Mondblüte - Nora Roberts - E-Book
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Mondblüte E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Eine junge Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln, ein geheimnisvoller Mann, der sie in ihren Träumen aufsucht und ein Geheimnis, so alt wie die Zeit – der mitreißende Auftakt der brandneuen Trilogie von Nora Roberts erstmals auf Deutsch!

Die junge Lehrerin Breen Kelly ist unzufrieden: Der Job macht ihr keinen Spaß, und selbst ihr bester Freund Marco schafft es kaum noch, sie zum Lachen zu bringen. Als sie erfährt, dass ihr Vater, der sie und ihre Mutter vor Jahren verlassen hat, eine gewaltige Summe Geld für sie angelegt hat, kündigt sie spontan, um den Sommer in dessen Heimat Irland zu verbringen. Zwischen den grünen Weiten der Insel und in einem lauschigen Cottage besinnt sie sich ihrer selbst und erlangt neuen Mut. Als eines Tages ein süßer Welpe vor ihrer Tür auftaucht, folgt sie dem Tier und landet in einer anderen Welt – einer Welt, in der nicht nur ihr wahres Schicksal, sondern auch ein sehr attraktiver Mann auf sie wartet …

Der Zauber der grünen Insel:
Band 1: Mondblüte
Band 2: Himmelsblüte
Band 3: Sonnenblüte (in Vorbereitung)

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Seitenzahl: 806

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Buch

Die junge Lehrerin Breen Kelly ist unzufrieden: Der Job macht ihr keinen Spaß, und selbst ihr bester Freund Marco schafft es kaum noch, sie zum Lachen zu bringen. Als sie erfährt, dass ihr Vater, der sie und ihre Mutter vor Jahren verlassen hat, eine gewaltige Summe Geld für sie angelegt hat, kündigt sie spontan, um den Sommer in dessen Heimat Irland zu verbringen. Zwischen den grünen Weiten der Insel und in einem lauschigen Cottage besinnt sie sich auf sich selbst und erlangt neuen Mut. Als eines Tages ein süßer Welpe vor ihrer Tür auftaucht, folgt sie dem Tier und landet in einer anderen Welt – einer Welt, in der nicht nur ihr wahres Schicksal, sondern auch ein sehr attraktiver Mann auf sie wartet …

Autorin

Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt: Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von über 500 Millionen Exemplaren. Auch in Deutschland erobern ihre Bücher und Hörbücher regelmäßig die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht Nora Roberts seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane.

Besuchen Sie uns auch auf www.instagram.com/blanvalet.verlagund www.facebook.com/blanvalet.

Nora Roberts

Mondblüte

Roman

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »The Awakening« bei St. Martin’s Press, an imprint of St. Martin’s Publishing Group, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © der Originalausgabe 2020 by Nora Roberts

Published by arrangement with Eleanor Wilder

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: René Stein

Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (BLESKY; visual-journey; Jason Wilde)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

LH ∙ Herstellung: sam

ISBN: 978-3-641-27475-7V003www.blanvalet.de

Meinem aufgeweckten Jungen Colt, der unserem Leben zusätzliches Licht und Liebe schenkt.

Teil 1 VERÄNDERUNGEN

Eine Lüge, die halb wahr ist, ist die schwärzeste von allen.

ALFRED, LORD TENNYSON

Denk nicht, ich sei das Ding noch, das ich war.

WILLIAM SHAKESPEARE

Prolog

Tal der Fey

Feine Nebelfäden stiegen silbrig schimmernd aus dem grünen Wasser in den ruhigen grauen Himmel auf, während im Osten schon das erste zarte Morgenrot mit angehaltenem Atem darauf wartete, hinter den Hügeln aufzusteigen und die Welt mit seinem warmen Glanz zu überziehen.

Keegan O’Broin stand in der kühlen Dämmerung am Ufer des Gewässers und verfolgte reglos, wie der Tag anbrach. Ein Tag des Wechsels und der Wahl, der Hoffnung und der Macht.

Ebenfalls mit angehaltenem Atem wartete er darauf, seine Pflicht zu tun, und hoffte, spätestens am Mittag wieder auf dem Hof zu sein. Natürlich warteten dort jede Menge Arbeit und das nächste Training, aber dort war er nun mal zu Hause, und dort fühlte er sich wohl.

Als das Signal ertönte, zog er seine Tunika und seine Stiefel aus. Sein Bruder Harken und an die sechshundert anderer junger (und auch nicht mehr ganz so junger) Leute aus verschiedenen Ecken ihres Landes taten es ihm gleich.

Sie kamen aus dem Süden von Talamh, wo die Frommen ihre geheimen Gebete sprachen, aus dem Norden, wo das Meer der Stürme tobte und der Schutz der Küste in den Händen ihrer besten Krieger lag, aus dem Osten mit der Hauptstadt und hier aus dem Tal im Westen, wo seine Heimat war.

Ihr Anführer war tot. Er hatte sich geopfert, um die Welt zu retten, und wie es geschrieben stand, berichtet und gesungen würde, würde hier an diesem Ort, an diesem Tag, auf diese ganz besondere Art ein neuer Anführer bestimmt.

Natürlich würde Harken niemals Taoiseach werden wollen. Zwar machte es den Zwölfjährigen stolz, dass er als Jüngster zu dem Wettstreit zugelassen war, aber er war mit Leib und Seele Bauer, und im Grunde waren dieser Tag, die vielen Leute und der Kopfsprung in den See für ihn einfach ein großer Spaß.

Und Keegan selber würde heute ein Versprechen halten, das er einem Sterbenden gegeben hatte, einem Mann, für den er wie ein Sohn gewesen war, nachdem die Götter seinen eigenen Vater heimgerufen hatten, einem Mann, dem Talamh seinen Sieg über die Macht, die sie hätte versklaven wollen, zu verdanken hatte, auch wenn er in diesem Kampf gefallen war.

Er hatte sicher nicht den Wunsch, das Schwert des Taoiseach aus dem See zu holen, doch er hatte diesem Mann sein Wort gegeben, also würde er sich so wie all die anderen Jungen, Mädchen, Männer und Frauen in die Fluten stürzen.

»Na los, Keegan!« Der junge Harken grinste und ließ seine rabenschwarzen Haare in der Frühlingsbrise wehen. »Das wird sicher lustig, und wenn ich der neue Taoiseach werde, lege ich als Erstes fest, dass eine Woche lang im ganzen Land geschlemmt, getanzt und wild gefeiert wird.«

»Und wer wird dann die Schafe hüten und die Kühe melken?«

»Wenn ich Taoiseach werde, mache ich das einfach selbst. Ich trauere auch um ihn«, erklärte Harken und schlang einen Arm um Keegans Schultern, weil er wusste, dass der Tod des letzten Anführers ihm wirklich naheging. »Er war ein Held und wird für immer unvergessen sein, aber wir haben diese Schlacht gewonnen, und heute wird ein neuer Anführer bestimmt. Genauso würde er es haben wollen, und genauso muss es sein.« Er blickte sich mit himmelblauen Augen in der Menschenmenge um. »Wir ehren dadurch ihn, alle, die vor ihm kamen, und jeden, der noch kommen wird.« Entschlossen rammte er seinem Bruder einen Ellenbogen in die Seite und verlangte: »Also hör gefälligst auf zu grübeln. Schließlich wird bestimmt nicht einer von uns beiden mit Cosantoir in den Händen wieder an die Oberfläche kommen. Wahrscheinlich wird es Cara, weil sie besser schwimmt als eine Nixe, oder Cullen, denn der hat schließlich wochenlang geübt, unter Wasser die Luft anzuhalten.«

»Das passt zu ihm«, murmelte Keegan schlecht gelaunt, denn Cullen war zwar ein hervorragender Krieger, doch das Zeug zum Clanchef hätte er ganz sicher nicht. Statt nachzudenken, stürzte er sich lieber blindlings in die Schlacht.

Keegan war mit seinen vierzehn Jahren ebenfalls Soldat. Er hatte Blut vergossen, und er kannte das damit einhergehende Gefühl der Macht, doch ihm war klar, dass Nachdenken genauso wichtig wie das Schwert, der Speer und der geschickte Umgang damit war.

Vielleicht war es sogar noch wichtiger. Das hatten ihm sein Vater und der Mann, der ihn wie einen Sohn behandelt hatte, beigebracht.

Als er mit Harken und so vielen anderen, die aufgeregt wie Elstern plapperten, am Ufer stand, bemerkte er, dass seine Mutter Tarryn sich durch das Gedränge schob.

Er wünschte sich, sie würde heute tauchen, denn er kannte niemanden, der sich so gut wie sie darauf verstand, einen Streit zu schlichten, und in der Lage war, ein Dutzend Dinge gleichzeitig zu tun. Harken hatte ihre Freundlichkeit geerbt, ihre Schwester Aisling ihre Schönheit, und er selbst hoffte, dass er selbst zumindest einen Teil der Klugheit mitbekommen hatte, die sie ein ums andere Mal bewies.

