Seewölfe Paket 9 - Fred McMason - E-Book

Seewölfe Paket 9 E-Book

Fred McMason

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Beschreibung

Blessuren, Skorbut, Typhus, Darmerkrankungen, Hunger, Durst, Schwäche, Fieber - alles das litten die Männer des spanischen Viermasters "Gran Grin". Sie war das Vize-Flaggschiff des Biscaya-Geschwaders innerhalb der Armada gewesen, ein großes, stolzes prachtvolles Schiff. Jetzt war sie nichts mehr davon, die "Gran Grin". Jetzt war sie nur noch ein zerschossenes Wrack. Nur vorderer Besan- und der Fockmast standen noch - mit Fetzen von Segeln. Bis querab der irischen Westküste hatten sich der ehemalige Viermaster geschleppt. Täglich hatten sie die Toten der See übergeben - und dann schlug erbarmungslos der Weststurm zu...

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Seitenzahl: 2527

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Impressum© 1976/2016 Pabel-Moewig Verlag KG,Pabel ebook, Rastatt.ISBN: 978-3-95439-498-2Internet: www.vpm.de und E-Mail: [email protected]

Inhalt

Nr. 161

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 162

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 163

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 164

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 165

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 166

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 167

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Nr. 168

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Nr. 169

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Nr. 170

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Nr. 171

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 172

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 173

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Nr. 174

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 175

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 176

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Nr. 177

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Nr. 178

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 179

Kapital 1

Kapital 2

Kapital 3

Kapital 4

Kapital 5

Kapital 6

Kapital 7

Kapital 8

Kapital 9

Nr. 180

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

1.

Als der Sturm loswütete, klammerten sich die Kranken an Bord des Viermasters „Gran Grin“ am hölzernen Rand ihrer Kojen fest und kämpften darum, nicht von ihren schmutzigen Lagern gerissen zu werden. Es waren ausgemergelte, totenbleiche Gestalten ohne jegliche Hoffnung in den fiebrigen Augen.

Sie stöhnten und schrien. Sie schrien nach ihren Müttern und Vätern, nach ihren Frauen und Kindern und nach der Heimat, die im Süden auf sie wartete, und sie schämten sich dessen nicht, denn Schnitter Tods Schreckensgestalt hatte neben ihren erbärmlichen Lagern bereits Posten bezogen.

Im Süden, jenseits der Hölle und allen Leidens, lag die iberische Halbinsel, die sie so siegessicher verlassen hatten. Dort sprachen ihre Familien, nach denen sie flehten und um deren Hilfe sie stammelnd baten, vielleicht in diesem Augenblick vom großen Triumph der Armada, denn sie konnten ja nicht wissen, was sich tatsächlich ereignet hatte.

Juan Flores trug einen Kübel mit wäßriger, dampfender Suppe zum Mannschaftslogis im Vordeck der „Gran Grin“, aber er setzte diesen Behälter ab und bekreuzigte sich, ehe er hinter dem Koch Francisco Sampedro, der einen ähnlichen Kupferkessel schleppte, den düsteren, übelriechenden Raum betrat.

Juan Flores stand im schwankenden Schiffsgang. Die Suppe drohte über den Rand des Kübels zu schwappen, aber Juan achtete nicht darauf, und es war ihm völlig egal, ob Tropfen der heißen Flüssigkeit seine nackten Füße trafen.

Er bekreuzigte sich und murmelte: „Santa Maria, Madre de Dios, heilige Mutter Gottes im Himmel, steh uns bei.“

Schwindlig drohte ihm zu werden, aber er fing sich mit verbissener Miene, hievte seinen Kübel wieder hoch und stolperte ins Logis.

Der Kapitän Pedro de Mendoza hatte Juan an diesem Spätnachmittag zum Kombüsendienst einteilen lassen, was in erster Linie bedeutete, die Kranken zu versorgen, und Juan Flores hatte sich fest vorgenommen, seine Arbeit wie ein Mann zu verstehen, trotz aller Widrigkeiten, nicht wie der linkische Moses, den er mit seinen achtzehn Jahren als der Jüngste an Bord eigentlich immer noch darstellte.

Die Geschehnisse hatten vieles verändert in Juan Flores, der all das Erlebte immer noch bildhaft vor Augen hatte, der wußte, daß es sich unauslöschlich in sein Gedächtnis geprägt hatte.

Er wollte ein Mann sein, ein harter Mann, der durch seine Verwegenheit der Hölle entging.

Wenn nur nicht diese Schwächegefühle gewesen wären! Juan fühlte, wie seine Kniegelenke weich wurden, er strauchelte fast und drohte auf den schwankenden Planken im Logis auszugleiten.

Kalter Schweiß brach ihm aus. Die Tropfen bildeten Rinnsale, die über seinen Hals auf seinen Nacken und auf seine Brust flossen, und ihm war kalt, unglaublich kalt.

Juan biß die Zähne zusammen. Er hielt die Balance, setzte den Kübel wieder ab und sah zu dem Koch Francisco Sampedro, der bei dem Feldscher angelangt war.

Der Feldscher der „Gran Grin“ kniete neben dem Lager eines abgemagerten Kranken. Er hatte die grobe Decke der Koje zurückgeschlagen, betrachtete den Brustverband des Mannes und runzelte dabei die Stirn. Das Blut der Wunde hatte den Verband durchtränkt, und – wie Juan Flores durch das Schreien und Stöhnen der anderen und durch das Sturmbrausen hindurch zu vernehmen glaubte – der Kranke röchelte, als müsse er jeden Augenblick den Sprung über die düstere Schwelle antreten.

Juan spürte ein Würgen in der Kehle, Übelkeit, die in ihm aufstieg, aber das war nicht das Schlimmste. Eine frostige Welle durchlief seinen Körper, und es wirbelte vor seinen Augen. Seine Knie drohten nachzugeben, er mußte sich an einem Balken festhalten, um nicht doch umzukippen.

Die Kranken wälzten sich in ihren Kojen, einige hielten Näpfe und Mucks zu Juan hin ausgestreckt. Juan sah Sampedros auffordernden Blick. Der Koch hatte sich zu ihm umgewandt und winkte ihm jetzt zu. Juan wollte beginnen, mit einer Schöpfkelle Wassersuppe in die Näpfe der Kranken zu füllen – auch bei Sturm wurden Mahlzeiten ausgeteilt, sofern man von „Mahlzeiten“ an Bord dieses Unglücksschiffes überhaupt noch sprechen konnte.

Aber Juan stutzte. Der Mann mit dem Brustverband – er hatte ihn erkannt.

„Miguel“, hauchte er entsetzt.

Miguel – ein junger Mann, der aus derselben Gegend wie er, Juan, stammte. Sie hatten während der Überfahrt von Spanien nach England Freundschaft geschlossen. Sie hatten Seite an Seite gearbeitet und gekämpft, und dann war Miguel von einem Eisensplitter getroffen und unter Deck gebracht worden. Tagelang war es Juan wie allen anderen Gesunden verboten gewesen, in das Lazarett hinunterzusteigen. Die Decksleute und Seesoldaten hatten in anderen Räumen des Viermasters ihre Lager aufgeschlagen oder an Oberdeck übernachtet. Erst jetzt kehrte Juan Flores hierher zurück – und fast hätte er den Freund nicht wiedererkannt. Der Blutverlust und das Fieber hatten Miguel geschwächt, aber es war noch mehr hinzugekommen: Skorbut, die Mangelkrankheit, die das Siechtum beschleunigte. Miguels Gesicht hatte sich fast völlig verwandelt, es war eine Fratze des Todes geworden.

„Miguel!“ schrie Juan.

Francisco Sampedro sprang auf. Der Feldscher begann zu fluchen. Sampedro eilte zu Juan hinüber, er hatte begriffen. Er war dagegen gewesen, daß der Junge diesen Dienst versah, aber Befehl war Befehl, und schon der geringste Einwand konnte als Versuch zur Meuterei ausgelegt werden.

Die Deckenbalken des Logis’ wölbten sich Juan entgegen. Die „Gran Grin“, schwer beschädigt, in der aufgewühlten See kaum noch zu manövrieren, krängte von Backbord nach Steuerbord, weil sie unter den verzweifelten Bemühungen des Rudergängers überstag ging und auf den anderen Bug drehte – ein Krachen dröhnte durch das Schiff. Juan fiel, rutschte ein Stück auf dem abschüssig werdenden Deck und prallte gegen einen Kojenpfosten.

Die Kübel stürzten um, die heiße Wassersuppe ergoß sich auf die Planken. Die Kranken schrien nicht mehr, sie heulten gegen das Sturmtosen an und ließen ihrer Verzweiflung freien Lauf. Der Verlust der Nahrung trieb sie an den Rand des Wahnsinns. Fluchend lief der Feldscher zu einem wild gestikulierenden Mann hinüber und versuchte, ihn zu besänftigen, während Sampedro, der Koch, sich voll Mitleid über Juan Flores beugte.

„Mir ist schlecht“, keuchte Juan. „Aber das geht gleich vorbei.“

„Du hast ja Fieber“, stellte der Koch entsetzt fest.

„Ich habe kein Fieber …“

„Ich werde dir etwas zu trinken geben, das hilft dir. Ich habe nur noch ein paar Tropfen davon, aber sie stärken deinen inneren Widerstand, glaub es mir“, sagte Sampedro.

