Ufer der Hoffnung - Nora Roberts - E-Book

Ufer der Hoffnung E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Aus dem ängstlichen Jungen Seth Quinn ist ein erfolgreicher Maler geworden, aber die Schatten der Vergangenheit lassen ihm keine Ruhe. Zuhause, bei seiner Familie hofft er, Frieden zu finden. Die schöne Drusilla kämpft gegen ihre eigenen Dämonen, doch gemeinsam haben sie und Seth eine Hoffnung auf Liebe...

Ein neuer Roman der Bestsellerautorin aus der erfolgreichen Quinn-Saga.

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Seitenzahl: 590

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Das Buch

Seth Quinn ist durch die Fürsorge und Liebe seiner Familie von einem verängstigten Jungen aus verwahrlosten Verhältnissen zu einem Mann und erfolgreichen Maler gereift. Nach einer Europareise kehrt er an die Küste Marylands zurück, um sich in der sicheren Kleinstadtidylle, umgeben von seiner Familie, mit seinem Leben auseinander zu setzen. Seth wird seit seiner schrecklichen Kindheit, aus der er von Ray Quinn und seinen Brüdern gerettet wurde, von seiner Mutter erpresst. Sie droht ihm mit Angriffen auf seine Familie und der Publikation seiner Kindheitsgeschichte.

In seinem Heimatort lernt Seth die distanzierte Drusilla Whitcombe Banks kennen, die neue Besitzerin des Blumenladens, die vor ihrer reichen Familie geflohen ist, um ein eigenes Leben führen zu können. Die beiden verlieben sich ineinander, doch Seths Vergangenheit und seine Angst, Hilfe anzunehmen, gefährden nicht nur seine Familie, sondern auch die Hoffnung auf Liebe ...

Die Autorin

Nora Roberts wurde in Silver Springs, Maryland geboren. Für ihre internationalen Bestseller, die in knapp 30 Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie nicht nur zahlreiche Auszeichnungen, sondern auch die Ehre, als erste Frau in die Ruhmeshalle der ›Romance Writers of America‹ aufgenommen zu werden. Nora Roberts lebt mit ihrer Familie in Maryland.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungEinsZwei Drei Vier Fünf Sechs Sieben Acht Neun Zehn Elf

Für all meine Leser, die mich gefragt haben:

WANN WERDEN SIE ENDLICH SETHS

Es gibt ein Schicksal, das uns zu Brüdern macht;Keiner schreitet allein auf seinem Weg:Was wir in das Leben eines anderen hineingeben,Kehrt in unser eigenes zurück.

Edwin Markham

Die Kunst ist die Komplizin der Liebe

Eins

Er kehrte heim.

Heim an die Ostküste Marylands mit ihren Sumpf- und Wattgebieten, mit den weiten Feldern, auf denen die Kulturen wie Soldaten in Reih und Glied standen, den Flüssen mit ihren scharfen Biegungen und den versteckten Bächen, wo die Reiher ihr Futter fanden.

Heim in eine Welt, in der Krebse und die Chesapeake Bay und die Männer, die dort fischten, eine große Rolle spielten.

Wenn er zurückblickte auf das erste, unglückliche Jahrzehnt seines Lebens oder auch auf die letzten Jahre, in denen er sich nunmehr dem Ende seines dritten Lebensjahrzehnts näherte, so stellte er fest, dass nur dort immer seine Heimat gewesen war.

Es gab zahllose Bilder in seinem Kopf, zahllose Erinnerungen an diese Heimat, und jedes einzelne stand so strahlend und hell vor seinem inneren Auge wie die Sonne, die sich auf dem Wasser der Bucht spiegelte.

Als er über die Brücke fuhr, hätte sein Künstlerauge am liebsten diesen Moment eingefangen: das tiefblaue Wasser und die Boote, die über die Oberfläche hinwegglitten, die weißen Wellenkämme und die herabstoßenden, gierigen Möwen, das Land, das sich in seinen Braun- und Grüntönen ergoss, die dichten Blätter der Gummi- und Eichenbäume und die vielen Farbtupfer, die sich beim näheren Hinsehen als Blumen entpuppten, die sich in der Frühlingssonne zu wärmen schienen.

Er wollte sich an diesen Moment erinnern, genauso wie an jenes erste Mal, als er die Bucht zur Ostküste hinüber überquert hatte. Damals war er ein mürrischer, verängstigter Junge gewesen, neben einem Mann sitzend, der ihm ein neues Leben versprochen hatte.

