzt, daher droht ihm offenbar keine Gefahr. Nein, er wird nicht entdeckt werden. Er muss die Leiche dennoch wegbringen. Ihre Spur würde die Kripo sonst zu seinem Versteck führen. Und das möchte er noch für weitere Versuche, sogenannte Feldstudien, nutzen. Er grinst. »Ich hole die Schubkarre und lasse ihren Körper von der Steilküste auf den Strand fallen. Von dort führt kein Hinweis zu mir!«
Selbstzufrieden, für das aktuelle Problem eine gute Lösung gefunden zu haben, lässt er die Leiche zurück, um das Transportgerät zu holen.
Sie ist die erste Tote, die in dieser Region und diesem Jahr entdeckt wird. Das wird zumindest die Öffentlichkeit so erfahren. Tatsächlich ist sie aber die Dritte einer rätselhaften Reihe, an deren Aufklärung Kommissare aus Wismar arbeiten.
Donnerstagmorgen, 19. Juni, 8:30 Uhr.
Hauptkommissar Torben Kruse stapft mit ausgreifenden Schritten und grimmigem Blick auf das Kriminalteam zu. Die Kollegen der Spurensicherung haben den Fundort mit Flatterband weiträumig abgesperrt. Damit soll verhindert werden, dass vorhandene Spuren unabsichtlich zerstört werden.
Der Kommissar ärgert sich, dass ausgerechnet ein Reporter am Strand war und vom Fund der Leiche etwas mitbekommen hat. Die entsprechende Radiomeldung wurde bereits um sieben Uhr verbreitet.
»Darf ich zur Toten?«, wendet er sich an Irmtraut Krull. Die junge Rechtsmedizinerin blickt auf, schüttelt jedoch den Kopf.
»Bitte gedulden sie sich etwas. Die KTU und die Spurensicherung sind hier noch nicht fertig. Sie wollen sicher keine wertvollen Spuren zerstören, oder? – Wenden sie sich stattdessen an Indra, ihre Kollegin Holm. Die wird sie mit den bisher bekannten Fakten versorgen.«
»Aber … sie befinden sich doch auch im abgesperrten Bereich … Schon gut«, unterbricht er seinen Protest. »Ich möchte lediglich wissen, wer die Tote ist und nach Ausweispapieren suchen. Würden sie danach schauen und sie mir reichen?«
»Ist das so dringend?«, lautet die Antwort. »Glauben sie etwa, die Leiche könnte davonlaufen? Und das, ohne dass sie sich vorher überzeugen konnten, wer sie ist?« Die junge Gerichtsmedizinerin grinst schelmisch. So, wie jetzt auch, kann sie es sich manchmal nicht verkneifen, die Kollegen der Kripo zu foppen. »Seien sie versichert, sie kann das nicht. Sie ist mausetot.«
»Das beabsichtige ich nicht! Reden sie keinen …« Hauptkommissar Kruse hüstelt. Er weiß, dass er in eine Falle getappt ist und fährt anders fort, als es ihm auf der Zunge lag. »Nein, Ich wollte mich lediglich vergewissern, ob die Tote eine Vermisste ist.«
»Auch das hat bestimmt etwas Zeit, bis meine Ermittlungen abgeschlossen sind. Ihre Kollegin weiß darüber sicher Bescheid.« Sie grinst herausfordernd. »Die Papiere des Opfers habe ich ihr als Erstes übergeben. Darin ist zu lesen, wer sie ist.« Die Rechtsmedizinerin beugt sich erneut über den Leichnam und fährt mit ihrer Arbeit fort. Sie forscht nach Haaren, Fremdfasern und zu sichernde Spuren unter den Fingernägeln. Das dient nur einer ersten Übersicht. Die genauere Untersuchung findet in der Rechtsmedizin statt. Um auf dem Weg dorthin keine der möglicherweise anhaftenden Fremdpartikel zu verlieren, beginnt sie, die Hände der Toten mit Plastiktüten zu umhüllen.
Torben Kruse beobachtet das umsichtige Handeln der Gerichtsmedizinerin. Er weiß, dass Irmtraut Kroll am liebsten strukturiert und ohne Ablenkung arbeitet. Er will sich für die Unterbrechung entschuldigen, zögert dann jedoch. Mit einer weiteren Äußerung hätte er sie nur erneut aus ihrer Konzentration gerissen. Er könnte aber auch versuchen, sich für ihre Fopperei zu revanchieren. Da er weiß, wie schlagfertig die junge Frau reagieren kann, zuckt er nur mit den Schultern und wendet sich ab. Warum sollte er sich mit ihr messen? Er ist sicher, nur verlieren zu können.
Sein rundum suchender Blick findet Indra Holm schnell. Die Kommissarin kommt bereits mit blassem Gesicht auf ihn zu.
