Sterben ist Mist, der Tod aber schön - Gabriele Wohmann - E-Book

Sterben ist Mist, der Tod aber schön E-Book

Gabriele Wohmann

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10,99 €

Beschreibung

Was ist eigentlich die ideale Frisur für das Jenseits?, fragt sich die Grande Dame der Kurzgeschichten. Auch wenn das Sterben natürlich eine traurige Perspektive ist, hat sie kein Buch von Traurigkeit geschrieben, denn sie erzählt von dem, was sie erhofft, wenn das irdische Leben zu Ende ist. Sie erzählt vom Jenseits alltäglich und zugleich so verzaubernd schön, dass man die Erdenschwere schon einmal vergessen kann. Naiv ist das aber nicht. Denn immer wieder unterbricht sie ihr Wünschen, bekennt sich zu Zweifeln, Angst und Skepsis. So sind traumartige Skizzen vom künftigen Leben entstanden, die glaubwürdig sind. Gabriele Wohmanns Träume vom Himmel ermuntern dazu der Sehnsucht zu trauen, dass der Schlusspunkt der Anfang ist - der Anfang von etwas ganz Anderem.

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Seitenzahl: 148

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Gabriele Wohmann
Sterben ist Mist, der Tod aber schön
Träume vom Himmel
Aufgezeichnet und mit einem Nachwort versehen von Georg Magirius

© KREUZ VERLAG

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-33692-8

ISBN (Buch) 978-3-451-61023-3

Berührungen mit dem Unfassbaren – Vorwort von Georg Magirius

Berührungen mit dem Unfassbaren
Vorwort von Georg Magirius

Dies ist kein Buch von Traurigkeit, auch wenn das Sterben natürlich eine traurige Perspektive ist. Gabriele Wohmann jedoch erzählt von dem, was sie erhofft, wenn das irdische Leben zu Ende ist. Ihre Gedanken können eine Glückszufuhr für jene sein, die mit dem Hier und Jetzt alleine nicht zufrieden sind. Ihre Träume bieten Blicke in ein fernes, unbekanntes Land, das viele Namen trägt: Vollendung, Ruhe, Erlösung, Jenseits, ewige Heimat, Auferstehung, Himmelreich. Das aber sind Begriffe, sie bleiben immer ein wenig allgemein und unkonkret.

Ganz anders bei Gabriele Wohmann: Sie erzählt vom Jenseits alltäglich, zugleich so verzaubernd schön, dass man die Erdenschwere schon mal vergessen kann. So ist es wenigstens mir ergangen während unserer Unterhaltungen über den Himmel. Von den Besuchen bei ihr und der Entstehung des Buches gibt das Nachwort Auskunft. Um die Himmelsausflüge bat ich sie, weil ich beim Lesen ihrer Romane und Erzählungen immer wieder auf Passagen gestoßen bin, die die Hoffnung aufs Himmelreich mit überraschenden Farben ausmalen. Der von ihr so scharf gezeichnete Alltag öffnet sich, das Fassbare geht über ins Unfassbare. Und im dann nur noch vermeintlich Vordergründigen leuchtet die Sehnsucht auf Vollendung auf. So berührt sie das Unsichtbare.

Warum aber findet Gabriele Wohmann so viele Bilder für das himmlisch Schöne, wo sie doch keine Theologin ist? Vielleicht weil sie sich nicht an die verbreitete Sitte hält, die Hoffnung aufs Jenseits im Ungefähren zu belassen. Sie erzählt mit dem Mut der Dichterin, kindlich leicht, auf biblische Weise visionär und erfrischend originell von dem, was aus den Zwängen der Vergänglichkeit befreien kann. Naiv ist das aber nicht. Denn immer wieder unterbricht sie ihr Wünschen, bekennt sich zu Zweifeln, Angst und Skepsis. So sind traumartige Skizzen vom künftigen Leben entstanden, die glaubwürdig sind. Sie laden ein, sich seiner Ängste und himmlischen Wünsche nicht zu schämen, mögen sie auch kuriose Züge tragen. Gabriele Wohmanns Träume vom Himmel ermuntern der Sehnsucht zu trauen, dass der Schlusspunkt der Anfang ist, der Anfang von etwas ganz Anderem.

