Marionetten der Zeit - Jürgen Vogler - E-Book

Marionetten der Zeit E-Book

Jürgen Vogler

0,0

Beschreibung

Marionetten der Zeit Wir schreiben das Jahr 1895. Jene Zeit, die in unserem Land durch preußische Korrektheit und festumrissene gesellschaftliche Konventionen geformt wird. Renommee und Ansehen haben im Kaiserreich oberste Priorität. Auch durch die engen Gassen und um die alten Mauern der ehrwürdigen Hansestadt Lübeck weht ein solcher Wind. Jedoch Frederike, die junge Frau aus gutem Hause, möchte ein selbstbestimmtes Leben führen und sich nicht in das erdrückende Korsett einer ehrbaren Ehefrau mit Mann und Kindern pressen lassen. Mit Leidenschaft und allen Mitteln kämpft sie dafür, Schriftstellerin zu werden. Kann ihr Traum wahr werden? Auch der junge Arzt Niklas ist entsetzt über die vorsintflutlichen und geradezu anrüchigen Verhältnisse rund um die Leichenhalle vor dem Burgtor. Der Ruf nach einer zentralen Pathalogie wird laut. Ein Weg, der Missgunst und Hass hervorruft. Gelingt den Mutigen eine kleine Revolution oder dekradieren behäbiger Wohlstand und gesellschaftliche Gepflogenheiten die Akteure zu Marionetten der Zeit?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Autor

Jürgen Vogler wurde 1946 in der Holsteinischen Schweiz geboren und wohnt heute an der Ostseeküste. Nach seinem Dienst als Pressesprecher bei der Bundespolizei arbeitet er seit 1988 als Freier Journalist und Autor. „Ostholstein gestern“ zeigt sehr anschaulich sein Interesse an geschichtlichen Ereignissen. 2012 wurde sein erster historischer Roman „Der Mohr von Plön“ veröffentlicht, dem die tatsächliche Geschichte um den schwarzen Feldtrompeter Christian Gottlieb zu Grunde liegt. Es folgten die historischen Romane „Der Narr von Eutin“ und „Der Marquis von Lübeck“, „Die rechte Hand des Herzogs” und „Musketenfeuer“. 2021 setzte er mit „Schleswig-Holstein gestern“ und 2023 mit „Schleswig-Holstein vor langer Zeit” seine Ausflüge in die Geschichte des Landes zwischen den Meeren fort. „Marionetten der Zeit” ist sein neuester Roman, der wiederum in Schleswig-Holsteins bewegte Vergangenheit entführt. Wenn er nicht mit der Recherche für seine historischen Geschichten beschäftigt ist, schreibt der Autor auch Kurzkrimis und Kriminalromane.

www.juergenvogler.de

Titelbild: August Westphalen

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 1

Die morgendlichen Sonnenstrahlen hatten einige Mühe, die letzten Nebelschwaden über dem Wasser zu zerstreuen. Auch die Konturen der Kirchtürme verschwammen noch im Dunst des beginnenden Tages. Ein aufgeregtes Schnattern der Enten klang vom gegenüberliegenden Ufer herüber.

Frederike genoss es, den erwachenden Tag zu erleben. Mit baumelnden Beinen saß sie auf dem Bootssteg, die Füße in das erfrischende Wasser getaucht. Hier war sie ganz alleine. Hier konnte sie ungestört ihren Gedanken freien Lauf lassen. In fremde Welten entrücken, durch Blumenwiesen tanzen und auf feurigen Pferderücken an rauschenden Ufersäumen des Meeres galoppieren. Fantasien, die ohne Mühe in ihrem Kopf herumwirbelten und die sie irgendwann später unbedingt zu Papier bringen musste. Unbewusst runzelte Frederike die Stirn. Schreiben war ihre große Leidenschaft, aber genau das war ihr Problem. Niemand durfte davon erfahren. Keiner in ihrer Familie hatte Verständnis dafür. Ausgenommen vielleicht ihr großer Bruder Niklas. Doch grundsätzlich herrschte die Auffassung vor, ein Mädchen im Alter von siebzehn Jahren sollte sich auf die Aufgaben einer Hausfrau vorbereiten, die elterliche Suche nach einem angemessenen Ehemann wohlwollend begleiten und sich den gesellschaftlichen Gepflogenheiten für Mädchen aus gutem Hause fügen.

Unwillig schüttelte Frederike den Kopf, als wollte sie sich von diesen unangenehmen Gedanken befreien. Verflogen war die morgendlich idyllische Stimmung. Es schien, als wollte der laut krächzende Schwarm von Krähen Frederikes trübe Gedanken unterstreichen. Sie wusste, dass ihre Ausflüge auf den Bootssteg und ins Bootshaus von ihrer Mutter nicht gebilligt wurden. „Eine Tochter aus einem angesehenen Hause hat einen gewissen Anstand zu wahren.“ Mit nackten Füßen im Wasser zu planschen oder sich immer wieder wie ein kleines Kind im Bootshaus zu verstecken, gehörte wahrhaftig nicht dazu. Auf jeden Fall hatte die Mutter bisher nicht erfahren, dass dies einer von Frederikes kleinen Rückzugsorten war, an denen sie wenigstens für kurze Zeit ungestört schreiben konnte.

Erschrocken fuhr Frederike herum, als sie hinter sich schnelle Schritte auf dem Bootssteg hörte. Das Küchenmädchen Gesine eilte auf sie zu. „Ihre Frau Mutter bittet Sie dringend, zum Frühstück zu erscheinen, gnädiges Fräulein.“

Frederike hatte vollkommen die Zeit vergessen. Wie lange saß sie schon hier? „Ist gut, Gesine, ich komme.“

Im ersten Augenblick wollte sie aufspringen und dem hastig davonlaufenden Mädchen hinterhereilen. Doch dann besann Frederike sich. Es gab keinen Grund zur übertriebenen Hektik. Sie hatte die Frühstückszeit versäumt. Ein Donnerwetter der Mutter war ihr sicher. Ganz gleich, ob sie nun fünf Minuten früher oder später erschien. Das gemeinsame Familienfrühstück am Wochenende gehörte inzwischen zu einem unverrückbaren Ritual. Frederikes Vater, der Senator und Bankier Ferdinand Conradi, legte gesteigerten Wert auf diese Gepflogenheit. Für ein entschuldigtes Fernbleiben wurden höchste Maßstäbe angesetzt, die nach seiner Auffassung nur durch bettlägerige Krankheit oder Tod gerechtfertigt wären. Neben ihren Eltern würden alle Personen anwesend sein, die in der Villa in Lübecks Roeckstraße wohnten, ihre Großmutter Wilhelmine, die Mutter ihres Vaters, wie auch Frederikes Großonkel Matthias mütterlicherseits. Natürlich auch Paul, ihr kleiner Bruder. Selbst Familienmitglieder, die inzwischen nicht mehr unter dem elterlichen Dach wohnten, hatten zum Familienfrühstück zu erscheinen. Dazu gehörte Frederikes ältere Schwester Konstanze und ihr Ehemann Eberhard und ihr älterer Bruder Niklas.

Nachdem Frederike sich angekleidet und ihre hellbraune Lockenpracht mit ein paar Nadeln geordnet hatte, betrachtete sie sich im Spiegel. Es wäre vergeblich gewesen, sich noch mehr Mühe zu geben, denn ihrer Mutter konnte sie es ohnehin nie recht machen. Die Kritik an ihrem Aussehen war so sicher wie das Amen in der Kirche.

