Verlag: Blanvalet Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Nächte des Sturms - Nora Roberts

Im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernd!Tagträume scheinen dem musikalisch hochbegabten Shawn Gallagher neben seiner Tätigkeit als Koch im familieneigenen Pub völlig zu genügen. Weder Brenna O’Toole, seine beste Freundin, noch seine Geschwister Aidan und Darcy können verstehen, dass er nicht mehr aus seinem Talent macht. Doch seine Sehnsüchte liegen in einer anderen Welt voller Musik, Mythen und Magie – bis sich ganz heimlich und völlig unerwartet die Liebe zu einem temperamentvollen rothaarigen Lockenkopf in sein Herz schleicht …

Meinungen über das E-Book Nächte des Sturms - Nora Roberts

E-Book-Leseprobe Nächte des Sturms - Nora Roberts

Buch

Shawn Gallagher, der begabte Koch im familieneigenen Pub, ist auch ein hoch talentierter Songschreiber. Allerdings verbringt er die meiste Zeit seines Lebens mit Träumereien. Es scheint, als wäre er mit sich und der Welt zufrieden – aber seine Musik spricht eine andere Sprache: die der Einsamkeit und Verzweiflung. Niemand versteht, warum Shawn sein musikalisches Talent nicht nutzt, um Karriere damit zu machen. Auch nicht Brenna O’Toole, eine temperamentvolle, unabhängige junge Frau mit feuerroten Locken, die ihn seit Jahren liebt. Doch Shawns Schicksal liegt verbogen in einer anderen Welt, einer geheimnisvollen Welt voller Mythen und Magie, die ihm nur das liebende Herz einer Frau eröffnen Kann....

Autorin

Nora Robert schrieb vor rund zwanzig Jahren ihren ersten Roman und hoffte inständig, veröffentlicht zu werden. Heute, so hat man hochgerechnet, wird weltweit alle fünf Minuten rund um die Uhr ein Buch von ihr verkauft! Damit avanciert sie zu einer der meist verkauften Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb schreibt sie mit ähnlich großem Erfolg auch Kriminalromane.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Copyright

Liebe Leserinnen,

Tagträumer bringen Schönheit in die Welt. Kunst und Musik, Geschichten und Gefühle. Irland ist ein Land, das seine Träumer liebt. Und trotzdem sind die Iren nicht nur Künstler und Poeten, sondern zugleich durchaus praktisch. In der einen Hand halten sie ihre uralte Magie, die andere ist feucht vom Schweiße ihrer Arbeit.

In Nächte des Sturms reichen der Träumer Shawn Gallagher und die eher nüchterne Brenna O’Toole einander diese beiden Hände. Feenprinz Carrick hat mit diesen beiden seine Arbeit, wenn er sie zusammenbringen und dadurch der Aufhebung des Bannes näherkommen will, der ihn von seiner eigenen Liebe und seinem eigenen Schicksal trennt.

Er hat für die beiden ein Geschenk, aber sie müssen es ebenso wie einander selbstlos annehmen. Liebe und Großmut müssen Stolz und Ehrgeiz überwinden. Zwei Menschen, die sich schon aus Kindertagen kennen, müssen einander mit völlig neuen Augen sehen.

Hoch über dem hübschen Dörfchen Ardmore, auf einer windumtosten Klippe in der Nähe des Brunnens eines alten Heiligen, ist die Luft voller Magie und herrlicher Musik. Setzen Sie sich dort auf eine Bank und spitzen Sie die Ohren.

Nora Roberts

Für Bruce,meinen persönlichen Mann für alle Fälle

Ah, kiss me, love, and miss me, loveand dry your bitter tears.

Ach, küss mich, Schatz, vermiss mich, Schatz, und trockne deine bittren Tränen.

– Irischer Pub-Song

1

Irland ist ein Land der Dichter und Legenden, der Träumer und Rebellen. Sie alle sind von herrlicher Musik erfüllt. Es gibt Melodien für den Tanz und für die Trauer, für den Kampf und für die Liebe. In den alten Zeiten reisten die Barden von einem Ort zum anderen und sangen ihre Weisen für ein Mahl, ein Bett und ein paar kleine Münzen.

Die Barden und die seanachais – die Geschichtenerzähler  – waren überall willkommen, in jeder Hütte, jedem Gasthof und an jedem Lagerfeuer. Ihre wunderbare Gabe wurde selbst unter den grünen Hügeln in den Palästen der Feen sehr geschätzt.

Und wird es auch heute noch.

Einmal, vor nicht allzu langer Zeit, war eine Geschichtenerzählerin in dieses ruhige Dorf am Meer gekommen und war sehr herzlich aufgenommen worden. Sie hatte in dem Dorf ihr Herz und auch ihr Heim entdeckt.

Auch ein Barde lebte unter ihnen und hatte sein Heim dort, wo es ihm gefiel. Doch sein Herz, das hatte er noch nicht gefunden.

In seinem Kopf spielte Musik. Manchmal weich und wunderbar verträumt, wie das Wispern einer zärtlichen Geliebten, und manchmal brüllend und voller Gelächter wie ein guter Freund, der dich auf ein Guinness in den Pub einlädt. Sie war süß, leidenschaftlich und voller Tränen der Verzweiflung. Doch stets war es Musik. Und es bereitete ihm die größte Freude, sie Tag und Nacht zu hören.

Shawn Gallagher war ein Mann, der mit seinem Leben vollkommen zufrieden war. Es gab einige, die sagten, er wäre deshalb so zufrieden, weil er kaum je lange genug aus seinen Träumen auftauchte, um die wahre Welt zu sehen. Und er stimmte ihnen zu.

Seine Welt war die Musik und die Familie, und was für ihn zählte, waren sein Heim und seine Freunde. Weshalb sollte er sich noch um andere Dinge kümmern?

Seine Familie lebte bereits seit Generationen in Ardmore, einem Dorf im Bezirk Waterford in Irland. Und dort betrieben die Gallaghers schon seit Jahrhunderten den Pub, boten ihren Gästen frische Getränke, anständige Mahlzeiten und einen heimeligen Ort für angenehme Gespräche.

Seit sich die Eltern vor einiger Zeit in Boston niedergelassen hatten, führte Shawns älterer Bruder Aidan das gemeinsame Geschäft. Was Shawn Gallagher nicht ungelegen kam, da er weder über einen ausgeprägten Geschäftssinn verfügte, noch auch nur das leiseste Interesse dafür aufbrachte. Er war glücklich in der Rolle des hoch gelobten Kochs, da Kochen ihn entspannte.

Wenn er Bestellungen erfüllte oder die Tageskarte aufsetzte, hörte er ständig, entweder aus dem Pub oder schlicht in seinem Kopf, seine geliebten Melodien.

Natürlich gab es Momente, in denen seine Schwester Darcy – die wesentlich mehr Energie und Ehrgeiz als er selbst besaß – dort, wo er einen Eintopf rührte oder ein paar Brote machte, hereinplatzte und einen Streit mit ihm vom Zaun brach.

Aber das machte alles nur etwas lebendiger.

Auch hatte er keine Probleme damit, beim Bedienen auszuhelfen, vor allem nicht, wenn die Musik spielte und die Gäste fröhlich tanzten. Und nach dem abendlichen Schließen räumte er ohne Klage auf, denn das Gallagher’s war für seine Ordnung und Sauberkeit berühmt.

Das Leben in Ardmore, das gemächliche Tempo, in dem alles vor sich ging, die leuchtend blaue See, die dunkelbraunen Klippen, die schimmernd grünen Hügel, die sich in Richtung der blauen Bergkette erstreckten, kam ihm mehr als nur zupass. Die berühmte Reiselust der Gallaghers hatte er anscheinend nicht geerbt, er war in dem sandigen Boden von Ardmore fest verwurzelt.

Er verspürte nicht das geringste Bedürfnis zu reisen, wie sein Bruder Aidan es getan hatte und wie Darcy es noch wollte. Alles, was er brauchte, hatte er in seiner Nähe. Weshalb also sollte er irgendetwas verändern?

Obgleich er vor kurzem genau das getan hatte.

Sein Leben lang hatte er durch das Fenster seines Schlafzimmers aufs Meer hinab gesehen. Es war dort gewesen, einfach dort, war schäumend gegen die Klippen gebrandet, stürmisch oder ruhig oder in irgendeiner dazwischen liegenden Stimmung. Der Duft des Meeres war das erste gewesen, was er aufgesogen hatte, wenn er morgens vor die Tür getreten war.

Aber als sein Bruder die hübsche Amerikanerin Jude Frances Murray im letzten Herbst zur Frau genommen hatte, war es ihm richtig erschienen, ein paar Dinge zu verändern.

Gemäß der Gallagher’schen Tradition bekam das Kind, das als Erstes heiratete, das Heim der Familie. Also waren Jude und Aidan in das große Haus am Rand des Dorfs gezogen, als sie von ihrer Hochzeitsreise nach Venedig zurückgekommen waren.

Vor die Wahl zwischen den Räumen oberhalb des Pubs und dem kleinen, der Fitzgerald’schen Seite von Judes Familie gehörenden, gemütlichen, doch abgelegenen Cottage gestellt, hatte Darcy die Wohnung im Zentrum des Dorfes genommen und Shawn und einige andere Männer um ihre hübschen Finger gewickelt, damit diese durch aufwendige Streicharbeiten und das Schleppen unzähliger Möbel die zu Aidans Zeiten eher spartanischen Räume in ihren eigenen kleinen Palast verwandelten.

