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Die "Isabella IX." wurde schon jetzt ziemlich stark belastet, als sie bei ruppiger See und steifem Wind aus Nord mit Backbordhalsen und über Steuerbordbug segelte. Auch die ersten Spritzer ergossen sich an Deck, und über die Galion stäubte es, als der Bug die Wellen zerhackte und wie rießige Schleier aufriß. Einige hatten jetzt das Ruder schon mal für ein paar Minuten in der Hand gehabt, denn jeder wollte wissen, wie die neue Lady sich so benahm. Ob sie ruppig oder bockig war, ob sie zornig oder fuchsteufelswild dahinjagte oder ob sie fromm und friedlich durch die See glitt. Sie lief wie geschmiert - wie "in Butter", wie Pete Ballie sagte...
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Seitenzahl: 2447
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Impressum© 1976/2017 Pabel-Moewig Verlag KG,Pabel ebook, Rastatt.ISBN: 978-3-95439-774-7Internet: www.vpm.de und E-Mail: [email protected]
Nr. 301
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 302
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 303
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 304
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 305
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 306
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 307
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 308
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 309
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 310
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 311
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 312
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 313
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 314
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 315
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 316
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 317
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 318
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 319
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 320
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Über den Ausrüstungskai, an dem die fast fertig aufgeriggte neue „Isabella IX.“ lag, pfiff kalter, fast eisiger Wind, und so war es verständlich, daß die Soldaten des Marquess Henry of Battingham, allen voran ihr dicker Corporal, entsetzlich froren.
Der Corporal stapfte stiernackig und mit knallrotem Schädel immer wieder an dem stolzen Segler vorbei und fluchte vor sich hin.
Da hockten diese lausigen Kerle im Warmen, dachte er mißmutig, während sie sich hier am Kai die Knochen abfroren und Bewacher spielen mußten. Mit dem Bewachen dieser Seewölfe war das auch so eine Sache, denn die hatten angeblich einen kleinen Ausflug unternommen, um ein als Hexe bezichtigtes Mädchen in Plymouth zu befreien. Zu beweisen war ihnen das allerdings nicht, denn keiner der Soldaten hatte jemanden von Bord schleichen sehen, darauf schworen sie alle Stein und Bein. Und doch kamen nur die Seewölfe in Frage, denn wer hätte sonst einen Vorteil davon haben können, zudem es sich bei der „Hexe“ um Dan O’Flynns Freundin handelte.
Dan hatte zusammen mit etlichen anderen das Mädchen dem Scheiterhaufen entrissen und zurück nach Dartmouth gebracht. Und dieser Dan O’Flynn war noch nicht zurück, was wiederum der stiernackige Corporal nicht wußte.
Da erlebte er an diesem kalten Morgen eine sehr seltsame Überraschung, die ihm fast die Augen aus dem Schädel quellen ließ.
Der Corporal blies wütend in seine klammen Hände, schloß auch den allerletzten Knopf seiner Uniform, brüllte seine Soldaten an, daß sie gefälligst nicht im Windschatten der Schuppen stehen sollten und starrte dann voller Zorn auf das Wasser.
Anfangs sah er das übliche Bild: Vor. ihm am Kai lag die prächtige Galeone „Isabella“, ein paar hundert Yards weiter war die verlassene „Hornet“ vertäut, die der Seewolf der Krone zurückgeben wollte, und weiter hinten lag dieses schwarze unheimliche Schiff, das einem bei Nacht bereits durch seinen bloßen Anblick eine Gänsehaut über den Rücken jagen konnte. Schon seine Soldaten behaupteten, auf diesem Kahn ginge es nicht mit rechten Dingen zu, manchmal erscheine dort der Teufel als glimmende Fackel oder Ähnliches. Und die Geräusche erst, die mitunter herüberklangen! Dort schlugen sie sich anscheinend gegenseitig tot – so nahmen die Soldaten an –, weil sie eben nicht mit den Gepflogenheiten nächtlicher Saufereien der Wikinger vertraut waren.
So mußten für unerklärliche Lichter oder Geräusche eben Teufel oder Dämonen herhalten, die selbst der Corporal nicht unbedingt von sich wies.
An diesem Morgen nun kehrte Dan O’Flynn von seinem Ritt nach Dartmouth zurück, und um nicht aufzufallen, wählte er einen unauffälligen, aber reichlich unbequemen Weg.
In rabenschwarzer Nacht war er mit dem Boot zum Schwarzen Segler gepullt und an Bord gegangen. Jetzt mußte er die Strecke zur „Isabella“ zurückschwimmen, denn alle Seewölfe hatten Landverbot und durften das Schiff nicht verlassen.
Aber ein bißchen Schwimmen war ja erlaubt, so von Schiff zu Schiff, da konnte auch der Corporal nichts dagegen einwenden, zumal die Kerle sich ja offenbar der Ausgangssperre beugten.
Nun begann ein Spielchen, das den etwas begriffsstutzigen Corporal reichlich verwirrte.
Zunächst sah er einen dunklen Punkt im Wasser, nicht weit von der „Isabella“ entfernt.
Der Corporal starrte sich die Schweinsäuglein aus. Da platschte doch wahrhaftig ein Kerl im Wasser herum. Bei dieser Lausekälte und dem eisigen Wind! Munter und fröhlich krebste er durchs Wasser, als bade er in einer Lagune der südlichen Meere, von der der Corporal mal gehört hatte.
Oder war der Kerl etwa am Ersaufen und über Bord gefallen? Aber das konnte auch nicht sein, denn die Kerle von der „Isabella“ klatschten noch Beifall und riefen dem Schwimmer aufmunternde Worte zu.
„He, was soll das?“ schrie der Corporal. „Ist der über Bord gefallen?“
Einer, den der Corporal insgeheim fürchtete, der ein wüstes narbiges Gesicht und ein mächtig breites Kreuz hatte, drehte sich grinsend um und gab Antwort.
„Der ist selbst gesprungen. Das tut der jeden Morgen. Er taucht hier nach Muscheln.“
„Hier gibt’s keine Muscheln“, brummte der Corporal entschieden.
„Wieso?“ fragte der Narbenmann. „Hast du denn hier schon mal im Winter getaucht?“
Der Corporal mußte das verneinen.
„Na siehst du! Aber einfach Behauptungen aufstellen, was, wie? Und nicht mal selbst in der kalten Brühe nachsehen.“
„Ihr dürft aber nicht an Land!“ schrie der Corporal, weil er nicht wußte, was er darauf antworten sollte.
„An Land wachsen doch auch keine Muscheln, oder?“ erkundigte sich der Narbenmann drohend. „Und deshalb schaut er ja auch im Wasser nach, ob es da welche gibt. Erzähl das ruhig deinem Lord Flattermann.“
Der Corporal rang empört nach Lust.
„Marquess Henry of Battingham!“ schrie er, rot vor Zorn. „Ich verbitte mir derartige Respektlosigkeiten.“
„Tu das ruhig!“ riet der Narbenmann trocken.
Dann sah der Corporal, wie der triefnasse Kerl aufenterte und an Deck stand und die anderen ihn grinsend umringten.
Er vernahm, daß sie ihn fragten, ob er Muscheln gefunden habe, und erfuhr die verblüffende Weisheit, daß am Ausrüstungskai tatsächlich keine wuchsen.
Alles Weitere vernahm er dann nicht mehr, denn es spielte sich unter Deck ab.
In der geräumigen Messe, die hinter dem Großmast im Quarterdeck lag, zog der Kutscher Dan O’Flynn die nassen Plünnen vom Körper, schob ihm eine Muck heißen Rum zwischen die zitternden Lippen und hüllte ihn in eine große Decke. Mac Pellew klopfte den schnatternden O’Flynn derweil mit Püffen und Knüffen so lange durch, bis das Blut wieder richtig zirkulierte.
„Alles gut abgelaufen, Dan?“ fragte Ben Brighton.
„Ja, das Mädchen ist in Sicherheit, ich habe sie zurückgebracht. Den Gaul habe ich bei Plymson abgeliefert. Aber es ist doch eine verdammte Saukälte, wenn man durch den Bach paddelt. Haben die Kerle wirklich nichts gemerkt?“
Carberry schüttelte den Kopf.
„Ganz sicher nicht. Der Corporal ist doch ausgesprochen dämlich, und seine Soldaten drücken sich hinter den Schuppen rum, weil sie wie nackte Gänse frieren.“
Während der Kutscher weiterhin heißen Rum ausschenkte, erschien der Seewolf in der großzügig ausgestatteten Messe. Auch er war froh, daß alles so glimpflich abgelaufen war, doch auf seinem Gesicht lag ein Schatten, der ihn ernster und älter erscheinen ließ.
Bisher hatten sie die Schikanen und Intrigen des Marquess Henry ja ganz gut überstanden, der unbedingt die „Isabella“ für sein Geschwader requirieren wollte. Aber dieser Requirierungsanspruch war ein Witz, denn dem jungen Schnösel war die moderne Bauweise des Schiffes in den Kopf gestiegen, und im Geiste sah er sich bereits auf dem Achterdeck der „Isabella“ als Geschwaderführer stehen.
Da Hasard diese Flausen strikt und eiskalt abgelehnt hatte, begann der einflußreiche Marquess, Sohn des Duke of Battingham, sie zu schikanieren und zu schurigeln, wo er nur konnte.
Trotz aller Maßnahmen hatte er nicht verhindern können, daß der Bau seiner Vollendung entgegenging und jetzt so gut wie fertig war.