„Verzeiht bitte ergebenst, aber ich habe einmal wieder die Zeit verträumt“. Fröhlich lächelnd platzte Frederike in das Speisezimmer, wo bereits die gesamte Familie zusammensaß. Ferdinand Conradi musterte seine Tochter mit zusammengekniffenen Augen. Der Bankier und Senator, wie eh und je im gedeckten Anzug mit Weste, legte gesteigerten Wert auf das korrekte Verhalten seiner Mitarbeiter. Das übertrug er auch auf die Familie. Seine aufrechte Haltung und das stets leicht erhobene Kinn schienen diese Forderung noch zu unterstreichen.

„Dein Verhalten ist absolut inakzeptabel, Frederike. Wir werden in Zukunft ganz andere Seiten aufziehen müssen“, reagierte Elisabeth Conradi erwartungsgemäß aufgebracht. Frederikes Mutter war eine stattliche Erscheinung. Wie ihr Gatte immer korrekt gekleidet und frisiert. Ihr ununterbrochener Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und Wahrung der Etikette hatten ihrem sonst ebenmäßigem Gesicht im Laufe der Jahre eine verbissene Nuance hinzugefügt, die sich in einem verkniffenen Mund und tiefen Zornesfalten zwischen den Augen zeigten.

Frederike ging ungerührt um den Esstisch herum auf ihre Großmutter zu und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Zu der alten Dame hatte Frederike einen ganz liebevollen Kontakt. Schon als kleines Mädchen war es ihre Großmutter, die sie in allen Lebenslagen tröstete, ihr Mut zusprach und ihr so manche kindliche Sorge nahm. Mit ihr konnte sie bis heute alles besprechen. Ihre Lebenserfahrung und ihr Rat waren Frederike sehr wichtig. Auch wenn ihr Vater als Hausherr der Familie galt, so hatte das Wort der Grande Dame der Conradis Gewicht. Dezent, aber mit einem feinen Gespür für die Schwingungen und Meinungen in der Familie machte sie ihren Einfluss geltend. Trotz ihres Alters durfte man sie nicht unterschätzen.

Mit einem immer noch freundlichen Lächeln setzte sich Frederike auf ihren Platz.

„Wie siehst du überhaupt aus? Sind wir dir so gleichgültig, dass du es weder für nötig erachtest, pünktlich zu erscheinen, noch eine angemessene Kleidung anzulegen ...“

„Nun ist gut, Elisabeth“, unterbrach Frederikes Großmutter die Tiraden ihrer Schwiegertochter, „das Kind hat schon verstanden, was du ihm sagen willst.“

Elisabeth Conradi funkelte ihre Schwiegermutter ungnädig an, wagte jedoch nicht, ihr zu widersprechen.

Frederike bemerkte den amüsierten Gesichtsausdruck ihres großen Bruders Niklas, während ihre Schwester Konstanze mit toternster Miene die Vorwürfe der Mutter unterstützte. Ihr Ehemann Eberhard interessierte sich anscheinend weniger für diesen familiären Disput, wie auch Großonkel Matthias, denn beide waren intensiv mit dem Verzehr ihres Frühstücks beschäftigt. Lediglich der kleine Paul sah seine geliebte Schwester Frederike betreten an, als ob er selbst Opfer der Vorwürfe der Mutter gewesen wäre.

„Wir sprechen uns noch“, verkündete Ferdinand Conradi mit strafendem Blick auf Frederike über seine randlose Brille hinweg.

Für einen Augenblick war nur das Klappern von Besteck und Geschirr im Speisezimmer in der Villa der Conradis zu hören.

„Ach, übrigens, ich habe gestern ein interessantes Gespräch mit dem Konservenfabrikanten Hesselbach geführt. Sein Sohn Hanno ist gerade von einer längeren Auslandsreise zurückgekehrt und wird wohl über kurz oder lang den Betrieb übernehmen. Folglich wandelt er auch auf Freiersfüßen. Keine allzu schlechte Partie.“ Ferdinand Conradi blickte dabei Frederike auffordernd an. Doch die tat so, als ob sie den deutlichen Hinweis ihres Vaters nicht verstanden hätte und löffelte voller Konzentration ihr Frühstücksei.

„Ferdinand, das ist doch wohl nicht dein Ernst? Wir sind uns grundsätzlich zwar einig darüber, dass es an der Zeit ist, für Frederike einen passenden Ehemann zu finden, doch eine solche Krämerseele wie den Sohn eines Dosenfabrikanten muss es ja wahrhaftig nicht sein. Immerhin ist Frederike die Tochter eines Senators und angesehenen Bankiers der Hansestadt Lübeck.“ Elisabeth Conradi glaubte ihre Entrüstung noch mit dem hektischen Betupfen ihrer Lippen mit der Serviette unterstützen zu müssen.

„Krämerseele hin oder her, meine Liebe. Ich habe mir gerade die Bücher der Hesselbachs ansehen müssen, da sie wegen angestrebter Expansion einen Kredit beantragt haben. In diesem Unternehmen steckt Kapital. Und die Zukunft verspricht einiges.“

„Wie alt ist denn der Sohn der Hesselbachs überhaupt?“, wollte Frederikes Großmutter wissen.

„Ich denke so Ende zwanzig wird er wohl sein“, entgegnete Ferdinand Conradi zögerlich.

„Er ist einunddreißig“, warf Niklas ein, „ich kenne ihn noch aus der Schule. Ging zwei Klassen über mir. Galt damals aber nicht unbedingt als Leuchte.“

„Tranfunzel!“

„Was war das eben, Paul?“ Elisabeth Conradi fuhr ihren jüngsten Sohn entrüstet an.

„Paul hat nur ausgesprochen, wie auf der Schule die etwas Unterbelichteten genannt werden“, entschuldigte Niklas seinen kleinen Bruder lächelnd.

„Ich dulde in meinem Haus keine Gossensprache. Damit das ein für alle Mal klar ist“, echauffierte sich Elisabeth Conradi erneut.

Frederikes Großmutter konnte ihr amüsiertes Glucksen nicht unterdrücken. Alle sahen sie mehr oder weniger verwundert an. „Liebe Elisabeth, du wirst uns doch wohl nicht den Mund verbieten wollen. Anscheinend ist es erforderlich, dich an zwei elementare Dinge zu erinnern. Einerseits solltest du deine Formulierung 'mein Haus' noch einmal überdenken und andererseits nicht vergessen, dass selbst Individuen, die keine Geistesgrößen sind oder aus welchen Gründen auch immer in der Gosse leben, ebenso Menschen und Gottes Geschöpfe sind.“

„Mutter, ich glaube nicht, dass dieses der richtige Rahmen ist, mir Vorhaltungen zu machen. Ich versuche lediglich, dieser Familie einen gewissen gesellschaftlichen Rahmen zu geben. Was ja nicht verkehrt sein kann.“

„Möchtest du damit andeuten, dass es in dieser Familie bisher einen solchen gesellschaftlichen Rahmen, wie du ihn nennst, nicht gegeben hat?“ Wilhelmine Conradis Stimme verlor den freundlichen Unterton.

