Nie mehr allein - Nora Roberts - E-Book

Nie mehr allein E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Nach zehn langen Jahren kehrt Jason kurz vor Weihnachten zurück in die Heimat. In die kleine Stadt, die er damals verließ, um die Welt kennenzulernen. Zugleich ließ er seine große Liebe Leonie zurück. Er kam nie wieder, weil Leonie einen anderen geheiratet hat. Nun muss er sich der Vergangenheit stellen. Denn seit ihrer ersten Leibesnacht war keine Frau wie Leonie. Als er der alleinstehenden Mutter nun gegenübersteht, ist die Anziehung wieder da: Können die beiden ihre Verletzungen vergessen und einen Neubeginn wagen?

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Seitenzahl: 150

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Nora Roberts

Nie mehr allein

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Eva von der Gönna

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

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Die Originalausgabe Home For Christmasist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 

Neumarkter Str. 28, 81673 München.Copyright © 1986 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by MIRA Taschenbuchin der Cora Verlag GmbH & Co. KG, HamburgUmschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Fotos von ThinkstockSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12096-2V003

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

In zehn Jahren kann sich viel verändern. Jason Law war darauf vorbereitet. Während des Fluges von London nach Boston und der anschließenden langen Fahrt nach Quiet Valley, New Hampshire, hatte er Zeit gehabt, sich darauf einzustellen. Selbst eine Kleinstadt in Neuengland mit 32000 Einwohnern – das war bei seinem Weggang etwa die Einwohnerzahl gewesen – musste sich im Laufe eines Jahrzehnts weiterentwickelt haben. Menschen würden gestorben und andere zur Welt gekommen sein. Geschäfte und Wohnhäuser würden den Besitzer gewechselt haben. Einige gab es vielleicht überhaupt nicht mehr.

Nicht zum ersten Mal seit seinem Entschluss, seine Heimatstadt zu besuchen, kam sich Jason ziemlich töricht vor. Wahrscheinlich würde man ihn überhaupt nicht erkennen. Als er fortging, war er ein schmales, trotziges Bürschchen von zweiundzwanzig Jahren in abgetragenen Jeans gewesen. Und nun kehrte er als Mann zurück, der gelernt hatte, Trotz durch Arroganz zu ersetzen – und er hatte damit Erfolg. Inzwischen trug er Anzüge, die in der Saville Row in London oder der Seventh Avenue in New York angefertigt worden waren. Sie brachten seine sportliche Figur unauffällig zur Geltung. In zehn Jahren war aus dem verzweifelten Jungen, der entschlossen gewesen war, der Welt seinen Stempel aufzudrücken, ein äußerlich gelassener Mann geworden, der sich auf seine Leistungen etwas zugutehalten konnte. Nicht verändert hatte sich sein nach innen gerichtetes Wesen. Er suchte immer noch nach Wurzeln, nach einem Ort, wo er hingehörte. Deshalb fuhr er jetzt zurück nach Quiet Valley.

Die Straße wand und schlängelte sich noch genauso durch Wälder und über Hügel wie damals, als er mit dem Greyhound-Bus in umgekehrter Richtung gefahren war. Die dichte Schneedecke am Boden wölbte sich nur an den Stellen, wo sich Felsbrocken darunter verbargen. Einzelne Kristalle an Zweigen glitzerten im Sonnenlicht. Hatte er die Winter Neuenglands vermisst?

Einmal hatte er den Dezember in den Anden verbracht, wo ihm der Schnee bis zu den Hüften reichte. Ein andermal war er nach Afrika geflogen. Die Jahre liefen ineinander, aber seltsamerweise konnte sich Jason genau daran erinnern, wo er zu Weihnachten jeweils gewesen war, obwohl er das Fest nicht feierte. Die Straße verengte sich, machte einen weiten Bogen und gab den Blick auf die verschneite Bergkette frei. Ja, das hatte ihm gefehlt.

Aus einem Impuls heraus hielt Jason an und stieg aus. Sein Atem wurde wie Rauch vom Wind davongeweht. Die Kälte ließ seine Haut prickeln, aber er knöpfte seine Jacke nicht zu. Auch die Handschuhe ließ er in der Tasche stecken. Er hatte das Bedürfnis, die eisige Luft an sich heranzulassen. Wie schon als Kind hatte er das Gefühl, Tausende kleiner spitzer Nadeln einzuatmen. Jason stieg ein Stück den Berg hoch, bis er auf Quiet Valley hinuntersehen konnte. Hier war er geboren und aufgewachsen. Hier hatte er Freude und Leid kennengelernt – und hier hatte er auch zum ersten Mal geliebt. Selbst aus dieser Entfernung konnte er ihr Haus sehen. Nein, das Haus ihrer Eltern, verbesserte Jason sich selbst. Erstaunt stellte er fest, dass der Zorn immer noch nicht verflogen war. Sie würde jetzt woanders wohnen mit ihrem Mann und ihren Kindern.

