Kategorie: Glück - Hans Müller-Jüngst - E-Book

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Hans Müller-Jüngst

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Beschreibung

Es geht in meinem Werk nicht hauptsächlich um den Glücksbegriff ,sondern vorrangig um die Frage, wie man zum Glück gelangen kann. Dazu begebe ich mich in verschiedenste Glücksfelder, innerhalb derer jeder Glück erfahren kann, weil es sich bei diesen Glücksfeldern um Erlebenssphären handelt, die jedem in seinem Leben begegnen, wenn er nur will, Ich zeige auf, dass es nur der Aktivität des Einzelnen bedarf, um innerhalb dieser Glücksfelder sein Glück zu finden. Dabei grenze ich Glück von Zufriedenheit ab und erhalte am Ende gleichsam als Substrat fünf Glückssäulen, wie ich sie nenne: Bildung Gesundheit, gutes Aussehen, Selbstbeherrschung und positive Freiheit. Auf diese fünf Glückssäulen konzentriert sich schließlich das, was letztlich das Glück ausmachen kann, es liegt beinahe ausschließlich in der Hand eines jeden, was er aus seiner Glückssuche macht. Es fällt auf, dass der Faktor materielles Wohlergehen gar nicht erscheint, das liegt daran, dass Reichtum zwar eine Rolle für die Glückserlangung spielen kann, er schafft es aber immer nur für eine kurze Dauer, den Betreffenden glücklich zu stimmen, nachhaltiges Glück vermittelt sich immer nur innerhalb der von mir ausgeweisenen Glückssäulen.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Hans Müller-Jüngst

Kategorie: Glück

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkung

Kindheit

Bildung

Freundschaft, Liebe

Gesundheit

Politische Partizipation

Gutes Aussehen

Urlaub

Sex

Kunst

Museumsbesuche

Träume

Spiel

Schreiben

Ehe, Kinder

Lernen

Gewaltfreiheit

Sinnieren

Religion

Tasten

Riechen

Hören

Schmecken

Sehen

Selbstbeherrschung

Positive Freiheit

Wie wird man glücklich?

Bin ich glücklich?

Impressum neobooks

Vorbemerkung

Ich werde im Folgenden den Versuch unternehmen, Erlebenssphären aufzuzeigen und zu schildern, wie sich der Protagonist in ihnen verhält, sich bewährt oder scheitert, sie interpretiert, gegen sie ankämpft, sie sich zunutze macht oder sie verwirft. Da die Erlebenssphären letztlich sein Leben sind, muss er sich mit ihnen auseinandersetzen, je nachdem, wie er mit seiner Person in sie involviert ist, und sie sich intensiv oder oberflächlich zeigen. Erlebenssphären sind Wahrnehmungsräume, ich projiziere meine Sinne auf ihre spezifische Ausprägung und internalisiere das Erlebte, das heißt: ich mache es zu einem Teil meiner Lebenserfahrung. Dieser Prozess ist sehr wichtig für jeden von uns, und er vollzieht sich zumeist unbewusst.

Die Filter, die darüber befinden, was ich internalisierte und was nicht, sind in mir angelegt und werden kulturell tradiert, ich habe auf sie kaum einen Einfluss. Ich kann natürlich eine bestimmte Erlebenssphäre besonders intensiv betonen und mich ihr verstärkt zuwenden, dann wird das Internalisierungspotenzial sicher groß sein. Oder ich bewege mich in ihnen mit Ablehnung oder sogar Abscheu, vielleicht zwangsweise, dann werde ich nicht so viel internalisieren und das, was ich verinnerliche, werden negative Erinnerungen sein, die ich nicht so gern ans Tageslicht hole.Erlebenssphären sind relativ konstante Räume der Lebenserfahrung, die das Leben begleiten, oder es letztlich sogar ausmachen. Es gehören aber auch sich zufällig ergebende Situationen der Lebenserfahrung dazu wie ein plötzliches Zusammentreffen mit Konflikten, in denen aber die Art, wie ich mich bewähre, von der bis dahin gemachten Lebenserfahrung abhängt. Indem ich mich damit festlege und zeige, wie ich mich in der betreffenden Erlebenssphäre verhalte oder verhalten würde, mache ich mich taxierbar. Man wird den Protagonisten, hinter dem ich mich verberge, identifizieren und einschätzen können. Lebenserfahrung macht man, indem man lebt und das Erlebte verinnerlicht, es nach Maßstäben, die gerade gelten, einen Teil seiner selbst werden lässt.

In der Regel spielen in den Erlebenssphären immer andere Individuen einen Rolle, entweder direkt, als Teilnehmer oder indirekt, indem sie die Erlebenssspähre mit geschaffen haben. Man kann sich der Lebenserfahrung verschließen, indem man sich abkapselt, wie ein Eremit das tut und in sich geht. Alles, was man dann verinnerlichen kann, entspringt der Kontemplation oder vielleicht irgendwelchen Schriften. Im übelsten Fall entzieht man sich ganz und verzichtet auf jedweden Kontakt mit äußeren Einflüssen, sodass man verkümmert und gar keine Lebenserfahrung sammelt. Ich werde in den sich anschließenden Überlegungen Erlebenssphären des Protagonisten locker aneinanderreihen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es soll deutlich werden, wie man Lebenserfahrung sammeln und dabei Glück erfahren kann.