Seth hatte auf dem Beifahrersitz eines Wagens gesessen. Er wurde von dem Mann gesteuert, den er kaum kannte. Seth besaß nur die Kleider, die er am Leib trug, und ein paar wenige Dinge in einer Papiertüte.

Sein Magen war vor Nervosität ganz verkrampft, aber er versuchte, seinem Gesicht einen gelangweilten Ausdruck zu verleihen, und starrte aus dem Fenster.

So lange er bei dem alten Mann war, war er wenigstens nicht bei ihr. Und das schien seiner Ansicht nach ein guter Tausch zu sein.

Außerdem war der alte Mann ziemlich cool.

Er stank nicht nach Alkohol – oder womöglich nach Pfefferminz, um eine Fahne zu überdecken, wie es einige der Arschlöcher taten, die Gloria in das Dreckloch anschleppte, in dem sie hausten. Und die wenigen Male, die sie zuvor schon zusammen gewesen waren, hatte ihm der alte Mann – er hieß Ray – immer einen Hamburger oder eine Pizza gekauft.

Und er hatte sich mit ihm unterhalten.

Nach Seths Erfahrung sprachen Erwachsene nicht mit Kindern. Sie schrien sie an, redeten über ihre Köpfe hinweg oder beschwerten sich über sie. Aber sich mit ihnen unterhalten, nein, das taten sie nicht.

Ray unterhielt sich aber mit ihm. Und er hörte auch zu. Und als der alte Mann ihn geradeheraus gefragt hatte, ob er – der doch nichts weiter war als ein kleiner Junge – bei ihm leben wollte, da hatte er nicht jene Furcht verspürt, die einem den Atem nahm, und auch keine plötzliche Panik. Stattdessen hatte sich in ihm die leise Hoffnung geregt, dass er mit Hilfe dieses Mannes vielleicht – nur vielleicht  – die Chance auf eine kleine Atempause hatte.

Nur weg von ihr. Das war das Beste daran. Je länger sie fuhren, desto weiter entfernten sie sich von ihr.

Wenn es Schwierigkeiten geben sollte, konnte er immer noch weglaufen. Der Kerl war wirklich alt. Zwar verdammt riesig, aber alt. Die Haare, die noch sehr dicht auf seinem Kopf wuchsen, waren schlohweiß, und sein breites Gesicht war von Falten durchzogen.

Seth warf Ray einen Seitenblick zu und begann, dieses Gesicht im Geiste zu malen.

Die Augen des alten Mannes waren von einem intensiven Blau, was irgendwie seltsam war, denn seine eigenen hatten die gleiche Farbe.

Ray hatte eine laute Stimme, obwohl er nie brüllte, wenn er etwas zu sagen hatte. Er klang stets besonnen, vielleicht sogar ein wenig müde.

Und inzwischen sah er wirklich ziemlich müde aus.

»Wir sind beinahe zu Hause«, sagte Ray, als sie sich der Brücke näherten. »Hungrig?«

»Keine Ahnung. Ja, vielleicht. Ein bisschen.«

»Meiner Erfahrung nach sind Jungs immer hungrig. Habe drei großgezogen, von denen jeder einzelne einen Magen hatte wie ein Fass ohne Boden.«

Es lag eine Fröhlichkeit in seiner dröhnenden Stimme, aber die klang gezwungen. Der Junge mochte wohl erst zehn Jahre alt sein, aber er erkannte sehr wohl falsche Töne.

Inzwischen waren sie weit genug weg – falls er fliehen musste. Also konnte er genauso gut die Karten auf den Tisch legen, um in Erfahrung zu bringen, was eigentlich Sache war.

»Warum nehmen Sie mich mit zu sich nach Hause?«

»Weil du ein Dach über dem Kopf brauchst.«

»Ach, hören Sie schon auf. So ’nen Scheiß macht doch keiner.«

»Manche Leute schon. Stella, meine Frau, und ich, wir haben so ’nen Scheiß gemacht.«

»Haben Sie ihr gesagt, dass Sie mich mitbringen?«

Ray lächelte, aber es lag eine große Traurigkeit in diesem Lächeln. »Auf meine Weise schon. Sie ist vor einiger Zeit gestorben. Du hättest sie gemocht. Und sie hätte nur einen einzigen Blick auf dich geworfen und sofort die Ärmel aufgekrempelt.«

