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Karo Schenkenberg leitet ihre eigene Firma mit fester Hand – zu fest, wenn es nach ihren Mitarbeitern geht. Sie schenken ihr zum Geburtstag eine Abenteuer-Bergtour, die der Entwicklung von Teamgeist dienen soll. Zu stolz, um diese Herausforderung auszuschlagen, macht sich Karo auf in die Berge. Martin Sander leitet die Adventure Treks und liebt es, Herr und Meister über arrogante Stadtmenschen zu spielen. Sofort erkennt er in Karo eine würdige Gegnerin. Martin ist begeistert, schließlich ahnt er nicht, dass sich auch der Noch-Ehemann seiner neuen Freundin Jo für die Tour angemeldet hat. Hans ist ein Afghanistan-Veteran, der alles daran setzt, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, und dazu gehört vor allem Jo.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Über die Autorin
Obacht: Rutschig
Adventure Trek 1
Edith Parzefall
Ursprünglich erschienen unter dem Titel: Schneerutschchen
Copyright © 2013 Edith Parzefall
Überarbeitete Ausgabe Copyright © 2016 Edith Parzefall
Alle Rechte vorbehalten.
Edith Parzefall
Ritter-von-Schuh-Platz 1,
90459 Nürnberg, Deutschland
Umschlag: Kathrin Brückmann
Lekorat: Kathrin Brückmann
Auf der A 99 um München floss der Verkehr nur noch zäh und nahm Martin Sanders Geländewagen im Schraubstock der Blechlawine gefangen.
Die Tachonadel bewegte sich um die 80-Stundenkilometer-Marke. Während der Schleichfahrt brach die Nacht herein. Ein Raststellenschild lockte ihn, versprach Ablenkung, vielleicht sogar Anregung. Wahrscheinlich würde der Verkehr später nachlassen. Er wechselte auf die rechte Spur, zu dicht vor einem anderen Wagen, und erwischte gerade noch die Ausfahrt, bevor der Fahrer auch nur hupen konnte.
Martin ließ den BMW X3 an den Zapfsäulen vorbeirollen und fand einen freien Parkplatz nah am Restaurant. Glück gehabt. Oh, Frauenparkplätze. Fast wie in Parkhäusern, wo die Schilder jedem Vergewaltiger und Exhibitionisten zeigten, wo sich ängstliche Frauen aufspüren ließen. Tolle Erfindung. Er stieg aus. Könnte interessant werden.
Die feuchte Nachtluft roch nach Erde, Abgas und Frittierfett. Er schlenderte zum Schnellrestaurant und kaufte einen Kaffee, schwarz und ohne Zucker. Das heiße Gebräu schlürfend spazierte er wieder in die warme Julinacht hinaus und setzte sich direkt unter dem Schild Frauenparkplätzeauf einen der Baumstämme, die einen verlassenen kleinen Spielplatz umgaben. In seiner Fantasie attackierte ihn eine wütende Matrone mit ihrem Regenschirm oder Gehstock, und eine junge Frau beschimpfte ihn als Perversling. Er grinste. Und dann? Vielleicht müsste er um sein Leben laufen.
Seine Glücksfee ließ ihn im Stich. Keine einsame Frau parkte auf einem der reservierten Plätze, während er seinen Kaffee trank. Egal, am Wochenende würde er eine neue Tour leiten und einem Haufen Marketing-Leuten im Auftrag ihres Chefs Teamfähigkeit beibringen. Martin liebte Firmenausflüge. Die Grabenkämpfe und Schleimereien zwischen solchen Sesselfurzern wurden nie langweilig.
Er kippte den Rest seines Kaffees hinunter, da blendeten ihn die Scheinwerfer eines neuen Minis, der sich neben seinen X3 setzte. Kaum zu glauben, dass beide Autos von BMW gebaut wurden. Die lächerliche Lackierung ließ ihn grinsen: lila mit weißen Rennstreifen.
Als Scheinwerfer und Motor ausgingen, stand er auf. Die Frau am Steuer warf ihm oder dem Schild einen flüchtigen Blick zu. Würde sie zögern, ihn argwöhnisch betrachten, sich fürchten? Es waren nicht viele Leute unterwegs.
So resolut, wie sie die Wagentür aufstieß, schien sie jedenfalls nicht eingeschüchtert zu sein. Im Schein der Innenbeleuchtung konnte er einen Schopf rotbrauner Locken erkennen. Der Fuß, den sie auf den Asphalt setzte, steckte in einem Schuh mit höchstens drei Zentimetern Absatz. Klasse Waden, muskulös, wie er es mochte. Sie hievte sich aus der kleinen Kiste und schlug die Tür zu. Er schätzte sie auf Ende dreißig, ungefähr in seinem Alter. Der Rock des schwarzen Kostüms endete knapp über ihren Knien. Unter der offenen Jacke trug sie eine bunte Bluse, die brav fast bis zum Hals zugeknöpft war.
Sie schenkte ihm keinerlei Beachtung, obwohl er in nur zwei Metern Entfernung herumlungerte. Typisch Städter. Die Menschen verblassten, lösten sich in der Masse auf. Jeder war nur mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht musste er den Kopf einziehen, sich verhuschter benehmen, verdächtiger …
Sie schüttelte ihre Locken aus dem Gesicht, schlang eine Tasche um ihre Schulter und schritt auf ihn zu, oder vielmehr aufs Restaurant. Ein Hauch von Mandel wehte zu ihm herüber. Sie blieb neben ihm stehen, so nah, dass er nur seinen Arm ausstrecken müsste, um sie zu berühren.
Martin kratzte sein stoppeliges Kinn, aber sie beachtete ihn immer noch nicht, gönnte ihm noch nicht mal einen flüchtigen Seitenblick. Stattdessen fummelte sie in ihrer Tasche herum. Pfefferspray? Vielleicht wurde es ja doch noch interessant. Nein, sie zog eine Packung Zigaretten heraus und steckte einen Sargnagel zwischen ihre bemalten Lippen. Dann sah sie ihn direkt an. »Haben Sie Feuer? Ich kann meines nicht finden.«
»Tut mir leid, ich rauche nicht.« Jetzt, da er sich nicht mehr wie der Unsichtbare fühlte, lächelte er.