»Torben, es ist unsere Vermisste, Dagmar Brillow. Irmi, ich will sagen: Irmtraut Krull, hat mir ihren Ausweis gegeben. Sie hat sich völlig unüblich zu einer ersten Feststellung durchgerungen. Knochenbrüche sind nach einer schnellen Untersuchung weder an Armen noch an Beinen zu finden. Ihr Genick ist auch nicht gebrochen. Und das, trotz eines möglichen Sturzes von dem Steilufer.« Die junge Kriminalkommissarin richtet die Augen kurz dort hinauf, dann kehrt ihr Blick zu dem Kollegen zurück. »Irmtraut hat eine alte Strommarke an ihrem Nacken und zwei frische in ihrer Herzgegend gefunden. Die könnten die Todesursache sein. Sie stammen von einem sehr starken Elektroimpulsgerät. Mehr dazu aber erst …«
»… nachdem sie auf dem Tisch in der Rechtsmedizin untersucht worden ist. Ich weiß.«
»Genau. Wir werden die Obduktion abwarten müssen. Unsere Leute haben dort hinten einen Elektroschocker gefunden, der möglicherweise von dem Täter stammt. Deshalb ist die Absperrung auch derart weit gezogen.« Indra Holm deutet in die Richtung des Fundortes. »Nach einer ersten Einschätzung der Spurensicherung sieht es so aus, als sei er dorthin geschleudert worden. Er funktioniert jedenfalls nicht und hatte sich tief in den Sand gebohrt. Fingerabdrücke scheinen sich jedoch nicht darauf zu befinden. Aber die KTU will sich das noch genauer anschauen.«
»Wissen wir schon etwas zum Zeitpunkt des Todes? War er heute Morgen?«
»Du weißt, wie ungern sich Irmi derart schnell festlegt.« Indra grinst leicht, weil ihr erneut der Spitzname der Gerichtsmedizinerin herausgerutscht ist. Die ist erst 35 Jahre alt aber dennoch sehr erfahren. Sie ist schlank, mittelblond und eine hübsche Frau. Trotz ihrer geringen Körpergröße von einem Meter und sechzig wird sie von allen geachtet und respektiert. »Sie ist nach Messung der Körpertemperatur, unter Berücksichtigung der Hitze des Tages und der darauffolgenden warmen Nacht, davon überzeugt, dass der Tod nicht heute, sondern weit vor Mitternacht eingetreten sein muss. Sie nannte einen möglichen Bereich bis noch vor der gestrigen Mittagszeit.«
»Was? Bist du sicher, dich nicht verhört zu haben? Das sind immerhin mehr als zwölf, womöglich sogar vierundzwanzig Stunden!«
»Bin ich. Irmi tendierte auf meine ebenso erstaunte Nachfrage jedoch dahin, dass es vermutlich eher gestern Vormittag gewesen sein muss, maximal vier Stunden später. Das ist die vorläufige Festlegung. Ein engeres Zeitfenster bekommen wir erst …«
»… nachdem sie auf dem Tisch in der Rechtsmedizin untersucht worden ist. – HALT!«, ruft der Kommissar, der im Gespräch den Strandabschnitt in alle Richtungen beobachtet. »Der Mann darf nicht innerhalb der Absperrung sein.«
Diese Forderung ruft er den uniformierten Beamten zu, die Zuschauer fernhalten sollen. Eine Person hat in den vergangenen Minuten trotzdem mehrfach versucht, sich an verschiedenen Stellen an ihnen vorbei zu mogeln. Der Hauptkommissar bemerkt, dass es dem Mann gelungen ist, unter dem Flatterband hindurch zu schlüpfen.
Torben Kruse eilt zu der Stelle, wo die heftig protestierende Person inzwischen festgehalten wird.
»Was fällt ihnen ein, sich über die Absperrmaßnahmen hinwegsetzen zu wollen?«
»Ich bin Reporter der Neue-Ostsee-Zeitung. Ich war frühmorgens schon hier und hoffe, jetzt einige der bisherigen Ermittlungsergebnisse zu erfahren. Die Bevölkerung hat ein Recht, informiert zu werden. Ich habe mich bis zu ihrem Eintreffen umgesehen und von anderen hier aufgeschnappt, dass es sich bei der Toten um Dagmar Brillow handeln soll. Können sie das bestätigen? Sie wird seit drei Wochen vermisst.«
Der Hauptkommissar überlegt schnell. Die junge Frau ist hier auf der Insel bekannt. Da sich der Reporter bereits umgehört hat, kann er das nicht abstreiten.