Tarryn blieb bei Aisling stehen – die statt mit ihren Brüdern, die sie momentan verachtete, mit ihren Freundinnen zusammenstand. Sie legte eine Hand unter ihr Kinn, küsste ihr die Wangen, sagte irgendwas, worüber ihre Tochter lächelte, und wandte sich dann ihren Söhnen zu.

»Ein Grinsen und ein Stirnrunzeln«, bemerkte sie, zerzauste Harken sanft das dunkle Haar und zupfte spielerisch an Keegans langem Kriegerzopf, der über seine linke Schulter fiel. »Vergesst nicht die Bedeutung dieses Tags. Er soll uns einen und uns sagen, wer und was wir sind. Was ihr hier tut, haben andere schon vor über tausend Jahren getan. Und die Namen aller, die das Schwert gefunden haben, standen bereits fest, bevor sie auf die Welt gekommen sind.«

»Wenn das Schicksal schon bestimmt hat, wer der neue Clanchef werden soll, können wir uns den ganzen Aufwand doch auch sparen. Dann müsstest du als jemand, der in die Vergangenheit und Zukunft blickt, doch wissen, wer der neue Taoiseach werden wird«, beschwerte Keegan sich.

»Das kann ich nicht, weil sich der neue Taoiseach selbst dafür entscheiden muss, das Amt zu übernehmen.« Wie vorher Harken legte sie den Arm um Keegans Schultern und sah aus genauso leuchtend blauen Augen wie ihr Jüngster durch den Nebelschleier auf den See.

»Ihr habt euch dafür entschieden, in den See zu springen oder nicht? Und wer das Schwert entdeckt, muss sich dafür entscheiden, es auch zu ergreifen«, klärte Tarryn ihre Söhne auf.

»Es wäre doch bestimmt niemand so dumm, das nicht zu wollen«, wunderte sich Harken. »Schließlich würde jeder Taoiseach werden wollen.«

»Ein Clanchef wird geehrt, trägt aber gleichzeitig auch die Last von uns allen auf seinen Schultern. Und da er bereit sein muss, die Last zu tragen, sollte er sich überlegen, ob er tatsächlich das Schwert ergreifen will. Und jetzt seid still, denn da kommt Mairghread«, mahnte sie und gab den beiden Jungen jeweils einen mütterlichen Kuss.

Mairghread O’Ceallaigh, früher einmal selbst Taoiseach und die Mutter ihres letzten, allzu jung verstorbenen Clanchefs, hatte ihre schwarze Trauerkleidung abgelegt und trug ein schlichtes weißes Kleid und einen Anhänger mit einem Stein, der rot wie ihre Haare war.

Stein und Haare sahen aus, als würden sie in Flammen stehen und die dünne Nebelwand verbrennen, die sie durchschritt. Sie trug ihr Haar so kurz wie eine von den Feen, die in ihrem Gefolge an den See geströmt gekommen waren. Die Menge teilte sich, und ehrfürchtige Stille breitete sich aus.

Keegan kannte sie als Marg, die Frau, die in dem kleinen Haus im Wald nicht weit von ihrem Hof zu Hause war. Die Frau, die einem Jungen, wenn er Hunger hatte, Honigkuchen schenkte und ihn mit Geschichten unterhielt. Eine mächtige und couragierte Frau, die für Talamh gekämpft und einen hohen Preis dafür entrichtet hatte, dass der Kampf gewonnen worden war.

Er hatte sie im Arm gehalten, als sie Tränen um den Sohn vergossen hatte, denn er hatte Wort gehalten und ihr selbst die Todesnachricht überbracht. Obwohl sie schon gewusst hatte, dass er nicht mehr am Leben war.

Er hatte sie im Arm gehalten, bis die Frauen gekommen waren, um ihr beizustehen. Und dann, obwohl er ein Soldat und Mann war, hatte er sich tiefer in den Wald begeben und dort selbst um diesen ganz besonderen Mann geweint.

Jetzt aber sah sie wieder stark und prachtvoll aus und rief in ihm dieselbe Ehrfurcht wie in allen anderen wach.

Sie trug den Stab, das uralte Symbol der Herrschaft, dessen rabenschwarzes Holz im Licht der Sonne glänzte, die inzwischen stärker als der Nebel war.

Die Schnitzereien schienen zu pulsieren, und im Inneren des Drachenherzensteins an der Spitze wirbelte die ganz besondere Macht, die ihm verliehen war.

Und als sie sprach, verstummte selbst der Wind.

»Mit Blut und unter großen Opfern haben wir den Frieden wiederhergestellt. Wir haben unsere und dadurch auch alle anderen Welten immer schon beschützt. Wir haben uns entschieden, so zu leben, wie wir leben. Von den Dingen, die das Land, das Meer, die Fey uns geben, und all diese Dinge gleichzeitig zu ehren. Wir haben wieder Frieden, und wir werden dieses Land wieder erblühen lassen, bis die nächste Zeit des Blutvergießens und der Opfer kommt. Heute wird, wie es geschrieben steht, berichtet und gesungen wird, ein neuer Clanchef aus den Fluten steigen, und wir alle werden Talamh und dem Taoiseach, der das Schwert im See der Wahrheit findet und den Stab des Rechts von mir entgegennimmt, die Treue schwören.«

Sie warf den Kopf zurück und sah zum Himmel auf, und Keegan war sich sicher, dass die klare, starke Stimme bis zum Meer der Stürme und noch darüber hinaus zu hören war:

»Wir wenden uns an diesem Ort zu dieser Stunde

an die Quelle unserer Macht,

auf dass der Auserwählte dieser Runde

sich entscheidet, seine Pflicht zu tun und zukünftig die Fey bewacht.

Auf dass die Hand, die gleich das Schwert ergreift, so weise sei, so stark und treu,

dass sich das ganze Land daran erfreu.«

Ein Strudel bildete sich im blassgrünen Wasser, und die letzten Nebelschwaden wogten hin und her.

»So sei es.«

Mairghread reckte den Stab, und alle liefen los. Ein paar der Jüngeren lachten oder juchzten, während sie ins Wasser sprangen, und die Leute, die am Ufer standen, feuerten sie an.

Auch Harken rannte los, doch Keegan blieb wie angewurzelt stehen. Er dachte an den Eid, den er geleistet, und an die Hand, die seine Hand während der letzten Augenblicke hier in dieser Welt umklammert hatte, aber schließlich stürzte er sich ebenfalls ins kalte Nass.

Ein paar der anderen schimpften oder lachten oder tauchten sofort wieder zitternd an der Wasseroberfläche auf, er aber wusste, dass das völlig sinnlos wäre, und verschloss den Teil, der die Gedanken von den anderen hören konnte, um sich ganz auf sich zu konzentrieren.

Er hatte es dem Mann versprochen, an dem Wettstreit heute teilzunehmen, bis zum Grund des Sees zu tauchen und das Schwert zu ergreifen, falls er es dort fand.

Er dachte an die vielen Male, wenn er nur zum Spaß mit seinem Bruder und der Schwester in den See gesprungen war, um glatte Steine auf dem weichen Grund zu suchen, und genauso machte er es diesmal auch.

Er sah die anderen, die noch tiefer als er selbst, auf seiner Höhe oder höher tauchten, und er wusste, dass der See sie an die Oberfläche drücken würde, wenn die Luft in ihren Lungen nicht mehr reichte, denn es stand geschrieben, dass niemand zu Schaden kommen würde, der an diesem Tag ins Wasser ging.

Trotzdem war das Wasser aufgewühlt und wirbelte um ihn herum. Inzwischen waren der Grund und die besonderen, glatten Steine, die dort lagen, gut zu sehen.

Und dann sah er die Frau. Sie schwebte schwerelos dahin, weshalb er sie zunächst für eine Nixe hielt. Dabei nahmen die Meerjungfrauen gewohnheitsmäßig gar nicht an dem Wettstreit teil, denn sie beherrschten die Meere, und das reichte ihnen aus.

Dann wurde ihm bewusst, dass er nur ihr Gesicht und ihre Haare sah. Sie waren rot wie die von Marg, doch länger, und sie breiteten sich fächerförmig um sie herum aus. Und ihre Augen waren grau wie Rauch, und irgendwie kam es ihm vor, als hätte er sie schon mal irgendwo gesehen. Aber er kannte dieses Mädchen nicht. Er kannte alle jungen Frauen aus dem Tal, doch dieses Mädchen war ihm fremd.

Und gleichzeitig seltsam vertraut.

Dann konnte er sie plötzlich klar und deutlich hören wie zuvor Marg am Strand.

Er hat auch mir gehört. Doch dies ist deine Aufgabe. Das wusste er, und das weißt du.

Das Schwert sprang ihm fast von allein in die Hand. Er spürte sein Gewicht und seine Kraft und sah den hellen Glanz, den es umgab.

Natürlich hätte er es einfach fallen lassen und so tun können, als hätte er es nie gesehen. Den Göttern und Geschichten zufolge lag die Entscheidung ganz allein bei ihm.

Er hat an dich geglaubt. Das Mädchen sah ihn reglos an.