Widerstand? Männliche Kühnheit nach einer Schlacht wie dieser, die die Armada zerrieben, fast ganz vernichtet hatte? Plötzlich erschien es Juan absurd, noch länger den Hartgesottenen zu markieren. Es hatte ja doch alles keinen Zweck mehr.

Die Gefechte – eine Reihe von furchtbaren, erniedrigenden Kämpfen, eine Niederlage nach der anderen. Das Ende der glorreichen, „unüberwindlichen“ Armada, der Untergang einer Idee …

Juans Vertrauen in die Macht seines Landes war mit jedem Schiff, das unter dem Beschuß der Engländer zerfetzt worden war, stärker erschüttert worden. Die Brander, ein Meer von Flammen, Panik – und dann die Flucht, dieser schier endlos erscheinende Weg durch die Nordsee nach Norden hinauf, um Schottland herum, an den Hebriden vorbei, an Irlands Westküste entlang – aber Spanien, Bilbao, das geliebte Baskenland lagen immer noch in unerreichbarer Ferne.

Blessuren. Skorbut. Darmerkrankungen wie Typhus und Diarrhöe. Kein ausreichender Proviant mehr an Bord, und in den Fässern unter Deck faulte das Trinkwasser dahin.

Jetzt, im Sturm, wuchs die Verzweiflung ins Grenzenlose.

„Ich will sterben“, flüsterte Juan Flores. „Es ist das Beste, wenn wir alle sterben.“

Der Feldscher konnte die jammernden Kranken nicht beruhigen, er brüllte sie jetzt an, um sie einzuschüchtern. Die ‚Gran Grin“ hob ihren Bug auf einem heranrollenden Brecher, wieder geriet das Logis in wilde Bewegung. Die Kupferkessel kollerten nach achtern und krachten gegen die Wand.

Miguel fiel aus seiner Koje. Seine ausgemergelte Gestalt rutschte über die Planken. Juan hatte es gesehen, er richtete sich auf, streckte die Arme aus und fing den Freund auf. Er hielt Miguel fest und redete auf ihn ein, aber dann erstarrte er, denn er hatte festgestellt, daß er einen Toten in den Armen hielt.

Mit einem Aufschrei ließ Juan ihn los. Er sprang auf und verließ torkelnd das Logis, fand durch den finsteren Gang den Weg zum Niedergang, stolperte die Stufen hoch, stürzte durchs Schott auf die Kuhl und ans Schanzkleid.

Der Sturmwind heulte, ein neuer Brecher ergoß sich rauschend und gischtend über das Schiff. Juan Flores wehrte sich nicht dagegen, daß die Naturgewalt ihn packte, um ihn außenbords zu heben.

Aber Hände, so stark wie Eisenklammern, hielten den 18jährigen plötzlich an den Schultern fest. Francisco Sampedro war Juan nachgeeilt und verhinderte es, daß der junge Mann seinem Leben selbst ein Ende bereitete. Er ließ Juan nicht mehr los, auch nicht, als der sich vornüberbeugte und spuckend und würgend der See opferte. Er zerrte ihn schließlich vom Schanzkleid fort, in die Kombüse, wo er ihm einen bitteren Trank aus einer kleinen Flasche einflößte.

„Eins unserer letzten Medikamente“, sagte Sampedro. „Es ist nicht mehr viel, aber es wird dir helfen, dein Fieber zu überstehen – und deine Verzweiflung.“

Juan hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Ein trockenes Schluchzen schüttelte seinen Körper. Plötzlich aber riß er sich von Sampedro los, sprang auf und wollte wieder auf die Kuhl hinaus.

Sampedro war schneller als er. In dem schwankenden Raum verstellte er ihm den Weg und rammte ihm die Faust unters Kinn. Juan prallte zurück, fiel auf den Rücken und blieb vor dem erloschenen Holzkohlenfeuer liegen, über dem ein mächtiger Kupferkessel an einer dicken Eisenkette hin- und herschwang.

„Du wirst wieder auf die Beine kommen!“ brüllte Sampedro ihn an. „Du bist es deiner Familie schuldig, die zu Hause auf dich wartet! Du wirst keine Dummheiten mehr anstellen – das ist ein Befehl!“

Juan Flores richtete sich halb auf und schüttelte seine Benommenheit ein wenig ab. Er fühlte sich trotzdem noch elend, spürte Tränen in seinen Augen brennen, aber der Drang zur Selbstvernichtung war vorbei.

„Ein Befehl“, antwortete er. „Si, Senor. Ich werde wieder gesund. Ich werde zu Hause allen erzählen, daß Miguel ein Held war, auf den jeder Baske stolz sein muß …“

Der schwere Sturm aus Südwest fegte an der irischen Westküste entlang. Der Wind orgelte und pfiff durch die Clew Bay, die sich südöstlich von Achill Head, dem westlichsten Küstenzipfel vom Mayo-County, erstreckte. Er leckte zornig über die dreimastige Galeone, die zweimastige Karacke und die kleineren Einmaster weg, die geschützt und gut vertäut im Hafen von Westport lagen. Er rüttelte an der Tür und an den Fenstern der Häuser, als verlange er, eingelassen zu werden, aber niemand war so töricht, auch nur einen Schritt ins Freie zu tun – einschließlich des beleibten Mannes, der im größten Gebäude von Westport hinter einem abgewetzten Eichenholzpult saß und seine beiden Besucher abschätzend musterte.

Einer dieser Besucher war sehr groß, breitschultrig und schwarzhaarig. Das Auffallende in seinem Gesicht waren die eisblauen Augen, die Verwegenheit und Intelligenz ausdrückten, und die Narbe, die von der Stirn aus über seine eine Gesichtshälfte verlief.

Der andere Mann war von schlanker, geschmeidiger Gestalt, dunkelhaarig und dunkeläugig, und dem Akzent nach, mit dem er englisch sprach, weder ein waschechter Engländer noch ein Schotte noch ein Ire.

„Philip Hasard Killigrew“, wiederholte der dicke Mann hinter dem Pult den Namen des schwarzhaarigen Riesen. Er heftete seinen Blick auf den anderen. „Und wie ist Ihr Name?“

„Jean Ribault“, erwiderte der Franzose mit dem Anflug eines Lächelns. „Um gleich auf weitere mögliche Fragen einzugehen, werter, Sir Richard Bingham – die Karacke, die Sie dort draußen sicher vertäut liegen sehen, heißt ‚Le Vengeur‘, und ich bin mit Karl von Hutten zusammen ihr Eigner. Ich habe wie Mister Killigrew ein paar Mann als Deckswache an Bord zurückgelassen, der Rest der Crew hat die offenbar einzige Kneipe dieses idyllischen Städtchens aufgesucht, während wir Ihnen unsere Ehrerbietung erweisen, indem wir Sie sogleich besuchen – Sie, den Gouverneur von Westport.“

Hasard konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. Jean war für seine salbungsvollen Reden bekannt. Keiner außer ihm konnte jemandem so großartig Honig um den Bart schmieren und ihn gleichzeitig auf den Arm nehmen.

Daß Bingham nicht zu dem Schlag Menschen gehörte, mit denen man spontan Freundschaft schließen konnte, hatten Hasard und Jean auf den ersten Blick festgestellt.

Bingham kratzte sich am Kopf. „‚Le Vengeur‘, Ribault, von Hutten – mit diesen Namen kann ich nicht viel anfangen. Ich höre sie zum erstenmal, um ehrlich zu sein.“

„Ehrlichkeit ist eine Tugend“, erwiderte Jean, wobei er den dicken Mann für alles andere als eine aufrichtige Natur hielt.

„Etwas anderes ist es bei Ihnen, mein lieber Killigrew“, sagte Bingham. „Sie, Ihre Crew und die ‚Isabella VIII.‘ – mir ist da so allerlei zu Ohren gekommen. Man hat Sie doch den Seewolf getauft, nicht wahr?“

„Das ist richtig“, entgegnete Hasard.

„Im englischen Mutterland sollen Sie wie ein Volksheld gefeiert werden.“

„Das würde ich nun nicht unbedingt behaupten“, erwiderte der Seewolf. Er dachte dabei besonders an die Versuche des sehr ehrenwerten Sir John Doughty, ihn aus dem Weg zu räumen.

„Wie dem auch sei, es scheint so einiges im Gange zu sein, das mit den jüngsten Seegefechten im Kanal zu tun hat“, meinte Bingham. „Genaue Berichte darüber haben mich leider noch nicht erreicht, aber ich sehe die spanischen Schiffe, die hier vorbeisegeln, und ich kann mir meinen Reim darauf bilden, lieber Freund.“ Er begann, sich die Hände zu reiben. „Aber nun heraus mit der Sprache, womit kann ich Ihnen beiden behilflich sein, nachdem Sie in unserem gastlichen Hafen Schutz vor dem Sturm gesucht haben?“

Hasard griff in die Innentasche seiner Jacke, zog den Kaperbrief daraus hervor und überreichte ihn dem übergewichtigen Mann, der ihm von Sekunde zu Sekunde unsympathischer wurde.