Kindheit

Paulo Köhler wurde 1950 geboren, in einer Zeit also, die nicht lange nach dem Kriegsende lag, vom Krieg war aber zumindest für die Kinder kaum noch etwas spürbar, die Erwachsenen litten natürlich noch lange unter den Folgen des Krieges. Paulos Vater war Soldat gewesen, und er hielt große Stücke auf Zucht und Ordnung, zumindest ließ er das nach außen hin immer erkennen. In Wahrheit aber trauerte er der Zeit des Nationalsozialismus nicht nach, und er genoss, genauso wie Paulos Mutter, den ganz allmählich spürbaren wirtschaftlichen Wiederaufstieg.

Die beiden gaben sich dem lange Zeit vermiedenen Konsum hin, ohne groß zu überlegen, ob der maßlose Konsum um jeden Pries der richtige wäre. Jeder machte es so, jeder kaufte nach dem Krieg, was es mit den bescheidenen Mitteln, über die man verfügte, zu kaufen gab, und das waren vor allem Lebensmittel, bei denen die Eltern besonders während der Kriegszeit darben mussten. Paulo war natürlich Nutznießer des plötzlichen Überflusses, ohne dass er ihn aber als solchen einzuschätzen wusste, denn er kannte ja die Zeit des Mangels nicht. So wuchs Paulo heran, ohne jemals Hunger leiden zu müssen, und er genoss die Zeiten beginnender Prosperität, in der er nicht dick war, er war aber auch kein dünner Hering und nicht von Nahrungsknappheit ausgemergelt. Das Zepter schwang in Paulos Familie eindeutig die Mutter, die sich geschickt dem vermeintlichen Diktat des Vaters zu unterwerfen wusste. Die entscheidenden Weichenstellungen in der Familie liefen aber über sie, besonders, was den Umgang mit Geld betraf. Sie verstand es auf beinahe unnachahmliche Weise, strenge Sparsamkeit mit einem Kaufverhalten zu koppeln, das jedem Familienmitglied immer das Gefühl gab, ausreichend versorgt zu sein. Paulo hatte zwei Brüder, einer war 9 Jahre älter und mit dem hatte er folglich kaum gemeinsame Interessen. Der andere war etwas mehr als ein Jahr älter und mit ihm teilte er seine Freizeit, sie hatten gemeinsame Freunde und unternahmen täglich irgendwelche Dinge mit denen.

Paulos Mutter kochte gut und gerne, sie wusste immer, mit Lebensmitteln, die gerade günstig zu erstehen waren, etwas Schmackhaftes zuzubereiten.

Sein Vater lobte sie wegen des guten Essens, und man konnte immer beobachten, wie er mit Bedacht aß. Er hielt Paulo und seine Brüder dazu an, immer ihre Teller leer zu essen. Das nahmen sie zwar zur Kenntnis, sie fühlten sich aber wegen des ständigen Wiederholens dieser Aufforderung gelangweilt. Zum Haushalt von Paulos Familie gehörten ein großer Garten, aus dem sie sich mit Gemüse versorgte und Kleinvieh, das geschlachtet wurde und so auch den Speiseplan erweiterte. Die Versorgung von Garten und Kleinvieh war Sache von Paulo und seinen Brüdern, Paulos Mutter behielt dabei aber die Oberhand. Sein Vater war Polizist und leistete Schichtdienst, er konnte oder wollte sich deshalb nicht so sehr um Garten und Vieh kümmern. Er erging sich immer in ausgedehnten Pausen, wenn er zu Hause war, und dazu gehörte eine mindestens zweistündige Mittagsruhe. Das Haus, in dem Paulos Familie zur Miete wohnte, lag neben zwei Obdachlosensiedlungen, in denen die Ärmsten der Armen dahinvegetierten. Der Unterschied zu den Obdachlosen ließ die eigene Situation blendend erscheinen, was sie in Wirklichkeit nicht war, aber man hatte sein Auskommen und war zufrieden.