Der Hausherr räusperte sich merklich. „Ich glaube es ist nötig, wieder auf die eigentliche Frage zurückzukommen. Könnte der erwähnte Hanno Hesselbach ein möglicher Heiratskandidat für Frederike sein?“

Auch wenn die Mitglieder der Familie im ersten Augenblick verwundert dreinblickten, so wagte sich doch keiner hervor, um sich zu den Meinungen der Mutter oder der Großmutter zu äußern.

„Ich heiratete nicht!“ Alle sahen Frederike erschrocken an, als sie ihre laute Äußerung vernahmen.

„Das ist doch lächerlich“, stieß ihre Schwester Konstanze abfällig hervor.

Niklas, Frederikes Bruder, schien amüsiert zu sein. „Eine durchaus bedenkenswerte Position, die man diskutieren könnte.“

„Was bildest du dir eigentlich ein, Frederike? Woher nimmst du dir das Recht, gegen alle Konventionen zu verstoßen? Auch wenn der Heiratskandidat, den dein Vater soeben erwähnt hat, nicht meinen Vorstellungen entspricht, so ist deine störrische Haltung inakzeptabel. Schließlich hat die Familie einen Ruf zu verlieren.“ Frederikes Mutter konnte sich in ihrer Empörung kaum auf dem Stuhl halten.

Ferdinand Conradi hob beschwichtigend die Hand. „Folgen wir doch einmal dem nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag von Niklas. Wie stellst du dir denn dein Leben als nichtverheiratete Frau vor, Frederike?“

„Ich möchte schreiben. Schriftstellerin werden. Menschen kennenlernen, von meinen Erlebnissen berichten und die Leser mitnehmen auf meine Reisen in andere Welten.“ Frederike rutschte begeistert auf ihrem Stuhl herum.

„Jungmädchenträume!“ Eberhard Mendelsohn, Konstanzes Ehemann, tat Frederikes Worte mit einer missbilligenden Handbewegung ab.

„Das ist doch lächerlich, Frederike. Und wer soll das bezahlen?“, blies Frederikes Schwester in dasselbe Horn.

„Wieso hackt ihr sofort auf jemandem herum, der einmal andere Ideen hervorbringt?“, stieß Niklas ungnädig hervor. „Was glaubt ihr denn, wie weit die Menschheit wäre, wenn alle nur an dem Bekannten festgehalten hätten?“

„Wir würden noch in Höhlen wohnen!“ brummte Großonkel Matthias vor sich hin.

„Genau, Onkel“. Nicklas nickte dem Onkel freundlich zu. „Was ist so schlimm daran, dass eine junge Frau heute ein selbstbestimmtes Leben führen möchte?“

„Niklas, ich bitte dich. Was sind das denn für sozialistische Töne.“ Ferdinand Conradi schien sichtlich überrascht zu sein.

„Ich glaube, wir müssen uns nicht länger weiter über diese irrsinnigen Fantastereien eines unreifen Mädchens unterhalten“, verkündete Elisabeth Conradi entschlossen. „Jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft. Und auch du wirst dich entsprechend fügen, Frederike, und durch dein unangemessenes Verhalten keine Schande über die Familie bringen. Falls nicht, werde ich schon Möglichkeiten finden, dir den Weg zu weisen.“

Frederike sah ihre Mutter fassungslos an. Verzweifelt suchte sie den Blickkontakt zu ihrem Vater. Ohne Erfolg. Lediglich ihre Großmutter zwinkerte ihr beruhigend zu. „Irgendwie habe ich das Gefühl, Elisabeth, dass dir dein Bestreben um den guten Rufe der Familie über alles geht. Vergisst du dabei nicht, dass wir uns gerade über die Zukunft deiner Kinder unterhalten, deren Glück doch wohl für eine Mutter an höchster Stelle stehen sollte. Welchen Weg Frederike auch gehen wird, ihr jetzt bereits mit Konsequenzen zu drohen, wenn sie nicht deinen antiquierten Vorstellungen eines ehrbaren Lebens folgt, halte ich für überaus bedenklich und für vollkommen unangemessen.“

Elisabeth Conradi holte mehrfach tief Luft. „So etwas muss ich mir nicht bieten lassen.“ Sie warf ihre Serviette empört auf ihren Frühstücksteller, stand auf und rauschte davon.

„Musste das sein, Mutter?“ Der Senator sah seine Mutter stirnrunzelnd an.

„Wie du weißt, Ferdinand, haben dein Vater und ich stets gesteigerten Wert darauf gelegt, dass in diesem Haus ein offener und freier Geist gepflegt wird. Ich war bisher der Auffassung, dass diese Tradition bis in unsere Tage Bestand hätte. Doch ich erkenne gelegentlich Zeichen, die diesen Grundsätzen widersprechen. Vielleicht solltest du deine Frau einmal ins Gebet nehmen. Soweit es in meiner Macht steht, werde ich mich solchen Tendenzen widersetzen, mein Sohn.“ Mit einem Blick in die Runde wandte sich Wilhelmine Conradi an die Familie. „Und euch möchte ich bitten, diesem kleinen Disput keine allzu große Bedeutung beizumessen. Lasst uns den Tag jeder auf seine Weise genießen.“

„Frederike, warum machst du uns das Leben so schwer?“ Ferdinand Conradi sah seine Tochter mit einem betrübten Gesichtsausdruck an. Frederike saß aufrecht in ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch ihres Vaters. „Du weißt doch genau, was von einer jungen Frau aus gutem Hause erwartet wird. Warum fällt es dir so schwer, dich diesen gesellschaftlichen Formen anzupassen?“

„Vater, ich möchte keinem von euch Sorgen bereiten, aber dieses Korsett, das uns auf eine so bedrängende Form einengt und keine noch so kleine Ausnahme zulässt, schreit doch förmlich nach Protest. Allein mein innigster Wunsch, zu schreiben, wird bereits als Revolution empfunden. Mein Wissensdrang, zu lernen, Dinge zu erfahren und zu hinterfragen, gehört sich nicht für eine Frau und wird als hysterische Jungmädchenträumerei abgetan. Und warum? Weil die Männer unserer Gesellschaft einfach festgelegt haben, dass eine Frau nicht denken kann. Wie einfach ist doch unsere Welt.“ Frederike hatte sich in Rage geredet. Ihr Vater beobachtete seine Tochter mit einem gewissen Erstaunen. Nervös zupfte er an seinem Revers. Solche Töne hatte er von ihr bisher nicht gehört. Er war sich selbst nicht sicher, wie er dieses Aufbegehren bewerten sollte. Einerseits widersprachen Frederikes Thesen seiner grundsätzlichen konservativen Lebenseinstellung in vollem Umfang, andererseits wiederum beeindruckte ihn diese Leidenschaft, mit der seine junge Tochter ihre Ansichten vertrat.

