Sternenstaub - Nora Roberts - E-Book

Sternenstaub E-Book

Nora Roberts

4,9
9,99 €

Beschreibung

Wenn der Sternenstaub zur Erde fällt, erfüllen sich die geheimsten Wünsche ...

Die selbstbewusste Archäologin Riley hat einen Auftrag: Zusammen mit fünf weiteren Auserwählten muss sie nach Irland reisen, um dort die Suche nach dem letzten Stern, dem Stern des Eises, zu vollenden und das Schicksal aller Welten zu retten. Um die noch fehlenden Hinweise zu finden, vertieft sich Riley in die Geschichte und die Mythen Irlands. Als sie eines Tages in eine gefährliche Situation gerät, ist es der geheimnisvolle Doyle, der sie rettet, und sie kommen einander näher, gefährlich nah. Doch Doyle verschloss einst sein Herz für immer. Wird ihre Liebe trotzdem eine Chance haben? Und werden die sechs Auserwählten es schaffen, ihre Mission zu erfüllen?

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Seitenzahl: 619

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Buch

Die selbstbewusste Archäologin Riley hat einen Auftrag: Zusammen mit fünf weiteren Auserwählten muss sie nach Irland reisen, um dort die Suche nach dem letzten Stern, dem Stern des Eises, zu vollenden und das Schicksal allerWelten zu retten. Um die noch fehlenden Hinweise zu finden, vertieft sich Riley in die Geschichte und die Mythen Irlands. Als sie einesTages in eine gefährliche Situation gerät, ist es der geheimnisvolle Doyle, der sie rettet, und sie kommen einander näher, gefährlich nah. Doch Doyle verschloss einst sein Herz für immer. Wird ihre Liebe trotzdem eine Chance haben? Und werden die sechs Auserwählten es schaffen, ihre Mission zu erfüllen?

Autorin

Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben:Tagelang fesselte sie 1979 ein eisiger Schneesturm in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück – denn inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen derWelt. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Unter dem Namen J.D. Robb veröffentlicht Nora Roberts seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane.

Von Nora Roberts bei Blanvalet bereits erschienen:

Mitten in der Nacht ∙ Das Leuchten des Himmels ∙ Ein Haus zumTräumen ∙ Im Sturm der Erinnerung ∙ Im Schatten der Wälder ∙ Die letzte Zeugin ∙ Ein dunkles Geschenk · Die Stunde der Schuld (geb. Ausgabe)

Die Irland-Trilogie: Töchter des Feuers ∙ Töchter des Windes ∙ Töchter der See

Die Templeton-Trilogie: So hoch wie der Himmel ∙ So hell wie der Mond ∙ So fern wie einTraum

Die Sturm-Trilogie: Insel des Sturms ∙ Nächte des Sturms ∙ Kinder des Sturms

Die Insel-Trilogie: Im Licht der Sterne ∙ Im Licht der Sonne ∙ Im Licht des Mondes

Die Zeit-Trilogie: Zeit derTräume ∙ Zeit der Hoffnung ∙ Zeit des Glücks

Die Ring-Trilogie: Grün wie die Hoffnung ∙ Blau wie das Glück ∙ Rot wie die Liebe

Die Nacht-Trilogie: Abendstern ∙ Nachtflamme ∙ Morgenlied

Die Blüten-Trilogie: Rosenzauber ∙ Lilienträume ∙ Fliedernächte

Die Sterntrilogie: Sternenregen ∙ Sternenfunken ∙ Sternenstaub

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Nora Roberts

Sternenstaub

Roman

Deutsch von Uta Hege

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Island of Glass« bei Berkley, an imprint of Penguin Random House LLC, New York.

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Nora Roberts

Published by arrangement with Eleanor Wilder

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Blanvalet Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Angela Kuepper

Umschlaggestaltung und -abbildung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von photocase.de und Shutterstock.com

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

LH ∙ Herstellung: sam

ISBN: 978-3-641-18959-4 V005

www.blanvalet.de

Für meine Enkelkinder, die der größte Zauber und die Zukunft sind

Er lebt, er wacht –der Tod ist tot,nicht er.

Percy Bysshe Shelley

Den Mutigen hilft das Glück.

Terenz

Einer für alle,alle für einen.

Alexandre Dumas

Prolog

Sie versammelten sich auf dem Berg, hoch über derWelt, unter einem weißen, abwartenden Mond, der an einem sternenübersäten Himmel hing.

Gemeinsam sahen die Göttinnen erst auf die Burg, die auf ihrem eigenen, sanft geschwungenen Hügel thronte, und dann weiter auf das dunkle, spiegelglatte Meer.

»Zwei Sterne sind gefunden und in Sicherheit.« Luna sah zum Himmel auf und fügte dankbar hinzu: »Das Schicksal hat sehr gut gewählt. Die Wächter sind starken, reinen Herzens.«

»Wobei ihre Mission noch nicht beendet ist«, rief Celene ihr in Erinnerung. »Und reine Herzen reichen für die Prüfung, die sie noch bestehen müssen, sicherlich nicht aus.«

»Sie werden kämpfen. Haben sie nicht hinlänglich bewiesen, dass sie kämpfen können, Schwester?«, meinte Arianrhod. »Sie haben ihr Blut vergossen und sehr viel riskiert.«

»Und das werden sie auch weiter tun. Ich sehe neuerliche Kämpfe voraus, bei denen frisches Blut vergossen wird. Nerezza und das von ihr erschaffene Böse trachten nach dem Blut der Wächter und den Sternen, aber damit werden sie sich nicht begnügen. Sie sind auf die völligeVernichtung allerWelten aus.«

»So war es doch schon immer«, stellte Luna leise fest. »In der Tiefe ihres Herzens hat sie damals schon nichts anderes gewollt.«

»Aber sie haben sie geschwächt.« Arianrhod legte eine Hand auf den juwelenbesetzten Griff des Schwertes, das an ihrer Seite hing. »Um ein Haar hätten sie sie zerstört. Ohne den Mann, den sie verwandelt hat, hätten die Wächter sie vernichtet.«

»Haben wir dasselbe nicht schon in der Nacht der Krönung unserer Königin gedacht?«, erinnerte Celene. »In der Nacht, in der die Sterne als Geschenk für sie von uns erschaffen wurden?«

Celene streckte die Arme aus, und in der Tiefe, an dem weißen Strand am Rand der weiten See, flimmerten die Bilder dessen, was in jener Nacht geschehen war.

»In einer Nacht der Freude«, fuhr sie fort, »der Hoffnung und des Glücks. Wir haben die Sterne für die neue Königin erschaffen. Einen Stern aus Feuer, der ihr grenzenloseWeisheit schenken sollte.«

»Einen Stern ausWasser für ein mitfühlendes Herz«, erklärte Luna.

»Und als letzten einen Stern aus Eis für große Kraft«, schloss Arianrhod.

»Wir haben unsere Hoffnungen und Kräfte in unser Geschenk für unsere neue Königin verpackt. Ein Geschenk, auf das Nerezza ihrerseits versessen war.«

An dem weißen Strand unter dem weißen Mond war plötzlich ihre dunkle Schwester aufgetaucht. Und als die Göttinnen die hellen Sterne durch den Himmel hatten fliegen lassen, hatte sie entschlossen einen ihrer dunklen Blitze hinterhergeschickt und sie verflucht.

»Also haben wir sie unsererseits verflucht und sie in eine dunkle Grube stürzen lassen«, fuhr Celene mit rauer Stimme fort. »Aber zerstört haben wir sie nicht. Es stand uns nicht zu, sie zu zerstören, denn für diese Aufgabe, für diesen Krieg sind andere auserkoren.«

»Wir konnten nur die Sterne schützen, aber das haben wir getan«, rief Luna in Erinnerung. »Nerezza konnte sie vom Himmel holen, aber trotzdem haben wir sie beschützt. Wir haben dafür gesorgt, dass sie imVerborgenen vom Himmel fielen und von niemandem gefunden werden konnten.«

»Bis diejenigen, die von uns abstammen, gemeinsam in den Kampf gezogen sind, um sie zu finden und auch weiterhin vor Schaden zu bewahren.« Arianrhod umfasste ihr Schwert noch fester. »Gemeinsam kämpfen sie gegen die Dunkelheit und wagen alles, um dieWelten vor dem drohenden Unheil zu bewahren.«

»Weil ihre Zeit gekommen ist«, stimmte Celene ihr zu. »Sie haben den Feuerstern aus seinem Stein befreit und denWasserstern vom Grund des Meeres heraufgeholt. Doch die letzte Prüfung steht den Wächtern noch bevor. Genau wie unserer dunklen Schwester und der ruchlosen Armee, die ihr zu Diensten ist.«

»Egal, wie stark sie sind und welche Gaben sie besitzen, ziehen sie gegen eine Göttin in den Kampf.« Luna presste eine Hand auf ihre Brust. »Und wir können nur zusehen und warten, was geschieht.«

»Es ist ihr Schicksal«, gab Celene zurück. »Wobei in ihrem Schicksal auch das Schicksal allerWelten lebt.«

»Die Zeit der Wächter ist gekommen.« Arianrhod nahm die Schwestern bei den Händen. »Und wenn sie auch weiter weise, stark und reinen Herzens sind, bricht unsere eigene Zeit womöglich schon bald an.«

»Der Mond ist voll, die Wölfe heulen.« Celene zeigte auf den Kometen, der in diesem Augenblick über den Himmel schoss. »Und sie sind wieder unterwegs.«

»Wobei die alteTapferkeit sie weiterhin begleitet«, meinte Arianrhod.