Paulos Besuch des evangelischen Kindergartens, die Mitgliedschaft seiner Mutter im kirchlichen Mütterkreis und regelmäßige Kirchbesuche ließen Paulos Familie eng an die Kirche heranrücken. Nachdem Paulos Vater über Jahre hinweg seinen Dienst als Presbyter versehen hatte, nachdem regelmäßig der Küster und dessen Frau, aber auch alle Pastoren, die in der Gemeinde eine Rolle gespielt hatten, zu Besuch gekommen waren, verdichtete sich das Verhältnis zur evangelischen Kirche immer mehr. Schließlch wurde Paulos Vater zum Kirchmeister gewählt, das war der Vorsitzende des Presbyteriums und ein Amt, das schon eine gewisse Achtung genoss. Fortan war Paulos Familie Dreh- und Angelpunkt, wenn es darum ging, Entscheidungen zu fällen, die die Kirchengemeinde angingen und bei denen das Presbyterium und Paulos Vater als dessen Vorsitzender mitzubestimmen hatten. Die Pastoren gingen bei Paulos Eltern ein und aus, und weil seine Mutter ein sehr geselliger Mensch war, mit dem man gern zusammensaß, kamen sie auch einfach ohne offiziellen Grund und ohne etwas für die Gemeinde zu erledigen. Auch die Gemeindeschwester kam oft und trank gern einen Schnaps, den Paulos Mutter immer im Kühlschrank hatte. Oft trank sie für ihre Verhältnisse zu viel und fuhr mit ihrem VW, nicht mehr nüchtern, zu ihrer Wohnung über der Kirche zurück. Es hatte sich in Paulos Familie ein regelrecht orthodoxer Protestantismus eingeschlichen, man gab sich gläubig und besuchte immer den Gottesdienst. Das Verhältnis zu den Katholiken war beinahe feindschaftlich, man spottete über deren Fronleichnamsprozession, bei der jemand mit einem Rauchgefäß vorweg ging und es vor einer Monstranz schwenkte.

Man zwang Kinder, teilzunehmen, wie überhaupt der Katholizismus sehr viel mit Zwang zu tun hatte. Paulos Familie lebte einen, wie seine Mutter und sein Vater meinten, freien Protestantismus, der scheinbar niemanden zwang, sein Verhalten nach ihm auszurichten. Tatsächlich aber bestimmten zum Teil subtile, von der Mutter lancierte Verhaltensnormen das alltägliche Leben. Dazu gehörten das Gebet vor dem Essen, aber auch bei ihr ganz tief sitzende, beinahe an Aberglauben grenzende Zwänge im Verhalten wie das Ermahnen von Paulo und seinen Brüdern, bestimmte Äußerungen doch zu unterlassen, weil sie Gotteslästerung wären oder das permanente Sich-Bekreuzigen. Oder sie gab Redewendungen von sich, die sie aus grauer Vorzeit übernommen hatte und bestimmte Erscheinungen kommentierten, die sich rein zufällig einstellten. Wenn zum Beispiel eine Spinne über den Tisch lief, sagte sie:

„Spinne am Mittag, Glück am dritten Tag!“ oder „Spinne am Abend, erquickend und labend!“ So war auch ihr Glaube angelegt, er saß unverrückbar tief und war ein nicht hinterfragbares Verhaltensreglement, das sie auf die Familienmitglieder zu übertragen suchte. Paulo und seine Brüder folgten im Kindesalter noch ihren Maßgaben, sie lösten sich aber mit den Jahren davon und wandten sich vom Glauben und von der Kirche ab. Paulo unterschied sich von Anfang an von seinen Brüdern, die beide eine Ausbildung absolvierten und so schon früh in Kontakt zum Arbeitsleben kamen.

Er besuchte nach der Grundschule das Gymnasium und ging seine eigenen Wege, zwar blieb der Kontakt zu seinen Brüdern bestehen, er war aber nur oberflächlich. Während seiner Kindheit besuchte er den Kindergarten und anschließend auch den Kinderhort, als er schon in die Schule ging. An seine Grundschulzeit hatte er kaum Erinnerungen, an den Kinderhort schon, denn der fand direkt gegenüber von dem Haus statt, in dem er lebte, und seine Mutter kannte die Leiterinnen gut. Selbstverständlich war das Leben in Kindergarten und Kinderhort christlich geprägt, schließlich handelte es sich um kirchliche Einrichtungen. In den Gruppen wurde regelmäßig gebetet und man sang christliche Lieder, die Pastoren kamen zu Besuch und sahen nach dem Rechten. Einige Schulkameraden von Paulo gehörten mit zu der Hortgruppe, und dort festigten sich langanhaltende Freundschaften und man lief gemeinsam den Schulweg. Nachmittags, nach dem Hort, unternahmen sie etwas zusammen, fast immer steckten sie ein Feuer an, standen daran und starrten in die Flammen. Im Herbst ließen sie selbst gefertigte Drachen in den Himmel steigen, die Baupläne für die Drachen hatten sie von anderen übernommen, und sie kauften sich das Papier und die Latten für die Drachen im Tapetengeschäft, den Leim stellten sie aus gekochten Kartoffeln selbst her.

Schon sehr viel aufwändiger war es, einen Tomahawk aus einem alten Türscharnier zu schmieden. Die Hülse für die Stielaufnahme war zwar schon vorhanden, es musste aber mit unzähligen Hammerschlägen ein Blatt geformt werden. War die Arbeit so weit vorangeschritten, spannte Paulo das Tomahawk in den Schraubstock und feilte eine Schneide an das Blatt, was ebenfalls seine Zeit in Anspruch nahm. Paulo erlernte während seiner Kind- und Jugendzeit viele handwerkliche Fertigkeiten, er konnte quasi mit jedem Werkzeug umgehen, kannte sich mit der Gartenarbeit, mit Fahrradreparaturen und anderen Arbeiten aus, die im Haushalt anfielen. Das waren Fertigkeiten, die Paul später bei der Ausgestaltung seines Lebensraumes halfen, nicht die Gartenarbeit und auch nicht allein die Fahrradreparatur, vielmehr das handwerkliche Geschick in seiner Summe, er konnte leichte Elektroarbeiten verrichten oder später auch seine Autos selbst reparieren. Er war im Grunde froh darüber, von zu Hause aus so viel mitbekommen zu haben, dass er sich meistens zu helfen wusste, wenn es etwas zu reparieren gab. Allerdings dachte er mit Grausen daran zurück, wie er zu Hause an die Arbeiten herangeführt wurde, denn das vollzog sich beinahe ausschließlich über Druck und Anordnung vonseiten des Vaters.