Richard Bingham nahm das Schreiben in Empfang und überflog die Zeilen mit seinem Blick. Sie lösten Hochachtung in ihm aus, er hob die Augenbrauen. Das königliche Siegel schließlich verlangte ihm seine ganze Ehrfurcht ab, er erhob sich, und es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte er dem Seewolf gegenüber auch noch Haltung angenommen. Langsam wiederholte er einen der wichtigsten Sätze aus dem Dokument: „… und jeder englische Untertan ist gehalten, Sir Philip Hasard Killigrew und dessen Besatzung jede erdenkliche Hilfe und Unterstützung zu gewähren.“

Er sah Hasard an. „Meine Loyalität gegenüber der Krone kennt keine Grenzen, Sir. Alles, was in meinen Kräften steht, werde ich für Sie tun. Absolute Pflichttreue, das ist auch die Devise von Sir William Fitzwilliam, dem Lord Deputy von Irland, meinem höchsten Vorgesetzten, dem ich direkt verantwortlich bin. Noch einmal, meine lieben Freunde, ich heiße Sie in meiner Eigenschaft als Gouverneur von Westport herzlichst in unserer Stadt willkommen.“ Er fügte noch einige Floskeln hinzu, die seine Hilfsbereitschaft unterstreichen sollten, aber nur Jean Ribault hörte ihm lächelnd zu.

Hasard blickte durch Bingham hindurch und dachte dabei an den Namen, den dieser soeben erwähnt hatte.

Fitzwilliam! Dieser sehr ehrenwerte, hochwohlgeborene Lord Deputy hatte eine ganz besondere Art, mit den Leuten umzuspringen, das betraf sowohl die Iren als auch die Spanier. Die Iren hatten wenig zu lachen unter Fitzwilliam, und ein spanischer Soldat auf irischem Boden, selbst ein Gefangener, war in Fitzwilliams’ Augen ein zu großes Risiko, in jeder Hinsicht. Daher war jeder „Don“ auf jeden Fall aus dem Weg zu räumen.

Wenn Bingham nun wirklich Fitzwilliams treu ergebener Diener war, so mußte er es auch strikt mit dessen Grundsätzen halten und als ihr „Vollzieher“ auftreten.

Hasard taxierte den dicken Bingham noch einmal mit seinem Blick. Ja, das schien er wirklich zu sein: ein korrupter Beamter der königlichenglischen Besatzer, der aus den Iren herauspreßte, was es herauszupressen gab – und der dabei selbstverständlich in die eigene Tasche wirtschaftete. So was gab’s nicht nur in Spanien und Portugal und in den Kolonien West- und Ostindiens, so was existierte traurigerweise eben auch daheim, im biederen England.

Natürlich konnte man Bingham auch knapper und treffender als fetten Widerling bezeichnen. Ausgerechnet ein solcher Typ mußte ihnen hier, in Westport, wo sie zufällig und aus purer Notwendigkeit eingelaufen waren, begegnen!

Sir Richard Bingham hatte seinen vor Eigenlob triefenden Vortrag beendet und sah die Freunde nun erwartungsvoll an. Jean Ribault räusperte sich verhalten. Er überließ es Hasard, die Unterredung weiterzuführen.

„Wir brauchen Proviant und Trinkwasser“, erklärte der Seewolf ohne Umschweife. „Sie werden sicherlich einiges von Ihren Vorräten erübrigen können, Sir, und wir werden es auf unsere Schiffe mannen lassen, sobald der Sturm etwas nachläßt.“

Bingham legte den Kopf etwas schief. „Noch heute nacht?“

„Vielleicht auch erst morgen früh“, erwiderte Hasard.

„Wenn der Sturm nachläßt“, fügte Jean noch einmal lächelnd hinzu, für den Fall, daß Bingham besonders schwer von Begriff war.

Bingham befeuchtete die Lippen mit der Zungenspitze und las noch einmal in dem von Elisabeth I. ausgefertigten Kaperbrief. Dann rollte er ihn zusammen und reichte ihn Hasard zurück. Hasard versenkte das kostbare Stück Büttenpapier wieder in der Innentasche seiner Jacke.

„Mein lieber Sir Hasard“, begann Bingham.

„Oh, den ‚Sir‘ können Sie ruhig weglassen“, sagte der Seewolf. „Nennen Sie mich auch weiterhin Mister Killigrew.“

„Aber Sie sind doch von Ihrer Majestät zum Ritter geschlagen worden, oder?“

„Geht das aus dem Kaperbrief hervor?“

„Das nicht, aber – aber auch Drake erhielt einen solchen Kaperbrief und wurde gleichzeitig durch den Ritterschlag geadelt“, entgegnete Bingham, der unter dem forschenden Blick des Seewolfs irgendwie unruhig wurde. „Daraus schloß ich nun, daß …“

„… daß auch unserem Seewolf diese Ehre zuteil geworden ist“, vollendete Jean Ribault, immer noch freundlich lächelnd, den Satz. „Und das hat auch seine Richtigkeit. Nur wollte Mister Killigrew durch seine Worte zum Ausdruck bringen, daß man sich unter Freunden auch mit einer gewissen Vertraulichkeit begegnen kann.“

Binghams Blick huschte zu Jean hinüber. Sofort ging er auf dessen Äußerung ein. „Ja, natürlich. Ich kann das nur begrüßen. Wir verstehen uns, Gentlemen, und das macht manches sehr viel einfacher, nicht wahr?“

„Ja“, sagte Hasard gedehnt. „Wir sind sozusagen unter uns.“ Er wollte jetzt wirklich wissen, auf was dieser schmierige Stadtgouverneur hinauswollte. „Reden Sie nur frei von der Leber weg, mein Freund.“

Der ehrenwerte Bingham begann sich wieder die Hände zu reiben. Ein Grinsen stahl sich in seine Züge. „Also, warum soll ich um den heißen Brei herumreden? Ich will Ihnen ein Geschäft vorschlagen, und ich schätze, Sie werden gern darauf eingehen. Eine Hand wäscht die andere, wie man sagt, und wir werden alle drei unseren Gewinn daraus schlagen.“

„So“, meinte Hasard. „Hat das ‚Geschäft‘ etwa mit den spanischen Schiffen zu tun, die Sie hier vorbeiziehen sehen?“

Bingham blickte höchst verwundert drein. „Ja. Wie haben Sie das so schnell ’rausgekriegt?“

2.

„Viel Scharfsinn gehört nicht dazu“, erwiderte Hasard. „Aber es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie uns mitteilen würden, welchen Reim Sie sich auf das Auftauchen dieser Schiffe gebildet haben. Sie haben doch eben erwähnt, daß Sie von den Gefechten im Kanal schon vernommen haben.“

„Ja, ja. Also, das muß schon ein tolles Stück gewesen sein. Die Spanier hatten sich in den Kopf gesetzt, mit ihrer stolzen Armada eine Invasion auf der englischen Insel zu veranstalten. Habe ich recht?“

„Stimmt“, erwiderte Hasard.

Hai, dachte er dabei, Marodeur, elender Galgenstrick, ich weiß genau, was du vorhast, aber ich werde es dir nicht auf den Kopf zusagen, ich will es von dir hören.

Strauchritter, dachte Jean Ribault, während er dem Dicken lächelnd in die Augen schaute, Schnapphahn, Küstenwolf, erbärmlicher Leichenfledderer, der Blitz soll dich treffen, daß du zerspringst.

„Aber Lordadmiral Sir Howard von Effingham, der Oberbefehlshaber der englischen Flotte, hat diesen dreisten Angriff zurückgeschlagen, ja?“ fuhr Bingham fort. „Die Armada ist zerschlagen, ihre Reste irren um die Insel herum, nicht wahr? Wie ist denn die Schlacht im einzelnen verlaufen? War das nicht ein Freudentanz für die englische Nation?“

„Wir haben das nicht so genau verfolgen können“, teilte Hasard ihm eher mürrisch mit. „Wir waren Statisten und haben kaum eingegriffen, während Lord Howard, Sir John Hawkins, Sir Martin Frobisher und Sir Francis Drake die Hauptaktionen leiteten.“ Das entsprach nun ganz und gar nicht der Wahrheit, aber Hasard hatte keine Lust, sich mit seinen Taten zu rühmen und dem Fettwanst die Einzelheiten der Schlacht gegen die Armada auf die Nase zu binden.

„Ach so“, meinte Bingham. „Und warum segeln auch Sie jetzt um die Insel herum, bis an Irlands Küsten?“

Jean Ribault beugte sich ein wenig vor. „Na, nun raten Sie doch mal, werter Richard.“

Bingham hob seine rechte Hand und stieß seinen wurstigen Zeigefinger in die Luft. „Ich hab’s! Sie sind hinter den letzten spanischen Hunden her, um ihnen den Rest zu geben.“

„Gewissermaßen“, bestätigte Jean so freundlich wie möglich.

Hasard griff jetzt nicht ein – bewußt nicht. Er wollte Bingham die Mission verschweigen, die er sich selbst gestellt hatte. Diese Mission lautete, den schiffbrüchigen Spaniern nach Möglichkeit zu helfen. Es war ein Gebot der Ritterlichkeit und der Fairneß, denn einen Gegner, der schon am Boden lag, trat man nicht auch noch mit den Füßen.

So dachte Hasard. So dachte aber bei weitem nicht jeder englische Seemann und Kapitän, wie sich erwiesen hatte.

Bingham nun zählte zu der übelsten Kategorie von Schnapphähnen und Profitgeiern. Hasard hätte ihm am liebsten eine geharnischte Antwort entgegengeschleudert, aber er brauchte den Proviant und das Trinkwasser wirklich, denn bei den Orkneys hatten sie mit ihren eigenen Schiffsvorräten verzweifelten Spaniern aus der Klemme geholfen.