Dann geht der Vorhang erst richtig auf

Ein Buch über den Himmel schreiben würde ich nicht, schließlich bin ich keine Theologin. Erzählen kann ich aber schon, wenn mich jemand anstiftet, nachfragt, mit mir auf die Suche geht. Das geschieht aber so gut wie nie, auch Theologen tun das nicht – leider. Also habe ich selbst immer mal wieder Pfarrer gefragt, welche Vorstellung sie vom Jenseits haben. Sie schweigen, weichen aus, sind überfordert, kommen mit irgendwelchen Formeln und abgeklärten Sätzen. Aber bei Ihnen ist das nun ganz anders, endlich einmal ein Theologe, mit dem ich über den Himmel reden kann. Vielleicht weil Sie Fantasie haben? Ich kenne ja Ihre Erzählungen Sein wie die Träumenden, diese Geschichten vom Aufstehen und Auferstehen. Eine wunderbare Traumeinladung für mich mit vielen Glücksmomenten! Auch eine Traumerlaubnis, weil in der Bibel das ja offenbar auch geschieht, dass man sich auf ernste und doch auch spielerische Weise Gedanken vom Jenseits macht.

Sie meinen, auch wenn ich kein Buch vom Himmel geschrieben habe, taucht es doch in meinen Romanen und Erzählungen immer wieder auf? Das kann schon sein, liegt aber oft Jahre zurück, das weiß ich nicht mehr so genau. Lesen Sie es mir doch vor.

Ist das nicht eine Vorhölle und eine Trübseligkeit ohne gleichen? Was für klägliche Bindungen an die Erde, wenn es keinen Himmel mehr gibt. Es wäre doch so unheimlich viel erlösender, wenn nicht derart verzweifelt an einem so schauerlich verkleinerten Dasein gehangen werden müsste. Wieso liegt ihm so viel an der heutigen Qualität der Spargelstangen, die meine Mutter vom Markt mitgebracht hat, warum fragt er: Wann gibt’s Essen, wann besucht ihr uns, ist die Post schon da gewesen? Wenn doch der Tod eine, ja die einzige Hoffnung wäre, das endgültige Ziel dieser letzten Gefühlskräfte, die ersehnte Stunde, nach der etwas überhaupt erst eintrifft, stattfindet, eingelöst wird, etwas Ewiges, ENDLICH ENDLICH – Trost-Aria, endlich das nahe Unendliche. Das zum ersten Mal Richtige, nach dem Tod, das, wofür die ganze lebenslange Zappelei sich gelohnt hat.

Aus dem Roman Schönes Gehege (1975)

Für mich ist es eine furchtbare Vorstellung, dass alles im Hier und Jetzt sein müsse. Das kann niemand erreichen. Wenn es schön ist, dann ist es vorübergehend, sehr vorübergehend. Der Augenblick ist das jeweils Entscheidende. Dann kommt der nächste Augenblick und schon ist es wieder vorbei. Dass es aber konstant schön, ideal und wunderbar ist, das kommt hinterher, nach dem Tod: »Dann geht der Vorhang erst richtig auf.« Das hat Karl Barth zu einem Studenten gesagt, der große Angst vor dem Tod hatte. Das ist die kreatürliche Angst eines jeden Lebewesens vor dem Tod oder besser vor dem Sterben. Denn den Tod würden die meisten Leute nicht fürchten, egal ob Atheisten oder fromm, aber das Sterben! Das ist auch wahr, das macht Angst.