Er lockerte den Griff, denn das Gewicht, die Kraft, der Glanz, es war zu viel für ihn. Er konnte kämpfen, reiten, fliegen, aber andere in die Schlacht zu führen oder den Frieden zu wahren, das hatte er niemals gelernt.

Die herrlichen Gravuren in dem Schwert pulsierten, und der rote Stein am Griff sah aus, als würde er in Flammen stehen. Dann lockerte er seinen Griff, das Silber wurde matt, und die Flamme flackerte, als würde sie im nächsten Augenblick erlöschen wollen.

Ich soll mich frei entscheiden können?, ging es Keegan durch den Kopf. Das war ja wohl totaler Schwachsinn, denn die Ehre ließ ihm keine Wahl.

Also wies er mit der Spitze des vermaledeiten Schwertes dorthin, wo die Sonne Diamanten auf der Wasseroberfläche tanzen ließ.

Und die Erscheinung – denn inzwischen war ihm klar, dass sie nicht echt sein konnte – lächelte ihn an.

Wer bist du?, fragte er.

Das müssen wir beide noch herausfinden.

Pfeilschnell trug ihn das Schwert nach oben. Es durchschnitt das Wasser und die Luft, und als die Klinge in der Sonne blitzte, brach am Ufer lauter Jubel aus.

Dann tat er das, was die Geschichte ihm befahl. Er fiel im dichten, feuchten Gras vor Mairghread auf die Knie.

»Ich würde dir das Schwert und das, wofür es steht, mit Freuden überlassen, weil es keine würdigere Trägerin für diese Waffe gibt«, erklärte er, wie es damals auch ihr Sohn getan hatte.

»Meine Zeit ist abgelaufen«, antwortete sie und legte eine Hand auf seinen Kopf. »Und deine Zeit bricht heute an.« Entschlossen nahm sie seine Hand, verhalf ihm wieder auf die Beine, und als er sie ansah, raunte sie ihm leise zu: »Genauso habe ich es mir gewünscht.«

»Aber warum? Ich weiß nicht, wie …«

Bevor er seinen Satz beenden würde, küsste sie ihn sanft auf die Wange und erklärte: »Du weißt viel mehr, als du denkst.« Dann übergab sie ihm den Stab. »Nimm, was ab heute dir gehört, Keegan O’Broin.«

Als er den Stab ergriff, machte sie einen Schritt zurück. »Und jetzt tu deine Pflicht.«

Bei diesen Worten wandte er sich all den anderen Gesichtern zu und schämte sich der Furcht, die er in seinem tiefsten Inneren empfand.

Keegan musste und würde seine Ängste überwinden, denn er hatte angenommen, als die Wahl des Schwerts auf ihn gefallen war. Er reckte, so wie vorher Marg, den Stab des Rechts hoch über seinen Kopf, damit die Menge das Pulsieren des Drachenherzens sah.

»Mit diesem Stab wird es Gerechtigkeit für alle hier in Talamh geben«, rief er den Menschen zu und hielt die hellglänzende Waffe in die Luft. »Und mit diesem besonderen Schwert wird ganz Talamh beschützt. Ich bin Keegan O’Broin. Ab heute werde ich mit allem, was ich bin und jemals sein werde, im Dienst der Täler, Hügel, Wälder, Gletscher und vor allem sämtlicher Bewohner dieses Landes stehen. Ich werde für das Licht stehen und für Talamh, und wenn die Götter es so wollen, gebe ich dafür mein Leben hin.«

Die Menge brach erneut in lauten Jubel aus, und über all dem Lärm erklärte Marg: »Das hast du gut gemacht, mein Junge. Ja, das hast du wirklich gut gemacht.«

So hob Talamh den jungen Taoiseach auf sein Schild und schlug dadurch ein weiteres Kapitel dieses Landes auf.

1

Philadelphia

Breen Kelly saß in einem Bus, der unter einem fürchterlichen Schluckauf litt, und rieb gegen den Schmerz in Höhe ihrer Schläfe an. Sie hatte einen wirklich schlimmen Tag am Ende einer schlimmen Woche gehabt, die die letzte eines schlimmen Monats war.

Kopf hoch, sagte sie sich. Schließlich war jetzt Freitag, und erst am Montag musste sie wieder in die Schule gehen und dort versuchen, Mittelstufenschüler in die Kunst des Schreibens einzuführen.

Natürlich brächte sie den Großteil ihrer beiden freien Tage mit dem Korrigieren von Arbeiten und mit der Vorbereitung ihrer nächsten Stunden vor, zumindest aber stünde sie nicht vor der Klasse, wo sie den gelangweilten, teilweise irren und mitunter hoffnungsvollen Blicken ihrer Schülerinnen und Schüler ausgeliefert war.

Sie würde sich zwei wunderbare Tage lang nicht deplatziert und unzulänglich wie die pubertierenden Jungen und Mädchen fühlen, die nirgendwo so ungern wie in der Schule waren.

Zumindest war das Unterrichten eine ehrenwerte Tätigkeit. Wichtig, lohnend und bedeutungsvoll. Zu schade, dass sie nicht das geringste Talent für den Beruf besaß.

Der Bus hielt stotternd an der nächsten Haltestelle an, und ein paar Leute stiegen aus und andere ein.

Sie schaute sich die Leute unauffällig an. Statt aktiv am Geschehen teilzunehmen, hielt sie sich lieber abseits und beobachtete stumm ihre Umwelt.

Die Frau im grauen Hosenanzug, mit dem iPhone in der Hand und dem gequälten Blick. Bestimmt war sie alleinerziehend und fuhr jetzt von der Arbeit heim, um dort für ihre Kinder da zu sein. Wahrscheinlich hätte sie sich niemals träumen lassen, dass sie es im Leben mal so schwer haben würde, dachte Breen.

Und die zwei Jungs in knöchelhohen Turnschuhen, knielangen Shorts von Adidas und mit Stöpseln in den Ohren würden sicher irgendwelche Kumpel treffen, um mit ihnen Basketball zu spielen, sich dann eine Pizza holen und zum Abschluss noch ins Kino gehen. Sie waren in einem beneidenswerten Alter, denn für sie waren Wochenenden nur dazu da, sich zu amüsieren.

Der Mann in Schwarz, er … sah ihr direkt ins Gesicht, und eilig wandte sie sich ab. Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Wo zum Teufel hatte sie den Kerl schon mal gesehen? Mit seiner wirren silbergrauen Mähne sah er wie ein Collegeprofessor aus.

Doch nein, er konnte kein Professor sein. Sie musste schlucken, und ihr Herz fing an zu rasen, und wenn er zu ihr nach hinten käme, um sich neben sie zu setzen, würden sie nie wieder aussteigen und immer weiterfahren, ohne Plan und ohne Ziel in einem nicht endenden Kreislauf völliger Bedeutungslosigkeit.

Sie wusste, dass das völlig irre war, doch das war ihr egal. Eilig sprang sie auf und stürzte, während ihre Aktentasche gegen ihre Hüfte schlug, nach vorn. Sie wagte nicht, den Mann noch einmal anzusehen, aber auf dem Weg zur Tür kam sie direkt an ihm vorbei. Er machte höflich einen Schritt zur Seite, aber trotzdem stieß sie gegen seinen Arm, und ihre Knie wurden weich, und ihre Lunge stellte kurzzeitig die Arbeit ein. Jemand fragte, ob sie Hilfe bräuchte, doch sie stolperte entschlossen weiter Richtung Tür. Und hörte, wie der Fremde in Gedanken zu ihr sprach: Komm nach Hause, Breen Siobhan. Es ist allmählich an der Zeit, dass du nach Hause kommst.

Sie umklammerte die Haltestange, um nicht die Balance zu verlieren, als sie auf die Straße stolperte, und rannte wie von Sinnen los.

Normalerweise gab sie sich die größte Mühe, ja nicht aufzufallen und in der Masse zu verschwinden, denn sie hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Deshalb fand sie es entsetzlich, dass die Leute ihr mit großen Augen hinterhersahen und sich fragten, was in sie gefahren war.

Mit einem neuerlichen Stottern rumpelte der Bus an ihr vorbei. Obwohl sie laut nach Luft rang, nahm der Druck auf ihre Brust ein wenig ab, und schließlich schaffte sie es, ihr Tempo zu drosseln und wie alle anderen zu gehen.

Sie brauchte einen Augenblick, bis sie die Orientierung wiederfand.

So schlimme Angstattacken hatte sie zum letzten Mal vor ihrem ersten Tag als Lehrerin und dann noch mal vor ihrem ersten Elternabend an der Grady Middle School erlebt, nur hatte sie in beiden Fällen das Glück gehabt, dass Marco, ihr bester Freund seit Kindertagen und Mitbewohner, für sie da gewesen war.

Sie hatte einfach einen Mann in einem Bus gesehen, sonst nichts. Was sollte daran schon gefährlich sein? Und seine Stimme hatte sie sich einfach eingebildet, denn wenn sie glaubte, dass sie die Gedanken anderer Menschen hören könnte, wäre sie schlichtweg verrückt.

Hatte ihre Mutter ihr das nicht zeit ihres Lebens eingebläut?