Der Seewolf hatte beschlossen, zum Schein auf Binghams schmutziges „Geschäft“ einzugehen. Genauso sah es auch Jean Ribault. Hasard kannte ihn lange genug, sie brauchten sich in vielen Dingen nicht erst lange abzustimmen, um denselben Weg zu beschreiten oder dieselbe Taktik zu wählen.

Bingham ließ sich auf seinen Sitzplatz zurücksinken und bot auch Hasard und Jean durch eine großzügige Geste endlich an, sich hinzusetzen.

Er strahlte plötzlich über sein pausbäckiges Gesicht, breitete die kurzen Arme aus und sagte: „Das trifft sich ja ausgezeichnet, meine lieben Freunde. Sie tun mir einen kleinen Gefallen, der auf einer Linie mit ihrem eigentlichen Vorhaben liegt, und ich stelle Ihnen dafür reichlich Proviant und Trinkwasser zur Verfügung.“ Er legte eine kleine Pause ein, ließ die Arme sinken, faltete die Hände über dem Bauch und erkundigte sich: „Nun, wie ist es? Werden wir handelseinig?“

Hasard überlegte, bevor er antwortete.

Bingham war, nachdem er den Kaperbrief gelesen hatte, dazu verpflichtet, den Männern der „Isabella VIII.“ und der „Vengeur“ Hilfe zu leisten. Hasard konnte leicht auf seine königlichen Privilegien pochen, die er jetzt genoß. Er konnte sein Recht ausspielen, und Bingham hatte keine Chance, ihn kalt ‚abfahren“ zu lassen.

Aber wie gesagt: Vielleicht war ein solches Verhalten nicht gerade taktisch klug. Vielleicht konnte man den Spanieren, die ihre grausige Odyssee um England und Irland herum fuhren, besser beistehen, wenn man diesen Fettwanst täuschte.

Sir Richard Bingham indes meinte, diesen Killigrew und diesen Ribault durch sein Geschick zu nutzbaren und willfährigen Werkzeugen in seinen Händen machen zu können. Sie sollten ihm helfen, die an der Clew Bay und an Murrisk vorbeisegelnden halbwracken Spanier auszuplündern.

Er war geradezu verrückt darauf. Und ihm standen fast die Tränen der Wut in den Augen, wenn er daran dachte, wie viele Spanier bereits an der Clew Bay vorbeigezogen waren, die eine leichte Beute für ihn hätten werden können.

„Diese Spanier“, sagte er mit verschlagenem Gesichtsausdruck. „Wir sollten sie nicht nur versenken, damit sie ihr Heimatland nicht mehr wiedersehen, wir sollten ihnen auch wegnehmen, was sie noch an Bord ihrer Schiffe mitschleppen. Gentlemen, alles, was sie nach Spanien und Portugal zurückbringen, dient doch letztlich ihrem verfluchten König, diesem Philipp, wieder eine neue Flotte aufzubauen und auszurüsten. Habe ich recht?“

Diesmal war es Jean, der darauf erwiderte: „Sehr richtig, lieber Freund. Vom kriegstechnischen und vernunftmäßigen Standpunkt aus gesehen, ist dem, was Sie eben ausgesprochen haben, nur unter außergewöhnlichen Umständen eine gehörige Portion Schlauheit zu leugnen.“

„Wie?“ sagte Bingham verdutzt.

„Ich meine, was Sie da über König Philipp II. von Spanien gesagt haben, stimmt schon“, entgegnete Jean, ohne dem Dicken zu verraten, wie er über den Rest seiner Worte dachte.

So rechtfertigte Bingham also, was er plante – Spanien zu schaden, wo man konnte. Fehlte nur noch, daß er behauptete, er tue dies für seine Königin, der er treu ergeben sei.

„Mit den wenigen kleinen Schiffen, die Sie im Hafen liegen haben, dürfte ein solches Unternehmen aber scheitern“, sagte nun der Seewolf. „Mit den Einmastern können Sie nur was anfangen, wenn Sie hervorragende Entermannschaften haben, Burschen, die weder Tod noch, Teufel fürchten und reiche Erfahrung im Kapern haben.“

Bingham rang die Hände. „Daran mangelt es mir ja gerade, Freunde. Keiner meiner Untergebenen ist kampferfahren genug, um so was leisten zu können. Meinen Sie denn, ich säße sonst noch hier herum?“

„Und die Iren?“

„Die irischen Bastarde sind dazu sowieso nicht zu gebrauchen“, sagte Bingham verächtlich. „Mit anderen Worten, nur Sie können das erledigen.“

Hasard schlug ein Bein über. „So viele spanische Schiffe wie möglich entern? Darüber läßt sich reden, denn das ist unsere Spezialität. Und wie sieht es mit unserem Anteil aus?“

„Proviant und Trinkwasser, reichlich …“

„Ach. Und Sie glauben, damit begnügen wir uns?“

Bingham rutschte ein Stück auf seinem Stuhl vor und legte die Hände auf das blankgewetzte Pult. „Gold und Silber habt ihr Seewölfe auf euren Fahrten doch genug gerafft. Was ihr jetzt braucht, ist ausreichend gutes Essen, Wasser, Wein, Bier, Whisky – ihr glaubt ja nicht, wie gut es um meine ganz privaten Vorräte bestellt ist.“

Doch, Hasard glaubte fest daran, daß Bingham sich gut eingedeckt hatte, denn wo man den Iren kein Geld und keine Wertsachen entreißen konnte, da nötigte man ihnen eben Naturalien ab, an denen man sich gütlich tun und mit denen man auch einen schwunghaften Tauschhandel betreiben konnte.

„So?“ sagte Jean Ribault. „Habe ich richtig gehört? Sie haben auch Whisky? Etwa den echten irischen, der mit einem ‚e‘ vor dem ‚y‘ geschrieben wird: W-h-i-s-k-e-y?“

„Ja, den.“

Jean blickte zu Hasard. „Also, das sollten wir uns aber wirklich gut überlegen. Da ist doch einiges für uns drin, Hasard.“

„Kann sein.“

Hasard spielte den Zögernden und feilschte noch eine Weile mit Bingham über die Mengen herum, die er forderte, obwohl er dem Dicken am liebsten zwei deftige Maulschellen verpaßt hätte.

Endlich hatten sie eine „Einigung“ erlangt, und Hasard fragte: „Wann sollen wir denn mit dem Überfall auf spanische Schiffe beginnen?“

„So schnell wie möglich“, erwiderte Bingham hastig. „Die Clew Bay ist übrigens ein ideales Versteck, aus dem man wie der Teufel über einen Feind herfallen kann. Sie brauchen bloß auf die verdammten Philipps zu warten, Freunde, und dann rupfen Sie sie, einen nach dem anderen.“

„Es stürmt“, erwiderte der Seewolf. „Und meine Männer sind hungrig. In der Kneipe von Westport können sie saufen und mit den Ladys scherzen, aber da gibt es nichts zu essen.“

„Meine Männer sind auch hungrig. Wie die Bären“, hieb Jean sogleich in dieselbe Kerbe. „Seit zwei Tagen haben sie nichts Vernünftiges mehr zwischen die Zähne gekriegt.“

„Und wer Hunger hat, kann nicht kämpfen“, erklärte der Seewolf. „Also sollten wir den Proviant, das Wasser und die übrigen Kleinigkeiten, die Sie, werter Richard, uns versprochen haben, so schnell wie möglich übernehmen.“

„Wenn der Sturm nachläßt, oder?“ fragte Bingham.

„Am besten noch heute nacht“, sagte Hasard.

„Und wenn es weiterhin stürmt?“

„Auch dann“, entgegnete Hasard und entblößte seine Zähne. „Meine Leute und die Männer Jean Ribaults werden schon nicht von der Gangway fallen, wenn sie Fässer und Kisten zur ‚Isabella‘ und zur ‚Vengeur‘ hinübermannen. Je mehr Bier und Schnaps sie in Ihrer Spelunke die Kehlen hinunterstürzen, desto sturmfester wird ihr Gang.“

Er lachte. Jean lachte auch. Bingham fiel glucksend mit ein, dann erhob er sich und schüttelte den beiden spontan die Hände. Hasard und Jean wäre es lieber gewesen, voll in eine glitschige Nesselqualle zu packen als diesem Widerling die Hand zu drükken, aber sie taten auch das.

Was tat man nicht alles zum Schein!

„Ich werde alles Notwendige veranlassen“, sagte Sir Richard Bingham feierlich. „Und nun lassen Sie uns erst mal trinken – auf gute Geschäfte.“ Er kicherte, setzte sich wieder und zog aus dem untersten Fach seines Pultes eine leicht angestaubte Flasche hervor. Guter irischer Whiskey befand sich darin, zehn Jahre alt, ein edler Tropfen, den Bingham eigentlich für sich ganz persönlich aufgespart hatte.

Zum Teufel mit allem Geiz, dachte er, das hier ist schon ein Opfer wert.

Der Sturm hielt an. Immer noch kämpfte die „Gran Grin“ mit ihm. Ihr Kapitän und ihre Besatzung entdeckten in den ihnen unbekannten Gewässern keine schützende Bucht, in die sie verholen konnten. Dunkelheit und Regen hüllten das große Schiff ein, Brecher rollten donnernd gegen die Bordwände an und vergrößerten die Lecks.

1160 Tonnen groß war die „Gran Grin“, ein einst stolzes Schiff, wie es in dieser Größe und prachtvollen Bauweise nur selten vom Stapel gelassen wurde.