Ein Pfarrer hat mich einmal belehrt. Ich habe nämlich »Dein Reich komme« aus dem Vaterunser immer auf das Himmelreich bezogen, er aber sagte: »Dein Reich komme« – das gilt hier und jetzt auf Erden. Das wird sich aber meiner Meinung nach nicht erfüllen. Es lässt sich nicht erfüllen, wenn man den Globus betrachtet, wozu wir heutzutage gezwungen sind. In der Goethe-Zeit konnten wir vielleicht noch denken: Es ist alles so weit in Ordnung auf dem Globus. Aber dass die Vollendung hier auf Erden stattfindet, kann ich nicht glauben. Und dann immer wieder dieses Beten für den Frieden, das kommt mir dermaßen kindisch vor! Das tut leider auch der Papst, der gescheite Mann. Aber es ist doch vollkommen aussichtslos, dass hier jemals Frieden sein würde. Nie! In unsern Herzen vielleicht, aber nicht wirklich zwischen Menschen. Das kann man schon in jeder zweiten Ehe beobachten, dass das nicht möglich ist. Auf dem Globus wimmelt es von Kriegsschauplätzen – immer. Wenn für Frieden gebetet wird, dann sind immer die größeren Angelegenheiten gemeint, aber nicht die kleinen Auseinandersetzungen, die genauso blutig und grauenvoll sind. Das halte ich für ein Ausweichmanöver, weil dann jeder denkt, er habe etwas Gutes getan. Hauptwunsch? Frieden! Ich glaube den Leuten auch nicht, wenn sie das sagen. Selbst die kleinen Kinderchen werden schon gefragt: Was wünschst du dir am meisten? Dann sagen sie brav: »Dass die Menschen Frieden haben untereinander.« Das Kind wünscht sich doch ein neues Fahrrad oder ein Mountainbike, aber nicht Frieden!

Das Reich Gottes hier erarbeiten zu wollen, halte ich für wahnsinnig naiv. Es missfällt mir gerade bei vielen evangelischen Pfarrern, dass sie über alles Mögliche reden, über Pädagogik, Soziales und Ökologisches, aber nicht über Gott, Himmel, Jesus. Warum diese Angst, wirklich ernst zu machen? Warum immer so drum herumreden? Da wird mit Metaphern ausgewichen vor den eigentlich doch wahren Begriffen und einfachen schönen Worten: Jesus muss mindestens als Mittelstürmer oder Torwart auf dem Fußballplatz stehen: Würden die Leute es denn nicht auch so begreifen, was der Pfarrer meint? Wovor hat er denn Angst? Vielleicht ist er selber überhaupt nicht gläubig genug oder will es nicht ganz sein wollen und können? Ich glaube, weil ich unbedingt nicht nicht glauben will. Als ungläubiger Mensch auf dieser Erde herumzutapsen, wäre mir so zuwider! Ich könnte es überhaupt keinen Tag aushalten.

Man merkt doch immer wieder, dass im Diesseits vieles nicht aufgeht. Immer fehlt etwas. Bei einigen unserer Mitmenschen fehlt viel bis alles. Dann finde ich die Frage furchtbar lästig, störend und kindisch: Wie konnte Gott das zulassen? Ich denke, er hat mit unserem ganzen Menschentreiben hier nichts zu tun, er hat uns diese Erde überlassen. Was wir damit anfangen, ist unsere Sache, ist unsere und nicht Gottes Verantwortung. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Ich will mir jedenfalls meinen Glauben nicht ruinieren lassen, auf gar keinen Fall.

Ein Kern, der auf Vollendung hofft

Man kann sich das alleinige Überleben der Seele nicht vorstellen, das ist etwas, was mir nicht liegt. Ich bin für die Auferstehung im Fleisch – ganz konkret. Ich glaube, es gibt schon so etwas wie einen Kern, eine Winzigkeit in mir, die auf Vollendung hofft. Im Tod löst sich also keine Seele schwebend von mir ab. Ich denke eher an etwas wie eine Nuss oder ein flatterndes Häutchen tief in mir. Aber dann denke ich mir wieder oft, auch beim sogenannten Gebet: Ich bin überfordert. Jetzt komme ich nicht weiter mit den Vorstellungen vom Himmel, wie es meinen Lieben geht und was sie zu Mittag gegessen haben. Es ist nämlich wirklich sehr alltäglich, mein Himmelreich. Dann fallen mir die vielen anderen ein, die auch gestorben sind, und die Überfüllung im Himmel. Und ich gebe auf und sage: Ich kann nicht weiter. Hier bin ich überfordert. Das überlasse ich erst einmal so dem Ungefähren.

