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Edwin Carberry und Dan O´Flynn hatten den Kerl erwischt, der in der leeren Mühle bei Plymouth den alten Hesekiel Ramsgate hatte foltern wollen. Aber der keilte aus wie ein wildgewordener Gaul und traf mit dem Fuß die Öllampe. Die flog über den Bretterboden, knallte an einen dicken Balken und zerplatzte. Das auslaufende Öl spritzte nach allen Seiten. Ein kleiner Glutball zuckte auf, und wie mit einem Donnerschlag stand der Absackboden der Mühle schlagartig in Flammen. Carberry riß die Hände vor das Gesicht. Dan O´Flynn stieß einen üblen Fluch aus, verhedderte sich in der Kette, mit welcher der alte Ramsgate gefesselt gewesen war, und fiel hin. Das brennende Öl kroch in die Ritzen des uralten Holzes, fraß sich fest und entzündete das knochentrockene Holz. Die Mühle stand so schnell in Flammen, als hätte jemand tonnenweise Schießpulver auf das Holz gestreut...
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Seitenzahl: 2609
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Impressum© 1976/2017 Pabel-Moewig Verlag KG,Pabel ebook, Rastatt.eISBN: 978-3-95439-773-0Internet: www.vpm.de und E-Mail: [email protected]
Nr. 281
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 282
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 283
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 284
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 285
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Nr. 286
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 287
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 288
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 289
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 290
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 291
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 292
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 293
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 294
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 295
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 296
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 297
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 298
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 299
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 300
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Als Stimmung oder Idylle konnte man das Treiben an Bord der „Pride of Galway“ an diesem Julimorgen nicht bezeichnen.
Die Seewölfe waren zwar alle wieder glücklich zurückgekehrt und hatten sich unbeschadet wiedergetroffen, doch an der guten Laune fehlte etwas.
Der Grund dieser gedrückten Stimmung war der auf recht mysteriöse Art und Weise verschwundene Schiffbaumeister Hesekiel Ramsgate, einer der besten Schiffbauer Englands.
Bei ihm hatten die Arwenacks ihre neue „Isabella IX.“ in Auftrag gegeben, und Ramsgate hatte sie wunschgemäß auf der Werft in Rame Head aufgelegt.
Jetzt war der alte Ramsgate über Nacht verschwunden, vermutlich war er das Opfer einer Entführung geworden. Darauf deuteten auch die Brandanschläge auf den angefangenen Neubau.
Philip Hasard Killigrew hatte eine Belohnung von fünfzig Golddublonen für Hinweise auf den mutmaßlich Entführten ausgesetzt – vergebens, wie sich herausgestellt hatte. Selbst der geldgierige Wirt der „Bloody Mary“, Nathaniel Plymson, einschließlich seiner zahlreichen Spitzel, hatte nichts in Erfahrung bringen können.
So hockte man jetzt auf dem neuen Domizil herum und zermarterte sich das Gehirn, was wohl mit Ramsgate geschehen sein mochte, denn solange er nicht wieder auftauchte, ruhte auch der Weiterbau, und die Arbeit ging nicht voran.
Auf dieser irischen Galeone kochte jetzt wieder der Kutscher wie in alten Zeiten. Lange genug hatten sie seine Küche vermißt, ebenso wie seine ärztlichen Kenntnisse. Aber statt sich auf das bevorstehende Mittagessen zu freuen, dachten sie an ganz was anderes, nämlich an Ramsgate.
So war es kein Wunder, wenn sie sich über Kleinigkeiten aufregten oder ärgerten wie beispielsweise jetzt.
Auf der „Pride of Galway“ gab es Kakerlaken, irische Kakerlaken, versteht sich, denn die Galeone war ein irisches Schiff, mit dem die Gruppe unter Hasard nach Plymouth gesegelt war.
Diese Kakerlaken nun waren gut und gern so lang wie ein Daumen, häßlich und schnellfüßig, und sie glotzten „triefäugig und mit einer gewissen Bosheit“, wie Matt Davies es nannte. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit hatten sie schon seit langem von der „Pride of Galway“ Besitz ergriffen, und ihr boshafter Blick verhieß nichts anderes, als daß die Mannschaft sich doch, verflucht noch mal, zum Teufel scheren möge, denn das Schiff gehöre ihnen ganz allein, einschließlich seiner Vorräte.
Sie konnten gegen diese Brut nichts ausrichten, da halfen auch keine Räucherkräuter oder Schwefelstäbchen. Sobald auch nur eins entzündet wurde, verschwand die Armee spurlos, tauchte danach aber wie selbstverständlich wieder auf, ohne nennenswerte Verluste erlitten zu haben.
Eins dieser boshaften Viecher hatte sich jetzt an Deck verirrt und hockte auf den Planken, wo die Seewölfe es angewidert betrachteten.
„Ein paar von diesen Triefaugen sind ja ganz gut zu ertragen“, sagte Sam Roskill, „aber das sind entschieden zu viele. Ich glaube, die vermehren sich absichtlich so schnell, um uns zu ärgern. Langsam ekele ich mich vor diesem Mistzeug.“
Im Halbkreis saßen sie da und starrten auf das Biest, das sich wie selbstverständlich die englische Sonne aufs Kreuz scheinen ließ, obwohl die Kakerlaken eher die Dunkelheit und das Feuchtwarme liebten. Diese hier bildete offensichtlich eine Ausnahme.
„Und wie biestig sie uns anglotzt“, sagte Matt Davies. „Habe ich ja vorhin schon gesagt: frech, boshaft und triefäugig. Die meint wohl, wir hätten hier nichts zu melden.“
„Das werden wir ihr gleich zeigen“, sagte Bill, außer den Zwillingen der jüngste Mann an Bord, eben der Rustabout, weil es keine andere Rangbezeichnung für ihn gab.
Er kniete sich auf die Planken, krümmte den Zeigefinger am Daumen und holte zum Schnippen aus.
Das triefäugige Biest blieb herausfordernd sitzen. Der Zeigefinger schnellte vor, und die Kakerlake sauste, wie von einer Treibladung getrieben, über das Deck. Sie flog durch das Speigatt, segelte durch die Luft und landete im Wasser. Dort ersoff sie nach kurzer Zeit.
„Wenigstens können sie nicht schwimmen“, meinte der Profos, der den Vorgang interessiert beobachtet hatte. „Vielleicht sollten wir diesen lausigen Kakerlakenkahn einmal kräftig fluten.“
Er spuckte mißmutig ins Wasser und schüttelte sich, als er kurz darauf eine zweite Kakerlake entdeckte. Auch sie hockte so selbstverständlich da, als halte sie Ausschau nach der ertrunkenen.
„Verflucht noch mal!“ brüllte er angeekelt. „Eines Tages setzen diese verdammten Wanzen noch heimlich die Segel und geigen uns nach Irland zurück.“
Die zweite Kakerlake ging ebenfalls über Bord und soff ab. Danach waren an Deck keine weiteren mehr zu finden.
Anders jedoch in der Kombüse, wo der Kutscher am Werk war. Weiß der Teufel, aber sobald er einen Sack Mehl zur Seite schob oder nur etwas anhob, da rannten sie aufgescheucht davon, verschwanden in den Ritzen oder flitzten die Wände hoch, um dort ein Versteck zu erreichen. Eine elende Plage war das! Jedesmal mußte er peinlichst genau in den Vorräten nachsehen, ob sich da nicht eins dieser Biester verborgen hielt und später in das zubereitete Essen wanderte. Es war wirklich nicht seine Schuld, wenn das einmal geschah, denn der Kutscher war ein sehr auf Reinlichkeit bedachter Mann. Gegen die irische Kakerlakeninvasion war jedoch auch er machtlos.
So passierte schließlich das, was die Gemüter an Bord erhitzte und den Profos Edwin Carberry zur Raserei trieb, denn in der dick aufgekochten Suppe platschte es leicht. Dieses Platschen konnte natürlich von den aufplatzenden Kochblasen stammen, die in dem Kessel gluckerten. Aber trotzdem sah der Kutscher vorsichtshalber noch einmal nach, und er fischte auch mit der großen Kelle im Kessel erfolglos herum. Anschließend deckte er den Topf zu und ließ die Suppe weiterkochen.
Durch das angelehnte Schott drangen die Geräusche der Männer, die sich auf der kleinen Kuhl der Galeone aufhielten.
Natürlich sprachen sie von Ramsgate und zermarterten sich das Gehirn, was ihm wohl zugestoßen sein mochte.
Auch den Kutscher beschäftigte diese merkwürdige Geschichte besonders intensiv. Ramsgate war bei den Arwenacks ein beliebter und geschätzter Mann, und so dachten sie in erster Linie an ihn und dann erst an ihre neue „Isabella“.
Solange Ramsgate nicht da war, lief nichts. Die Pläne für den Neubau waren ebenfalls verschwunden, und der Schiffszimmermann Ferris Tukker konnte sie verständlicherweise nicht auswendig im Schädel haben, mochte er auch noch so ein erstklassiger Mann sein.
Etwas später schleppte der Kutscher den Kessel an Deck und verteilte das Eßgeschirr. Es gab dicke Linsensuppe mit Schinkenstücken darin.