Die Masten waren aufgeriggt, das laufende und stehende Gut eingeschoren, und es gab nur noch ein paar belanglose Kleinigkeiten zu tun, die man auch auf See erledigen konnte.
Die Galeone des Schiffbaumeisters Hesekiel Ramsgate war bereit, ihre Jungfernfahrt anzutreten.
Ein paar Tage hatte dieser adlige Schnösel sie nun in Ruhe gelassen, aber es war durchgesickert, daß er auf Verstärkung wartete, denn mit seinen spanischen Beutegaleönchen traute er sich nicht, offen gegen die Seewölfe vorzugehen. Außerdem lag da immer noch ganz in der Nähe das Schwarze Schiff des Wikingers Thorfin Njal, mit dem der eitle Marquess nicht viel anzufangen wußte, er war sich über das Verhältnis zwischen den beiden Mannschaften nicht im klaren und wollte aus diesem Grund auch nichts riskieren.
„Wir könnten zur ersten Fahrt auslaufen“, sagte Hasard, „doch wie werden sich die Kerle auf der Pier verhalten? Ich weiß nicht, welche Order sie haben. Lösen wir die Leinen, eröffnen sie vielleicht auf uns das Feuer.“
„Offiziell ist über uns nur eine Ausgangssperre verhängt worden“, meinte Hasards Stellvertreter Ben Brighton. „Davon, daß wir nicht in See gehen dürfen, hat niemand etwas gesagt.“
„Eben“, meinte auch Ferris Tucker, „das ist eine reine Spitzfindigkeit. An Land dürfen wir nicht, also gehen wir in See.“
Doc Freemont, der sich noch als Gast auf der „Isabella“ befand, schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht, was Sie damit heraufbeschwören würden, Hasard“, sagte er leise, „aber es dürfte weiteren Ärger in Plymouth geben. Schließlich haben Sie die ganze Stadt gegen sich mit ihrem gesamten Verwaltungsapparat, und das wird immer weitere Kreise ziehen wie ein Stein, der ins Wasser fällt.“
„Sollen wir einfach resignieren und darauf warten, was dieser halbreife Lümmel entscheidet?“
„Fragen wir doch mal den Corporal, welche Order er in dem Fall hat“, schlug der Arzt vor.
Mit diesem Gedanken mochte sich auch keiner so recht anfreunden, aber schließlich einigte man sich doch darauf, den stiernackigen und etwas dümmlichen Kerl zu befragen, der immer noch schnatternd an dem Ausrüstungskai stand.
„Ist es richtig, daß die Ausgangssperre immer noch besteht?“ erkundigte sich der Seewolf.
Der Corporal warf sich in die Brust und wurde dienstlich.
„Das ist richtig!“ brüllte er. „Niemand hat, laut Anordnung des Marquess of …“
„Geschenkt“, sagte Hasard kalt, „den Spruch kennen wir bereits. Aber wir sind seeklar und wollen auslaufen. Hinsichtlich des ehrenwerten Marquess und so weiter bestehen wohl keine Bedenken …“
Diesmal unterbrach ihn der Corporal, wobei er sofort entschieden den Kopf schüttelte.
„Das Schiff darf auch nicht auslaufen. Order vom Marquess Henry of Battingham …“
„Ogottogott“, sagte der Profos ergeben, „an dem Titel kaut er jedesmal eine volle Woche herum. Verdammt noch mal, Kerl! Was passiert, wenn wir jetzt ablegen? Kannst du das nicht ein bißchen kürzer ausdrücken!“
Hasard wollte seinen biestigen Profos erst zurechtweisen, doch er verstand, daß auch Ed langsam die Galle hochstieg. Sie alle mußten sich hier wie dumme Jungen behandeln lassen.
„Ich habe Order, das Feuer zu eröffnen, wenn die Leinen gelöst werden“, knurrte der Corporal. „Anordnung des ehrenwerten Marquess …“
Noch während der Kerl den Titel herunterleierte, waren Hasard und Ed schon wieder unten, und der Corporal quasselte in den Wind.
„Was sind ein Dutzend Seesoldaten gegen uns?“ fragte Carberry. „Denen hauen wir doch in kurzer Zeit die Klüsen so dicht, daß sie das Schiff nicht mal mehr aus der Nähe sehen.“
„Gewalt gegen Gewalt“, meinte der Seewolf, „das können wir uns vorerst in Plymouth nicht leisten, zumal wir uns hier schon des öfteren nicht gerade herzlich verabschiedet haben. Nein, wir warten noch ab, vielleicht bietet sich eine andere Lösung an.“
„Und wie wär’s mit Abstimmen, Sir?“ schlug der Decksälteste Smoky vor.
„Das würde nichts an der Gewalt ändern, Smoky. Es eskaliert nur immer weiter, wie der Doc ganz richtig bemerkte.“
„Lange sehe ich da jedenfalls nicht mehr zu!“ rief der hitzköpfige Luke Morgan mit knallrotem Schädel. „Dann lasse ich mir diesen lausigen Marquess vom Kutscher in Öl und Zwiebeln braten und freß ihn mitsamt seiner hochtrabenden Uniform.“
Sie sprachen weitere Möglichkeiten durch, aber eine gewaltlose Lösung ließ sich nicht finden. Der Marquess hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, gerade dieses Schiff seinem Geschwader einzuverleiben. Die Tatsache blieb bestehen, daß er aufgrund seiner Vollmachten den längeren Arm hatte. Und hinter seinen Anordnungen standen die Stadtväter, die Büttel und Schergen, der Vogt, der Friedensrichter und all die anderen.
Aber gegen Mittag gab es dann Neuigkeiten, und die klangen nicht gerade ermutigend.
Der Wikinger Thorfin Njal hatte sich an den Ausrüstungskai pullen lassen und stampfte nun geradewegs auf die „Isabella“ zu, um Hasard eine Neuigkeit zu überbringen.
Wie nicht anders zu erwarten war, wurde er von einem der Soldaten, die überall herumlungerten, auch prompt aufgehalten.
Thorfin kam daher, graubärtig, rötlich, in Felle gehüllt. Ein wahrer Recke aus grauer Vorzeit. Um die Handgelenke trug er breite Armbänder aus Gold, ebensolche Spangen um seine gewaltigen Oberarme.
Das Heulen des Windes, eiskalt und scharf jetzt, war für ihn anscheinend schon das zarte Säuseln des beginnenden Frühlings, obwohl der noch ein paar Monate ausstand.
„Halt! Wo wollen Sie hin?“ rief der Soldat scharf und stellte sich dem Wikinger in den Weg.
Das hätte er nicht tun sollen, denn Thorfin hatte seine eigenen nordischdickschädeligen Ansichten darüber, was er tun dürfe und was nicht. Und bei allen nordischen Eichen: Was wollte dieser Mickerzwerg mit seinem Blasrohr in den klammen Händen überhaupt?
Das drei Zentner schwere Monstrum von Nordmann überrannte den Soldaten einfach, mangelte ihn unter wie ein großes Schiff ein kleines und ließ ihn lädiert auf der Kai zurück.
Die anderen sahen fassungslos zu. Trotz der Musketen in ihren Händen stand in den Gesichtern fast nacktes Entsetzen. Der einzige, der einen schwachen Versuch unternahm, dem Riesen abermals die Frage nach dem Wohin zu stellen, war der Corporal, der schließlich seine Würde verteidigen mußte. Aber auch er scheiterte an dem Nordmann recht kläglich.
„Was fällt Ihnen ein?“ brüllte der Corporal. „Einfach einen Soldaten umzurennen, einen Mann der in königlichen Diensten …“
„Halt’s Maul, du saftloser Torfkopp“, sagte der Wikinger mit seiner grollenden Stimme, „und nimm dein verdammtes Blasrohr von meinem Gesicht weg, sonst puste ich in den Lauf und die Kugel fliegt zur anderen Seite raus. Und da wird sie bestimmt eine Menge Holz zertrümmern.“
Den erbleichenden Corporal übermannte der Jähzorn. Saftloser Torfkopp, das hatte noch keiner zu ihm gesagt. In jenem Augenblick fühlte er sich wie David, der gegen den Riesen Goliath antrat. Seine fleischige Rechte schoß jäh vor und fuhr schmetternd gegen den breiten Brustkasten des Wikingers. Der Schlag war so gewaltig, daß er dem Corporal die Hand verstauchte. Eine Schmerzwelle durchraste ihn von den Fingern bis ins Schultergelenk.
Thorfin Njal schüttelte nur den behelmten Schädel. Fast ein wenig vorwurfsvoll sah er den vor Schmerz gekrümmt dastehenden Corporal dann an und sagte: „Bei Odin und seinen Raben! Das hast du Tranbeutel nun davon! Weißt du überhaupt, wie die Raben von Odin heißen?“
„Scheiß auf deine Vögel!“ brüllte der Corporal, seine Hand hin und her schlenkernd. „Ich lasse dich erschießen, du Monstrum!“
Thorfin legte ihm in einer scheinbar freundlichen Geste die Hand auf die schmerzende Schulter. Der Druck war allerdings so stark, daß der Corporal mit einem wilden Aufbrüllen in die Knie ging, während seine Soldaten reglos herumstanden.
Als einer von ihnen endlich den Mut faßte, die Muskete auf den gewaltigen Muskelberg anzulegen, rannte Thorfin leichtfüßig und äußerst schnell auf ihn zu.