Was Shawn durchaus gepasst hatte.

Ihm gefiel das kleine, von hübschen Gärten umgebene Cottage auf dem Feenhügel besser, von dem aus man so wunderbar über die Klippen und die Hügel blicken konnte, und dessen geradezu himmlische Ruhe er genoss.

Auch hatte er nichts gegen den Geist, der in dem Cottage lebte.

Obgleich er ihn bisher noch nicht gesehen hatte, war er überzeugt von seiner Existenz. Es war der Geist von Lady Gwen, die um den Feengeliebten weinte, der von ihr einst abgewiesen worden war, und die immer noch darauf wartete, dass der Bann gebrochen würde und sie beide endlich frei wären. Shawn kannte die Geschichte des braven jungen Mädchens, das vor dreihundert Jahren in dem Cottage auf dem kleinen Hügel gelebt hatte, genau.

Carrick, der Prinz der Feen, hatte sich in sie verliebt, doch statt seiner Liebe und seines Herzens hatte er ihr einzig die Pracht dessen gezeigt, was er ihr geben würde. Dreimal hatte er ihr Säcke mit Juwelen gebracht, erst Diamanten aus dem Feuer der Sonne, dann Perlen aus den Tränen des Mondes und schließlich Saphire aus dem Herzen der See.

Doch sie hatte seinem Herzen und ihrem eigenen Schicksal nicht getraut und ihn zurückgewiesen. Und die Juwelen, die er vor ihren Füßen ausgeschüttet hatte, hatten sich der Legende zufolge in genau die Blumen verwandelt, die noch heute im Garten vor dem kleinen Häuschen blühten.

Die meisten Blumen hielten gerade ihren wohlverdienten Winterschlaf. Die Klippen, auf denen die Lady angeblich häufig wandelte, ragten nackt und düster in den kalten, grauen Himmel.

Sicher gab es in Kürze einen Sturm.

Es war ein rauer Morgen, der Wind schlug hart gegen die Fenster, kroch durch alle Ritzen und kühlte das Cottage aus. Shawn hatte ein Feuer im Kamin in der Küche entfacht und trank heißen Tee, sodass ihm der Wind nichts ausmachte. Ganz im Gegenteil erfreuten ihn die geradezu arroganten Töne, in denen er pfiff. Er saß behaglich am Tisch, knabberte an einem Keks und spielte in Gedanken mit dem Text zu einer von ihm selbst verfassten Melodie.

In einer Stunde musste er hinunter in den Pub. Aber um sicher zu gehen, dass er es nicht vergaß, hatte er einen Wecker auf den Herd und zusätzlich den Wecker in seinem Schlafzimmer gestellt. Ohne jemanden, der ihn aus seinen Träumen schüttelte und ihm sagte, er solle sich endlich bewegen, vergaß er allzu oft die Zeit.

Da es Aidan wütend machte und Darcy einen Vorwand gab, um sich mit ihm zu streiten, tat er sein Möglichstes, damit dies nicht geschah. Das Problem war, dass er hin und wieder derart vertieft war in seine Musik, dass er selbst das Piepsen und Schrillen der Wecker einfach überhörte.

Auch jetzt war er vollkommen in sein neues Lied vertieft, eine Weise, in der es um junge, selbstsichere Liebe ging. Die Art Liebe, wie Shawn dachte, die so unbeständig wie der Wind, doch zugleich aufregend und herrlich war. Ein fröhliches, unbeschwertes Lied, für das man schnelle Füße und eine gewisse Flirtbereitschaft brauchte.

Er würde es noch etwas aufpolieren und sehen, ob er Darcy dazu brächte, dass sie es einmal sang. Ihre Stimme passte hervorragend zu der Stimmung des Liedes.

Zu bequem, um hinüber ins Wohnzimmer zu gehen, wo das alte Klavier stand, das er vor seinem Einzug gekauft hatte, klopfte er den Takt des Liedes, während er den Text veränderte, ganz einfach mit dem Fuß.

Er hörte weder das laute Klopfen an der Haustür noch das Dröhnen schwerer Schritte in dem kleinen Flur noch das gemurmelte, erboste Fluchen.

Typisch, dachte Brenna. Schon wieder ist er in irgendeiner Traumwelt versunken, während das Leben um ihn herum weitergeht. Sie wusste nicht, weshalb sie überhaupt geklopft hatte – im Grunde hörte er es nie, und schließlich waren sie bereits seit ihrer Kindheit beim jeweils anderen zu Hause.

Nun, sie waren keine Kinder mehr, und sie klopfte lieber an, ehe sie irgendwann einmal vielleicht in einem unpassenden Augenblick hereinkam.

Schließlich hatte er vielleicht einmal eine Frau bei sich zu Gast. Der Mann zog Frauen an wie Zuckerwasser die Bienen. Nicht, dass er unbedingt ein Süßholzraspler war. Obgleich er dazu ein gewisses Talent besaß.

Aber Himmel, er war wirklich attraktiv. Sofort hasste sie sich für diesen flüchtigen Gedanken. Aber schließlich war es schwer, seine Attraktivität zu übersehen.

All die wunderbaren schwarzen Haare, die, da er regelmäßig den Friseurbesuch vergaß, immer etwas struppig wirkten. Die ruhigen, verträumten blauen Augen – die nur, wenn er sich aufregte, gleichermaßen heiße wie kalte Blitze aussandten. Er hatte lange, dunkle Wimpern, für die jede ihrer vier Schwestern ihre Seele verkauft hätte, und einen vollen, festen Mund, der, wie sie annahm, geschaffen war für lange, inbrünstige Küsse und sanfte, zarte Worte.

Nicht, dass sie das aus eigener Erfahrung hätte sagen können, nein. Aber sie hatte so einiges gehört.

Seine Nase war lang und etwas schief von einem Treffer, den sie selbst vor über zehn Jahren beim Baseballspiel gelandet hatte’, doch dessen ungeachtet hatte er das Gesicht von einem Märchenprinzen oder einem edlen Ritter oder einem leicht zerzausten Engel.

Dazu kamen der große, schmale Körper, die wunderbar kraftvollen Hände mit den Fingern eines Künstlers und eine Stimme, die klang wie vom Torffeuer gewärmter Whiskey.

Nicht, dass sie sich besonders für ihn interessierte. Es war nur so, dass sie alles, was gelungen war, zu schätzen verstand.

Was für eine elende Lügnerin sie doch war.

Sie hatte bereits für ihn geschwärmt, als sie ihn mit dem Baseball erwischt hatte, und damals war sie erst vierzehn gewesen und er bereits ein neunzehnjähriger, attraktiver junger Mann. Diese Schwärmerei hatte sich beständig gesteigert, bis sie in der nunmehr vierundzwanzigjährigen Frau zu etwas Heißem, Drängendem herangewachsen war.

Nicht, dass sie bisher je als weibliches Wesen von ihm wahrgenommen worden wäre.

Umso besser, sagte sie sich und ging weiter Richtung Küche. Sie hatte nicht die Zeit herumzustehen, und von Typen wie Shawn Gallagher zu träumen. Schließlich musste sie wie die meisten anderen Menschen arbeiten.

Sie setzte ein möglichst arrogantes Grinsen auf, senkte ein wenig ihren Arm und ließ dann absichtlich den Werkzeugkasten mit lautem Krachen fallen. Dass er zusammenzuckte wie ein Kaninchen beim Knall eines Gewehrschusses, erfüllte sie mit böser Freude.

»Himmel!« Er fuhr auf seinem Stuhl herum und massierte sich das Herz, als müsse er es wieder zum Schlagen bringen. »Was ist passiert?«

»Nichts.« Sie grinste noch immer herablassend. »Ich bin einfach ein Tollpatsch«, erklärte sie mit süßer Stimme und hob den Werkzeugkasten wieder auf. »Aber ich habe dir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, nicht wahr?«

»Um ein Haar hättest du mich umgebracht.«

»Tja, ich habe höflich angeklopft, aber du hast dich ja nicht bequemt, mir aufzumachen.«

»Ich habe dich nicht gehört.« Er atmete langsam aus, strich sich die Haare aus der Stirn und zog kritisch die Brauen hoch. »Tja, aber was machst du hier? Ist irgendwas kaputt?«

»Du hast wirklich ein Gedächtnis wie ein Sieb.« Sie zog ihre Jacke aus und warf sie über einen Stuhl. »Dein Ofen funktioniert seit über einer Woche nicht mehr«, erinnerte sie ihn und nickte in Richtung des Geräts. »Das Ersatzteil, das ich bestellt habe, ist gerade gekommen. Soll ich das Ding nun reparieren oder nicht?«

Er machte ein zustimmendes Geräusch und winkte gnädig in Richtung des defekten Ofens.