»Und da!« Luna wies über das weite, dunkle Meer auf einen Fleck, an dem ein helles Licht aufblitzte und erstarb. »Sie sind in Sicherheit.«

»Zumindest für den Augenblick.« Celene winkte mit einer Hand und löste so die Bilder, die sie hatten sehen können, wieder auf. »Am besten schauen wir nicht mehr zurück, denn heute fängt die Zukunft an.«

1

Wenn ein Mann nicht sterben konnte, hatte er nicht viel zu fürchten. Und nachdem er während seines langen Lebens als Soldat die eine um die andere Schlacht geschlagen hatte, schreckte ihn nicht einmal der Gedanke, gegen eine Göttin in den Krieg zu ziehen. Zwar war er von Natur aus eher ein Einzelgänger, aber als Soldat war ihm bewusst, dass er den Menschen, die an seiner Seite kämpften, unbedingteTreue schuldig war.

Der Mann, der Einzelgänger, der Soldat, der hatte miterleben müssen, wie sein kleiner Bruder einer dunklen Zaubermacht erlegen war, und dessen eigenes Leben durch den Kampf gegen die kranke Gier einer verrückten Göttin ein für alle Mal aus dem Gleichgewicht geraten war, war sich des Unterschiedes zwischen Licht und Dunkel hinlänglich bewusst.

Er hatte keine Angst davor, noch blutend von der letzten Schlacht von einem Mitstreiter durch Raum und Zeit katapultiert zu werden, aber wirklich angenehm war diese Art des Reisens nicht.

Durch den wild wirbelnden Wind hindurch, geblendet von dem gleißend hellen Licht und trotz desTempos, bei dem ihm der Atem stockte (auch wenn es ihn zugegebenermaßen gleichzeitig berauschte), spürte er, dass die Kameraden dicht an seiner Seite waren. Der größte Zauberer, dem er während seines langen Lebens je begegnet war. Die Seherin, die gleichzeitig das Band war, das denTrupp seit Monaten zusammenhielt. Die charmante, mutige, herzensgute und vor allem mehr als ansehnliche Meerjungfrau. Der Reisende, der mutig und loyal und obendrein ein Meisterschütze war. Und nicht zuletzt die Frau, die sich in einenWolf verwandelt hatte, als direkt vor ihrer überstürzten Abreise derVollmond aufgegangen war.

Eilig hatten sie die Schönheit Capris und die dort geschlagenen Schlachten hinter sich gelassen, doch das laute Heulen, das dieWolfsfrau ausstieß, klang nicht ängstlich, sondern kündete vom selben atavistischenVergnügen an dem Flug durch Raum und Zeit, wie er selbst es empfand.

Wenn sich ein Mann verbünden und sein eigenes Schicksal an die Schicksale von anderen knüpfen musste, hätte er es deutlich schlechter treffen können als mit diesen fünf.

Dann roch er plötzlich Irland – feuchtes Gras und Grün –, und seine Aufregung verflog. Kalt und hinterhältig hatte ihn das Schicksal an den Ort zurückgezwungen, wo sein Herz und sein Leben vor so langer Zeit zerbrochen waren.

Noch während er sich dafür wappnete zu tun, was er tun müsste, fielen sie wie Steine auf die Erde.

Und auch wenn ein Mann nicht sterben konnte, spürte er den Schmerz des Aufpralls, dessenWucht ihm kurzfristig den Atem raubte und der seine Knochen hörbar klappern ließ.

»Verdammt, Sawyer, was sollte das?«

»Tut mir leid«, stieß Sawyer irgendwo zu seiner Linken pfeifend aus. »Das Navigieren mit so vielen Leuten ist eben nicht leicht. Ist irgendwer verletzt? Annika?«

»Es geht mir gut. Aber du selbst bist verletzt. Du bist geschwächt«, stieß sie mit ihrem melodiösen Singsang hervor.

»Das ist nicht weiter schlimm. Du blutest.«

»Aber nur ein bisschen«, klärte ihn die Meerjungfrau mit einem sonnenhellen Lächeln auf.

»Vielleicht sollten wir es nächstes Mal mit Fallschirmen versuchen«, schlug die Seherin den anderen stöhnend vor.

»Schon gut. Komm her.« Der Zauberer zog Sasha eng an seine Brust.

»Bist du verletzt?«

»Nein, nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ein paar Schürfwunden und blaue Flecke. Und obwohl ich mich inzwischen hätte dran gewöhnen sollen, war die Landung wieder mal ein Schock für mich. Riley?Wo ist Riley?«

Doyle versuchte, sich vom Boden abzudrücken, presste seine Hand dabei in raues Fell und zog sie, als das Fell vernehmlich knurrte, schnellstmöglich zurück.

»Hier.« Er lenkte den Blick auf ein Paar goldener Augen, die zu Dr. Riley Gwin gehörten, die zum einen eine angesehene Archäologin und zum anderen … eineWolfsfrau war. »Versuch ja nicht, mich zu beißen«, raunte er ihr leise zu und wandte sich dann an die anderen. »Es geht ihr gut. Wie sie gesagt hat, heilen ihreWunden, wenn sie Wölfin ist, besonders schnell.«

Er rappelte sich auf und stellte fest, dass Sawyer trotz der wenig sanften Landung durchgekommen war.Waffenkisten, Koffer, sorgfältig verschlossene Kartons mit Büchern, Karten sowie anderen essenziellen Gegenständen waren ein paar Meter entfernt im kühlen, feuchten Gras zu einem halbwegs ordentlichen Stapel aufgetürmt.

Und – am wichtigsten für ihn – auch sein Motorrad stand aufrecht und vollkommen unbeschädigt da.

Zufrieden streckte er die Hand in Sawyers Richtung aus und zog ihn hoch.

»Nicht schlecht.«

»Nicht wahr?« Sawyer fuhr sich mit den Fingern durch das windzerzauste, von der Sonne ausgebleichte Haar und grinste, als er Annika ein Stückchen weiter fröhlich Räder schlagen sah. »Anscheinend hat zumindest eine von uns Spaß an diesem Flug gehabt.«

»Du hast deine Sache wirklich gut gemacht.« Bran klopfte Sawyer anerkennend auf die Schulter. »Dabei war es sicher alles andere als leicht, sechs Leute und das ganze Zeug innerhalb von wenigen Minuten übers Meer und durch den Himmel bis hierher zu transportieren.«

»Weshalb mir jetzt der Schädel brummt.«

»Und mehr.«

Bran griff nach Sawyers Händen, die Nerezzas wild fliegendes Haar umklammert hatten, während er mit ihr davongeflogen war. »Aber das und alles andere kriegen wir auf alle Fälle wieder hin. Am besten bringen wir erst mal Sasha rein. Sie ist ein bisschen zittrig.«

»Mir geht’s gut«, erklärte sie, stand aber trotzdem immer noch nicht auf. »Mir ist nur ein bisschen schwindlig. Bitte nicht«, bat sie und schob sich auf den Knien auf Riley zu. »Noch nicht. Sie möchte rennen, also sollten wir als Erstes gucken, wo wir überhaupt gelandet sind.«

»Lass sie einfach laufen. Hier in dieser Gegend kann ihr nichts passieren.« Bran half Sasha auf die Beine und sah Riley an. »Die Wälder hier gehören mir und jetzt auch dir.«

Eilig lief die Wölfin los und verschwand im dichten Unterholz.

»Sie könnte sich verlaufen«, setzte Sasha ängstlich an.

»Sie ist eine Wölfin«, widersprach ihr Doyle. »Ich gehe also davon aus, dass sie sich besser als wir anderen orientieren kann. Sie hat sich verwandelt, als wir losflogen sind, und braucht erst einmal einen Augenblick für sich.Vor allem kann sie selbst auf sich aufpassen, egal, ob Wölfin oder Frau.«

Damit kehrte er demWald den Rücken zu, in dem er selbst als Kind herumgelaufen, später auf die Jagd gegangen und, wenn er hatte allein sein wollen, kurzfristig verschwunden war. Dieser Streifen wilder Clare’scher Küste war einmal sein Land gewesen, und jetzt war es das von Bran.

Ja, das Schicksal konnte wirklich kalt und hinterhältig sein.