»Ich kann ihnen keine Angaben zur Identität machen«, weicht er trotzdem aus. »Sie verstehen hoffentlich, dass ich das beim derzeitigen Stand der Ermittlungen nicht darf. Warten sie doch die offizielle Stellungnahme des Kommissariats ab.« Er will den Zeitungsreporter nicht verprellen, zumal er auf dessen Mitarbeit angewiesen sein könnte, da der bereits frühmorgens am Leichenfundort war. »Ich möchte sie aber bitten, möglichst wenig an Fakten in ihrem Bericht zu nennen. Wir wissen noch nicht, ob es sich um einen Suizid, einen Unfall oder eine Straftat durch Fremdeinwirken handelt. Ich wäre ihnen dankbar, wenn sie das nicht darlegen, sondern lediglich schreiben, dass unsere Untersuchungen auf Hochtouren laufen. Und jetzt begeben sie sich außerhalb der Absperrung.«
Der Reporter folgt ihm, bleibt dort jedoch stehen. Er dreht sich zurück und hängt eine unerwartete Bitte an.
»Darf ich erwähnen, wer von ihrem Kommissariat mit der Klärung beauftragt ist? Das sind doch sie, Herr Hauptkommissar Kruse, richtig?«
»Der Mann scheint mich zu kennen«, überlegt dieser. Ob es gut ist, das zu bestätigen? Er entscheidet sich schnell. »Das stimmt«, entgegnet er laut. »Wie ist ihr Name?«
»Ich heiße Theobald Meier. Letzterer mit »ei«. Ich unterzeichne meine Artikel immer mit TM. Vielleicht ist ihnen das Kürzel bereits aufgefallen?«
»Durchaus«, bestätigt der Kripobeamte. »Halten sie sich bitte an unsere Forderung. Dann haben wir bessere Chancen, Licht ins Dunkel zu bringen und einen möglichen Täter schnell dingfest zu machen.«
Torben Kruse wendet sich von ihm ab und kehrt zu Indra Holm zurück. Er berichtet ihr, was er erfahren hat.
»So ein Mist«, stellt er fest. »Warum musste der Mann nur zufällig hier auftauchen.«
»Das stimmt so nicht. Die Tote wurde heute Morgen von einem Frühsportler entdeckt. Der hatte nichts Besseres zu tun, als Radio MV und die Neue-Ostsee-Zeitung zu informieren. Erst im Anschluss rief er die Beamten der Polizeistation hier auf Poel an. Die wiederum informierten uns, als klar war, dass wir den Tod zu untersuchen haben.«
»Da können wir offenbar von Glück reden, dass die Öffentlichkeit und die Presse bisher nichts von den vorausgegangenen zwei Todesfällen wissen, die wir zu klären beauftragt sind. Ich möchte Informationen darüber so spät wie möglich nach außen dringen lassen. Nur so können wir hoffentlich bald einen Erfolg bei der Suche nach dem oder die Täter erzielen.«
Beide Kommissare gehen in Gedanken die bisher bekannten Fakten durch. Alles deutet darauf hin, dass die drei Fälle miteinander zu tun haben könnten.
»Sollten wir es doch mit einem Serientäter zu tun haben? Eine Gemeinsamkeit gibt es jedenfalls, es sind alles relativ junge Frauen.«
Indra spricht die Frage nicht zum ersten Mal aus.
Die zweite Tote ist geschätzt etwa 24 Jahre alt. Sie wurde Anfang Juni nahe dem Faulen See, also ebenfalls auf der Insel Poel, tot aufgefunden. Bei ihr ist nach Erkenntnissen der Rechtsmedizin eindeutig von einem Tötungsdelikt durch Fremdeinwirkung auszugehen. Viele ihrer Knochen sind, ebenso wie ihr Genick, gebrochen. Bei der jungen Frau wurde kein Handy oder Portemonnaie gefunden. Es gibt weder einen Führerschein noch einen Personalausweis. Das ist ein Unterschied zur aktuellen Toten. Solange die Personalien des Opfers unbekannt sind, werden Motiv und Täter vermutlich schwierig zu ermitteln sein. Irmtraut Krull hofft im vorherigen Fall, durch eine Suche mittels Zahnstatus weiterzukommen. Doch die Nachforschung ist langwierig. Sie musste darauf verzichten, ein Foto an alle Zahnarztpraxen innerhalb eines Radius von etwa fünfzehn Kilometern zu senden, da das Gesicht der Toten zu starke Verletzungsspuren aufweist. Ein klares Bild hätte die Identitätssuche schneller vorangetrieben, ist sie sicher. Bis mehr Informationen zur Verfügung stehen, ist nicht klar, ob sie vor ihrem Tod ebenfalls zirka drei Wochen vermisst worden ist.