Sie zuckte die Schultern und steckte die Fluppe seufzend wieder in die Packung, bevor sie völlig gelassen zum Restaurant ging.
Martin zerdrückte den Pappbecher und warf ihn in den Mülleimer. Die Hände in den Hosentaschen schlurfte er zu seinem X3, dann blieb er stehen und blickte über die Schulter, konnte sie aber hinter den großen Scheiben nicht entdecken. Diese Frau würde er verdammt gern auf eine Tour mitnehmen. So viele Möglichkeiten, ihr die Augen zu öffnen.
Grinsend stieg er in seinen Geländewagen. Der Stapel Flugzettel, den er am Morgen bei der Druckerei abgeholt hatte, war in den Fußraum gepurzelt. Er hob ihn auf und zog ein Blatt heraus. ADVENTURE TREKS stand in flammend roten Lettern unter dem Bild eines Bergsteigers, der gerade den Gipfel erstürmte.
Einen Versuch wäre es wert. Ein paar Tage in den Bergen mit ihr …
* * *
Karo ging zum Laden neben dem Restaurant und kaufte ein Feuerzeug. Wo waren die guten alten Zeiten, als Männer noch Feuer griffbereit hielten, um einer Frau die Zigarette anzuzünden? Sie holte sich einen Latte macchiato, der ihr hoffentlich den nötigen Kick geben würde, und trug ihn nach draußen. An einem der hohen runden Tische stellte sie den Becher ab und zündete sich endlich eine Zigarette an. Genüsslich inhalierte sie und ließ den Rauch langsam entweichen. Man musste für die kleinen Freuden dankbar sein.
Was für ein Tag. Zum Glück war er vorbei. Karo blickte in den Sternenhimmel und erspähte den Mars, der leicht orangefarben glänzte. Eine Wolke verdeckte das Sternbild des Orion zur Hälfte.
Hals und Lunge fingen an, sich zu beschweren. Normalerweise erlaubte sie sich nur fünf Sargnägel am Tag, aber heute hatte sie schon ein halbes Päckchen geschmaucht. Man konnte schließlich keinen Gesamtauftrag über eine viertel Million an Land ziehen und dabei auch noch Zigaretten rationieren. Die Bestellungen des Schokoladenmannes, wie sich Meister gerne selbst nannte, konnte ihre Firma dringend brauchen. Karo schauderte bei der Erinnerung an ihr Treffen. Obwohl er fünfzehn Jahre älter war als sie, glaubte der Möchtegern-Casanova tatsächlich, Geschäft und Vergnügen verbinden zu können – sein Vergnügen. Immerhin sah jetzt alles danach aus, als würde ihre Firma dieses Jahr keinen Verlust machen, aber man sollte das Jahr nicht vor Silvester loben.
Wenn Meister wenigstens charmant, attraktiv und in den Vierzigern wäre … Seinetwegen hatte sie für ihren zweiundvierzigsten Geburtstag am Sonntag nicht die geplante Wellness-Woche buchen können, um sich vor den Feiern zu drücken. Natürlich konnte sie keinen ihrer Mitarbeiter zu einem neuen Großkunden schicken, während sie sich bei Massagen und Fangopackungen entspannte. Wenn du nicht delegieren kannst, darfst du auch nicht jammern.
Die Belegschaft vergaß den Geburtstag bestimmt nicht. Ihre Assistentin Jenny würde das nie zulassen. Sie zettelte bestimmt für Montag etwas an und hatte vielleicht schon ein schreckliches Geschenk besorgt. Letztes Jahr war es ein Yogakurs gewesen, davor ein ayurvedisches Kochbuch mit Meditationsmusik auf CD. Karo schauderte.
Sie ging zum Aschenbecher, drückte die Zigarette aus, warf den Pappbecher weg und kehrte zu Chico, ihrem Mini, zurück. Als sie sich ans Steuer setzte, sah sie einen roten Zettel unter dem Scheibenwischer. Sie zupfte ihn hervor. Nicht die beste Papierqualität, zu glänzend. Die hätten mal besser ihre Druckerei beauftragen sollen. Survival Tours & Team Building? Welch herrliche Ironie. Na, ihrem Verkaufsteam könnte so etwas gefallen.
* * *
Übers Lenkrad gebeugt beobachtete Martin gespannt, wie die Frau den Flyer betrachtete. Ja! Sie steckte ihn in ihre Jackentasche. Spielen wir bald, Baby? Ich hoffe es.
Sie glitt zurück in den Wagen. Martin verharrte reglos, wollte unsichtbar werden. Jetzt war nicht der richtige Moment, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie schaltete die Scheinwerfer ein, ließ den Motor an und warf einen Blick in seine Richtung. Sein Herz schlug schneller. War das eine Herausforderung, Aufforderung?
Jetzt setzte sie zurück. Er ließ den Wagen an, während sein Blick am Spiegel klebte und ihre Rücklichter verfolgte. In einigem Abstand fuhr er ihr nach. Der lila Mini würde trotz der Dunkelheit leicht zu erkennen sein.
Sie fuhr zügig auf die linke Spur und beschleunigte gerade dann, als sich ein anderer Wagen neben ihn schob und ihn am Spurwechsel hinderte. Verdammt. Martin steckte hinter einem Laster fest und fiel weiter zurück, als er wollte. Auf eine Lücke wartend, trommelte er mit den Fingern aufs Lenkrad. Endlich! Er drängelte sich zwischen zwei Autos, die kaum schneller fuhren als er. »Komm schon, Oma, mach Platz.«
Qualvolle Sekunden später rutschte die lahme Ente aus dem Weg. Er trat das Gaspedal durch. Wo war der alberne Mini? Er blinkte links und fuhr dicht an einen Mercedes ran. Bei den Panzern war höfliches Abwarten meist aussichtslos. Die glaubten, ihnen gehöre die Autobahn. Obwohl die rechte Spur längst frei war, regte sich der Penner nicht, also Lichthupe. Endlich bewegte sich die Kiste aus dem Weg. Martin beschleunigte. Wo versteckst du dich, Rennsemmel?