In dem von Bran erbauten Haus sah er sein eigenes damaliges Heim. Generationen seiner Familie hatten dort gelebt.

Doch schon vor Hunderten von Jahren war sein Heim zu Staub zerfallen, und auch seine Familie gab es längst nicht mehr.

Jetzt stand hier ein neues, prächtiges Gebäude, wie es für Bran Killian typisch war.

Ein elegantes Herrenhaus, erkannte Doyle, versehen mit fantasievollen Elementen, die bereits vonWeitem deutlich machten, dass hier jetzt ein Zauberer zu Hause war. Das dreistöckige Haus – vielleicht zumTeil aus Steinen, die bereits die Wände seines eigenen Heims gebildet hatten – wies zwei runde Türme und eine zentrale Brustwehr auf, die sicher einen unglaublichen Blick über das Meer, das Land, die Klippen bot.

Um die Härte des Gebäudes abzumildern, hatte Bran auf dem Gelände Gärten angelegt, in denen wilde, frei wachsende Blumen ihren Duft verströmten, den der Wind in ihre Richtung trug.

Hier hätten sich selbst Feen wohlgefühlt, und Doyle musste an seine eigene Mutter denken, denn sie hätte diese Gärten ebenfalls geliebt.

Doch dann verdrängte er entschlossen die Erinnerung und stellte anerkennend fest: »Das ist ein wirklich ordentliches Haus.«

»Schließlich steht es auch auf ordentlichem Land. Und wie ich schon zu Riley sagte, gehört es euch im selben Maße wie mir.«

Doyle schüttelte den Kopf, doch während noch der Wind sein schwarzes Haar um seine fein geschnittenen Züge wehte, fuhr Bran fort. »Für mein Empfinden ist das so. Das Schicksal hat uns sechs aus gutem Grund erst zusammen- und jetzt hierhergeführt. Wir sind in die Schlacht gezogen, haben gemeinsam Blut vergossen, und das werden wir auf alle Fälle wieder tun. Und jetzt sind wir an dem Ort, von dem du stammst und an dem ich selbst ein Haus errichten musste. Das hat sicher einen Grund, und deshalb werden wir das Haus für den Zweck nutzen, für den es vom Schicksal vorgesehen ist.«

Annika trat neben Doyle und glitt tröstend mit den Fingerspitzen über seinen Arm. Der wilde Flug hatte ihr langes schwarzes Haar verführerisch zerzaust, und ihr anziehendes Gesicht wies ein paar Schürfwunden und blaue Flecke auf. »Hier ist es wunderschön. Ich kann das Meer riechen und hören, wie es rauscht.«

»Es liegt weit unter uns«, erklärte Bran ihr lächelnd. »Aber trotzdem kommst du sicherlich problemlos hin.Wenn es hell wird, kannst du sehen, was es zu bieten hat, aber jetzt schleppen wir besser erst mal unser Zeug ins Haus und richten uns dort ein.«

»Auf jeden Fall.« Sawyer bückte sich nach zwei Kartons. »Und, Gott, etwas zu essen wäre jetzt nicht schlecht.«

»Ich werde uns was machen!« Annika schlang ihm die Arme um den Hals, küsste ihn fröhlich auf den Mund, hob ihre eigeneTasche auf und wandte sich an Bran. »Gibt es Essen, das ich zubereiten kann? Essen, das ich machen kann, während du dieWunden der anderen versorgst?«

»Der Kühlschrank und die Speisekammer sind gefüllt.« Er schnipste mit den Fingern, und die große Bogentür schwang auf.

»Hauptsache, du hast auch Bier im Haus.« Doyle schnappte sich die beiden Kisten mit denWaffen, die ihm wichtiger als alles andere waren, und ging hinter Annika und Sawyer Richtung Haus.

»Es tut ihm weh«, erklärte Sasha Bran. »Ich fühle seinen mit Erinnerungen und mitVerlust verbundenen Schmerz.«

»Das tut mir wirklich leid für ihn, aber wir alle wissen, dass wir aus einem bestimmten Grund hergekommen sind. Irgendwo hier ist der letzte Stern, weshalb das Ganze nur an diesem Ort enden kann.«

»Es gibt eben niemals irgendwas umsonst.« Seufzend lehnte sie sich an ihn an und schloss ihre sommerhimmelblauen, von der Schlacht und der Reise müden Augen. »Aber Annika hat recht. Es ist ein wunderschönes Haus. Es ist einfach umwerfend, und ich weiß jetzt schon, dass ich es ein Dutzend Mal auf die Leinwand bannen will.«

»Du kannst es noch viel öfter malen, wenn du willst.« Er drehte sie zu sich herum. »Ich habe gesagt, dass dieses Haus nicht meins allein, sondern auch das von Doyle und Riley, Annika und Sawyer ist. Aber, fáidh, dir gehört das Haus genauso wie mein Herz, und ich hoffe, dass du einenTeil unseres Zusammenlebens hier mit mir verbringen wirst.«

»Ich werde hier und sonst wo mit dir leben, aber erst mal sollte ich mich vielleicht drinnen umschauen, um zu sehen, ob es hält, was es verspricht.«

»Dieses Haus ist erst ein echtes Heim für mich, seit du hier angekommen bist.« Um sie zu betören, winkte er kurz mit der Hand, und hinter allen Fenstern gingen Lampen an und tauchten die Umgebung in ein warmes, goldenes Licht.

»Du machst mich wieder einmal sprachlos«, stieß sie seufzend aus, bevor sie sich den Kasten griff, der ihre Malsachen enthielt, weil er ihr wichtiger als alles andere war.

Sie betraten eine große Eingangshalle, in der unter einer hohen Decke auf dem schimmernden Parkett ein schwerer, mit Kristallkugeln und einer hohenVase voller blütenweißer Rosen geschmückter Tisch stand. Seine Füße hatten die Form zusammengerollter Drachen.

Auch in dem offenenWohnraum standen eine Reihe schwerer Holztische mit hübschen Lampen, deren warmes Licht auf die juwelenfarbenen Sofas fiel. Wieder winkte Bran mit einer Hand, und in dem steinernen Kamin, in dem der muskulöse Doyle problemlos hätte aufrecht und mit ausgestreckten Armen stehen können, loderten rot-goldene Flammen auf.

Als Doyle, ein Bier in der Hand, dasWohnzimmer betrat, zog er die Brauen hoch und prostete dem Magier zu. »Du hast dich echt nicht lumpen lassen, Bruder.«

»Nein.«

»Ich hole noch das restliche Gepäck, wenn du nach Sawyer siehst. Ich kann ihm deutlich ansehen, wie ihm der Schädel brummt. SeineVerbrennungen sehen ebenfalls echt übel aus, und auch wenn Annika so tut, als ginge es ihr gut, ist nicht zu übersehen, dass sie ziemlich große Schmerzen hat.«

»Kümmer dich um Sawyer und um Annika«, bat Sasha ebenfalls. »Ich helfe währenddessen Doyle.«

»Die zwei sind in der Küche«, meinte Doyle und fügte an die Seherin gewandt hinzu: »Mit dem Gepäck komme ich auch alleine klar. Du hast ebenfalls was abbekommen, Blondie.«

»Ein paar kleine Kratzer. Mir geht’s gut«, versicherte sie Bran. »Der Schwindel hat sich diesmal gleich wieder gelegt, und die anderen Blessuren haben Zeit. Das Einzige, was ich jetzt gleich gebrauchen könnte, wäre ein GlasWein, falls du welchen hast.«

»Natürlich. Lasst mich erst nach Sawyer sehen, dann helfe ich euch mit dem Rest.«

Sie ging mit Doyle zurück vors Haus, bückte sich nach ein paarTaschen, richtete sich wieder auf und starrte reglos RichtungWald.