Es gibt noch was in mir drin, auch sehr klein, eine harte winzige Nuss oder ein Kern, ich würde vermuten, es ist in der Herzgegend, obwohl es eigentlich in die Seele gehört, aber die ist doch zu bibberig für dieses Allerwichtigste, denn das ist das, was an mir das Göttliche ist. Es sehnt sich nach Vollendung. Nach seiner Todeszukunft der Vervollständigung. Seelenhäutchensegel und Liliputnuss.

Aus der Erzählung Schone meine Seele (2000)

Wenn wir einschlafen, wacht Gott in uns auf

Es gibt eine Ahnung, Glücksmomente mitten im Alltag, himmlische Andeutungen. Aber das Telefonieren gehört nicht dazu, absolut nicht. Ich bin schon manchmal froh, wenn jemand anruft. Es darf sich aber nicht so sehr in die Länge ziehen wie bei Frauengesprächen, das macht mich ungeduldig. Ich bin überhaupt kein sehr geduldiger Mensch – leider. Ich selbst spreche gar nicht lang, ich höre zu. Meine Freundinnen erzählen mir, und das sehr ausgiebig.

Ich stöhne dann auch nicht vor mich hin, so schlimm ist es nicht. Nur manchmal. Mein Tag ist nämlich eingeteilt in bestimmte Arbeitszeiten, Lebenszeiten, Genusszeiten. Das ist ein bisschen starr, das sehe ich auch ein, es ist fast wie ein Korsett. Neulich wollte mich eine Freundin besuchen und hat es auch wahr gemacht. Sie wollte aber erst um halb sieben am Abend kommen. Und das ist nun eigentlich meine Vorbereitungszeit auf den Abendimbiss und nachfolgend die Fernsehnachrichten. Dabei habe ich wieder gemerkt, wie ich in dieses System völlig eingespannt bin, mich darin aber wohlfühle oder überhaupt nur irgendwie existieren kann, wenn es genau so ist. Wenn ich dagegen alles verlaufen lasse, fühle ich mich ganz und gar grässlich.

Ich freue mich auf bestimmte Zeiten innerhalb dieses Tagesablaufs. Eine Lieblingszeit ist um halb elf, wenn ich die zweite oder dritte Gauloise rauche und mit meinem Mann eine kleine Pause mache. Dann muss ich sehen, dass ich mich irgendwie auf die Arbeit konzentriere. Wenn das funktioniert, geht’s mir auch gut, dann fühle ich mich auch morgens wohl. Sonst sind Vormittage manchmal quälend lang, wenn ich faul bin und nicht arbeite. Hausarbeit ist entsetzlich! Ich könnte es jetzt auch körperlich nicht mehr. Dann kommt ein zweiter Glücksmoment: Ich freue mich auf die Mittagessenszeit, wo ich einen gewaltigen Hunger habe und mein Mann was Gutes kocht. Gestern hatten wir Cravatti mit Chili. Cravatti ist eine Nudelart – wunderbar! So bin ich für eine Weile gut untergebracht. Dann: Ich freue mich auf den Espresso, wieder mit der Gauloise. Neuerdings kommt der herrliche Mittagsschlaf dazu, eine sehr wichtige Zeit. Das Einschlafen ist wie Eintauchen ins Himmelreich zu meinen Lieben, die nicht mehr leben: »Was macht ihr denn gerade? Ach, habt ihr jetzt auch gut gegessen?«