Der Soldat ergriff zur Schande seines geschwächten Corporals sofort das Hasenpanier, als er den fellbekleideten Hünen heranstürmen sah. Er warf seine Muskete auf die Katzenköpfe und verschwand in affenartigem Tempo hinter einem Schuppen. Vorsicht war immer der bessere Teil des Heldentumes, dachte er, und wer weiß – dieser nordische Klotz war vielleicht gar unverwundbar. Der hätte vielleicht einen Siebzehnpfünder klaglos geschluckt, ohne eine Miene zu verziehen.
Thorfin kehrte wieder zurück, sah die grinsenden Gesichter der Seewölfe und wandte sich noch einmal dem verdatterten Häuflein Soldaten mit grollender Stimme zu.
„Wenn ihr einen freien Mann nicht dahin gehen laßt, wohin er will, dann werdet ihr was erleben, ihr Rotzlümmel. Und wenn ihr mich noch einmal so dämlich anquatscht und beleidigt, dann schlag ich euch ein paar Löcher in die Köpfe und sauf’ euch aus wie rohe Eier!“
Dann enterte er ab, weil die „Isabella“ durch die einsetzende Ebbe nun langsam tiefer absackte.
Auf der Kuhl lachte der Profos Tränen.
„Das war ein Späßchen ganz nach meinem Geschmack“, sagte er. „Das war prächtig, Thorfin.“
„Mir hat keiner was zu befehlen“, sagte der nordische Grimbart nachdrücklich, „schon gar nicht so ein abgelaichter Stockfisch. Und wenn er glaubt, daß er mir Kummer bereiten kann, dann werde ich hier das nordische Sackhüpfen mit den Kerlen exerzieren, bis sie umfallen.“
Er folgte den anderen in die Messe, nahm an der langen Back Platz und begrüßte die Männer. Die meisten hatten fast alles mitgekriegt, was sich gerade abgespielt hatte.
Hasard hatte keinen Grund, dem Wikinger etwas vorzuwerfen. Einmal war er ohnehin in solchen Sachen unbelehrbar, und zum zweiten betonte er ewig sein Recht auf Freiheit, und daß ihn gefälligst nicht jeder Sumpftölpel dumm fragen solle, wohin er ginge. Das sei seine Sache.
„Mein Besuch hat einen anderen Grund“, sagte der Wikinger, nachdem Hasard ihm ebenfalls eine Muck Rum gereicht hatte, die Thorfin mit seinem schnellen Ruck in den Rachen kippte. „Zwei englische Galeonen sind unterwegs. Von meinem Schiff aus kann man bereits die Mastspitzen sehen. Ich bin sicher, daß der Ärger jetzt erst richtig beginnt. Ich habe ein bißchen bei diesem Schnapphahn von der ‚Bloody Mary‘ herumhorchen lassen. Dieses schwachbrüstige Lördchen, oder wie der Kerl sich nennt, hat Verstärkung anfordern lassen. Jetzt wird er sich aus seinem Rattenloch hervorwagen, denn nun hat er insgesamt fünf Schiffe.“
Hasard nahm das keineswegs so gelassen auf, wie es den Anschein hatte. Wenn Thorfins Angaben zutrafen, und daran zweifelte er nicht, dann würde es wirklichen Ärger geben, dann tanzten in Plymouth die Puppen, denn keiner war gewillt, die neue „Isabella“ dem Marquess zu überlassen, weil ja überhaupt kein Requirierungsanspruch bestand.
„Das ist eine böse Sache“, sagte Hasard, „und ich weiß wirklich noch nicht, wie wir da mit Anstand herausgeraten. Bist du sicher, daß es die Schiffe sind, die dieser Schnösel angefordert hat?“
„Nach allem, was ich gehört habe, ja. Ihr werdet sie von eurem Ausguck aus auch bald sehen können. Sie halten Kurs auf den Hafen. Wenn ihr ausbrechen wollt, gebe ich euch Flankenschutz und Deckung, und wir können die Kerle in Grund und Boden ballern. Die paar Torfkähne haben wir mit einer Breitseite zusammengeschossen.“
„Ich kann mich nicht mit der englischen Krone anlegen, Thorfin“, sagte der Seewolf. „Ich weiß nicht genau, was dahintersteckt. Ich hoffe immer noch, daß Lord Cliveden hier auftaucht und sich alles klärt. Natürlich sind wir freie Männer, ich will es jedoch nicht so weit eskalieren lassen, daß wir uns nie wieder in England blicken lassen können.“
„Aber du hast einen königlichen Kaperbrief“, betonte der Wikinger.
„Trotzdem kenne ich die Vollmachten dieses Kerls nicht, seinen Einfluß bei Hofe, und was der Dinge mehr sind. Wenn er jetzt Verstärkung erhält, beweist das nur, daß sein Einfluß doch sehr groß sein muß. Im übrigen kann ein Kaperbrief je nach Laune des Regierenden ohne weiteres für ungültig erklärt werden. Er gibt mir jedenfalls nicht das Recht, Schiffe Ihrer Majestät in Grund und Boden zu schießen.“
Der Wikinger sah das anders. Für ihn gab es weder einen König noch eine Königin, er berief sich auf die alten Götter. Vor denen habe er Respekt, sagte er, und mit denen wäre er auch noch nie zusammengerasselt. Stets schienen sie genau das zu befürworten, was der Wikinger auch immer tat. Und wenn er jetzt die „Torfkähne“ zusammenballern würde, dann könne er sich darauf verlassen, daß irgendwo unsichtbar im Hintergrund Odin und sämtliche Asen im Asgard wohlwollend zu der Tat nicken würden.
Hasard mußte gegen seinen Willen lächeln, denn Thorfin begann sich wieder einmal in Eifer zu reden, und wenn die nordischen Götter dran waren, dann funkelten seine Augen, und alle glaubten zu sehen, daß der Feuergott Loki den Helm des Wikingers von innen her erleuchtete.
Mehr als eine Viertelstunde war jetzt vergangen. Oben auf der Kai regte sich nichts. Die Soldaten waren immer noch da und bewachten das Schiff, aber niemand traute sich heran, um es dem nordischen Riesenlümmel einmal zu zeigen, wie der Corporal anfangs androhte.
Jetzt hatte er sich das allerdings anders überlegt, denn mit den merkwürdigen Kerlen wollte er sich doch nicht anlegen. Außerdem, so redete er sich selbst heraus, hatte er ja nur das Schiff zu bewachen und nicht den behelmten Riesenkerl, der so grob und empfindlich reagierte.
„Ich werde mal nach oben gehen“, sagte Dan O’Flynn, „um nach den beiden Galeonen Ausschau zu halten.“
„Ich gehe mit“, sagte Ed spontan und stand auf.
Als sie durch die Messe gingen, lag überall noch der Geruch nach frischem Holz in den Räumen. Er würde sich auch noch lange halten. Auch Klopfen und Hämmern war noch zu hören. Big Old Shane und Ferris Tucker arbeiteten in den achteren Kammern. Unter dem Achterdeck vor dem Besanmast hatte Ben Brighton seine Kammer auf der Steuerbordseite, Carberrys Kammer lag gegenüber an Backbord. Darunter wiederum lagen die Kammern von Dan O’Flynn an Backbord und die des alten O’Flynn an Steuerbord. Zwei weitere Kammern von Big Old Shane und Ferris Tucker befanden sich ganz achtern hinter dem Besan unter der Kapitänskammer des Seewolfs.
Von Shanes Kammer ging auch der Geheimgang ab, der durch das ganze Schiff direkt über das Kielschwein führte und im Mannschaftslogis, für jeden Fremden unsichtbar, wieder herausführte. Achtern und vorn gab es ebenfalls noch zwei geheime Waffenkammern.
Dan und Ed enterten auf. Jeder hatte im Hosenbund einen nagelneuen Kieker aus Messing. Es war das Neueste, was es zur Schiffsausrüstung gab. und die vergrößernde Optik rückte das Blickfeld schlagartig heran.
Bevor Carberry im Großmars den Kieker ansetzte, drehte er sich noch einmal um und musterte den Corporal. Der jedoch sah hochmütig an ihm vorbei und würdigte ihn keines Blickes, denn ganz besonders von dem Narbenkerl hatte er stets Beleidigungen einstecken müssen. Die harmlosesten davon waren noch: kalfaterte Bilgenratte, Affenarsch und Rübenschwein.
Die heransegelnden Galeonen waren bereits mit bloßem Auge als Punkte und Striche zu erkennen. Sie segelten bei ruppiger See hart über Backbordbug liegend.
Durch den Kieker erkannte man sie allerdings viel besser.
„Das eine ist eine Galeone von höchstens fünfzig tons“, schätzte Dan O’Flynn. „Mehr hat die sicher nicht drauf.“
„Und die andere ist so mickrig, daß sie gar nicht zählt“, meinte der Profos. „Könnte ein Beiboot von uns sein.“
Das war natürlich wieder mal stark untertrieben, aber der Profos untertrieb gleich noch weiter.
„Durch die vier Stückpförtchen bringen die nicht mal einen Zahnstocher raus“, stellte er fest. „Wenn die wirklich mal feuern, dann knallt da bloß ein bißchen Blei aus dem Rohr, so’n halbes Pfund schätze ich, aber weil da kein Dampf dahintersteckt, fallen denen die Kugeln immer in die eigenen Bordwände. Sie würden also bei einem Gefecht das Risiko eingehen, sich selbst zu versenken“, überlegte er laut.
