Nachtgeflüster 5. Die riskante Affäre - Nora Roberts - E-Book

Nachtgeflüster 5. Die riskante Affäre E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Die Erfolgsserie von Nora Roberts: Spannend, geheimnisvoll, aufregend wie ein Flüstern in der Nacht

Keiner würde hinter der aufregenden Kellnerin Ally eine Polizistin vermuten. Bis auf Nachtclubbesitzer Jonah, der weiß, dass die willensstarke Frau undercover an der Aufklärung einer Serie von Diebstählen arbeitet. Jonah weiß auch, dass er sich nicht mit Ally einlassen sollte, denn er hat sich geschworen, sein Herz nie mehr zu verlieren. Zudem ist Ally die Tochter des Mannes, dem er sein jetziges Leben als aufrechter Geschäftsmann verdankt. Doch die Leidenschaft brennt darauf, erfüllt zu werden. Auch wenn beide in Lebensgefahr schweben.



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Nora Roberts

Nachtgeflüster 5

Die riskante Affäre

Roman

Aus dem Amerikanischen von Emma Luxx

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

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Die Originalausgabe Night Shieldist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

1. AuflageWilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbHCopyright © 2000 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2005 by MIRA Taschenbuchin der Cora Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Fotos von shutterstock/Inga MarchukSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12078-8V002

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

Er mochte keine Cops. Es war eine tief sitzende Abneigung, die daher rührte, dass er seine prägenden Jahre damit verbracht hatte, vor ihnen davonzulaufen. Und war er nicht schnell genug gewesen, waren sie nicht gerade sanft mit ihm umgesprungen.

Bis zu seinem zwölften Geburtstag hatte er bereits eine beachtliche Anzahl Taschendiebstähle begangen und verfügte über hervorragende Verbindungen, um heiße Ware in bare Münze zu verwandeln.

Schon damals erkannte er, dass man zwar das Glück nicht kaufen konnte, aber von den zwanzig Dollar für eine Uhr ließ sich immerhin ein Stückchen vom großen Kuchen erstehen. Außerdem verwandelten sich zwanzig Mäuse ganz leicht in sechzig, wenn man es nur schlau genug anstellte.

Mit zwölf investierte er seine sorgfältig gehorteten Gewinne in ein kleines Wettbüro, was sich mit seiner Sportleidenschaft deckte.

Er war der geborene Geschäftsmann.

Mit Gangs hatte er nie etwas zu tun gehabt. Teils, weil er ein Einzelgänger war, vor allem aber, weil er die für solche Organisationen typische Hackordnung nicht akzeptierte. Da gab es immer jemanden, der das Sagen hatte – und Jonah Blackhawk zog es vor, selbst dieser Jemand zu sein.

Manche Leute würden behaupten, dass er ein Autoritätsproblem hatte.

Womit sie richtig lägen.

Das Blatt wendete sich, kurz nachdem er dreizehn geworden war. Sein Wettbüro florierte gut – viel zu gut für den Geschmack verschiedener alteingesessener Syndikate.

Zuerst hatte man ihn auf dem üblichen Weg verwarnt – man prügelte ihn windelweich. Er beschloss, die Nierenquetschung, das Veilchen und die aufgeplatzte Lippe als eine Art Berufsrisiko zu akzeptieren. Doch noch ehe er sich dazu durchringen konnte, entweder den Standort zu wechseln oder abzutauchen, flog er auf. Und zwar so richtig.

Denn Cops waren weitaus lästiger als die liebe Konkurrenz.

Der Cop jedoch, der ihn damals an seinem kleinen überheblichen Hintern gepackt hatte, war anders gewesen. Obwohl Jonah nie genau herausbekommen hatte, was ihn tatsächlich von anderen Cops unterschied. Er wusste nur, dass er sich letztendlich in den verschiedensten Resozialisierungsprogrammen statt im Jugendknast wiedergefunden hatte.

Logisch, dass er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte. Doch dieser Cop, mit einem Griff wie eine Bärenfalle, wollte einfach nicht lockerlassen. Allein die Beharrlichkeit war für Jonah ein Schock gewesen. Nie zuvor in seinem Leben hatte ihm jemand so hartnäckig im Nacken gesessen und sich so unbeirrt um ihn gekümmert. Und so war er praktisch gegen seinen Willen wieder in die Gesellschaft integriert worden, zumindest weit genug, um erkennen zu können, dass es durchaus Vorteile hatte, wenn man sich an gewisse Spielregeln hielt.

Jetzt war er dreißig. Und obwohl sicherlich niemand ihn als Säule der Gesellschaft von Denver bezeichnen würde, war er heute ein allseits geachteter Geschäftsmann, dessen Unternehmen einen soliden Gewinn abwarfen – was ihm einen Lebensstil ermöglichte, von dem der dreiste Straßenlümmel von einst nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Er war diesem Cop zu Dank verpflichtet, und Jonah gehörte zu den Leuten, die niemandem etwas schuldigblieben.

Andererseits hätte er lieber nackt und mit Honig beschmiert in einem Ameisenhügel gesessen, statt so gesittet hier im repräsentativen Vorzimmer des Polizeichefs von Denver.

Selbst wenn dieser Polizeichef Boyd Fletcher war.

Jonah ging nicht ruhelos auf und ab. Nervöse Bewegung war verschwendete Energie und obendrein verräterisch. Die Frau, die die Doppeltür zum Zimmer des Polizeichefs bewachte, war jung und attraktiv, mit einer höchst interessanten üppigen roten Mähne. Aber er flirtete nicht mit ihr. Was weniger an dem Ehering an ihrem Finger als an ihrer direkten Nähe zu Boyd lag.