»Sie wird zurückkommen, wenn sie genug gelaufen ist.« Doyle trank einen Schluck von seinem Bier. »Aber du wirst erst glücklich sein, wenn wir alle wieder hier versammelt sind.«

Sasha hob die Schultern an und ließ sie wieder fallen. »Das stimmt.Was war das für einTag …«

»Wir haben den zweiten Stern gefunden, deshalb solltest du jetzt strahlen und nicht traurig sein.«

»Bis vor ein paar Monaten habe ich rundheraus geleugnet, was ich bin. Ich wusste nichts von euch oder von irgendwelchen Göttinnen – egal, ob böse oder gut. Ich hatte keinem Menschen je auch nur ein Haar gekrümmt, ganz zu schweigen …«

»Das, was du bekämpft und umgebracht hast, waren keine Menschen. Es warenWesen, die Nerezza einzig mit dem Ziel geschaffen hat, uns zu zerstören.«

»Aber Menschen waren auch dabei.«

»Von Malmon bezahlte Söldner, die uns töten oder noch Schlimmeres mit uns hätten anstellen sollen. Hast du etwa vergessen, wie es Annika und Sawyer in den Händen dieser Bastarde ergangen ist?«

»Ganz sicher nicht.« Sasha wurde kalt, und eilig schlang sie sich die Arme um den Leib. »Das vergesse ich ganz sicher nie. Und genauso werde ich niemals verstehen, wie Menschen foltern oder töten können, wenn man sie dafür bezahlt.Weshalb sie bereit sein sollen, für Geld zu töten oder selbst draufzugehen. Im Gegensatz zu mir versteht Nerezza das sehr gut. Sie kennt diese Art der Gier und die blinde Sucht nach Macht, weil sie ihr selbst erlegen ist. Mir ist bewusst, dass wir genau dagegen kämpfen und dass dieser Kampf auf jeden Fall gewonnen werden muss. Malmon hat freiwillig alles aufgegeben, weil er gierig und vor allem machtbesessen ist. Sie hat ihm seine Seele, hat ihm seine Menschlichkeit geraubt, und jetzt ist er nur noch ein Ding. Er ist ihr Geschöpf. Und genau dasselbe würde sie auch mit uns allen tun, bekäme sie die Möglichkeit dazu.«

»Die sie niemals bekommen wird. Keiner von uns sechs wäre jemals bereit, ihr irgendwas zu geben, ganz egal, was sie imTausch dafür verspricht. Und heute haben wir sie verletzt. Heute Nacht ist sie diejenige, die blutet und verwundet ist. Ich bin schon ewig auf der Suche nach den Sternen, und genauso lange habe ich Jagd auf diesesWeib gemacht. Ich war ihr dabei schon öfter ziemlich nahe, doch das hat mir nie etwas genützt.«

Wieder trank er einen möglichst großen Schluck von seinem Bier. »Ich begründe und entschuldige nur ungern etwas mit dem Schicksal, aber es ist ganz eindeutig Schicksal, dass wir sechs zusammen sind.Weil wir die Sterne finden und Nerezza endgültig zur Strecke bringen sollen. Du kannst mehr als andere sehen und fühlen, was du jahrelang als Fluch empfunden hast.Vor allem aber ist es eine Gabe, und diese besondere Gabe hat uns hergeführt. Und es schadet auch bestimmt nicht, dass du mit dem Bogen schießen kannst, als hätte deine Mutter dich mit Pfeil und Bogen in den Händen auf dieWelt gebracht.«

»Wer hätte das gedacht?« Die hübsche Frau mit dem langen sonnenhellen Haar und den leuchtend blauen Augen, die während der letztenWochen äußerlich und innerlich an Kraft gewonnen hatte, seufzte leise auf. »Ich kann deinen Herzschmerz spüren. Es tut mir leid.«

»Ich komme schon damit zurecht.«

»Ich weiß, dass es dein Schicksal war, hierher zurückzukommen, über dieses Land zu laufen und wieder hinaus auf dieses Meer zu sehen. Nicht nur, weil der dritte Stern hier ist und du an diesem Ort erneut gegen Nerezza kämpfen sollst, sondern vielleicht – ich bin mir nicht ganz sicher –, vielleicht, weil diese Rückkehr irgendwie auch tröstlich für dich ist.«

Um zu überleben, machte Doyle bei diesem Thema sofort dicht. »Das, was mir hier wichtig war, gibt’s schon seit einer Ewigkeit nicht mehr.«

»Trotzdem«, murmelte sie leise. »Unsere Ankunft war für dich am härtesten, auch wenn die Reise am beschwerlichsten für Riley war.«

»Sie war auch für uns andere kein Spaziergang, weil der Kampf gegen die Göttin und die mörderischen Handlanger, die ihr zur Seite standen, schließlich ziemlich anstrengend gewesen ist. Aber okay«, gestand er, als er Sashas ruhigen, durchdringenden Blick bemerkte, widerstrebend ein. »Für sie war es besonders hart.«

Er steckte seine leere Flasche in dieTasche seines abgewetzten Ledermantels und schleppte die Koffer Richtung Haus. »Aber jetzt rennt sie ja erst mal durch denWald, und morgen früh zum Frühstück ist sie wieder da. Schnapp dir, was du tragen kannst, dann hole ich den Rest. Wir wissen schließlich beide, dass du Bran bei denVerletzten besser helfen kannst als mir mit dem Gepäck.«

Sie widersprach ihm nicht, und als er merkte, dass sie hinkte, stellte er die Koffer wieder ab und nahm sie kurz entschlossen auf den Arm.

»He.«

»Das ist einfacher, als sich zu streiten«, klärte er sie nüchtern auf. »Ist das Haus auch groß genug für euch?«

Sie passierten eine Reihe breiter Bogentüren und nahmen die dunklen, vollen Farben, das schimmernde Holz, das warme Licht sowie die Feuer in den steinernen Kaminen in den dahinterliegenden Räumen wahr.

»Es ist riesengroß und einfach prächtig.«

»Was bedeutet, dass ihr jede Menge Kinder kriegen müsst, wenn ihr die Bude voll bekommen wollt.«

»Ich …«

»Das hat dich zum Nachdenken gebracht, nicht wahr?«

Bevor sie ihre Sprache wiederfand, trug Doyle sie bereits durch die Küchentür.

Sawyer saß, inzwischen nicht mehr ganz so blass, auf einem Hocker an dem langen, schiefergrauenTresen und hielt Bran seine verbrannten Hände hin.

Annika, die trotz der Abschürfungen und blauen Flecken auch weiterhin fantastisch aussah, briet Hühnerfleisch in einer riesengroßen Pfanne auf dem sechsflammigen Herd.

»Okay, und jetzt musst du das Hühnchen …« Sawyer zischte, als der Magier auf einen neuen Schmerzpunkt traf.

»Jetzt nehme ich das Fleisch heraus und werfe das Gemüse rein. Ich weiß«, gab Annika zurück. »Lass du Bran seine Arbeit machen, ja?«

»Ich kann dir helfen.« Sasha bohrte einen Finger in Doyles Schulter. »Lass mich runter.«

Als er ihre Stimme hörte, drehte Bran sich um und trat entschlossen auf sie zu. »Was ist? Ist sie verletzt?«

»Ich bin nicht …«

»Sie hinkt ein bisschen. Rechtes Bein.«

»Das ist nur …«

»Setz sie am besten neben Sawyer.«

»Kein Problem, es ist nicht weiter schlimm.Verarzte erst mal weiter Sawyer, und ich helfe währenddessen Annika …«

»Ich komme auch allein zurecht!« Frustriert ließ Annika das Huhn auf einenTeller fallen. »Ich lerne gern und habe schon sehr viel begriffen. Ich brate das Huhn mit Knoblauch, Öl und Kräutern an, ich koche das Gemüse, und dann mache ich den Reis.«

»Jetzt hast du unserer Meerjungfrau ans Bein gepisst«, erklärte Doyle, während er Sash auf einen Hocker fallen ließ. »Riecht wirklich lecker, meine Schöne.«

»Danke. Sasha, du versorgst am besten erst einmal BransWunden, und nachdem er euch verarztet hat, kann er sich mich ansehen. Und dann können wir essen, weil der arme Sawyer dringend Nahrung braucht. Er ist verletzt und immer noch geschwächt von …« Ihre leuchtend grünen Augen füllten sich mitTränen, und sie wandte ihrem Schatz so schnell es ging den Rücken zu.

»Anni, nicht. Ich bin okay.«

Sie schüttelte den Kopf, doch als er aufstehen wollte, drückte Doyle ihn kurzerhand zurück auf seinen Platz.

»Ich kümmere mich schon um sie.«

Er lief über den Holzboden, auf dem ein bunter Flickenteppich lag, und zupfte leicht an Annis immer noch zerzaustem Haar.

Eilig drehte sie sich um und vergrub den Kopf an seiner Brust. »Ich habe an ihn geglaubt. Ich habe fest an ihn geglaubt, aber zugleich hatte ich fürchterliche Angst. Fürchterliche Angst, dass sie ihn mit sich reißt.«

»Aber das hat sie nicht getan. Dafür war unser Meisterschütze viel zu schlau. Er hat sie mitgerissen und dann fallen gelassen, und jetzt sind wir alle hier.«

»Ich liebe ihn so sehr.« Seufzend schmiegte Anni sich in seine Arme und sah Sawyer von der Seite an. »Ich liebe ihn so sehr.«

»Genau deswegen sind wir hier«, erklärte Sawyer ihr. »Davon bin ich überzeugt.«

»SeineWunden werden etwas Zeit zum Heilen brauchen«, meinte Bran. »Erst einmal braucht er was zu essen, Schlaf …«

»Und Bier.«

»Auf jeden Fall. Und jetzt zu dir«, wandte sich Bran an Sash.