Beschwichtigend hob er die Hände. „Frederike, wir können beide jetzt unaufhaltsam über gesellschaftliche Gepflogenheiten philosophieren und darüber, ob sie noch zeitgemäß sind oder nicht. Doch das wird uns letztlich nicht zu der Antwort auf die Frage bringen, wie soll denn in dem jetzt herrschenden gesellschaftlichen Gefüge deine Zukunft aussehen?“

Frederike sah ihren Vater eine ganze Weile schweigend an. Sie mochte diesen stets ehrbar und seriös auftretenden Mann von ganzem Herzen. Sie wusste, welche Ansichten er vertrat, wie er selbst seine Stellung und sein Ansehen in der Stadt zelebrierte, verbunden mit einem gewissen Stolz auf das Erreichte. Gleichwohl wusste sie, dass es ihrem Vater nicht leichtfiel, dieses auch zu Hause gepflegte Image nur ansatzweise zu unterbrechen. In der Familienrunde tat er es nie, aber jetzt schien ein solcher Augenblick zu sein. Vor ihr saß keine Folgsamkeit fordernde Respektsperson, sondern ein Vater, der mit besorgtem Gesicht versuchte, eine Lösung für das Glück seiner Tochter zu finden.

Frederike beugte sich vor und ergriff die Hände des Vaters, die auf dem Schreibtisch lagen. „Papa, ich weiß es doch auch nicht, aber meinst du nicht, dass es einen Weg geben könnte, zumindest ein Stückchen meiner Träume zu ermöglichen?“

Ferdinand Conradi lächelte seine Tochter an. „Du weißt ganz genau, dass mir dein Wohl und Glück sehr am Herzen liegt, mein Kind. Wie sollte denn das Stückchen deiner Träume aussehen?“

„Ich wäre ja schon froh darüber, wenn du und Mutter eure Suche nach einem geeigneten Ehemann für mich zurückstellen könntet. Lasst mir doch ein wenig mehr Zeit, meinen Weg zu finden. Selbst wenn die Gefahr besteht, dass ich die Zeit verpasse, einen Mann zu finden und ich eine alte Jungfer werde, dann ist das eben so.“

Ferdinand Conradi fing an zu lachen. „Meine liebe Frederike, du wirst sicherlich Verständnis dafür haben, dass es mir gegenwärtig etwas schwerfällt, in dir eine alte Jungfer zu sehen. Ich möchte dir ein Angebot machen, allerdings nicht ohne Forderung. Ich werde mich bei der Suche nach einem Heiratskandidaten zurückhalten und auch mit deiner Mutter darüber reden. Aber gleichzeitig verlange ich von dir, dass du dich darum bemühst, dass du das, was sich nun einmal von jungen Frauen in unserer Gesellschaft verlangt wird, auch würdig vertrittst. Können wir uns darauf einigen?“

Frederike verzog das Gesicht zu einem schmollenden Mund. „Papa, du willst aus mir eine genauso angepasste und brave Marionette machen wie meine Schwester Konstanze, die ehrfurchtsvoll und widerspruchslos die Füße ihres ach so hochgelobten Gatten küsst. Das bin ich nicht und das will ich auch nicht sein.“ Frederike sprang erbost auf. Nur mit Mühe konnte sie den Drang unterdrücken, zornig mit den Füßen aufzustampfen.

„Erkenne ich hier meinen kleinen kindlichen Trotzkopf wieder?“ Frederikes Vater schien sich über den Wutausbruch seiner Tochter zu amüsieren. „Komm einmal her, mein Kind.“

Frederike ging um den Schreibtisch herum, folgte den einladenden Armen ihres Vaters und setzte sich auf seinen Schoß.

„Rike, kannst du dich in deinem jungen Leben nur an eine Sekunde erinnern, dass wir uns beide gestritten haben? Haben wir beide die kleinen und großen Probleme nicht immer friedlich und harmonisch gelöst? Warum sollte es denn heute anders sein?“

Frederike konnte sich nur mit Mühe beruhigen. Auch wenn die anderen sie stets Rike nannten, so verzichtete ihr Vater in den meisten Fällen auf diese kindliche Anrede. Umso mehr berührten sie jetzt seine tröstenden Worte, die sie an ihre Kindheit erinnerten. Für sie war er immer der Fels in der Brandung gewesen. Neben der Großmutter fand sie bei ihrem Vater immer ein offenes Ohr. Er zeigte Verständnis für ihre kleinen Nöte und hatte auch stets eine Lösung parat. Wobei er es nicht an der manchmal nötigen Strenge missen ließ.

„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll, Papa. Mir schwirren so viele Ideen durch den Kopf. Aber wenn ich sie mir dann konkret vorstellen will, stehen mir immer nur große Mauern im Weg, auf denen in großer Schrift geschrieben steht 'Das darfst du nicht', 'Das schickt sich nicht', 'Das tut eine Frau nicht'.“

Ferdinand Conradi hob mit dem Zeigefinger den Kopf von Frederike, als er merkte, dass sie schluchzend zu weinen begann. „Rike, du bist doch ein intelligentes Mädchen. Warum fällt es dir denn so schwer, dich ein wenig diplomatischer zu verhalten?“ Ferdinand Conradi zog ein blütenweißes, gefaltetes Taschentuch aus der Brusttasche und tupfte behutsam Frederikes Tränen ab.

„Wie meinst du das?“, stieß Frederike stockend hervor.

„Ganz einfach. Kleide dich anständig, frisiere dich ordentlich, sei pünktlich, erfülle die kleinen Aufgaben, die deine Mutter dir aufträgt, widerspruchslos. Und du wirst sehen, dass du sehr schnell viel mehr Zeit für dich hast, ohne unter ständiger Aufsicht zu sein. Da du letztlich die Ansprüche einer braven Tochter aus hohem Hause erfüllst.“

Frederike lächelte ihren Vater an. „Ist das nicht ein wenig hinterhältig, Papa. Und das aus deinem Munde.“

Ferdinand Conradi schmunzelte ebenfalls. „Hinterhältig halte ich für einen zu drastischen Ausdruck. Ich nenne es eher Diplomatie, die dem Zwecke dient. Eine Bitte habe ich noch an dich, Frederike. Ich möchte in Kürze von dir wissen, wie du dir dein Leben in den folgenden Jahren konkret vorstellst. Lasse dich durch die Thesen auf deinen Mauern nicht bremsen. Schreibe mir auf, was du dir wünschst. Und dann setzen wir uns beide zusammen und überlegen, wie deine Wünsche in die heutige Zeit passen und ob einige auch Wirklichkeit werden können. Einverstanden?“

Frederike erhob sich wieder vom Schoß des Vaters und küsste ihm auf die Wange. „Danke, Papa. Wenn ich dich nicht hätte.“

Gedankenverloren blieb Ferdinand Conradi zurück, als Frederike beschwingt das Arbeitszimmer verlassen hatte. Er wusste genau genommen nicht, auf welche Weise er dem Erlebnisdrang seiner jüngsten Tochter helfen konnte. Er schalt sie selbst dafür, dass seine Welt als Bankier und Senator ausschließlich von Zahlen, Verträgen, Vorschriften und Gesetzen geprägt war und keinen Platz für Träume und Fantasien ließ. Ausflüge zu Lesungen, Ausstellungen und Theateraufführungen akzeptierte er als gesellschaftliche Notwendigkeit, doch Freude bereiteten ihm geistreiche Wortspiele, farbenprächtige Gemälde oder lautstarke Bühnenwerke nur bedingt. Doch ganz tief in seinem Unterbewusstsein schien eine kleine Flamme zu glimmen, die ihm dezent signalisierte, dass auch diese fantastische Welt der Künstler durchaus seine Existenzberechtigung in dem Leben eines Menschen haben könnte. Frederike schien dafür eine Begabung zu haben.