Sie war das Vize-Flaggschiff aus dem Biskaya-Geschwader des Juan Martinez de Recalde, eine gut armierte Viermast-Handelsgaleone. Aber von ihren vier Masten standen jetzt nur noch der vordere Besanmast und der Fockmast. Der achtere Besanmast war im Gefecht weggeschossen worden. Der vordere Besanmast war lateinergetakelt, an dem Fockmast bauschten und beutelten sich im zornigen Wind die beiden Rahsegel – Fock und Vormarssegel –, und zwischen diesen beiden Masten stand als Überrest des Großmastes ein unbrauchbarer, kläglicher Viertelstumpf. Die oberen drei Viertel waren samt Takelage und Segeln längst gekappt und schwammen nördlich der Orkney-Inseln.

Und die Armierung?

Es waren nur noch die Kanonen da, von denen sich die eine oder andere leicht aus ihren Brooktauen lösen konnte und dann als Geschoß quer über Deck rollen würde – eine Gefahr für die letzten halbwegs gesunden und kräftigen Männer, die sich an Oberdeck hielten und verbissen die Manöver durchführten, gegen den Kolderstock drückten, der im Toben des Wetters zu brechen drohte.

Munition für die Kanonen befand sich nicht mehr an Bord, so daß sich die „Gran Grin“ bei der möglichen Konfrontation mit einem Gegner nicht auf ein Gefecht einlassen konnte.

Die Besatzung – ursprünglich mit den Seesoldaten eintausendzweihundert Mann – war auf etwa zweihundert Mann zusammengeschrumpft. Und von diesen zweihundert war der Großteil völlig unterernährt und halbverdurstet, war im Kampf verwundet worden, litt an den gefürchteten Krankheiten Skorbut, Typhus, Diarrhöe.

Der Feldscher fürchtete, daß sich auch die Cholera einschleichen würde, aber hierüber hatte er bisher nur mit Kapitän Pedro de Mendoza gesprochen, um die Verzweiflung an Bord nicht noch zu vergrößern.

Pedro de Mendoza hatte die Offiziere in seiner Kapitänskammer im Achterkastell des Schiffes versammelt, hörte sich ihren kurzen Lagebericht an und fällte dann seine Entscheidung. Er hatte keine Karten von dem Seegebiet vor der Westküste Irlands, aber er brauchte sie dazu auch nicht.

De Mendoza war ein fähiger Kapitän, vierzig Jahre alt, zäh wie Leder, tapfer und vor allem kein Leuteschinder. Reiche seemännische Erfahrung hatte er in Westindien gesammelt, mit diesem und mit anderen Schiffen, die der Neuspanien-Flotte angehört und Gold und Silber aus der Neuen Welt nach Spanien transportiert hatten.

Illusionen hatte er in einer Situation wie dieser nicht mehr. Die „Gran Grin“ war leck, und die Lecks waren mit Bordmitteln nur notdürftig abgedichtet. Die Besatzung hatte bis zum Äußersten gekämpft, aber jetzt war sie am Ende. Sie brauchte Ruhe, sie brauchte Proviant, Wasser und ärztliche Versorgung.

De Mendoza saß auf einem geschnitzten Holzgestühl hinter seinem reich verzierten Kapitänspult. Die Männer hatten ihn umringt und blickten besorgt und erwartungsvoll auf ihn hinunter. Ein Offizier fehlte bei dieser Besprechung – es war der zweite Offizier, der vor zwei Tagen seinen schweren Verletzungen erlegen war.

Einer der vielen. Sie hatten den Zweiten mit seemännischen Ehren in dem ungastlichen, mörderischen Meer bestattet, wie sie danach immer wieder Tote den Fluten hatten übergeben müssen, so viele, daß sie sie am Ende nicht mehr gezählt hatten.

In dieser Nacht hatte es Miguel, einen jungen baskischen Decksmann, getroffen, und auch jetzt, so wußte de Mendoza, hockte der Feldscher unten im Vordeck am Lager eines Todkranken, der das Morgengrauen nicht mehr erleben würde.

Der Sturm packte und schüttelte das Schiff. Die Offiziere mußten sich am Pult und an Stützbalken festklammern, um nicht umgerissen zu werden.

De Mendoza blickte seinen ersten Offizier Vega de la Torre an und sagte: „Solange der Wind noch aus Nordwest wehte, konnten wir unseren Kurs halten. Aber dem Sturm aus Südwest sind wir einfach nicht gewachsen, es ist ein Ding der Unmöglichkeit, weiter gegen ihn ankreuzen zu wollen. Daher meine Order: Wir gehen auf Kurs Nordost und laufen vor dem Sturm her. Ja, wir bewegen uns dorthin zurück, woher wir gekommen sind, aber in diesen sauren Apfel müssen wir beißen. Senores, wir versuchen, irgendwo unter einer Leeküste Schutz zu suchen.“

„Und wenn wir statt dessen auf ein Riff laufen?“ fragte de la Torre.

„Dieses Risiko gehen wir ständig ein, so oder so“, erwiderte der Kapitän. „Oder haben Sie noch einen genauen Begriff davon, in welcher Wasserregion wir uns befinden?“

„Nein, Senor Capitán.“

„Sehen Sie. Soll ich Ihre Frage noch präziser beantworten? Wenn wir auflaufen, dann ist es das Ende für uns alle. Aber das wußten Sie doch schon, oder?“

De la Torre zeigte klar und sagte: „Sie, Senor Capitán. Ich bitte um Verzeihung wegen meiner unangebrachten Bemerkung. Ich werde sofort alles Notwendige veranlassen.“

„In Ordnung“, entgegnete de Mendoza, und zum erstenmal seit langer Zeit spürte er Mutlosigkeit und Schwäche in sich aufsteigen. Wie lange konnte er auf das Durchhaltevermögen dieser Männer noch bauen? Verlangte er ihnen nicht Übermenschliches ab? War die Zeit nicht längst reif für eine Meuterei?

Es ist die Müdigkeit, die dir so etwas vorgaukelt, sagte er sich im stillen.

„Senor“, sagte de la Torre, der zur Tür gegangen war, sich jetzt aber noch einmal umwandte. „Senor, gestatten Sie mir noch ein Wort. Sie sollten sich zur Ruhe legen. Sie haben seit drei Tagen kein Auge mehr zugetan – oder seit vier Tagen?“

„Es sind mindestens vier Tage, Capitán“, sagte der Bootsmann, „Ich melde mich freiwillig zur Mittelwache mit dem Ersten, Senor.“

Plötzlich lächelte der Kapitän schwach. Am Horizont der Finsternis und Verdammnis erschien wieder ein schwacher Hoffnungsschimmer. Seine Männer – sie hielten doch noch voll zu ihm.

„Ich danke Ihnen, Senores“, erwiderte er. „Und ich glaube, ich werde Ihr Angebot annehmen. Santa Madre de Dios, vielleicht haben wir nach dieser entsetzlichen Pechsträhne ja doch endlich Glück. Vielleicht finden wir Schutz und Hilfe. Vielleicht können wir den Iren, vor deren Küsten wir uns befinden, wenigstens Trinkwasser und Nahrungsmittel abkaufen.“

„Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, sagte Luis de Bobadilla, der Geschwader-Zahlmeister, wie aus der Pistole geschossen. „Geld haben wir ja mehr als genug an Bord, Capitän. Falls die Bevölkerung dieser wilden Gegend uns nicht gerade freundlich gesonnen ist, wird sie doch die Augen weit aufsperren und sich vor Hilfsbereitschaft überschlagen, wenn wir ihr auch nur eine Handvoll Piaster oder Reales unter die Nase halten. Die Iren sollen bettelarme Hunde sein, habe ich gehört.“

Luis de Bobadilla, ein untersetzter Mann mit vollem Gesicht und gerötetem Teint, hielt sich mit beiden Händen am Pult seines Kapitäns fest. Zuversichtlich lächelte er de Mendoza zu.

De Mendoza begegnete seinem Blick. Dieser Zahlmeister – sah er nicht viel gesünder aus als die anderen Offiziere? War die Tatsache, daß er bisher von seinem Leibesumfang kaum etwas eingebüßt hatte, wirklich einzig und allein darauf zurückzuführen, daß er über die enormen körperlichen Reserven verfügte, mit denen er sich immer brüstete?

„Ja“, sagte de Mendoza etwas gedankenverloren. „Wir können wirklich froh sein, daß wir wenigstens die Kriegskasse des Biskaya-Geschwaders gerettet haben.“

„Die ja wohlverwahrt in deiner Kammer steht, nicht wahr, Luis?“ meinte der Bootsmann, bevor er zu de la Torre hinüberschritt und mit diesem die Kapitänskammer verließ.

„Ja“, entgegnete de Bobadilla, während sie schon durch den schwankenden Achterdecksgang nach vorn gingen. „Ja, da steht sie sicher und wohlbehütet, und jeder kann es überprüfen, wenn er will.“

Die anderen Offiziere äußerten sich nicht dazu. Keiner konnte de Bobadilla besonders leiden, aber sie hatten andererseits auch keine Lust, mit ihm über die mehr oder weniger sorgfältige Verwahrung der Kriegskasse herumzudiskutieren. Sie waren alle zum Umfallen müde.

Kapitän Pedro de Mendoza entließ die Männer, aber Luis de Bobadilla hielt er doch noch zurück.

„Auf ein Wort, Zahlmeister“, sagte er.