Das sind alles kindliche Vorstellungen bei mir, ich sage bewusst nicht kindisch. Ich kriege dabei ein richtiges Kindergefühl, ein Babygefühl. Ich habe diese Verbindung und ich muss sie täglich aufrechterhalten. Wenn ich dazu nicht komme, bin ich verdrossen und nicht ganz ich selber. Ich muss immer diese Verbindung haben! Ich studiere gerade Hebbel, weil ich ein Gedicht interpretieren will für die Frankfurter Anthologie der FAZ. Zuletzt hatte ich Novalis, nun habe ich mir Hebbel vorgenommen wegen seiner depressiven Tagebücher. Und ich habe ein Gedicht gefunden, in dem es um Schlaf geht. Über den Schlaf sagt Hebbel in seinen depressiven Tagebüchern: »Wenn wir einschlafen, wacht Gott in uns auf.« Das ist schön. Ganz anders als dieses »Wacht auf!«, das man immer hört: »Seid frisch! Und jetzt Gymnastik!« Das allmähliche Aufwachen kann ähnlich schön sein wie das Einschlafen, es ist auch ein traumartiger Zustand – irgendwo zwischen Himmel und Erde. Nur kommt dann halt wieder der Tag, da muss man wieder weitermachen.

Es tat dem Kind immer sehr leid, sein warmes Bett zu verlassen. Es zögerte den Abschied hinaus, bis es den Entschluss fasste und sich trennte, das Bettzeug aber wieder über die Schlafhöhle deckte. In der Schlafhöhle sollte nicht nur die Wärme aufbewahrt werden, darin muss auch der Schlafgeruch erhalten bleiben. An sein warmes Bett zu denken, erlaubte es seinem Kopf, denn das war ein Beitrag zur Absicht Schläfrigbleiben, Schlaf schön finden. Es war kaum eigentlich ein Gedanke, es war ein weiches, aus einem verschwundenen Traum übernommenes Gefühl. Glücklich war das Kind, wenn es spürte, dass oben herum sein Nachthemd ein bisschen feucht war vom Schwitzen.

Aus dem Roman Paulinchen war allein zu Haus (1974)

Gemütlich untergebracht beim Fernsehen

Auch am Abend gibt es wunderbare Zeiten in meinem Tagesablauf. Ich freue mich aufs Fernsehen und mein Buch, das ich jeweils gerade lese. Das ist dann auch wieder ein Ziel, worauf man hinarbeiten kann. Ich habe einen Roman mit dem Titel Hol mich einfach ab geschrieben. Und während dieser Zeit habe ich beim Einschlafen immer gedacht: Hol mich einfach ab! Damit war Gott gemeint, und dass ich jetzt sterben will. Schlaf hat viel mit Sterben zu tun. Wenn Sterben so wäre, es wäre wunderbar, das Gleiten in einen Traumzustand hinein, in ein Geborgenheitsgefühl, das man tagsüber eigentlich weniger hat.

Die Struktur des Tages jedenfalls hilft mir, Momente eines Aufgehobenseins zu spüren. Das ist auch bei der Einrichtung so: Die Dinge sollen am richtigen Ort sein, da bin ich sehr anankastisch, penibel, überaufgeräumt. Es muss alles so sein wie immer und ist über die Jahre ähnlich geblieben. Ich mag nicht umräumen. Mein Mann hat immer mal Lust umzuräumen, aber ich bin immer dagegen. Es ist alles an seinem Platz. Das hört sich eigentlich ungeheuer langweilig an! Aber diese gewisse Langeweile brauche ich vielleicht gegen die andere, die schreckliche Langeweile, die der Ennui ist, der Lebensüberdruss. Die meisten bekennen sich ja nicht zur Langeweile, sondern sagen: »Nein, langweilen tue ich mich nie! Ich weiß immer was anzufangen mit mir.« Daran glaube ich nicht ganz oder finde es furchtbar. Langweile muss man auch erlebt haben.