Jeder packte sich die Kumme randvoll und gab – je nach Geschmack – mehr oder weniger Essig dazu.
Die meisten hatten nach einer Kumme genug, nur Paddy Rogers und der Profos nicht. Paddy war ohnehin leicht verfressen, der Profos nicht minder.
Bei der zweiten Kumme passierte das Mißgeschick, und es passierte ausgerechnet dem Profos. Rogers hätte es vielleicht gar nicht einmal gemerkt, denn der stopfte mit halbgeschlossenen Augen die Linsen pausenlos in sich hinein.
Carberry dagegen aß mit sichtlichem Wohlbehagen, den Blick immer auf die Kumme gerichtet.
Er fischte den faustgroßen Brokken Schinken heraus und wollte hineinbeißen, als sein Blick plötzlich starr wurde. Sekundenlang sah es aus, als leide er unter heftigen Zahnschmerzen.
Auf dem Schinkenstück hockte eine Kakerlake, kein Zweifel. Ein wenig zermatscht und unkenntlich schon, aber mit Sicherheit eins dieser triefäugigen, boshaft blickenden Biester, vor denen sich alle so ekelten, ganz besonders aber der Profos.
Das Ding ähnelte jetzt allerdings auch einer großen zerdrückten Spinne mit ganz kurzen Beinen.
Den Profos würgte es. Sein Gesicht lief grünlich an, und aus seinem Brustkasten drang ein Gluckern, das sich so anhörte, als wollten die Linsen mit aller Gewalt wieder nach oben.
Der Kutscher sah es und wurde bleich. Diese Peinlichkeit ließ ihm fast das Herz in die Hosen rutschen, und als er dann Carberrys Gesicht sah, da wußte er, wo die Glocken hingen. Verdammt, er konnte nichts dafür, aber wie sollte er das dem aufgebraßten Profos beibringen! Dessen Ekel hatte jetzt den obersten Grenzwert erreicht, und seinem Gesicht sah der Kutscher unzweifelhaft an, daß es jetzt – bei aller Freundschaft – eine Tracht Prügel setzen würde, denn in dieser Beziehung war mit dem Profos absolut nicht zu spaßen.
Was tun?
Der Kutscher verzweifelte fast vor diesem Blick, obwohl Ed noch kein einziges Wort gesagt hatte. Ja, er begann sogar leicht zu zittern, denn jetzt schien die Welt unterzugehen.
Wenn der Profos diesen wilden Blick drauf hatte, dann versteckte sogar des Satans Großmutter ihr haariges Gesicht vor Scheu und Angst in der Schürze.
„Du Mistbock, du verdammter!“ brüllte Ed den Kutscher an, und dabei rollte er sogar mit den Augen vor Wut. „Zum Teufel, du wagst es, mir eine Kakerlake ins Essen zu panschen, du Kombüsenwanze!“
Er hob das matschige Ding mit spitzen Fingern hoch und schleuderte es nach dem Kutscher, der immer bleicher wurde.
Die anderen lauschten entsetzt dem wilden Zornausbruch Carberrys, der immer wilder wurde. Sie verstanden ihn ja nur zu gut, aber sie verstanden auch den Kutscher, denn dem war kein Fehler unterlaufen, den hatte einfach das Mißgeschick heimtückisch überrollt, und dafür konnte er nichts.
„Das ist …“, setzte der Kutscher an.
„Halt dein Maul!“ schrie Ed. „Was das ist, sehe ich selber! Und das ist, verdammt und kalfatert, eine matschige Kakerlake. Du hast am Herd gepennt, statt aufzupassen, du mickriger Seewurm. Aber diesmal frißt du das Ding, verlaß dich drauf!“
„Ich habe …“, rief der Kutscher verzweifelt, der jetzt sah, daß es verdammt ernst wurde. Ed ließ ihn gar nicht erst aussprechen.
Erst hatte er die Kakerlake als Wurfgeschoß verwendet, jetzt folgte der Schinken, auf dem das Ding gesessen hatte, und als der ebenfalls sein Ziel verfehlte, stürzte der Profos wutentbrannt auf den Kutscher zu, um ihn am Schlafittchen zu packen.
Er war so erbost, wie ihn die Arwenacks seit langem nicht mehr erlebt hatten, und er ließ auch nicht mit sich reden.
Mit einem blitzschnellen Griff hatte er den Kutscher am Hals.
„Das passiert nicht noch einmal!“ röhrte er. „Das wird dir eine verdammte Lehre sein. Deck gefälligst deinen lausigen Topf beim Kochen zu, du Stint. Diese Kakerlake …“
Der Kutscher glaubte schon die mächtige Faust zu spüren, die ihn erbarmungslos durch die Planken bis ins Kielschwein donnern würde, da kam ihm die heldenhafte rettende Idee, geboren in einem Anflug verzweifelter Angst. Er wuchs über sich selbst hinaus, und bevor Ed zuschlagen und seine Wut ablassen konnte, begann der Kutscher schallend zu lachen.
Das wiederum verblüffte Ed dermaßen, daß er die Faust sinken ließ.
„Du lachst noch, du geteerte Kanalratte?“ fragte er ungläubig. „Du hast mir eine Kakerlake …“
„Eine Kakerlake?“ wiederholte der Kutscher eiskalt und völlig ruhig. „Daß ich nicht lache, Mister Carberry. Du solltest deine Augen lieber ein wenig genauer aufsperren.“
Seine Stimme hatte einen überlegenen Tonfall angenommen, als wüßte er es wieder einmal besser.
„Verflucht, das ist eine Kakerlake!“ schrie Ed. „Eine verdammte tiefäugige irische Kakerlake.“
„Was du da eben so verachtungsvoll von dir geschleudert hast“, sagte der Kutscher hoheitsvoll und überlegen, „das sah zwar so ähnlich aus, Mister Carberry. Es beweist mir lediglich, daß du wieder einmal keine Ahnung hast und auch auf der ‚Mercure‘ nicht ein einziges Mal in die Kombüse geblickt hast, sonst würdest du es nämlich wissen.“
„Was würde ich wissen?“ fauchte Ed. „Rede dich nur nicht heraus!“
„Dieses zerquetschte Etwas“, sagte der Kutscher ruhig, „hat nichts, aber absolut nichts mit einer Kakerlake zu tun. Ich muß doch sehr bitten, Mister Carberry, mir nicht solche Dinge zu unterstellen. Das war nämlich eine orientalische Gewürzspinne.“
„Eine – waaas?“ fragte Ed.
„Eine orientalische Gewürzspinne“, wiederholte der Kutscher geduldig. „Lateinisch Spinnus orientalis gewürzikus“, log er eiskalt. Und diese Sprache der Gelehrten, die natürlich vorn und hinten nicht stimmte, ließ den Profos etwas neugierig blicken, und die bedrohliche Faust verschwand. Sie schlug den Kutscher jedenfalls nicht in Grund und Boden.
Ed sah nicht das hinterhältige Grinsen in den Gesichtern der anderen, denen des Kutschers Verteidigungsrede jetzt diabolischen Spaß bereitete. Der nahm den Profos wieder mal auf seine eigene Art gehörig auseinander. Aber sie alle hatten Verständnis dafür, und so grinsten sie mehr oder minder verstohlen.
Selbst der Seewolf konnte nicht ernst bleiben. Der Kutscher ist schon ein geriebenes Schlitzohr, dachte er.
Doch Carberrys Mißtrauen war noch lange nicht aus der Welt, und auch seine Wut war noch nicht verraucht. Jetzt wollte er es genau wissen, und jeder war gespannt, wie sich der Kutscher aus der Affäre ziehen würde.
„Was heißt hier Spinnus Dingsbums?“ forschte er. „Und wozu soll das überhaupt gut sein? Diesmal entwischst du mir nicht so leicht, Kutscher.“
„Damit werden im Orient die Speisen gewürzt, Ed. Bei Linsen werden orientalische Gewürzspinnen immer verwendet – wie heute. Sie geben der Suppe den würzigen und prächtigen Geschmack. Die Tiere sind natürlich tot, wenn man sie dem Essen beigibt, aber sie sind ganz harmlos. Sie ersetzen Pfeffer, Salz, Knoblauch und Paprika.“
„Sie sehen aber verdammt wie Kakerlaken aus“, beharrte Ed.
„Richtig, Ed“, pflichtete der Kutscher höflich bei, „sie sehen so ähnlich aus, aber man verwendet sie in der ganzen Welt.“
„Eine Sauerei ist das, Spinnen in die Suppe zu tun“, motzte der Profos. „Richtig eklig, verflucht noch mal. Aber ich glaube dir nicht“, sagte er lauernd. „Vielleicht willst du dich bloß herausreden.“
„Keine Spur.“ Der Kutscher blieb kühl bis in die Knochen. Auch sein Zittern hörte langsam auf.
„Ich habe noch mehr von den Gewürzspinnen. Ich habe sie mitgenommen und im Gürtel versteckt.“
Das Gesicht des Profos’ verzog sich angewidert.
„Eine Sauerei ist das trotzdem, das mit den Spinnen. Und, verdammt noch mal, ich glaube dir immer noch nicht. Zeig mir die Dinger, aber dalli!“
„Wie du wünschst, Mister Carberry. Du beleidigst mich zwar ständig, aber das bin ich ja bei dir gewohnt. Warte hier, ich hole sie.“
Weg war er, der Kutscher, und verschwand in der Kombüse, während die anderen mit todernsten Gesichtern herumhockten.