Unter Flüchen und mit geballter Faust in der Tasche kam Paulo den Anordnungen immer nach, er musste Land umgraben, Kohlen in den Keller schaufeln, Kaninchenfutter suchen, Holz hacken und Schuhe putzen, alles Arbeiten, die er nur mit großem Widerwillen erledigte. Wie hasste er es, wenn ihm ein Zettel unter die Nase gehalten wurde, auf dem die Anordnungen seines Vaters festgehalten waren, er selbst war auf seiner Schicht bei der Polizei. Oder Paulo sah aus dem Bus, mit dem er aus der Schule kam, bei sich vor dem Haus einen großen Berg Kohlen liegen, und er wusste, dass er den in den Keller befördern musste, auch wenn er noch so fluchte und schimpfte. So wurde Paulo zu Hause geprägt und ein Verhaltensrepertoire in ihm angelegt, das ihn als mündigen Bürger am Leben teilnehmen ließ, und das er an seine eigenen Kinder weitergeben konnte. Einiges ist ihm aber verleidet worden wie die Gartenarbeit, die teilweise wirklich bis an die Grenze der physischen Belastbarkeit ging, und deren Sinn er erst viel später begriff. Auch erst viel später ging ihm auf, dass ihm zu Hause ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung auferlegt worden war, deren Wert sich für vielfältigen Erfolg im späteren Erwachsenenleben erst in letzter Zweit erschlossen hat. Ebenso waren Gewissenhaftigkeit und Ausdauer Fähigkeiten, die ihm zu Hause durch die Arbeiten, die er erledigen musste, vermittelt wurden und ihm später sehr zu Diensten waren.

Wenn man Paulo nach seiner Kindheit fragte, was er an ihr besonders erwähnenswert gefunden hatte, so waren es diese Arbeiten und der damit verbundene Zwang, denen er sich beugen musste.

Allerdings hob er auch Momente großen Glücks hervor, die er in der starken Familienzusammengehörigkeit verortete und auch in der Geborgenheit begründet sah, die besonders auf das Wirken der Mutter zurückzuführen war, sie war immer allen ein gutes Vorbild und liebte ihre Kinder abgöttisch. Paulo konnte solche Momente großen Glücks auch benennen: da war das Essen nach der Schule, bei dem sich seine Mutter mit zu ihm an den Tisch setzte, da war das samstägliche Bad mit Badesalz, der frische Kuchen und die Samstagsabendsendung im Fernsehen, das Mittagessen am Sonntag und viele weitere Dinge mehr, die er aufzuzählen in der Lage war und ihn über den vielfältigen Zwang hinwegsehen ließen. Allein die Tatsache, dass Paulo so vieles erinnerte, Gutes wie Schlechtes, zeigte ihm, wie wichtig ein gutes Elternhaus für die Kindheit eines jeden war und wie bemitleidenswert all jene waren, die aus zerrütteten Familien stammten, und da musste er an die Familien in den Obdachlosenasylen denken. Paulo fühlte sich alles in allem sehr wohl und war froh, aus einer Familie zu stammen, in der er auch schon als Kind gefordert wurde, denn die Liebe die er erfahren hatte, wog jeden Zwang wieder auf.

Bildung

Paulo wurde wie alle Kinder mit 6 Jahren in die Grundschule eingeschult, und er bekam an seinem ersten Schultag eine große Schultüte, die mit allerlei Süßigkeiten gefüllt war. Er trug eine kurze Lederhose und hohe Lederschuhe, das war damals so Standard und wurde von beinahe allen anderen Schulkindern auch getragen. Es wurden Fotos geschossen, und Paulo stand stolz und blickte in die Kamera. An diesem Tag begann für Paulo eine 14jährige Schulzeit, in der ihm beigebracht wurde, was es hieß, zu leben. Und was sich so hochtrabend anhörte, war wirklich so gemeint, denn es ging in der Schule längst nicht nur um Wissensanhäufung. Es ging auch um das Erlernen sozialer Kompetenzen, das war ein Begriff, der damals noch nicht existierte, und der umfassend beschrieb, was neben dem kognitiven Wissenserwerb noch gemeint war, nämlich die Aneignung von Empathie und Rücksichtnahme, von Ausdauer und emotionaler Wärme. Aber diese Qualifikationen spielten erst viel später eine Rolle, zuerst ging es ans Bimsen, und das hieß lernen, lernen und nochmals lernen. Aber das Lernen fiel Paulo leicht, das kleine Einmaleins flog ihm quasi zu, und er erlernte auch schnell das Lesen und Schreiben, denn das hatte er immer schon zu Haue geübt. Seine Mutter hatte mit ihm das kleine Einmaleins rauf und runter gepaukt und ihm Zeitungsausschnitte zu lesen gegeben, die waren zwar nicht in lateinischer Schrift geschrieben, er kam aber mit den Druckbuchstaben schnell zurecht.