Mit einem Anflug von Bedauern betrachtete Karo den strahlenden Morgenhimmel, bevor sie durch die Eingangstür der Schenkenberg GmbH schritt. Jenny blickte hinter dem Empfangstisch auf und lächelte. Ihre dunkelblonden Haare waren in einem Pferdeschwanz gebändigt, und ihre mitternachtsblauen Augen leuchteten. Wie üblich trug sie eine weiße Bluse, eine von dreien, die sie zur Arbeit anzog. Karo würde am liebsten mit ihr auf Firmenkosten einkaufen gehen, aber Jenny hatte ihren Stolz, egal wie sehr sie finanziell kämpfen musste, um nebenbei studieren zu können.
»Guten Morgen, Karo. Wie war’s bei Meister?«, fragte Jenny.
»Schrecklich. Er ist ein lüsterner alter Sack, aber er hat uns den Auftrag zugesagt.« Sie ging in ihr Büro und schaltete den Computer ein.
Jenny folgte ihr. »Hast du Arbeit für mich?«
»Nein, ich schicke Meister eine E-Mail mit dem Angebot und den Konditionen, die wir besprochen haben.«
»Das kann ich doch machen. Dazu hast du schließlich eine Assistentin.«
»Ich weiß, aber ich will sichergehen, dass ich in meinen Notizen nichts vergessen habe. Sobald wir den Auftrag bekommen, kannst du dich darum kümmern.« Sie beobachtete Jenny genau, aber diese verzog keine Miene. Die Frau hatte eine erstaunliche Begabung, mit Kontrollfreaks wie ihr umzugehen.
»Sicher, Karo. Du bist der Boss.« In ihrer Stimme schwang nur ein Hauch von Kritik mit.
Nur weil Jenny die neusten Managementbücher für ihr Studium lesen musste, die Führung durch Delegation und eigenverantwortliches Arbeiten der Angestellten predigten, bedeutete das noch lange nicht, dass Karo die Zügel fallen lassen konnte, vor allem wenn es darum ging sicherzustellen, dass sie nicht selbst etwas übersehen hatte. Trotzdem lächelte sie. »Ich weiß, Jenny. Ich versuche ja auch, mehr Arbeit abzugeben.«
Ihre Assistentin zog unschuldig die Augenbrauen hoch. »Ich hab nichts gesagt.«
»Vergiss es.« Karo zog ihr Notizbuch aus der Tasche, da flatterte ein roter Zettel heraus. Ach richtig, das Flugblatt. Sie hob es auf und legte es oben auf den Stapel Papiere in ihrem Eingangskorb. Vielleicht würde sie ihre Vertriebler als Belohnung für die guten Abschlüsse im letzten Quartal auf so eine Teambuilding-Tour schicken, wenn sie schon keinen Bonus auszahlen konnte. »Ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee.«
»Ich hol dir einen.«
»Lass nur, du bist nicht meine Bedienung. Ich will sowieso mit Franz reden.«
»Der mag Milchkaffee mit zwei Stück Zucker.«
»Wie bitte?« Karo starrte sie ungläubig an.
Jenny errötete. »Ich meine, falls du ihm einen mitbringen willst.«
»Wie oft bringst du ihm denn Kaffee?« Sie bemühte sich, ihren Ärger im Zaum zu halten.
Jenny zuckte mit den Schultern und versuchte ein Lächeln, das kläglich ausfiel. »Jeden Morgen.«
»Ab heute nicht mehr. Unser kleiner Pascha kann sich seinen Kaffee selbst holen und alle anderen auch.«
»Es macht mir nichts aus.«
»Mir schon.« Karo marschierte aus dem Büro und den Gang entlang zur kleinen Küche, wo sie zwei Latte macchiato aus der Espressomaschine laufen ließ und in einen davon zwei Zuckerwürfel rührte. Wie konnte Jenny nur so dumm sein, für alle das Dienstmädchen zu spielen? Den Fehler hatte Karo in keinem ihrer Jobs gemacht. So etwas erzeugte eine Anspruchshaltung.
Sie nahm beide Tassen und ging zu Franz. Der aalglatte Vertriebsmitarbeiter sah vom Bildschirm auf. Seine Augen weiteten sich bei ihrem Anblick leicht, bevor er sein professionelles Lächeln aufsetzte. »Guten Morgen, Karo. Wie ist es mit Meister gelaufen?«
Moschusduft stieg ihr in die Nase. »Wir haben den Auftrag.« Sie stellte den gezuckerten Kaffee vor ihn auf den Schreibtisch. »Von Jenny, zum letzten Mal.«
»Was?« Er runzelte die Stirn, aber sein Blick huschte hin und her auf der Suche nach einem Ausweg.
Karo lächelte. »Sie ist keine Kellnerin. In den nächsten … sagen wir vier Wochen darfst du ihr jeden Morgen Kaffee bringen.«
Winzige Schweißperlen bildeten sich auf seiner Oberlippe. »Aber … ähm, klar, kein Problem. Ist nur …«
»Das wäre also geklärt.« Sie setzte sich auf den Besucherstuhl ihm gegenüber und lehnte sich zurück. »Wie laufen die Verhandlungen mit Frankenhammer?«
»Äh, gut, unser Angebot gefällt ihnen.«
»Was heißt gefällt? Kriegen wir den Auftrag? Details, Franz.«
Er verdrehte kurz die Augen, bevor er es merkte und sie mit festem Blick ansah. »Wir sind uns einig, außer in zwei Punkten.«
* * *
Jenny bewunderte Karo. Sie war ihr großes Vorbild, außer wenn es um Personalführung ging. Ihr Mikromanagement nervte jeden. Jenny machte das wenig aus. Sie fühlte sich sicherer, wenn Karo ihre Arbeit überprüfte, bevor sie vielleicht Mist baute und Schaden anrichtete, aber die Belegschaft heulte sich bei ihr über die Chefin aus. Und das oft.