„Sagen wir mal, es sind nur eineinhalb Galeonen“, meinte O’Flynn. „Insgesamt hat seine ehrenwerte Lordschaft dann also viereinhalb.“
„Was habt ihr da zu glotzen?“ brüllte der Corporal plötzlich, als er die beiden Männer im Ausguck laut lachen hörte.
Der Profos schwenkte das Spektiv herum und blickte genau in das Gesicht des wütenden Corporals. Natürlich sah er nichts, weil der Kerl viel zu dicht davor stand, trotzdem stieß er Dan entsetzt an.
„Hast du schon mal so große triefäugige Kakerlaken gesehen?“ fragte er laut. „Oder was ist das da?“
„Du mußt das Spektiv rumdrehen“, schlug Dan vor. „Und was siehst du jetzt?“
„Jetzt sind die Kakerlaken ganz klein geworden, aber eine ist etwas größer als die anderen. Sie ist auch triefäugiger und hat eine rote dicke Fratze. Was es nicht alles gibt!“
Dem frierenden Corporal zog es wegen dieser erneuten unerhörten Beleidigungen fast die Stiefel aus, doch als er losbrüllen wollte, sah er in zwei so drohende Augenpaare, daß ihm wieder die Luft wegblieb. Hilflos vor Wut und weil ihn jämmerlich fror, schlug er sich kraftvoll die Arme unter die Achseln und spie ärgerlich auf die Katzenköpfe.
„So ist es richtig“, stänkerte Ed herum, der den herrischen und eingebildeten Kerl nicht ausstehen konnte. „Jetzt prügelt er sich die Dummheit aus dem eigenen Wanst.“
„Vielleicht schlägt er sich sogar selbst tot“, sagte Dan grinsend. „Und dann hat die Welt wieder einen Maulhelden weniger.“
Es hatte ganz den Anschein, als würde die feindselige Stimmung bald in eine fürchterliche Schlägerei zwischen Soldaten und Seewölfen ausarten, doch der Corporal kniff auch diesmal noch, denn diesen Höllenhunden traute er einfach alles zu. So ließ er seine Wut an einem Soldaten aus, der dösend den Schuppen mit den Tauen bewachte, die der Marquess für sich beansprucht hatte, um den Seewölfen eins auszuwischen. Aber die hatten sich inzwischen über Ramsgate das erforderliche Gut längst selbst besorgt und alles eingeschoren.
Der Soldat empfing einen Tritt in den Achtersteven und wurde angebrüllt, hier gefälligst nicht rumzustehen und zu dösen, sondern aufzupassen, daß die „Piraten da unten“ keine Taue klauten.
Dan bestätigte dem Seewolf gleich darauf, daß zwei Galeonen, genauer gesagt, eineinhalb Galeonen den Hafen Plymouth anliefen und Kurs auf die drei anderen Galeonen des Marquess hielten.
„Dann wird der Mistkerl morgen hier antanzen“, prophezeite Hasard, „weil er sich dann nämlich stark fühlt.“
„Und den Hafen können sie mit ihren Kähnen auch sperren und abriegeln, Sir, und dann sitzen wir wie die Ratten in der Falle.“
Das klang ganz danach, als wären alle doch dafür, einfach den Ausbruch zu riskieren, doch der Seewolf lehnte ab.
„Wir warten bis zum allerletzten Augenblick“, entschied er. „Fest steht nur unabänderlich, daß dieser Hering unsere ‚Isabella‘ nicht kriegt. Ich hoffe immer noch, daß ein Beauftragter der Königin erscheint, dem wir die ‚Hornet‘ übergeben, und wenn es Lord Cliveden ist, dann wird er den Kerl schon in seine Schranken weisen.“
„Wir sollten den Kerlen trotzdem die Fäuste zeigen“, meinte Luke Morgan spontan, doch diesmal mischte sich Ben ein.
„Das tun wir auch, Luke, wenn es soweit ist. Wir können aber nicht einfach auf die Soldaten der Königin schießen. Sieh das bitte, verdammt noch mal, ein, Mister Morgan, klar?“
„Aye, Sir“, sagte Luke kleinlaut, während Mac Pellew mit ausgesprochen grämlichem Gesicht in die Runde blickte. Sein Gesichtsausdruck war so leidend, als hätte man ihnen schon das Schiff weggenommen, und sie müßten künftig alle Reisen schwimmend zurücklegen.
Später ging Thorfin wieder auf die Kai. Diesmal hatte er die Hand gefährlich dicht an seinem „Messerchen“, einem yardlangen Schwert von beachtlichem Gewicht. Seinem Gesicht war auch unschwer anzusehen, daß er nur auf ein böses Wort lauerte. Dann würde er mit seinem Messerchen aus den Schuppen und Hallen kleine Spänchen schnitzen, und die Soldaten als Schaschlik verwenden.
Daher ließen sie den eigentümlichen Mann in Ruhe und taten so, als sei er gar nicht vorhanden.
An diesem Abend erhielten die Soldaten weitere Verstärkung. Sieben weitere kamen hinzu.
Das war ein sehr schlechtes Zeichen, und so war man auf der „Isabella“ für den nächsten Tag auf allerlei gefaßt.
Am anderen Morgen bewegte sich eine reichlich merkwürdige Prozession über den Ausrüstungskai, an dem die „Isabella“ lag.
Für die Seewölfe war es keine Überraschung, sie hatten mit etwas Ähnlichem gerechnet, jedoch nicht mit diesem großkotzigen Aufwand, den der Marquess ihretwegen trieb.
Er hatte es sich in seinen verbohrten Schädel gesetzt, dieses Schiff in seine Gewalt zu bringen, und davon hielt ihn nichts mehr ab.
Hintereinander rollten drei Kutschen über das holprige Pflaster. Den Kutschen folgten zwei Fuhrwerke und den Fuhrwerken weitere Seesoldaten des Marquess Henry of Battingham.
Der ersten Kutsche entstiegen der noch etwas lädiert und blaß wirkende Marquess, das Gesicht voller Schönheitspflästerchen, weil ihn da Hasards eisenharte Faust erbarmungslos getroffen hatte. Dem Marquess folgten der Stadtvogt, der Hafenkommandant, der Friedensrichter, dem man offenbar eine Vermittlerrolle zugedacht hatte, und etliche andere Vertreter des Gesetzes, die teils finster, teils verlegen zu Boden blickten. Aus der letzten Kutsche stiegen die Kapitäne der Galeonen, die zum Geschwader des Marquess gehörten.
Was auf den Fuhrwerken allerdings lag, vermochte der Seewolf nicht zu erkennen, sie hielten gebührenden Abstand. Die Soldaten nahmen neben den Fuhrwerken Aufstellung, als bewachten sie einen Goldschatz.
Etwas geziert gehend ließ sich der Marquess dazu herab, bis dicht vor dié „Isabella“ zu treten. Zu seiner Rechten und Linken gesellten sich der Stadtvogt und der Friedensrichter.
Hasard und seine Männer blickten der Abordnung eisig entgegen, obwohl sich die anderen um allergrößte Liebenswürdigkeit bemühten. Es würde das übliche werden, dachte der Seewolf, anfangs waren sie katzenfreundlich, dann wurden sie ruppig, und schließlich drohten sie mit allerei Repressalien, wenn Sir Hasard sich nicht fügen würde.
„Ähmm – es ist unangenehm kalt hier“, sagte der Marquess hüstelnd und nickte dem Seewolf zu.
„In der Tat“, gab Hasard zu, „der Wind ist recht eisig. Ich hätte die ehrenwerten Herren ja auch liebend gern in meine Kammer gebeten, aber sie ist leider noch nicht fertig. Der Grund ist der Mangel an gewissen Dingen, die man uns leider vorenthält.“
Den Marquess verdroß das sehr, daß der Seewolf sie eiskalt „draußen“ stehen ließ. Im übrigen hatte er aber noch nicht einmal für nötig befunden, den Grund seines Besuches anzudeuten, der den Seewölfen ja ohnehin längst bekannt war. Also schalteten sie anfangs auf freundliches und ablehnendes Bedauern zugleich.
„Verehrter Sir Hasard“, sagte der Marquess so freundlich, daß es die Seewölfe bis in die Sohlen ihrer Stiefel erschütterte. Er sagte tatsächlich „Verehrter Sir Hasard“, niemand hatte sich verhört. „Es gab ein paar unredliche Worte zwischen uns, die, so hoffe ich, sich inzwischen erledigt haben. Man muß auf beiden Seiten nachsichtig sein.“
Paddy Rogers, der neben Smoky stand und seinen Gehirnkasten anstrengte, um das Gehörte zu verdauen, stieß den Decksältesten fragend an und flüsterte leise: „Waren das denn unredliche Worte, Smoky? Ich dachte, der verehrte Sir Hasard hat diesem Schelm die Faust auf die Nase gesetzt und ihn halbtot geprügelt. Und das nennt der unredliche Worte.“
„Das ist sozusagen ein Gespräch auf höherer Ebene“, erwiderte Smoky, „da gibt man nicht einfach zu, daß man sauer aufeinander ist und der eine dem anderen was in die Schnauze geschlagen hat. Da drückt man sich eben vornehmer aus.“
„Dann hat er ihm also unredlich was aufs Maul gegeben?“
„Genau so war es, Paddy. Aber jetzt halt mal deinen Schnabel, sonst muß ich auch unredlich werden.“
Hasard blieb abwartend, kühl und überlegen stehen, ein riesiger schwarzhaariger Kerl, gegen den der Marquess verkümmert und mickrig wirkte. Der Seewolf gab auch vorerst keine Antwort, er hörte sich den ganzen Sermon gelassen an. Noch war es nicht die Zeit, um explosiv zu werden und aus der Haut zu fahren.