Und so konnte Paulo vor seinen Mitschülern glänzen, wenn er etwas vorlas, oder wenn er Kopfrechenaufgaben wie aus dem Effeff zu lösen wusste. In Paulos Grundschulzeit lernten die Kinder noch auf Schiefertafeln schreiben, dazu benutzten die Schüler einen Griffel, den sie immer anspitzen mussten, und mit dem sie Zeigestöcke oder andere einfache Symbole auf die Tafel kratzten. Sie hatten in einer kleinen Dose ein Schwämmchen, mit dem sie die Tafel sauber wischten und einen Lappen, mit dem sie sie wieder trockneten. Die Schulklassen waren damals groß und bestanden immer aus über 30 Schülern, und man wusste während des Unterrichts gleich, bei wem der Hase wo im Pfeffer lag. Paulo hatte nicht viel von seiner Grundschulzeit im Gedächtnis behalten, was ihm aber unvergessen geblieben war, war die Tatsache, dass er einmal vom Schulrektor mit dem Rohrstock verprügelt worden war. Die ganze Klasse hatte gestanden, um die Lehrerin zu begrüßen, als Paulo den Stuhl seines Freundes und Vordermannes zur Seite geschoben hatte und der, als sich alle wieder setze durften, ins Leere gefallen war und sich dabei wohl wehgetan hatte. Schnell war klar gewesen, dass Paulo der Verursacher des Zwischenfalls gewesen war, und er wurde zum Rektor geschickt. Der zog Paulos Lederhose stramm, damit er die Rohrstockschläge auch gut zu spüren bekam.

Im Lauf der vier Jahre, die Paulo an zwei Grundschulen verbrachte, kristallisierte sich heraus, wer geeignet sein würde, eine weiterführende Schule besuchen zu dürfen und wer nicht, und Paulo sollte auf das Gymnasium wechseln. Nun war es damals noch nicht so, dass man sich einfach an einem Gymnasium anmeldete und damit aufgenommen war. Jeder musste zunächst eine Aufnahmeprüfung bestehen und die zog sich über 3 Tage. Paulo erinnerte sich, wie er mit anderen Aspiranten Mathematik- und Deutschtests anfertigen musste und am Ende tatsächlich aufgenommen wurde, er war von diesem Zeitpunkt an Gymnasiast. Das war zu der damaligen Zeit etwas ganz Besonderes, denn der Prozentsatz der Schulkinder, die ein Gymnasium besuchen durften, war noch sehr klein, und Paulo musste frühzeitig darauf achten, dass er nicht abhob und sich wie ein Hahn unter den Gleichaltrigen bewegte. Aber genau das gelang ihm von Anfang an nur schlecht, was nicht nur an ihm lag, er war nicht unbedingt überheblich. Vielmehr entwickelten sich bei den ehemaligen Freunden einfach die Lebensläufe auseinander. Später war Paulo noch lange Jahre Schüler, während die anderen eine Berufsausbildung zu absolvieren begannen. Aber Paulo empfand das nicht als Nachteil, im Gegenteil, es eröffneten sich für ihn ganz neue Lebenswelten, von denen er früher nur geträumt hatte. Es formierte sich ein Freundeskreis, zu dem die Kinder aus Reichenhäusern gehörten, nicht nur, aber auch, und Paulo begann, sich in solchen Kreisen bewegen zu lernen.

Das fiel ihm nicht immer leicht, denn er musste einen Balanceakt absolvieren zwischen seiner doch einfachen Herkunft und dieser Welt der Begüterten.

Aber bei allen Unterscheiden, die es zwischen seiner und der Welt der Reichen gab, lagen die Interessen der Schulkinder doch gleich, weil sie noch jung waren und über kein großes Erfahrungsspektrum verfügten.

In der Anfangszeit am Gymnasium entwickelten sich die typischen Verhaltensmuster der Jungen. Es gab welche, die sich mit Fotoarbeiten im schuleigenen Fotolabor beschäftigten, andere machten Versuche mit selbstgebastelten Raketen und natürlich hatten sie alle ein Fahrrad, mit dem sie zum Gymnasium fuhren und es dort in den Fahrradkeller stellten. Eines Tages schenkten Paulos Eltern ihrem Jungen ein Fahrrad, das sie von Paulos Patenonkel übernommen hatten und das das absolute Nonplusultra war: es hatte eine Torpedo-Dreigangschaltung, es hatte sogar batteriebetriebene Blinker und ein Kombiinstrument von VDO mit Tacho und Uhr. Paulo wusste gar nicht, was er vor Dankbarkeit sagen sollte, als er das Rad geschenkt bekam, und er nahm sich natürlich vor, sehr gut auf seine neues Fahrrad aufzupassen. Sein Freund Rudi aus der Nachbarschaft, mit dem er die gleiche Klasse am Gymnasium besuchte, hatte ein ähnlich gut ausgestattetes Fahrrad, und zusammen fuhren sie morgens immer zum Gymnasium. Im Laufe der Zeit legten sie sich weitere Ausstattungsdetails an ihren Fahrrädern zu, und da war vor allem die Radlaufschelle zu nennen, die eigentlich verboten war, aber es machte eben Spaß, die Fußgänger mit der höllisch lauten Schelle zu erschrecken.