Der Junge wusste nicht, was er darauf antworten sollte. »Und was soll ich tun, wenn wir dort angekommen sind, wo wir hinfahren?«

»Leben«, erwiderte Ray. »Ein Junge sein. Zur Schule gehen, etwas anstellen. Und segeln lernen. Das werde ich dir auf jeden Fall beibringen.«

»Auf einem Boot?«

Jetzt lachte Ray, ein mächtiges, dröhnendes Lachen, das den Wagen erfüllte und aus irgendeinem Grund, den der Junge nicht verstand, die Verkrampfungen in seinem Bauch löste. »Jawohl, auf einem Boot. Und ich habe einen Hundewelpen ohne jeden Verstand – ich scheine immer die ohne Grips zu kriegen –, den ich stubenrein bekommen muss. Dabei kannst du mir helfen. Du wirst einige Pflichten haben, aber das werden wir noch genauer besprechen. Wir stellen Regeln auf und du wirst dich daran halten. Glaub nur nicht, dass du mit mir ein leichtes Spiel hast, nur weil ich ein paar Jährchen auf dem Buckel habe.«

»Sie haben ihr Geld gegeben.«

Ray löste seinen Blick für einen Moment von der Straße und sah in die Augen des Jungen, die den seinen so sehr ähnelten. »Das stimmt. Das ist eine Sprache, die sie versteht, wenn ich sie richtig einschätze. Aber dich hat sie nie verstanden, was, mein Junge?«

Etwas ging in Seths Inneren vor sich. Ein Gefühl, das ihn aufwühlte, das er aber nicht als Hoffnung erkannte. »Wenn Sie sauer auf mich werden oder es leid sind, mich um sich zu haben, oder Ihnen aus irgendeinem Grund danach ist, werden Sie mich zu ihr zurückschicken. Aber ich werde nicht wieder zurückgehen.«

Sie hatten inzwischen die Brücke überquert. Ray fuhr den Wagen auf den Seitenstreifen der Straße und wuchtete seinen mächtigen Körper im Sitz herum, sodass sie einander ins Gesicht sehen konnten. »Ich werde ganz bestimmt irgendwann einmal sauer auf dich sein, und in meinem Alter wird man von Zeit zu Zeit auch manche Dinge leid, aber ich mache dir hier und jetzt ein Versprechen, und ich gebe dir mein Wort darauf: Ich werde dich nicht zurückschicken.«

»Aber wenn sie –«

»Ich werde nicht zulassen, dass sie dich von mir wegholt«, unterbrach Ray ihn, da er ahnte, was der Junge sagen wollte. »Egal, was ich tun muss, du gehörst jetzt zu mir. Zu meiner Familie. Und du kannst bei mir bleiben, solange du willst. Wenn ein Quinn ein Versprechen gibt«, fügte er hinzu und streckte die Hand aus, »dann hält er es auch. Und von jetzt an duzt du mich und nennst mich Ray.«

Seth blickte erst auf die ihm dargebotene Hand und dann auf seine eigene, die feucht war vor Aufregung. »Ich mag es nicht, wenn man mich anfasst.«

Ray nickte. »Kein Problem. Aber mein Wort gilt trotzdem. « Er lenkte den Wagen wieder auf die Straße und warf dem Jungen einen letzten Blick zu. »Wir sind beinahe zu Hause«, wiederholte er.

Nur wenige Monate später war Ray Quinn gestorben, aber er hatte sein Wort gehalten. Er hatte es durch die drei Männer gehalten, die er zu seinen Söhnen gemacht hatte. Diese Männer schenkten dem mageren, misstrauischen, verletzten kleinen Jungen ein neues Leben.

Sie gaben ihm ein Zuhause und machten einen Mann aus ihm.

Cameron, der rasch aufbrausende, leidenschaftliche Herumtreiber, Ethan, der geduldige, verlässliche Fischer, Phillip, der elegante, gewiefte Manager. Sie waren für ihn eingestanden, hatten um ihn gekämpft. Sie hatten ihn gerettet.

Seine Brüder.

Das goldene Licht der späten Nachmittagssonne tauchte das Sumpfgras, die Wattenmeere und die flachen Felder mit den ordentlich gepflanzten Reihen in einen schimmernden Glanz. Seth fuhr mit heruntergelassenen Fenstern und sog den Geruch des Meeres in sich auf, als er an der kleinen Stadt St. Christopher vorüberfuhr.