»Was ist mit meinemWein?«

»Der kommt.« Doyle presste Anni kurz die Lippen auf die Stirn und drehte sie dann wieder Richtung Herd. »Und du kochst jetzt schön weiter, ja?«

»Das mache ich. Es wird bestimmt sehr fein.«

Während Doyle die Seherin mitWein versorgte, rollte Bran ihr rechtes Hosenbein nach oben und fing an zu fluchen, als er quer über derWade seiner Liebsten eine Reihe dicker roter Kratzer sah. »Das nennst du nicht weiter schlimm?«

»Ich wusste wirklich nicht, dass es so heftig ist.« Sie nahm den ersten, möglichst großen Schluck aus ihrem Glas. »Und jetzt, wo ich es weiß, tut es mir plötzlich richtig weh.«

Entschlossen nahm ihr Bran dasWeinglas ab und fügte ein paarTropfen aus einem der Fläschchen imVerbandkasten hinzu.

»Trink das, und dann atme möglichst langsam aus und ein«, wies er sie an. »Die Reinigung wird ziemlich brennen.«

Sie nahm den ersten vorsichtigen Schluck, atmete dann langsam aus und ein, und als ein Dutzend wild gewordenerWespen sie auf einmal in dieWade stach, packte sie Doyles Hand.

»Es tut mir leid. A ghrá. Es tut mir leid. Jetzt dauert’s nur noch einen Augenblick. DieWunden haben sich infiziert.«

»Sie ist okay. Du bist okay.« Doyle lenkte ihren Blick auf sich, während ihr Sawyer sanft über den Rücken strich. »Also, Blondie, eineWahnsinnsküche hast du hier. Jemand, der so gut kochen kann wie du, müsste darüber doch vor Freude völlig aus dem Häuschen sein.«

»Sie gefällt mir – au, oh Gott, okay –, vor allem die Schränke sind echt toll. Nicht nur, weil es so viele, sondern auch oder vor allem, weil sie mit so hübschen Bleiglastüren versehen sind. Und die Fenster.Wenn es hell ist, ist das Licht hier drin wahrscheinlich wunderbar.«

»Sie muss noch mehr trinken«, wies Bran die Freunde zähneknirschend an.

»Hier, trink aus«, bat Sawyer Sash und hob das Glas an ihren Mund. »Wir sollten hier mal um dieWette kochen, du und ich – und Anni«, schlug er vor.

»MitVergnügen«, meinte sie und atmete vernehmlich aus. »Gott sei Dank«, erklärte sie, als Bran vorsichtig kühle Salbe auf dieWunden strich.

»Du hast dich wirklich gut gehalten.« Doyle klopfte ihr anerkennend auf die Schulter, aber statt sich zu bedanken, sah sie ihren Liebsten an.

»Jetzt bist du dran.«

»Gib uns beiden erst mal einen Augenblick, okay?«, bat er und setzte sich kurz neben sie. »Dann kannst du mich verarzten, und danach beim Essen hat uns Sawyer sicher jede Menge zu erzählen.«

»Auf jeden Fall«, stimmte der Reisende ihm zu, und bald darauf saßen sie alle an dem langen, mit Bänken und Stühlen bestückten Tisch, der vor den breiten, bodentiefen Fenstern stand.

Zu dem von Annika gekochten Mahl gab es braunes Brot und frische Butter, Bier undWein und Sawyers wahrhaft spannenden Bericht.

»Als ich zu ihr in die Luft bin – wobei deine Unterstützung eine echte Hilfe war«, wandte er sich an Bran, »hat sie mühsam darum gekämpft, nicht die Kontrolle über die verdammte dreiköpfige Bestie zu verlieren, auf der sie saß.«

»Weil in jedem der drei Köpfe eine Kugel von dir saß«, warf Sasha ein.

»Drei Schuss, dreiTreffer«, Sawyer formte seine Finger zur Pistole. »Bang, bang, bang.Vor allem war sie ganz auf unseren Magier konzentriert.«

»Ohne dessenTricks wir aufgeschmissen sind«, erklärte Doyle und schob sich eine Gabel voll Hühnchen in den Mund. »Das ist nicht gut, Anni.«

»Oh!«

»Es ist viel mehr als das.«

Lachend rutschte sie auf ihrem Sitz herum, als Doyle den nächsten Bissen aß, und lehnte ihren Kopf an Sawyers Schulter. »Du warst unglaublich mutig.«

»DerTrick dabei besteht darin, einfach nicht nachzudenken«, klärte er sie auf. »Vor allem hatte sie in dem Moment nur unseren Magier im Visier und hatte alle Hände voll mit ihrem dreiköpfigen Höllenhund zu tun. Sie hat mich also gar nicht kommen sehen.«

Er spannte seine fast verheilten Finger an. »Also habe ich dasWeib am Schopf gepackt – die Haare flogen wild um ihren Kopf und boten sich deswegen einfach an –, und dann sah sie mich kommen, Baby, und das hat ihr eine Heidenangst eingejagt. Das habe ich ihr angesehen, und es ist gut zu wissen, dass man sie erschrecken kann. Sie war völlig überrascht und hatte Angst. Das hat nicht lange angehalten, aber trotzdem hat sie sich auf jeden Fall erschreckt.«

»Wir haben sie auch auf Korfu schon verletzt.« Bran nickte zustimmend und sah ihn durchdringend aus seinen dunklen Augen an. »Auch dort haben wir sie schon besiegt, den Feuerstern gefunden und ihr obendreinWunden zugefügt.Was heißt, dass ihre Angst durchaus berechtigt ist.«

»Aber sie ist nicht dumm und hatte diesmal eine Rüstung an. Und sie hat einen wirklich harten Schlag. Du hast deine Blitze«, antwortete Sawyer, »Aber Blitze hat sie auch.« Er massierte sich die Brust und dachte an den heißen Schlag zurück, von dem er beinahe ohnmächtig geworden war. »Mir blieb nichts anderes übrig, als mich weiter an ihr festzuklammern, auch wenn ich total benommen war. Sie dachte in dem Augenblick, sie hätte mich besiegt, und ich muss sagen, während einiger Sekunden glaubte ich das selbst. Nur waren wir in dem Moment schon unterwegs. Die Reise war echt turbulent, aber genau das mag ich so. Wild durch Raum und Zeit zu fliegen ist genau mein Ding. Ich weiß, wie man mit dieser Wildheit umgeht, doch Nerezza weiß das nicht. Mit demTempo und der Härte kam sie einfach nicht zurecht. Sie fing an, sich zu verändern.«

»Zu verändern?«, hakte Sasha nach.

»Ich hatte sie bei den Haaren, richtig? Bei ihren langen schwarzen Haaren. Und während unseres Flugs wurden die Haare plötzlich weiß, und ihr Gesicht hat eine Dorian-Gray’scheWandlung durchgemacht.«

»Sie ist gealtert?«

Sawyer nickte Sasha zu. »Und wie. Anfangs dachte ich, es wäre vielleicht Einbildung oder es läge an den Lichtern und dem Wind, dass ich sie nicht mehr richtig sehen kann, aber ihre Haut fing wirklich an zu schrumpeln, und direkt vor meinen Augen wurde sie zu einer alten Frau. Plötzlich taten ihre Blitze kaum noch weh. Sie wurde immer schwächer, Mann, aber als ich sie losgelassen habe, hätten ihre Kräfte trotzdem fast noch gereicht, um mich hinter sich herzuziehen. Aber ich habe mich losgerissen, und sie ist alleine abgestürzt. Allerdings habe ich keinen blassen Schimmer, wo dasTeufelsweib gelandet ist. Ich konnte sie nicht mehr ins Visier nehmen, denn die Kraft des Kompasses ließ langsam nach, und ich musste so schnell es ging zu euch zurück.«

Er drehte den Kopf und küsste Annika. »Ich musste schnellstmöglich zurück.«

Sasha packte seinen Arm. »Könnte dieser Sturz sie endgültig vernichtet haben?«

»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass sie verletzt ist und dass sie den Sturz bestimmt nicht schadlos überstanden hat.«

»Der Legende nach wird sie am Ende durch ein Schwert zu Fall gebracht«, erklärte Bran, fügte aber achselzuckend hinzu: »Doch schließlich haben sich Legenden öfter schon als falsch herausgestellt. So oder so haben wir zwar selbst ein paar harmloseVerletzungen kassiert«, fuhr er mit einem vielsagenden Blick auf Sasha fort, »ihr aber deutlich mehr geschadet als sie uns. Falls sie noch existiert, wird es auf alle Fälle dauern, bis sie sich erholt hat, was ein eindeutigerVorteil für uns ist.«

»Wir wissen, dass sie Angst hat und dass diese Angst sich ebenfalls alsWaffe gegen sie verwenden lässt.Trotzdem wird die Suche erst beendet sein, wenn auch der letzte Stern gefunden ist«, warf Doyle mit ruhiger Stimme ein.