In diesem Augenblick erschien ein Mann der Deckswache unter dem Türpfosten der Kammer und meldete: „Senor, der Feldscher schickt mich. Der Kamerad, der im Logis im Sterben liegt, hat als letzte Bitte ausgesprochen, noch einmal mit Ihnen sprechen zu dürfen.“

De Mendoza erhob sich, gab sich einen inneren Ruck und ging, die Schiffsbewegungen durch Beinarbeit ausgleichend, zur Tür.

„Verschieben wir unser Gespräch auf später“, sagte er zu de Bobadilla. „Das kann warten.“

„Ja, Senor. Gewiß, Senor“, entgegnete der Zahlmeister. Es kam ihm wirklich gelegen, daß der Sterbende im Vorschiff gerade in diesen Minuten seine letzten Atemzüge tat.

3.

Platt vor dem Wind lief die „Gran Grin“ am frühen Morgen dieses Tages auf die Clew Bay zu, die sie vor Stunden bereits passiert hatte. Kapitän de Mendoza und die Reste seiner Mannschaft legten alle Hoffnung in diesen Kurswechsel. Sie schickten Gebete zum Himmel und flehten um Hilfe – und sie schienen erhört zu werden, denn sie fanden die ersehnte Leeküste schließlich wirklich.

Diese Küste war das Nordostufer von Clare Island. Clare Island lag der Clew Bay vorgelagert, doch das wußten die Männer der „Gran Grin“ nicht. Sie konnten nicht einmal ermitteln, daß sie hinter einer Insel Schutz gesucht hatten, die Dämmerung, Gischt und Regen behinderten die Sicht.

Achtzehn Meilen westlich von Westport lag die „Gran Grin“ nun. De la Torre und der Bootsmann hatten vom Achterdeck aus einen halbwegs sicheren und geschützten Platz gefunden, und hier machte der Viermaster mittels eines Notankers fest. Die Anker der Galeone waren vor Calais geblieben, als sie beim Angriff der Brander hatten gekappt werden müssen.

Trossen wurden zum Land hin ausgefahren und um Felsen und knorrige Bäume gelegt, ein in der Sturmsee gleichsam selbstmörderisches Unternehmen. De la Torre leitete das Manöver, und einmal wurde die Jolle, in der er auf der Heckducht saß und die Ruderpinne hielt, gegen einen Felsen geworfen, daß sie beinahe zerschellte. Mit der ramponierten, lecken Jolle konnten der erste Offizier und seine Rudermannschaft gerade noch zur „Gran Grin zurückpullen.

Nach diesem Manöver fielen die Männer vor Erschöpfung fast um. Sampedro, der Koch, hatte eine Suppe zubereitet, die wieder größtenteils aus Wasser bestand, die die Männer aber dennoch gierig in sich hineinschlürften.

Danach sanken sie in ihre Kojen oder legten sich einfach auf der Back zum Schlafen nieder. Vor dieser unbekannten Leeküste war die See zwar noch aufgewühlt, aber es bestand keine Gefahr mehr, durch Brecher über Bord gespült zu werden.

Kapitän de Mendoza hatte den Seemann bestatten lassen, der in seiner Todesstunde nach ihm verlangt hatte. Jetzt kehrte er in seine Kammer zurück, um sich selbst etwas auszuruhen. Er mußte diese Gelegenheit wahrnehmen, es war seine Pflicht, neue Kraft zu schöpfen, denn später, bei Erwachen des Tages, wurde er wieder an Oberdeck gebraucht und mußte seinen Männern ein Vorbild sein – kein todmüder, total verbiesterter Kapitän, der kaum noch seine Entscheidungen treffen konnte.

Er bereitete sich nicht die Mühe, sich zu entkleiden. In voller Montur sank er auf sein Lager. Vor dem Einschlafen dachte er an den Seemann, der jetzt auf dem Grund der See seine ewige Ruhe gefunden hatte. Wie er hatten auch viele andere Sterbende nach dem Kapitän verlangt – nach „ihrem“ Capitán, dem sie treu ergeben und verbunden gewesen waren. Kein materieller Reichtum konnte aufwiegen, was dieser Beweis ihrer absoluten Loyalität für de Mendoza bedeutet.

Aber de Bobadilla – wie stand es mit dessen Treue und Redlichkeit? Verwaltete er die Kriegskasse wirklich so, wie man es von ihm verlangen mußte? War es nicht seltsam genug, daß er über so große „körperliche Reserven“ verfügte, während alle anderen – einschließlich seines Kapitäns – jetzt fast bis auf die Knochen abgemagert waren?

Erst jetzt hatte de Mendoza Muße, darüber nachzusinnen. Erst jetzt wurde ihm richtig klar, daß da etwas faul sein mußte.

Er beschloß, de Bobadilla auf den Zahn zu fühlen. Über diesem Gedanken schlummerte er ein.

Vega de la Torre und der Bootsmann, der von allen nur Vallone genannt wurde, hatten die Ankerwache übernommen.

Es wurde Tag, und zu tun gab es vorläufig nichts mehr – nur das eine: neue Kraft schöpfen.

Der Sturm hatte nur geringfügig nachgelassen und heulte mit fast ungebrochener Kraft weiter gegen die irische Westküste an. Gischt und Regenschwaden ließen keine Rundumsicht zu und kapselten die „Gran Grin“ von ihrer Umgebung ab.

Das umgekippte Heringsfaß lag vor der grauen Mauer der einzigen Kneipe von Westport. Wie diese Spelunke eigentlich richtig hieß, ließ sich nicht ermitteln, denn ein Schild gab es nicht mehr, nur noch die schmiedeeiserne Halterung davon, die den wüsten Sturmwinden offenbar über Jahrzehnte hinaus getrotzt hatte. Die Iren, die die Seewölfe und Jean Ribaults Männer in der Kneipe getroffen hatten, hatten verschiedene kernige Dialekt-Bezeichnungen für diesen Treffpunkt von Fischern, Beachcombern und Galgenstricken. Einige von diesen Wörtern schienen fast zärtlich gemeint zu sein, andere wieder waren unzweifelhaft die übelsten Schimpfwörter.

Die Männer der „Isabella“ und der „Vengeur“ hatten etwa bis Mitternacht immer wieder versucht, dieses wilde Kauderwelsch der Iren zu übersetzen. Ein paar von Mutter Natur gut ausgestattete Mädchen hatten sich als Dolmetscherinnen versucht, es hatte eine Menge Spaß gegeben, aber wie die Kneipe hieß, hatten die Seewölfe und „Vengeur“-Männer trotzdem nicht herausgekriegt.

Es gab möglicherweise hundert Dialekte in ganz Irland, vielleicht auch noch mehr, und weder Hasard noch Jean Ribault und Karl von Hutten hatten einen Iren in ihren Crews. Gordon McLinn, der Schotte von der „Vengeur“, konnte da auch nicht weiterhelfen, denn erstens war er kein Schnelldenker, sondern eher das Gegenteil davon, und zweitens bestand zwischen dem schottischen Denken, der schottischen Mentalität, den schottischen Dialekten und dem irischen Denken, Sein, Handeln und Sprechen ein so großer Unterschied wie zwischen den Sitten und Bräuchen der Araber und der Chinesen.

So jedenfalls hatte es der Kutscher in dieser Nacht ausgedrückt, und der Kutscher, der ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen war, mußte es ja schließlich wissen.

Reines Englisch sprachen die Iren selbstverständlich nicht, denn das wäre schon schlimmer als eine Nestbeschmutzung gewesen. Wer sein Leben in Irland liebte, der sprach Dialekt.

Dialekt sprachen auch die Mädchen, aber es gab eine Art von Zeitvertreib, bei der es nicht vieler Worte bedurfte, wo man sich auch nur mit Gesten auf Anhieb verstand. Schon als Dolmetscherinnen sehr hilfsbereit, hatten sich die kichernden Ladys nach einem gerüttelt Maß an Bier und Whiskey und gegen gute Bezahlung schließlich auch in anderer Hinsicht als sehr bereitwillig erwiesen.

Im Obergeschoß der Kneipe von Westport gab es ein paar Kammern, die für Hilfsbedürftige und barmherzige Samariterinnen eingerichtet waren und stundenweise vermietet wurden.

Da die Zahl der Dolmetscherinnen begrenzt war, hatte man um deren Gunst feilschen und buhlen müssen, und fast hätte es da noch Streit mit den hitzigen Iren gegeben.

Viele hatten den Anschluß ganz einfach verpaßt und ihren Kummer darüber im Bier und Whiskey ersäuft. Einer von diesen vielen war Eric Winlow, der Koch der „Vengeur“. Seine Muskeln hatten den Schönen zwar mächtig imponiert, aber mit seiner Glatze war weitaus weniger Staat einzulegen, und schließlich hatte Roger Lutz, dieser Weiberheld, ihm glatt den Rang abgelaufen.

Da hatte es auch nichts genutzt, daß Eric seine bratpfannengroßen Fäuste drohend geschüttelt hatte. Roger hatte nur darüber gelacht. Er wußte ganz genau, daß Eric ihm niemals auch nur einen einzigen Hieb verpassen würde.

Mit Grand Couteau, Rogers Freund, hatte Eric sich dann aber doch fast in die Wolle gekriegt. Eingeschnappt hatte sich Winlow an einen Tisch zurückgezogen und noch mehr Bier und Whiskey in sich hineingeschüttet.