»Kekse?«, fragte sie, als sie am Tisch vorüberging. »Was für ein Frühstück ist denn das für einen ausgewachsenen Mann?«

»Sie waren gerade greifbar.« Angesichts des Lächelns, mit dem er sie bedachte, hätte sie ihn am liebsten in den Arm genommen. »Es ist mir einfach zu mühsam, morgens für mich allein zu kochen; aber falls du Hunger hast, mache ich gerne etwas für uns beide.«

»Nein, ich habe schon gefrühstückt.« Sie stellte den Werkzeugkasten ab, klappte ihn entschlossen auf und wühlte kurz darin herum. »Du weißt doch, Ma macht immer riesige Mengen. Sie würde sich ganz sicher freuen, wenn du morgens mal vorbeikommen und anständig bei ihr frühstücken würdest.«

»Ihr könntet ja vielleicht eine rote Flagge hissen, wenn sie mal wieder ihre berühmten Pfannkuchen macht. Möchtest du wenigstens eine Tasse Tee? Er ist noch heiß.«

»Ich hätte nichts dagegen.« Während sie die passenden Werkzeuge heraussuchte und das Ersatzteil in die Hand nahm, beobachtete sie seine Füße, die sich durch die Küche in Richtung Anrichte bewegten. »Was hast du gerade gemacht, als ich kam? Hast du wieder komponiert?«

»Ich habe mit den Worten zu einer neuen Melodie herumgespielt«, erklärte er geistesabwesend. Sein Blick war auf einen einzelnen Vogel gefallen, dessen schwarzes, schimmerndes Gefieder sich im Flug deutlich von dem trüben, grauen Winterhimmel abhob. »Es scheint heute ziemlich kalt zu sein.«

»Allerdings, und obendrein noch feucht. Der Winter hat gerade erst angefangen und schon wünsche ich mir, er wäre bald wieder vorbei.«

»Dann wärm dich doch zuerst einmal ein bisschen auf.« Er ging vor ihr in die Hocke und reichte ihr den Tee, genau wie sie ihn mochte, stark und mit mehreren Stücken Zucker.

»Danke.« Der Becher wärmte angenehm ihre Hände. Er blieb einfach hocken und nippte an seinem eigenen Tee. Ihre Knie stießen leicht aneinander. »So, was wirst du jetzt mit diesem Schrotthaufen anstellen?«

»Was interessiert dich das? Hauptsache, er funktioniert.« Er zog eine Braue hoch. »Wenn ich wüsste, was du machst, könnte ich das Ding beim nächsten Mal vielleicht alleine reparieren.«

Diese Vorstellung ließ sie in derart schallendes Gelächter ausbrechen, dass sie mit dem Hintern auf den Boden plumpste. »Du? Shawn, du wirst doch noch nicht mal mit einem abgebrochenen Fingernagel fertig.«

»Und ob ich das tue.« Grinsend tat er, als beiße er einen seiner Nägel einfach ab, worauf sich ihr Lachen noch verstärkte.

»Mach dir keine Gedanken darüber, was ich mit diesem Ding mache, und ich mache mir keine Gedanken über den nächsten Kuchen, den du darin bäckst. Schließlich hat jeder von uns seine Stärken.«

»Es ist nicht so, dass ich noch nie einen Schraubenzieher benutzt hätte«, erklärte er in würdevollem Ton und zog einen aus ihrem Koffer.

»Und ich habe durchaus schon mal einen Kochlöffel benutzt. Aber ich weiß, was mir besser in der Hand liegt.«

Sie nahm ihm das Werkzeug ab, drehte sich um und schob den Kopf in den Ofen, um mit der Arbeit anzufangen.

Sie hat kleine Hände, dachte Shawn. Ein Mann mochte sie als zart betrachten, wenn er nicht wusste, was sie alles schafften. Er hatte sie dabei beobachtet, wie sie einen Hammer schwang, einen Bohrer hielt, Holz schleppte, Rohre verlegte. Meistens waren diese kleinen Feenhände voller Schrammen und Kratzer oder kleiner Abschürfungen an den Knöcheln.

Sie war eine so kleine Frau, und hatte sich ausgerechnet eine solche Arbeit ausgesucht. Oder aber, die Arbeit hatte sie ausgesucht, verbesserte er sich, als er schließlich wieder aufstand. Er kannte das nur zu gut. Brennas Vater war ein vielseitig begabter Handwerker, und seine älteste Tochter schlug ihm einfach nach. Genau wie es hieß, Shawn käme nach der Mutter seiner Mutter, die, ganz in die Musik versunken, regelmäßig die Wäsche oder das Mittagessen vergessen hatte.

Er wollte sich gerade abwenden, als sie mit wackelndem Hintern eine Schraube des Ofens losdrehte. Wieder zog er seine Brauen in die Höhe, da plötzlich sein, wie er dachte, automatisches männliches Interesse an einer attraktiven Stelle des weiblichen Körpers geweckt wurde.

Schließlich hatte sie einen hübschen, festen, schmalen Körper. Die Art Körper, die ein Mann mit einer Hand umfassen konnte, wenn er wollte. Doch falls ein Mann das je versuchen würde, so war Shawn sich sicher, dass Brenna O’Toole ihn mit einem gezielten Faustschlag niederstrecken würde.

Bei dieser Vorstellung musste er grinsen.

Doch trotz ihres mehr als nur ansehnlichen Hinterns sah er ihr lieber ins Gesicht. Es war eine Studie menschlicher Regungen. Ihre lebendigen, leuchtend grünen Augen blitzten unter elegant geschwungenen Brauen, die einen Ton dunkler waren als ihr leuchtend rotes Haar. Ihr Mund war schnell zu einem Lachen, einem Grinsen oder einem strengen Zusammenpressen der vollen Lippen bereit. Sie schminkte sich nur selten, obgleich sie die beste Freundin seiner Schwester Darcy war, die niemals auch nur einen Schritt aus dem Haus gehen würde, ohne auf Hochglanz poliert zu sein.

Sie hatte eine kesse kleine Nase, wie ein kleiner Kobold, die sie herrlich verächtlich oder missbilligend zu rümpfen verstand. Ihre Haare hatte sie meistens unter eine Baseballkappe gestopft, an deren Schirm die kleine Elfe steckte, die er ihr zu irgendeinem Anlass vor Jahren einmal geschenkt hatte. Aber wenn sie die Kappe einmal abnahm, ergossen sich Kilometer voller, roter Haare in wilden kleinen Locken über ihre Schultern.

Was bestens zu ihr passte.

Da er ihr Gesicht noch einmal sehen wollte, ehe er zur Arbeit ging, lehnte sich Shawn lässig an die Ofenplatte und setzte ein Grinsen auf.

»Wie ich höre, hast du eine Liaison mit dem lieben Jack Brennan?«

Als ihr Kopf abrupt zurückschoss und krachend gegen das Oberteil des Ofens stieß, zuckte Shawn zusammen und legte klugerweise sein breites Grinsen ab.

»Ganz bestimmt nicht!« Wie er es erhofft hatte, tauchte sie aus dem Ofen auf. Auf ihrer Nase war ein kleiner Rußfleck und als sie sich den schmerzenden Schädel rieb, verrutschte ihre Kappe. »Wer hat das behauptet?«

»Oh!« Shawn zuckte unschuldig mit den Schultern und trank seinen Tee aus. »Ich dachte, ich hätte etwas in der Richtung gehört.«

»Du hörst doch nie, was andere sagen. Ich habe keinen Freund, weder Jack Brennan noch sonst irgendjemanden. Für solchen Unsinn habe ich ganz einfach keine Zeit.« Wütend schob sie den Kopf wieder in den Ofen.

»Tja, dann habe ich mich wohl geirrt. Aber das kann leicht passieren, denn schließlich ist überall im Dorf die Romantik ausgebrochen. Überall, wo man hinkommt, hört man von Verlobungen, Hochzeiten und Babys.«

»Was ja wohl auch die angemessene Reihenfolge ist.«

Grinsend ging er nochmals vor dem Ofen in die Hocke, legte ihr freundschaftlich eine Hand auf ihren Hintern, wobei ihm entging, dass sie plötzlich völlig erstarrte. »Aidan und Jude suchen bereits Namen aus, und dabei ist sie gerade mal im zweiten Monat. Die beiden sind wirklich ein wunderbares Paar, findest du nicht auch?«

»Ja.« Ihr Mund war wie ausgetrocknet, denn sie empfand etwas gefährlich Ähnliches wie ehrliches Verlangen. »Es gefällt mir, die beiden so glücklich zu sehen. Jude bildet sich ein, das Cottage wäre ein Ort der Magie. Hier hat sie sich in Aidan verliebt und mit dem Schreiben ihres Buches ein neues Leben angefangen. All die Dinge, von denen sie sagt, sie hätte zuvor noch nicht einmal davon zu träumen gewagt, haben sich hier in kurzer Zeit erfüllt.«

»Auch das ist wunderbar. Und dieses Cottage hat wirklich etwas Magisches«, sagte er mehr zu sich selbst. »Hin und wieder spürt man es. Wenn man kurz vorm Einschlafen ist oder gerade wach wird. Es ist, als wäre jemand da und … warte darauf, dass etwas Bestimmtes geschieht.«

Das Ersatzteil saß an Ort und Stelle und sie schob sich rückwärts aus dem Ofen. Seine Hand glitt langsam über ihren Rücken und fiel dann schließlich von ihr ab. »Hast du sie schon mal gesehen? Lady Gwen?«

»Nein. Manchmal hat man das Gefühl, als bewege sich die Luft, oder man meint, aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen; aber sobald man sich umdreht, ist es wieder fort.« Lächelnd stand er wieder auf. »Vielleicht haben wir einfach nicht dieselbe Wellenlänge.«

»Ich würde denken, du wärst der perfekte Kandidat für einen Geist mit einem gebrochenen Herzen«, erklärte Brenna und wandte sich, als sie seinen überraschten Blick sah, hastig ab. »Jetzt sollte der Kasten wieder funktionieren«, fügte sie hinzu und drehte an einem Schalter. »Mal sehen, ob er heizt.«

»Das schaffst du sicher auch alleine, oder?« Beim Klingeln seines Weckers fuhren sie beide erschrocken zusammen. »Ich muss nämlich los«, erklärte Shawn und stellte den Wecker aus.