Jonah saß still wartend auf einem der moosgrünen Stühle in der Wartezone, ein großer schlanker Mann mit langen Beinen, der unter einem Dreitausend-Dollar-Sakko ein Zwanzig-Dollar-T-Shirt trug. Sein volles schwarzes Haar war glatt und glänzend wie das Gefieder eines Raben. Das Haar, die goldbraune Haut und die ausgeprägten Wangenknochen waren ein Erbe seines Apachen-Urgroßvaters.

Die kühlen grünen Augen hatte er wahrscheinlich seiner irischen Urgroßmutter zu verdanken, die der Apache ihrer Familie entrissen und zur Seinen erklärt hatte. Diesem Tapferen hatte sie drei Söhne geschenkt.

Jonah wusste nur wenig über seine Wurzeln. Seine Eltern hatten sich lieber um das letzte Bier aus dem Sechserpack gestritten, statt ihrem einzigen Sohn vor dem Einschlafen eine Geschichte zu erzählen. Hin und wieder hatte sich Jonahs Vater mit seiner Herkunft gebrüstet, aber Jonah hatte nie herausgefunden, was daran Dichtung und was Wahrheit gewesen war.

Es war ihm auch egal.

Nur was man selbst aus sich machte, zählte.

Das war eine Lektion, die Boyd Fletcher ihn gelehrt hatte. Schon allein dafür wäre Jonah jederzeit bereit gewesen, für Boyd über glühende Kohlen zu gehen.

»Mr Blackhawk? Der Polizeichef möchte Sie jetzt sprechen.«

Die Sekretärin lächelte ihn höflich an, während sie ihn an die Tür geleitete. Aus dem Augenwinkel hatte sie den Besucher des Polizeichefs eingehend gemustert – von einem Ehering am Finger wurde eine Frau schließlich nicht blind. Irgendetwas an ihm reizte sie ungemein, während sie gleichzeitig das Gefühl hatte, so schnell wie möglich in Deckung gehen zu müssen.

Seine funkelnden Augen verrieten, dass er gefährlich war. Außerdem hatte er eine geradezu bedrohliche Art, sich zu bewegen. Geschmeidig wie ein Panther. Das ließ der Fantasie jede Menge Spielraum – allerdings war es wahrscheinlich auch sicherer, sich nur in der Fantasie mit ihm einzulassen.

Dann warf er ihr ein so umwerfendes Lächeln zu, dass sie sich ein sehnsüchtiges Aufseufzen verkneifen musste.

»Danke.«

Sie verdrehte die Augen, während sie hinter ihm die Tür schloss. »Oh Mann, nichts zu danken.«

»Jonah.« Boyd war bereits aufgestanden und kam um seinen Schreibtisch herum. Er reichte Jonah die Rechte, während er mit der Linken kurz Jonahs Schulter drückte. »Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Dürfte nicht einfach sein, sich um eine Vorladung beim Polizeichef herumzudrücken.«

Bei ihrer ersten Begegnung war Boyd Lieutenant gewesen. Damals war sein Haar noch dunkel gewesen, mit vereinzelten sonnengebleichten Strähnen, und sein Büro ein vollgestopfter kleiner Glaskasten.

Jetzt hatte er mit Silberfäden durchwirktes Haar und ein großes helles Büro mit einer riesigen Fensterfront, durch die man auf Denver und die Berge dahinter schauen konnte.

Manche Dinge ändern sich, dachte Jonah, während er in Boyds ruhige flaschengrüne Augen schaute. Andere wiederum nie.

»Den Kaffee schwarz für Sie?«

»Immer noch.«

»Nehmen Sie Platz.« Boyd deutete auf einen Stuhl, bevor er zur Kaffeemaschine ging. Weil er es ausgesprochen lästig fand, immer erst bei seiner Sekretärin um einen Kaffee fragen zu müssen, hatte er auf einer eigenen Kaffeemaschine bestanden. »Tut mir leid, dass Sie warten mussten, aber ich hatte noch ein Telefongespräch, das ich nicht so schnell beenden konnte. Firmenpolitik«, brummte er, während er zwei Kaffeebecher voll schenkte. »Kann ich nicht ausstehen.«

Jonah grinste nur andeutungsweise.

»Und bitte keine vorlaute Bemerkung darüber, dass ich in meiner Position wohl schließlich auch so was Ähnliches wie ein verdammter Politiker bin.«

»Käme mir nie in den Sinn.« Jonah bedankte sich mit einem Nicken für den Kaffee. »So etwas laut zu sagen.«

»Sie waren eben schon immer ein schlaues Bürschchen.« Statt sich wieder hinter seinen Schreibtisch zu verschanzen, entschied Boyd sich für den Stuhl neben Jonah und stieß einen leisen Seufzer aus. »Dass aus mir mal ein Schreibtischhengst werden könnte, hätte ich mir auch nie träumen lassen.«

»Vermissen Sie die Straße?«

»Jeden Tag. Aber man tut eben sein Bestes, und dann nimmt man das Nächste in Angriff. Wie läuft der neue Club?«

»Gut. Betuchtes Publikum. Jede Menge goldene Kreditkarten. Die braucht man auch«, fügte Jonah mit Genugtuung hinzu. »Bei den Designerdrinks werden sie nämlich so richtig schön geschröpft.«

»Ach ja? Und dabei wollte ich demnächst mit Cilla mal einen netten Abend dort verbringen.«

»Wenn Sie mit Ihrer Frau kommen, sind Sie natürlich mein Gast – falls ich mich da nur nicht der Bestechung schuldig mache.«

Boyd zögerte und trommelte mit einem Finger gegen seinen Kaffeebecher. »Wir werden sehen. Hören Sie, Jonah, ich habe da ein kleines Problem, bei dem Sie mir vielleicht weiterhelfen können.«

»Ich tue, was ich kann.«

»Uns macht seit zwei Monaten eine Einbruchserie schwer zu schaffen. Bei den gestohlenen Gegenständen handelt es sich zumeist um hochwertige, leicht weiterverkäufliche Ware – Schmuck, elektronische Geräte, Bargeld.«