»Also suchen wir so lange weiter, bis wir ihn gefunden haben.Was wahrscheinlich hier passieren wird, wo wir zu Hause sind«, erklärte Bran und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

»Ich glaube fest daran, dass wir auch noch den Eisstern finden werden«, meinte Annika. »Auch wenn ich nicht verstehe, was wir machen sollen, wenn es so weit ist.«

»Dann lassen wir uns weiter führen.«

Als Sash Brans Blick bemerkte, füllte sie seinWeinglas wieder auf und raunte leise: »Setz mich bloß nicht unter Druck.«

»Es geht hier nicht um Druck, sondern um Glauben«, korrigierte er. »Und wir alle glauben fest an dich. Aber heute Abend sind wir erst mal sicher und genießen dieses wunderbare Mahl.«

Zufrieden lächelnd meinte Annika: »Ich habe extra viel gekocht, damit auch Riley noch was davon essen kann, wenn sie nach Hause kommt. Ich wünschte mir, sie wäre jetzt schon wieder da.«

»Es dauert sicher nicht mehr lange, bis sie kommt.«

»Ich kann sie spüren«, stellte Sasha fest. »Ich kann sie spüren. Sie ist noch nicht bereit, zu uns zurückzukehren, aber sie ist nicht weit von hier entfernt. Sie ist nicht weit entfernt.«

»Dann stimmt es also, dass wir alle sicher sind. Und auch, wenn Sawyer sich inzwischen leicht erholt hat, muss er erst einmal ins Bett. Also zeige ich euch die Zimmer, und ihr überlegt euch, wo ihr jeweils schlafen wollt.«

Da es Doyle egal war, wo er schlief, nahm er, ohne groß zu überlegen, einfach eins der Zimmer, aus dem man aufs Meer hinuntersah. Obwohl das Bett mit seinen handgeschnitzten Pfosten eines Königs würdig gewesen wäre, ging er nicht gleich schlafen, sondern öffnete erst noch die Türen zu dem breiten, steinernen Balkon, ließ die feuchte Abendluft herein und lauschte auf die Brandung, die sich an den Klippen brach.

Rastlos und in sicherer Erwartung der Erinnerung, die ihn imTraum heimsuchen würde, griff er sein Schwert und trat entschlossen in die Dunkelheit hinaus.

Auch wenn sie seiner Meinung nach vorübergehend sicher waren, wäre es nicht gut, die nächtliche Patrouille ausfallen zu lassen und das dringendeVerlangen zu ignorieren, so wachsam wie sonst auch zu sein.

Bran hatte sein Heim am selben Fleck gebaut, an dem sein eigenes Heim gestanden hatte – auch wenn dieses neue Haus aus gutem Grund wahrscheinlich fünfmal größer war als seins.

Es stand hoch oben auf der Klippe, und am Rand des Grundstücks ragte eine Bruchsteinmauer wie in alten Zeiten auf. Auch hier hatte der Magier einen hübschen Garten angelegt, und die Luft über dem Beet neben der Küche war erfüllt von herbem Rosmarin, Lavendel sowie süßem Salbei.

Doyle marschierte Richtung Klippe, ließ den Wind durch seine Haare wehen und seineWangen kühlen, während er den Blick aus seinen scharfen grünen Augen erst über das aufgewühlte Meer und dann über den neblig schwarzen Himmel und den vollen weißen Mond wandern ließ, vor den sich immer wieder graueWolkenfinger schoben.

Vom Meer und aus dem Himmel drohte ihnen bis zum nächsten Morgen keinerlei Gefahr. Doch wenn Sashs Visionen stimmten – und das hatten sie bisher noch jedes Mal getan –, fänden sie hier an diesem Ort, der seine Heimat war, den letzten Stern. Und wenn sie ihn gefunden hätten, würden sie auch eine Möglichkeit finden, Nerezza zu vernichten, und damit wäre die Mission, auf der er sich seit mehreren Jahrhunderten befand, vorbei.

Und dann?

Was dann?, fragte er sich auf seinem nächtlichen Patrouillengang.

Würde er sich einer anderen Armee anschließen, um mit anderen Soldaten in den nächsten Krieg zu ziehen? Nein, erkannte er. Er hatte endgültig genug von Blut undTod. Egal, wie sehr er auch nach drei Jahrhunderten das Leben leid war, war er es mindestens genauso leid, das Sterben anderer mit anzusehen.

Er könnte tun und lassen, was immer er wollte – wenn er wüsste, was das war. Sollte er vielleicht vorübergehend sesshaft werden? Sich ein eigenes Haus bauen von dem imVerlauf der vielen Jahre angesparten Geld? Ein Mann, der halbwegs beiVerstand war und nicht sterben konnte, sparte über die Jahrhunderte hinweg unweigerlich ein ziemlichesVermögen an.

Doch warum sollte er jetzt plötzlich sesshaft werden? Er war schon so lange unterwegs, dass er sich kaum noch vorstellen konnte, dauerhaft an einem Ort zu sein. Vielleicht sollte er reisen, auch wenn er bei Gott bereits viel mehr gesehen hatte, als es für Normalsterbliche je zu sehen gab.

Am besten dachte er darüber erst mal gar nicht nach. Denn schließlich hatte er seine Mission bisher noch nicht erfüllt. Am besten überlegte er sich also erst einmal, wie mit der Suche fortzufahren war, und verschob alles andere auf später.

Er bog um die Ecke und sah sich das Haus von vorne an. Es war immer noch der hübsche und zugleich massive Bau, der von seiner eigenen Familie errichtet worden war. Bran hatte ihn stehen lassen und durch An- und Umbauten zu seinem eigenen Heim gemacht.

Während eines Augenblicks hörte Doyle die Stimmen, die bereits vor langer Zeit verklungen waren. Seine Eltern, Schwestern, Brüder hatten dieses Land bearbeitet, sich hier ein Leben aufgebaut und ihre Herzen an den Ort verloren.

Hier waren sie alt und krank geworden und gestorben, und er war der Einzige, der noch von der Familie übrig war.

Was er als großes Unglück sah.

»Schwachsinn«, murmelte er rau und wandte sich entschieden ab.

Am Rand desWaldes stand die Wölfin – wild und wunderschön im Licht des vollen Monds – und starrte ihn aus golden funkelnden Augen an.

Instinktiv griff er nach seinem Schwert, ließ die Hand dann aber wieder sinken, und während sein Mantel sich im Wind blähte, starrte er sie seinerseits genauso reglos an.

»Du bist also wieder da. Annika und Sasha hatten Angst um dich.«

Als sie sich nicht rührte, fügte er hinzu: »Ich weiß, dass du mich ganz genau verstehst. Falls es dich interessiert – Sawyer geht’s inzwischen wieder deutlich besser, auch wenn er jetzt erst mal schlafen muss. SashsVerletzungen waren ernster als gedacht. Ah, das interessiert dich«, meinte er, als sie sich in Bewegung setzte, und fuhr fort. »Bran hat sie behandelt, und obwohl Sasha wieder auf dem Damm ist, ruht auch sie sich erst mal aus. Einer dieser Schweinehunde hatte sie am Bein erwischt, und ehe Bran sich darum kümmern konnte, hatte sich dieWunde bereits infiziert. Aber inzwischen geht’s ihr wieder gut.«

Er verfolgte, wie die Wölfin den Kopf nach hinten legte und den Blick aus ihren klugen, goldenen Augen über die Fassade des Gebäudes wandern ließ. »Das Haus hat jede Menge Zimmer und hätte sogar genügend Betten, wenn wir doppelt so viele Leute wären. Ich nehme an, du willst jetzt rein, um es dir selbst anzusehen.«

Die Wölfin lief zur Haustür und blieb davor stehen.

»Also gut.« Er ließ sie in den Flur, in dem ihr Gepäck auf einem ordentlichen Stapel lag.

»Wir dachten, dass du dir dein Zimmer selbst aussuchen willst, deshalb haben wir die Sachen noch nicht raufgebracht.«

Die Wölfin stapfte los, macht kurz Halt, um sich dasWohnzimmer und den Kamin anzusehen, in dem die letzten Scheite glühten, ging dann weiter bis zurTreppe und sah Doyle über die Schulter an.

»Ich nehme an, dass ich dein Zeug jetzt die verdammteTreppe rauf in eins der Zimmer schleppen soll.«

Noch immer starrte sie ihn reglos an.

»Jetzt bin ich also auch noch Kofferträger«, murmelte er schlecht gelaunt, während er nach ihrer Reisetasche griff. »Den Rest kannst du dir morgen holen.«

Er stapfte in den ersten Stock, und sie lief ihm geschmeidig hinterher. »Bran und Sash haben ein Zimmer dort im rundenTurm, und Annika und Sawyer haben das erste Zimmer hier, von dem aus man aufs Meer hinunterblicken kann.«

Er wies den Flur hinab. »Mein Zimmer liegt hier drüben und geht ebenfalls nach vorne raus.«

Die Wölfin schlug die Richtung ein, in der sein Zimmer lag, sah sich die verschiedenen, noch freien Räume an und wählte einen, von dem aus derWald zu sehen war, mit einem Bett mit einem offenen Baldachin, einem langen Schreibtisch und einem Kamin aus Malachit.