Sie öffnete den Browser und gab die URL ein, die auf dem Flyer stand. Hoffentlich hatte Karo noch nicht gebucht. Das Faltblatt im Eingangskorb hatte Jenny überrascht. War sich Karo ihrer größten Schwäche doch bewusst? Selbst wenn, hätte Jenny nie erwartet, dass sie etwas dagegen unternehmen würde. Die perfekte Idee für ein Geburtstagsgeschenk war ihr von Karo selbst in den Schoß gelegt worden, und ihre Kollegen würden begeistert etwas beisteuern. Teambuilding für die Chefin.
Jenny überflog die Hauptseite von Adventure Treks. Individual-Trekking durch die Alpen mit einem persönlichen Überlebenstrainer. Nicht gut, das würde Karos Einzelgängerei nur verschlimmern. Helikopter-Skifahren in den Wintermonaten. Wow, das machte bestimmt Spaß. Vielleicht konnte sie selbst so was mal machen. Autsch, nicht bei dem Preis.
Trekking und Klettern als Teambuilding-Erfahrung, entweder in einer Gruppe von Fremden oder in einem bestehenden Arbeitsteam. Das hörte sich gut an. Gletscherquerung, Wildwasserfahrt …
Perfekt. Sie klickte auf den Buchungsknopf und musterte die verfügbaren Zeiträume. August sollte am besten passen. Sie zuckte zusammen, als Karo auf sie zuschritt. Nervös beeilte sie sich, das Browserfenster mit anderen Applikationen zu überdecken.
Karo lächelte. »Sei nicht albern. Du darfst gern im Internet surfen, wenn du sonst nichts zu tun hast, vor allem, wenn’s für dein Studium ist.«
Gerade rechtzeitig hatte Jenny alle Spuren ihrer Geschenk-Recherche getilgt und entspannte sich. Schließlich wollte sie Karo überraschen. Vorsichtshalber hatte sie den Flyer nach ganz unten in Karos Eingangsstapel geschoben, sodass sie ihn heute vermutlich nicht mehr zu Gesicht bekäme. »Weiß ich doch, aber ich hab trotzdem ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht arbeite. Kann ich was für dich tun?«
»Die E-Mail an Meister ist raus. Du bist im CC. Sobald er die Bestätigung schickt, kannst du übernehmen.«
»Gut, dann bereite ich schon mal alles für die Produktion vor.«
»Eilt nicht. Er lässt uns bestimmt etwas zappeln, und ich würde mich gern mit dir unterhalten.«
Das hörte sich nicht gut an. »Bin ich in Schwierigkeiten?«
Karo setzte sich auf den Stuhl neben ihr, was sie noch nervöser machte.
»Du musst dich entscheiden, was du willst, Jenny. Wenn du dein BWL-Studium abschließt, hast du viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, natürlich auch in finanzieller Hinsicht. Mach hier keine unbezahlten Überstunden, nur um jemandem einen Gefallen zu tun. Die wenigsten Leute werden es dir danken. Geh nach Hause und lerne. Wenn es im Büro nichts zu tun gibt, arbeite hier für dein Studium.«
Jenny nickte. »Okay, hab’s kapiert.« Natürlich hatte Karo recht, aber sie fragte sich, ob sie jemals den Abschluss schaffen würde. Sie war schon achtundzwanzig und hatte die letzten drei Jahre halbtags gearbeitet, zwei davon bei Schenkenberg – in den Sommerferien sogar Vollzeit, ohne an der Uni große Fortschritte zu machen. Es war schon ihr zweiter Anlauf, und das Lernen wurde nicht einfacher. »Karo, können wir uns wirklich aussuchen, wer wir sind?«
Karo warf die Stirn in Falten. »Nein, aber wir können bestimmen, wer wir sein wollen, und dann drauf hinarbeiten. Menschen sind unterschiedlich. Es gibt einsame Wölfe wie mich und Leute, die lieber in Teams arbeiten, anderen helfen wollen.« Ein trauriges Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. »Du sollst nicht so wie ich werden, Jenny. Finde lieber raus, wer du bist und was du mit deinem Leben anstellen willst.« Sie drückte Jennys Arm. »Du wirst deinen Weg machen, sobald du dich für eine Richtung entschieden hast.«
* * *
Als sich Karo an ihren Schreibtisch setzte, klingelte das Telefon. Ihr Schwager Ralf war am Apparat. Sie lehnte sich im Stuhl zurück und starrte auf den Bildschirm, während sie in beliebiger Abfolge Passagen in einem Dokument mit der Maus markierte und seinen Überredungsversuchen lauschte.
»Karo, du kannst an deinem Geburtstag nicht einfach zu Hause sitzen. Das deprimiert dich nur. Außerdem hast du mein Bœuf Stroganoff noch nicht probiert. Die Kinder würden sich tierisch freuen, wenn du mit uns feierst. Die bekommen dich ja kaum noch zu Gesicht.«
Sie ließ die Maus los, stützte den Ellbogen auf den Schreibtisch und legte das Kinn auf ihre Hand. »Ich hab überhaupt keine Lust zu feiern. Ich will ein faules Wochenende einlegen, lesen, mich in die Wanne legen, bis die Haut ganz schrumplig wird, und vielleicht spazieren gehen.«
»Das kannst du doch alles machen und dann zum Abendessen vorbeikommen.«
»Vor allem will ich meinen Geburtstag ignorieren.«
Seine Stimme wurde sanft. »Du weißt, wie viel du uns bedeutest. Raff dich auf. Bitte!«
Ja, das wusste sie. Karo atmete tief durch. Vielleicht bedeuteten sie einander zu viel. Am Abend nach Andreas Begräbnis, als sich die Kinder bereits in den Schlaf geweint hatten, blieben sie und Ralf alleine der Verzweiflung ausgeliefert. Hätten sie damals nicht die Kontrolle verloren und sich aneinander geklammert, gierig nach Nähe, vielleicht hätte sie irgendwann den Platz ihrer Schwester eingenommen, Jahre später, wenn es sich nicht mehr wie Betrug angefühlt hätte. So aber dämpften sie beide ihren Kummer in flüchtiger Leidenschaft, die nur Schuldgefühle zurücklassen konnte.