Unwillkürlich hatte er die Hände zu Fäusten geballt, nun zwang er sich dazu, seine Muskeln zu entspannen. Seine Gefühle nicht preiszugeben, sich zu beherrschen, das war eine Fähigkeit, die er im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zu vervollkommnen lernte. Die Arbeit war dabei sein Lehrmeister, wenn er über Hungersnot, Krieg und menschliches Leiden berichten musste. Er hatte festgestellt, dass ihm das alles im Privatleben half. Seine Gefühle für Leonie waren die Sehnsüchte eines Jungen gewesen. Jetzt war er ein Mann, und sie war ebenso wie Quiet Valley ein Teil seiner Kindheit. Er war über fünftausend Meilen gereist, um sich genau das zu beweisen. Jason Law drehte der Stadt den Rücken und kehrte zum Auto zurück.

Aus der Entfernung hatte Quiet Valley ausgesehen wie ein Bild von Grandma Moses. Als Jason näher kam, wirkte es weniger idyllisch, und er war insgeheim erleichtert. Hier und da blätterte die Farbe von einer Fassade ab. Zäune waren unter der Last des Schnees umgeknickt. An Stellen, wo früher Felder gewesen waren, standen jetzt Häuser. Veränderungen. Er rief sich ins Gedächtnis, dass er nichts anderes erwartet hatte.

Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf. Kinder und Hunde rannten durch den Schnee um die Wette. Jason schaute auf die Uhr. Halb vier. Die Schule war aus, und er war jetzt seit fünfzehn Stunden unterwegs. Es wäre jetzt das Klügste, festzustellen, ob es das Gasthaus noch gab und, wenn ja, sich dort ein Zimmer zu nehmen. Ein Lächeln spielte um seinen Mund, als er sich fragte, ob der alte Mr. Beantree noch hinter der Theke stehen würde. Er konnte gar nicht mehr zählen, wie oft ihm dieser nachgerufen hatte, dass aus ihm nie etwas Rechtes werden würde. Inzwischen konnte er das Gegenteil mit einem Pulitzerpreis und der Medaille des internationalen Journalistenverbandes beweisen.

Die Häuser standen jetzt enger zusammen, und Jason erkannte sie wieder. Dort wohnten die Bedfords und daneben Tim Hawkins. Das einstöckige Holzhaus der Witwe Marchant war immer noch himmelblau gestrichen, und Jason freute sich, dass wenigstens hier alles beim Alten geblieben war. Wie früher flatterten rote Bänder an der Fichte im Vorgarten. Die Witwe Marchant war gut zu ihm gewesen. Jason hatte nicht vergessen, wie sie ihm Kakao gekocht und stundenlang zugehört hatte, wenn er ihr von den Reisen in ferne Länder erzählte, die er machen wollte. Als er fortging, war sie bereits über siebzig gewesen, aber kerngesund. Vielleicht war sie auch jetzt noch dort hinter den Fenstern und hörte ihre geliebten Rachmaninow-Platten.

Die Gehsteige waren vom Schnee gereinigt. Neuengländer waren praktisch veranlagt und – nach Jasons Überzeugung – ebenso widerstandsfähig wie der Boden, auf dem sie sich angesiedelt hatten. Die Stadt hatte sich nicht so verändert, wie er es erwartet hatte. Das Eisenwarengeschäft der Railings befand sich immer noch an der Ecke zur Church Street, und auch die Post war nach wie vor in einem Ziegelbau von der Größe einer Garage untergebracht. Wie seit jeher in der Adventszeit hingen rote Girlanden zwischen den Laternenpfosten entlang der Straße. Vor dem Grundstück der Lintners bauten Kinder einen Schneemann.

Wessen Kinder es wohl sind?, fragte sich Jason. Ihre Gesichter waren hinter Schals und dicken Pudelmützen verborgen. Jedes von ihnen konnte Leonies Kind sein. Wieder stieg ohnmächtige Wut in ihm auf, und er wandte sich ab.