»Ist das dein Alarmsystem?«

»Eins von zweien.« Er hob einen Finger und wie auf ein Zeichen ertönte das Klingeln des zweiten Weckers aus dem Schlafzimmer. »Das ist die zweite Runde, aber das Ding ist noch zum Aufziehen und stellt sich deshalb in einer Minute von alleine ab. Sonst müsste ich ja jedes Mal nach oben laufen und auf den verdammten Knopf drücken.«

»Wenn du einen Vorteil dadurch hast, bist du wirklich clever.«

»Auch ich habe eben meine hellen Momente. Ach ja, der Kater ist draußen«, fuhr er fort, während er seine Jacke vom Haken nahm. »Aber lass dich nicht von ihm erweichen, falls er an der Tür kratzt. Bub wusste, auf was er sich einließ, als er darauf bestand, zusammen mit mir umzuziehen.«

»Hast du wenigstens daran gedacht, ihn zu füttern?«

»Ich bin kein völliger Idiot.« Keineswegs beleidigt durch ihre Frage schlang er sich einen Schal um seinen Hals. »Er hat Futter genug, und wenn dem nicht so wäre, würde er einfach zu euch kommen und an der Küchentür betteln. Aber das tut er sowieso, nur um mich in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen.« Er fand seine Mütze und zog sie sich über die Ohren. »Sehen wir uns später noch im Pub?«

»Höchstwahrscheinlich ja.« Erst als sie hörte, dass hinter ihm die Tür ins Schloss fiel, stieß sie einen Seufzer aus.

Für Shawn Gallagher zu schwärmen war einfach idiotisch, sagte sie sich streng. Denn ganz sicher würde diese Schwärmerei niemals von ihm erwidert. Er sah sie wie eine Schwester, oder schlimmer noch, wie eine Art Bruder an.

Was alleine ihre Schuld war, musste sie sich eingestehen, als sie auf ihre fleckige Arbeitshose und die zerkratzten Stiefel sah. Shawn mochte eher den mädchenhaften Typ, und sie war das genaue Gegenteil. Sicher könnte sie sich ebenso zurechtmachen wie alle anderen. In Darcy, ihren eigenen vier Schwestern und in Jude hätte sie schließlich zahlreiche erfahrene Beraterinnen.

Aber abgesehen von der Tatsache, dass sie all diesen Aufwand hasste, was machte es für einen Sinn? Wenn sie sich aufmöbelte, anmalte und in Samt und Seide kleidete, um einem Mann zu imponieren, dann würde er ja sowieso nicht die Frau mögen, die sie wirklich war.

Und außerdem würde Shawn, wenn sie plötzlich geschminkt, mit Schmuck behangen und einem kessen kurzen Kleid vor ihm auftauchte, ganz sicher lauthals lachen und irgendetwas Blödes sagen, was ihr keine andere Wahl ließe, als sich mit ihm zu prügeln.

Es machte also keinen Sinn.

Diese Art des Auftritts überließ sie besser weiter Darcy, der Meisterin der Weiblichkeit, sowie ihren Schwestern, denen so etwas gefiel. Sie selbst blieb am besten weiterhin bei ihrem Werkzeug.

Sie trat wieder vor den Ofen, wählte eine andere Temperatur und sah nach den Glühstäben. Als sie sich davon überzeugt hatte, dass alles funktionierte, stellte sie den Ofen ab und packte ihr Werkzeug wieder in den Kasten.

Sie würde sofort gehen. Schließlich gab es keinen Grund, noch länger hier zu bleiben. Aber das Häuschen war so ungemein behaglich. Sie hatte sich hier immer schon heimisch gefühlt. Als die alte Maude Fitzgerald noch hier im Faerie Hill Cottage gelebt hatte, hatte Brenna sie sehr oft besucht.

Dann war Maude gestorben und Jude hatte eine Zeit lang hier gelebt. Sie waren Freundinnen geworden, sodass es leicht gewesen war, wieder in die alte Routine zu verfallen und hin und wieder auf dem Weg nach Hause oder ins Dorf hinunter kurz hereinzuschauen.

Nun, da Shawn hier lebte, unterdrückte sie meistens dieses Bedürfnis nach einem Besuch. Doch es war schwer zu widerstehen. Sie mochte die Ruhe des Häuschens ebenso wie all die hübschen kleinen Dinge, die Maude gesammelt und überall verteilt hatte. Jude hatte sie gelassen, wo sie sie vorgefunden hatte, und Shawn schien nichts daran ändern zu wollen; denn noch immer ließen hübsche Nippessachen aus Glas, liebliche Feen- und Zaubererfigürchen, zahllose alte Bücher und ein ebenso alter, verblichener Teppich das kleine Wohnzimmer freundlich und einladend erscheinen.

Natürlich gab es nun, da Shawn noch das alte Klavier in das winzige Zimmerchen gezwängt hatte, kaum noch einen freien Fleck. Aber Brenna war der Ansicht, durch das Instrument hätte das Cottage noch an Charme gewonnen. Und außerdem hatte die alte Maude Musik wirklich geliebt.

Sie würde sich freuen, dachte Brenna, als sie mit den Fingerspitzen über das verkratzte, schwarze Holz des Kastens fuhr, dass endlich wieder jemand in ihrem Haus Musik machte.

Müßig blätterte sie durch die Noten, die Shawn stets auf dem Deckel des Klaviers verstreut hatte. Immer schrieb er gerade an einer neuen Melodie oder aber änderte etwas an einer alten Weise ab. Mit gerunzelter Stirn studierte sie die Tupfen und Kritzeleien. Sie war nicht besonders musikalisch. Oh, sie konnte durchaus ein Trinklied singen, ohne dass deshalb die Hunde der Umgebung in lautes Heulen ausbrachen; aber auf einem Instrument zu spielen, war etwas völlig anderes.

Da sie ganz alleine war, beschloss sie, ihre Neugier zu befriedigen, stellte den Werkzeugkasten wieder ab, nahm eines der Notenblätter, suchte, an ihrer Unterlippe nagend, nach der Taste für das C und spielte langsam und mit einem Finger die handgeschriebenen Noten ab.

Natürlich war es eine wunderbare Weise. Alles, was er schrieb, war herrlich, und selbst ihr jämmerliches Spiel konnte dem Lied nicht alle Schönheit rauben.

Wie so viele andere seiner Weisen hatte auch diese einen Text. Brenna räusperte sich leise, runzelte konzentriert die Stirn und bemühte sich, den richtigen Ton anzuschlagen.

»Wenn ich nachts alleine bin und der Mond lautlos weint, weiß ich, alles hätte Sinn, wären wir endlich vereint.Ohne dich mein Herz nur von Erinnerungen lebt, Du, nur du bist in Gedanken nachts bei mir, solange der Mond am Himmel schwebt.«

Sie brach ab und seufzte, da niemand sie hörte, leise schmachtend auf. Wie die Texte aller seiner Lieder rührte auch dieser Text sie an. Nur ging es diesmal etwas tiefer, nur klang es diesmal etwas wahrer.

Die Tränen des Mondes, dachte sie. Die Perlen, die Lady Gwen zurückgewiesen hatte. Eine Liebe, die um Gegenliebe flehte, doch keine Erwiderung erfuhr.

»Ach, Shawn, das ist so entsetzlich traurig. Was ist nur in dir, das dich zum Verfassen derart einsamer Musik bewegt?«

So gut sie ihn auch kannte, wusste sie doch keine Antwort auf diese Frage. Doch sie hätte die Antwort gern gehabt, hätte gern endlich den Schlüssel in der Hand gehalten, um ihn zu verstehen. Doch er war weder ein Motor noch eine Maschine, die man einfach auseinander nehmen konnte. Männer waren komplizierter und somit wesentlich frustrierender.

Es war sein Geheimnis und, so nahm sie an, die Wurzel seines Talents. Alles, was er tat, tat er in seinem Inneren, auf eine geheimnisvolle Art. Wohingegen sie … sie sah auf ihre kleinen sehr geschickten Hände. Alles, was sie tat, war so entsetzlich simpel.

Nun, wenigstens setzte sie ihre Fähigkeiten vernünftig ein, zumindest verdiente sie mit ihnen ihren Lebensunterhalt. Was hingegen tat Shawn Gallagher mit seiner großen Gabe außer herumzusitzen und zu träumen? Hätte er auch nur eine Spur von Ehrgeiz oder wäre wirklich stolz auf seine Arbeit, würde er seine Lieder verkaufen, statt sie nur zu schreiben und in Pappkartons zu sammeln.