Sie verscheuchte diese bedrückenden Erinnerungen und versuchte, unbeschwert zu klingen. »Okay, hier ist mein bestes Angebot: Ich komm am Samstagabend vorbei, dafür lasst ihr mich am Sonntag in Ruhe. Abgemacht?«
Er lachte. »Abgemacht. Dürfen wir am Sonntag wenigstens anrufen und dir gratulieren?«
»Sicher, aber ich werde alle Telefone ausschalten.«
»Wenn’s dich glücklich macht. Ich geb auf.«
Hans Moosburger blickte auf die Uhr am Armaturenbrett seines Mercedes-Taxis. Viertel vor drei an einem Freitag. Jo sollte bald Feierabend machen, und dann würde er sie abfangen. Er hob die Blätter vom Beifahrersitz auf. Sie hatte tatsächlich die Scheidung eingereicht, ohne noch einmal mit ihm zu reden. Wenigstens ein letztes Mal … Er hatte sich wieder im Griff und verdiente eine neue Chance. Aber da sie ihn nicht mehr in ihre Nähe kommen ließ, konnte sie das nicht wissen.
Als ein weißer Kleinbus vor der Werbeagentur Holzhofer hielt, bei der Jo arbeitete, ließ Hans die Papiere fallen und fragte sich, was da vorging. An die Seite des Busses war ein Bergsteiger in Siegerpose auf einem Gipfel gemalt.
Die ersten Holzhofer-Mitarbeiter trotteten mit Rucksäcken beladen aus dem Gebäude. Hans fluchte leise. Das war mal wieder typisch. Endlich hatte er den Mut gefasst, mit Jo zu sprechen, da fuhr sie bei einem Firmenausflug mit. Oder blieb sie doch zurück? Er wischte sich die verschwitzten Hände an seiner Jeans ab. Fahr nicht mit, Jo. Wir müssen reden. Ich kann meine Aggressionen kontrollieren. Bitte bleib. Ich geh mit dir bergsteigen. Ich tu alles für dich.
Die Zeit dehnte sich, und die Spannung drohte, ihn zu ersticken. Dann sah er sie mit ihrem roten Rucksack aus der Firma treten. Er schluckte und zwang sich, seine zu Fäusten geballten Hände zu öffnen. Nur ein Aufschub. Irgendwann käme sie von dieser Tour zurück. Zurück zu ihm?
Vielleicht konnte er schnell genug nach Hause fahren, das Taxi gegen seinen Opel tauschen und ihnen folgen. Er schüttelte den Kopf. War er schon so tief gesunken?
* * *
Martin stand in der Mitte des slowenischen Klettercamps, in dem sich auch noch andere Gruppen niedergelassen hatten, und sah zu, wie die Marketingleute der Firma Holzhofer sich mit den Zelten abmühten, rumwitzelten und einander aufzogen. Die Stimmung war hervorragend. Nach etwas Nieselregen am ersten Tag hielt jetzt das schöne Wetter an. Echt langweilig. Er ließ den Blick über die kargen Gipfel schweifen und wünschte sich, dass etwas Aufregendes passierte.
»Ich hol Wasser«, sagte Jo und griff sich die Trinkflaschen. Sie war die einzige Frau in der Gruppe, aber zäher und geschickter als ihre Kollegen. Jeanne d’Arc nannte er sie bei sich. Eine wahre Kämpferin und bestimmt auch muntere Spielgefährtin.
Martin nickte. »Ich komm mit und beschütz dich vor Bären.«
Sie lachte. »Den einzigen Bären haben sie erschossen.«
Er folgte ihr in einigen Metern Abstand zum seichten Wasserlauf, der sich einen halben Kilometer weiter über einen Wasserfall in einen reißenden Sturzbach verwandelte.
Jo blickte über die Schulter und zog die Augenbrauen zusammen. »Ich glaub, ich schaff das allein.«
Er grinste. »Weiß ich.«
Als sie das Flüsschen erreichten, hockte er sich ans moosbewachsene Ufer. Sein Herz schlug schneller. Das war vielleicht seine einzige Chance auf ein richtiges Abenteuer. »Wenn du nach dem Essen mit mir zum Wasserfall kommst, kann ich dir eine echte Herausforderung bieten.« Er betrachtete ihr Gesicht, das von glatten blonden Haaren eingerahmt wurde und keine Reaktion verriet, aber ihre grauen Augen schienen ihn zu durchbohren.
»Nur wir beide?«, fragte sie.
»Ja, du bist die Einzige, der ich zutraue, den Wasserfall hochzuklettern.«
»Einen Wasserfall rauf?« Jetzt leuchteten ihre Augen.
Martin verbarg seine Aufregung hinter einem lässigen Tonfall. »Morgen müssen wir mit dem regulären Programm weitermachen, deshalb ist das die einzige Chance auf eine unvergessliche Erfahrung. Wir werden gerade noch genug Licht haben.«
Jo schürzte die Lippen. »Klingt verlockend, aber was werden die anderen denken, wenn wir verschwinden?«
»Dass wir uns ins Gebüsch schlagen, um zu vögeln.«
»Aber das tun wir nicht?«
Sie würde eine fantastische Pokerspielerin abgeben. Er erlaubte sich noch nicht mal ein Lächeln. »Wenn du mich hinterher vernaschen willst, werd ich vermutlich wenig Widerstand leisten.«
Noch immer verzog sie keine Miene, schloss nur für eine Sekunde die Augen und streifte dann die zusammengebundenen Wasserflaschen ab. »Ein Wasserfall hört sich gefährlich an.«
»Umso aufregender.«
Jo ging in die Hocke und tauchte die Flaschen ins Wasser. Luftblasen blubberten hoch, und er stellte sich vor, dass es in Jos Gehirn ähnlich aussah. Sie würden sich am Wasserfall den Arsch abfrieren, aber das sollte es wert sein. Hatte er sie genug geködert? Er hoffte es. Auf dem Weg zurück zum Camp hielt er den Mund und ließ sie in Ruhe darüber nachdenken, während für ihn die Spannung stieg.