Nach und nach wandelte sich die Interessenlage der Schüler weg von den Fahrrädern und den typischen Jungenhobbys hin zu den Mädchen, die es natürlich in ihrer Klasse auch gab. Leider litten darüber der Lerneifer und das Interesse am Unterricht allgemein, sodass Paulo sitzenblieb. Aber es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, in der neuen Klasse wieder Freundschaften zu schließen. Es gab in der Mittelstufe Fächer, die Paulo sehr gern hatte und solche, die er hasste, weil sie von Lehrern unterrichtet wurden, die offensichtlich noch in der NS-Zeit unterrichtet hatten, denn sie verhielten sich den Schülern sehr autoritär, um nicht zu sagen brutal gegenüber. Zu Paulos Schulzeit wurde an den Schulen noch geprügelt und das bekam er auch zur Genüge mit. Die kleinste Verfehlung im Unterricht reichte aus, und man bekam eine Ohrfeige, nach der alle Finger des Lehrers noch lange auf der Backe zu sehen waren. Dann gab es aber auch Lehrer, zumeist jüngere, die von allen gemocht wurden, und die es verstanden, einen interessanten Unterricht zu geben. Das Gymnasium war, besonders für die älteren Schülern, ein ganz eigener Raum, über den die Außenstehenden meist nur die Köpfe schüttelten, den sie aber tolerierten, weil dem Gymnasium ja die geistige Elite entsprang, weshalb das, was dort getrieben wurde, nicht ganz verkehrt sein konnte.

Paulo erinnerte sich, wie er und seine Freunde das Maß an Toleranz oft beinahe überstrapazierten, das betraf ganz besonders ihr Äußeres. Sie ließen sich die Haare wachsen, sodass manche aussahen wie Rübezahl, oder sie trugen Kleidung, bei der man nicht wusste, ob sie nicht besser entsorgt gehört hätte. Er dachte an Hosen, die unten sehr weit ausgestellt waren und eine Kellerfalte hatten oder an Lackjacken, die mit Fuchspelz besetzt waren. Aber alles das wurde toleriert, man beließ den Gymnasiasten den Raum der Exaltiertheit und des Narzissmus. Und die Gymnasiasten wussten, dass sie eine Sonderstellung genossen, ohne dass sie arrogant waren, von Ausnahmen abgesehen. In dieser abgehobenen Stellung, und mit wenig Enthusiasmus für den Schulbetrieb machte Paulo ein schlechtes Abitur, aber es war ein Abitur, das ihm den Zutritt zu einer Hochschule ermöglichte. Er absolvierte die Bundeswehrzeit und schrieb sich anschließend für die Fächer Kunst und Mathematik für das Lehramt am Gymnasium ein. Ja, er wählte den Beruf des Gymnasiallehrers, obwohl er unter den Gymnasiallehrern so gelitten hatte. Aber es war in ihm eine Achtung vor diesem Beruf gewachsen, vielleicht ein Respekt vor der Machtfülle, mit der er ausgestattet war. Das Studentenleben sagte Paulo gleich zu, war er während seiner Zeit bei der Bundeswehr wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden, bewegte er sich von da an wieder auf einem abgehobenen Niveau.

Man ließ die Studenten gewähren, weil Studenten in den Augen der allermeisten Zeitgenossen ohnehin nicht ernst zu nehmen waren. Paulo wechselte im Lauf der Zeit die Studienfächer und belegte am Ende Geschichte und Sozialwissenschaften. Diese Fächerkombination sagte ihm doch deutlich mehr zu als die doch sehr abstrakte Mathematik und die arbeitsaufwändige Kunst, wo es gelegentlich Veranstaltungen erst abends um 20.00 h gab. Paulo zog mit anderen in eine Wohngemeinschaft und erlebte dort die intensivste Zeit seines Lebens. Es war eine Zeit der Exzesse und des Wahns, dennoch ließ Paulo sein Studium nicht schleifen. Er durchlebte Zeiten größten Glücksgefühls, zum Beispiel, wenn er sich gerade verliebt hatte, aber auch, wenn er eine gute Klausur nach Hause brachte und einmal auch, als er eine von Grund auf von ihm zusammengeschraubte Ente durch den TÜV gebracht hatte. Aber immer ging er in seine Veranstaltungen und achtete auf einen geregelten Studienablauf. Es wurden Feten gefeiert und Mädchenbekanntschaften geschlossen, die aber immer nur kurze Zeit andauerten, dennoch Momente großen Glücks bewirkten. An Paulos Studium schloss sich eine Referendarzeit an, und die war weniger dazu ausersehen, einem Glücksmomente zuteil werden zu lassen, denn sie war eine Abfolge von extrem autoritär durchgeführten Prüfungssituationen, die man nach entsprechender Vorbereitung bestehen musste, wollte man sein Referendariat erfolgreich abschließen.