Das Schild am Eingang des Valley-Inn war neu, aber ansonsten war auch hier alles so wie früher. Auch hier hatte man den Schnee vor dem Eingang weggeschaufelt. Aus beiden Schornsteinen quoll Rauch. Jason fuhr daran vorbei. Zuerst musste er etwas anderes erledigen, etwas, von dem er gewusst hatte, dass es unvermeidlich war. Er hätte an der nächsten Ecke abbiegen können, um zu dem Haus zu kommen, wo er aufgewachsen war, aber er tat es nicht.

Am Ende der Hauptstraße würde ein gepflegtes weißes Haus stehen, größer als die meisten anderen, mit zwei Erkerfenstern und einer Veranda. Dieses Haus hatte Tom Monroe für sich und seine Braut gekauft. Ein Reporter von Jasons Kaliber wusste, wie man sich solche Informationen beschafft. Vielleicht hatte Leonie die Spitzenvorhänge aufgehängt, von denen sie als junges Mädchen schon geträumt hatte. Bestimmt hatte Tom ihr auch das Teeservice aus zartem Porzellan gekauft, das im Schaufenster des Haushaltwarengeschäfts ausgestellt gewesen war. Er würde ihr alles das gegeben haben, was sie sich wünschte. Ein Leben mit Jason dagegen hätte unzählige Motelzimmer an ständig wechselnden Orten bedeutet. Leonie hatte ihre Wahl getroffen.

Wieder stellte er fest, dass er sich auch nach zehn Jahren nicht damit abgefunden hatte. Er zwang sich zur Ruhe, als er am Straßenrand anhielt. Leonie und er waren einmal Freunde gewesen und – für ganz kurze Zeit – Liebende. Seitdem hatte er andere Frauen gehabt, und sie war verheiratet. Trotzdem konnte er sich noch genau daran erinnern, wie sie mit achtzehn gewesen war – lieb, sanft und neugierig auf das Leben. Sie hatte mit ihm gehen wollen, aber er hatte es nicht zugelassen. Sie hatte versprochen zu warten, doch ihr Versprechen nicht gehalten. Jason atmete tief ein und stieg aus.

Das Haus war sehr hübsch. Am Fenster zur Straße stand ein geschmückter Christbaum. Jetzt bei Tageslicht sah er überwiegend grün aus. Nachts jedoch würde er glitzern wie ein Zauberding. Dessen konnte er sicher sein, Leonie glaubte an Zauberei, und ihr würde es gelingen, auch diesen Baum zu verzaubern.

Jason stand auf dem Fußweg und hatte Angst. Er war daran gewöhnt, von Kriegsschauplätzen zu berichten und Interviews mit Terroristen zu machen. Doch dabei hatte er nie solche Furcht verspürt wie jetzt. Ich brauche ja nicht hineinzugehen, sagte er sich. Wenn ich will, kann ich umkehren und die Stadt verlassen. Es war nicht erforderlich, dass er sie wiedersah. Sie gehörte nicht mehr zu seinem Leben. Dann bemerkte er die Spitzenvorhänge, und wieder stieg der alte Groll in ihm auf. Groll, der stärker war als seine Angst.

Als er auf das Haus zuging, kam plötzlich ein Mädchen um die Ecke gerannt, auf der Flucht vor einem genau gezielten Schneeball. Sie warf sich zu Boden und kam damit aus der Schusslinie. Im nächsten Augenblick war sie aber bereits wieder auf den Beinen und ging zum Gegenangriff über.

»Volltreffer, Jimmy Harding!« Mit einem Triumphschrei wirbelte sie herum und stieß mit Jason zusammen. »Entschuldigung.« Von Kopf bis Fuß schneebedeckt, schaute sie auf und grinste ihn fröhlich an. Jason hatte das Gefühl, dass die Zeit rückwärts gegangen war.

Sie war das Ebenbild ihrer Mutter. Das dunkelbraune Haar war aus der Mütze gerutscht und fiel ihr in wirren Locken auf die Schultern. Das kleine zierliche Gesicht wurde von großen blauen Augen beherrscht, die lustig funkelten. Doch was ihm ans Herz ging, war das Lächeln, dieses unwiderstehliche Lächeln, das auch Leonie gehabt hatte. Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Das kleine Mädchen klopfte sich den Schnee ab und betrachtete ihn interessiert.