Der Mann brauchte einen kräftigen Tritt in den Hintern dafür, dass er dieses von Gott gegebene Talent derart vergeudete.

Aber den, so dachte sie, verpasste sie ihm besser an einem anderen Tag. Heute hatte sie auch so bereits mehr als genug zu tun.

Sie wollte gerade aufstehen und nach ihrer Werkzeugkiste greifen, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen glaubte. Sie richtete sich kerzengerade auf, völlig entsetzt bei dem Gedanken, Shawn sei zurückgekommen  – schließlich vergaß der Kerl mit schöner Regelmäßigkeit etwas – und hätte sie beim Spielen eines seiner Lieder überrascht.

Aber es war nicht Shawn, der in der Tür stand.

Die Frau hatte goldenes Haar, das in langen Wellen über ihre Schultern auf ein schlichtes, bodenlanges, graues Kleid fiel. Ihre Augen waren von einem hellen, sanften Grün und ihr Lächeln war so traurig, dass es einem das Herz zu brechen drohte.

Erkennen, Entsetzen und eine beinahe Schwindel erregende Erregung wallten gleichzeitig in Brenna auf. Sie öffnete den Mund, doch was auch immer sie hatte sagen wollen, kam einfach nicht heraus.

Mit klopfendem Herzen und zitternden Knien setzte sie noch einmal an. »Lady Gwen«, stieß sie schließlich krächzend aus. Sie fand es bewundernswert, dass sie angesichts der Begegnung mit einem dreihundert Jahre alten Geist überhaupt etwas herausbrachte.

Eine einzelne, silbrig schimmernde Träne rann über die Wange der uralten, doch gleichzeitig immer noch jungen Frau. »Er hat sein Herz in dieses Lied hineingelegt.« Obgleich ihre Stimme samtig weich und lieblich war, rann bei ihrem Klang ein Schauder durch Brenna hindurch. »Hör also gut hin.«

»Was –« Doch ehe Brenna die Frage aussprechen konnte, war sie wieder allein. Einzig der schwache Duft von wilden Rosen, von dem der Raum mit einem Mal erfüllt war, erinnerte noch an den Geist.

»Tja, dann. Tja.« Sie musste sich setzen, also ließ sie sich nochmals auf die Klavierbank sinken. »Tja«, wiederholte sie und atmete mehrmals tief ein, bis sich das Klopfen ihres Herzens allmählich beruhigte.

Als sie glaubte, ihre Beine wären wieder stark genug, um sie zu tragen, stand sie langsam auf. Am besten würde sie jemand Weisem, Vernünftigem, Verständnisvollem von der Begebenheit erzählen. All diese Eigenschaften besaß Mollie, ihre Mutter.

Auf der kurzen Fahrt nach Hause beruhigte sie sich zusehends. Das O’Toolesche Haus stand etwas abseits von der Straße. Es war ein aus diversen Komponenten zusammengewürfeltes Gebäude, an dessen Errichtung sie nicht unerheblich mitgewirkt hatte. Immer wenn ihrem Vater die Idee zu einem neuen Anbau in den Kopf kam, freute sie sich darüber, mit ihm zusammen etwas Altes abzureißen und etwas Neues zu errichten. Einige ihrer glücklichsten Erinnerungen verbanden sich mit der gemeinsamen Arbeit mit Michael O’Toole und dem Klang seines fröhlichen Pfeifens, das jedes Werk begleitete.

Sie brachte ihren Pick-up hinter dem alten Wagen ihrer Mutter zum Stehen. Sie mussten die alte Kiste wirklich dringend neu lackieren, dachte sie geistesabwesend, so wie jedes Mal, wenn sie das Fahrzeug sah.

Aus den Kaminen stiegen Säulen grauen Rauches in die Luft, und im Inneren des Hauses war es warm und heimelig wie immer. Es duftete nach morgendlicher Bäckerei, und tatsächlich zog Mollie gerade frische braune Brote aus dem Ofen.

»Ma.«

»Oh, heilige Maria, hast du mich erschreckt.« Lachend stellte Mollie die Bleche auf den Herd und drehte sich mit einem Lächeln zu ihrer Tochter um. Sie besaß ein hübsches, immer noch junges, faltenloses Gesicht und hatte die gleichen roten Haare wie die ihrer Tochter mit ein paar Nadeln praktisch zusammengesteckt.

»Tut mir Leid, aber du hast schon wieder das Radio so laut gestellt.«

»Die Musik beschwingt mich.« Trotzdem drehte Mollie das Radio jetzt leiser. Unter dem Tisch rollte sich Betty, die gelblich braune Hündin, leise knurrend auf die Seite. »Was machst du denn so früh schon wieder hier? Ich dachte, du hättest zu tun.«

»Hatte ich auch. Und habe ich immer noch. Ich muss noch ins Dorf, um Dad zu helfen; aber vorher war ich im Faerie Hill Cottage und habe Shawns Ofen repariert.«

»Mmm-hmmm –« Mollie wandte sich wieder dem Herd zu, nahm die Brote vom Blech und legte sie zum Abkühlen auf ein großes Gitter.

»Er ging, bevor ich fertig wurde, sodass ich eine Zeit lang dort alleine war.« Als Mollie abermals nur ein geistesabwesendes »Mmm« äußerte, verlagerte Brenna ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Und dann, äh, als ich gerade gehen wollte, nun, da erschien mir plötzlich Lady Gwen.«

»Mmm-hmm. Was?« Endlich blickte Mollie über ihre Schulter.

»Ich habe sie gesehen. Ich habe ein bisschen auf dem Klavier herumgeklimpert, und dann hob ich den Kopf, und plötzlich stand sie in der Tür des Wohnzimmers.«

»Tja, da hast du dich sicherlich erschreckt.«

Brenna atmete tief aus. Mollie O’Toole war wirklich eine durch und durch vernünftige, bodenständige Person. »Vor lauter Schreck hätte ich beinahe meine Zunge verschluckt. Sie ist wirklich wunderschön, genau wie die alte Maude immer gesagt hat. Und traurig. Es bricht einem das Herz zu sehen, wie traurig sie ist.«

»Ich hatte immer gehofft, sie selbst einmal zu sehen.« Praktisch, wie sie war, schenkte Mollie ihnen beiden Tee ein und trug die Becher an den Tisch. »Aber es war mir nie vergönnt.«

»Ich weiß, dass Aidan seit Jahren behauptet, sie mit schöner Regelmäßigkeit zu sehen. Und dann hat Jude sie gesehen, als sie in das Cottage zog.« Brenna, die sich wieder ein wenig beruhigt hatte, setzte sich an den Tisch. »Aber erst heute Morgen habe ich mit Shawn über sie gesprochen, und er sagt, er hätte sie noch nie gesehen – gelegentlich gespürt, aber nie gesehen. Und dann, dann stand sie einfach vor mir. Weshalb meinst du, ist sie in dem Augenblick erschienen, als ich gerade dort war?«

»Das kann ich nicht sagen, Liebling. Und, was hast du bei ihrem Anblick empfunden?«

»Abgesehen von totaler Überraschung so etwas wie Mitgefühl. Und Verwirrung, weil ich nicht weiß, was sie mit dem, was sie gesagt hat, ausdrücken wollte.«

»Sie hat mit dir gesprochen?« Mollies Augen weiteten sich. »Nun, bisher habe ich nie gehört, dass sie mit jemandem gesprochen hätte, noch nicht mal mit der alten Maude. Das hätte sie mir ganz bestimmt erzählt. Was hat sie denn gesagt?«

»Sie hat gesagt, er hätte sein Herz in das Lied gelegt, das ich gerade gespielt hatte. Und als ich mich wieder so weit gefasst hatte, um sie zu fragen, was sie damit meinte, war sie schon wieder weg.«

»Da Shawn derjenige ist, der jetzt in dem alten Cottage lebt, und da es sein Klavier war, auf dem du gespielt hast, würde ich sagen, dass die Botschaft durchaus eindeutig gewesen ist.«

»Aber an dem Lied war nichts Besonderes. Ich höre ständig seine Musik. Man kann keine fünf Minuten mit ihm zusammen sein, ohne dass man sein Zeug zu hören bekommt.«

Mollie wollte etwas sagen, doch dann besann sie sich anders und ergriff stattdessen Brennas Hand. Ihre liebe Mary Brenna, dachte sie zärtlich, weshalb nur fiel es ihr so schwer, etwas zu verstehen, was sie nicht auseinander nehmen und wieder zusammensetzen konnte? »Ich würde sagen, wenn es für dich an der Zeit ist, die Botschaft zu verstehen, dann wirst du sie verstehen.«

»Sie weckt in einem das Bedürfnis, ihr zu helfen«, murmelte Brenna zu sich selbst.

»Du bist ein gutes Mädchen, Mary Brenna. Und vielleicht gelingt es dir einmal tatsächlich, etwas für sie zu tun.«

2

Da es kalt war und der Wind den Menschen ins Gesicht biss, machte sich Shawn an die Zubereitung eines möglichst dicken, kräftigen Eintopfs. Die morgendliche Stille in der Küche des Pubs war etwas, das er liebte, und so genoss er, während er das Gemüse zerkleinerte und die Lammstücke briet, die letzten Minuten der Ruhe, ehe die ersten Gäste über die Schwelle traten.