Er wäre fast am Tisch eingeschlafen, aber der Wirt hatte die ganze Bande am Ende aus der Schankstube verwiesen. Und da Eric Winlow keine Lust verspürt hatte, an Bord der „Vengeur“ zurückzukehren, hatte er sich seufzend nach einem anderen „Bett“ umgesehen.

Somit wären wir wieder bei dem Heringsfaß, das umgekippt vor der grauen Mauer der namenlose Kneipe lag.

Winlow hatte sich in dem Faß verkrochen, ein schmollender Eremit, voll Weltverachtung, die Hände über dem Bauch gefaltet, die Beine an den Leib gezogen. Das Faß war geräumig genug für seine Körperfülle, und er hatte die Nacht soweit gut verbracht. Erst im Morgengrauen wurde er höchst unsanft geweckt.

Der Sturmwind aus Südwest hatte das Faß beständig gegen das Mauerwerk der Spelunke gedrückt. Plötzlich aber spielte der Wettergott verrückt, vielleicht tanzte er höchstpersönlich um die Stätte des Lasters herum. Ein tückischer Fallwind griff nach dem Faß. Er hatte Kraft genug, es ein Stück von der Hausmauer fortzubewegen – und dieser Schub genügte schon.

Leicht abschüssig war das Kopfsteinpflaster des Kais, der sich vor der Front der Kneipe erstreckte. Das Faß begann zu rollen und gewann immer mehr an Fahrt.

Es näherte sich unaufhaltsam den gurgelnden und zischen Fluten der Clew Bay.

Eric Winlow wachte auf und wollte aussteigen, aber irgendwie verklemmten sich seine Beine. Er steckte fest. Alles um ihn herum wirbelte wie verrückt, und das war noch schlimmer als der Vollrausch, den er soeben halb ausgeschlafen hatte.

„He!“ brüllte er und: „Halt!“

Aber das nutzte nichts. Das Faß rumpelte über die Katzenköpfe und war am Rand der Kaimauer angelangt. Es kullerte darüber weg, schwebte für einen Moment in der Luft und sauste, den Naturgesetzen entsprechend, im freien Fall abwärts.

„Himmel, Arsch“, tönte es aus dem Faß. „Ja, was, zum Teufel, ist denn hier eigentlich los? Ich …“

Mehr kriegte der gute Eric nicht heraus, denn sein Nachtlager klatschte ins Hafenwasser und riß ihn mit in die Tiefe. Eric sah, wie’s dunkel wurde, er sah auch mit weit aufgerissenen Augen noch, wie das Wasser eindrang – dann schluckte er einen tüchtigen Schwall davon.

Die Verzweiflung vollbringt oft Wunder. Erics verklemmte Beine kamen plötzlich frei, er strampelte und boxte, glitt aus dem verdammten Ding heraus, arbeitete wie ein Wilder, gewann Abstand zu dem Faß, das ihm paradoxerweise zu folgen schien – und dann nahm ihn die Auftriebskraft des Wassers mit an die Oberfläche.

Japsend tauchte er auf. Er trat Wasser, spuckte einen Schwall von dem salzigen Naß aus, blickte sich um und sah zwei Dückdalben und eine Pier, auf die er zuhielt.

Er versuchte an einem der Pfähle hochzuklimmen, rutschte aber immer wieder wegen des dichten Algenbewuchses ab. Er fluchte entsetzlich, probierte es noch einmal, schaute dabei auf – und entdeckte ein wüstes, narbiges Gesicht, das sich über den Rand der Pier ihm entgegenschob.

„Himmel, nein“, ächzte Jean Ribaults Schiffskoch. Er rutschte wieder ab, landete klatschend im Hafenbecken und schluckte um ein Haar erneut Wasser. „Ein Ungeheuer“, keuchte er. „Ein Monstrum. O Gott, ich bin schon in der Hölle gelandet.“

„Bist du noch ganz dicht?“ sagte eine Stimme von oben.

Irgendwie kam Eric diese Stimme bekannt vor. Er hielt sich an den Dalben fest, verengte die Augen und blickte noch einmal nach oben.

Diesmal glaubte er Luke Morgan über sich zu erkennen, den kleinen dunkelblonden Mann aus der Seewolf-Crew.

„Luke, bist du’s?“ fragte er vorsichtig.

„Sicher. Bist du blind, oder hast du Schlick auf den Augen? Mann, was ist denn mit dir passiert?“

Eric hatte das Faß rechts neben sich erspäht. Er hob einen Fuß aus dem Wasser, verpaßte dem verfluchten Ding einen Tritt und antwortete: „Nichts ist passiert. Wie ist es, hilfst du mir hier jetzt ’raus oder nicht?“

„Das wollte ich ja tun“, sagte Luke.

Eric unternahm eine neue Turnübung, streckte die Hand nach Lukes Rechter aus und hievte sich auf die Pier. In der Endphase dieses Manövers sah es beinah so aus, als müsse Luke die Balance verlieren und zu dem Glatzkopf ins Hafenwasser stürzen, aber dann ging erstaunlicherweise doch alles gut. Eric Winlow richtete sich neben Luke auf und stieß einen grunzenden Laut der Erleichterung aus.

Triefend naß stand er da in der rauhen irischen Septemberluft. Einem anderen an seiner Stelle wäre es sicher eisig kalt geworden.

Nicht so Eric: Er kochte sozusagen vor Wut über das erlittene Mißgeschick. Sein Schädel schien zu glühen, jedenfalls hatte er dieses Gefühl.

Luke sah an der Miene des glatzköpfigen Kochs, wie es in dessen Innerem arbeitete. Eine Weile standen sie so da. Luke beobachtete Eric von der Seite, der Sturmwind zerzauste Lukes Haare und pfiff über Erics Glatze hinweg, als wolle er sie glattpolieren wie einen Brocken Marmor.

Schließlich sagte Luke: „Tief Luft holen, Eric. Ist ja noch mal gut gegangen. Nimm’s nicht so schwer. Kann doch jedem mal passieren. Schlimmer wär’s gewesen, wenn du abgesoffen wärst.“

„Tja. Was hätte ich dann wohl gemacht?“ brummelte Eric.

„Gutes Fischfutter hättest du abgegeben.“

„He?“

„Vielleicht hätten sich Aale durch deine Leiche gefressen“, meinte Luke unbekümmert. „Hier in der Nähe mündet ein Fluß in die Bucht, und ich hab mir sagen lassen, die Aale wimmeln auch im Hafen von Westport ’rum und …“

„Hör auf“, sagte Eric. Seine Stirn furchte sich drohend. „Hör bloß auf, mir kommt’s gleich hoch.“

„Wieso bist du eigentlich in den Teich gefallen?“ erkundigte sich Luke. „Willst du das nicht endlich mal erzählen?“

„Wie, das hast du nicht mitgekriegt?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Und die anderen?“

„Die auch nicht. Merkst du nicht, daß es immer noch regnet? Daß Nebelschleier über der Bucht und der Stadt hängen?“

Eric schaute sich um. „Richtig. Mann, ich mit meinem Kater habe das gar nicht bemerkt. Ist das eine Milchsuppe heute früh! Man kann weiter spucken als gucken …“

„Fein hast du das gesagt, und es reimt sich sogar“ erwiderte Luke Morgan.

Eric musterte sein Gegenüber argwöhnisch. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

„Nein, will ich nicht. Ich will wissen, wie dir das passiert ist. Bist du ausgerutscht?“

Eric überlegte. Die Angelegenheit war ihm peinlich, aber keiner schien gesehen zu haben, wie das Faß von der Kneipe ins Hafenbecken rollte. Also konnte er ruhig ein wenig flunkern.

„Das war so“, erklärte er. „Ich hatte mich zum Pennen in irgendeinen Keller verkrochen, aber dann wurde es hell. Ich wachte auf und kriegte einen Mordsschreck. Um bis zum Wecken rechtzeitig an Bord der ‚Vengeur‘ zu sein, lief ich los, geriet wohl zu nah ans Wasser und wurde von einer Bö vom Kai gerissen. Dann …“

„Dann hörten wir alle jemanden fluchen, und ich rannte los, um nachzusehen, was los ist“, sagte Luke.

„Sehr richtig“, ertönte eine Stimme hinter seinem Rücken. „Und wenn du noch lange ’rumstehst und mit Winlow herumpalaverst wie ein Waschweib, statt uns bei der Arbeit zu helfen, Morgan, du Rübenschwein, ziehe ich dir deine Hammelbeine lang und die Haut in Streifen von deinem verdammten Affenarsch, kapiert?“

„Aye, Sir“, sagte Luke.

Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer da hinter ihnen auf der Pier erschienen war, um nach dem Rechten zu sehen. Nur einer verfügte über eine so blumige Ausdrucksweise und einen so wunderbaren Wortschatz – Edwin Carberry, der Profos der „Isabella“.

4.

Obwohl Eric Winlow nicht zu seiner Crew gehörte, ließ Carberry auch ihn nicht ungeschoren.

„Winlow!“ brüllte er. Brüllen war bei ihm gleichbedeutend mit ganz normalem Sprechen. „Winlow, konntest du dir keinen besseren Augenblick aussuchen, um in die stinkende Brühe hier zu fallen? Bist du total besoffen?“

„Nicht mehr“, entgegnete der Glatzkopf.