Jetzt geriet der Kutscher allerdings ein wenig in Verlegenheit. Bisher hatte er sich ja ganz gut durchgemogelt, doch er hatte wiederum eine rettende Idee.
Blitzschnell sah er sich um, ob der Profos gefolgt war. Aber der stand an Deck und motzte über die angeblichen Gewürzspinnen.
In eine kleine Kruke füllte er etwas Rum und Essig, stellte sie vorsichtig auf die Back und näherte sich dann dem Mehlsack. Mit einem Ruck lüftete er ihn an und stellte ihn schnell zur Seite.
Acht oder zehn „irische Triefaugen“ wollten davonflitzen, doch der Kutscher war schneller, und diesmal war er den verhaßten Kakerlaken sogar ein wenig dankbar. Er griff zu, sammelte eine halbe Handvoll und packte sie in die Kruke.
In der scharfen Brühe soffen die Kakerlaken blitzschnell ab, krümmten sich zusammen und zogen die Beine an den Leib. Auch ihre mißgebildeten, stummelähnlichen Flügel legten sie an den Körper, und so hatten sie nicht mehr viel Ähnlichkeit mit rennenden Schaben.
Der Kutscher schüttelte die Kruke heftig und ging dann auf die Kuhl zurück, wo ihm alle erwartungsvoll entgegenblickten.
„Damit du nicht glaubst, du mußt hier ständig Kakerlaken essen“, sagte er pikiert. „Hier sind die Dinger.“
Er drehte die Kruke um, der durch das Essig-Rum-Gemisch ein lieblicher Duft entströmte, und hielt zwei der zusammengekrümmten und fast unkenntlichen Biester in der Handfläche.
Der Profos beugte sich vor und starrte sie an. Nein, Kakerlaken waren das ganz gewiß nicht, entschied er, denn die sahen ganz anders aus. Dann stieg ihm der Geruch verführerisch in die Nase.
„Riecht nicht schlecht“, gab er widerwillig zu. „Trotzdem sieht das Zeug widerlich aus.“
„Das will ich nicht abstreiten, Mister Carberry. Gar manches sieht widerlich aus, was man ißt. Krebse oder Langusten auch, und trotzdem munden sie vorzüglich. Diese orientalischen Gewürzspinnen werden getrocknet, damit sie ihr Aroma behalten, und später in Wasser gelegt. Dann geben sie das Aroma wieder ab, und hier ist der Erfolg. Du willst mir ja wohl nun nicht auch noch abstreiten, daß ich ein ganz klein wenig von der allgemeinen Kochkunst verstehe.“
„Nein, das nicht“, sagte der Profos etwas hilflos. Wieder starrte er die gekrümmten Dinger an und schnupperte.
„Riechen bißchen nach Rum und Wein“, meinte er lahm.
„Stimmt. Ich sehe, du beginnst etwas davon zu verstehen. Nun lag ausgerechnet diese Gewürzspinne auf deinem Schinken, was für dich ein Anlaß war, mich körperlich zu bedrohen, ganz abgesehen von den Beleidigungen, die ich ja noch hinnehmen will. Na ja“, sagte der Kutscher entsagungsvoll, „lassen wir das, seien wir generös. Deinem Gesicht sehe ich jedenfalls an, daß du das Zeug in Zukunft auch nicht magst. Oder hast du deine Meinung geändert?“
„Die – die sehen so eklig aus im Essen“, meinte Ed kleinlaut. „Und ausgerechnet ich erwische die Dinger immer.“
Er schnupperte wieder, denn der Geruch der „orientalischen Gewürzspinne“ war tatsächlich nicht übel, und er hätte nie geglaubt, daß solche erbärmlichen Mistviecher ein solches Aroma von sich geben konnten. Aber sie sahen matschig aus, und es ekelte ihn davor. Gewürzspinne hin, Gewürzspinne her, er konnte sich damit nicht anfreunden.
„Bitte“, sagte der Kutscher mit einer großzügigen Handbewegung, „du bist der Profos und für das Deck zuständig sowie für die Ordnung. Ich glaube, ich gehe nicht fehl in der Annahme, daß du auch künftig auf Spinnus orientalis gewürzikus verzichten willst. Und nichts liegt mir näher am Herzen als dein leibliches Wohl, Mister Carberry.“
Bei diesen Worten drehte er lächelnd die Kruke um, die er über die Bordwand hielt, und ließ den Inhalt herausgluckern. Acht oder neun echte irische Kakerlaken, getarnt als orientalische Gewürzspinnen, platschten in den Hafen von Plymouth und sanken auf den Grund.
Damit war der Kutscher aus dem Schneider, und Carberry sah ziemlich betreten drein. In den Gesichtern seiner Kameraden las er nicht gerade Begeisterung. Verdammt, er hatte sich um diese Art von Gewürzen noch nie gekümmert. Vielleicht nahmen die anderen ihm jetzt krumm, daß sie keine mehr hatten.
Sie nahmen es ihm krumm. Am selben Tag noch, gegen Abend, denn der Kutscher wollte jetzt vor Ed nicht sein Gesicht verlieren.
Es gab Kohl mit Fleisch, aber dieser Kohl schmeckte fade, da fehlten die Gewürze, dachte Ed. Er sah auch, daß die anderen mit geradezu verbissenen Gesichtern kräftig nachsalzten oder Pfeffer an den Kohl gaben. Aber er traute sich nicht so recht, ebenfalls nachzuwürzen.
„Schmeckt es dir nicht?“ fragte der Kutscher besorgt. „Du kaust ja mit richtig langen Zähnen. Man sagt immer: ‚Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Korn bitter.‘ Bist du schon satt?“
„Äh – nein, aber ein wenig lau schmeckt es. Da fehlen Gewürze.“
Eds Stimme klang fast kläglich und entschuldigend.
„Tjaa, Gewürze“, murmelte der Kutscher. „Werden wir wohl besorgen müssen, obwohl das hier schwerfällt. Deshalb nahm ich ja auch die Gewürzspinnen mit. Schade drum, aber nicht zu ändern. Aber du wirst dich schon daran gewöhnen, mein Lieber. Ich will nicht als der Mann gelten, der anderen Kakerlaken ins Essen schmuggelt, denn die Dinger sahen wirklich so aus, da muß ich dir recht geben.“
Der Profos räusperte sich verlegen und mampfte weiter.
„Eigentlich bist du ein feiner Kerl, Kutscher“, sagte er dann, was man wohl als so eine Art Entschuldigung auffassen konnte.
Der Kutscher seufzte tief.
„Eigentlich“, sagte er, „bin ich manchmal ein richtiger Sauhund. Aber ich muß das mit Köpfchen wieder ausgleichen, was die anderen mit roher Kraft tun, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Ja, ich verstehe“, sagte Ed spontan, obwohl er gar nichts verstand, denn er wußte nicht genau, was der Kutscher überhaupt meinte.
„Äh – entschuldige, wenn ich dich vorhin so angebrüllt habe, Kutscher.“ „Mistbock hast du mich genannt“, sagte der Kutscher schwer. „Entschuldige, alter Junge.“
„Und Kombüsenwanze.“
„War nicht so gemeint, Kutscher.“
„Und mickriger Seewurm.“
„Das sind so meine Ausdrücke“, murmelte Ed.
„Und geteerte Kanalratte.“
„Geteerte Kanalratten gibt’s gar nicht“, sagte Ed. „Das brauchst du nicht auf dich zu beziehen.“
„Jedenfalls war ich ziemlich traurig, als ich das hörte. Dabei habe ich es doch nur gut gemeint“, sagte der Kutscher leicht schluchzend.
Das wiederum rührte den Profos, und sein weiches Herz kam zum Vorschein. Er legte dem Kutscher den Arm um die Schultern und nickte ihm beruhigend zu.
„Nun kotz mal hier keine Knochen“, sagte er burschikos. „Ein Kerl wie du, der nimmt doch mir nichts übel.“
„Dann nimmst du mir auch nichts übel?“
„Kein bißchen“, versicherte Ed. „Und von nun an hast du jede Woche eine Kakerlake bei mir gut. Sollte dir also mal eine ins Essen fallen, dann werde ich nicht einmal husten. Und wirklich, Kutscher: Es ist schade, daß wir diese ägyptischen Gewürzkaker …, äh, -spinnen über Bord gekippt haben.“
Der Kutscher zwinkerte dem Profos zu.
„Ich habe noch ein paar“, sagte er vertraulich. „In der Kombüse sieht noch eine andere Kruke.“
„Dann ist ja alles in Ordnung, du verdammtes Schlitzohr.“
Das mit dem Schlitzohr hörte der Kutscher gern, es ging ihm runter wie Honig mit Milch. Aber ein schlechtes Gewissen hatte er doch, wenn auch nur ein ganz klein wenig.
Aber hätte er sich wegen dieser lausigen, tiefäugigen irischen Kakerlake vom Profos verprügeln lassen sollen? No, Sir! Da mußte man schon ein wenig mit kühler Intelligenz nachhelfen, damit man nicht zu Schaden kam.