„Tja, ähmm, es ist nun an der Zeit, eine gütliche Einigung zwischen uns zu treffen. Ich will Ihnen auch nicht verhehlen, daß ich in geheimer und eiliger Mission hier bin. Ein dringlicher Auftrag Ihrer Majestät sozusagen.“
„Dafür habe ich Verständnis“, sagte Hasard. „Wenn diese Mission aber so eilig ist, verehrter Marquess, warum zögern Sie dann so lange? Sie hätten längst auslaufen müssen. Ihre Majestät schätzt Verzögerungen bei eiligen Missionen nicht sonderlich.“
Der Hieb traf den Marquess zwar hart, aber er hatte eine Antwort.
„Im Grunde genommen sind Sie daran schuld“, sagte er und drohte Hasard ein wenig vorwurfsvoll mit dem behandschuhten Zeigefinger. „Sie wollten Ihr Schiff ja nicht ausliefern. Durch ein Unglück ist eine meiner Galeonen leider verbrannt.“
„Auch dafür haben Sie mein volles Verständnis“, sagte Hasard, „und aus eben jenem Grund bot ich Ihnen die ‚Hornet‘ an, eine seetüchtige Galeone, die da drüben liegt. Was hätten Sie denn getan, wenn ich jetzt zufällig kein Schiff gebaut hätte, verehrter Marquess? Dann wäre vermutlich Ihre ganze Mission gescheitert.“
Der Marquess blies die Wangen auf und schluckte. Es schien für ihn sehr schwierig zu sein, darauf eine Antwort zu finden, und so begann der erste Teil seiner Beherrschung langsam abzublättern wie alte Farbe.
„Spitzfindigkeiten, Spitzfindigkeiten sind das. Darum geht es doch gar nicht. Es geht um …“
Sein Mund blieb offen, als er Arwenack sah, den Bordschimpansen, der wegen der Kälte dickes Leinenzeug trug und aus der Ferne verblüffend einem Schiffsjungen ähnelte. Arwenack lief gerade aus der Kombüse und trug mit schaukelndem Seemannsgang eine Kokosnußhälfte in den Händen. Damit wollte er wahrscheinlich zur Messe. Als er jedoch die Abordnung an Land sah, blieb er stehen, und jeder der Seewölfe verwettete das Schiff darauf, daß Arwenack diese Abordnung ebenso unsympathisch fand. Er spürte deutlicher als Menschen Zuneigung oder Abneigung. Übertraf die Abneigung einen gewissen Punkt, dann feuerte er mit dem, was er gerade in die Hände kriegte.
Carberry verhinderte das Unglück gerade noch.
„Um Himmels willen“, stöhnte er unterdrückt, „du wirst doch dem Kerl die Nuß nicht an die durchlauchte Hirnschale feuern!“
Das daraufhin einsetzende Grinsen über Eds sonderbare Ausdrücke vermochte sich der Marquess nicht zu erklären, aber zum Glück bezog er es nicht auf sich persönlich.
Carberry brachte den Schimpansen schnell zur Messe, wo auch der Aracanga Sir John hockte und bei Eds Eintreten einen ellenlangen, obszönen Fluch vom Stapel ließ. Gelernt war eben gelernt, und der Lehrmeister sauste sofort wieder an Deck zurück.
„Ich brauche das Schiff“, erklärte der Marquess jetzt drastischer. „Und ich kann meine kostbare Zeit nicht länger verplempern. Trotzdem werden wir versuchen, uns gütlich zu einigen.“
Hasards Augen wurden langsam schmal. Er sah den frierenden Marquess und all die anderen ehrenwerten Herren, deren Gesichter vor Kälte langsam bläulich anliefen. Sie wollten das Verfahren abkürzen, denn vor der Kälte schützte auch eine durchlauchte Haut nicht.
„Und ich verwies Sie bereits ein paarmal auf die ‚Hornet‘, die sich in einwandfreiem Zustand befindet. Wir wollen auch nicht weiter hin und her reden, verehrter Marquess, denn das führt zu nichts. Ich gebe das Schiff nicht her, trotz aller schönen Worte nicht. Das ist, wie ich schon einmal erwähnte, meine letzte und endgültige Entscheidung in diesem Fall, und ich fühle mich nicht verpflichtet, Ihnen die Gründe darüber klarzulegen.“
„Ich requiriere hiermit aber das Schiff!“ schrie der Marquess. „Hier und auf der Stelle! Im Namen der Königin!“
„Sie haben nichts Schriftliches“, sagte Hasard kalt. „Auch ich kann mich auf die Königin berufen. Wir haben unseren Anteil der Krone immer abgeliefert, und aus dem uns zustehenden Rest haben wir dieses Schiff alle zusammen finanziert. Jetzt ist das Schiff fertig, und wir werden damit in See gehen. Sollten Sie mir jedoch ein Pergament mit dem königlichen Siegel zeigen können, das Sie ermächtigt, dieses Schiff in Ihre Flotte einzureihen, dann werde ich mich selbstverständlich dem Wunsch Ihrer Majestät beugen und gehorchen.“
Die Männer auf dem Kai wurden immer unruhiger. Die Kapitäne der Galeonen sahen verbiestert vor sich hin, während der Friedensrichter die Hände rang und voller Leid stöhnte.
„Sir Hasard!“ rief er. „So einigen Sie sich doch. Vielleicht erhalten Sie Ihr Schiff nach der Mission des Marquess wieder zurück. Wir versuchen, einen gütlichen Weg zu finden, der beiden Teilen gerecht werden kann.“
„Sprechen Sie nicht mehr von Gerechtigkeit, Friedensrichter“, sagte Hasard schroff. „Die ist längst aus Plymouth geweht, seit der edle Herr ein Auge auf die ‚Isabella‘ geworfen hat.“
„Aber bedenken Sie seine Reputation bei Hofe“, sagte der Friedensrichter,
„der Marquess gehört Kreisen an …
„Die sich alles herausnehmen können oder das jedenfalls glauben. Und bei aller Reputation haben Sie noch nicht einmal eine königliche Schriftrolle vorzuweisen. Sehen Sie das, wie Sie wollen, Friedensrichter. Ich sehe es von der Seite, daß sich der Marquess mit aller Gewalt in dieses Schiff verbissen hat wie ein störrisches Kind.“
„Wie wagen Sie den durchlauchten Marquess zu benennen!“ schrie nun der Stadtvogt. „Reden Sie ihn gefälligst mit den Titeln an, die ihm auch zustehen.“
„Aber gewiß doch“, sagte Hasard höhnisch. Und nun erlebten die Seewölfe ihren Kapitän einmal anders, allerdings so hohnvoll, daß die anderen rot anliefen.
„Verzeihen Euer Gnaden untertänigst“, sagte Hasard, „aber ich beliebe keinesfalls dem ehrenwerten vortrefflichen Herrn mein Schiff auszuliefern. Halten zu Gnaden, Sir. Mein Allervortrefflichster wird sich nun wohl hinwegbemühen müssen und seinen durchlauchten Leib in die Kutsche schwingen, denn es gibt nichts mehr zu besprechen. Halten zu Gnaden, Sir, auch wenn Euch nicht der Schalk im Auge sitzt.“
Der Marquess, der sich verhohnepiepelt fühlte, lief knallrot an.
„Das ist ja nur ein Haufen aufrührerischer und pöbelnder Halunken!“ schrie er voller Wut. „Das Maß ist jetzt voll! Voll, sage ich!“
„Voll sagt er“, wiederholte Smoky grinsend.
„Ganz voll!“ bestätigte auch Blakky und grinste genauso wie all die anderen.
„Wir werden Ihren Willen brechen, Killigrew!“ brüllte und tobte der Marquess weiter. „Und zwar mit Gewalt!“
„Halten zu Gnaden, Sir“, sagte Hasard höhnisch. „Das Schiff kriegen Sie aber nur über zwei Dutzend tote Männer der ‚Isabella‘, ganz zu schweigen von den mindestens drei Dutzend auf Ihrer Seite, durchlauchter ehrenwerter Herr.“
Oben riefen die Kapitäne empört durcheinander, der Stadtvogt schrie sich die Kehle heiser, der Friedensrichter brüllte herum, und dem eitlen Marquess stand die Wut so im Gesicht, daß er einem Ohnmachtsanfall verdächtig nahe war.
„Soldaten verteilen!“ brüllte er mit überkippender Stimme. „Haltet die Kerle in Schach! Nehmt Aufstellung, bringt die Wagen herüber!“
Hasard drehte sich zu seinen Männern um.
„Weg von der Drehbasse, Stenmark!“ befahl er leise. „Keine Gewalt vorerst, sie werden nicht schießen, sie wollen uns nur einschüchtern, mehr steckt nicht dahinter.“
„Wie soll das enden, Sir?“ fragte Stenmark erbittert.
„Das werden wir gleich sehen, ich habe da eine Vermutung.“
Als die beiden Fuhrwerke über den Kai rumpelten, besprachen sich der Vogt, ein paar Gesetzesobere und der Marquess miteinander, und alle nickten gewichtig mit den Köpfen.