Die zwei Zelte seiner Gruppe standen inzwischen, und die vier Kerle saßen herum und quatschten. Jo ließ die Wasserflaschen vor ihnen auf den Boden sinken. »Gute Arbeit, Jungs, dann kann ich ja etwas geocachen.«
»Du bist echt besessen davon, irgendwelchen Plunder nach Koordinaten zu suchen«, sagte ihr Chef. »Verlauf dich nicht.«
Martin unterdrückte einen Freudenschrei. »Ich geh mal besser mit.«
Er griff sich seinen Rucksack und ließ Jeanne d’Arc den Fluss entlang vorauslaufen.
»Ich hör Wasser rauschen.« Ihre Stimme zitterte leicht. »Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?« Sie blickte zur untergehenden Sonne.
»Keine Sorge, ich hab heute nicht die geringste Lust zu sterben.«
An einem Felsvorsprung war ein Haken einzementiert worden, nachdem zu viele Idioten versucht hatten, den Wasserfall ungesichert zu erklimmen. Jo wartete schweigend, während er über die Trittsteine stakste, das Seil durch den Eisenring schlang und die Enden fallen ließ. Er beugte sich über den Felsabriss. Vorstehendes Gestein spaltete die herabstürzenden Fluten. Ohne das Wasser wäre die Kletterei recht einfach. Zurück am Ufer nahm er ihren Arm. »Bist du bereit?«
»Weiß nicht.«
»Gehen wir runter, dann kannst du dir einen besseren Eindruck machen.«
Sie stapften den sich durch Ginsterbüsche schlängelnden Pfad entlang. Am Fuß des Wasserfalls bot sich ihnen die ganze Pracht. In der Abendsonne glitzernd stürzte sich der Fluss über die Klippe und strömte in Bächen über den dunklen Fels.
Martin reichte ihr das Extrapaar Neoprenschuhe mit Gummisohle und zog seine Bergstiefel aus.
»Die sind ganz schön eng«, meinte Jo.
»Besser, als rauszurutschen.«
Er zog sein T-Shirt aus und trennte die Beine seiner Wanderhose ab, dann legte er den Klettergurt an, biss die Zähne zusammen und watete bis zu den Knien in das tobende, eiskalte Wasser.
Jo zögerte und starrte die Wand aus Fels und Wasser hinauf. Er ermutigte sie nicht. Sie musste sich allein entscheiden, ob sie kneifen oder ihrer Keckheit nachgeben wollte.
Nein, sie hatte nicht wirklich eine Wahl. Aufgeben kam für Jo bestimmt nicht infrage. Er grinste. »Wozu das Unvermeidliche aufschieben? Du würdest es nie verwinden, wenn du dich jetzt drückst.« Hatte er zu dick aufgetragen?
Jo warf ihm einen verächtlichen Blick zu, stieg ins Wasser und japste. »Verdammt kalt.«
Sie wateten zum Seil. »Willst du zuerst?«, fragte Martin.
»Vergiss es. Brich du dir das Genick, dann muss ich es nicht tun.«
Lächelnd sah er ihr in die grauen Augen und hakte den Karabiner an seinem Gurt ein. »Nö, du wirst mich nämlich halten, wenn ich falle.«
Sie nahm das andere Ende des Seils und fädelte es durch den Achter an ihrem Gurt. »Dann mach mal.«
»Du hältst mein Leben in deinen Händen.« Als er nach den besten Griffen fingerte, strömte eisiges Wasser seine Arme hinunter und klatschte gegen seine nackte Brust. Ihm blieb die Luft weg, dann keuchte er. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. Mit dem Fuß suchte er nach dem kleinen Vorsprung unter dem Wasserlauf zu seiner Rechten und begann den Aufstieg. Er war die Strecke schon viermal geklettert und kannte die beste Route. Obwohl er nicht lange nach geeigneten Griffen und Tritten suchen musste, brannten seine Arme und Beine vor Anstrengung und Kälte. Das Sicherungsseil blieb straff, als wolle Jo ihn am liebsten hochziehen. Nette Vorstellung. Er erreichte einen Absatz, auf dem er mit beiden Beinen stehen konnte. Nur noch drei Meter. Zeit für etwas Nervenkitzel. Er zog am Seil, das sich sofort spannte.
Martin nahm seine Hände vom Fels, breitete die Arme aus und lehnte sich zurück – über den Abgrund. Jetzt hielt Jo wirklich sein Leben in ihren Händen. Er blickte in den rosigen Himmel, dann schrie er gegen die tosenden Wassermassen an: »Ich liebe dich, Jeanne d’Arc!«
Zwar hörte er ihre Stimme durch das Brausen, aber die Antwort konnte »Arschloch« lauten oder »Ich dich auch«. Interessanter war allerdings die Frage, wie er wieder an den Fels gelangen sollte, ohne sich zu blamieren. Mist. Er streckte seinen linken Arm aus und packte das Seil mit dem rechten. Geistesgegenwärtig zog Jo, während er sich vorbeugte.
Als er die Wand berührte, ließ der Zug am Seil nach. Da rutschte sein rechter Fuß weg. Er verlor das Gleichgewicht, fiel in den Gurt und schlug mit dem Knöchel gegen den Fels. Scharfer Schmerz schoss sein Bein hinauf. Er keuchte, unfähig sich zu bewegen. Als das ziehende Pochen etwas nachließ, setzte er seinen Fuß auf den Vorsprung, fand Griffe und atmete tief durch. Er sollte sich lieber konzentrieren, statt herumzukaspern.
So schnell er konnte, kletterte er den Rest der Strecke und merkte, wie die Kälte in seine Knochen kroch, jetzt, da sein Adrenalinspiegel sank. Er schwang sich über die Abrisskante und versank im seichten Fluss. Unter Wasser öffnete er die Augen und blickte in den überschwemmten Himmel, bevor er sich hochhievte und zum Ufer kämpfte. Schlotternd klinkte er den Karabiner aus.