Der Profos fragte sich nur beklommen, warum die Kerle alle so merkwürdig starre Gesichter hatten. Bestimmt hatten sie die orientalische Gewürzspinne im Essen vermißt.
Ja, so war das wohl. Zum Glück satte der Kutscher ja noch welche.
Auf dem staubigen Absackboden der alten Mühle, weit draußen vor der Stadt herrschte stickige, dumpfe Hitze. Die Sonne heizte die alte Mühle wie einen Backofen auf.
Hesekiel Ramsgate lag auf dem Absackboden, in Schweiß gebadet, nach Luft schnappend.
Der alte Schiffbaumeister war zäh, hart und ausgemergelt, und in seinen langen Jahren hatte er so manches erdulden müssen. Aber das hier schaffte ihn fast. Die staubige Hitze, der Durst, der Hunger und dann die vielen Schläge und Tritte der üblen Kerle, die es darauf anlegten, die Pläne der neuen „Isabella“ in ihren Besitz zu bringen.
Die Mühle war nicht mehr in Betrieb, schon lange nicht mehr. Innen hatten sich Schaben und Mäuse eingenistet und fraßen die letzten Reste Kleie aus den Ritzen. In einer der Schütten raschelte es wieder, obwohl da kaum noch etwas zu holen war.
Ramsgate war an einen Eichenbalken gekettet und konnte sich nur ein wenig bewegen.
Immer wieder sah er sich in seinem Gefängnis um, obwohl er es nun schon zur Genüge kannte. Er war noch nie hier gewesen, auch dann nicht, als die Mühle noch in Betrieb war. Weil ihn die Langeweile plagte, sah er sich jedoch immer wieder um. Staub, Spreu und verpappte Kleie bedeckten den Absackboden bis zur Schroterei. Die geriffelten Schrotwalzen waren verkleistert. Der Sichter war zusammengebrochen oder zerstört worden, und auch der Teil, wo der Grieß einstmals durch die Glattwalzen gelaufen war, war nur noch Schrott.
Sein Blick wanderte weiter über den Absackboden zur Sichterei und Putzerei mit dem Separator, wo Dreck und Spreu entfernt worden waren, wenn das Getreide hier eintraf. Nein, nirgendwo lag etwas herum, womit er sich aus seiner üblen Lage befreien konnte. Schon gar nicht in seiner Nähe.
Er lehnte sich wieder zurück und schloß die Augen. Durch das Binsendach fiel Sonnenlicht herein. Mäuse raschelten, und ein leichter Wind ließ die alte Mühle leise ächzen und stöhnen, als besänne sie sich auf alte, bessere Zeiten, wo sich das Mühlrad noch im Wind gedreht und die schweren Mahlsteine in Bewegung gesetzt hatte. Mitunter knarrte auch das alte Holz, dann hörten die Mäuse auf zu rascheln, und minutenlang kehrte absolute Stille ein.
Nach einer endlos langen Zeit hörte er ferne Stimmen und schrak hoch.
Die Halunken kehrten wieder zurück, um ihn zu piesacken, um ihn auszuhorchen, denn bisher hatte er sein Geheimnis noch nicht preisgegeben. Er schätzte den Seewolf und seine Männer und wollte nicht, daß ihnen Schaden entstand. Es war schon bedauerlich genug, daß die Arbeiten an dem neuen Schiff nicht vorangingen.
Er versuchte, auch die Stimmen zu unterscheiden, doch er vernahm nichts weiter als ein undeutliches Murmeln und Raunen, das aus allen Ecken zu ertönen schien.
Draußen unterhielten sich tatsächlich zwei Männer. Sie hatten sich lange und ausgiebig umgesehen, ob ihnen auch niemand gefolgt war.
Der eine der beiden Kerle war Samuel Taylor Burton, ein Todfeind des Seewolfs, der vor zwölf Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte. Burton war ehemals Friedensrichter von Plymouth gewesen, bis Hasard seine Machenschaften aufgedeckt hatte. Er hatte sich an dem Kronschatz bereichern wollen, an der unermeßlichen Beute der Seewölfe, und war gescheitert. Lange Jahre siechte er dahin, doch er genas wieder, ging nach Plymouth zurück und nahm ein undurchsichtiges Leben auf. Man sagte ihm nach, daß er die Hände in allerlei dunklen Geschäften habe und auf irgendwelchen miesen Wegen Rüstungsgüter und Ausrüstungen der britischen Flotte verschiebe. Wie, das war ihm nicht nachzuweisen, Burton hing jedenfalls in dem Geschäft mit drin.
Der andere war der ehemalige Tower-Hauptmann Mark Bromley, der damals ebenfalls klebrige Finger gehabt hatte. Er wurde erwischt und zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt. Bis auf den letzten Tag hatte er sie absitzen müssen.
Seitdem hatte der ehrenwerte Exhauptmann einen leichten Knacks weg, denn die zehn Jahre Tower hatten sein Leben geprägt. Er sah ständig Gespenster, hörte Ratten in seiner Nähe umherhuschen und litt ewig unter Hunger, selbst wenn er übersättigt war. Das war auch so eine Marotte von ihm, sich ständig vollzufressen, bis nichts mehr in ihn hineinging. Doch selbst dann noch plagte ihn die Vorstellung eines leeren Magens. Er nahm auch nicht zu, er blieb so dürr und mager wie eh und je.
Mark Bromley hatte auch noch einen anderen Fimmel, ebenfalls eine Auswirkung von damals. In seinem Haus in Falmouth hortete er Lebensmittel, und zwar in solchen Mengen, daß er damit eine ganze Kriegsgaleone hätte ausrüsten können. Vieles von dem gehorteten Proviant war verschimmelt und stank entsetzlich, doch das störte Bromley nicht. Die Hauptsache, das Zeug war da und er brauchte nie mehr Hunger zu leiden, denn das war eine seiner übelsten Erfahrungen im Tower gewesen.
Seit er vor zwei Jahren entlassen worden war, hegte er nur noch fiebrige und wirre Rachegedanken gegen die Seewölfe. Jahrelang hatte er sich ausgemalt, was er alles mit jedem einzelnen tun würde, sollte er ihnen jemals wieder begegnen. Bromley war also ein Wirrkopf, vom Haß zerfressen, von unglaublichen Vorstellungen geplagt und gepeinigt und von Gespenstern erschreckt, die ständig hämisch kichernd um ihn herum waren. Er hatte unsägliche Angst vor totaler Finsternis, und er scheute andererseits aber auch das grelle Sonnenlicht, das er so lange vermißt hatte.
Die beiden Halunken hatten sich gesucht und gefunden, obwohl sie sich nicht richtig ergänzten, und Burton mußte den Übereifer und die Phantasie des ehemaligen Hauptmanns manchmal gewaltsam zügeln, denn der rückte mit den unglaublichsten Vorschlägen heraus.
Burton hatte ihn auch vor einer sehr „grandiosen“ Idee bewahrt. Bromley hatte vor, das Schiff der Seewölfe nachts anzubohren, alle Ausgänge schnell mit Brettern zu vernageln, damit keiner mehr herauskonnte, und dann zuzusehen, wie sie absoffen. Das war nur einer seiner merkwürdigen Einfälle. Ein anderer war der, in Plymsons Kneipe Löcher in die Wände bohren zu lassen, Musketen hindurchzustecken und die Seewölfe durch eine Handvoll ausgebildeter, guter Schützen abzuknallen. Samuel Taylor Burton hatte ziemlich lange gebraucht, um ihm diesen Unsinn auszureden.
Auch die Idee mit den tausend halbverhungerten Ratten, die er auf das Schiff schmuggeln wollte, hatte er abgelehnt.
„Wenn er heute nicht redet“, sagte Bromley eifrig, „dann erkläre ich ihm, wir hätten seine Frau geschnappt und würden sie umbringen.“
„Er hat doch gar keine Frau, Mark.“
„Ach ja, richtig. Er hatte aber mal eine.“
„Das nützt uns doch jetzt nichts mehr, sie ist längst tot“, sagte Burton geduldig und kratzte seinen grauen Bart.
„Ich weiß gar nicht, warum du auf die Pläne so versessen bist, Sam. Wir könnten ganz anders vorgehen, das dauert alles viel zu lange.“
„Es geht nicht nur um die Pläne, Mark, das habe ich schon hundertmal gesagt. Es geht auch um die Beute, die die Kerle mitgebracht haben. Sie besitzen Gold, Silber und Edelsteine, das ist sicher, sonst wären sie gar nicht in der Lage, ein solch großes Schiff zu finanzieren. Also sind sie reich. Und ich will nicht nur meine Rache, ich möchte mir für meine restlichen Tage in diesem Jammertal etwas zurücklegen, um nicht zu hungern. Du willst doch auch nicht hungern, oder? Mit dem Gold hättest du für alle Zeiten ausgesorgt.“
Damit hatte er Bromleys empfindlichsten Punkt getroffen.