Das trifft auf den aktuellen und im ersten Fall zu. Torben und Indra wissen, dass sie bisher lediglich vermuten, dass sie es mit einer Serie zu tun haben. Das allererste Opfer dieser möglichen Reihe ist Mandy Huntela. Sie ist eine 26-jährige, dunkelblonde Frau und wurde Mitte Mai tot am Strand in Wendorf entdeckt, also in der Wismarer Bucht. Sie war etwa drei und eine halbe Woche verschollen.
Sollte die Gemeinsamkeit in der Zeit zu finden sein, die die Toten vermisst wurden? Dann wäre die junge Frau in Wendorf möglicherweise das erste Opfer einer Reihe. Aber was ist das Motiv für die offenbar nicht zusammenhängenden Morde? Könnte der Ort des Auffindens eine Bedeutung haben, falls es sich wirklich um Serienmorde handelt? Darauf könnte die neue Tote hinweisen. Ihr Fundort ist wie bei der zweiten auf der Insel Poel.
»Sollte tatsächlich ein Serientäter für die Fälle verantwortlich sein«, beginnt Torben, »können wir dann etwas aus den Orten und den zeitlichen Fakten folgern?« Sein Blick forscht im Gesicht seiner Kollegin nach einer Reaktion.
»Da bin ich völlig unsicher«, antwortet Indra. »Die Fundorte sind nicht großartig unterschiedlich. – Ich möchte daraus ableitend von einer Gemeinsamkeit ausgehen. Die betrifft die Tatsache, dass sie in einem kleineren Umkreis um Wismar liegen. Ich gehe davon aus, dass in allen diesen Tötungsdelikten ein und dasselbe Versteck genutzt worden ist. Bisher gibt es leider keine Hinweise, wo das sein könnte. Vermutlich aber innerhalb dieses Radius. Hm. – Die Toten trennen jeweils etwa drei bis vier Wochen. Zumindest, was die Zeit zwischen dem Auffinden der Opfer betrifft. – Es ist jedoch viel zu früh, daraus etwas schlussfolgern zu wollen. Zumal wir nichts bezüglich des zweiten Falls sagen können. Unabhängig davon ist es wichtig, ergebnisoffen mit den bisher ermittelten Fakten umzugehen.«
Die Kommissare nicken gleichzeitig. Sie wissen, dass es beim aktuellen Stand der Ermittlungen unangebracht ist, Mutmaßungen anzustellen. Die Beamten sind dennoch unsicher. Ihre Gedanken suchen unentwegt nach Erklärungen. Sie spüren eine große Unruhe. Was ist, wenn sie Zusammenhänge zu spät entdecken und deshalb mehr Menschen, vermutlich junge Frauen, sterben müssen?
Torben Kruse ist zusammen mit Indra Holm mit der Klärung der zwei Todesfälle beauftragt. Als dieser weitere bekannt geworden ist, wird sich kein anderes Team aus Wismar darum kümmern. Die Tötungsdelikte ähneln sich darin, dass die Opfer Frauen sind, die zuerst entführt wurden, bevor sie starben. Das lässt vermuten, dass die Fälle in Verbindung stehen könnten. Sollte das so sein, hätte es die Kripo mit einem Serienmörder zu tun. Genau das befürchten die Kommissare.
Die Kriminalpolizei bildet noch am Nachmittag eine Soko, deren Leitung Torben übertragen wird. Zur Verbesserung der Kommunikation wird der Konferenzraum im ersten Stock des Kommissariats nicht mehr nur für Besprechungen, sondern zu einem gemeinsamen Arbeitsraum umfunktioniert. Die aufgestellten vier Whiteboards füllen sich schnell mit Fotos, ermittelten Fakten und zu klärenden Fragen.
Ist hier, wie in der Zeitung in Kürze zu lesen sein wird, ein Serienmörder am Werk? Torben Kruse neigt dazu, sie unabhängig voneinander zu betrachten. Doch seine Kollegin Indra Holm ist davon nicht überzeugt. Der lange Zeitraum von drei Wochen, in denen die Toten verschleppt gewesen waren, spricht dafür. Der Hauptkommissar führt dagegen an, dass sie an unterschiedlichen Orten gefunden wurden, die weit auseinanderliegen. Er vermutet, dass sie deshalb kaum in demselben Gebäude eingekerkert worden sind.