»Wird immer in derselben Gegend eingebrochen?«

»Nein. Mal ist es ein Einfamilienhaus in der Vorstadt, mal ein Apartment in der Innenstadt. Sechs Einbrüche in nicht mal acht Wochen. Und der oder die Täter haben immer saubere Arbeit geleistet.«

»Was hat das mit mir zu tun?« Jonah balancierte den Kaffeebecher auf seinem Knie. »Einbrüche waren nie mein Ding.« Sein Lächeln blitzte auf. »Wie aus meinen Akten ersichtlich ist.«

»Ich habe mich oft gefragt, warum nicht.« Aber Boyd wischte seine eigene Frage mit einer Handbewegung beiseite. »Die Geschädigten sind genauso verschieden wie die Tatorte. Junge Paare, ältere, Alleinstehende. Allerdings haben alle eins gemeinsam – sie haben sich in der Nacht des Einbruchs in einem Nachtclub vergnügt.«

Jonahs Augen weiteten sich minimal – die einzige Regung in seinem Gesicht. »In einem meiner Clubs?«

»In fünf von sechs Fällen.«

Jonah trank seinen Kaffee und schaute dabei aus dem Fenster in den blauen Himmel. Sein Tonfall blieb verbindlich, seine Augen jedoch blickten kalt, als er sich erkundigte: »Fragen Sie mich, ob ich in die Sache verwickelt bin?«

»Nein, Jonah, das frage ich Sie nicht. Diese Zeiten haben wir doch lange hinter uns.« Boyd machte eine kurze Pause. Der Junge war schon immer etwas überempfindlich gewesen.

Jonah erhob sich mit einem Nicken. Er ging zur Kaffeemaschine und stellte seinen Becher ab. Es gab nicht viele Menschen, deren Meinung ihm wichtig war. Aber Boyd gehörte auf jeden Fall dazu.

»Dann benutzt also irgendjemand einen meiner Clubs, um Ziele auszuspionieren«, stellte er fest, den Rücken Boyd zugewandt. »Das passt mir nicht.«

»Das dachte ich mir.«

»Um welchen Club handelt es sich?«

»Um den neuen. Das ›Blackhawk‹.«

Jonah nickte leicht. »Betuchte Gäste. Da ist wahrscheinlich mehr zu holen als im ›Fast Break‹.« Er drehte sich wieder um. »Also, was wollen Sie von mir, Fletch?«

»Ihre Kooperation. Ich möchte, dass Sie sich bereit erklären, mit unserem Team zusammenzuarbeiten. Vor allem mit dem verantwortlichen Detective.«

Jonah fluchte und fuhr sich in einer seltenen Zurschaustellung von Anspannung mit den Fingern durchs Haar. »Sie wollen, dass ich mit Cops gemeinsame Sache mache und sie in meinem Club herumschnüffeln lasse?«

Boyd verhehlte seine Belustigung nicht. »Sie waren bereits dort, Jonah.«

»Nicht während meiner Anwesenheit.« Davon konnte er mit Sicherheit ausgehen. Einen Cop witterte er auf eine Meile Entfernung, selbst wenn dieser im Dunkeln in die entgegengesetzte Richtung rannte.

»Nein, aber manche von uns sind auch tagsüber im Dienst.«

»Tatsächlich?«

Boyd streckte seine Beine lang aus. »Habe ich Ihnen eigentlich schon mal erzählt, dass ich Cilla während der Nachtschicht kennengelernt habe?«

»So um die zwanzig oder dreißig Mal, schätze ich.«

»Noch dasselbe freche Mundwerk wie früher. Das hat mir schon immer an Ihnen gefallen.«

»Das haben Sie damals aber nicht gesagt, als Sie drohten, es mir zu stopfen.«

»Das Gedächtnis ist auch noch okay. Ich könnte Ihre Hilfe brauchen, Jonah.« Boyds Stimme wurde ernst. »Ich wüsste es zu schätzen.«

Jonah dachte daran, dass er es ihm trotz allem immer irgendwie gelungen war, einen großen Bogen um Gefängnisse zu machen. Bis er Boyd kennengelernt hatte. Der Mann hatte ihn aus Loyalität und Vertrauen und Zuneigung in ein Gefängnis gesteckt. »Na schön – wofür es auch immer gut sein mag.«

»Das bedeutet mir wirklich sehr viel.« Boyd stand auf und streckte Jonah die Hand hin. »Ah, genau richtig«, sagte er, als sein Telefon klingelte. »Nehmen Sie sich noch Kaffee. Ich möchte, dass Sie den für den Fall zuständigen Detective kennenlernen.«

Er ging um seinen Schreibtisch herum und nahm ab. »Ja, Paula? Gut. Wir sind so weit.« Diesmal entschied er sich für seinen Schreibtischstuhl. »Ich setze viel Vertrauen in diesen Cop. Das Detective-Abzeichen ist zwar noch ziemlich neu, aber ehrlich und hart verdient.«

»Zu allem Überfluss also auch noch ein Anfänger. Na wunderbar.« Jonah schenkte sich resigniert Kaffee nach. Als gleich darauf die Tür aufging, ließ er zwar die Kanne nicht fallen, aber innerlich zuckte er zusammen. Das Positive an der Situation war die Erkenntnis, dass er immer noch überrascht werden konnte.

Sie war eine langbeinige schlaksige Blondine mit Augen, die die Farbe von altem Whiskey hatten. Das lange glatte Haar war zu einem glänzenden Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihr über den Rücken fiel.

Sie schaute ihn an, ohne den vollen Mund zu einem Lächeln zu verziehen.

In ihrem Fall hätte er erst die klassisch schönen Gesichtszüge registriert, bevor ihm aufgefallen wäre, dass ein Cop vor ihm stand, erkannte Jonah. Trotzdem wäre ihm sofort klar gewesen, wen er da vor sich hatte.