Und jetzt, infolge eines Augenblicks des Wahnsinns, musste sie noch über eine halbe Meile laufen. Doch an einem milden Frühlingsabend so wie diesem wäre das bestimmt nicht weiter schlimm. Vor allem, da sie zu ihrem leichten Regenmantel, einem dünnen Pulli und der Stoffhose durchaus bequeme Schuhe trug. Marco hatte morgens spöttisch seine Brauen hochgezogen, als sie ihren Regenmantel mitgenommen hatte, weil die Chance auf Regen eher gering gewesen war, aber sie hatte wie in allen Dingen auf Nummer sicher gehen wollen.

Im Grunde ging sie durchaus gern spazieren. Und hey, die zusätzlichen Schritte machten sich auf ihrem Fitnessarmband sicher gut.

Zwar geriete jetzt ihr Zeitplan etwas durcheinander, doch was machte das schon aus?

Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, alleinstehend, es war ein wunderbarer Frühlingsfreitagabend, und sie hatte noch nichts vor. Als wäre das nicht Grund genug für eine Depression, hatte sich ihr Kopfschmerz durch die Panikattacke noch verstärkt. Sie zog einen der Reißverschlüsse ihrer Aktentasche auf, in der ein kleiner Beutel mit Tabletten lag, nahm zwei davon und spülte mit dem Wasser aus der Flasche nach, die sie immer bei sich hatte.

Am besten würde sie zuerst zum Haus ihrer Mutter gehen und dort die eingegangene Post durchsehen. Jennifer Wilcox war die Leiterin der Medienabteilung einer gut gehenden Werbeagentur und oft beruflich unterwegs. Da sie sich aber standhaft weigerte, die Zustellungen während dieser Zeiten aussetzen zu lassen, fiel es Breen dann zu, den Briefkasten zu leeren, die Werbung in den Müll zu werfen und die Rechnungen, die Briefe und die anderen Sachen in die Ablagen zu sortieren, die auf dem Schreibtisch standen. Und da es nicht geregnet hatte, würde sie die Fenster öffnen und die Blumen gießen, dann nach einer Stunde alle Fenster wieder schließen, die Alarmanlage einschalten, die Tür absperren und mit dem nächsten Bus nach Hause fahren.

Dort angekommen, würde sie sich was zu essen machen, wie an jedem Freitag einen Salat mit Hühnchenbrust und ein Glas Wein – juhu –, um dann die ersten Arbeiten zu korrigieren. Manchmal hasste sie moderne Technik, weil die Politik der Schule vorschrieb, dass sie ihren Schülern umgehend die Noten schickte, und sie sich dann oft mit denen oder deren Eltern auseinandersetzen musste, die mit der Beurteilung nicht einverstanden waren.

Im Laufen hakte sie gedanklich die verschiedenen Posten auf der Liste ab, während die Menschen rund um sie herum auf ihrem Weg zur Happy Hour, einem frühen Abendessen oder einer anderen Tätigkeit waren, was deutlich interessanter wäre als die Tätigkeiten, die sie selber ausführte.Trotzdem war sie nur ein bisschen neidisch, denn tatsächlich hatte sie mal einen Freund gehabt, Grant, mit dem sie abends zum Essen, ins Theater, ins Kino oder sonst wohin gegangen war. Nicht zu vergessen der Sex, den sie in ihren Terminkalender hatte zwängen müssen. Auch wenn das aus ihrer Sicht kein wirkliches Problem gewesen war. Für ihn jedoch anscheinend schon, denn irgendwann hatte er nichts mehr von ihr wissen wollen.

Was ebenfalls in Ordnung war. Es war okay, denn schließlich waren sie nicht hemmungslos verliebt gewesen, auch wenn sie ihn durchaus nett gefunden hatte und der Sex mit ihm nicht schlecht gewesen war. Doch als sie ihrer Mutter hatte sagen müssen, dass sie ohne Grant zur Feier ihres sechsundvierzigsten Geburtstags kommen würde, hatte diese augenrollend festgestellt: »Ich habe es dir gleich gesagt.«

Das hatte sie getan, und trotzdem hätte Breen sie gerne angeschrien.

Du warst mit neunzehn schon verheiratet, und mich hast du mit zwanzig auf die Welt gebracht. Und nicht einmal zwölf Jahre später hast du meinem Vater solchen Druck gemacht, dass er es nicht mehr ausgehalten hat. Wer war denn schuld daran, dass er am Ende nicht nur dich, sondern auch mich verlassen hat?

Vielleicht sie selbst?, fragte sich Breen. War es womöglich ihre eigene Schuld, dass ihre Mutter sie nicht respektierte und ihr Vater einfach irgendwann verschwunden war? Obwohl er ihr versprochen hatte, immer für sie da zu sein.

Das waren uralte Geschichten, rief sie sich streng zur Ordnung. Am besten dachte sie nicht mehr darüber nach.

Sie sollte überhaupt nicht so viel grübeln, sann sie weiter und war erleichtert, dass es jetzt nur noch ein Block bis zu der hübschen, baumbestandenen Straße war, in der das ebenfalls sehr hübsche Stadthaus ihrer Mutter lag.

All die schönen roten Backsteinhäuser mit den blank geputzten Fenstern und den sorgfältig gepflegten Gärten in der Gegend wurden von erfolgreichen Geschäftsleuten bewohnt, die das Leben in der Stadt genossen und gern die interessanten Läden und die guten Bars und Restaurants besuchten, die es in der Nähe gab. Hier gingen die Leute morgens vor der Arbeit joggen oder, wenn es regnete, ins Fitnessstudio, flanierten in der Abenddämmerung am Fluss, veranstalteten elegante Dinnerpartys, liebten teuren Wein und lasen abends gern ein gutes Buch.

Nahm sie zumindest an.

Dann musste sie urplötzlich an ein anderes winzig kleines Haus denken, mit einer schrägen Decke über ihrem Bett und einem uralten Kamin im Wohnzimmer, der nicht mit Gas oder mit Strom, sondern mit echtem Holz betrieben wurde, und an einen Hof, in dem es jede Menge Abenteuer zu erleben galt. Es war das Haus aus den Geschichten ihres Vaters, wenn er abends noch an ihrem Bett gesessen hatte.

Magischen Geschichten von so zauberhaften Orten, dass sie sich gewünscht hatte, sie könnte sie mit eigenen Augen sehen, bis all die Streitereien ihr den Spaß verdorben hatten – die, die aus dem Zimmer nebenan gedrungen, und auch die, die nur in ihrem Kopf zu hören gewesen waren.

Und dann war er gegangen. Anfangs nur für ein, zwei Wochen, und dann war er samstags – da sie Tiere über alles liebte – immer mit ihr in den Zoo oder zum Picknick-Park gegangen, wo er sie die Enten hatte füttern lassen. Und schließlich war er urplötzlich gar nicht mehr aufgetaucht.

Das war inzwischen über fünfzehn Jahre her, aber noch immer hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, er käme irgendwann zu ihr zurück.

Sie öffnete den Geldbeutel, in dem der Schlüssel lag, den ihr die Mutter neben einer detaillierten Liste all der Dinge, die sie machen sollte, überlassen hatte, als sie sich für drei Wochen auf Geschäftsreise mit anschließendem Wellnessurlaub verabschiedete.

Da ihre Mutter nächsten Donnerstag nach Hause käme, würde sie den Schlüssel nächsten Mittwoch zusammen mit der Tüte Milch und den verschiedenen anderen Lebensmitteln von der Liste in die Küche legen, wenn sie ging.

Sie klemmte sich die Post unter den Arm, sperrte die Haustür auf, trat in den Flur und schaltete dort die Alarmanlage aus. Dann drückte sie die Tür wieder ins Schloss und schob den Schlüssel zurück in ihr Portemonnaie.

Als Erstes ging sie in die Küche, die mit ihrem rostfreien Stahl, den weißen Schränken, weißen Metrofliesen, einer Bauernhausspüle und den lehmfarbenen Wänden an modernem Schick nicht mehr zu überbieten war. Sie ließ ihre Tasche und die Briefe auf die Kücheninsel fallen, hängte ihren Regenmantel über einem Hocker ohne Lehne auf, stellte den Wecker an ihrem Handy so, dass er in einer Stunde klingeln würde, und riss alle Fenster auf: in Küche sowie Ess- und Wohnzimmer, die alle ineinander übergingen, was die herrlich breiten Dielen besonders vorteilhaft zur Geltung kommen ließ, und dann noch auf der Gästetoilette.

Es wehte zwar nicht mal die allerkleinste Brise, doch das Lüften stand nun mal auf ihrer Liste, und sie war eben ein Mensch, der sich an Regeln hielt.

Als Nächstes brachte sie die Post nach oben in das Arbeitszimmer ihrer Mutter, wo ein großer L-förmiger Schreibtisch stand. Die Wände hatten einen Ton wie Milchkaffee, durch den das schokoladenbraune Leder ihres Schreibtischsessels vorteilhaft zur Geltung kam. In den Regalen herrschte eine strenge Ordnung, und es gab dort nichts, wobei es nicht um ihre Arbeit ging. Die Auszeichnungen, Bücher und selbst die gerahmten Fotos hatten ausnahmslos mit ihrem Job zu tun.