»Warum sonst sollte der Entführer verschiedene Verstecke nutzen? Nein, ich denke, es sind zwei, womöglich drei unabhängig voneinander zu betrachtende Fälle. Das trifft dann auch auf den oder die Täter zu.«
Indra zwinkert. »Alles klar, Chef. Auch wenn wir die drei getrennt behandeln, können sie später vielleicht doch zusammengeführt werden.« Sie grinst. »Manchmal ist es nicht verkehrt …«
»… für jede Möglichkeit offen zu sein. Gut, ich habe verstanden.« Torben lächelt fast wie ein kleiner Junge. »Du darfst mich aber nicht noch einmal »Chef« nennen, sonst werde ich sauer.«
Indra weiß, dass ihm diese Anrede zuwider ist. Deswegen hatte sie ihn damit geneckt. Er tendiert zu einem gleichberechtigten Miteinander der Kollegen. Gerade aus diesem Grund arbeiten alle gern mit ihm zusammen, besonders aber die junge Kommissarin. Sie weiß, dass sie noch viel von Torben lernen kann.
Dennoch ist sie in diesem Fall anderer Meinung als er. Doch das ist nicht weiter schlimm, findet sie. Sie muss einfach ihre und seine Argumente zukünftig besser gegeneinander abwägen.
Es bleibt die Frage, wo die Frauen jeweils über drei Wochen lang versteckt wurden. Ob das auch der Ort ist, an dem sie starben? Sobald die Stellen bekannt sind, hofft die Kommissarin, klären zu können, ob die Todesfälle doch zusammengehören.
Freitag, 20. Juni.
Auf der ersten Seite der Neue-Ostsee-Zeitung ist ein großformatiges Bild abgedruckt. Es zeigt die Aufnahme von einem Strandabschnitt, die mit einer Drohne gemacht wurde. Daneben ist ein Kartenausschnitt abgebildet, der einen Bereich von Timmendorf auf der Insel Poel darstellt. Auf ihm ist nahe der Steilküste eine »1« und ein darauf deutender Pfeil eingezeichnet. Ein weiterer weist auf eine andere Stelle, die mit »2« nummeriert ist. Sie sollen offensichtlich Fundorte verdeutlichen. Der dazugehörige Artikel ist relativ kurz.
»Gefunden!
Die seit drei Wochen vermisste Dagmar B arbeitete als Aushilfskraft in einer Gastronomie in Kirchdorf. Die 32-Jährige beendete am Donnerstag um kurz nach elf Uhr abends ihre Arbeit. Sie verabschiedete sich mit den Worten, sie müsse ihren Kopf freibekommen und wolle deshalb noch etwas spazieren gehen.
Die junge Frau konnte inzwischen tot geborgen werden. Der Ort ihres Auffindens (siehe Karte) ist mit »eins« gekennzeichnet. Dieser und ihr körperlicher Zustand, lassen ein Verbrechen vermuten. In welchem Zusammenhang ein aufgefundener Elektroschocker mit dem Opfer zu sehen ist, wird die kriminaltechnische Untersuchung ergeben. Dessen Fundort ist auf unserer Skizze mit »zwei« markiert. Obwohl das sogenannte Elektroimpulsgerät defekt ist, weisen feine, jedoch schon etwas ältere Brandmarken am Hals der Toten darauf, dass sie damit oder einem ähnlichen Gerät, vor einiger Zeit attackiert worden sein muss. Wie wir aus zuverlässiger Quelle wissen, weist die Leiche zusätzlich frische Strommarken auf.
Hauptkommissar Torben Kruse, vom Kommissariat in Wismar, ist mit der Aufklärung dieses Todesfalls betraut. Der erfahrene Kripobeamte wird hoffentlich schnell klären können, ob es sich um ein Tötungsdelikt oder einen Unfall handelt.
Unser Reporter ist der Überzeugung, dass Letzteres auszuschließen ist. An dem Strandabschnitt, an dem die Tote gefunden wurde, hätte der Körper durch einen Fall nicht die feststellbaren Verletzungen aufweisen dürfen. Auch wenn der Sand dort wunderbar weich ist, sind Brüche von Armen oder Beinen nicht zu verhindern. Davon war durch einen schnellen, kurzen Blick unseres Reporters jedoch nichts zu erkennen. Die Gerichtsmedizinerin schloss das gegenüber den Kommissaren aus. Dennoch ist nur mit geringer Wahrscheinlichkeit von einem Selbstmord auszugehen.
Aus sicherer Quelle wissen wir, dass der Leichnam postmortal transportiert wurde. Darauf deuten die festgestellten Totenflecken hin. Das könnte bedeuten, dass die Tote am Strand unterhalb der Steilküste »entsorgt« worden ist. Es bedeutet gleichzeitig, dass sie dort keinesfalls selbst hinuntergesprungen ist.
Die hinter dem Fundort steckende Absicht wäre, dass die Leiche möglichst spät entdeckt werden sollte. Obwohl Touristen dort häufig wandern, lag die Tote relativ gut versteckt direkt unterhalb der Abbruchkante der Steilküste. Wir vertrauen darauf, dass die Kripo schnell für Aufklärung sorgt! Unsere Redaktion bleibt in engem Kontakt.