»Commissioner.« Der Klang ihrer Stimme hatte dieselbe Tönung wie ihre Augen, tief und dunkel und eindringlich.

»Detective. Du bist pünktlich. Jonah, das ist …«

»Sie brauchen sie mir nicht vorzustellen.« Jonah trank einen Schluck von seinem Kaffee. »Die Augen hat sie von Ihrer Frau, und die Kinnpartie ist eindeutig von Ihnen. Freut mich, Sie kennenzulernen, Detective Fletcher.«

»Mr Blackhawk.«

Sie hatte ihn früher schon gesehen. Irgendwann einmal hatte ihr Vater sie zu einem Baseballspiel seiner Highschool mitgenommen. Sie erinnerte sich noch genau, wie beeindruckt sie von seinem kühnen, fast aggressiven Base Running gewesen war.

Aber sie kannte auch seinen Lebenslauf und brachte Leuten mit einer derartigen Vergangenheit im Allgemeinen nicht so viel Vertrauen entgegen wie ihr Vater. Außerdem hatte sie schon immer etwas wie Eifersucht auf ihn verspürt, weil ihr Vater so große Stücke auf ihn hielt. Doch das hätte sie natürlich nie zugegeben.

»Willst du Kaffee, Ally?«

»Nein, Sir.« Obwohl er ihr Vater war, setzte sie sich erst, als der Polizeichef auf einen Stuhl deutete.

Boyd machte eine entschuldigende Handbewegung. »Ich halte es einfach für angenehmer, wenn diese erste Begegnung hier stattfindet. Ally, Jonah hat sich bereit erklärt, uns bei den Ermittlungen zu helfen. Ich habe ihm die Sachlage in groben Zügen geschildert und überlasse es dir, die notwendigen Einzelheiten beizusteuern.«

»Sechs Einbrüche in weniger als acht Wochen. Geschätzter Gesamtverlust achthunderttausend Dollar. Sie sind hinter leicht verkäuflichen Sachen her, insbesondere Schmuck. Ungeachtet dessen wurde einem Paar der Porsche aus der Garage gestohlen. Drei Tatorte waren mit einer Alarmanlage gesichert. Die Anlage war jeweils ausgeschaltet worden. Bei keinem der Objekte gab es irgendein Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen. Und immer waren die Bewohner des Hauses oder der Wohnung zur Zeit des Einbruchs ausgegangen.«

Jonah durchquerte das Zimmer, setzte sich wieder. »Das ist mir bereits alles bekannt – nur das mit dem geklauten Porsche wusste ich nicht. Dann suchen Sie also jemanden, der Autos und Schlösser knacken kann und sich in Hehlerkreisen gut auskennt.«

»Keiner der gestohlenen Gegenstände ist bis jetzt an einer der üblichen Stellen wiederaufgetaucht. Es handelt sich offenbar um eine bestens organisierte, höchst effiziente Bande. Wir gehen davon aus, dass mindestens zwei, wenn nicht drei oder mehr Personen beteiligt sind. Unser Hauptaugenmerk gilt derzeit Ihrem Club.«

»Und weiter?«

»Zwei Ihrer Angestellten im ›Blackhawk‹ sind vorbestraft. William Sloan und Frances Cummings.«

Jonah zuckte mit keiner Wimper. »Will hat ein paar krumme Dinger gedreht und seine Strafe abgesessen. Er ist seit fünf Jahren raus und hat sich seitdem nichts zu Schulden kommen lassen. Frannie ist auf den Strich gegangen. Warum sie das gemacht hat, ist allein ihre Sache. Jetzt bedient sie an meiner Bar Gäste statt irgendwelche Freier. Glauben Sie nicht daran, dass Menschen sich ändern können, Detective Fletcher?«

»Ich glaube, dass irgendjemand Ihren Club als Angelbecken benutzt, und ich habe vor, alles zu tun, damit der oder die Täter gefasst werden. Außerdem halte ich es für keineswegs ausgeschlossen, dass derjenige, der die Angel auswirft, aus dem Club selbst kommt.«

»Ich kenne meine Leute.« Er warf Boyd einen empörten Blick zu. »Verdammt, Fletch.«

»Jonah, jetzt hören Sie uns doch erst mal an …«

»Ich lasse nicht zu, dass meine Leute belästigt werden, nur weil sie irgendwann in ihrem Leben mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.«

»Niemand wird Ihre Leute belästigen. Oder Sie«, versuchte Ally die Wogen zu glätten. Obwohl du selbst oft genug mit dem Gesetz in Konflikt geraten bist, fügte sie in Gedanken hinzu. »Doch wenn wir sie befragen wollen, können wir das auch ohne Ihre Hilfe tun. Um mögliche Verdächtige zu verhören, brauchen wir nämlich weder Ihr Einverständnis noch Ihre Kooperation.«

»Zuerst waren sie nur meine Leute, jetzt sind sie schon Verdächtige. Das geht bei Ihnen ja verdammt schnell.«

»Warum regen Sie sich eigentlich so auf, wenn Sie von ihrer Unschuld überzeugt sind?«

»Okay, Schluss jetzt, Leute.« Boyd rieb sich den Nacken. »Uns ist klar, dass Sie in einer schwierigen und unangenehmen Lage sind, Jonah«, bemerkte er und warf seiner Tochter einen leicht missbilligenden Blick zu. »Unser Ziel ist es, die Schuldigen zu finden und dieser Sache ein Ende zu machen. Sie werden möglicherweise benutzt, Jonah.«

»Ich will unter keinen Umständen, dass Will und Frannie verhört werden.«

»Das ist auch nicht unsere Absicht«, gab Ally zurück, wobei sie überlegte, warum Jonah plötzlich kalte Füße bekommen hatte. Aus Freundschaft? Loyalität? Vielleicht hatte er ja auch etwas mit der Exhure laufen. Das würde sie noch herausbekommen. »Wir wollen unsere Nachforschungen nicht an die große Glocke hängen, um die Täter nicht vorzuwarnen. Wir müssen herausfinden, wer die Opfer ausspioniert, und wie. Wir möchten Sie bitten, jemanden aus dem Club heraus ermitteln zu lassen.«

»Ich bin drin«, erinnerte er sie.