Kapitel 2

„Kannst du denn nicht aufpassen, du Dösbaddel? Das sind keine Hasenkötel, sondern Rosinen. Damit geht man sorgfältig um.“ Karl Schäfer zog Jochen, den Lehrling, am Ohr von dem Sack mit den Rosinen fort, verpasste ihm eine Ohrfeige und jagte den Jungen aus dem Laden.

„Ich weiß nicht, was ich mit diesem Nichtsnutz anfangen soll? Der stolpert noch über seine eigenen Füße und bis drei zählen kann er auch nicht.“ Der Krämer Schäfer war sichtlich erregt, was sich deutlich an seiner puterroten Gesichtsfarbe zeigte. Ein Zustand, der bei ihm nicht selten war. Es brauchte nicht viel, um den Krämer in Rage zu bringen. Das wusste auch Johanna.

„Vater, er meint es doch nicht so. Er ist eben noch ein wenig unbeholfen.“

„Ich weiß gar nicht, weshalb du diesen Töffel immer verteidigst“, pfiff Karl Schäfer seine Tochter an. „Nur aus Barmherzigkeit zu meiner Schwester habe ich ihren Balg in die Lehre genommen, nicht ahnend, dass dieser nach seinem Vater, diesem verblödeten Säufer, kommt.“

Johanna, die alle Hanna riefen, wusste, dass ihre Tante Mathilde Kollbaum, die Schwester ihres Vaters, mit einem Hafenarbeiter verheiratet gewesen war, der viel getrunken hatte und kürzlich auch gestorben war. Jetzt lebte sie in einer Gangbude im Hinterhof in der Engelsgrube und hatte große Mühe, sich und ihre vier Kinder über die Runden zu bringen. Für ihren Ältesten, den dreizehnjährigen Jochen, hatte sie bei ihrem Bruder, Johannas Vater, um eine Lehrstelle gebeten. Ein Esser weniger zu Hause.

Johanna hatte Mitleid mit ihrem Cousin. In seinem heranwachsenden Alter wirkte er schon äußerlich mit den langen Armen und Beinen, die gar nicht zu dem spindeldürren Körper gehören wollten, äußerst tollpatschig. Zu allem Übel stellte er sich zum Zorn ihres Vaters auch genauso an. Es gab kaum eine Tätigkeit, die ihm aufgetragen wurde, und war sie noch so einfach, die er zufriedenstellend erfüllte. Er hatte einfach zwei linke Hände und zudem auch noch einen nicht ganz hellen Geist.

„Hanna, sieh zu, dass die Schweinerei hier wegkommt und sorg dafür, dass ich diesen Blödmann heute nicht noch mal vor die Augen bekomme.“ Vor sich hin grummelnd verschwand der Krämer im Lager.

Johanna holte ein Kehrblech und einen Handfeger unter dem Ladentresen hervor und fegte die verstreuten Rosinen zusammen. Sicherheitshalber sah sie sich noch einmal um, bevor sie die Rosinen wieder in den Sack schüttete. Das bisschen Staub würde keinem schaden.

Das Geschäft ihres Vaters kannte Johanna von Kind auf an. Bereits als kleines Mädchen konnte sie schon die verschiedenen Waren bezeichnen und unterscheiden. Die Lagerarbeiter und Gesellen hatten ihre Freude daran, die neugierigen Fragen des kleinen Mädchens zu beantworten. Nicht selten gab es für Johanna auch kleine Belohnungen von den süßen Köstlichkeiten, die sich in den bunten Kartons und Schachteln versteckten. Schon während der Schulzeit half sie im Geschäft mit. Sehr schnell hatte ihr kritischer Vater das Talent seiner Tochter erkannt. Einerseits sprach ihr freundliches offenes Wesen die Kundschaft an, andererseits durfte man die zierliche Person nicht unterschätzen, denn ihr kaufmännisches Geschick war spätestens bei den Preisverhandlungen unverkennbar. Ganz gleich, ob die hochnäsige und geizige Frau Konsul oder der abgebrühte und um seinen Vorteil bedachte Großhändler, die Tochter des Krämers konnte man nicht über den Tisch ziehen.

Nachdem Johanna das Kehrblech und den Handfeger wieder zurückgelegt hatte, ging sie vor die Tür. Hier in der Holstenstraße reihten sich verschiedene Geschäfte aneinander. Darum hatte Johanna mit einiger Mühe ihren Vater davon überzeugen können, dass es nötig wäre, bereits auf den Stufen zum Krämerladen einige Waren zu präsentieren, um auf das verlockende Angebot im eigentlichen Geschäft aufmerksam zu machen. Auch wenn ihr Vater das nicht gerne sah, schickte sie zeitweise Reinhold, den Altgesellen, an die Front, wie sie es nannte. Reinhold war ein Unikum. Ein stets fröhlicher Kerl, dem keiner in seiner lebhaften Art böse sein konnte. „Der würde den Beduinen in der Wüste noch gefüllte Sandsäcke verkaufen“, hatte ihr Vater einst über seinen Altgesellen gelästert.

Auch an diesem Tag stand Reinhold wieder auf den Treppenstufen vor dem Geschäft. „Sehr geehrte Frau Professor, ich bewundere immer wieder Ihren treffsicheren Geschmack und die Auswahl Ihrer Kleidung. Niemand versteht es so gut wie Sie, ihre Persönlichkeit auf diese dezente Weise zu unterstreichen.“

Johanna konnte sich ein Kichern kaum verkneifen, doch Reinholds übertriebenen Komplimente verfehlten nicht ihre Wirkung. „Sie sind ein gerissener Charmeur, lieber Herr Hirschmeier, vermutlich werden Sie mir jetzt gleich Ihre einmaligen Köstlichkeiten schmackhaft machen wollen.“

„Nie im Leben, verehrte Frau Professor. Sie sind es doch, die solche Entscheidungen ganz alleine treffen. Wobei ich Ihnen selbstredend gerne mit Rat und Tat zur Seite stehe. Darf ich Sie bei dieser Gelegenheit gleich auf unsere vorzüglichen Tomaten aufmerksam machen?“ Reinhold hatte eine der Tomaten aus der Schütte genommen und präsentierte sie der Ehefrau von Professor Abendrot verlockend. „Wussten Sie eigentlich, verehrte Frau Professor, dass die Tomaten in Österreich Paradeiser genannt werden, da sie im Aussehen dem sündhaften Apfel aus dem Paradies so ähnlich sind?“

„Herr Hirschmeier, ich bitte Sie, Sie machen mich ja ganz verlegen.“ Die Frau des Professors kicherte wie ein junges Mädchen. „Mir soll es recht sein. Lassen Sie zehn von diesen Tomaten für mich bereitlegen. Meine Dienstmagd Greta wird nachher wie immer alles abholen. Aber ich möchte mich in Ihrem Geschäft noch ein wenig umsehen.“

Johanna begrüßte die Frau des Professors freundlich und zwinkerte dem Altgesellen aufmunternd zu, als die beiden die wenigen Stufen erklommen hatten und den Krämerladen betraten. Johanna ging hinunter auf die Straße und warf von dort aus einen prüfenden Blick auf die Waren. Sehr lange unbeaufsichtigt konnte man diese nicht lassen, denn in der engen Holstenstraße schoben sich Kutschen und Wagen mühevoll aneinander vorbei. Auch die neue Straßenbahn verlangte ihren Platz. Dazwischen die Menschen, die ihre Besorgungen machten, die Geschäfte aufsuchten oder nur lustwandelten. Manchmal waren es auch Diebe oder freche Kinder, die schnell einen Apfel ergriffen und hastig im allgemeinen Gewühl wieder untertauchten.