Nicht mehr lange, und Aidan käme herein, um zu fragen, ob dies getan und jenes erledigt worden war. Und dann würde Darcy sich in ihrer Wohnung bewegen, er würde Schritte auf dem Boden und das leise Echo der Musik vernehmen, die sie entsprechend ihrer Stimmung auswählte.

Doch im Augenblick gehörte das Gallagher’s ihm noch allein.

Er hätte nicht gerne die Verantwortung dafür gehabt. Die überließ er lieber Aidan. Er war dankbar, dass er der Zweitgeborene war. Trotzdem war der Pub ihm wichtig, der – seit Shamus Gallagher und seine Frau ihn in der Bucht von Ardmore als Stätte der Gastfreundschaft, des Schutzes vor den Unbilden des Wetters und des Genusses von einem Glas guten Whiskeys eröffnet hatten – von einer Generation an die andere übergeben worden war.

Er war als Sohn eines Gastwirtes geboren und wusste, dass es bei der Arbeit vor allem darum ging, es den hereinkommenden Menschen gemütlich zu machen. Im Verlauf der Jahre war das Gallagher’s zum Synonym für Behaglichkeit geworden, und es war ebenso für seine seisiuns, das ungezwungene, spontane Spielen traditioneller Musik, wie auch für die inszenierten Aufführungen offiziell engagierter Musiker aus dem ganzen Land berühmt.

Shawns Liebe zur Musik war ebenso ein Erbteil wie der Pub. Sie war ebenso ein Teil von ihm wie seine blauen Augen oder sein sinnlich sanftes Lächeln.

Er liebte es, in der Küche zu arbeiten und durch die halb offene Tür den Klängen der Musik zu lauschen. Es stimmte, oft ließ er sich dazu verleiten, seine Arbeit zu verlassen, in den Schankraum hinüberzugehen und in die Melodien einzustimmen. Aber früher oder später bekam jeder Gast sein Essen, was also schadete ein gewisses Maß an Spontaneität?

Es war selten – nicht ausgeschlossen, aber selten –, dass er etwas anbrennen oder eine servierfertige Mahlzeit kalt werden ließ, denn er war stolz auf seine Küche und auf das, was er dort tat.

Jetzt stand er, eingehüllt in aromatische Gerüche, vor dem Topf mit eindickender Suppe und gab etwas frisches, selbst gezogenes Basilikum und Rosmarin hinzu. Die Idee mit den selbst gezüchteten Kräutern hatte er von Mollie O’Toole, die er als die beste Köchin der ganzen Gemeinde bewunderte.

Der Majoran stammte bisher noch aus der Dose, doch bald würde er sich kaufen, was Jude ein Pflanzlicht nannte, und auch dieses Kraut selbst anpflanzen. Nachdem der Eintopf fein genug gewürzt war, sah er nach den anderen köchelnden Gerichten und begann mit dem Schneiden des Kohls für seinen berühmten, kiloweise verlangten Krautsalat.

Schließlich hörte er über sich die ersten Schritte und einige Sekunden später die Musik. Shawn erkannte die komplizierte, doch gleichzeitig eingängige Melodie und stimmte gerade zufrieden in den Gesang von Annie Lennox ein, als Aidan durch die Tür kam.

Aidan trug einen dicken Wollpullover zum Schutz gegen den Wind. Er war breitschultriger und muskulöser als sein Bruder. Sein Haar hatte dasselbe dunkle Kastanienbraun wie das Holz der Theke und bekam im Sonnenlicht denselben rötlich warmen Schimmer. Shawns Gesicht war etwas schmaler und das Blau seiner Augen ein wenig gedämpfter, und trotzdem zeigten sie beide unübersehbar die Gallagher’schen Gene. Niemand, der die beiden sah, würde auch nur für eine Sekunde daran zweifeln, dass sie eng verwandt waren.

Aidan zog eine seiner Brauen in die Höhe. »Darf man fragen, warum du so grinst?«

»Ich grinse über dich«, kam die ungerührte Antwort. »Du hast das Aussehen eines Menschen, der mit sich und der Welt durch und durch zufrieden ist.«

»Weshalb auch nicht?«

»Tja, weshalb auch nicht.« Shawn schenkte seinem Bruder einen Becher Tee ein. »Und wie geht es unserer lieben Jude?«

»Ihr ist immer noch ein bisschen übel, aber es scheint, als mache ihr das nichts weiter aus.« Aidan nippte an dem Tee und seufzte leise auf. »Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass mir selbst ganz anders wird, wenn ich sehe, wie kreidebleich sie morgens beim Aufstehen ist. Nach ungefähr einer Stunde ist es wieder vorbei, aber mir erscheint diese Stunde immer endlos.«

Seinen eigenen Becher in den Händen, lehnte sich Shawn gemütlich an den Tisch. »Nicht für alles Geld der Welt wollte ich eine Frau sein. Soll ich ihr später vielleicht einen Teller Eintopf bringen? Ich habe auch noch Hühnersuppe, falls sie etwas weniger Gehaltvolles möchte.«

»Ich glaube, der Eintopf wäre gut. Sie wird dir sicher dankbar sein, genauso wie ich.«

»Kein Problem. Es ist Lammeintopf, falls du die Tageskarte schreiben willst, und dann kannst du noch Brotpudding draufsetzen, den mache ich nachher noch dazu.«

Im Pub schrillte das Telefon, und Aidan rollte mit den Augen. »Ich hoffe nur, das ist nicht der Lieferant, der mir erklären will, dass es schon wieder irgendein Problem gibt. Mir reicht schon, dass er nicht genügend Porter bringen konnte.«

Das, dachte Shawn, als Aidan die Küche verließ, um an den Apparat zu gehen, war nur einer der zahlreichen Gründe, weshalb er die geschäftliche Seite der Wirtschaft liebend gerne seinem Bruder überließ.

All das Rechnen und Planen, überlegte er, während er kalkulierte, wie viel Pfund Fisch er bis zum Abend bräuchte. Und dann der ständige Umgang mit anderen Menschen, die Diskussionen, die gegenseitigen Forderungen und Ansprüche. Schließlich ging es nicht nur darum, hinter der Theke zu stehen, Bier zu zapfen und sich die Geschichten des alten Mr. Riley anzuhören.

Dann gab es noch so grauenhafte Dinge wie Haushaltsbücher oder die Berechnung von Gesamteinnahmen, Unterhaltskosten und zu zahlenden Steuern. Allein der Gedanke daran bereitete ihm Kopfweh.

Er sah nach seinem Eintopf, rührte ihn einmal kräftig um und ging dann in Richtung Treppe, um Darcy zuzurufen, sie solle endlich ihren faulen Hintern bewegen. Er sagte es eher aus Gewohnheit als aus ehrlicher Verärgerung, und der Fluch, der als Antwort die Stufen herunterwehte, war für ihn ebenfalls normal.

Durch und durch zufrieden mit dem Tagesanfang, schlenderte Shawn hinüber in den Pub, um zusammen mit Aidan vor Beginn der ersten Schicht die Stühle von den Tischen zu nehmen.

Doch Aidan stand stirnrunzelnd hinter der Bar. »Dann war es also tatsächlich schon wieder unser Lieferant?«

»Nein.« Immer noch stirnrunzelnd, wandte sich Aidan an den Bruder. »Es war ein Anruf aus New York, von einem Mann namens Magee.«

»New York? Himmel, dort ist es doch höchstens fünf Uhr früh.«

»Das weiß ich, aber der Mann klang durchaus munter und obendrein vollkommen nüchtern.« Aidan kratzte sich am Kopf, schüttelte seine dichten braunen Haare und hob seinen Becher an den Mund. »Er hat sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet hier in Ardmore ein Theater zu gründen.«

»Ein Theater?« Shawn stellte den ersten Stuhl auf den Boden und stützte sich dann auf die Lehne. »Ein Filmtheater oder was?«

»Nein, ein Musiktheater. Live-Musik, und vielleicht auch Schauspiel. Er meinte, er ruft mich an, weil er gehört hat, das Gallagher’s sei auf dem besten Weg, das hiesige Zentrum für Musik zu werden. Und deshalb wollte er wissen, was ich von seiner Idee halte.«

Nachdenklich nahm Shawn einen zweiten Stuhl vom Tisch. »Und was hast du gesagt?«

»Tja, nicht viel, denn schließlich war ich völlig überrascht. Ich habe gesagt, er sollte mir ein paar Tage Zeit lassen. Ende der Woche will er sich noch mal melden.«

»Weshalb sollte jemand aus New York auf die Idee kommen, ausgerechnet hier ein Musiktheater zu eröffnen? Wäre nicht Dublin oder irgendwas in Clare oder Galway viel Erfolg versprechender?«

»Tja, er war nicht gerade auskunftsfreudig, aber er sagte, er wollte unbedingt in diese Gegend. Also habe ich ihm erklärt, vielleicht wäre er sich der Tatsache ja nicht bewusst, dass dies hier nicht viel mehr ist als ein Fischerdorf. Sicher, es kommen einige Touristen wegen der Strände oder um ein paar Fotos von Saint Declans zu machen; aber trotzdem kann man wohl kaum behaupten, dass hier sonderlich viel los wäre.«