Breen öffnete die Fenster in der Wand hinter dem Schreibtisch, und wie jedes Mal ging ihr die Frage durch den Kopf, warum ihre Mutter mit dem Rücken zu der wunderbaren Aussicht auf die Backsteinhäuser, Bäume und den Himmel saß. Sie müsse sich auf ihre Arbeit konzentrieren und könne keine Ablenkung gebrauchen, hatte Jennifer ihr einmal erklärt, und kopfschüttelnd zog Breen auch noch die beiden Seitenfenster links und rechts des abgeschlossenen Aktenschranks auf.

Jetzt musste sie nur noch die Pflanzen gießen, die in Kupfertöpfen auf den breiten Fensterbrettern standen, und die Post sortieren, und wenn der Wecker ihres Handys schrillte, alle Fenster wieder schließen, absperren und nach Hause gehen.

Doch vorher zog sie noch die Fenster in dem einladenden Gästezimmer, in dem angrenzenden Gästebad, dem eleganten Schlafzimmer ihrer Mutter und in deren Badezimmer auf. Sie fragte sich, ob ihre Mutter jemals einen Mann in dieses wunderschöne Bett mit seiner sommerblauen Decke und den dicken Kissen eingeladen hatte. Und versuchte, sofort wieder zu vergessen, dass ihr der Gedanke überhaupt gekommen war.

Dann ging sie wieder runter, um auch die Verandatür zu öffnen, als das Klingeln ihres Handys sie noch einen Umweg durch die Küche machen ließ.

Da sie nur dranging, wenn sie wusste, wer sie anrief, warf sie einen Blick auf das Display – und lächelte, denn falls ihr irgendjemand diesen grauenhaften Tag versüßen könnte, dann ihr bester Freund.

»Hi, Marco.«

»Hi. Heute ist Freitag, Mädchen.«

»Das ist mir bekannt.« Sie nahm das Handy mit auf die Terrasse, die mit einem Tisch aus Edelstahl, passenden Stühlen und den hohen, hübsch bepflanzten Urnen in den Ecken ebenso modern und elegant wie alles andere war.

»Dann solltest du allmählich deinen wohlgeformten Hintern schwingen, denn bei Sally’s ist gleich Happy Hour, und die erste Runde geht aufs Haus.«

»Ich kann nicht.« Sie griff nach dem Wasserschlauch und goss den ersten Topf. »Ich bin jetzt noch im Haus von meiner Mutter, und danach muss ich noch Hefte korrigieren.«

»Es ist Freitag, also mach dich mal ein bisschen locker«, wiederholte er. »Wir haben heute Abend Karaoke, und ich stehe bis zwei hinter der Theke.«

Vor anderen zu singen war so ungefähr das Einzige, was sie – vor allem nach einem Drink und im Duett mit Marco – ohne Ängste hinbekam. »Ich kann die Fenster erst in« – sie warf einen Blick auf ihre Uhr – »dreiundvierzig Minuten wieder schließen, und die blöden Korrekturen machen sich nicht von allein.«

»Dafür ist Sonntag auch noch Zeit. Grant Arschloch Webber ist es ganz bestimmt nicht wert, dass du ihm hinterherweinst, und es wird allmählich Zeit, dass du auf andere Gedanken kommst.«

»Oh, es geht nicht, also nicht nur um ihn. Ich hänge gerade allgemein ein bisschen durch.«

»Jeder wird mal abserviert.«

»Du nicht.«

»Oh doch. Denk zum Beispiel an den heißen Harry?«

»Du und Harry, ihr seid gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass eure Beziehung sich erledigt hat. Aber ihr seid noch immer gute Freunde, also hat er dich ja wohl nicht abserviert.«

»Du brauchst mal wieder Spaß. Und wenn du nicht in spätestens drei Stunden aufgebrezelt hier erscheinst, komme ich und hole dich.«

»Du hast doch Thekendienst.«

»Sally liebt dich, Mädchen, und wird mich deshalb sogar begleiten, um dich abzuholen, wenn du nicht freiwillig kommst.«

Sie liebte Sally ebenfalls. Sie liebte auch den Club der Dragqueen, wo sie glücklich war, und das Schwulenviertel, in dem sie und Marco Olsen sich ein winziges Apartment teilten, seit sie zu Beginn des Studiums zu Hause ausgezogen war.

»Lass mich hier erst mal fertig werden, und wenn ich nach Hause komme, überlege ich mir, ob ich noch ein bisschen rüberkommen will, okay? Ich hatte nach der Schule fürchterliche Kopfschmerzen – im Ernst –, und dazu hatte ich im Bus noch eine blöde Panikattacke, die mich ziemlich mitgenommen hat.«

»Ich fahre sofort los, hole dich ab und bringe dich nach Hause.«

»Nein.« Inzwischen hatte sie den dritten Blumentopf erreicht. »Ich habe was gegen die Kopfschmerzen genommen, es wird mir also sicher gleich schon wieder besser gehen.«

»Was ist im Bus passiert?«

»Das erzähle ich dir später. Eigentlich war es vollkommen lächerlich. Aber wahrscheinlich hast du recht – sowohl ein Drink als auch deine und Sallys Gesellschaft täten mir jetzt sicher gut. Lass mich sehen, wie es mir geht, wenn ich zu Hause bin.«

»Schreib mir, wenn du dort angekommen bist.«

»Meinetwegen, aber mach jetzt erst mal weiter deinen Job. Ich muss noch den letzten Topf hier draußen gießen, dann die Blumen drinnen, die blöde Post sortieren und die verdammten Fenster zumachen.«

»Du solltest endlich lernen, auch mal nein zu sagen.«

»Eigentlich ist es ja keine große Sache. Spätestens in einer Stunde bin ich durch und fahre heim. Ich schreibe dir, wenn ich zu Hause bin. Mix du jetzt erst mal ein paar Drinks. Bis dann.«

Sie ging zurück ins Haus, schloss die Terrassentür hinter sich ab, füllte die Gießkanne und wandte sich den Zimmerpflanzen zu. Plötzlich wehte eine Brise durch die offenen Fenster, und sie schloss die Augen und genoss den kühlen Wind, der ihr entgegenblies. Vielleicht würde es doch noch Regen geben, einen netten, gleichmäßigen Frühlingsregen, und dann hätte sie am Vormittag zu Recht den Regenmantel eingepackt.

Dann nahm der Wind noch zu. »Vielleicht gibt es ja einen Sturm.« Auch gegen einen Sturm hätte sie nichts einzuwenden gehabt, denn von dem frischen Wind bekäme sie ja vielleicht endlich wieder einen klaren Kopf. Und da Marco sie erst in drei Stunden in den Club beordert hatte, obwohl ihr zwei Stunden locker reichen würden, hätte sie sogar noch etwas Zeit, um sich die ersten Hefte anzusehen. Dann hätte sie weniger Schuldgefühle, wenn sie etwas trinken ging, statt die Arbeiten zu korrigieren.

Als sie mit der Gießkanne nach oben lief, wehten die Vorhänge, die links und rechts der offenen Fenster hingen, im Wind.

»Tja, Mom, so ordentlich gelüftet wird dein Haus bestimmt nicht oft.«

Mit diesen Worten trat sie durch die Tür des Arbeitszimmers, in dem das totale Chaos ausgebrochen war. Die Tür des Aktenschranks – von der sie sicher angenommen hätte, sie sei abgeschlossen – war geöffnet, und Papiere flatterten wie Vögel durch den Raum. Eilig stellte sie die Kanne auf den Boden und versuchte, die Papiere einzufangen, die der Wind durchs Zimmer blies. Und während sie, die Hände voller Dokumente, dastand, kam es ihr so vor, als hätte jemand eine Tür ins Schloss geworfen, denn mit einem Mal war alles wieder ruhig.

Wenn ihre Mutter etwas von dem Durcheinander mitbekäme, wäre sie wahrscheinlich alles andere als erfreut.

»Na toll, jetzt darf ich alles wieder aufräumen, damit sie ja nichts merkt. Das war’s mit meiner zusätzlichen Stunde, bevor ich ins Sally’s hätte gehen wollen. Tut mir leid, Marco, aber das war’s mit meinem Drink.«

Sie sammelte die leeren Ordner sowie den Haufen an Papieren ein und nahm am Schreibtisch ihrer Mutter Platz, um sie so gut wie möglich zu sortieren. Und riss verblüfft die Augen auf, als sie die Aufschrift auf dem ersten Ordner sah:

KAPITALANLAGEN/BREEN/2006 – 2013

Sie hatte keine Kapitalanlagen. Sie bezahlte immer noch in monatlichen Raten ihren Studienkredit zurück und teilte sich mit Marco nicht nur deshalb eine Wohnung, weil sie gern mit ihm zusammenwohnte, sondern auch, weil die Miete so erschwinglich für sie war.

Verwundert nahm sie sich den nächsten Ordner vor.