Dann trat der Vogt vor und warf sich in die Brust.
„Es wird hiermit verfügt“, schrie er so laut, daß man es bis in den letzten Winkel des Schiffes hören konnte, „daß dieses Schiff unter verschärfte Bewachung gestellt wird! Aufgrund der besonderen Vollmachten des ehrenwerten Marquess of Battingham und damit im Namen Ihrer Majestät, der Königin von England, wird weiter verfügt, daß dieses auf den Namen ‚Isabella‘ benannte Schiff an die Kette gelegt wird. Das ist ein amtlicher Erlaß. Es wird weiter eine Ausgangssperre verhängt. Die Mannschaft einschließlich ihres Kapitäns darf das Schiff nicht mehr verlassen. Es ist ihm auch verboten, auszulaufen!“
„Aber auf dem Wasser schwimmen, das darf es doch?“ fragte Matt Davies unschuldig. „Oder ist das auch verboten?“
„Was? Zum Teufel, stören Sie hier keine Amtshandlung mit Ihren dummen Fragen! Und Ihnen, mein lieber Killigrew, möchte ich eins besonders klar sagen: Dieser Vorgang hat nicht etwa symbolische Bedeutung. Ihr Schiff wird wirklich an eine Kette gelegt, verbolzt und versiegelt. So lange, wie der Marquess es anordnet. Notfalls wird man Sie aushungern.“
Hasard hatte keine Lust mehr, sich mit diesen Einfaltspinseln und Wichtigtuern herumzustreiten. Aber er wirkte nur scheinbar resigniert, in Wahrheit war er das nicht.
Er sah spöttisch auf die Musketenläufe, die auf die Mannschaft gerichtet waren, dann sah er den Vogt an.
„Die Angelegenheit geht früher oder später in die Hose, mein lieber Vogt“, sagte er fast gemütlich. „Vielleicht haben Sie sich ein wenig übernommen und werden sich dabei die Hosen bekleckern.“
„Ich – ich bin eine Amtsperson“, murmelte der Vogt kläglich, „und ich muß Befehlen gehorchen.“
„Auch Amtspersonen haben sich schon in die Hosen geschissen“, sagte Carberry, der es wieder einmal nicht lassen konnte. „Und dann waren sie voll und keiner hat sie gewaschen.“
Der Vogt drehte sich kleinlaut um und verschwand. Aber nach einem Blick auf den zornigen, vor Wut fast berstenden Marquess brüllte er sogleich wieder Befehle.
„Bringt die Ketten ans Schiff!“ befahl er.
„Also hat dieser Halunke das schon vorher gewußt“, meinte Hasard. „Die Kette hat er gleich mitgebracht. Es ist nicht zu fassen.“
„Ich verstehe nicht, wie du noch so ruhig bleiben kannst, Sir“, meinte der Profos mit halberstickter Stimme. „Wenn wir auf die Pier springen und es diesen Lümmeln mal so richtig besorgen, dann …“
„Dann haben wir ein paar Tote an Bord, und bei den anderen fallen auch einige um. Was willst du eigentlich, Mister Carberry – bist du nervös, oder hast du keine Zeit mehr? Kannst du nicht abwarten? Es geschieht doch nichts weiter, als daß man unser Schiffchen an eine Kette legt. Das reibt unsere eigenen Leinen nicht durch und spart Geld.“
Der Profos sah den Seewolf total verblüfft an.
„Aber, Sir – äh – auf diese lausige Tour haben wir noch nie Geld gespart, so nötig haben wir es gar nicht.“
„Haben wir genug Proviant, Mister Carberry?“
„Reichlich, jede Menge, Sir.“
Eds ratloses Gesicht belustigte den Seewolf immer mehr.
„Und Wasser, Mister Carberry?“
„Auch jede Menge.“
„Wie steht es mit Rum?“
„Alles da.“
„Dann ist doch alles in Ordnung. Dann können wir hier doch tagelang Bordfeste feiern und uns vergnügen. Zwischendurch bringen wir die Kleinigkeiten in Ordnung, zimmern hier und da noch ein bißchen, holen unauffällig meine Söhne, und dann …“
„Und dann?“ fragte Ed gespannt.
„Ganz einfach“, sagte Hasard verschmitzt lachend, „eines Tages rostet die Kette durch, und wir schwimmen weg.“
„Eines Tages, Sir?“ wiederholte der Profos fassungslos, „so eine Kette hält jahrelang, das weiß ich. Sieh dir das Ding mal an, da schleppen ja mehr als zwanzig Männer dran.“
Hasard klopfte seinem immer noch fassungslos stierenden Profos freundschaftlich auf die Schulter und wandte sich interessiert den Dingen zu, die auf dem Kai vor sich gingen.
Die einzigen, die nicht froren, waren die Knechte und Soldaten, die ein Monstrum von Kette aus den Fuhrwerken holten und es jetzt keuchend über die Katzenköpfe schleiften.
Allen anderen klapperten die Zähne, liefen die Gesichter blau an, denn der Wind pfiff jetzt heulend heran und wurde immer eisiger.
„Der Kutscher soll eine Kanne heißen Rum an Deck bringen“, sagte Hasard zu Bill, der gleich losflitzte.
Etwas später hielten sie die heißen dampfenden Mucks in den Händen und tranken verdünnten Rum mit Rohzucker und Gewürznelken, während den bewachenden Seesoldaten die Zunge zum Hals heraushing.
Die Kette wurde weitergeschleift und geschleppt, und dann folgte der Gipfel der Frechheit.
„Sir“, sagte der Vogt fast unterwürfig, „könnten Sie nicht für eine kurze Zeit eine der Kammern zur Verfügung stellen, damit die Herrschaften sich wärmen können?“
Diesmal war Hasard so verblüfft, daß er erst einmal tief Luft holen mußte. Das war doch nun wirklich der Gipfel.
Ben Brighton stand zähneknirschend daneben.
„Sollen wir für die ehrenwerten Herren auch ein warmes Essen bereiten lassen?“ erkundigte er sich ernst. „Vorab heiße Brühe vielleicht, anschließend dann heißen Rum mit Rohzucker.“
„Das – das wäre fast zuviel verlangt, Sir“, meinte der Vogt.
Carberry hörte ebenfalls belustigt zu.
„Dieser Rohzucker ist faustgroß“, sagte er honigsüß, „wir könnten ihn dem ehrenwerten Marquess nach dem Essen vielleicht in den erlauchten Achtersteven blasen, was, wie? Du Rübenschwein!“ brüllte er dann plötzlich, daß sogar Hasard zusammenzuckte vor der lauten Wildheit. „Diesem feinen Affenarsch ist wohl das Licht in seiner erlauchten Birne ausgeblasen worden, was, wie? Und du schämst dich nicht und trittst hier als Bittsteller für die Kaltärsche auf, du Kanalrattenvogt, du?“
Diesen Titel hatte der Stadtvogt von Plymouth zwar noch nicht vernommen, aber der Profos war im Erfinden solcher Titel äußerst großzügig und verlieh sie frei Schnauze.
Der neuernannte „Kanalrattenvogt“ raste vor der aufgebrachten Wildheit des Narbenmannes mit einem Schrei des Entsetzens davon und blieb erst nach ein paar Yards stehen.
Hasard schüttelte den Kopf über soviel Unverfrorenheit. Die Kerle waren ja schlimmer als die lausigsten Bastarde!
„Ihr könnt das Schiff ruhig an die Kette legen“, sagte er, „aber wagt euch nicht an Bord, denn da hört eure Befehlsgewalt auf, da bin ich der Herr. Und von so ehrenwerten Lumpen lasse ich mir nicht die sauberen Planken versauen.“
Matt Davies, Batuti, Smoky und Gary Andrews sahen interessiert zu, wie die Männer die schwere Kette keuchend schleppten. Ein paar der Seewölfe, die sich über die Gelassenheit ihres Kapitäns wunderten und darüber, daß er das alles so einfach hinnahm, waren nach unten gegangen und hielten sich in der Messe, der Kombüse oder den anderen Räumen auf, denn niemand konnte sich so richtig sattsehen an der neuen „Isabella“ mit ihren zahlreichen Einrichtungen.
Oben gingen die Arbeiten weiter. Die Kette wurde um den Eichenpoller gelegt und verbolzt.
„Wo ist der Schmied?“ brüllten die Soldaten.
Der Schmied war nicht zu finden, wahrscheinlich hatte er sich bei der Kälte wieder auf den Heimweg gemacht oder sich in einem der Schuppen verkrochen.
Ein Schmied war allerdings da, nämlich der ehemalige Waffenschmied der Feste Arwenack, Big Old Shane, der die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt hatte und dem Treiben mit stoischer Gelassenheit zusah.
„Ihr habt doch sicher Holzkohle für Schmiedefeuer an Bord“, fuhr ihn einer der Soldaten barsch an. „Los, Kerl, setzt dich in Trab. Und wenn ihr einen Amboß habt, kannst du den auch gleich mitbringen.“
„Einen Hammer auch?“ fragte der graubärtige Riese gähnend.
„Alles, was man braucht, um eine Kette zusammenzuschmieden. Aber schnell, Väterchen, das kannst du selbst tun, du siehst kräftig genug aus.“
Das „Väterchen“ ging dem bärtigen Riesen runter wie traniges Öl von vergammelten Walen.