Johanna wollte gerade wieder in den Laden zurückkehren, als sie plötzlich aufgeregte Stimmen hörte. Mit Entsetzen sah sie, dass eine Kutsche in atemberaubender Geschwindigkeit vom Kohlmarkt her die Holstenstraße herunterraste. Der Kutscher bemühte sich erfolglos, das durchgegangene Pferd zu bändigen. Mit aufgerissenen Augen und Schaum vor dem Maul galoppierte das Tier voran, die Kutsche schleuderte hinterher. Menschen sprangen aufgeregt zur Seite. Mitten auf der Straße, nicht weit von Johanna entfernt, ging eine junge Frau, die, wie es schien, die heran rauschende Gefahr offensichtlich nicht erkannt hatte. Johanna zögerte keine Sekunde. Mit einem beherzten Sprung nach vorn umfasste sie die junge Frau um den Leib, schlug gemeinsam mit ihr auf das Pflaster und rollte auf die andere Straßenseite. Die Hufe des Pferdes donnerten haarscharf an ihren Köpfen vorbei. Johanna konnte gerade noch ihre Beine anziehen, um nicht von der Kutsche überrollt zu werden. Ein Aufschrei ging durch die Menge, da die meisten davon ausgingen, dass die beiden Frauen unter die Räder geraten waren. Helfende Hände eilten herbei. Doch Johanna kam bereits wieder auf die Beine und bückte sich besorgt über die junge Frau. Erschrocken starrte sie Johanna an.

„Mein Gott, was war das denn?“, stammelte sie benommen. Johanna erkannte jetzt, dass die junge Frau aus gutem Haus kommen musste, was ihre vornehme Kleidung unmissverständlich verriet. Nach dem heftigen Sturz allerdings waren ihre Röcke durcheinander geraten, sie hatte einen Schuh verloren und der weiße Strumpf ihres rechten Beines zeigte einen Riss, der sich mehr und mehr rot färbte.

„Sie sind verletzt, gnädiges Fräulein. Kommen Sie, ich bringe sie erst einmal von der Straße runter.“ Johanna fasste die junge Frau unter die Arme und hob sie hoch. Humpelnd überquerten sie die Straße und erklommen die Stufen zum Krämerladen. Ein Junge folgte ihnen und drückte Johanna den verloren gegangenen Schuh in die Hand.

Kaum hatten sie die Räume des Geschäftes betreten, konnte Johanna die junge Frau nur noch mit Mühe festhalten. Sie schien einer Ohnmacht nahe zu sein.

Aufgeregt eilte ihnen Reinhold, der Altgeselle, entgegen. „Ach, du liebe Zeit, was ist denn passiert? Was war das denn für ein Lärm da draußen?“

„Reinhold, hol einen Stuhl, die junge Frau muss sich setzen. Und auch gleich ein Glas Wasser“, ordnete Johanna an. Behutsam ließ sie die fast Ohnmächtige auf den Stuhl sinken, den Reinhold eilig gebracht hatte.

Durch den Lärm und die allgemeine Aufregung war jetzt auch Johannas Vater aufmerksam geworden und kam aus dem Lager herbeigeeilt. „Was ist das denn für ein Lärm hier?“ Ungläubig beobachtete er die ungewohnte Szene in seinem Laden.

„Die junge Frau ist verletzt“, stellte Johanna gerade fest.

„Sie braucht einen Arzt.“

„Ist das nicht die Tochter vom Senator Conradi?“, stammelte die Frau des Professors Abendrot entsetzt, als auch sie herangetreten war und die junge Frau auf dem Stuhl entdeckte.

Die so Angesprochene blickte kurz auf und nickte. „Ja, ich heiße Frederike Conradi. Aber was ist denn eben passiert?“

„Das erzähle ich ihnen später, Fräulein Conradi“, erklärte Johanna bestimmt. „Sie trinken erst einmal einen Schluck und dann muss ihre Wunde am Bein versorgt werden. Reinhold, sie zu, dass du Doktor Mahlberg erreichst. Er soll sofort kommen.“

„Ist nicht Ihr verehrter Herr Bruder selbst Arzt und hat er nicht eine Praxis am Kohlmarkt, Fräulein Conradi?“, schaltete sich die Frau des Professors wieder ein.

„Ja, Niklas hat seine Praxis am Kohlmarkt. Vielleicht könnte jemand ihn verständigen?“

Johanna wandte sich wieder dem Altgesellen zu. „Reinhold, du hast es gehört. Nicht Doktor Malberg, sondern Doktor Conradi, aber beeile dich.“

„Vater, wir müssen Fräulein Conradi in die gute Stube bringen“, flüsterte Johanna ihrem Vater zu. „Hier im Geschäft vor all den Leuten kann der Arzt sie nicht behandeln.“

Karl Krämer nickte verständnisvoll und ging auf Frederike zu, die wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl hing. „Tut mir leid, Fräulein, aber anders geht es leider nicht.“ Noch bevor Frederike wusste, was der Krämer damit meinte, hob er sie mühelos von dem Stuhl hoch und stampfte mit ihr in den hinteren Bereich des Ladens, von dem aus eine Treppe in die erste Etage führte. Johanna eilte voraus und öffnete, oben angekommen, die erste Tür zur rechten. In der guten Stube ließ der Krämer Frederike behutsam auf das Kanapee sinken.

„So, Fräulein, hier bleiben Sie liegen, bis der Doktor kommt. Meine Tochter wird so lange bei Ihnen bleiben.“

„Ich weiß immer noch nicht, was eigentlich passiert ist“, wollte Frederike wissen, als der Krämer den Raum wieder verlassen hatte.

„Ein Pferd ist durchgegangen und hätte Sie beinahe erwischt. Ich konnte Sie gerade noch fortreißen. Dabei sind wir beide etwas unglücklich auf das Pflaster geschlagen und Sie haben sich das Bein verletzt.“

Erst jetzt schien Frederike die Wunde zu spüren. Als sie an ihr rechtes Bein fassen wollte, hielt sie Johanna davon ab. „Vorsichtig. Ich hoffe, es blutet nicht zu sehr.“

Johanna schob langsam die Röcke hoch und entblößte Frederikes Beine. „Oh, mein Gott, das sieht ja schrecklich aus.“

Der zerrissene weiße Strumpf war inzwischen blutdurchtränkt. Die Wunde schien tiefer zu sein als anfangs vermutet.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. „Was habe ich gehört, wir haben einen Gast. Ach Gott, ach Gott, das arme Kind.“

Johanna wandte sich nur kurz um. „Mutter, wir benötigen eine Schere, warmes Wasser und Tücher.“

Johannas Mutter, eine etwas korpulente Frau mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck, reagierte schnell und verschwand sofort wieder. Kurze Zeit später erschien Ella, das Dienstmädchen der Krämers, mit einer Schere und weißen Tüchern in der Hand. Als sie die verletzte Frederike auf dem Kanapee entdeckte, zuckte sie zusammen, legte die Sachen auf den Tisch und hastete wieder davon.