Ein Bericht von TM.«
Der Artikel vermittelt nicht den Eindruck, dass sich die Bevölkerung oder Touristen Sorgen machen müssen. Dennoch beschleicht Frauen und ebenso die Eltern von weiblichen Jugendlichen, ein ungutes Gefühl. Viele der Leser, insbesondere die auf Poel Lebenden, kannten die stets lustige Dagmar Brillow. Sie ist auf der Insel geboren worden und zur Schule gegangen. Die Einheimischen, besonders auch ihre ehemaligen Klassenkameraden, werden in großer Zahl zu ihrer Beisetzung kommen. Der kleine Friedhof neben der Kirche in Kirchdorf wird die Menge der Trauernden nicht fassen können.
Dienstagvormittag, 24. Juni, 9:30 Uhr.
Viele Menschen besuchen an diesem Morgen den Wochenmarkt in Wismar. Auf dem Platz tummeln sich die Passanten. Sie genießen den Sommertag und schauen nicht nur auf die Angebote der verschiedenen Händler. Unter ihnen befinden sich auch Touristen, die Ausschau nach historischen Gebäuden, bekannten Sehenswürdigkeiten und anderen Objekten halten.
Eine mehrköpfige Gruppe folgt einem Touristenführer, der, von der Dankwartstraße kommend, zielstrebig den Marktplatz quert. Er reckt einen geschlossenen, roten Regenschirm wie eine Lanze in die Luft, damit ihm seine Kunden in dem herrschenden Gewusel folgen und nicht verloren gehen. Den Abschluss der Gäste bildet ein Ehepaar, das sich über das vorhin betrachtete, älteste Haus der Hansestadt Wismar unterhält, und was sie soeben darüber erfahren haben.
»Ist das clever oder nur frech gewesen, durch eine Plastik an den Retter dieses aus dem Mittelalter stammenden Gebäudes zu erinnern?«, fragt die Frau.
»Ich finde, das war genial«, antwortet ihr Mann. »Dass sich dieser Professor Ziegenhals bereits 1978 für den Erhalt des Fachwerkhauses einsetzte, ist beachtenswert. Zumal das zu DDR-Zeiten war! Auch wenn sich die Plastik mittlerweile nicht mehr dort befindet, wurde durch den Ziegenkopf am Portal des Hauses jahrelang geschickt an den Mann erinnert.«
Die beiden bleiben kurz stehen und halten Ausschau nach ihrer Gruppe. Der erhobene Regenschirm leistet ihnen gute Dienste. Sie entdecken die Gruppe schnell und eilen zum Brunnen auf dem Marktplatz, wo sie den weiteren, darauf bezogenen Informationen lauschen. Die Erklärungen zu dem bekannten Objekt plätschern wenig beachtet an den Touristen vorbei. Die Informationen über die Entstehung einiger Straßennamen, wie »Bademutterstraße« und insbesondere auch »Tittentasterstraße«, sorgen dagegen anschließend für eine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Im heute herrschenden Gedränge fällt es nicht auf, wenn eine Person gezielt verfolgt wird. Und genau das geschieht, wie an vielen Tagen zuvor.
Kathy Arnholt, eine junge Frau, dreht sich scheinbar grundlos wiederholt um. Sie spürt ein seltsames Kribbeln im Nacken. Das deutet sie derart, dass fremde Augen auf sie gerichtet sind. Doch entdecken kann sie niemanden. Die Zahl der Menschen auf dem Marktplatz ist einfach zu groß. Ihr forschender Blick entdeckt keinen Verdächtigen, der sie beobachtet. Ihr ist dennoch unbehaglich zumute. Dabei ist ihr das schon an mehreren Markttagen zuvor passiert.
Sie ist unsicher, ob sie in dem Gewusel überhaupt eine Person bemerken würde, die ihr folgt. Könnte ihr Gefühl daher stammen, dass sie durch Zeitungsberichte über eine verschwundene und getötete Frau in der Region Nordwestmecklenburg übersensibel reagiert? Malt sie im Unterbewusstsein Gefahrensituationen aus, die nicht existieren?
»Das widerfährt mir mittlerweile fast bei jedem Besuch des Wochenmarktes«, murmelt Kathy. »Sollte ein Stalker der Verursacher sein, würde die Person doch bestimmt auffallen. Müsste sie aber in meiner unmittelbaren Nähe sein?«, grübelt sie. »In dem Fall hätte ich ihn vermutlich inzwischen entdeckt, oder etwa nicht?«
Die junge Frau ist unsicher. Ihr namentlich, beziehungsweise vom Sehen bekannte Menschen schließt sie automatisch als Stalker aus. Die lächelt sie bei ihrem Rundumblick an, was von diesen erwidert wird. Manche wechseln auch einige Worte mit ihr. Aber Fremde, die sie verstohlen betrachten, registriert sie nicht.