Doyle ließ ihreTasche fallen und wandte sich zum Gehen, doch Riley setzte sich vor den Kamin und sah erst ihn und dann das leere Gitter an.

»Was? Soll ich jetzt etwa noch ein Feuer für dich machen? Himmel.«

Leise schimpfend nahm er ein paarTorfbriketts aus einem Kupfereimer und türmte sie wie als Junge auf den Rost.

Es war ganz einfach, dauerte nicht lange, und es tat nur etwas weh, als sich sein Herz wegen desTorfgeruchs zusammenzog.

»Wenn das alles ist …«

Sie lief auf die Balkontür zu.

»Du willst doch wohl nicht noch mal raus? Um Himmels willen. Der Balkon hat keineTreppe.« Schlecht gelaunt riss er die Glastür auf. »Also musst du springen, wenn du noch mal runterwillst.«

Doch sie schnupperte nur kurz, ging dann wieder hinein und setzte sich vor den Kamin.

»Die Tür soll also offen bleiben.«Was er ihr wohl kaum verdenken konnte, zumal auch seine eigene Balkontür offen stand.Trotzdem maulte er: »Falls sonst noch etwas ist, gedulde dich, bis du wieder du selbst bist, okay?«

Entschlossen ging er bis zur Tür, blieb dort aber noch einmal stehen. »Übrigens hat Anni für dich mitgekocht, falls du morgen schon vorm Frühstück etwas essen willst.«

Er ließ auch ihre Flurtür offen stehen, ging zu seinem eigenen Zimmer, und dort angekommen hörte er, wie sich die dicke Holztür schloss.

Wozu auch immer es gut sein mochte, waren sie jetzt endlich wieder alle unter einem Dach.

2

Beim ersten Licht der Dämmerung wurde Riley von nagendem Hunger und eisiger Kälte aufgeweckt. Das Feuer im Kamin war längst erloschen, und hinter der offenen Glastür prasselten wahrscheinlich schon seit einer ganzenWeile dicke Regentropfen auf den steinernen Balkon.

Nackt und desorientiert lag sie auf dem Holzboden vor dem Kamin. Sie schlief nur selten während derVerwandlung – dafür war derVorgang viel zu intensiv. Die paar Male, wenn sie diesen Augenblick verschlafen hatte, war sie abgrundtief erschöpft gewesen, und wie es aussah hatten ihr die wilde Schlacht und die darauffolgende Reise mit dem Zauberkompass ihres Freundes Sawyer stärker als vermutet zugesetzt.

Sie rappelte sich steif und zitternd auf, fuhr sich mit den Fingern durch das kurze, wirre Haar und sah sich um. Da sie auch als Wölfin auf ihrenVerstand, ihren Intellekt sowie ihren Instinkt vertrauen konnte, hatte sie das Zimmer nicht nur wegen seines breiten, ausnehmend bequemen Bettes, sondern auch wegen des großen Schreibtischs ausgesucht, denn für ihre Recherchen brauchte sie auf alle Fälle einen anständigen Arbeitsplatz.

Doch erst mal brauchte sie etwas zum Anziehen und, oh Gott, etwas zu essen, nicht nur, weil sie zwischen Sonnenuntergang und -aufgang hatte fasten müssen, sondern weil bei derVerwandlung – erst von Frau in Wölfin und danach wieder zurück – ein hohes Maß an Energie verloren ging.

Jetzt fühlte sie sich schwach und zittrig und war dankbar für die Reisetasche, die ihr Doyle, wenn auch mit großem Unwillen, hinterhergetragen hatte, als sie letzte Nacht zurückgekommen war. Sie wühlte darin, schnappte sich die erste Unterhose, die ihr in die Hände geriet, dazu eine alte, braune Cargohose, ein verwaschenes Oxford-Sweatshirt und zog dazu die von einerTante selbst gestrickten warmen, dicken Socken an.

Sie sehnte sich nach einer ausgiebigen heißen Dusche, aber da sie zuerst Nahrung brauchte, trat sie lautlos in den Flur, sah sich suchend um und überlegte, wo die Küche war.Wahrscheinlich unten, also schlich sie sich ins Erdgeschoss.

Bran hatte seine Sache mit dem Riesenkasten direkt an der Küste wirklich gut gemacht. Er verfügte nicht nur über jede Menge Zimmer, sondern zeugte von Geschmack, von handwerklichem Können und verströmte einen Hauch von Mystik, wie er auch ihm selbst als Zauberer zu eigen war.

Keltische Knoten, Drachen, Feen, schöne starke Farben, dickes, weich schimmerndes Holz und wunderbare Kunstwerke, von denen zwei von ganz besonderem Interesse für sie waren.

Zwei von Sasha angefertigte Gemälde, denn dort hatte Bran die beiden Sterne, die sie schon gefunden hatten, bis zum Auffinden des dritten Sterns versteckt. Und obwohl sie sicher wusste, dass sie dort gut aufgehoben waren, würde sie es gern mit eigenen Augen sehen.

Aber erst mal lief sie, eine Hand auf ihrem leeren Magen, weiter durch das Erdgeschoss. Sicher lag die Küche irgendwo im hinteren Bereich des Hauses, und im trüben Licht des regnerischenTagesanbruchs schlug sie diese Richtung ein.

Sie kam an einem maskulinen Arbeitszimmer voller schokoladenbrauner Ledermöbel und mit einem prachtvollen Schreibtisch vor einer der dunkelgrünen Wände sowie einem Raum vorbei, in dem zu ihrer Überraschung neben einem alten Flügel eine Sammlung Rahmentrommeln, Flöten, eine Reihe Fiedeln und ein Cello standen, wie sie es schon immer einmal hatte spielen wollen, dann an einemWohnraum, der geräumig, aber gemütlich wirkte, und schließlich einer Bibliothek, die derart prächtig ausgestattet war, dass sie darüber ihren Hunger fast vergaß.

Alle diese Räume wiesen breite Bogentüren, Fußböden aus weich schimmerndem Holz und Kamine auf, die bereit waren, Wärme, Licht sowie Behaglichkeit zu spenden.

Wie viele Zimmer braucht dieser Mann?, fragte sie sich, als sie endlich die Küche fand. Die natürlich trotz der hochmodernen Kochgeräte nicht nur eine Küche, sondern mit der angrenzenden schicken Lounge mit ihren Riesensofas und bequemen Sesseln und mit dem übertrieben großenWandfernseher gleichzeitig einWohn- und Essraum war. Auf der anderen Seite grenzte sie an einen Spielsalon mit einem Billardtisch, einer gut bestückten Bar, die sicher irgendeinem wunderbaren alten Pub entstammte, und zwei altmodischen Flipperautomaten, die sie abermals beinahe vergessen ließen, dass sie völlig ausgehungert war.

In diesem einen großen Zimmer hätte sie bis an ihr Lebensende bleiben können, um, wenn sie mal keine Lust hatte zu spielen, durch die breiten Glastüren das dunkle Meer oder den schlecht gelaunten, grau verhangenen Himmel anzuschauen.

»Du hast wirklich Klasse, Ire«, murmelte sie anerkennend und schnappte sich einen Pfirsich aus der großen Holzschale mit frischem Obst. Stöhnend grub sie die Zähne in das Fruchtfleisch und riss gleichzeitig die beiden Türen des Kühlschranks auf. Griff die Dose mit den Essensresten, suchte eine Gabel, schob sich gierig einen ersten großen Bissen kalten Reis mit Hühnchen und Gemüse in den Mund, spülte ihn mit kalter Coke hinunter und hätte vor lauter Freude, als der Mix aus Coffein und Protein den letzten Rest von Müdigkeit vertrieb, am liebsten laut gelacht.

Jetzt fehlte ihr zu ihrem Glück nur noch ein Kaffee, und mit dem modernen Automaten käme sie doch sicher mühelos zurecht. Gerade als sie einen Becher holen wollte, drangen Schritte an ihr Ohr.Warum auch nicht, sagte sie sich, aber, bei Gott, sie hätte gern noch etwas Zeit für sich gehabt.

Doch dann trat Sasha durch die Tür, und als sie die Erleichterung im Blick der Freundin sah, kam sie sich deshalb plötzlich ziemlich schäbig vor.

»Ich brauche erst mal einen Kaffee«, sagte sie.