„Ich werde jetzt die Wunde etwas säubern“, erklärte Johanna. Es war nicht das erste Mal, dass sie wusste, was zu tun war. Nur allzu oft hatte sie sich in der Vergangenheit um die kleinen und größeren Blessuren der Lagerarbeiter kümmern müssen.

Fingerfertig schnitt sie den weißen Strumpf auf und krempelte ihn vom Bein. „Die Strümpfe können wir wohl vergessen. Auch Ihr Kleid sieht nicht mehr vorzeigbar aus, nachdem wir beide die Holstenstraße damit gefeudelt haben.“

Obwohl Frederike zeitweise schmerzverzerrt das Gesicht verzog, musste sie jetzt doch lachen. „Ich glaube, das ist wohl das kleinere Übel.“

„Hier ist das warme Wasser, Johanna.“ Klara Schäfer, die Frau des Krämers, stand mit einer Schüssel in der Tür. „Ella, das ängstliche Huhn hat sich nicht wieder her getraut.“

Johannas Mutter stellte die Schüssel auf den Tisch, rückte einen Stuhl an das Kopfende des Kanapees heran und setzte sich. „So hast du dir deinen Ausflug wohl nicht vorgestellt, mein Kind.“ Dabei streichelte sie Frederike liebevoll über den Kopf. „Aber das wird schon wieder. Bis zur Hochzeit ist alles weg. Und unter die Röcke der Mädchen hat sowieso keiner zu gucken.“

Frederike und Johanna mussten gleichzeitig lachen. „Mit Mutters Lebensweisheiten muss ich nun schon von Geburt an leben.“

„Und hat es dir bis heute geschadet? Ich habe gehört, du bist die Tochter von Senator Conradi? Wie heißt du eigentlich?“

„Ich heiße Frederike.“

„Schöner Name. Nun wollen wir aber erst einmal sehen, dass wir dein Bein wieder in Ordnung bringen.“

Johanna hatte Frederikes Bein vom Blut gesäubert und ein Tuch auf die immer noch blutende Wunde gelegt.

Nach einem kurzen Klopfen stand Niklas Conradi in der Tür. „Was ist das denn für eine unvernünftige Patientin, zu der ich gerufen werde.“

Niklas trat lächelnd näher, begrüßte Frau und Tochter des Krämers und wandte sich seiner Schwester zu.

„Es tut mir leid, Niklas, aber ...“

„Dir muss nichts leidtun“, unterbrach er Frederike. „Selbst für unvernünftige Schwestern ist ein Doktor da, wenn sie ihn denn brauchen. Dann wollen wir einmal sehen, wo denn der Schuh drückt.“

Niklas Conradi hob behutsam das abdeckende Tuch von der Wunde. „Da wird wohl ein kleiner Verband nötig sein, meine kleine Schwester.“

Niklas wandte sich Johanna zu. „Übrigens, das, was Sie hinsichtlich der Wundversorgung schon gemacht haben, verdient hohe Anerkennung. Wenn ich einmal Hilfe in meiner Praxis benötige, weiß ich in Zukunft, wo ich Sie finde.“

„Nun übertreiben Sie aber, Herr Doktor“, warf Johannas Mutter verschämt ein.

„Nein, nein, Frau Schäfer. Sie können stolz auf Ihre Tochter sein. Ein solches umsichtiges Handeln findet man bei jungen Frauen heute viel zu selten.“

Mit fachkundigen Handgriffen legte Niklas seiner Schwester einen festen Verband an. „Es wird dir nicht gefallen, liebe Rike, aber in den nächsten Tagen ist Schongang angesagt. Bein hochlegen und entspannen.“

„Ich glaube, ich möchte jetzt auch gar nicht viel herumlaufen. Es tut doch ganz schön weh.“ Frederike klang nicht sehr fröhlich.

„Ich gebe dir nachher noch ein Mittel gegen die Schmerzen. Aber zunächst wollen wir dich einmal wieder nach Hause bringen.“ Niklas wandte sich Johanna zu. „Können Sie veranlassen, dass wir eine Kutsche bekommen?“

„Kein Problem, Herr Doktor“, antwortete Johanna eilig. „Der Vater verfügt selbst über einen Kutschwagen. Er steht im Hof. Ich werde gleich dafür sorgen, dass er angespannt wird.“

Johanna eilte davon.

„Ich werde dich jetzt einmal mehr auf den Arm nehmen, kleine Schwester. Frau Schäfer, wenn Sie so freundlich wären und meine Tasche mit zum Wagen bringen.“

Als Niklas Frederike in den Kutschwagen gesetzt hatte, kam auch der Krämer auf den Hof. Niklas unterhielt sich eine Weile mit dem Ehepaar und bedankte sich bei ihnen für ihre Hilfe. Während ein Geselle noch das Pferd anspannte, sah Johanna neugierig in die Kutsche. „Ist alles in Ordnung, gnädiges Fräulein? Ich wünsche Ihnen trotz der Aufregung eine gute Heimfahrt.“

Frederike lächelte die Tochter des Krämers an. „Meinen Ausflug in die Stadt hatte ich mir fürwahr ein wenig anders vorgestellt. Aber da wir beide uns nun schon gemeinsam in der Gosse gewälzt haben, lassen wir doch das gnädige Fräulein weg. Ich bin Frederike. Freunde rufen mich allerdings immer Rike.“

Johanna lachte auf. „Ich heiße Johanna, aber mehr als Hanna gibt es meistens auch für mich nicht. Und das mit dem gemeinsam in der Gosse wälzen, muss ich mir merken.“

„Für den Beginn einer Freundschaft könnte ich mir allerdings auch ein paar weniger schmerzhafte Ereignisse vorstellen. Ganz herzlichen Dank, Hanna. Du bist meine Lebensretterin.“

„Den Damen scheint es ja wohl langsam wieder gutzugehen“, stellte Niklas fest, als er nähertrat und die Kutsche bestieg. „Auch Ihnen, Fräulein Schäfer, nochmals unseren aufrichtigen Dank. Ihre Dienste werden wir nicht so schnell vergessen.“

Rumpelnd verließ der Kutschwagen den Hof des Krämers, bog wenig später auf die Untertrave ein, um über die Beckergrube und die Breite Straße auf das Burgtor zuzusteuern. Niklas hatte dem Kutscher das Ziel in der Roeckstraße beschrieben.

„Neben deinem Malheur und dem lädierten Knie wird dir eine weitere Aufregung nicht erspart bleiben, Rike“, stellte Niklas schmunzelnd fest, während sie am Heilig-Geist-Hospital vorbeifuhren.

„Du meinst die Inquisition von Mutter, nehme ich an“. Frederike stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Gut erkannt, kleine Schwester. Wie ich sehe, hat dein scharfer Verstand durch den Unfall nicht gelitten.“

„Mach dich nur lustig, Niklas. Du musst Mutters Fragen und Attacken ja nicht ertragen.“

„Ich befürchte, selbst wenn ich Mutter unter dem medizinischen Aspekt erkläre, dass du absolute Ruhe benötigst, wird sie sich nicht von dir fernhalten lassen. Also wappne dich schon einmal auf einen alles fordernden Frontalangriff.“

„Du kannst einem richtig Mut machen. Ich denke, ein Arzt soll sich um seine Patienten liebevoll kümmern?“

Niklas legte beruhigend seine Hand auf Frederikes Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Arzt hin oder her. Ich bin doch immer für dich da, meine Kleine. Das weißt du doch.“

„Ja, das weiß ich.“ Frederike legte versöhnlich ihren Kopf auf Niklas' Schulter.