„Hungern?“ sagte der entsetzt und mit flackerndem Blick. „Nein, ich will nie mehr hungern. Zwanzig Jahre habe ich gehungert.“
„Zehn waren es genau.“
„Mir kam es länger vor. Nein, du hast ganz recht, Sam. Ich habe mir soeben überlegt, daß ich mir mit dem Geld einen riesigen Bunker bauen könnte, in dem ich Lebensmittel einlagere, so viel, daß es bis an mein Lebensende reicht.“
Burton kannte diesen Spleen und konnte ihn Bromley nicht einmal verübeln. In gewisser Weise verstand er das.
„Die Pläne sind ebenso wertvoll“, erklärte er dem spinnerten Exhauptmann geduldig. „Einen Gegner, den man genau kennt, besiegt man besser als einen anderen. So ist es auch mit dem neuen Schiff, wenn es ihnen gelingt, es zu bauen. Dieses Schiff wird viele unbekannte Verstecke haben, aber sicher auch einige schwache Stellen, und es wird nach seiner Rückkehr wieder mit Gold und Edelsteinen beladen sein. Kennt man aber alle geheimen Gänge, Kammern oder Fallen, so kann man eine andere wohlüberlegte Strategie entwikkeln. Das ist so wie bei dem Einäugigen, der unter den Blinden König ist. Auf einem Schiff aber, das wir nur von außen sehen, können wir nichts ausrichten. Schon gar nicht bei dieser Mannschaft von lebenden Feuerteufeln.“
„Ja, Feuerteufel, das sind sie“, sagte Bromley voller Haß. „Denen habe ich das alles zu verdanken. Den Hunger, die Krankheiten, die Ratten, das schlechte Wasser. Sie sind an allem schuld.“
Auch das war Bromleys Philosophie. Natürlich waren die anderen schuld. Hätten sie ihn mit der Beute ziehen lassen, wäre seiner Meinung nach alles in Ordnung gewesen. Weshalb waren sie auch so knickrig, sie hatten ja genug von dem Zeug. Also trugen sie die Schuld an seinem Unglück.
„Gehen wir“, sagte Burton jetzt ungeduldig.
Diesen letzten Satz hörte auch Ramsgate, und die Angst stieg wieder in ihm hoch. Dann befanden sich die beiden Kerle vor ihm und glichen Riesen, die auf ihn niederschauten.
„Hoffentlich hast du heute deine Sprache wiedergefunden, Alter“, sagte Burton anstelle einer Begrüßung. Er ging in die Hocke und sah Ramsgate in die Augen. Bromley stand mit verkniffenem Gesicht daneben und wartete ungeduldig.
„Durst“, sagte der alte Schiffbauer mit schwacher Stimme, und diesmal brauchte er sich wirklich nicht zu verstellen, denn er hatte Durst.
„Durst“, wiederholte Burton höhnisch. „Du wirst noch viel mehr Durst haben, viel mehr. Der Durst wird dich auffressen und in deinen Eingeweiden wühlen. Aber ich kann dir frisches Wasser bringen, kühles, gutes Brunnenwasser. Du brauchst nur das zu erzählen, was wir gern wissen möchten. Willst du klares, kaltes Wasser?“
Ramsgate wußte, daß er wirklich nur dann etwas zu trinken erhielt, wenn er den Kerlen alles verriet. Er fragte sich nur, was dann anschließend wohl mit ihm geschehen würde.
Vor seinem geistigen Auge tauchte die sehnige Gestalt des Seewolfs auf, der Mann mit den langen schwarzen Haaren, der Narbe über der Stirn, den weißen Zähnen, dem verwegenen Lächeln. Ein Mann, der weiträumig dachte, grundanständig und ehrlich war, nicht wie diese abgetakelten Halunken, gar kein Vergleich. Den sollte er wegen einer Muck voll Brunnenwasser verraten?
Er lächelte abwesend, schloß die Augen und lehnte sich an den Eichenbalken zurück.
„Wo bin ich eigentlich?“ fragte er heiser. „Seid ihr die Teufel aus der Hölle? Und wer ist die alte Frau dort?“ Er kicherte laut und öffnete die Augen. „Satans Großmutter!“ schrie er, so daß Bromley entsetzt zurückzuckte.
„Der ist ja verrückt“, sagte Bromley gepreßt. „Der hat wirklich nicht mehr alle da oben drin.“
„Oder er tut nur so“, meinte Burton und gab dem Alten einen Tritt.
Ramsgate ließ auch das über sich ergehen. Er hatte schon so viele Tritte erhalten, daß er sie nicht mehr zählen konnte.
„Die Teufel aus der Hölle piesakken mich!“ rief er laut mit schriller Stimme und begann hämisch zu lachen.
Diesmal zuckte auch Burton zurück und betrachtete Ramsgate voller Entsetzen. Vielleicht hat sich doch der Geist des Alten verwirrt, dachte er. Ein Schlag zuviel nur, das brachte mitunter einiges im Oberstübchen durcheinander.
„Hör zu, Alter!“ brüllte er den Gefangenen an. „Überlege dir das alles lieber genau. Du kannst hier krepieren, und du bleibst so lange in dieser – äh – Ecke, bis dich die Ratten fressen. Und nachher schicke ich deinen rothaarigen Freund, der wird dich ein bißchen mit einer glühenden Zange zwicken, bis dein Geist wieder klar wird.“
„Lieber Gott, steh mir bei!“ kreischte Ramsgate. „Ich habe viel gesündigt in meinem Leben, aber nimm diese Teufel weg. Und fort mit dem alten, fürchterlichen Weib da!“
Sein Gekreische fuhr Mark Bromley so in die Knochen, daß er sich zitternd an einen Balken lehnte und Ramsgate aus weit aufgerissenen Augen voller Entsetzen anstarrte.
Vor Leuten, deren Geist umnebelt war, fürchtete er sich auch, denn alle, die nicht ganz richtig im Kopf waren, standen auf geheimnisvolle Weise mit dem Satan im Bunde. So jedenfalls hatte er es damals im Kerker immer gehört. Diese Leute verstanden es auch, sich mitunter in Luft aufzulösen oder durch die Luft zu fliegen.
Burton war zwar auch durch das Geschrei etwas beeindruckt, aber er behielt wenigstens die Übersicht.
„Kreisch nur, du alter Kerl“, drohte er, „das wird dir bald vergehen. Spätestens morgen wirst du winseln und dir wünschen, nie geboren zu sein.“
Dann wandte er sich verärgert an Bromley.
„Aus dem kriegen wir heute nichts mehr heraus. Das soll John übernehmen. Gehen wir.“
„Er – er hat den bösen Blick“, stammelte Bromley. „Vielleicht verhext uns der Kerl.“
„Quatsch!“ sagte Burton grob, aber so ganz sicher war er sich seiner Sache auch nicht. Er warf einen Blick auf Ramsgate und schluckte. Zum Fürchten sieht der Kerl wirklich aus, dachte er. Unrasiert, schmal, mit verkniffenem Gesicht und keifender Stimme saß der Mann vor dem Balken und rollte mit den Augen. Dazwischen lachte er schrill, daß es Burton kalt über den Rücken rann.
„Wo sind die Pläne?“ brüllte er noch einmal wütend. „Und wo hat der Hundesohn von einem Killigrew das Gold versteckt?“
Hesekiel Ramsgate begann nun schrecklich zu lachen. Er klirrte mit seinen Fesseln und rollte mit den Augen.
„Hölle, Teufel!“ kreischte er. „Der Satan ist los. Er holt uns jetzt mit Feuer und Schwefel!“
„Der ist tatsächlich verrückt“, murmelte Burton betroffen und tastete sich, langsam rückwärts gehend, an den Balken vorbei, bis er die große Tür erreichte. Bromley schlich neben ihm her, den Blick starr und voller Furcht auf Ramsgate gerichtet.
Als sie draußen waren, begann Bromley zu rennen, denn aus der Mühle drang immer noch das keifende Gelächter des Mannes, von dem sie annahmen, sein Geist sei umnachtet.
Ramsgate aber lehnte sich erschöpft und keuchend zurück, als die beiden Halunken verschwunden waren. Er litt entsetzlich unter dem Durst, und das Spektakel hatte ihn ebenfalls angestrengt. Aber es hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner Stirn. Er überlegte immer, noch angestrengt, ob er die beiden nicht schon einmal gesehen hatte. Der Kerl mit dem grauen Bart war ihm irgendwie bekannt, aber er konnte ihn nicht einordnen. Den anderen kannte er nicht, außer von den gestrigen Besuchen, aber er entsann sich nicht, ihm vorher schon mal begegnet zu sein. Sie faselten ständig von irgendwelchen Schätzen, von denen er selbst nichts wußte, und dann waren sie aus einem ihm ebenfalls unbekannten Grund hinter den Bauplänen des neuen Schiffes her.
Nein, dachte er, er würde das Geheimnis nicht preisgeben, und wenn sie ihn erschlugen. Er war ein alter Mann und hatte den größten Teil des Lebens hinter sich. Verriet er den Halunken die Pläne, dann mußten jüngere sterben, der Seewolf und einige seiner Männer vielleicht. Und an denen hing er wie ein Vater an seinen Söhnen.
Er versank wieder in Grübeleien. Dann, nach einer Ewigkeit, wie ihm schien, hörte er erneut Schritte. Einer seiner Bewacher war da, einer der Kerle, die aufpaßten, daß er nicht verlorenging.