Doch ihr Instinkt trügt sie keineswegs. Sobald sie sich abwendet und die Auslagen eines Gemüsestandes betrachtet, starren zwei Augen ungehindert auf ihren Rücken. Sie tasten ihre Figur ab, folgen der Kontur von oben nach unten und wieder zurück. Das luftige Sommeroutfit lässt mehr vom Körper der jungen, blonden Frau erahnen, als ihr in diesem Moment lieb ist.
Trotz des warmen Sommertages rieselt der 24-jährigen ein eiskalter Schauer den Nacken hinab. Kathy schüttelt sich, um das mittlerweile bedrohliche Gefühl loszuwerden. Ihr Herz pocht wild. Davon will, nein muss sie sich ablenken!
»Was kostet der Brokkoli?«, fragt sie die Verkäuferin eines Standes mit Biogemüse. Ihre Stimme bebt leicht.
»Zwei Euro der Kopf. Er ist hier gewachsen und hat keinen langen Transportweg hinter sich.«
»Das hört sich gut an. Da nehme ich einen.«
Sie vernimmt in diesem Moment einen unterdrückten, aber dennoch stoßweisen Atem, der näherkommt. Dann ist er direkt in ihrer Nähe. Sie dreht sich erschrocken um, weil sie meint, ihn sogar auf ihrem Nacken zu spüren. Doch derart dicht steht niemand hinter ihr. »Halt, das stimmt nicht!«, widerspricht sie sich in Gedanken. Sie hat die gebeugt gehende Großmutter mit Rollator beinahe übersehen.
Sollte sie für die schwere Atmung verantwortlich sein? Da diese jedoch mindestens einen Kopf kleiner ist, müsste das Gefühl auf ihrer Haut von einem Windstoß verursacht worden sein.
»Es wäre auch möglich, dass ich mir das eingebildet habe«, versucht sich die junge Frau zu beruhigen. Ihr Blick wandert zur Älteren. »Mit diesem Gehhilfsmittel auf dem Kopfsteinpflaster zu laufen, ist sicher anstrengend. Da ist es nicht verwunderlich, wenn man stoßweise atmet.«
Kathy bemerkt, dass die Frau wie zur Bestätigung erkennbar schnauft. Ihr entgeht bei dem hastigen und prüfenden Rundumblick, dass ein Mann hinter der Großmutter hergeht. Für sie wirkt es so, dass sich der den Nachbarstand als Ziel auserwählt zu haben. Doch dieser hatte ihre Reaktion früh registriert und sich den Anschein gegeben, zum nächsten Marktstand zu wollen. Er bewegt sich die kurze Strecke weiter, bis er vor den angebotenen Fleischkonserven steht. Er betrachtet die Auslagen scheinbar interessiert. Sobald er jedoch aus dem Augenwinkel bemerkt, dass sich die junge Frau wieder dem Verkaufsstand zuwendet, beobachten die Männeraugen sie intensiv. Sie nimmt den Brokkoli entgegen, zahlt und lässt den Blick erneut prüfend umherschweifen. Dann geht sie. Die Verkäuferin blickt ihr hinterher und schüttelt verwundert den Kopf. Das seltsame Verhalten der Kundin ist beim aktuellen Andrang aber schnell vergessen.
Der Fremde, er heißt Jacob Muller, ist nur wenig älter als die junge Frau. Er wischt sich mit einer Hand erleichtert über die Stirn. Ohne das Angebot des Fleischstandes zu registrieren, blickt er auf die verschiedenen Auslagen.
»Puh, das war aber knapp«, denkt er. »Ich sollte einen größeren Abstand einhalten, obwohl ich magisch zu ihr hingezogen werde. Ich muss unbedingt darauf achten, dass immer einige Menschen eine Art Sichtschutz bilden! Die ältere Frau mit Rollator war dafür viel zu klein. Sobald mein Plan aufgeht und wir allein sind, brauche ich mich nicht mehr zurückhalten.« Er fährt mit einem Finger zwischen Shirt Ausschnitt und Hals entlang. Der Schreck, beinahe erwischt worden zu sein, löst nachträglich einen kurzen Schweißausbruch aus.
Jacob trägt leichte Sommerkleidung und hätte kaum einen Grund, derart heftig zu schwitzen. Macht das womöglich die Nähe zu seiner Auserwählten? Das würde auch seinen rasenden Herzschlag erklären, der zum Glück für ihn, von niemandem zu bemerken ist.