»Schön, dann müssten Sie ja in der Lage sein, mir eine Stelle als Kellnerin zu verschaffen. Ich kann heute Abend anfangen.«

Jonah lachte kurz auf, bevor er sich Boyd zuwandte. »Ihre Tochter soll in meinem Club als Kellnerin arbeiten, ist das richtig?«

Ally stand langsam auf. »Der Polizeichef wünscht, dass einer seiner Detectives in Ihrem Club verdeckt ermittelt. Und es ist mein Fall.«

Jonah erhob sich ebenfalls. »Schön, dann lassen Sie mich erst mal eins klarstellen. Es interessiert mich einen Dreck, wessen Fall das ist. Ihr Vater hat mich gebeten zu kooperieren, deshalb werde ich es tun. So ist es doch, oder?«, schloss er, an Boyd gewandt.

»Ja, im Moment ist es so.«

»Gut. Sie kann heute Abend anfangen. Um fünf in meinem Büro im ›Blackhawk‹. Dort erfahren Sie alles, was Sie wissen müssen.«

»Dafür schulde ich Ihnen etwas, Jonah.«

»Sie schulden mir gar nichts.« Nach diesen Worten ging Jonah zur Tür, wo er sich noch einmal umdrehte. »Ach übrigens, Detective, die Kellnerinnen im ›Blackhawk‹ tragen Schwarz. Schwarze Bluse oder Pullover, schwarzer Rock. Kurzer schwarzer Rock«, präzisierte er, bevor er das Zimmer verließ.

Ally verzog die Lippen und entspannte sich zum ersten Mal genug, um ihre Hände in die Taschen ihrer stahlblauen Jacke zu schieben. »Ich glaube nicht, dass ich deinen Freund mag, Dad.«

»Warts ab. Er wird dir noch ans Herz wachsen.«

»Ja, wie Schimmel, obwohl … dafür ist er zu kalt. Ich könnte am Ende von einer dünnen Eisschicht überzogen dastehen. Bist du dir seiner sicher?«

»So sicher, wie ich mir mit dir bin.«

Das war eindeutig. »Wer immer diese Einbrüche organisiert, verfügt über Intelligenz, gute Verbindungen und noch bessere Nerven. Ich würde sagen, bei deinem Freund ist das alles vorhanden.« Sie zuckte die Schulter. »Aber wenn ich deiner Menschenkenntnis schon nicht trauen kann, worauf sollte ich mich dann verlassen?«

Boyd grinste breit. »Deine Mutter hat ihn immer gemocht.«

»Na, dann bin ich schon halbwegs verliebt.« Amüsiert sah sie, dass ihm diese Bemerkung das Grinsen aus dem Gesicht vertrieben hatte. »Ich werde trotzdem zwei meiner Leute bitten, sich unter die Gäste zu mischen.«

»Diese Entscheidung liegt bei dir.«

»Der letzte Einbruch hat vor fünf Tagen stattgefunden. Sie arbeiten zu erfolgreich, um nicht bald wieder zuzuschlagen.« Ally wollte sich Kaffee holen, überlegte es sich anders und änderte ihre Richtung. »Vielleicht benutzen sie nächstes Mal seinen Club, vielleicht auch nicht. Fest steht nur, dass wir nicht jeden verdammten Nachtclub in der Stadt observieren können.«

»Dann konzentriert euch aufs ›Blackhawk‹. Das ist nur logisch. Immer eins nach dem anderen, Allison.«

»Ich weiß. Das habe ich von dem Besten gelernt. Ich schätze, als Erstes muss ich einen kurzen schwarzen Rock auftreiben.«

»Aber bitte nicht zu kurz«, mahnte Boyd, als sie zur Tür ging.

Um vier hatte Ally Dienstschluss. Selbst wenn sie pünktlich Feierabend machte und die vier Häuserblocks bis zu ihrer Wohnung im Laufschritt zurücklegte, konnte sie erst um zehn nach vier da sein.

Das wusste sie, weil sie irgendwann mal die Zeit gestoppt hatte.

Allerdings passierte es so gut wie nie, dass man um Punkt vier wegkam. Aber Ally wollte verdammt sein, wenn sie zu ihrem Treffen mit Blackhawk zu spät kam.

Das war schließlich eine Frage der Ehre – und ihrer Prinzipien.

Um 16:11 Uhr stürmte Ally in ihr Apartment – eine Verspätung, die sie dem in letzter Minute angesetzten Briefing ihres Vorgesetzten zu verdanken hatte – und schüttelte sich noch auf dem Weg ins Schlafzimmer die Jacke von den Schultern.

Wenn man sich beeilte, konnte man das »Blackhawk« in zwanzig Minuten zu Fuß erreichen – in vierzig, wenn man der Versuchung erlag, im Feierabendverkehr das Auto zu nehmen.

Dies war erst ihr zweiter Undercover-Auftrag seit ihrer Ernennung zum Detective. Sie hatte nicht vor, ihn zu vermasseln.

Ally schnallte ihr Schulterhalfter ab und warf es aufs Bett. Ihre Wohnung war schlicht möbliert und ordentlich, was hauptsächlich daran lag, dass sie zu selten da war, um Unordnung zu machen. Ihr Elternhaus war noch immer ihr erstes Zuhause, dann kam das Polizeirevier, während das Apartment, in dem sie nur schlief, selten aß und noch seltener freie Zeit verbrachte, weit abgeschlagen an letzter Stelle lag.