»Sie habe ich noch nie gesehen.«

Er schob die Hände in die Hosentaschen. Aber ich dich, dachte er. »Nein. Wohnst du hier?«

»Ja, aber der Eingang zum Laden ist auf der anderen Seite.« Ein Schneeball landete mit einem Plumps vor ihren Füßen. Sie verdrehte die Augen. »Das ist Jimmy«, erklärte sie im Tonfall einer Frau, die von einem lästigen Verehrer verfolgt wird. »Er kann überhaupt nicht richtig zielen. Wie gesagt, zum Laden müssen Sie andersrum.« Sie bückte sich und formte das nächste Geschoss. »Gehen Sie ruhig hinein; die Tür ist offen.«

Mit einem Schneeball in jeder Hand rannte sie davon. Jason stellte fest, dass er beinahe Mitleid mit Jimmy Harding empfand.

Leonies Tochter. Er hatte ganz vergessen, sie nach ihrem Namen zu fragen, und um ein Haar rief er sie zurück. Dann aber verzichtete er darauf. Es ist nicht wichtig, redete er sich ein. Er würde nur für einige Tage in der Stadt sein, ehe er zu seiner nächsten Reportage aufbrach. Quiet Valley war nur eine Station auf der Durchreise.

Langsam ging Jason ums Haus herum. Obwohl er sich nicht vorstellen konnte, was für eine Art Laden Tom betrieb, hielt er es für besser, ihn zuerst aufzusuchen. Er freute sich beinahe darauf.

Die kleine Werkstatt, die er erwartet hatte, entpuppte sich als Miniaturausgabe eines viktorianischen Hauses. Auf dem Schlitten vor der Tür saßen zwei lebensgroße Puppen in Zylinder, Rüschenhaube, Capes und Stiefeln. »Puppenhaus« stand auf dem handgemalten Schild über dem Eingang. Als Jason die Klinke herunterdrückte, erklangen Glöckchen von drinnen.

»Ich komme gleich!«

Als er ihre Stimme hörte, hatte er das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Aber er würde damit fertig werden. Er würde das Wiedersehen durchstehen, weil er es musste.

Jason nahm die Sonnenbrille ab, schob sie in die Tasche und schaute sich um. Der Raum war wie ein gemütliches Wohnzimmer eingerichtet, aber die Möbel waren alle auf die Maße von Kindern zugeschnitten. Puppen in allen Größen und Formen saßen auf Sesseln, Stühlen, Regalen und Schränken. Vor einem kleinen Kamin hatte sich eine Puppengroßmutter mit Spitzenhaube und Schürze im Schaukelstuhl niedergelassen. Die Puppe war so lebensecht, dass Jason unwillkürlich darauf wartete, dass sie zu schaukeln anfing.

»Es tut mir leid, dass Sie warten mussten.« Mit einer Porzellanpuppe in der einen und einem Brautschleier in der anderen Hand kam Leonie zur Tür herein. »Ich war gerade damit beschäftigt …«

Sie brach ab, und der Schleier glitt ihr aus der Hand. Wie schwerelos schwebte er langsam zu Boden. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, und im Gegensatz dazu wirkten die dunkelblauen Augen beinahe schwarz. Wie zur Verteidigung drückte sie die Puppe an die Brust. »Jason.«

2. KAPITEL

Wie Leonie da im schwachen Winterlicht in der Tür stand, erschien sie Jason noch viel schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Seine Hoffnung, dass es nicht so sein würde, erfüllte sich nicht. Er hatte geglaubt, dass seine Traumvorstellung von ihr sich als übertrieben herausstellen würde, wie es bei Träumen oft der Fall ist, doch sie stand vor ihm in Fleisch und Blut, und so schön, dass ihm der Atem stockte. Vielleicht lag es daran, dass sein Lächeln etwas zynisch wirkte. »Hallo, Leonie.«

Sie war unfähig, sich zu rühren. Wie schon vor vielen Jahren hatte sie das Gefühl, in der Falle zu sitzen. Damals hatte er es nicht gewusst, und heute durfte er erst recht nichts davon erfahren.

Lange verdrängte und geheim gehaltene Gefühle kämpften gegen ihre Willenskraft an und wurden unterdrückt. »Wie geht es dir?«, brachte sie heraus. Noch immer hielt sie die Puppe fest umklammert.

»Gut.« Er ging auf sie zu. Die Nervosität in ihren Augen bereitete ihm eine wahre Genugtuung. Dabei quälte es ihn, dass sie noch genauso gut roch wie früher. Sanft, jung, unschuldig. »Du siehst wunderbar aus«, sagte er beiläufig und gab seiner Stimme einen eher gelangweilten Ton.