Er überlegte, in die Stadt abzubiegen und als Erstes zu der alten, backsteinernen Bootswerkstatt zu fahren. »Boats by Quinn« – dort wurden immer noch Holzboote nach den individuellen Wünschen der Kunden gebaut, und seit der Gründung der Firma vor achtzehn Jahren – an deren Anfang ein Traum, List und Tücke und viel Schweiß gestanden hatten – haftete ihr der Ruf an, für Qualität und handwerkliches Können zu stehen.

Wahrscheinlich wären seine Brüder um diese Uhrzeit noch da und arbeiteten: Cam, der herumfluchte, während er die letzten Feinarbeiten in einer Kajüte erledigte, Ethan, der schweigend die Planken bearbeitete, und Phil, der sich oben im Büro irgendeine flotte Werbekampagne einfallen ließ.

Er könnte bei Crawford’s vorbeifahren und ein Sechserpack Bier holen. Vielleicht würden sich seine Brüder ein kühles Schlückchen genehmigen. Aber es war eher anzunehmen, dass Cam ihm einen Hammer in die Hand drücken und ihn auffordern würde, seinen Hintern an die Arbeit zu bewegen.

Es hätte ihm Spaß gemacht, aber es war nicht das, wonach ihm jetzt der Sinn stand. Irgendetwas zog ihn geradezu magisch über diese schmale Landstraße entlang des Sumpfes, wo die Bäume ihre knorrigen Äste mit den zartgrünen Blättern ausbreiteten.

Von allen Orten, die er gesehen hatte – ob es Florenz mit seinen großartigen Kuppeln und Türmen war, Paris mit seiner reich verzierten Schönheit oder Irland mit seinen atemberaubend grünen Hügel – gab es doch nur einen, bei dessen Anblick ihm die Kehle eng wurde und das Herz aufging: Es war das alte weiße Haus mit dem verblassten blauen Holzwerk, das auf einer unebenen Wiese am Rande eines ruhigen Gewässers stand.

Seth bog in die Auffahrt und hielt hinter der alten, weißen Corvette, die einmal Ray und Stella Quinn gehört hatte. Der Wagen sah noch genauso tadellos aus wie an jenem Tag, als er den Ausstellungsraum verlassen hatte. Das war Cams Verdienst. Er würde sagen, es gehöre sich eben, einem so außergewöhnlichen Wagen den Respekt zu zollen, den er verdiente, aber Seth wusste, dass es dabei allein um Ray und Stella ging. Um die Familie. Um Liebe.

Der Flieder im Vorgarten stand in voller Blüte. Seth hatte Anna den kleinen Busch zum Muttertag geschenkt, als er zwölf war.

Anna war Cams Frau und dadurch auf gewisse Art Seths Schwester. Aber tief in seinem Inneren, wo es wirklich zählte, war sie wie eine Mutter für ihn.

Die Quinns hatten sich immer schon gut in andere Menschen einfühlen können.

Er schaltete den Motor aus und stieg aus dem Wagen. Ringsum herrschte eine herrliche Stille. Als er das erste Mal vor diesem Haus gestanden hatte, war er noch ein magerer Junge mit zu großen Füßen und Misstrauen im Blick gewesen.

Er war sozusagen in diese Füße hineingewachsen. Heute maß er einen Meter fünfundachtzig und besaß einen drahtigen Körper, der zur Schlaksigkeit neigte. Sein Haar war zu einem Bronzebraun nachgedunkelt und erinnerte nur noch entfernt an das Rotblond seiner Mähne in jugendlichen Jahren. Seth legte wenig Wert auf seine Frisur, und als er sich jetzt mit der Hand durch die Haare fuhr, fiel ihm mit Schrecken ein, dass er sie sich eigentlich vor seiner Abreise in Rom noch hatte schneiden lassen wollen.

Die Jungs würden ihn wegen des kleinen Pferdeschwanzes aufziehen, was bedeutete, dass er ihn noch eine Weile behalten musste – schon aus Prinzip.

Er zuckte mit den Schultern, stopfte die Hände in die Taschen seiner abgetragenen Jeans und machte sich auf den Weg. Sein Blick schweifte über Annas Blumen, die Schaukelstühle auf der vorderen Veranda, den Wald, der an den Seiten bis an die Grundstücksgrenzen heranreichte und in dem er als Junge so gern herumgetobt war.

An dem alten, über dem Wasser schwankenden Anlegesteg war die weiße Schaluppe vertäut.