Sie hatte schon immer Polizistin werden wollen, obwohl sie nie viele Worte darüber verloren hatte. Es war ihr Traum gewesen.

Sie riss ihren Kleiderschrank auf und durchstöberte ihre Garderobe hektisch nach einem passenden schwarzen Rock.

Wenn sie sich beeilte, schaffte sie es vielleicht sogar noch, sich ein Sandwich zwischen die Zähne zu schieben, bevor sie los musste.

Ally fand einen Rock, nahm ihn heraus und hielt ihn sich an. Als sie sah, wie kurz er war, verzog sie das Gesicht. Es half nichts, einen anderen besaß sie nicht. Sie warf ihn aufs Bett und kramte in einer Schublade nach einer schwarzen Strumpfhose.

Wenn ihr schon nichts anderes übrig blieb, als einen Rock zu tragen, der ihr nur bis knapp über den Po reichte, tat sie verdammt gut daran, wenigstens ihre Beine mit blickdichtem Schwarz zu verhüllen.

Die heutige Nacht kann entscheidend sein, überlegte sie, während sie aus ihrer Hose stieg. Sie musste nur die Ruhe bewahren. Ruhig sein, kühl und kontrolliert – das war das Geheimnis.

Sie würde Jonah Blackhawk benutzen, ohne sich von ihm ablenken zu lassen.

Obwohl sie durch ihren Vater bereits eine ganze Menge über ihn wusste, hatte sie ein bisschen auf eigene Faust recherchiert. Als Junge hatte er lange Finger, schnelle Beine und eine rasche Auffassungsgabe gehabt. Sie war fast versucht, einen kaum Zwölfjährigen zu bewundern, der es geschafft hatte, ein illegales Wettbüro zu etablieren. Aber nur fast.

Nicht weniger bewundernswert war es vermutlich, wenn sich jemand nach einem solchen Start geändert – zumindest, so weit man wusste – und zu einem erfolgreichen Geschäftsmann gewandelt hatte.

Ally war sogar schon in seiner Sportbar »Fast Break« gewesen und hatte die angenehme Atmosphäre ebenso genossen wie den guten Service und die erstklassigen Margaritas, die man dort mixte.

Außerdem gab es eine ganze Reihe hypermoderner Flipperautomaten, wie sie sich erinnerte. Sofern nicht irgendwer in den letzten sechs Monaten ihren Rekord gebrochen hatte, standen auf Flipper Nummer eins immer noch ihre Anfangsbuchstaben.

Sie sollte sich wirklich die Zeit nehmen und wieder einmal hingehen, um ihren Titel zu verteidigen.

Doch darum geht es jetzt nicht, ermahnte sie sich streng. Im Moment ging es einzig und allein um Jonah Blackhawk.

Schon möglich, dass er sauer war, weil zwei seiner Angestellten auf ihrer Verdächtigenliste standen. Tja, Pech für ihn. Ihr Vater wollte, dass sie dem Mann vertraute, also würde sie sich Mühe geben.

Allerdings bestimmt nicht blindlings.

Um 16:20 Uhr war Ally ganz in Schwarz gekleidet – Rollkragenpullover, Rock, Strumpfhose. Sie suchte auf dem Boden ihres Kleiderschranks nach Schuhen und fand schließlich ein akzeptables Paar mit relativ niedrigen Absätzen.

Ally betrachtete sich sorgfältig im Spiegel, während sie ihre Haarspange abnahm und sich das Haar bürstete, um es anschließend wieder zu einem Pferdeschwanz zusammenzufassen. Dann schloss sie die Augen und versuchte sich in eine Kellnerin eines Nachtclubs hineinzuversetzen.

Lippenstift, Parfüm, Ohrringe. Eine attraktive Bedienung bekam in der Regel mehr Trinkgeld, und natürlich ging es immer darum, möglichst viel Trinkgeld zu bekommen. Ally ließ sich Zeit für ihre Verwandlung und studierte anschließend das Ergebnis ihrer Bemühungen im Spiegel.

Sexy, vermutlich. Mit Sicherheit weiblich, und auf eine angenehme Art praktisch. Aber es gab nicht eine Stelle an ihrem Körper, wo sie ihre Dienstwaffe hätte verstecken können.

Verdammt.

Ally beschloss, ihre Neun-Millimeter-Pistole in einer großen Umhängetasche zu verstauen. Da es ein frischer Frühlingsabend war, warf sie sich eine schwarze Lederjacke über und hastete zur Tür.

Wenn sie schnell genug in die Tiefgarage kam und alle Ampeln auf Grün standen, konnte sie es mit dem Auto gerade noch schaffen.

Ally öffnete ihre Wohnungstür. Und fluchte.

»Oh, hallo Dennis, was machst du denn hier?«

Dennis Overton hielt mit einem breiten Lächeln eine Flasche kalifornischen Chardonnay hoch. »Ich dachte, wir könnten sie vielleicht zusammen trinken. In alter Freundschaft, sozusagen.«

»Ich will gerade weg.«

»Macht nichts.« Er nahm die Flasche in die andere Hand und umfasste Allys Ellbogen. »Ich begleite dich, wohin du willst.«

»Dennis.« Sie wollte ihm nicht wehtun. Nicht schon wieder. Er war am Boden zerstört gewesen, als sie vor zwei Monaten Schluss mit ihm gemacht hatte. Und alle seine Anrufe, seine überraschenden Besuche, die zufälligen Begegnungen auf der Straße hatten unangenehm geendet. »Wir haben das doch alles schon x-mal durchgekaut.«

»Ach komm, Ally. Nur ein wenig Zeit, nicht viel. Du fehlst mir.«

Da war er wieder, dieser traurige Hundeblick, dieses flehende Lächeln, bei dem sie früher immer weich geworden war. Doch jetzt fiel ihr sogleich ein, wie sich dieses Gesicht vor Wut verzerren konnte, wenn Dennis aus grundloser Eifersucht einen Tobsuchtsanfall bekam.