Hesekiel Ramsgate spielte seine Rolle weiter als alter Mann, dem die Schläge auf den Kopf leicht geschadet hatten und dessen Geist ein wenig verwirrt war. Vor Verrückten hatten fast alle ein bißchen Angst, ganz besonders aber jene, die so abergläubisch waren.
Immer noch gab es trotz der hohen Belohnung keinen einzigen Hinweis auf Hesekiel Ramsgate. Beim dicken Plymson, dem Wirt der „Bloody Mary“, war ebenfalls noch kein Tip eingegangen.
In der Kneipe stand nur ein mürrischer Sargtischler, der zwar auf die Belohnung scharf war, aber leider auch nichts wußte oder gehört hatte.
Philip Hasard Killigrew und Dan O’Flynn verließen den Laden wieder. Auf ein Getränk hatten sie verzichtet.
„Jetzt weiß ich mir bald keinen Rat mehr“, sagte Hasard, als sie wieder draußen im Sonnenschein an der Ekke Millbay Road standen. „Fast glaube ich, man hat den armen alten Mann umgebracht.“
„Aber wer, zum Teufel, hat denn ein Interesse daran?“ fragte Dan.
Hasard zuckte mit den Achseln.
„Ich weiß es nicht, Dan. Es ist nur so ein Gedanke.“
„Ob das mit der Belohnung schon in ganz Plymouth durch ist?“ fragte Dan.
„Sicher, ganz bestimmt. Fünfzig Golddublonen sprechen sich herum. Da wird jeder Augen und Ohren offenhalten.“
„Trotzdem sollten wir uns noch ein wenig in weiteren Kneipen umhören“, meinte Dan. „Wir haben ja Zeit und können eine nach der anderen abklappern.“
„Kein schlechter Gedanke“, sagte der Seewolf. Er blieb noch einen Augenblick stehen, sah die Millbay Road entlang und blickte dann in die St. Mary Street. Ein kleines Lächeln erschien zuerst in seinen Augenfalten, dann setzte es sich fort und erreichte die schmalen Lippen.
Dan O’Flynn war dem Blick Hasards gefolgt, sah das leicht wehmütige Grinsen und grinste dann auch.
Beide blickten sich erst wortlos an, dann lachten sie.
„Junge, Junge“, sagte Dan fast andächtig. „Hier hat alles einmal angefangen, hier haben wir uns bei einer Mordsprügelei kennengelernt und sind bei Francis Drake auf der ‚Marygold‘ gelandet.“
„Fünfzehnhundertsechsundsiebzig war das“, sagte Hasard.
„Im Oktober“, setzte Dan gedankenverloren hinzu. „In einer kalten, rauhen Nacht. Da bin ich von zu Hause ausgekniffen, weil ich Sargtischler werden sollte. Und da oben hinein“, sagte er lachend, „hast du einen Mann in ein Schlafzimmer gefeuert. Du hieltest ihn bei den Stiefeln und hast ihn rumgeschlenkert. Und auf einmal war er weg und landete genau in jenem Zimmer dort.“
Ja, damals hatte es einigen Aufruhr gegeben. Der Kerl, der ihm aus den Stiefeln gerutscht war, landete bei einer Witwe im Schlafzimmer, und von dieser Nacht sprachen die Leute von Plymouth sogar noch heute und konnten sich eines leichten Schauers nicht erwehren.
Allerdings waren Hasard und Dan anschließend kämpfend untergegangen und auf der „Marygold“ gelandet, als Gepreßte! Ein Witz war das gewesen, denn dort wollten sie freiwillig hin.
Hasard nickte lächelnd.
„Eine lange Zeit ist das her“, sagte er. „Gut, sehen wir uns einmal in Plymouth um, vielleicht haben wir Glück.“
Hinter ihnen blieb der Hafen zurück. Die Masten der „Pride of Galway“ wurden kleiner, dann winzig, schließlich verschwanden sie in dem Gewirr der Häuser. Die beiden Männer gingen weiter.
Es war heller Vormittag, die Sonne schien, Pferdefuhrwerke begegneten ihnen auf dem Katzenkopfpflaster. Die Bauern waren längst auf den Feldern. Die Atmosphäre war friedlich und beschaulich.
Hinter dem Marktplatz kamen sie an dem dreibalkigen Galgen vorbei, den man schon vor über dreißig Jahren errichtet und hin und wieder auch benutzt hatte. Aber heute hing niemand daran.
In der ersten Schenke hielt sich niemand auf. Den Wirt fanden sie draußen auf dem Hof, wo er kraftvoll Holz hackte.
„Das mit den Golddublonen hab ich schon gehört“, sagte er auf Hasards Frage. „Ich weiß auch, wer Sie sind, Sir. In Plymouth erzählt man ja laufend von Ihnen. Aber wenn ich was wüßte, dann hätte ich mir schon die Hacken abgerannt, können Sie mir glauben, Sir.“
Die nächste Kneipe war ebenfalls nicht ergiebig. Alle beteuerten, daß sie von der Belohnung wußten und die Augen offenhalten würden, aber leider – leider.
Auch in einer Fuhrmannskneipe konnte man ihnen nicht helfen, obwohl die Augen vor Gier glänzten, wenn von der Belohnung gesprochen wurde.
Das nützte ihnen alles nichts, so gelangten sie nicht weiter. Es war zum Verzweifeln, und es schien, als sei Hesekiel Ramsgate spurlos im Erdboden versunken.
Eine Kneipe nach der anderen klapperten sie ab, bis es langsam Mittag und damit Essenszeit wurde. Aus den Küchen der Schenken roch es nach Kohl und Gemüse, hin und wieder auch nach Fisch, ganz selten jedoch nach gebratenem Fleisch.
„Damit hätten wir den größten Teil der Kneipen durch“, sagte Dan. „Ich kenne nur noch zwei oder drei. Vielleicht wäre es abends doch ergiebiger gewesen.“
Hasard gab keine Antwort. Er zeigte auf eine roh zusammengehauene Bank, die im Schatten unter zwei mächtig ausladenden Lindenbäumen stand. In dem Baum zwitscherten Vögel, eine Katze hockte schläfrig auf dem Boden und blinzelte.
Hinter ihnen befand sich der Schuldturm von Plymouth, das Gefängnis für Leute, die nicht in der Lage waren, ihre Schulden zu bezahlen. Konnten sie das nicht, dann wanderten sie in das Gefängnis. Dort konnten sie ihre Schulden erst recht nicht bezahlen, weil sie dazu keine Möglichkeit mehr hatten.
Der Schuldturm war ein verwittertes Backsteingebäude mit einem trockenen, staubigen Hof. Alles war durch Schmiedeeisen abgegittert, selbst über den Hof war ein Gitter gespannt.
Wer hier einmal drinsaß, dessen Schulden vermehrten sich laufend durch die anfallenden Zinsen, und es wurde immer unwahrscheinlicher, daß er jemals wieder in die Freiheit zurückkehrte. Hier war das Essen schlecht, im Winter wurde kaum geheizt, und viele Leute waren hier schon elend gestorben.
Aus den Augenwinkeln blickte Hasard einmal kurz in den kaum einzusehenden Hof. Ausgemergelte, apathische Gestalten in zerfetzter Kleidung hockten teilnahmslos auf dem staubigen Boden und dämmerten dem nächsten für sie genauso hoffnungslosen Tag entgegen.
Ein unangenehmes Gefühl überlief den Seewolf wie immer, wenn er Menschen sah, denen man die Freiheit genommen hatte. Leute, die keine Aussicht hatten, das geschuldete Geld abzuarbeiten. Viele von ihnen waren schuldlos in Not geraten, und jetzt hockten sie hier und warteten, warteten. Die meisten waren so abgestumpft, daß sie gar nicht mehr bemerkten, was um sie herum vorging. Sie hockten nur einfach auf dem Boden, warteten und starrten in den Staub und Schmutz.
„Ein Scheißleben ist das“, sagte Dan, dem Hasards schneller Blick nicht entgangen war. „Ein Nachbar von uns hat zwei Jahre lang im Schuldturm von Falmouth gesessen, wegen einer lausigen Handvoll Copper, die er nicht bezahlen konnte. Daheim hungerten seine Kinder, und im Laufe der zwei Jahre wurden aus der Handvoll Copper mehrere Goldstücke. Die konnte er erst recht nicht bezahlen, und so blieb er noch ein halbes Jahr drin. Dann starb er, und als seine Frau davon erfuhr, hängte sie sich auf dem Dachboden auf. Damit war dann allen gedient, die Schulden wurden nie bezahlt, und es gab zwei Tote.“
„So ist das Gesetz“, meinte Hasard. „Wir werden nichts daran ändern. Hier sitzen aber auch Säufer, Schnapphähne und solche, die sich das Geld auf recht üble Weise erschlichen haben.“
Zwei junge Sperlinge flatterten aus der einen Linde und hockten sich in den Staub, um darin zu baden. Die Katze richtete sich auf, schlich auf Samtpfoten näher und belauerte die jungen Spatzen.
Dan O’Flynn zog sie ein bißchen am Schwanz, und damit war die Idylle beendet. Die Katze fauchte, die Sperlinge zogen ab.
„Vielleicht war das ihr Mittagessen“, sagte Hasard lächelnd.