Wenn man berücksichtigt, dass er trotz seiner inzwischen achtundzwanzig Lebensjahre bisher noch nie eine Freundin gehabt hat, kämen durchaus verschiedene, mögliche Deutungen für seinen aktuellen Zustand in Betracht. Da jedoch kein Fremder davon wissen kann, gerät er auch nicht in Verdacht, der jungen Frau aus nur ihm verständlichen Gründen zu folgen. Es gibt außerdem kaum einen Menschen, der ihn derart gut kennt, um hinter seinem Benehmen eine körperliche Begierde vermuten zu können.
Der Mann wohnt, abgesehen von einem unerwartet wieder aufgetauchten ehemaligen Klassenkameraden, allein in einem alten Häuschen auf der Insel Poel. Das Gebäude verdient diese Bezeichnung eigentlich nicht, da es, ebenso wie die Nachbargebäude, heruntergekommen und sehr baufällig ist.
Den »Freund« kennt er nur aus seiner Kindheit. Der hatte manchmal in dem Nachbarhaus bei dessen Tante die Ferien verbracht. Doch die ist bereits vor Jahren gestorben. Er hatte seit der Schulentlassung bis vor wenigen Monaten nichts mehr von ihm gehört. Sein Anklopfen kam völlig unerwartet. Beide Wohngebäude waren ursprünglich Teil eines größeren Gehöfts, einer Hofgemeinschaft, die schon vor Jahrzehnten aufgelöst worden war.
Seit seinem »Neu-Auftauchen« wohnt der ehemalige Schulkamerad offenbar gelegentlich in dem baufälligen Haus, genauer gesagt in dessen Kellerraum. Das liegt zum einen daran, dass das Gebäude kaum benutzbare Zimmer aufweist. Daraus resultiert nicht nur das wenig einladend wirkende Erscheinungsbild. Die Tante hatte keine Renovierungsarbeiten durchführen lassen, dafür reichte die schmale Rente einfach nicht. Seit ihrem Tod, der inzwischen um die zehn Jahre zurückliegt, ist das Haus immer mehr verfallen. Die Tapeten lösen sich mittlerweile von den Wänden. Die hölzernen Bodendielen im Erdgeschoss sind morsch und drohen beim darüber Laufen durchzubrechen. Teilweise bröckelt der Putz von den Mauern, falls sie nicht gleich bei der geringsten Berührung zusammenbrechen.
Der Kumpel, er heißt Friedhelm Berkow, wollte allerdings keinen Kontakt zu Jacob. Er will seine Ruhe haben und suchte schon seit längerem nach einem Ort wie dem Haus seiner verstorbenen Tante. Er teilte dem ehemaligen Klassenkameraden hinter vorgehaltener Hand mit, dass er sich das Gebäude etwas herrichten wolle. Es gehöre angeblich seinem Vater, der offensichtlich kein Interesse daran hat.
»Das wird allerdings erhebliche Zeit in Anspruch nehmen«, hatte Friedhelm gesagt, »da ich mein Geld durch Gelegenheitsjobs verdiene.«
Dafür müsse er manchmal tagelang in das Umland reisen, um passende Arbeit zu finden. Trotz der losen Freundschaft während der Schulzeit ist er genau genommen ein Fremder für Jacob. Er kommt in unregelmäßigen Abständen und bleibt jeweils nur kurz, soweit der das mitbekommt.
»Das stimmt nicht ganz«, korrigiert er sich. »Die ersten Wochen nach seinem Auftauchen werkelte er einige Zeit in einem von außen zugänglichem Kellerraum, den er sich, vermutlich in Ermangelung anderer geeigneter Zimmer, als Wohnraum herrichtete.« Dafür lieh er sich gelegentlich auch Werkzeug. Was er genau in dem Haus machte, hatte Jacob nicht gefragt. Er brauche seine Privatsphäre, hatte Friedhelm beiläufig gesagt. Deshalb richtete er den Raum seinen Bedürfnissen entsprechend ein. Er fand es dort offenbar zu kalt, da er unzählige Styroporplatten und auch dicken Schaumstoff auf Rollen als Isolierung verbaute.
»Das alte Heizungssystem funktioniert unzuverlässig«, hatte er die Maßnahme begründet. »Und der elektrische Heizlüfter frisst zu viel Strom, weshalb der nur kurzzeitig genutzt wird.« Die Platten eigneten sich nicht nur zur thermischen Dämmung, sondern auch, um Geräusche daran zu hindern, nach draußen dringen zu lassen. Doch davon spricht er nicht.
Eine Toilette sowie ein Waschbecken sind vorhanden und funktionsfähig. Der Zugang zu dem Haus vom Garten aus erfolgte früher bevorzugt durch den Kellerraum. Dadurch war der Zutritt mit verschmutzten Sachen, wie sie durch die Gartenarbeit unvermeidlich waren, möglich, ohne den Wohnbereich im Erdgeschoss zu beschmutzen.