Gegen die schreckliche Langeweile hilft mir das Fernsehen. Auch das ist wieder eine Unterbringung: Zeit vergeht, in der ich nicht viel weiter tun muss als Aufnehmen, Hinglotzen auf manchmal auch blöde Sachen. Aber nicht Fastnacht! Das ist nicht mein Fall. Als Kind habe ich schon mitgemacht. Mit großem Vergnügen haben wir uns verkleidet, meine Schwester, meine Brüder und ich. Das war schon immer sehr schön. Später, in der Pubertät, bin ich zu Fastnachtsbällen gegangen, habe mich verkleidet und verliebt, alle diese Dinge, die dazugehören. Ich habe mich zwar insgesamt, prinzipiell, ein bisschen als Outsider gefühlt, aber doch, wenn ich’s recht überlege, sehr vieles mitgemacht. Und auch gern. Kritiklos.

Beim Fernsehen aber halte ich ein Minimum an Kritikfähigkeit aufrecht. Jeden Morgen gucke ich genau ins Programm, kreuze an, was eventuell sehenswert ist. Oft wenig genug. Meine Begeisterung fürs Fernsehen kommt sicher daher, dass ich von jeher gerne Filme gesehen habe und früher ins Kino gegangen bin. Jetzt ist Kino halt im Haus. Man muss vorliebnehmen mit dem, was man angeboten bekommt, denn ich kann nicht mehr gut aus dem Haus gehen. Also ist das Fernsehen jetzt Ersatz, aber auch sehr gemütlich: Man kann sich bereits präparieren für die Nacht, bis aufs Zähneputzen ist man schon bereit fürs Schlafengehen. Und dann noch fernsehen! Hinterher aber will ich doch noch lesen, was Gescheites tun aus innerer Verpflichtung. Ich habe Angst davor, völlig zu verblöden, weil ja viel Blödsinn im TV gesendet wird. Gestern haben wir eine deutsche Komödie gesehen, die hätte ich genauso gut bleiben lassen können. Da ging’s um zwei Dörfer, die beide keine Ärzte hatten. Ein Investor wollte sich ansiedeln, aber nur wenn auch ein Arzt da wäre. Dann ist ganz zufällig ein Arzt von Berlin nach Rügen gefahren. Und dann haben sie sein Auto blockiert, auch ein Ersatzteil herausgenommen, damit er bloß dabliebe. Er kam dahinter, dass es Sabotage war, blieb aber doch, weil er sich verliebt hat in ein Dorfmädchen und so weiter.

Auch in meinen Büchern findet sich das immer wieder, sagen Sie? Die Figuren schauen gern fern, was man sonst nicht oft bei Schriftstellern findet. Vor allem, dass sie es nicht zugeben, das ist es doch! Warum ich mich traue, es zuzugeben? Ich traue mich halt einfach. Es hat doch keinen Sinn, dass ich in einem Interview dann irgendwas erzähle: Abends sitze ich auch immer noch am Schreibtisch und schreibe letzte Gedichte. Aber es ist nicht das Fernsehen allein, was wunderbar sein kann, sondern dass es kein spartanisches Gucken ist. Ich nehme mir Teile meines Abendessens mit zum Fernsehen. Das ist der Hauptgenuss: irgendetwas in den Mund zu stecken und Bilder zu betrachten.

Die Begeisterung dafür kommt auch daher, weil wir in der Kindheit nach dem Zahnarzt mit Kinogängen belohnt wurden. Dann kam die Nazizeit, da war nicht viel zu machen. Aber dann, als die Amerikaner und die Filme aus Hollywood in die Kinos kamen, bin ich eine leidenschaftliche Kinogängerin geworden. Ich hatte eine Schulfreundin, die wohnte direkt in oder neben einem Kino, ich weiß es nicht mehr so genau. Meine Schwester und ich bekamen Freiplätze. Dauernd sind wir in dieses Belida