„Na, wenn schon! Die soll sich um Mäuse kümmern, von dem Viehzeug gibt es noch viel mehr.“
Da war irgendwo ein Stimmchen, schwach und verwehend.
„Killigrew!“ tönte es jetzt etwas deutlicher.
„Ramsgate“, sagte Hasard spontan und stand auf. Er blickte zu dem schmiedeeisernen Gitter des Schuldgefängnisses hinüber und kniff die Augen zusammen, um gegen das Sonnenlicht besser sehen zu können. Auch Dan war aufgestanden und blinzelte zu dem Tor.
Ein Mann stand dort, dem das Sonnenlicht in den Rücken fiel. Er hatte beide Hände um das Gitter geklammert und blickte zu ihnen. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, die Sonne zauberte lediglich einen grellen Reflex um seinen Schädel.
Nein, natürlich war es nicht Ramsgate, der da stand. Wie hätte er auch hier im Schuldgefängnis landen sollen?
„Hasard!“ rief die Stimme des Mageren jetzt. „Killigrew. Bist du nicht der Mann, den sie den Seewolf nennen?“
„Jetzt packt’s mich aber“, sagte Hasard. „Wer ist das denn?“
„Keine Ahnung“, sagte Dan kopfschüttelnd.
Hasard hatte nicht die geringste Vorstellung, wer ihn da rufen konnte. Hier, im Schuldgefängnis von Plymouth, da war er sich ganz sicher, kannte er ganz bestimmt keinen Menschen. Aber jetzt hatte ihn doch die Neugier gepackt, und er trat näher an das Gitter heran, das den dahinterliegenden Hof abtrennte.
Alle beide blickten dem fremden Mann ins Gesicht. Jetzt, als er den Kopf leicht zur Seite wandte, sahen sie ihn deutlich.
Da stand er in all seiner Traurigkeit, mit einem griesgrämigen Gesicht und einem Ausdruck in den Augen, als müsse er alle seine Freunde persönlich beerdigen. Wie ein Leichenbitter stand er da, und nun trat in seine Augen ein Ausdruck der Freude. Aber es war eine Freude, wie sie ein Sargträger empfinden und ausdrücken mochte, wenn er die schwere Kiste endlich absetzen konnte.
Mac Pellew!
Mac Pellew, Schiffskoch, Feldscher und Bader der „Marygold“ unter Sir Francis Drake, der Mann, der Zähne zog, Knochen flickte, Schweine abstach und doch auf seine Art ein Genie war.
Sein Gesicht war etwas faltiger geworden, aber es war immer noch so grämlich verzogen wie in alten Zeiten.
„Hasard“, sagte er leise und tief bewegt. Sein Blick huschte schnell über Dan, dann kehrte er zu Hasard zurück.
Der Seewolf war so verdutzt, daß es ihm sekundenlang glatt die Sprache verschlug. Er konnte es einfach nicht glauben, doch die Tatsachen bewiesen es nur allzu deutlich: Da stand Mac Pellew, daran biß keine Maus einen Faden ab, der gute alte Mac Pellew.
„Mann, Mac Pellew!“ sagte Hasard kopfschüttelnd.
Der alte Griesgram schniefte tief bewegt. Dann griff er durch das Gitter und schüttelte dem Seewolf zaghaft die Hand. Er war so gerührt, der gute Mac, daß er nur sehr mühsam Worte fand. Trotzdem ging sein Blick immer wieder zwischen den beiden Männern hin und her.
Dan O’Flynn hatte ihn ebenfalls längst erkannt, aber bei Mac dauerte das noch ein Weilchen.
„Das ist Dan O’Flynn“, sagte Hasard.
„Das Bürschchen?“ fragte Mac und fuhr zurück, als hätte ihn eine Natter gebissen. „Waaas – du bist der junge O’Flynn?“ fragte er gerührt. „Der mit der Kodderschnauze, der immer soviel fraß?“
„Genau der“, sagte Dan grinsend. „Nur etwas größer und älter geworden, Mac.“
Pellew schüttelte den Kopf, wandte sich halb zur Seite und begann wieder zu schniefen.
Und dann sagte der mit der „Kodderschnauze“: „Weißt du noch, wie ich dich immer beklaut habe, Mac“, und das rührte Mac noch mehr, und er schniefte noch lauter.
Sie ließen ihm Zeit, sich zu beruhigen, denn sie selbst brauchten auch eine ganze Weile, so unverhofft hatte das Wiedersehen nach vielen langen Jahren stattgefunden.
Dann, zum erstenmal, setzte sich ganz scheu und zaghaft ein Lächeln in dem Gesicht des Mannes fest, der sonst immer so aussah, als hätte er gerade an der Essigkruke genascht.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, stammelte er. „Wenn ich euch hier vor mir sehe, dann steigt bei mir schlagartig die ganze Erinnerung auf. Plymouth, die ‚Marygold‘, Drake, der Profos, Gordon Brown, den sie damals an die Rah gehängt haben. Was ist aus diesen Leuten und vor allem aus euch geworden?“
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Hasard. „Man kann sie nicht mit ein paar Sätzen schildern. Aber die Kerle sind alle noch am Leben, bis auf Buck Buchanan, den hat es damals erwischt. Allen anderen geht es gut, sie sind hier in Plymouth.“
„Und Hasard ist von der Königin zum Ritter geschlagen worden“, erklärte Dan grinsend. „Das hat sich auch geändert.“
Mac Pellew wich einen Schritt zurück.
„Oh, das …, Verzeihung, Sir, das konnte ich nicht wissen, Sir.“
„Nun brech dir mal nichts ab“, sagte Hasard gemütlich, „das galt der ganzen Mannschaft und nicht nur mir allein.“
Ganz unbewußt blickte er dabei auf Mac Pellews Kleidung. Die Leinenhose, die er trug, hatte vor Jahren auch schon mal bessere Tage gesehen. Das Hemd war löchrig, verdreckt und so dünn, daß er wohl kaum noch wagen konnte, es auszuziehen, sonst wäre es vermutlich in tausend Fetzen zerfallen. Seinen Bartstoppeln nach hatte er sich seit mindestens zehn Tagen nicht mehr rasiert, aber das besorgte hier anscheinend ein Bader, der nur alle zwei Wochen erschien.
Alles in allem sah Mac abgerissen, verhärmt, etwas dürr und unendlich griesgrämig aus. Aber in seinen Augen leuchtete ein Feuer. Nein, es war keineswegs die Hoffnung, hier herauszukommen, es war lediglich die unverhoffte Freude, alte Bekannte wiederzusehen. Daß ihn hier jemand herausholte, damit rechnete Mac im ganzen Leben nicht.
Hasard hatte seinen Entschluß jedoch schnell gefaßt. Die Crew war größer geworden, und voraussichtlich würde sie sich noch weiter vergrößern. Der Kutscher konnte das alles allein nicht mehr schaffen, und so war sein Entschluß spontan gefaßt.
„Warum bist du hier, Mac?“ fragte er.
Mac klammerte sich noch fester an die Gitterstäbe. Jetzt sah er wieder wie ein Sargträger aus, der ein paar Freunde zu Grabe trägt.
„Das ist schnell erzählt“, erwiderte er mit Leichenbittermiene. „Ich wollte selbständig werden und mir eine kleine Kneipe kaufen, aber dazu reichte mein Geld nicht. Vier Goldstücke fehlten mir, und die borgte ich mir von einem Wucherer. Ich wußte nicht, daß der Kerl ein Betrüger war. Er verlangte recht hohe Zinsen, doch ich war sicher, das Geld auch bald zurückzahlen zu können. So ging ich vor Freude mit dem Wucherer in meine künftige Kneipe hier in Plymouth und lud ihn zu einem Glas ein. Doch dann setzten sich ein paar andere Kerle dazu und gossen mir etwas in den Wein. Danach erging es mir so ähnlich wie den Seeleuten bei Plymson. Ich fiel um, war aber nicht auf ein Schiff gepreßt, sondern wachte mit einem Brummschädel in der Gosse auf.“
„Und vom Geld keine Spur mehr“, sagte Dan.
„Keinen einzigen Copper“, versicherte Mac. „Später erfuhr ich, daß die Kerle Helfer von dem Wucherer waren. Aber ich kann es nicht beweisen. Sie nahmen mir das Geld wieder ab, und dann erschien der Kerl und verlangte es zurück, so, wie es vereinbart war.“
„Den Rest kann ich mir vorstellen“, sagte Hasard. „Du konntest natürlich nicht zahlen, er hat dich angezeigt, und der Büttel sperrte dich kurzerhand ein.“
„So war es“, sagte Mac traurig. „Inzwischen sind aus den vier Goldstükken schon sieben geworden, und mit jedem Tag wächst der Berg weiter an. Mein Traum von einer eigenen Kneipe war zu Ende, und aufs Schiff konnte ich natürlich auch nicht mehr.“
„Und wie lange bist du schon hier, Mac?“
„Das müssen jetzt ungefähr vier Monate sein, vielleicht auch etwas länger, man zählt die Tage ja nicht mehr.“
Nein, man zählte die Tage hier nicht mehr, dachte Hasard wie betäubt. Jene, die hier hockten, zählten gar nichts mehr, denn seit sie mit Mac sprachen, hockten die anderen noch genauso apathisch herum wie vor einer Weile. Nichts interessierte sie mehr, sie waren ohne Hoffnung und dachten nicht mehr an morgen.