Jo winkte ihm zu. Was dachte sie wohl? Er warf das Seilende nach unten und salutierte. Schräge Sonnenstrahlen wärmten langsam seine Haut, während er den Pfad hinunterhinkte. Warmes Blut lief ihm in den Schuh. Um die Wunde konnte er sich später kümmern. Jetzt war Jo dran. Als er sie erreichte, hatte sie bereits das Seil an ihrem Gurt befestigt. Er lächelte. »Scheint, dass du dich entschieden hast.«
Sie nickte, würdigte ihn aber keines Blicks. »Du hättest keine Show für mich abziehen müssen.«
Während er in sich hineingrinste, schlang er das Seil durch den Achter an seinem Gurt. Warum sollte er sie nicht glauben lassen, dass auch sein Ausrutscher inszeniert war. »Sei vorsichtig, aber beeil dich. Die Kälte ist dein Feind, nicht der Fels oder das Wasser. Wird rutschiger als sonst, aber das schaffst du.«
Jo musste ihn genau beobachtet haben, denn sie benutze zum Einstieg dieselben Griffe und Tritte wie er. Die Sonne ragte nur noch halb über die Bergkette und tauchte den Wasserfall in kitschiges Pink. Perfektes Timing.
Martin genoss das Schauspiel ihres Kampfes gegen die Natur. Einmal glitt ihr Fuß ab, ohne dass es sie aus der Fassung brachte, dann erreichte sie den breiten Vorsprung. Er straffte das Seil, für den Fall, dass sie ihn imitieren wollte, aber sie zögerte nur einen Augenblick, bevor sie weiterkletterte. Oben angelangt verschwand sie aus seinem Blickfeld.
Als sie wieder auftauchte, ihm zuwinkte und das Seil fallen ließ, zog er es herunter und watete zum Ufer. Er schenkte einen Becher heißen Tee mit Rum aus der Thermosflasche ein und erwartete sie am Ende des Pfads.
Zitternd stapfte sie um die letzte Biegung. »Ddadas war sauau kkalt.«
»Trink.« Er hielt ihr das dampfende Getränk hin. Sie umschloss den Becher mit beiden Händen, und nach ein paar Schlucken hörte sie auf zu bibbern. Erst jetzt sah sie ihn an. »Bin froh, dass ich’s gemacht hab. War unglaublich.«
»Schön, aber du musst raus aus den nassen Sachen.«
Sie reichte ihm den Tee, schlüpfte aus dem Gurt, zog ihr Tanktop über den Kopf und streifte die Hose ab. Als sie in Unterwäsche vor ihm stand, ließ er seinen Blick über ihren jungen, schlanken Körper gleiten. Kein Gramm Fett zu viel, eher ein paar zu wenig.
»Dein Knöchel blutet.« Ihr Blick heftete sich auf sein Gesicht, die dünnen Augenbrauen zogen sich über der Nase zusammen.
»Bin ausgerutscht, falls du’s nicht bemerkt hast.«
»Ich dachte, du machst mir was vor, um mich zu beeindrucken oder einzuschüchtern.« Eine leichte Brise überzog ihren Körper mit Gänsehaut. Sie nahm die Tasse und trank.
»Du bist nicht nur klug und mutig, Jeanne d’Arc, sondern auch schön.«
Ein Lächeln umspielte ihren Mund. »Was du da oben gesagt hast, auf dem Vorsprung …?«
»Hab jedes Wort ernst gemeint, damals, dort oben.«
Sie trat näher und lehnte sich an ihn. Er schlang die Arme um ihren nackten Rücken. Ihre nassen Haare fielen auf seine Brust.
»Damals? Ist noch gar nicht so lange her.«
Er rieb seine Wange an ihrer. »Wer weiß, vielleicht auch immer und überall.« Natürlich war das Quatsch, aber er schuldete ihr was.
Sie sah ihm in die Augen. »Das sollte reichen.«
Martin flüsterte in ihr Ohr. »Ganz in der Nähe ist eine Selbstversorgerhütte mit einem Kamin. Da könnten wir uns aufwärmen.«
* * *
Erschöpft, unter zwei Decken vergraben, lag Martin auf dem Rücken. Jo schmiegte sich an ihn, während die nassen Klamotten am Kaminfeuer trockneten. Allmählich mussten sich die anderen fragen, wo sie so lange blieben.
»Das war echt unglaublich«, flüsterte Jo.
»Was, der Sex?«
Sie kicherte. »Nein, ähm, der war auch nicht schlecht, aber ich meine den Moment, als du dich einfach von mir hast halten lassen. Total intensives Gefühl. Wenn ich losgelassen hätte, den Sturz hättest du bestimmt nicht überlebt.«
»Ja, mit dem Kopf oder Rücken voran ins felsige Flussbett und gute Nacht, Martin Sander.«
»Du bist verrückt.« Sie streichelte ihm über die nackte Brust. »Und aufregend. Ich bin’s gewohnt, dass Männer mich auffangen und beschützen wollen. Nicht, dass ich das schlecht finde, solange sie ihren Idealen entsprechen können. Mein Mann hat immer auf mich aufgepasst.«
Martin unterdrückte ein Stöhnen. Er wollte nichts über Ehemänner und sonstige Anhängsel hören. Am Ende hatte sie vielleicht auch noch einen Sack voller Kinder. »Schön.«
»Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Wir leben getrennt. Du bist der erste Kerl, der … Du wolltest, dass ich auf dich aufpasse.«
Hm, so hatte er das Ganze noch nicht betrachtet. Natürlich gehörte es zur Teamentwicklung, dass man auf andere zählte. Warum kam es Jo so verblüffend vor, dass sich jemand freiwillig auf sie verließ? »Du bist jetzt ein großes Mädchen.«
Ihre Hand wanderte zu seinem schlaffen Schwanz. »Vielleicht bin ich das.«
Aufwachen, Freundchen. Das war die gerechte Strafe, wenn man das Blut großer Mädchen in Wallung brachte. Er zog sie auf sich. »Nach der Wasserfallkletterei ist es verdammt wichtig, nicht auszukühlen.«
Sie blickte auf ihn herab und kaute auf der Unterlippe. »Ich wollte es auch tun, mich ins Seil hängen, dir vertrauen.« Sie seufzte. »Hab’s nicht über mich gebracht.«
Martin grinste. »Kluges Mädchen. Einem Arschloch wie mir würde ich auch nicht vertrauen.«
Eine lange, heiße Dusche spülte die Backgerüche weg. Dann schlüpfte Karo in ihre liebste Cargohose, ein T-Shirt mit Känguruaufdruck und schließlich in ihre dunkelblaue Wildlederjacke. Ralf würde über die selbst gemachte Schwarzwälder Kirschtorte staunen. Lächelnd hob sie die nicht gerade perfekt aussehende Nachspeise hoch, nahm ihre Schlüssel und ging nach draußen. In der Hofeinfahrt hatte sie eine Idee. Sie stellte die Torte ab und zückte ihr Handy. Kurz vor sechs. Genug Zeit, und einen Versuch war es wert. Sie wählte Jennys Nummer.