Carberry blickte angestrengt durch die Dunstschleier ins Hafenwasser und sah das Heringsfaß auf den Wellen schaukeln. „Ausgerutscht und ’reingekippt, was, wie? Und was ist das da?“

„Was denn?“ fragte Luke scheinheilig.

„Das da – das ist ja ein Faß“, polterte der Profos.

„Was für ein Faß?“ erkundigte sich Eric, der seine ganze schöne Geschichte schon in die Brüche gehen sah.

Luke, der längst begriffen hatte, was das Faß mit Eric zu tun hatte, leistete dem Glatzkopf Schützenhilfe: „Also, es ist so verdammt neblig hier, ich kann einfach kein Faß erkennen.“

„Ich auch nicht“, fügte Jean Ribaults Koch sofort hinzu.

Carberry wandte sich ab. „Ihr könnt mir kreuzweise den Buckel ’runterrutschen“, sagte er. „Und jetzt folgt mir gefälligst, oder es gibt Ärger, und zwar mächtigen.“

Sie marschierten in Kiellinie hinter ihm her, und Eric grinste Luke zu. „Fast hätte ich’s vergessen“, meinte er. „Vielen Dank für die Hilfe.“

„Gern geschehen“, erwiderte Luke Morgan. „Aber warum hast du dir so fürchterlich einen hinter die Binde gegossen, daß du jetzt noch halb blau bist?“

„Ach, das liegt alles nur an den Weibern“, klagte Eric. Er war gerade richtig in Fahrt und erzählte Luke freimütig, was sich an dem Tisch der Kneipe, an dem er gesessen hatte, abgespielt hatte.

„Sieh mich doch mal an“, sagte Luke. „Was soll ich denn erst sagen? Mich läßt vorläufig auch die allerletzte Hafenhure abblitzen. Aber ich mache mir einfach nichts daraus.

Nein, schön sah er nicht aus, das hatte Eric ja schon vom Hafenbekken aus deutlich zum Ausdruck gebracht. Lukes Gesicht war von Brandnarben verwüstet, denn bei dem Angriff der Brander auf die spanischen Schiffe vor Calais hatte er eins der Höllenschiffe gesteuert und war am schwersten verletzt worden.

Eric dachte darüber nach und befand, daß das Leben eigentlich doch noch seine schönen Seiten hatte, besonders nach einem morgendlichen Bad in der Clew Bay. Fast heiter erreichte er mit Carberry und Luke Morgan die Pier, an der die „Isabella VIII.“ und die „Vengeur“ fest vertäut lagen, und verfolgte halb belustigt, halb überrascht, wie die Kameraden Fässer und Kisten an Bord der Schiffe mannten.

Fast schlafwandlerisch sicher bewegten sich die Männer über die Gangways auf die schwankende Galeone und Karacke, und ein sehr dikker, sehr unsympathischer Mensch stand etwas abseits und taxierte die harten Kerle mit seinem Blick.

Der Seewolf, Jean Ribault und Karl von Hutten hielten sich in der Nähe des dicken Kerls auf. Sie schienen ziemlich vergnügt über irgend etwas mit ihm zu reden.

„Was geht hier denn vor?“ sagte Eric Winlow. „Was sind das für Fässer und Kisten?“ Von Fässern hatte er genug, aber seine Neugier war doch geweckt, wenn der Anblick des Dicken ihm auch Unbehagen bereitete.

Carberry war stehengeblieben. Er drehte sich zu Eric um und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Noch mehr Fragen, Kombüsenhengst?“

„Ja. Wer ist der Fettwanst, und wieso glotzt er unsere Leute so dämlich an?“

Carberry tat einen Schritt, dann stand er ganz dicht vor Eric. Luke hatte sich unterdessen den anderen zugewandt und berichtete ihnen, daß er Eric aus dem Hafenbecken gezogen hätte, wobei er das Faß natürlich verschwieg. Die Seewölfe und die Männer der „Vengeur“ grinsten und blickten zu Carberry und Winlow, die sich wie feindselige Stiere gegenüberstanden.

Über ihren Köpfen flatterte Sir John, der karmesinrote Aracanga, im Sturmwind. Es war wirklich ein ergötzliches Bild.

Carberry blieb ganz ruhig. „Der Fettwanst ist Sir Richard Bingham, der sogenannte Stadtgouverneur in diesem elenden Nest. Hasard und Jean haben eine Flasche edlen irischen Whiskey mit ihm ausgesoffen, und dabei sind sie zum Schein auf einen miesen Kuhhandel eingegangen, den er ihnen vorgeschlagen hat. Dafür läßt der Hundesohn jetzt Proviant und Trinkwasser in rauhen Mengen springen, und außer dem Wasser auch noch ein paar andere Fässer, die ein Kombüsenhengst und Heringsbändiger wie du ganz besonders schätzen sollte.“

„Ach“, sagte Eric. Sonst fehlten ihm die Worte.

„Und jetzt schieb ab, Mister Winlow, und bereite deinen Männern ein ordentliches Frühstück, wie es sich für einen Kesselschwenker gehört. Ich weiß, ich habe dir eigentlich keine Befehle zu erteilen, Mister Winlow, aber ich rate dir trotzdem, so schnell wie möglich zum Dienst anzutreten, sonst rauht es im Schapp.“

Eric wußte, daß es gefährlich wurde, wenn Carberry jemand mit „Mister“ und mit seinem Nachnamen anredete, und er legte keinen Wert darauf, sich mit dem Profos der „Isabella“ zu streiten. Er hatte ohnehin ein schlechtes Gewissen – wegen der Sache mit dem Heringsfaß und seinem viel zu spätem Aufkreuzen.

Schleunigst setzte er sich wieder in Marsch. Er nahm Roger Lutz, diesem Weiberheld, ein dickbäuchiges Faß ab, schleppte es mühelos über die Pier, balancierte es vom Laufsteg an Bord der „Vengeur“ und transportierte es in die Kombüse, von der es auch in die Vorratsräume der Zweimast-Karacke hinunterging.

Er bugsierte das Faß in einen Vorratsraum und begegnete Jan Ranse und Piet Straaten, den beiden Holländern, die auch mit zugepackt hatten und gerade zwei Kisten auf die Planken stellten. Eric setzte sein Faß ab. Er brauchte nur daran zu schnuppern, um zu wissen, was darin schwappte: echter irischer Whiskey – W-h-i-s-k-e-y. Plötzlich war seine Abneigung gegen Fässer dahin, und er dachte daran, daß man nach einer durchzechten Nacht wieder mit dem anfangen sollte, mit dem man aufgehört hatte.

„Es ist auch Bier da“, meldete Jan Ranse, der Steuermann der „Vengeur“.

„Und Wein“, ergänzte Piet Straaten, der Rudergänger. „Außerdem haben wir Schinken, Dauerwurst, Speckseiten, Fässer mit Mehl, Zucker und Salz, Eier, Brot, Frischgemüse, Weinkraut, Gänse, Hühner und Kaninchen.“

„Tot?“ fragte Eric.

„Wer soll tot sein?“ stieß Jan Ranse verdutzt aus.

„Die Gänse, Hühner und Kaninchen natürlich“, sagte der Glatzkopf. „Wer denn sonst?“

Die Holländer deuteten schweigend auf ein paar fix und fertig ausgenommene und gerupfte Tiere, die an einem der Deckenbalken aufgehängt worden waren. Piet und Jan grinsten, weil Eric sich darüber ärgerte, daß er die Biester nicht gleich entdeckt hatte. Dann grinste auch Eric, denn er vernahm aus dem Nebenraum deutliches Gegacker.

„Tolle Vorräte“, sagte er. „Und auf der ‚Isabella‘ stopfen sie die Vorratskammern mit dem gleichen Zeug voll?“

„Darauf kannst du Gift nehmen, Eric“, sagte Roger Lutz, der soeben mit einem dicken Packen auf der Schulter den Raum betreten hatte.

„So“, meinte Winlow, indem er sich umdrehte. „Aber ich nehme lieber einen anständigen Whiskey zur Brust, wenn du’s wissen willst. Und jetzt heize ich die Kombüsenfeuer an und bereite euch Kakerlaken ein Frühstück, von dem ihr schon lange träumt.“ Er sah, wie Lutz, der Franzose, unter der Last schnaufte, und fügte hinzu: „Du scheinst es ja besonders nötig zu haben, dich zu stärken, Roger. Ist ja auch klar, bei dem Energieverlust von heute nacht.“

Eric hatte die Lacher auf seiner Seite.

Natürlich war etwas faul mit Luis de Bobadilla. Kapitän Pedro de Mendoza litt keineswegs unter Einbildungen. Aber noch lag de Mendoza in seiner Koje und holte nach, was er seit vier Tagen versäumt und eigentlich seit den Vorfällen vor Calais schon nicht mehr richtig getan hatte: Er schlief ein paar Stunden fest durch.

De Bobadilla indessen war schon wieder auf den Beinen, ausgeruht, ziemlich munter und guter Dinge. Er war froh darüber, daß de Mendoza bisher keine Gelegenheit gefunden hatte, ihn genauer zu befragen. Aber er hatte auch keinerlei Zweifel, daß der Kapitän in Kürze entweder in seiner Kammer auftauchen oder ihn zu sich rufen würde, um ihm auf den Zahn zu fühlen und kräftig auf die Finger zu klopfen. Denn wenn erst genaue Recherchen angestellt wurden, konnte er, de Bobadilla, nicht mehr geheimhalten, was er in den vergangenen Wochen immer wieder getan hatte.