„Dann sitzt du hier ja noch bis zur nächsten Steinzeit“, sagte Dan.
„Und noch länger wahrscheinlich, weil das ein verdammter Teufelskreis ist. Die Kerle geben einem ja keine Chance zum Arbeiten. Meinetwegen würde ich Müll durch die Gegend kutschieren, aber sie haben Angst, daß man heimlich verschwindet.“
Das sind nun wahrhaftig mehr als trübe Aussichten, überlegte Hasard. Aus dieser Mühle kam Mac Pellew nie wieder heraus. Wer hier einmal gemahlen wurde, von dem blieb nur noch grobes Schrot übrig.
Hasard wechselte mit Dan O’Flynn einen schnellen Blick. Klar, da gab es gar keine Frage. Einen alten Kameraden ließ man nicht im Schuldturm hängen, schon gar nicht unter diesen üblen Umständen. Sie waren sich schon durch diesen Blick einig. Aber davon hatte Mac nichts mitgekriegt.
„Wir haben unser Schiff verloren“, sagte Hasard. „In einem Kanal liegt es unter Sandmassen begraben. Jetzt haben wir uns nach England durchgeschlagen und legen bei Ramsgate ein neues auf. Das soll natürlich größer und besser werden als die alte ‚Isabella‘, aber es dauert noch eine Weile, bis es fertig ist. Wir haben da ein paar Schwierigkeiten.“
Mac Pellew sah den beiden starr in die Augen.
„Wenn ich euch irgendwie helfen kann“, sagte er zaghaft, „dann würde ich es gern tun. Aber wenn ihr schon Schwierigkeiten habt, wo ihr doch eine Crew aus Eisen seid, da kann ich erst recht nichts ausrichten. Was sind denn das für Schwierigkeiten?“
„Ich glaube du hast mehr am Hals als wir, also später davon. Aber eine Frage wollte ich dir stellen, Mac: Wir könnten einen tüchtigen Mann brauchen, einen, der dem Kutscher in der Kombüse zur Hand geht, denn allein schafft der das bald nicht mehr. Wenn du Lust hast, bei uns zu fahren, dann holen wir dich hier raus.“
„He, Mac, gib Antwort“, sagte Dan. „Oder hast du plötzlich die Sprache verloren?“
Mac gab aber immer noch keine Antwort. Er konnte keine geben, weil in seinem Hals ein gewaltig aufgeblähter Frosch hockte, und der strampelte anscheinend auch noch mit den Beinen, denn Macs Adamsapfel war in wilder Bewegung. Es dauerte sehr lange, bis er wieder einigermaßen ruhig sprechen konnte. Dabei stand ihm aber das Wasser immer noch in den Augen.
„Das wollt ihr wirklich tun?“ fragte er ungläubig. „Ich will das Geld ja auch gern abarbeiten, Tag und Nacht, aber dazu brauche ich ein paar Jahre. Aber fahren würde ich gern mit euch.“
„Du kannst ja ein paar Jahre an Bord bleiben“, sagte Hasard. „Und du zahlst es einfach dann zurück, wenn wir den nächsten Don ausgenommen haben. Früher oder später wird das sicher der Fall sein.“
„Mein Gott“, sagte Mac immer wieder, „mein Gott, womit habe ich das nur verdient?“
„Weil du ein ehrlicher Kerl bist“, sagte Hasard. „Du bist unverschuldet in diese Lage geraten. Jedem kann so was passieren, das ist noch lange keine Schande.“
„Wo muß man dich denn auslösen?“ fragte Dan.
„Bei der Kämmerei“, heulte Mac los und schniefte wieder. „Aber es ist doch so verdammt viel Geld.“
„Klar ist es das“, meinte Dan trokken, „sonst würdest du ja auch nicht hier sitzen. Wir sind gleich wieder zurück, Mac.“
Mac Pellew konnte sein Glück nicht fassen. War das nun Schicksal, ein Wunder oder ein Zufall? überlegte er immer wieder. Er blieb stehen, lehnte sich an das Gitter und schämte sich nicht, daß ihm ein paar Tränen über die Bartstoppeln liefen.
In der Kämmerei bezahlte Hasard bei einem mürrischen Burschen sieben Golddublonen und ließ sich eine Quittung geben.
„Ich weiß nicht, ob Sie da ein gutes Geschäft abgeschlossen haben“, sagte der Mann. „Der Kerl sieht doch aus, als sei er keine halbe Dublone wert.“
„Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gefragt“, erwiderte Hasard eisig. „Hier ist das Geld, und dafür kriege ich den Mann. Alles andere geht Sie einen Dreck an. Bringen Sie den Mann jetzt raus.“
Das war kurz und bündig. Der Büttel schluckte, wollte etwas erwidern, sah aber die eisigen Augen und schwieg lieber. Mit dem schwarzhaarigen Riesen war nicht gut Kirschen essen, das sah man auf den ersten Blick. Und der andere neben ihm sah auch so aus, als könne er kein Wort zuviel vertragen.
Also ging er los, um Mac Pellew zu holen. Der stand verlegen vor ihnen und bedankte sich immer wieder, bis Hasard abwinkte.
„Schon gut, Mac, beruhige dich jetzt wieder und hör auf zu flennen. Und vergiß die vier Monate, wenn du kannst.“
„Danke, Sir“, stammelte Mac tief bewegt.
Während sie hinausgingen, sah der Seewolf den ehemaligen Koch der „Marygold“ noch einmal genau an.
„So kannst du nicht herumlaufen, Mac, du siehst furchtbar aus. Hier hast du etwas Geld. Damit gehst du zu dem Bader da drüben, läßt dir die Haare schneiden und dich rasieren. Wenn du das erledigt hast, gehst du zu dem Leineweber, kaufst dir Hose und Hemd und suchst dir danach bei dem Schuster ein Paar Schuhe aus. Anschließend gehst du in die Kneipe am Marktplatz, in den ‚Red Lion‘. Dort warten wir auf dich und bestellen dir inzwischen ein kräftiges Mittagessen. Dann gehen wir an Bord, und du wirst die anderen wiedersehen.“
„Sir, das kann ich nicht …“
Mac Pellew wand sich vor Verlegenheit, bis Hasard ihn durchdringend ansah.
„Willst du gleich am ersten Tag meutern, Mac?“
„Nein, Sir, aye, aye!“ brüllte Mac, und weg war er.
„Der fühlt sich bestimmt wie neugeboren“, sagte Dan. „Muß schon ein verdammt lausiges Gefühl für den guten Mac gewesen sein. Und den Bauch kann er sich bestimmt auch seit sehr langer Zeit wieder mal richtig vollschlagen.“
„Bin gespannt, was die anderen sagen“, meinte Hasard.
„Die nehmen ihn sicher mit offenen Armen auf“, erklärte Dan. „Sogar mein Alter wird erfreut sein, wenn er die Geschichte hört. Aber ich glaube, er kennt Mac gar nicht. Aber für den Kutscher ist er ganz sicher eine große Hilfe.“
Vor dem „Red Lion“ standen zwei Pferdefuhrwerke. Die Gäule ließen die Köpfe hängen und standen da wie angenagelt. Den beiden Kutschern in der Kneipe ging es nicht viel anders. Sie hatten Humpen mit Dünnbier vor sich stehen und starrten auf die Platte. Nach ihrem stumpfen Blick zu urteilen, waren es schon etliche Humpen.
Hasard bestellte beim eilfertig heranwieselnden Wirt drei kräftige Mahlzeiten, dazu ebenfalls kühles Dünnbier, das der Wirt aus dem Keller holte. Die drei Mahlzeiten für zwei Personen gaben dem Wirt zwar anfangs ein Rätsel auf, doch später begriff er.
Es war, als hätte Mac es gerochen. Kaum stand das Essen auf dem Tisch, erschien er, und diesmal grinste der alte Sauertopf bis über beide Ohren.
Hasard und Dan blickten ihn lange an.
Mac war frisch rasiert, gebadet, hatte die Haare geschnitten, trug ein sauberes Leinenhemd und eine Leinenhose. Dazu hatte er sich ein Paar derbe Lederschuhe gekauft. Sie kannten ihn kaum wieder, so sauber und glatt sah er aus.
„Mann, bist du ein feiner Kerl geworden“, lästerte Dan, um nicht wieder in Macs Danksagungen ersticken zu müssen. „Frisch geplättet, frisch rasiert und keine einzige Laus im Gesicht.“
Mac grinste noch immer, das war bei ihm zwar reichlich ungewöhnlich, aber die Umstände waren nun einmal so.
„Recht so, Mac“, sagte Hasard. „Du siehst wirklich prächtig aus. Hier, nimm dir einen Humpen Bier und lang zu. Wenn das Essen nicht reicht, dann bestelle ich noch mal eine Portion.“
„Sir, ich weiß nicht …“, setzte Mac wieder an.
„Greif zu!“ forderte Hasard ihn auf. „Vom vielen Dankeschönsagen ist noch keiner satt geworden.“