KAPITALANLAGEN/BREEN/2014 – 2020

Auch auf einem dritten Ordner stand ihr Name und dazu KORRESPONDENZ. Hatte ihre Mutter etwa Geld in ihrem Namen angelegt, ohne ihr was davon zu sagen? Aber warum hätte sie das machen sollen?

Die Eltern ihrer Mutter hatten etwas für ihr Studium gespart, wofür sie ihnen wirklich dankbar war. Es hatte für das erste Studienjahr gereicht, danach jedoch hatte ihr ihre Mutter deutlich zu verstehen gegeben, dass sie jetzt auf eigenen Beinen stehen musste. »Du wirst dir deinen Lebensunterhalt verdienen müssen«, hatte Jennifer ihr ein ums andere Mal erklärt. »Du musst mehr lernen und härter arbeiten, sonst bleibst du immer Mittelmaß.« Tja nun, sie hatte neben ihrem Studium zwei Teilzeitjobs gehabt und dazu einen Studienkredit beantragt, dessen Rückzahlung noch ewig dauern würde, und am Ende hatte sie nach einem – mittelguten – Abschluss einen – mittelguten – Job als Lehrerin bekommen, aber einen weiteren Kredit aufnehmen müssen, um an ihren Bachelor den Master dranzuhängen, weil das die Voraussetzung für eine Festanstellung war. Und jetzt hatte ihre Mutter plötzlich Geld auf ihren Namen angelegt? Das ergab doch einfach keinen Sinn.

Sie fing an, die Papiere zu sortieren, um drei verschiedene Stapel für die Ordner anzulegen, hörte aber schon nach ein paar Blättern wieder auf. Zwar kannte sie sich nicht mit Aktien und Dividenden aus, doch Zahlenlesen hatte sie gelernt. Der monatliche Auszug für den Mai 2014 – als sie sich nur mühsam hatte über Wasser halten können und trotz der beiden Teilzeitjobs außer Ravioli aus der Dose oder Tütensuppen kaum was auf den Tisch gekommen war – wies einen Betrag von weit über 900 000 – neunhunderttausend – US-Dollar aus. Und dieses Konto lief auf ihren Namen – auch wenn als Bevollmächtigte zusätzlich noch ihre Mutter eingetragen war.

Sie wühlte in den anderen Auszügen und stellte fest, dass jeden Monat Geld von einem Konto bei der Bank of Ireland an sie überwiesen worden war. Zitternd stieß sie sich vom Schreibtisch ab, lief blind zum Fenster und zerrte das Gummiband aus ihrem Pferdeschwanz. Ihr Vater hatte ihr seit Jahren jeden Monat Geld geschickt. Dachte er, das würde wettmachen, dass er einfach verschwunden war? Dass er nie angerufen, ihr niemals geschrieben und vor allem nie zurückgekommen war, um sie zu sehen?

»Das macht es nicht, das macht es nicht, das macht es nicht. Aber …«

Ihre Mutter hatte es gewusst und ihr bis heute nichts davon erzählt. Sie hatte es gewusst, sie aber trotzdem einfach in dem Glauben gelassen, dass er abgehauen wäre, ohne wenigstens auf die Idee zu kommen, Unterhalt für sie zu zahlen.

Aber das hatte er die ganze Zeit getan.

Sie musste warten, bis das Zittern ihrer Hände und das Brennen ihrer Augen nachließen, bevor sie wieder an den Schreibtisch trat, um die Papiere weiter zu sortieren, die Schreiben durchzugehen und sich den letzten Kontoauszug anzusehen. Ihr bisheriger Groll und ihre Trauer, weil der Vater sie verlassen hatte, wichen einem Gefühl des Zorns.

Breen zog ihr Handy aus der Tasche und rief den Vermögensverwalter an, der das Konto führte. Sie hatte Glück, dass sie ihn so spät noch erreichte.

»Benton Ellsworth.«

»Hallo, Mr. Ellsworth, Breen Kelly hier. Ich …«

»Miss Kelly! Das ist aber eine Überraschung! Schön, Sie endlich mal zu sprechen. Ihrer Mutter geht’s hoffentlich gut?«

»Auf jeden Fall. Mr. Ellsworth, eben habe ich erfahren, dass Sie ein Konto verwalten, das auf meinen Namen läuft. Die Summe auf diesem Konto beläuft sich inzwischen auf 3 853 812 Dollar 65 Cent, korrekt?«

»Ich kann natürlich gerne nachsehen, wie hoch das Guthaben mit Stand von heute ist, aber was meinen Sie damit, Sie hätten eben erst erfahren, dass es dieses Konto gibt?«

»Ist das mein Geld?«

»Natürlich. Ich …«

»Und warum hat meine Mutter eine Vollmacht für das Konto?«

»Miss Kelly, Sie waren bei der Eröffnung dieses Kontos noch nicht volljährig und haben, als Sie es dann waren, ausdrücklich erklärt, dass Ihre Mutter sich auch weiter darum kümmern soll. Aber ich kann Ihnen versichern, dass sie sämtliche Investitionen stets korrekt und ausschließlich in Ihrem Sinn getätigt hat.«

»Und wann habe ich diese Erklärung abgegeben?«

»Mrs. Wilcox hat erklärt, Sie hätten nicht den Wunsch, sich selbst darum zu kümmern, und tatsächlich haben Sie sich bisher nie bei mir gemeldet, weil Sie dieses Konto hätten selber führen wollen.«

»Weil ich bis heute gar nicht wusste, dass dieses Konto existiert.«

»Das muss ein Missverständnis sein. Vielleicht ist es das Beste, wenn ich Sie und Ihre Mutter treffe, um die Angelegenheit zu klären.«

»Meine Mutter ist im Augenblick im Wellnessurlaub, wo sie weder telefonisch noch per E-Mail zu erreichen ist.« Wie’s aussah, hatte irgendeine Gottheit es jetzt endlich einmal gut mit ihr gemeint, sagte sich Breen. »Am besten klären wir beide diese Sache einfach selbst«, schlug sie dem Vermögensverwalter vor.

»Da haben Sie völlig recht. Mein Assistent hat jetzt schon Feierabend, aber kommen Sie am Montag doch vorbei.«

Oh nein, bis Montag würde sie der Mut verlassen, denn so war es jedes Mal. »Am besten komme ich jetzt gleich.«

»Miss Kelly, eigentlich hatte ich gerade Feierabend machen wollen, als Ihr Anruf einging.«

»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Umstände bereite, aber diese Angelegenheit ist wirklich dringend. Jedenfalls für mich. Ich würde deshalb gern mit Ihnen reden, um die … Sache zu verstehen, bevor ich einen Anwalt kontaktiere.«

Als er schwieg, kniff sie die Augen zu und dachte, bitte, bitte, sag, dass ich noch heute kommen kann.

»Vielleicht wäre es tatsächlich besser, wenn wir uns noch heute treffen würden, um die Angelegenheit zu klären, denn, wie gesagt, ich bin mir sicher, dass das alles nur ein Missverständnis ist. Man sagte mir, dass Sie nicht Auto fahren, also …«

»Was Ihnen gesagt wurde, ist falsch. Ich fahre Auto, habe aber keins, weil ich mir keins leisten kann. Aber ich bin durchaus in der Lage, zu Ihrem Büro zu kommen, und fahre sofort los.«

»Dann treffe ich Sie unten in der Eingangshalle. Wir sind eine kleine Firma, Miss Kelly. Die meisten Angestellten werden, bis Sie kommen, schon im Wochenende sein.«

»In Ordnung. Vielen Dank.«

Sie legte auf, bevor er es sich noch mal anders überlegen konnte, und ließ sich mit wackeligen Beinen in den Schreibtischsessel fallen. »Reiß dich zusammen, Breen. Reiß dich zusammen und fahr los.«

Sie schob die Unterlagen in die Ordner, ließ die Kanne auf dem Boden und die Tür des Aktenschranks einfach offen stehen, schloss alle Fenster und verließ das Haus. Von hier aus würde es wahrscheinlich ewig dauern, mit dem Bus zurück ins Stadtzentrum zu fahren, deshalb forderte sie – was sie bisher nie getan hatte – über Uber ein Taxi an. Natürlich strandeten sie mitten im Berufsverkehr, was allerdings um diese Zeit nicht anders zu erwarten war. Die Uber-Fahrerin, die ungefähr in ihrem Alter war, plapperte fröhlich vor sich hin und brach erst ab, als Breen den Kopf gegen die Nackenstütze lehnte und die Augen schloss.

Sie hätte gern die Unterlagen noch mal durchgelesen, doch wahrscheinlich wäre ihr dann schlecht geworden, und es hätte sich bestimmt nicht gut gemacht, mit Flecken auf der Hose zu dem ersten Treffen mit dem Mann zu gehen, der offenkundig der Verwalter ihres – alles andere als bescheidenen – Vermögens war.

Sie brauchte einen Plan, aber vor Trauer und vor Wut konnte sie keinen klaren Gedanken fassen, denn sie hätte dieses Wochenende wieder einmal ihre Rechnungen sortieren und mit dem bisschen Geld, das sie auf ihrem Konto hatte, hin- und herjonglieren wollen – nach ihrem Work-out in der Wohnung, denn für die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio hatte ihr bescheidener Verdienst ganz einfach nicht gereicht. Im Grunde aber hätte sie sich auch nicht wohl dabei gefühlt, umgeben von so vielen anderen Leuten zu trainieren. Und was auch immer dieses Treffen gleich ergäbe, müsste sie auch weiterhin ihre Rechnungen bezahlen.