„Man sagt mir jedenfalls nach, daß ich kräftig sei“, erklärte Shane gelassen. „Ich zeig’s dir gern mal!“
„Na, dann fang mal an, Väterchen!“
„Väterchen“ Shane holte nur einmal kurz aus. Aber hinter seinem Schlag saß immer noch die alte Kraft von früher. Und „Väterchen“ hatte nicht nur Waffen geschmiedet, der war auch für die Gäule und deren Hufeisen zuständig gewesen, und man sagte ihm nach, daß er einen störrischen Gaul mit einigem Kraftaufwand umgeworfen hätte.
Der Soldat wog viel weniger als ein Gaul, dafür flog er aber auch um so weiter, als die Riesenfaust ihn traf.
„Väterchen“ Shane verschränkte wieder lässig die Arme über seinem riesigen Brustkasten und sah dem Kerl nach, der sich wie ein Artist pausenlos überschlug, über die Katzenköpfe fegte und schließlich unter dem Fuhrwerk liegenblieb.
„Jaja“, sagte Old O’Flynn grinsend. „da weht eine Bö, und schon fliegt so ein Rotzlöffelchen einfach davon. Diese jungen Windelpisser glauben anscheinend, wir gehören zum alten Eisen, was?“
„Ja, das scheinen sie zu glauben“, sagte Shane sinnend. „Aber altes Eisen muß nicht unbedingt brüchig sein, das verändert manchmal nur die Farbe, aber im Kern bleibt es hart. Hat das einer von den anderen Kerlen gesehen?“
„Bestimmt nicht“, versicherte Donegal. „Die sind doch alle so sehr beschäftigt.“
Anscheinend hatte wirklich niemand diesen Zwischenfall bemerkt, denn die feinen Herren hatten sich frierend in ihre Kutschen zurückgezogen und genossen von dort aus schnatternd ihren Triumph, dem Seewolf Killigrew eins ausgewischt zu haben.
Dort spann auch der Marquess seinen Faden vom Staatsfeind weiter, als den er den Seewolf verdächtigte, und erkundigte sich, ob man den Kapitän nicht aufgrund dieser Tatsache in den Kerker stecken könne.
Wieder hatten die Stadtoberen alle Mühe, ihm diesen Spleen auszureden, denn mittlerweile war ja landesweit bekannt, daß Killigrew und seine Männer eben keine Staatsfeinde waren.
An diesem Tag in der Kutsche zog auch ein etwas unruhiges Flackern in das Herz des Marquess ein, und er fragte sich insgeheim beklommen, ob es da später nicht doch noch Schwierigkeiten geben mochte.
Ach was, er war der Sohn eines Duke, es konnte gar nichts passieren, denn hinter ihm stand ein mächtiger Name, und wer würde schon wagen, einen Marquess anzuklagen?
Daraufhin beruhigte er sich wieder.
Eine halbe Stunde später erschien verärgert der Schmied, der für einen äußerst kargen Lohn die Kettenglieder zusammenschmieden mußte und deshalb seine wärmende Hütte verlassen hatte.
Er tat seine Arbeit nur widerwillig und mißmutig und beschwerte sich lautstark bei dem Corporal, dem schließlich der Gaul durchging.
„Was meckerst du hier dauernd?“ fluchte der erbost.
„Eure Kerle pennen!“ schrie der Schmied. „Unsereins muß arbeiten. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?“
„Wer pennt? Wo pennt einer?“
„Da, unter dem Wagen!“ brüllte der Schmied zurück.
Die Seewölfe grinsten belustigt. Es ging eigentlich ganz heiter zu, fanden sie, trotz der Schikanen. Fast konnte man es als einen lustigen Tag bezeichnen, denn die Laune des Seewolfs war nicht schlecht, und das übertrug sich auf die anderen. Und natürlich hatte jeder den Vorfall mit „Väterchen“ mitgekriegt.
Der Corporal sah erbost unter den Wagen und drückte das Kreuz durch. Da lag doch tatsächlich einer seiner Soldaten und machte klar bei allen Klüsen!
Er zog den total benommenen und noch halb bewußtlosen Kerl unter dem Fuhrwerk hervor und rieb ihm den vermeintlichen Schlaf aus den Augen, indem er ihn mit Backpfeifen an Backbord und Steuerbord traktierte, ihn anbrüllte und mit Fußtritten wieder an die Arbeit scheuchte.
„Der Arme hat noch einen ganz glasigen Blick drauf“, sagte Stenmark mitfühlend, „der weiß gar nicht, wo er zur Zeit ist.“
Auch als die glasigen Augen einmal in „Väterchens“ Richtung schweiften, lag kein Erkennen in dem trüben Blick, „Väterchens“ Schläge lösten – so hatte jedenfalls der Kutscher versichert – bei den Betroffenen einen sogenannten temporären Gedächtnisschwund aus, einen zeitweiligen also.
Vielleicht fiel dem Kerl übermorgen wieder ein, daß er einen in Ehren ergrauten Schmied doch etwas zu ruppig angefahren hatte.
Das Ungetüm von Kette wurde nun durch die Lippklampe am Bug geführt und um den Festmacher gelegt.
Jetzt war die „Isabella“ durch die Kette mit dem Land verbunden, zwar nicht unlösbar, aber eben auch nicht rein symbolisch, denn kaum war diese Arbeit getan, erschienen der Vogt, der Friedensrichter und der Marquess, und der Vogt fühlte sich verpflichtet, noch eine kleine Ansprache zu halten, als er ein Siegel um die Kette wand und sie zusätzlich mit einem schmiedeeisernen Schloß sicherte.
„Das ist ein königliches Siegel“, sagte er steif. „Wer es erbricht oder beschädigt oder sonstwie entfernt, macht sich strafbar und wird ohne Gerichtsurteil öffentlich gehängt. Ich betone das ausdrücklich.“
„Er betont das ausdrücklich“, sagte Dan O’Flynn ernst.
„Ja, er betont das sehr ausdrücklich“, sagte Sam Roskill.
„Der Spott wird Ihnen noch vergehen. Das Siegel wird jeden Tag genau kontrolliert. Das wäre alles. Haben Sie sich noch zu äußern?“ fragte der Vogt den Seewolf dann.
„Weshalb sollte ich?“ fragte Hasard zurück. „Es ist doch alles klar. Oder nicht?“
Der Vogt wandte sich wieder an den Marquess.
„Sollen wir auch Wachen auf dem Schiff aufstellen lassen?“
„Das würde ich nicht empfehlen“, sagte Hasard mit einer Stimme, die an klirrendes Eis erinnerte. „Dann nämlich kann ich die Verantwortung für diese Soldaten nicht übernehmen.“
Der Marquess wandte sich schlukkend ab.
„Sorgen Sie dafür, daß dieser rotgesichtige Corporal abgelöst wird. Der ist mir zu lasch“, bellte er, „und auch zu einfältig! Nehmen Sie statt dessen den Hauptmann da drüben. Jeder Kerl hat zu jeder Zeit und bei jedem Wetter auf seinem Posten zu bleiben. Wer das Schiff verläßt, ist augenblicklich vogelfrei und kann erschossen werden.“
Hasard sagte immer noch nichts, er lächelte nur spöttisch. Dieses Lächeln irritierte auch den Vogt, der sich noch einmal räusperte und vor Kälte schon ganz klamm war.
„Führen Sie nichts im Schilde, Sir“, warnte er. „Den Augen der Soldaten wird nichts entgehen, aber Sie werden mit den härtesten Konsequenzen rechnen müssen.“
„Wir rechnen sogar damit, daß es heute noch schneit“, sagte der Seewolf, „man riecht den Schnee schon. Und sorgen Sie sich nicht um das königliche Siegel, wir werden es ganz sicher nicht beschädigen. Wir wissen doch, was wir unserer Königin schuldig sind.“
Dem Vogt waren diese Worte nicht geheuer, und er spürte ein sehr unangenehmes Kribbeln im Kreuz. Ähnlich erging es auch dem Marquess, dessen Genick wie gelähmt war. Es gefiel ihm nicht, daß die Kerle nicht protestierten, brüllten oder schlugen, sondern daß sie sich so lammfromm benahmen, daß einem angst und bange werden konnte. Jedenfalls blieb bei allen ein Gefühl der Bedrückung und, Unsicherheit zurück, als sie endlich wieder abzogen und nur die Soldaten zurückblieben.
Zwei Dutzend waren es jetzt, unter dem Befehl eines kaltschnäuzigen und scharfäugigen Hauptmanns, der jede Bewegung an Deck belauerte.
Nur kannte er die kleinen Feinheiten des Schiffes noch nicht, und so halfen ihm auch seine scharfen Augen nicht weiter.
Bereits am späten Nachmittag begann es zu schneien, anfangs nur leicht, aber gegen Abend fielen schon dichte Flocken, die der jaulende Sturm über das Schiff trieb. Die wachegehenden Soldaten nahmen langsam die Gestalten von Weihnachtsmännern an.
An diesem Abend hatte Doc Freemont eine letzte Unterredung mit dem Seewolf gehabt und verabschiedete sich jetzt. Er und Ramsgate durften das Schiff verlassen, die anderen hingegen nicht.