»Ich auch. Wie geht es dir?«

Sie zuckte mit den Achseln, während sie zwei Becher aus dem Glasschrank nahm. »Gut. Ich habe schon die Reste eures Abendessens intus, deshalb geht es mir gut.«

Und als Sasha ihr von hinten beide Arme um den Bauch schlang, fühlte sie sich noch erbärmlicher als einen Augenblick zuvor. »Ich musste erst mal loslaufen und Energie abbauen.«

»Ich weiß, ich weiß. Ich konnte spüren, wie du auf dem Rückweg warst, deshalb ist alles gut. Aber du bist doch sicher noch nicht satt.«

»Fürs Erste schon. Wie geht es dir? Sie haben dir gestern ganz schön zugesetzt.«

»Ich bin wieder okay, denn Bran hat mich versorgt. Das Meiste hat der arme Sawyer abgekriegt.«

»Ich weiß. Wie geht es ihm?«

»Es geht uns allen wieder gut.Trotzdem hoffe ich, dass er noch ein paar Stunden schlafen kann. Ich dachte, du schläfst auch erst einmal aus.«

»Wahrscheinlich lege ich mich einfach später noch mal hin. Aber jetzt brauchte ich etwas im Bauch.«Vorläufig gesättigt lehnte Riley sich gegen die Arbeitsplatte und sah Sasha lächelnd an. »Was für ein Haus.«

»Der totaleWahnsinn, findest du nicht auch?« Sasha wanderte mit ihrem Kaffeebecher durch den Raum. »Bisher habe ich mir nicht einmal die Hälfte aller Räume angesehen – und vor allem will ich trotz des Regens raus, um mir den Garten anzuschauen. Obwohl ich jetzt schon weiß, dass auch der ein echterWahnsinn ist.Vor allem habe ich mit einem Zauberer in einemTurmzimmer geschlafen.Was der allergrößteWahnsinn ist.«

»Habt ihr nur geschlafen, oder hattet ihr auch Sex?«

Mit blitzenden Augen blickte Sasha sie über den Rand des Bechers hinweg an. »Sowohl als auch.«

»Angeberin.« Mit diesemWort trat Riley vor die Glastüren und sah durch den dünnen Nieselregen auf die graue See hinaus. »Er könnte irgendwo dort draußen sein. Gut möglich, dass er wie die beiden anderen Sterne im oder unter dem Meer verborgen ist. Wir sind zum dritten Mal auf einer Insel, und das sicherlich nicht ohne Grund. Ich muss sehen, wo ich ein Boot für uns besorgen kann.«

Sash trat neben sie und schaute ebenfalls hinaus. »Danke, dass du nicht gefragt hast, aber trotzdem willst du sicher wissen, ob ich eine Ahnung habe, wie es weitergehen soll. Ich kann es dir nicht sagen, denn bisher habe ich nicht das Mindeste gespürt.«

»Wir sind schließlich gerade erst hier angekommen, und wir haben sicher noch ein wenig Zeit, um uns hier einzurichten, bis Nerezza uns von Neuem attackiert.«

»Sawyer hat erzählt, dass sie während des Fluges auf ihn losgegangen sei. Die Spuren waren ihm deutlich anzusehen. Aber zugleich hat er gesagt, dass sie gealtert ist und deutlich schwächer wurde, bevor er sie losgelassen hat.«

Riley nickte und trank einen Schluck Kaffee. »Das hatte ich mir schon gedacht. Wir haben ihr auf Korfu eine graue Strähne und die ersten Falten im Gesicht verpasst. Vielleicht haben wir’s von jetzt an ja mit einem altenWeib zu tun, das nicht mal mehr die Kraft für ein paar anständige Ohrfeigen aufbringt. Aber nein«, schränkte sie ein. »Ich glaube nicht, dass es so wird.«

»Auf Capri haben wir sie zum zweiten Mal besiegt, zwei der Sterne haben wir bereits, und den dritten finden wir auf alle Fälle hier.«

»Dein Optimismus ist echt löblich.«

Sasha sah sie fragend an. »Glaubst du etwa, dass er übertrieben ist?«

»Ich habe ganz bestimmt nichts gegen positives Denken. Das hilft einem immer weiter – wenn man es durchTaten unterstützt.« Riley wies nach draußen. »Für dasTraining reicht der Platz hier hinten, vor dem Haus und RichtungWald auf alle Fälle aus. Wir könnten dort draußen einen anständigen Schießstand aufbauen, und dann haben wir noch denWald. Nach allem, was ich letzte Nacht gesehen habe, ist er mindestens zwei Hektar groß, und wir sind dort völlig ungestört. Allerdings sind wir in Irland, was bedeutet, dass es während unseresTrainings sicher meistens regnen wird.«

Als Sasha schwieg, sah Riley sie von der Seite an. »Vor allem aber sind wir alle erst seit gestern Abend hier und haben eineVerschnaufpause verdient. Dabei bin ich selbst nach der großen Schlacht, wegen desVollmonds und unserer Reise ziemlich aufgedreht.«

»Und wie war’s für dich, als du alsWolf durch Raum und Zeit geflogen bist?«

»Es war aufregend und wenigstens zu Anfang etwas seltsam, denn schon in der Luft fingen meineWunden an zu heilen, und ich konnte mich nicht wirklich konzentrieren. Die Landung war so hart, dass ich erst einmal umgefallen bin.«

»Ich habe dich gehört.«

»Und dann musste ich Energie abbauen. Ich sondiere für gewöhnlich immer schon mal vorher dasTerrain, damit ich weiß, wo ich als Wölfin ungefährdet laufen kann.Was dieses Mal nicht ging. Aber zum Glück gibt’s hier zwei HektarWald, die Bran gehören und wo ich sicher bin. Du hast dir einen wirklich dicken Fisch geangelt, Sash.«

»Wobei du mir geholfen hast.«

»Ich? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendwelche Köder für dich ausgeworfen hätte.«

»Du warst meine Freundin. Die erste Freundin, dich ich jemals hatte und die wusste, was ich war und was ich hatte, und mich akzeptiert hat, wie ich bin. Du hast mir Ratschläge erteilt, mir zugehört und dich um mich gesorgt. Und all das hat mir geholfen, klug und stark genug zu werden, um, tja nun, um diese Köder selbst auszuwerfen.«

»Wenn das so ist, bist du mir was schuldig.«

Sasha lachte und schlang Riley einen ihrer Arme um dieTaille. »Auf jeden Fall. Und einenTeil der Schuld trage ich ab, indem ich uns ein vollständiges Frühstück mache, so wie es die Iren lieben, weil wir hier schließlich in Irland sind.«

»Okay. Aber vorher dusche ich noch schnell. Ich hatte schließlich seit der großen Schlacht noch keine Zeit dazu.«

»Du musst dich nicht beeilen. Bevor ich das Frühstück mache, will ich mir erst noch das Haus anschauen. Ich habe gestern Abend schließlich kaum etwas gesehen.«

»Spielt Bran Klavier?«

»Das weiß ich nicht.Warum?«

»Er hat hier einen wunderschönen Wiener Flügel aus dem neunzehnten Jahrhundert stehen.«

»Kennst du dich etwa auch mit solchen Sachen aus?«

»Na klar. Außerdem hat er ein Cello, Violinen, Flöten und eine phänomenale Sammlung alter Rahmentrommeln. Irgendwelche dieser Instrumente spielt er doch bestimmt.«

»Darüber haben wir noch nie gesprochen, also frage ich ihn einfach mal. Spielst du ein Instrument?«

»Ich habe mal Klavier gespielt, aber das ist schon eine ganzeWeile her. Außerdem hat er hier einen wirklich tollen Spielsalon und eine Bibliothek, bei deren Anblick man an eine Kathedrale denkt.«

»Du hast offenbar schon mehr vom Haus gesehen als ich.«

»Dafür hatte ich keinen Sex.«

»Das stimmt.«

Sash drehte sich um, als Annika mit wehenden Haaren, weich fließendem Kleid und nackten Füßen durch die Tür gelaufen kam.

»Riley!« Anni fiel der Freundin um den Hals, als hätte sie sie seit Jahren nicht mehr gesehen.

»Ja, in Ordnung, guten Morgen!«

»Wir hatten solche Angst um dich. Doyle hat gesagt, das wäre Blödsinn, denn du kämst auf jeden Fall zurück.Trotzdem waren wir in Angst um dich. Aber jetzt bist du ja wieder da. Guten Morgen.«

»Wie kann jemand um diese Uhrzeit schon so munter sein? Und das ohne Kaffee?«

»Ich mag keinen Kaffee. Aber den frühen Morgen mag ich gern. Sawyer wird sich noch ein bisschen länger ausruhen, obwohl er sich bereits viel besser fühlt. Er war erholt genug, um sich mit mir zu paaren, aber schließlich war ich auch ganz sanft.«

»Sex.« DieWolfsfrau schüttelte den Kopf. »Immer geht es nur um Sex. Erzähl mir mehr – das heißt, erzähl mir mehr, wenn ich geduscht habe und munter bin.«

»Manchmal bin ich gerne oben«, klärte Annika sie auf. »Wenn es sanft und langsam gehen soll. Dann kann ich mehrere Orgasmen haben.«

»Richtig.« Riley atmete vernehmlich aus. »Wahrscheinlich wird die Dusche länger dauern als geplant.«

Als Sasha lachte und Riley eilig aus dem Raum lief, fragte Anni sie verwirrt: »Warum denn das? Muss sie sich noch sauberer machen, als sie dachte?«