Sie schlug die Augen wieder auf und blickte auf den Fluss, auf dessen Uferstraße sie inzwischen fuhren. Das Licht der untergehenden Sonne, das aufs Wasser und die Brücken fiel, tauchte die Gegend in ein warmes Licht.

Dann wird es wohl doch nicht regnen, dachte sie, und ihr fiel ein, dass sie ihren Regenmantel im Haus vergessen hatte. Hatte sie zumindest daran gedacht, die Tür hinter sich abzuschließen und vor allem die Alarmanlage wieder anzustellen? Nach einem Augenblick der Angst kniff sie die Augen wieder zu und kehrte in Gedanken noch mal in das mütterliche Haus zurück. Ja, ja, sie hatte abgesperrt und die Alarmanlage angestellt. Sie hatte automatisch das getan, was nötig war.

Dann hielt der Wagen vor dem würdevollen, alten Haus aus rotem Backstein, das im Schatten der aus Glas und Stahl bestehenden Wolkenkratzer lag, und sie drückte der Fahrerin ein großzügiges Trinkgeld in die Hand.

Das war’s mit ihrer sonntäglichen Pizza vor dem Fernseher.

Noch während sie die Straße überquerte, öffnete ein Mann die Tür. Er war groß und schlank, trug einen marineblauen Nadelstreifenanzug über einem blütenweißen Hemd und einem leuchtend roten Schlips und sah mit seinen graumelierten Haaren durchaus vertrauenerweckend aus.

Er war schon älter und deshalb bestimmt erfahren, dachte sie. Das hieß, er wusste, was er tat. Das wäre sicher gut, denn schließlich wusste sie es nicht.

»Miss Kelly«, grüßte er und reichte ihr die Hand.

»Ja, hallo, Mr. Ellsworth.«

»Bitte kommen Sie doch rein. Wir müssen in den ersten Stock. Macht’s Ihnen etwas aus, wenn wir die Treppe nehmen?«

»Nein.«

Sie sah sich in der Eingangshalle um. Mit ihrem beigefarbenen Teppichboden, dem Empfangstisch, ein paar riesengroßen Ledersesseln und verschiedenen Grünpflanzen in Terrakottatöpfen sah sie elegant, doch gleichzeitig behaglich aus.

»Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, falls ich an diesem Missverständnis irgendwie beteiligt war«, setzte er auf dem Weg nach oben an. »Jennifer – Ihre Mutter – hat gesagt, dass Sie sich nicht für Einzelheiten dieses Kontos interessieren.«

»Dann hat sie gelogen.« Oh, das hatte sie nicht sagen wollen, es war ihr einfach rausgerutscht. »Wenn stimmt, was Sie behaupten, hat sie Sie belogen, denn ich habe heute erst erfahren, dass es dieses Konto gibt. Das heißt, dass sie dann nicht nur Sie, sondern auch mich belogen hat.«

»Tja nun.« Er wies auf eine offene Tür.

In dem Büro, das größer als das Wohnzimmer in ihrer Wohnung und dank großer Fenster herrlich luftig war, standen ein wunderschöner alter Mahagonischreibtisch, zwei Besucherstühle sowie eine kleine Ledercouch. Auf einem Tresen war ein schicker Kaffeeautomat platziert, und auf einem an der Wand hängenden Bord waren die gerahmten Fotos seiner Frau und seiner Kinder aufgereiht.

»Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

»Das wäre nett. Mit Milch und ohne Zucker.«

»Bitte nehmen Sie doch Platz«, lud er sie ein, während er selber vor den Kaffeeautomaten trat.

»Ich habe alle Unterlagen mitgebracht«, setzte sie an und drückte, als sie saß, die Knie aneinander, damit Ellsworth nicht sah, wie ihre Beine zitterten. »Nach allem, was ich sehe, besteht dieses Konto seit 2006. In dem Jahr haben meine Eltern sich getrennt.«

»Das ist korrekt.«

»Können Sie mir sagen, ob es sich bei diesen Zahlungen um meinen Unterhalt gehandelt hat?«

»Oh nein, dafür waren sie nicht gedacht. Ich würde vorschlagen, dass Sie über den Unterhalt mit Ihrer Mutter sprechen, weil ich selbst nur über dieses eine Konto reden kann.«

»Also gut. Dann hat also meine Mutter dieses Konto angelegt?«

»Nein, Ihr Vater, Eian Kelly, hat das Konto damals noch auf Ihren Namen eröffnet und Ihrer Mutter, da Sie selbst noch minderjährig waren, die Vollmachten dafür erteilt. Er hat damals dafür gesorgt, dass jeden Monat ein Betrag von der Bank of Ireland auf das Konto überwiesen wird. Für Ihre Zukunft, Ihre Ausbildung und allgemein für Ihre finanzielle Sicherheit.«

Sie verschränkte eilig ihre Hände, denn jetzt fingen sie ebenfalls zu zittern an. »Und Sie sind sich sicher, dass es so gelaufen ist?«

»Auf jeden Fall.« Er hielt ihr den Kaffee hin und nahm mit seinem eigenen Kaffee nicht hinter seinem wunderschönen Schreibtisch, sondern auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz. »Er kam damals in mein Büro, und ich habe das Konto für ihn eröffnet und kümmere mich seither darum.«

»Hat er – hat er sich danach noch mal irgendwann bei Ihnen gemeldet?«

»Nein. Aber die Überweisungen gehen noch immer regelmäßig ein. Ihre Mutter hat das Konto all die Zeit für Sie geführt, und wie ich bereits sagte, war sie dabei immer sehr gewissenhaft. Wie Sie den Auszügen entnehmen können, hat sie niemals auch nur einen Penny abgehoben. Sie kommt jedes Vierteljahr, und falls es sonst was zu besprechen gibt, auch öfter her, und bisher ging ich davon aus, dass das durchaus in Ihrem Sinne ist.«

»Haben Sie viele Kunden – oder nennt man das Mandanten?«

»Ja genau, Mandanten«, klärte er sie lächelnd auf.

»Haben Sie häufiger Mandanten, denen ein Konto, auf dem an die vier Millionen Dollar liegen, völlig schnuppe ist? Ich weiß, dass dies ein angesehenes Unternehmen ist, in dem es sicher meist um deutlich größere Beträge geht, aber auch vier Millionen sind kein Pappenstiel.«

Er sagte nicht sofort etwas, und ihr war klar, er wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. »Es gibt Situationen, in denen ein Elternteil, ein Vormund oder ein Verwalter eher in der Lage ist, Entscheidungen über die Finanzen der Person zu fällen, auf die das Konto eingetragen ist.«

»Ich bin eine erwachsene Frau, und sie ist nicht mein Vormund.« Sie spürte, nein, sie wusste, was geschehen war. »Sie hat Ihnen erzählt, ich hätte kein Verantwortungsgefühl und könnte nicht mit Geld umgehen.«

»Miss Kelly – Breen – ich möchte nicht persönlich werden, aber Ihrer Mutter ging es immer um Ihr Wohl. Bei den Problemen, die Sie haben …«

»Was sollen das für Probleme sein?« Jetzt wurde ihre Aufregung durch kalte Wut verdrängt. »Hat sie gesagt, ich wäre leichtfertig und nicht besonders helle oder vielleicht gar etwas zurückgeblieben oder was?«

Er wurde rot und schüttelte den Kopf. »So direkt hat sie das niemals ausgesprochen.«

»Also hat sie es nur angedeutet. Vielleicht ist es gut, dass wir uns endlich mal persönlich kennen lernen, Mr. Ellsworth. Ich habe einen Master in Erziehungswissenschaft – den habe ich mir hart verdient, und da ich obendrein noch einen Kredit für dieses Studium aufnehmen musste, stehe ich mit einem Haufen Schulden da.« Sie nickte, als sie die betroffene Miene ihres Gegenübers sah. »Die beiden Jobs, die ich neben dem Studium hatte, haben für die Studiengebühren, das Essen und die Miete nämlich nicht gereicht. Und um die Schulden irgendwann mal abbezahlen zu können, arbeite ich seit dem Abschluss meines Studiums als Lehrerin für Englisch an der Grady Middle School. Ich gebe Ihnen gern die Namen meines Rektors und verschiedener Professoren, die ich an der Uni hatte, wenn Ihnen das weiterhilft.«

»Das wird nicht nötig sein. Mir wurde der Eindruck vermittelt, dass Sie keine Arbeit hätten und bisher noch immer alles abgebrochen hätten, was Sie angefangen haben.«