„Setzen Sie sich vorerst nicht zur Wehr, Hasard“, riet er. „Die Männer haben Schießbefehl und werden ihn auch ausführen. Sie warten nur auf eine Gelegenheit. Ich reise morgen in aller Frühe nach London und werde versuchen, diese leidige Angelegenheit zu klären. Zumindest werde ich Lord Cliveden erreichen, den Sonderbeauftragten der Königin. Daß der sich für Sie einsetzt, ist selbstverständlich, Sie haben schließlich einen guten Ruf bei Hofe. Aber was immer Sie auch tun, Hasard, entfernen Sie um Himmels willen nicht das königliche Siegel, und beschädigen Sie es nicht! Denn dann kann der hochnäsige Marquess gegen Sie vorgehen, und darauf scheint er zu warten“, setzte der Doc leise hinzu.
„Wir werden keine Schießereien veranstalten, und das Siegel beschädigen wir erst recht nicht, um diesem Kerl keine Handhabe zu geben. Ich danke Ihnen, Doc, und wünsche Ihnen ein gute Reise. Hoffentlich bessert sich das Wetter bald, sonst wird es eine unbequeme Fahrt.“
„Das bin ich gewöhnt“, sagte der Doc lächelnd, dem Hasard so unendlich viel zu verdanken hatte.
Dann verließ er das Schiff, und keiner der Soldaten hielt ihn auf, als Hasard laut ankündigte, wer da das Schiff verließ. Der Seewolf sah der schlanken Gestalt nach, bis sie im Schneetreiben zerfloß.
Als er nach unten in die Messe gehen wollte, sah er, daß auf dem Schwarzen Segler die kaum sichtbar herüberschimmernden Lichter fast schlagartig erloschen, als hätte der Wind sie ausgeblasen.
Das war das untrügliche Zeichen dafür, daß von drüben mit Besuch zu rechnen war, denn Thorfin und seinen Mannen war nicht entgangen, was sich auf dem Kai abgespielt hatte. Dieses Zeichen war vereinbart worden. Thorfin kam also mit dem Boot, unsichtbar für die Soldaten, und jetzt, bei dem Schneetreiben, sah ihn erst recht niemand.
Die Bordwache hatten Jeff Bowie und Jack Finnegan, und die beiden hatten das Erlöschen der Lichter ebenfalls sofort bemerkt.
„Paßt gut auf“, raunte Hasard den Männern zu. „Offenbar werden Thorfin und Ribault gleich da sein. Laßt sie leise durch die Stückpforte unter das Quarterdeck herein. Ich schicke Bill nach unten.“
„Aye, aye, Sir“, raunte Jack. „Wir passen auf, die Kerle werden bestimmt nichts merken.“
Bill wurde nach unten geschickt und wartete auf das Boot, das etwas später auch fast unhörbar heranglitt. Er sah es erst, als es ganz dicht vor der Bordwand war. Es war mit Taufendern behangen, die das Geräusch dämpften, falls das Boot an die Bordwand stieß.
Jetzt bewährten sich die außen fest angebrachten Stufen, und man brauchte nicht mehr über ausgehängte Jakobsleitern aufzuentern. Die Stufen führten bis dicht unter den Handlauf des Schanzkleides zur Kuhl, dicht neben dem Niedergang zum Quarterdeck.
Diesen Weg nahmen die schweigenden Gestalten jedoch nicht einmal zur Hälfte, denn beim Aufentern hätte sie vielleicht ein scharfes Auge der Soldaten sehen können. Ihre Köpfe tauchten über dem Handlauf des Schanzkleides überhaupt nicht auf. Sie glitten geschmeidig von der Treppe auf die große Rüste, eine riesige Planke, über die die Wanten liefen, und krochen von dort aus durch die hochgezogene Stückpforte. Dahinter stand eine der mattschimmernden Fünfundzwanzig-Pfünder Kanonen, nagelneu, die noch nie eine Eisenkugel ausgespien hatte.
Von dort aus war es nur noch ein Sprung bis zur Messe, wo sich der Großteil der Seewölfe versammelt hatte.
Vier Mann waren erschienen. Thorfin Njal, Jean Ribault und die beiden Söhne des Seewolfs, Hasard und Philip.
„Donner und Doria“, sagte Thorfin, als er an der Back Platz nahm. „Die Kerle haben euch aber ganz schön eingeheizt. Wir haben jeden einzelnen Vorgang genau beobachtet.“
„Ja, das haben sie“, gab Hasard zu.
Die Zwillinge sahen ihren Vater von der Seite her an, tauschten einen Blick miteinander und nickten.
Dann fragte Hasard seinen Vater: „Warum hast du dir das alles gefallen lassen, Sir? Dieser erbärmliche Kerl hat euch regelrecht erniedrigt. Wir glaubten, jeden Augenblick würden die Fäuste fliegen und die Rohre Eisen spucken.“
„Es gibt immer zwei Seiten“, sagte der Seewolf. „Angenommen, wir hätten das getan. Dann würden jetzt in irgendeinem Raum des Schiffes ein paar tote Männer liegen. Vielleicht der Profos, Ferris, Stenmark, Bill oder Will Thorne, vielleicht auch ich und vielleicht auch wir alle zusammen. Auf dem Kai hätten natürlich auch ein paar tote Seesoldaten gelegen. Danach wären vielleicht hundert andere erschienen und hätten den Rest der Mannschaft ebenfalls niedergemacht. Wir drücken uns vor keinem Kampf, im Gegenteil, oft genug fordern wir ihn heraus. Aber jeder muß in gewissen Situationen seine Grenzen kennen. Wir haben unsere gerade abgesteckt. Bisher ist nichts passiert, außer, daß wir an einer Eisenkette liegen und davon kriegt man keine sichtbaren Wunden. Niemand ist verletzt worden, alle leben und grinsen sogar, wie ich sehe, und nun überlegen wir, was wir tun werden. Zufrieden mit der Antwort, Söhnchen?“
„Ja, Dad“, sagte Hasard heiser. „Sehr zufrieden sogar.“
„Und du, Philip?“
„Du bist der Klügere, Sir. Du handelst nicht übereilt.“
„Ihr beide seid noch ein bißchen zu explosiv“, meinte Jean Ribault. „In eurem Alter handelt man spontan, später überlegt man genauer.“
Auch der alte Baumeister Hesekiel Ramsgate nickte verstehend und gab den Seewölfen zu ihrem Verhalten recht. Ein paar Hitzköpfe hätten hier gar nichts ausgerichtet, es hätte nur Schaden gegeben.
„Ich wollte noch mit Ihnen reden, Mister Ramsgate“, sagte der schlanke sehnige Franzose. „Wir haben noch nicht weiter über den Bau der Schiffe gesprochen, die ich in Auftrag geben wollte, weil einfach keine Zeit dazu war.“
„Ich bin froh über jeden Auftrag“, sagte der Baumeister. „Die wirtschaftliche Lage ist nicht gut, und meine Werft wird gemieden. Ich war glücklich, daß ich die ‚Isabella‘ bauen durfte.“
„Ja, da haben Sie Ihre ganze Kunst hineingesteckt“, meinte der Franzose aufrichtig. „Das Schiff ist einmalig konstruiert, ich könnte neidisch darauf werden. In gewisser Weise verstehe ich jetzt, warum der Marquess ein Auge darauf geworfen hat. Weshalb kriegen Sie denn kaum noch Aufträge, Mister Ramsgate?“ fragte Ribault dann.
„Die alte Geschichte, mein Herr. Ich pflege einen eigenen Baustil, und ich kann und will nicht so bauen, wie man mir das zwingend vorschreibt, weil die Konstruktion dann nichts taugt. So baue ich nach meinen Gesichtspunkten und Ansichten weiter und bleibe auf dem Schiff sitzen. Nun, ich muß die Leute bezahlen, die Werft unterhalten, das Holz kaufen und was der Dinge mehr sind, und so jagt eine Pleite die andere. Erst der Bau der ‚Isabella‘ hat mich wieder herausgerissen aus der Misere. Wenn ich Ihre Aufträge kriege, geht es mir eine Weile wieder gut. Danach werde ich die Werft wohl verkaufen oder schließen müssen.“
Alle blickten Ramsgate an, diesen genialen Schiffsbaumeister, der mit seinen hervorragenden Ideen immer wieder auf taube Ohren stieß. Sein Schicksal war ungewiß, und das rührte sie alle, denn gerade seiner Kunst hatten sie viel zu verdanken.
„Wenn Sie hier nichts mehr zu verlieren haben“, sagte Ribault in die entstandene Stille hinein, „dann verlassen Sie England doch, folgen uns in die Karibische See und bauen dort auf der Schlangen-Insel eine neue Werft. Dann hätten wir unseren Baumeister sozusagen im Hause.“
Hasard starrte Ribault an und schüttelte fassungslos den Kopf. Auch die anderen wurden sehr hellhörig.
„Das ist eine Jahrhundertidee, Jean“, sagte der Seewolf begeistert, „das ist das Tollste, was ich seit langem gehört habe. Was halten Sie davon, Mister Ramsgate?“ wandte er sich an den Baumeister.
In Ramsgates Augen glomm ein kurzes Licht auf und seine Rechte fuhr langsam über den sauber gestutzten Bart.
„Schlangen-Insel?“ fragte er lachend. „Ist das jene legendäre Insel, von der Sie mal berichtet haben? Jenes geheimnisvolle Eiland, zu dem Sie öfter segeln?“
„Ja, das ist die Schlangen-Insel“, sagte Hasard.
Ramsgate lächelte noch immer. Der Vorschlag des Franzosen erstaunte ihn, doch dann wurde er immer nachdenklicher.