Schulterzuckend kam Aidan hinter dem Tresen hervor, um Shawn zu helfen. »Aber darüber hat er bloß gelacht. Er meinte, er kenne die Gegend gut genug und er dächte an etwas Kleines, Anheimelndes.«

»Soll ich dir sagen, was ich denke?«, fragte Shawn, und Aidan nickte. »Ich finde, es ist eine fantastische Idee. Ob es funktioniert, ist eine andere Sache, aber die Idee ist gut.«

»Trotzdem muss ich erst darüber nachdenken«, murmelte Aidan. »Höchstwahrscheinlich überlegt der Typ es sich sowieso noch einmal anders und sucht sich dann doch eine Gegend, in der einfach mehr los ist.«

»Falls nicht, werde ich ihn dazu überreden, das Theater direkt hinter dem Pub zu bauen.« Mechanisch verteilte Shawn die Aschenbecher auf den Tischen. »Wir haben dort noch ein Stück Land, und wenn sein Theater sozusagen an den Pub angeschlossen wäre, würden wir noch davon profitieren.«

Aidan nahm den letzten Stuhl herunter und verzog den Mund zu einem Lächeln. »Das ist eine hervorragende Idee. Du überraschst mich. Einen solchen Geschäftssinn hätte ich dir gar nicht zugetraut.«

»Oh, hin und wieder benutze sogar ich den Kopf zum Denken.«

Trotzdem dachte er nicht weiter über das Theater nach, als der Pub geöffnet wurde, und die Gäste hereinströmten. Allerdings blieb ihm genügend Zeit für ein kurzes, unterhaltsames Gefecht mit Darcy, worauf sie zu seiner großen Freude aus der Küche stapfte, und wutschnaubend erklärte, sie würde frühestens wieder mit ihm sprechen, wenn er sechs Jahre in seinem Grab gelegen hätte.

Nur hegte er gewisse Zweifel, dass ihm ein solches Glück tatsächlich zuteil würde.

Er rührte nochmals in dem Eintopf, grillte Fisch und Pommes frites und machte dicke, mit Schinken und Käse belegte Sandwichs. Das beständige Summen der Stimmen hinter der Tür musste ihm als Gesellschaft genügen, denn während der ersten Stunde der gemeinsamen Mittagsschicht hielt Darcy wirklich Wort und bedachte ihn statt mit Worten nur mit bösen Blicken, wenn sie wegen irgendwelcher Bestellungen zu ihm in die Küche kommen musste.

Ihr Verhalten amüsierte ihn so, dass er sie, als sie hereinkam, um leer gegessene Teller abzustellen, einfach packte und schmatzend auf den Mund küsste. »Sprich mit mir, Darling. Dein Schweigen bricht mir noch das Herz.«

Erst versuchte sie ihn fortzuschieben und schlug ihm auf die Hände, dann jedoch gab sie lachend auf. »In Ordnung, ich rede wieder mit dir, du elendiger Sturschädel. Aber jetzt lass mich endlich los.«

»Erst, wenn du mir versprichst, dass du mir nicht wieder irgendwelche Teller an den Kopf wirfst.«

»Ich spare gerade für ein neues Kleid. Also kann ich es mir gar nicht leisten, dass Aidan mir das kaputte Porzellan von meinem Gehalt abzieht.« Sie warf ihr dichtes, seidig schwarzes Haar nach hinten und rümpfte gespielt verächtlich die Nase.

»Dann bin ich ja halbwegs sicher.« Er wandte sich wieder zum Ofen und drehte ein brutzelndes Fischfilet herum.

»Draußen sitzen ein paar deutsche Touristen, die unbedingt deinen Eintopf mit Brot und Krautsalat probieren wollen. Sie haben in einer Pension übernachtet«, fuhr sie fort, als Shawn bereits die dicken Schalen holte. »Morgen wollen sie weiter nach Kerry und dann Richtung Clare. Ich an ihrer Stelle würde, wenn ich im Januar Urlaub hätte, ins sonnige Spanien oder auf irgendeine tropische Insel fliegen, wo ich nichts bräuchte außer einem Bikini und einer großen Flasche Sonnenmilch.«

Während sie erzählte, lief sie durch die Küche. Eine Frau mit einem prachtvollen Gesicht, klarer, cremig weißer Haut und leuchtend blauen Augen. Ihr voller Mund war, egal, ob sie schmollte oder lachte, unverzeihlich sinnlich, und um trotz des kalten, trüben Tages gute Laune zu behalten, hatte sie ihn leuchtend rot bemalt.

Ihre unübersehbar weibliche Figur hüllte sie in leuchtende Farben und samtig weiche Stoffe.

Sie hatte die Gallagher’sche Reiselust geerbt und war seit langem fest entschlossen, dieses Verlangen eines Tages in möglichst elegantem Stil zu stillen.

Da heute jedoch noch nicht der Tag zum Reisen war, griff sie schicksalsergeben nach den Tellern und wollte gerade die Küche verlassen, als Brenna durch die Tür kam. »Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt?«, wollte sie von der Freundin wissen. »Du bist ja ganz schwarz im Gesicht.«

»Ruß.« Brenna schniefte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase. »Dad und ich haben einen Schornstein sauber gemacht. Das war vielleicht ein Dreck. Aber den Großteil habe ich schon abgewaschen.«

»Falls du das tatsächlich glaubst, hast du ganz offensichtlich noch nicht in den Spiegel gesehen.« Darcy machte einen möglichst großen Bogen um ihre Freundin und flüchtete hinüber in den Pub.

»Sie würde den ganzen Tag in irgendwelche Spiegel gucken, wenn sie die Wahl hätte«, bemerkte Shawn verächtlich. »Willst du vielleicht was essen?«

»Dad und ich nehmen jeder einen Teller von dem Eintopf. Riecht wirklich lecker.« Sie trat an den Topf und wollte sich gerade bedienen, als Shawn sich zwischen sie und seinen heiß geliebten Herd schob.

»Lass mich das lieber machen. Du bist tatsächlich immer noch ziemlich dreckig.«

»Na gut. Außerdem hätten wir beide gerne eine Tasse Tee. Und, ah, ich müsste nachher noch kurz mit dir reden.«

Er blickte über seine Schulter. »Warum reden wir nicht einfach jetzt?«

»Ich würde lieber mit dir reden, wenn du weniger zu tun hast. Falls es dir recht ist, komme ich einfach nach deiner Mittagsschicht noch mal vorbei.«

»Du weißt, wo du mich findest.« Er stellte die Teller und die Becher auf ein Tablett.

»Natürlich.« Sie nahm ihm das Tablett ab und trug es in die Nische, in der ihr Vater bereits saß.

»So, Dad. Zwei Riesenteller frisch gekochter Eintopf.«

»Riecht wirklich himmlisch.«

Mick O’Toole war ein Zwerg von einem Mann, klein und kompakt, mit dichtem, drahtigem, sandfarbenem Haar und lebhaften Augen, deren Farbe sich wie die des Meeres irgendwo zwischen Grün und Blau bewegte.

Er hatte ein Lachen, das klang wie das Schreien eines Esels, Hände wie ein Chirurg und eine Schwäche für romantische Geschichten.

Und er war Brennas große Liebe.

»Wirklich schön, jetzt gemütlich hier im Warmen zu sitzen, findest du nicht auch, Mary Brenna?«

»Allerdings.« Sie tauchte ihren Löffel in den Eintopf und blies vorsichtig in die dampfend heiße Brühe, obgleich sie wegen des aufsteigenden verführerischen Duftes am liebsten das Risiko in Kauf genommen hätte, sich die Zunge zu verbrennen.

»Warum erzählst du mir nicht, während wir behaglich hier zusammensitzen und uns die Bäuche voll schlagen, was dich bedrückt?«

Er sah ganz einfach alles. Manchmal empfand Brenna diese Fähigkeit als tröstlich, manchmal aber auch als ein wenig lästig. »Ich habe keine echten Sorgen. Aber weißt du noch, wie du mir erzählt hast, was dir passiert ist, als du ein junger Mann warst und deine Großmutter starb?«

»Allerdings weiß ich das noch. Wie jetzt war ich hier im Gallagher’s. Natürlich stand damals noch Aidans Vater hinter der Theke. Das war lange, bevor er zusammen mit seiner Frau nach Amerika ausgewandert ist. Du warst noch nicht viel mehr als ein Wunsch in meinem Herzen und ein Lächeln in den Augen deiner Mutter. Ich war dort, wo jetzt Shawn ist, nämlich hinten in der Küche. Ich reparierte den Abfluss, der schon seit Wochen leckte.«

Er machte eine Pause, um den Eintopf zu probieren und betupfte sich anschließend die Lippen, wie es ihm seine Frau als Freundin guter Tischmanieren unerbittlich antrainiert hatte.

»Ich hockte also auf dem Boden, hob den Kopf und sah plötzlich meine Großmutter in einem geblümten Kleid und einer weißen Schürze. Sie lächelte mich an, aber als ich etwas sagen wollte, schüttelte sie stumm den Kopf, hob wie zum Abschied ihre Hand und löste sich in Luft auf. In dem Augenblick wurde mir klar, dass sie von uns gegangen war, und dass das, was ich gesehen hatte, ihr Geist war, der sich von mir hatte verabschieden wollen. Wir beide hatten immer eine besonders innige Beziehung.«

»Ich will dich nicht traurig machen«, murmelte Brenna.