»Du bist der letzte Mensch, den ich hier erwartet hätte.« Denn, fügte sie im Stillen hinzu, ich habe lernen müssen, mir das Warten abzugewöhnen. Entschlossen, ihren inneren Aufruhr nicht zu verraten, lockerte Leonie Monroe ihren Griff um die Puppe. »Wie lange wirst du in Quiet Valley bleiben?«

»Nur ein paar Tage. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis nach Abwechslung.«

Sie lachte und hoffte, dass es nicht hysterisch klang. »Das war bei dir schon immer so. Wir haben deine Reportagen gelesen. Es ist dir also gelungen, all die Länder zu besuchen, von denen du geträumt hast.«

»Und noch einige dazu.«

Sie wandte sich ab und schloss kurz die Augen. »Es hat Schlagzeilen gemacht, als du den Pulitzerpreis gewannst. Mr. Beantree stolzierte durch die Stadt, als wäre er persönlich für deinen Erfolg verantwortlich. ›Ein guter Junge, dieser Jason Law‹, sagte er immer wieder. ›Ich habe von Anfang an gewusst, dass aus dem mal was wird.‹«

»Ich habe deine Tochter gesehen.«

Das war ihre größte Angst, die größte Hoffnung, der Traum, den sie schon vor Jahren begraben hatte. Sie bückte sich, um den Schleier aufzuheben. »Clara?«

»Draußen vor dem Haus. Sie war mit Schneebällen hinter Jimmy, einem Jungen, her.«

»Ja, das klingt nach Clara.« Auch jetzt leuchtete ihr Gesicht, wenn sie lächelte. Hätte er einen Wunsch frei gehabt, dann den, die Hand auszustrecken und sie anzufassen. Sie nur einmal zu berühren und sich daran zu erinnern, wie es gewesen war.

»Wie ich sehe, hast du deine Spitzenvorhänge bekommen.«

Dabei, dachte sie bitter, wäre ich mit Fenstern ohne Gardinen und kahlen Wänden zufrieden gewesen, wenn ich nur bei dir hätte sein können. »Ja«, wiederholte sie. »Ich habe meine Spitzenvorhänge. Und du deine Abenteuer.«

»Du hast auch das hier.« Er wies auf die Puppen. »Wann hast du denn damit angefangen?«

Ich kann diese entsetzlich beiläufige Unterhaltung ertragen, sagte sie sich. »Ich habe den Laden vor fast acht Jahren eröffnet.«

Er nahm eine Stoffpuppe aus der Wiege. »Du verkaufst also Puppen. Ein Hobby?«

Leonie hob stolz den Kopf. »Nein, mein Geschäft. Ich verkaufe sie, repariere sie, und manchmal fertige ich sie auch an.«

»Geschäft?« Jason hatte die Puppe wieder weggelegt. In seinem Lächeln lag keine Spur von Humor. »Ich hätte nicht gedacht, dass Tom damit einverstanden ist. Mir kam er immer vor wie ein Mann, der nicht will, dass seine Frau arbeitet.«

»So?« Mechanisch begann sie, den Brautschleier am Kopf der Porzellanpuppe zu befestigen. »Du warst immer stolz darauf, dass dir nichts entgeht, aber du bist lange weg gewesen.« Sie sah ihn über die Schulter an, und diesmal lagen nicht Nervosität oder Stolz in ihrem Blick, sondern nur Kälte. »Sehr lange. Tom und ich haben uns schon vor acht Jahren scheiden lassen. Zuletzt hörte ich, dass er jetzt in Los Angeles wohnt. Du siehst, er hielt auch nichts von Kleinstädten. Oder den Mädchen, die in Kleinstädten leben.«

Jason konnte mit den Gefühlen, die auf ihn einstürmten, nichts anfangen, und etwas verlegen schob er sie deshalb beiseite.

Bitterkeit war einfacher. »Offensichtlich hast du keine kluge Wahl getroffen, Leonie.«

Sie lachte und zerknüllte den Schleier. »So sieht es aus.«

»Du hast nicht gewartet.« Die Worte waren heraus, ehe er sie zurückhalten konnte.

Er hasste sich deshalb, und sie auch.

»Du warst fort.« Sie drehte sich langsam wieder um und verschränkte die Hände.

»Ich habe dir gesagt, dass ich wiederkommen würde. Habe ich nicht versprochen, dich so bald wie möglich nachzuholen?«