»Karo? Bist du’s wirklich? An einem Samstag?«
»Tut mir leid, Jenny, aber …«
»Was denn? Kann ich dir helfen?«
»Vielleicht. Ich bin bei meinem Schwager zum Abendessen eingeladen, aber mein Wagen springt nicht an. Könntest du vorbeikommen und …?« Ja was? »Du hast doch Kattis Auto wieder zum Laufen gekriegt, als es im Winter nicht ansprang. Also hab ich mir gedacht, du warst in einem früheren Leben vielleicht Mechaniker.«
»Klar, vielleicht können wir ihn überbrücken. Ich bring die Kabel mit.«
»Prima, vielen Dank.« Karo legte auf und fragte sich, wie sie verhindern konnte, dass Chico einfach starten würde. Mit dem Motor war alles in Ordnung.
Sie öffnete die Motorhaube des Minis, hatte aber keine Ahnung, wie sie den Kleinen wirksam sabotieren konnte, ohne Schaden anzurichten. Blieb nur Vortäuschung. Sie trug die Torte wieder ins Haus, bevor die Sahne schmolz, und lief im Wohnzimmer auf und ab. Es könnte funktionieren und gleich mehrere Probleme lösen – nicht nur ihre eigenen.
Zehn Minuten später bog ein Auto in die Hofeinfahrt. Karo lief nach draußen und bedankte sich überschwänglich bei Jenny. Gespannt – oder eher nervös – beobachtete sie, wie ihre Assistentin die Kabel an der Batterie anklemmte. In Jeans und T-Shirt, die dunkelblonden Haare ausnahmsweise offen, sah sie adrett aus, in ihrem Element und nicht verkleidet, wie im Büro.
»Versuch’s mal«, sagte Jenny.
Sie setzte sich ans Steuer, schob den Ganghebel in den Leerlauf und schaltete die Zündung ein, drehte den Schlüssel aber nicht bis zum Anlasser. »Funktioniert nicht«, rief sie. Hoffentlich überzeugte das Theater.
Jenny prüfte die Klemmen und nickte ihr zu. Karo betrachtete den Schlüssel und stupste den Känguruanhänger an. Dann schüttelte sie den Kopf. Mit einem gespielten Seufzer stieg sie aus. »Muss irgendwas anderes sein.«
»Mein Cousin ist Automechaniker.« Jenny blickte auf die Uhr. »Vielleicht ist er noch in der Werkstatt. Soll ich dich hinschleppen?« Sie schloss die Motorhaube.
»Danke, aber ich muss zu Ralf. Er und die Kinder warten bestimmt schon.«
»Ich fahr dich hin. Spring rein.«
Genau, wie sie es erwartet hatte. Zufrieden lächelte Karo. »Das ist echt super von dir. Ich hol noch schnell den Kuchen.«
Karo genoss Jennys ungläubigen Gesichtsausdruck, als sie die offensichtlich selbst gebackene Torte sah.
»Die hast du gemacht?«
»Na klar. Schmeckt besser, als sie aussieht.«
Karo stieg in den alten Fiat und schnallte sich an.
Jenny setzte sich ans Steuer und fuhr los. »Ich hatte keine Ahnung, dass du backst.«
»Mach ich auch nicht oft. Nur zu besonderen Anlässen.«
Jenny stellte sich als überraschend vorausschauende Fahrerin heraus. Karo trat nicht einmal das Bodenblech unter dem Beifahrersitz durch in einem vergeblichen Versuch, zu bremsen. Sie war eine schreckliche Beifahrerin, aber immerhin schaffte sie es meistens, den Mund zu halten.
Als sie das Haus ihrer Familie erreichten, stellte sich Karo absichtlich etwas ungeschickt mit dem Gurt an, während sie die Torte auf dem Schoß balancierte. Wie erwartet sprang Jenny aus dem Wagen, lief um ihn herum und nahm ihr das Kunstwerk ab. Sie kamen spät genug, dass Ralf hoffentlich schon nach ihr Ausschau hielt. Tatsächlich, die Haustüre öffnete sich und ihr großer, breitschultriger Schwager trat heraus. Er trug eine Jeans und ein blaues Hemd in der Farbe seiner Augen. Perfekt, jetzt musste er nur noch Jenny zum Essen einladen.
»Da bist du ja endlich.«
»Hi, Ralf. Chico streikt.« Sie übersah Jenny, die ihr die Torte reichen wollte, und ging zu ihm. »Du kennst doch Jenny, ein wahrer Engel. Sie arbeitet für mich, aber es macht ihr nichts aus, mir am Wochenende privat aus der Patsche zu helfen.«
Jenny trat neben sie und Karo nahm ihr schnell die Torte ab. »Oh, die hätte ich jetzt beinah vergessen.«
Mit einem breiten Lächeln reichte Ralf Jenny die Hand.