„Frederike, ich verstehe dich nicht. Was ist denn passiert? Und wie siehst du überhaupt aus? Das Kleid ist ja zerrissen. Und wo sind deine Strümpfe?“ Entsetzt starrte Elisabeth Conradi auf Frederikes nacktes Bein mit dem Verband.

Wie Frederike befürchtet hatte, fiel ihre Mutter förmlich über sie her. Der fremde, etwas ramponierte Kutschwagen vor der Villa hatte sie bereits aufgeschreckt. Fassungslos war sie den Kindern gefolgt, als Niklas Frederike in den Wintergarten getragen hatte.

„Mutter, ich glaube, Frederike benötigt jetzt etwas Ruhe. Aufregung hat sie in den vergangenen Stunden reichlich gehabt.“ Niklas' besänftigenden Worte verfehlten vollkommen ihre Wirkung. Elisabeth Conradi war entrüstet. Spürte sie doch ungeahnte bedrohliche Gefahren auf sich und das Ansehen der Familie zukommen. Wie es schien, hatte sich ihre leichtsinnige Tochter einmal wieder in eine skandalöse Lage manövriert.

„Ich erwarte von euch auf der Stelle eine eindeutige Erklärung für diese undurchsichtige und groteske Situation.“

Niklas lächelte seine Schwester an, als wollte er sagen: „Hab’ ich es dir nicht prophezeit?“ Dann wandte er sich an seine Mutter.

„Frederike hatte einen kleinen Unfall. Sie ist einem durchgehenden Pferd in die Quere gekommen. Die Schramme an ihrem Knie wird sie überleben. Und das zerrissene Kleid wird sicherlich auch zu ersetzen sein.“

„Wieso ein Unfall? Und wo hast du dich überhaupt herumgetrieben, dass du irgendwelchen Pferden in den Weg laufen konntest?“ Elisabeth Conradi wollte sich nicht beruhigen.

Frederike hörte sich die Vorwürfe ihrer Mutter eine ganze Weile ruhig an. Langsam verspürte sie aber einen wachsenden Groll in ihrer Brust. „Vielen Dank, Mutter, dass du dir so aufopferungsvolle Sorgen um meine Gesundheit machst. Dank Niklas' liebevollem Einsatz geht es mir gut.“

Elisabeth Conradi starrte ihre Tochter an, als hätte sie von ihr den Sprung in die eiskalte Wakenitz verlangt. „Frederike, was sind das denn für Töne? Ich erwarte von dir ein wenig mehr Respekt. Bedenke bitte, wen du vor dir hast...“

Niklas ging auf seine Mutter zu, ergriff sie am Arm und führte sie aus dem Wintergarten. „Wie schon gesagt, Frederike benötigt jetzt Ruhe. Sie wird dir zu gegebener Zeit alles erklären.“

„Niklas, lass mich los.“ Elisabeth Conradi versuchte, sich dem Griff zu entwinden, doch Niklas schob sie entschlossen vor sich her. Erst im Wohnzimmer ließ er sie los, nachdem er sie auf einem Sessel platziert hatte.

„Mutter, ist es denn so schwer zu verstehen, dass deine Tochter nach einem solchen Vorfall zunächst einmal Fürsorge benötigt und wahrhaftig keine unqualifizierten Vorwürfe?“ Niklas hatte sich vor seine Mutter aufgebaut und blickte sie von oben herab ernsthaft an.

„Bin ich denn hier im Tollhaus, dass ich mir in meinem eigenen Haus von meinen Kindern Vorwürfe machen lassen muss?“ Elisabeth Conradi versuchte sich zu erheben, aber Niklas drückte sie mit seiner Hand auf ihrer Schulter wieder in den Sessel.

„Mutter, beruhige dich. Es geht momentan nicht um dein Seelenheil, sondern um das Wohl von Frederike. Und wenn du sie nicht in Ruhe lässt, sperre ich dich in der Besenkammer ein. Ich nehme an, dass Vater eine solche Maßnahme durchaus für angemessen halten würde, wenn er davon erfährt.“ Niklas lächelte seine Mutter freundlich an, die ihn mit offenem Mund fassungslos anstarrte. Solche anmaßenden und respektlosen Töne hatte sie von keinem ihrer Kinder je gehört. Noch bevor sie antworten konnte, verließ Niklas das Wohnzimmer.

Kaum hatte Niklas mit der Mutter den Wintergarten verlassen, quälte sich Frederike von der Liege und läutete. Kurz darauf erschien Stine, das Hausmädchen. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund, als sie Frederike in ihrem derangierten Zustand erblickte. „Oh, mein Gott, Fräulein Frederike, was ist Ihnen denn passiert?“

„Es sieht schlimmer aus, als es ist, Stine. Sei so gut und sorge dafür, dass Albert herkommt. Er muss mir behilflich sein. Alleine komme ich die Treppe nicht hoch.“

„Selbstverständlich, Fräulein Frederike.“ Stine rauschte davon, sichtlich erleichtert, dass von ihr nicht noch andere Hilfen erwartet wurden.

Kurze Zeit später klopfte es und Albert, der langjährige Hausdiener, trat ein. „Frederike, Frederike, man kann dich auch keinen Augenblick aus den Augen lassen.“

Frederike lächelte den Hausdiener an. „Vielleicht hast du ja einen kurzen Augenblick nicht auf mich aufgepasst, Albert.“ Der Hausdiener kannte Frederike schon von Geburt an. Sie beide verband eine innere Herzlichkeit. Frederike empfand eine väterliche Freundschaft zu Albert, der stets Verständnis für ihre jugendlichen Nöte zeigte und der in der Vergangenheit nicht nur einmal Retter in ihrer kindlichen Not gewesen war. So hatte sie ihm auch rigoros verboten, sie mit Sie anzureden, als sie älter wurde. Lediglich im Beisein der Eltern wahrte Albert die Form.

„Ich weiß, ich weiß, auf der Suche nach dem Schuldigen ist Albert in diesem Haus stets willkommen. Ganz gleich, was vorgefallen ist.“

„Vermutlich liegt es daran, dass du das dickste Fell von uns allen hast“, neckte Frederike den Hausdiener weiter.

Albert lachte. „Schluss jetzt mit den Komplimenten, Frederike. Was ist passiert und wie kann ich helfen?“

„Ich wäre dir dankbar, wenn du mich heimlich in mein Zimmer bringen könntest. Später erzähle ich dir dann alles haarklein.“

Albert trat auf die Liege zu und hob Frederike auf, als ob sie nur ein Federkissen wäre. An der Tür lauschte er kurz und ging dann in zügigen Schritten auf die Treppe zu. Aus dem Wohnzimmer waren Stimmen zu hören. Ohne darauf zu achten, erklomm Albert die Stufen in die erste Etage und steuerte zielstrebig auf Frederikes Zimmer zu. Als er den Raum betreten hatte, sah er sich Hilfe suchend um. „Wohin jetzt?“

„Setzte mich ruhig auf das Bett. Ich komme dann schon alleine klar.“