Früher hatte Ally sich genug aus ihm gemacht, um ihm immer wieder zu verzeihen, um zu versuchen, mit seinen Stimmungsschwankungen klarzukommen. Immerhin so viel, um sich heute noch schuldig zu fühlen, weil sie die Beziehung beendet hatte.

Und auch jetzt machte sie sich noch genug aus ihm, um ihn ihre Ungehaltenheit über sein erneutes Eindringen in ihre Privatsphäre nicht spüren zu lassen. »Tut mir wirklich leid, Dennis, aber ich bin schrecklich in Eile.«

Lächelnd verstellte er ihr den Weg. »Fünf Minuten, Ally. Lass uns einfach nur einen kleinen Schluck auf alte Zeiten trinken.«

»Ich habe keine fünf Minuten.«

Das Lächeln verblasste, und in seine Augen trat dieses unberechenbare Glitzern, das Ally noch von früher kannte. »Du hattest nie Zeit für mich, wenn ich es wollte. Alles musste immer nur nach deinem Kopf gehen.«

»Stimmt. Sei also froh, dass du mich endlich los bist.«

»Du hast einen anderen. Deshalb hast du Schluss gemacht.«

»Und selbst wenn.« Jetzt reichte es ihr. »Hör zu, es geht dich nichts an, was ich mache oder mit wem. Das scheint nicht in deinen Kopf zu gehen. Also wirst du wohl noch daran arbeiten müssen. Ich habe es nämlich gründlich satt, Dennis. Und hör endlich auf, hierherzukommen.«

Er packte sie am Arm, um sie am Weitergehen zu hindern. »Ich will nur mit dir reden.«

Sie riss sich nicht los, sondern starrte lediglich auf seine Hand, dann hob sie den Blick und schaute ihn kalt an. »Ich warne dich, treib es nicht zu weit. Und jetzt lass mich durch.«

»Was machst du, wenn ich es nicht tue? Mich erschießen? Mich festnehmen? Oder rufst du deinen Daddy, diesen Säulenheiligen der Polizei, und sagst ihm, dass er mich einsperren soll?«

»Ich bitte dich noch ein zweites Mal. Lass mich durch, Dennis. Auf der Stelle.«

Seine Stimmung kippte um, so glatt und schnell wie eine gut geölte Tür, die ins Schloss fällt. »Es tut mir leid, Ally. Gott, es tut mir so leid.« Seine Augen wurden feucht, und sein Mund zitterte. »Ich bin durcheinander, das ist alles. Gib mir noch eine Chance. Bitte, nur noch eine. Ich schwöre dir, alles dafür zu tun, damit es mit uns wieder klappt.«

Sie schüttelte seine Hand ab. »Mit uns hat es nie geklappt, Dennis. Geh nach Hause. Ich bin nichts für dich.«

Ohne einen Blick zurück ging sie davon.

2. KAPITEL

Um fünf nach fünf war Ally beim »Blackhawk« angelangt. Eins zu null im Rückstand, dachte sie, nahm sich aber trotzdem eine Extraminute Zeit, um zu verschnaufen und sich das Haar zu glätten. Am Ende hatte sie sich doch gegen das Auto entschieden und war die zehn Häuserblocks gerannt. Keine besonders große Entfernung, wie sie fand, auch wenn ihre Schuhe nicht gerade Sprinterschuhe waren.

Sie betrat das Lokal und schaute sich um.

Die lange, halbkreisförmige Theke war in glänzendem Schwarz gehalten und bot viel Platz für die mit schwarzen Lederpolstern bezogenen Barhocker aus Chrom. Die Wand hinter der Bar war schwarz-silbern verspiegelt.

Behaglichkeit und Stil, entschied Ally. Die Atmosphäre lud ein, sich hinzusetzen, zu entspannen und mit vollen Händen Geld auszugeben.

Und das taten viele Leute hier. Offenbar war gerade Happy Hour und jeder Barhocker besetzt. Die Gäste an der Bar und an den Chromtischen im hinteren Teil des Lokals unterhielten sich, tranken und aßen zu den Klängen der leisen Musik, die aus den Lautsprechern drang.

Die männlichen Gäste, größtenteils in Anzug und Krawatte, hatten ihre Aktenkoffer zu ihren Füßen auf den Fußboden abgestellt. Allem Anschein nach handelte es sich um leitende Angestellte, die es ausnahmsweise einmal geschafft hatten, etwas früher aus dem Büro wegzukommen, oder die sich hier mit Geschäftspartnern verabredet hatten, um irgendwelche Vereinbarungen abzuwickeln.

An den Tischen bedienten zwei in Schwarz gekleidete Kellnerinnen, die allerdings beide keine kurzen Röcke, sondern Hosen trugen, wie Ally erbost feststellen musste.

Der Barkeeper war ein gut aussehender junger Mann, der mit den drei Frauen am Ende der Theke flirtete, was das Zeug hielt. Ally überlegte, wann wohl Frances Cummings’ Schicht beginnen mochte, und machte sich eine gedankliche Notiz, unbedingt nach den Schichtplänen zu fragen.

»Sie wirken ein bisschen verloren.«

Ally musterte den Mann, der mit einem entspannten Lächeln auf sie zukam. Braunes Haar, braune Augen, sorgfältig gestutzter Bart. Sein dunkler Anzug war gut geschnitten, die silbergraue Krawatte korrekt gebunden.

William Sloan sah heute Abend wesentlich präsentabler aus als auf den Fotos fürs Verbrecheralbum.