»Ich habe schon mit sechzehn regelmäßig in den Sommerferien und an den Wochenenden eigenes Geld verdient. Und weil ich jetzt noch die verdammten Schulden abbezahlen muss, arbeite ich weiter in den Sommerferien und gebe dazu noch zweimal in der Woche abends Nachhilfe.« In ihren Augen stiegen Zornestränen auf. »Ich gehe nie ins Restaurant, ich kaufe meine Kleider secondhand und teile mir mit einem Freund ein winziges Apartment, weil ich nicht noch weiter in die Miesen rutschen will. Ich habe …«

»Bitte.« Er nahm ihre Hand. »Es tut mir furchtbar leid, dass es zu diesem …«

»Reden Sie bloß nicht noch mal von einem Missverständnis«, unterbrach sie ihn, »denn ich weiß, dass meine Mutter mir das Konto vorsätzlich verschwiegen hat. Das Geld war für mich angedacht, und statt davon zu profitieren, habe ich mich jahrelang mit Studienkrediten, als Verkäuferin und als Bedienung durchgeschlagen«, fauchte Breen ihn an. »Mit diesem Geld und in dem Wissen, dass mein Vater dieses Konto für mich eingerichtet hat, hätte mein Leben völlig anders ausgesehen.« Sie stellte ihre Kaffeetasse auf den Tisch und atmete tief durch. »Es tut mir leid, es ist die Schuld meiner Mutter. Sie können nichts dafür. Warum hätten Sie ihr nicht glauben sollen? Aber im Grunde bin doch ich Ihre Mandantin, oder nicht?«

»Das sind Sie, und wir werden diese Angelegenheit so schnell wie möglich klären. Wann kommt Jennifer zurück?«

»Nächste Woche, aber eine Sache wüsste ich gerne jetzt gleich. Gehört das Geld auf diesem Konto allein mir?«

»Ja.«

»Das heißt, ich bin befugt, was davon abzuheben und zu überweisen.«

»Ja, wobei es meiner Meinung nach das Beste wäre, erst die Rückkehr Ihrer Mutter abzuwarten und dann ein Gespräch zu dritt zu führen.«

»Das wird nicht nötig sein. Ich hätte gern ein Konto, das allein auf meinen Namen läuft, auf das ich dann etwas von diesem Konto überweisen kann. Kann ich das tun?«

»Ja. Ich richte Ihnen gern ein solches Konto ein. Wie viel wollen Sie dorthin überweisen?«

»Alles.«

»Breen …«

Sie schüttelte den Kopf und wiederholte: »Alles. Wenn ich nicht zu unserem nächsten Treffen einen Anwalt mitbringen soll, der meine Mutter wegen, keine Ahnung, Unterschlagung oder so verklagt.«

»Sie hat das Geld nicht angerührt.«

»Ich bin mir sicher, dass ein Anwalt weiß, wie der korrekte Terminus lautet für das, was sie getan hat. Ich will mein Geld, um meine Schulden zu bezahlen und endlich wieder richtig durchzuatmen. Dieses Geld hat Eian Kelly Ihnen anvertraut, weil Sie mich hätten damit unterstützen sollen. Also tun Sie das jetzt bitte auch.«

»Sie sind inzwischen volljährig und können mit dem Geld auf diesem Konto tun und lassen, was Sie wollen. Sie können Ihrer Mutter auch die Kontovollmachten entziehen. Ich müsste dazu bitte Ihren Ausweis sehen, Sie müssten ein paar Formulare ausfüllen, und dazu müsste ich noch einen unserer Notare sowie einen Zeugen holen, damit alles seine Ordnung hat.« Noch einmal nahm er ihre Hand. »Ich glaube Ihnen, Breen. Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, mir noch die Telefonnummer von Ihrem Schulleiter zu geben? Nur zu meiner eigenen Beruhigung.«

»Kein Problem.«

2

Bis Breen ins Sally’s kam, herrschte dort bereits Hochbetrieb. Über dem Tresen, an dem sich die Gäste drängten, und den vollen Tischen kreisten bunte Lichter, doch im Rampenlicht stand Cher – das hieß Sally alias Cher – und schmetterte ihren Hit If I Could Turn Back Time.

Auch Breen hätte die Zeit gerne zurückgedreht.

Sie kämpfte sich durch das Gedränge Richtung Bar und schaffte es sogar zu lächeln, wenn ihr jemand winkte oder ihren Namen rief. Und dann fiel Marcos Blick auf sie, und während er Getränke mixte, salutierte er ihr knapp.

Da man im Sally’s Strass und Glitzer liebte, trug er ein schimmerndes Silbershirt zu einer engen schwarzen Jeans und einen Silberring im Ohr. Seit Kurzem ließ er sich ein kurzes Ziegenbärtchen wachsen, das ihm mindestens so gut wie seine langen, zurückgebundenen schwarzen Zöpfe stand, und auf der schokoladenbraunen Stirn glänzte der Schweiß. Aber schließlich war die Bar auch in mehr als einer Hinsicht wirklich heiß.

»Mach Platz für unser Mädchen, Geo«, forderte er den Kollegen auf, der auf einem der Hocker Platz genommen hatte.

»Nein, nein, schon gut.«

Aber der kleine, dünne Geo, der an diesem Abend ganz in Rot gekleidet war, hatte den Hocker bereits freigemacht.

»Jetzt setz dich erst mal hin, Schätzchen. Ich muss sowieso die Runde machen«, meinte er und gab ihr einen Wangenkuss. »Du armes Huhn siehst vollkommen erledigt aus.«

»Das bin ich auch.«

Sie nahm auf dem ihr angebotenen Hocker Platz, während Marco die Bestellung eines anderen Gastes ausführte und ihr dann ein Glas Weißwein einschenkte.

»Du bist spät dran – und hast dich nicht mal umgezogen. Dieses Outfit ist echt traurig, Mädel«, kritisierte er und zog verblüfft die Brauen hoch, als er sie mindestens die Hälfte ihres Weins mit einem Schluck herunterkippen sah.

»Okay, du hattest offenkundig wirklich einen harten Tag.«

»Hart, seltsam, furchteinflößend und befreiend«, erklärte sie und brach in Tränen aus.

»Geo! Lös mich mal kurz ab!«

Er kam zu ihr vor den Tresen, packte sie am Arm und zog sie in den kleinen Raum hinter der Bühne, in dem zwei Künstler vor den Spiegeln saßen, um die neuesten Klatschgeschichten auszutauschen, bis sie an der Reihe waren.

»Wir bräuchten mal den Raum, meine Damen.«

Einer von den beiden, der die Lady Gaga geben würde, nahm Breen tröstend in den Arm. »Schon gut, mein Baby. Es wird alles gut. Glaub deinem alten Jimmy. Kein Mann ist es wert, dass so ein tolles Mädel seinetwegen weint.«

Er küsste sie auf die Wange, und als Sally alias Cher Gypsies, Tramps & Thieves anstimmte, drückte Marco Breen auf einen Stuhl.

»Was ist passiert, Schätzchen? Erzähl mir alles ganz genau.«

»Ich – mein Vater …«

»Hat er sich gemeldet?«, fragte Marco und nahm ihre Hand.

»Nein, nein, aber er – oh, Marco, er hat mir seit Jahren jeden Monat Geld geschickt. Er hat extra ein Konto dafür eingerichtet und mir jeden Monat Geld überwiesen. Sie hat mir nie etwas davon erzählt und hatte alle Auszüge und anderen Unterlagen weggesperrt. Und all die Zeit …« Sie blickte auf die Hand, die Marco fest umklammert hielt. »Ich habe meinen Wein vergessen.«

»Kein Problem, ich laufe schnell nach vorn und hol ihn dir.«

»Warte. Es ist … Marco, es gab über all die Jahre Zinsen, Dividenden und was sonst noch für das Geld, und deshalb sind auf diesem Konto heute knapp vier Millionen Dollar.«

Er starrte sie mit großen Augen an. »Hast du geträumt? Du weißt, dass du mitunter diese Träume hast, mein Schatz.«

»Nein. Ich habe gerade ein Gespräch mit meinem Vermögensverwalter geführt. Ich habe wirklich an die vier Millionen Dollar auf dem Konto, Marco.«

»Bleib sitzen. Rühr dich nicht vom Fleck. Ich hole dir nicht nur dein Glas, sondern am besten gleich die ganze Flasche Wein.«

Sie tat wie ihr geheißen, und im Spiegel sah sie, dass sie wirklich kreidebleich und vollkommen erschöpft aussah. Inzwischen trug sie ihre Haare offen, aber von der mühsam morgens hergestellten glatten Fönfrisur war jetzt nichts mehr zu sehen. Und die mausbraune Tönung, die sie einmal in der Woche auftrug, um das allzu auffällige Rot zu dämpfen, war inzwischen so verblichen, dass sie sterbenslangweilig aussah.

Egal, sagte sie sich. Im Grunde war es vollkommen egal. Sobald sie ihren Kummer bei dem lieben Marco abgeladen hätte, würde sie nach Hause und dort sofort schlafen gehen. Für die geplanten Aufsatzkorrekturen ging ihr gerade einfach zu viel anderes durch den Kopf, und da sie vorhatte, vor ihrer Heimkehr mindestens zwei Gläser Wein zu trinken, müsste sie auf jeden Fall bis morgen warten, bis sie wieder halbwegs bei sich war.