Nachdem die Referendarzeit aber mit Erfolg abgeschlossen war, stellte sich ein unbeschreibliches Glücksgefühl ein, das zwar nicht lange anhielt, aber von einer großen Intensität war. Vermutlich musste man immer erst eine Durststrecke durchlaufen, um am Ende Glück spüren zu können. Schließlich war Paulo Studienrat und hatte eine sehr lange Ausbildungszeit hinter sich gebracht, zusammen mit der Grundschule waren es beinahe 20 Jahre! Er hatte die Erfahrung gemacht, dass man sich nicht unbedingt in Räume begeben musste, die für die anderen nicht zugänglich waren, um glücklich zu sein. Paul hatte erlebt, dass sich Glück entweder einstellt, nachdem man eine positive Leistung vollbracht hatte, oder es entstand aus einem situativen Kontext. Wenn man zum Beispiel ein Mädchen kennenlernte, ergab sich Glück eher zufällig. Sollte das Glück aber von langer Dauer sein, bedurfte es schon einer Basis, die erst einmal geschaffen werden musste und ein Weiteres war ihm klar geworden: materieller Reichtum gehörte nicht unbedingt dazu, wenn man glücklich werden wollte, es reichte aus, wenn man über die Mittel verfügte, die einem ein durchschnittliches Auskommen gewährleisteten. Aber gebildet musste man sein, um Glück erleben zu können, zufrieden sein konnte jeder, aber Glück war an Bildung gekoppelt, so viel war Paulo doch klar geworden.

Man musste die Welt, und was einen umgab verstehen und sich ein Urteil bilden können, wenn man nicht dazu verurteilt sein wollte, dahinvegetieren zu müssen. Bildung war ein Bedürfnis des Individuums, das in der Regel durch eigenes Zutun angestrebt werden konnte. Natürlich war der Erwerb von Bildung mit einigem Aufwand verbunden, man musste sich einem Lernprozess unterziehen und sich dazu in eine Schülerrolle begeben, weshalb die meisten davor zurückschreckten. Leider konnte man den Glückszustand, der sich im Anschluss einstellte, nicht hinreichend beschreiben, sonst würden sich der Anstrengung des Lernens mehr Menschen unterziehen. Paulo hatte sich ein Glückspolster angelegt, auf dem er prima existieren konnte, es fiel ihm nur sehr schwer, sich anderen in seiner Lage mitzuteilen.

Freundschaft, Liebe

Freundschaften hatten Paulo immer sehr viel bedeutet und waren für ihn auch Quellen des Glücks. Paulo hatte viele Freunde, schon in seiner Kindheit hatte er freundschaftliche Kontakte zu den Nachbarjungen geknüpft, und der Kontakt zu ihnen machte eigentlich sein Leben aus. Immer, wenn er sich in seiner Freizeit befand, umgab er sich mit seinen Freunden und unternahm Dinge mit ihnen, die er sein ganzes Leben lang nicht vergessen sollte. Vermutlich waren frühe Freundschaften für die Entwicklung des Individuums zu einem sozialen Wesen unabdingbar, denn nur aus dem frühen Umgang mit außerfamiliären Beziehungen konnte soziale Reife erwachsen.

Paulos Freundschaften beschränkten sich im frühen Kindesalter auf Jungen und wurden erst ganz allmählich auf Mädchen ausgedehnt, zu denen er lockeren Kontakt hatte, und er zog schon früh mit ihnen durch die Gegend. Besonders intensiv war natürlich sein Verhältnis zu seinen Schulkameraden, mit denen er das harte Los des Unterrichts teilen musste. Die gemeinsam erlebten Höhen und Tiefen schufen eine solide Basis für Freundschaften, denn es kam darauf an, dass man sich bei den schulischen Anforderungen half, und dabei gab es geschlechtsspezifische Unterschiede. Mädchen lösten die schulischen Probleme auf andere Weise, als Jungen das taten. Während Jungen die schulischen Herausforderungen direkt angingen, im Fall des Scheiterns aufgaben und sich in ihr vermeintliches Schicksal fügten, gingen Mädchen überlegter mit ihnen um und setzten sich intensiver mit ihnen auseinander, sie waren fleißiger und lernten mehr als Jungen, sodass sie eher mit schulischen Schwierigkeiten zurechtkamen. Gleichzeitig grenzten sie sich aber durch solch ein schulkonformes Verhalten stark von den Jungen ab. Paulo hatte noch kein Bedürfnis, Freundschaften zu Mädchen zu knüpfen, er bezog Glücksgefühle aus dem Kontakt zu gleichaltrigen Jungen, mit denen er die Gegend unsicher machte und voll darin aufging.