»Nun.« Mick atmete hörbar aus. »Sie war eine wunderbare Frau und hatte ein gutes und langes Leben. Aber deshalb haben wir Zurückgebliebenen sie nach ihrem Tod nicht weniger vermisst.«

Brenna erinnerte sich auch noch an den Rest der Geschichte. Daran, wie ihr Vater seinen Arbeitsplatz verlassen hatte und in Richtung des kleinen Hauses gelaufen war, in dem seine seit zwei Jahren verwitwete Großmutter allein gelebt hatte. Daran, dass er sie in der Küche gefunden hatte, in ihrem geblümten Kleid und in der weißen Schürze. Daran, dass sie ruhig und friedlich dahingeschieden war.

»Es scheint«, sagte sie jetzt vorsichtig, »als würden auch die Verblichenen manchmal jemanden vermissen. Wie zum Beispiel Lady Gwen. Ich habe sie heute Morgen im Faerie Hill Cottage gesehen.«

Mick nickte und schob sich näher an Brenna heran, als sie ihm von ihrem morgendlichen Erlebnis berichtete.

»Armes Mädchen«, sagte er am Ende des Berichts. »Sie wartet inzwischen schon so lange darauf, dass sich die Dinge für sie endlich zum Guten wenden.«

»Es gibt jede Menge Leute, die wirklich lange warten.« Brenna hob den Kopf, als Shawn mit einem voll beladenen Tablett aus der Küche kam. »Wenn es hier ein bisschen ruhiger wird, will ich auch noch mit Shawn über diese Sache reden. Darcy sagt, oben in ihrer Wohnung sei eine Steckdose kaputt. Ich glaube, nach dem Essen sehe ich mir das Ding einmal in Ruhe an, und dann spreche ich mit Shawn. Es sei denn, du hättest heute noch etwas für mich zu tun?«

»Nichts, was nicht warten könnte.« Mick zuckte mit den Schultern. »Was wir heute nicht mehr schaffen, erledigen wir eben irgendwann anders. Ich fahre einfach hoch zum Cliff Hotel und höre, ob sie sich entschieden haben, welchen Raum sie als Nächstes renoviert haben möchten.« Er blinzelte seiner Tochter zu. »Mit ein bisschen Glück haben wir dort den ganzen Winter über was zu tun. Dann sitzen wir die ganze Zeit schön im Trockenen und Warmen.«

»Und außerdem kannst du immer mal wieder die Treppe runterschleichen und kontrollieren, ob Mary Kate auch brav in ihrem Büro an ihrem Computer sitzt.«

Mick verzog das Gesicht zu einem treuherzigen Grinsen. »Ich würde sie bestimmt nicht kontrollieren. Aber ich bin wirklich dankbar, dass sie nach Beendigung der Universität beschlossen hat, erst einmal hier in der Nähe eine Arbeit anzunehmen. Früher oder später bekommt sie sicher eine passendere Stelle in Dublin oder Waterford City. Ja, ja, allmählich werden meine Küken flügge.«

»Ich sitze immer noch auf meiner alten Stange. Und bis Alice Mae erwachsen ist, dauert es auch noch ein paar Jahre.«

»Ah, aber mir fehlt es einfach, überall, wo ich hingehe, über meine fünf Mädels zu stolpern. Maureen ist eine verheiratete Frau und Patty kommt im Frühjahr an die Reihe. Ich weiß wirklich nicht, was ich mache, Schätzchen, wenn du dir einen Mann suchst und mich ebenfalls verlässt.«

»Da brauchst du dir keine allzu großen Sorgen zu machen, Dad.« Nach Beendigung der Mahlzeit kreuzte sie behaglich ihre Beine. »Ich gehöre nicht zu der Art Frauen, die es mühelos schaffen, den Männern den Kopf zu verdrehen oder gar ihr Herz zu brechen.«

»Warte nur, bis du dem Richtigen begegnest. Dann wird es dir ganz bestimmt gelingen.«

Es kostete sie große Mühe, nicht in Richtung Küche zu blicken. »Darauf würde ich lieber nicht wetten. Außerdem sind wir beide Partner, oder etwa nicht?« Sie hob den Kopf und grinste ihren Vater an. »Und egal, ob ich diesem Mann begegne oder nicht, wird es immer bei ›O’Toole und Tochter‹ bleiben.«

Und genau so, dachte Brenna, als sie sich in Darcys Badezimmer den restlichen Ruß aus dem Gesicht wusch, wollte sie es haben. Sie hatte eine Arbeit, die sie mochte, und genoss die Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie wollte, die sie, wäre sie an einen Mann gebunden, ganz sicher nicht mehr hätte.

Sie hatte, solange sie es wollte, ihr Zimmer bei den Eltern. Hatte die Gesellschaft der Familie und der Freunde. Die Aufgabe, einen Haushalt zu führen und einen Gatten zu versorgen, überließ sie gerne ihren Schwestern Patty und Maureen. Und die Büroarbeit, mit der man pünktlich anfing und auch wieder aufhörte, war eher etwas für Mary Kate.

Alles, was sie brauchte, waren ihr Werkzeug und ihr kleiner Laster.

Und ihre Verliebtheit in Shawn Gallagher, die ihr nicht viel brachte außer Frustration und Ärger, würde sich ganz sicher eines Tages legen.

Da sie Darcy kannte, reinigte Brenna sorgfältig das kleine, weiße Becken, bis es glänzte, und benutzte zum Trocknen ihrer Hände einen ihrer eigenen Lappen statt des gerüschten Gästehandtuchs, das an einem Haken hing und das ihrer Meinung nach die reinste Stoffverschwendung war, da niemand, der es wirklich brauchte, je wagen würde, es tatsächlich zu benutzen.

Das Leben wäre leichter, wenn jeder schwarze Handtücher besäße. Dann würde niemand kreischen oder lautstark fluchen, wenn seine flauschigen weißen Kostbarkeiten einmal verdreckt wurden.

Sie verbrachte ein paar ruhige Minuten im Wohnzimmer, tauschte die kaputte Steckdose gegen eine neue aus, und gerade, als sie die letzte Schraube anzog, betrat Darcy den Raum.

»Ich hatte gehofft, dass du das Ding endlich reparieren würdest. Es ging mir wirklich auf die Nerven.« Darcy warf ihr Trinkgeld in ihren so genannten Wunschtopf. »Oh, Aidan hat mir aufgetragen dir zu sagen, dass er und Jude gerne ein paar Sachen in ihrem zukünftigen Kinderzimmer gemacht hätten. Ich will gerade zu ihnen rüber, falls du also mitkommen und dir vielleicht anhören willst, was Jude sich vorstellt?«

»Ich muss erst noch was erledigen, aber du kannst ihr sagen, ich komme später noch vorbei.«

»Verdammt, Brenna! Musst du überall mit deinen dreckigen Schuhen rumlaufen?«

Brenna fuhr zusammen und beendete eilig ihre Arbeit. »Tja, tut mir Leid, Darcy, aber das Waschbecken habe ich ordentlich geputzt.«

»Jetzt kannst du den Boden auch noch schrubben. Ich wische nämlich ganz bestimmt nicht hinter dir her. Warum zum Teufel hast du nicht das Klo unten im Pub benutzt? Diese Woche ist nämlich Shawn mit Putzen an der Reihe.«

»Ich habe einfach nicht daran gedacht. Aber jetzt reg dich wieder ab. Ich mache schon sauber, bevor ich wieder gehe, und davon abgesehen habe ich deine Steckdose natürlich gerne repariert.«

»Danke.« Darcy zog die Lederjacke an, die sie sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte. »Wir sehen uns dann also bei Jude.«

»Wahrscheinlich«, murmelte Brenna wütend, weil sie tatsächlich den Boden des Badezimmers schrubben musste.

Unter fortgesetztem, zornigem Gemurmel machte sie sich an die Arbeit und fluchte, als sie feststellte, dass sie auch im Wohnzimmer etliche kleine Dreckklumpen zurückgelassen hatte. Um sich nicht erneut den Zorn der Freundin zuzuziehen, zerrte sie den Staubsauger hervor und reinigte auch noch den Teppich.

Weshalb Shawn beinahe den gesamten Abwasch bereits fertig hatte, als sie in der Küche auftauchte.

»Hat Darcy dich etwa inzwischen auch als Putzfrau angeheuert?«

»Ich habe den Schmutz mit in die Wohnung geschleppt.« Wie bei sich zu Hause schenkte sie sich, ohne vorher zu fragen, eine Tasse Tee ein. »Ich wollte schon viel früher kommen. Ich will dich nicht aufhalten, falls du etwas zu tun hast, bevor du wieder hier erscheinen musst.«

»Ich habe nichts Besonderes vor. Es ist noch etwas Pudding da, falls du welchen willst.«

Eigentlich wollte sie nicht, aber da sie eine Schwäche für alles Süße hatte, gab sie sich ein paar Löffel voll in eine kleine Schale und saß bereits damit am Tisch, als er mit einem großen Glas Bier zurückkam.

»Tim Riley sagt, dass es morgen milder werden soll.«

»Meistens liegt er mit seinen Wettervorhersagen erstaunlich richtig.«