»Ich hoffe doch nicht.« Ally, die fand, etwas Nervosität würde gut zu ihrer Rolle passen, schob den Schulterriemen ihrer Umhängetasche höher und lächelte verlegen. »Ich bin Allison. Ich war um fünf mit Mr Blackhawk verabredet. Bin wohl leider zu spät dran.«

»Nur ein paar Minuten. Machen Sie sich keine Gedanken deswegen. Ich bin Will Sloan.« Er ergriff ihre Hand und drückte sie kurz. »Der Boss sagte, ich solle nach Ihnen Ausschau halten. Ich bringe Sie rauf.«

»Danke. Ist wirklich toll hier«, bemerkte sie.

»Nur das Beste ist gut genug für den Boss. Kommen Sie, ich führe Sie kurz rum.« Eine Hand an ihrem Rücken, durchquerte Will mit ihr den Barbereich, dann führte er sie in einen angrenzenden großen Raum mit weiteren Tischen und einer Bühne mit zwei Ebenen sowie Tanzfläche.

Der Raum hatte eine silberne Decke mit glitzernden Punktstrahlern. Die Tische waren schwarze Würfel auf Sockeln, die sich über einem rauchig silbernen Fußboden erhoben, unter dessen Oberfläche ebenfalls winzige Punktstrahler glitzerten, wie Sterne hinter einem dünnen Wolkenschleier. An den Wänden hingen riesige, in lebhaften Farben gehaltene abstrakte Gemälde, daneben gab es noch alle möglichen modernen Skulpturen.

Auf den Tischen standen schlanke zylinderförmige Lampen, in deren Stahlmantel Halbmonde gestanzt waren.

Eine dem dritten Jahrtausend angemessene Einrichtung, wie Ally fand. Alles in allem ein vornehmer Laden, anders konnte man es nicht sagen.

»Haben Sie denn schon mal in einem Nachtclub gearbeitet?«

Sie hatte bereits entschieden, wie sie es angehen wollte, und verdrehte die Augen. »Noch nie in einem so feudalen Schuppen.«

»Der Boss wollte Klasse. Er hat Klasse bekommen.« Will bog auf einen Flur ab, dann gab er auf einem Bedienungsfeld einen Code ein. »Passen Sie auf, was gleich passiert.« Als eine Wand auseinander glitt, wackelte er mit den Augenbrauen. »Spitze, was?«

»Wahnsinn.« Ally betrat mit ihm den Aufzug und beobachtete, wie er wieder einen Code eingab.

»Alle, die im ersten Stock zu tun haben, bekommen den Code. Aber darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Sie sind also neu in Denver?«

»Nein, ich bin hier aufgewachsen.«

»Tatsächlich? Ich auch. Der Boss und ich, wir kennen uns schon seit unserer Kindheit. Damals war das Leben allerdings noch anders.«

Als sich gleich darauf die Aufzugstür öffnete, standen sie direkt in Jonahs Büro. Es war ein großer Raum, unterteilt in einen Arbeits- und einen Freizeitbereich. Der Freizeitbereich mit einer Sitzecke in den Erkennungsfarben des Lokals und einem großen Flachbildschirm, auf dem stumm ein abendliches Baseballspiel ausgetragen wurde, strahlte lässige Eleganz aus.

Automatisch schaute Ally auf die obere Ecke des Fernsehers. Ein Heimspiel der Yankees gegen Toronto. Zwei Outs, ein On. Kein Score.

Dass Jonah sich für Sport interessierte, fand sie wenig überraschend, die vollen Bücherregale an den Wänden dagegen schon.

Ally ließ den Blick über den Arbeitsbereich gleiten, der so gnadenlos effizient wirkte wie der Rest des Raums lässig. Ein Arbeitsplatz mit Computer und Telefon. Direkt gegenüber ein Überwachungsmonitor, der das Geschehen unten im Club zeigte. Vor der großen Fensterwand dahinter waren die Jalousien heruntergelassen. Der rauchgraue Teppich, mit dem der gesamte Raum ausgelegt war, war so weich, dass man fast bis zu den Knöcheln darin versank.

Jonah saß mit dem Rücken zur Wand am Schreibtisch und hob zum Gruß eine Hand, während er sein Telefonat beendete. »Ich komme darauf zurück. Nein, keinesfalls vor morgen.« Fast schon amüsiert zog er eine Augenbraue hoch. »Sie werden wohl warten müssen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Er legte auf und lehnte sich lässig in seinen Schreibtischstuhl zurück. »Hallo, Allison. Danke, Will.«

»Gern geschehen. Bis später, Allison.«

»Danke fürs Raufbringen.«

Jonah wartete, bis sich die Aufzugtüren hinter Will geschlossen hatten. »Sie kommen spät.«

»Ich weiß. Es ließ sich nicht vermeiden.« Als sie sich zu dem Monitor umdrehte, nutzte er die Gelegenheit, um seinen Blick über ihren Rücken, über diese langen Beine wandern zu lassen.

Sehr hübsch, dachte er. Wirklich sehr hübsch.

»Sie haben im gesamten öffentlichen Bereich des Clubs Überwachungskameras?«

»Ich möchte gerne wissen, was sich in meinem Lokal abspielt.«

Darauf hätte sie gewettet. »Heben Sie die Bänder auf?«

»Drei Tage, dann überspielen wir sie.«

»Ich würde mir gern ansehen, was Sie haben.« Weil sie immer noch mit dem Rücken zu ihm stand, gestattete sie es sich, auf dem Fernseher nachzusehen, was im Yankee-Stadion los war. Toronto hatte einen hart geschlagenen Ball nach Hause gebracht. »Vielleicht haben wir ja Glück.«

»Dafür werden Sie einen Durchsuchungsbefehl brauchen.«

Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt einen schwarzen Anzug – von feinster italienischer Qualität, wie sie auf den ersten Blick erkannte. »Ich dachte, Sie hätten sich bereit erklärt zu kooperieren?«

»Bis zu einem gewissen Punkt. Sie sind schließlich hier, oder nicht?« Sein Telefon klingelte, aber er nahm nicht ab. »Setzen Sie sich. Wir werden einen Plan für die Vorgehensweise ausarbeiten.«