Paulo lebte eigentlich nur für seine Freundschaften, er sehnte das Ende seiner Verpflichtungen immer herbei, waren es nun Kindergarten oder die Schule, um sich danach sofort mit seinen Freuden zu treffen. Das sah dann meistens so aus, dass er vor die Tür ging und dort einen Pfiff oder einen besonderen Schrei von sich gab und damit den Freunden aus der Nachbarschaft zu verstehen gab, dass die Zeit gekommen war, irgendwelchen Unsinn anzustellen. Sein Pfiff oder Schrei wurde dann beantwortet, und er traf sich mit seinen Freunden entweder bei sich vor der Haustür, oder er lief zu ihnen. Danach zogen sie, wenn sie ein paar Pfennige in der Tasche hatten, zur Bude, wie der Verkaufskiosk hieß und kauften dort Bonbons, Kaugummis oder Mohrenköpfe. Im Sommer setzten sie sich auf ihre Fahrräder und fuhren zum Schwimmen an den Kanal. Dort empfand Paulo regelmäßig großes Glück, wenn er sich in das nicht ganz saubere Wasser warf und an die Schiffe heranschwamm, um auf sie zu klettern und ein Stück mit ihnen zu fahren. Anschließend sprang er wieder ins Wasser und fuhr mit einem anderen Schiff zurück, es waren immer seine Freunde dabei, und er hätte sich kaum etwas Schöneres vorstellen können. Oder aber er ging mit seinen Freunden auf die sehr große, seinem Haus gegenüberliegende Wiese und machte dort ein Lagerfeuer.

Sie standen dann da und starrten in die Flammen, es hätte nichts gegeben, was sie in diesem Moment mehr begeistert hätte. Später dann, als Paulo ungefähr 14 Jahre alt war, begann sein und seiner Freunde Interesse am Rauchen und Trinken zu wachsen. Es gab noch flache Schachteln mit 6 Zigaretten zu kaufen, die besorgten sie ich und gingen zum Rauchen immer irgendwohin, wo sie von niemandem gesehen wurden. Das war etwas, das sie nie mit einem Mädchen getan hätten, die Zigaretten schmeckten eigentlich auch gar nicht so richtig, es ging dabei nur um den Reiz des Verbotenen. Das war auch der Grund, weshalb Paulo und seine Freunde schon mal ein Bier tranken, obwohl Bier bitter schmeckte, und Bier deshalb niemandem zusagte. Es begann die Zeit, in der Paulo mit seinen Freunden angab und herumprahlte, sie fuhren in die Stadt und sahen sich dort nach Mädchen um, sehr unbeholfen zunächst und nicht zu jedermanns Freude. Aber auch da war es der Umgang mit den Freunden, der Paulo zu Glück verhalf und ihn Dinge erleben ließ, die er allein nie erlebt hätte. Sie stachelten sich an, um sich in ihrer Angeberei gegenseitig zu überbieten. Erst ganz allmählich wandelte sich der Umgang der Jungen und jeder bekundete ein Interesse an Mädchen. Bis Paulo aber ein Mädchen als seine Freundin ansehen konnte, dauerte es seine Zeit. Alle Jungen in Paulos Alter fingen mit einem Mal an, ihre Fühler nach Mädchen auszustrecken und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.

Sie zeigten sich Händchen haltend mit ihrer Angebeteten in der Öffentlichkeit und waren plötzlich wie ausgewechselt. Das Freizeitverhalten bekam eine ganz andere Qualität, nichts war mehr mit ausufernden Saufgelagen oder Rumgeprahle. Man hielt sich sehr gesittet und ging mit seiner Freundin ins Kino oder in ein Cafe, später auch in die Tanzschule. Was aber blieb, war der Glücksschub, den jeder erfuhr, und auch Paulo war endlich mit seiner Brigitte glücklich. Die Freundschaft mit seinen Kumpels blieb zwar bestehen, sie war aber durch die Liebe zu einem Mädchen ergänzt worden. Diese Liebe wurde als so gewaltig empfunden, dass Paulo alles um sich herum zu vergessen drohte, sodass seine Mutter ihn manchmal fragte, wo er denn mit seinen Gedanken wäre. Sie merkte ihrem Sohn an, dass die Liebe ihn völlig aus der Bahn warf, gleichzeitig sah sie, dass sie ihm guttat und Paulo ein nettes Mädchen zur Freundin hatte. Immer bevor sich die beiden trafen, wurde telefoniert und sie verabredeten sich dann in der Stadt, es geschah nur selten, dass Brigitte zu ihm nach Hause kam. Dagegen war Paulo öfter bei ihr, um gleich von dort zu verschwinden und irgendwo hinzugehen, wo sie ungestört knutschen konnten. Es war für ihn das höchste Glück, wenn er seine Brigitte in seinen Armen hielt, und sie sich küssten, sie sahen sich dabei sehr tief in ihre Augen und schworen sich ewige Liebe. Die Liebe unterschied sich doch deutlich von der Freundschaft, Paul hatte noch nie so etwas Intensives erlebt, er wäre bereit gewesen, beinahe alles zu tun, um seine Liebe zu Brigitte bestehen zu lassen.