Seth stand da, das Gesicht hohlwangig und gebräunt, und blickte aufs Wasser hinaus.

Seine vollen, festen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er spürte, wie sich ein Gewicht, von dem er gar nicht gewusst hatte, wie schwer es auf seinem Herzen lastete, zu heben begann.

Als er ein Rascheln im Wald vernahm, drehte er sich blitzartig um, um sich notfalls sofort verteidigen zu können  – ein Überbleibsel aus jener Zeit, als er noch ein misstrauischer kleiner Junge gewesen war. Zwischen den Bäumen kam eine schwarze Kugel hervorgeschossen.

»Witless!« Seths Stimme hatte einen autoritären Klang, in dem aber eine gute Portion von Amüsiertheit mitschwang. Der Hund blieb stehen und musterte den Mann mit baumelnden Ohren und heraushängender Zunge.

»Komm schon, so lange ist es doch nun wirklich nicht her.« Seth hockte sich hin und streckte eine Hand aus. »Erinnerst du dich noch an mich?«

Witless bedachte ihn mit jenem schwachsinnigen Grinsen, das ihm seinen Namen eingebracht hatte, ließ sich dann auf den Boden plumpsen und rollte sich auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen.

»Na, also. So ist’s richtig.«

In dem weißen Haus hatte es immer einen Hund gegeben, so, wie auch immer ein Boot am Anlegesteg vertäut gewesen war und ein Schaukelstuhl auf der Veranda gestanden hatte.

»Oh ja, du erinnerst dich an mich.« Während er Witless kraulte, blickte Seth zum hinteren Ende des Gartens hinüber, wo Anna eine Hortensie auf das Grab seines eigenen Hundes gepflanzt hatte. Der treue und geliebte Foolish.

»Ich bin’s Seth«, murmelte er. »Ich bin viel zu lange weg gewesen.«

Er vernahm den Klang eines Motors, dann das Quietschen von Reifen, die eine Kurve einen Tick schneller nahmen, als das Gesetz es erlaubte. Während er sich langsam aufrichtete, sprang der Hund auf und rannte zur Auffahrt.

Seth, der den Augenblick genießen wollte, folgte ihm langsamer. Er lauschte auf das Zuknallen der Autotür und hörte dann, wie sich eine weibliche Stimme hob und in einem singenden Tonfall mit dem Hund sprach.

Seth schaute die Frau für einen Moment nur an – Anna Spinelli Quinn mit ihrer lockigen, dunklen Haarmähne, die von der Fahrt verzaust war, die Arme voll gepackt mit Papiertüten, die sie offenbar gerade aus dem Wagen gehoben hatte.

Sein Grinsen vertiefte sich, als er sah, wie sie versuchte, die aufdringlichen Zuneigungsbekundungen des Hundes abzuwehren.

»Wie oft muss ich diese eine, simple Regel eigentlich noch wiederholen?«, fragte sie. »Man springt Leute nicht einfach so an, ganz besonders nicht mich – und schon mal gar nicht, wenn ich ein Kostüm trage.«

»Klasse Kostüm!«, rief Seth. »Aber die Beine gefallen mir noch besser.«

Ihr Kopf fuhr herum, und ihre tiefbraunen Augen, in denen sich Schock und Freude zugleich spiegelten, weiteten sich.

»Oh mein Gott!« Ohne auf den Inhalt zu achten, warf Anna die Tüten durch die geöffnete Tür ins Innere des Wagens zurück und rannte los.

Er fing sie auf, hob sie gute fünfzehn Zentimeter in die Luft und wirbelte sie einmal herum, bevor er sie wieder auf dem Boden absetzte. Aber er ließ sie immer noch nicht los. Stattdessen vergrub er sein Gesicht in ihrem Haar.

»Hallo, Anna«, flüsterte er.

»Seth! Oh, Seth!« Sie umklammerte ihn, ohne den Hund zu beachten, der winselnd an ihnen hochsprang und versuchte, seine Schnauze zwischen sie zu schieben. »Ich kann es einfach nicht glauben, dass du wirklich da bist.«

»Weine doch nicht!«

»Nur ein bisschen. Lass dich einmal ansehen.« Ihre Hände umfassten sein Gesicht, und sie trat ein Stück zurück. Er war ein so gut aussehender Kerl. Und so erwachsen geworden. »Sieh sich das mal einer an«, murmelte sie und strich mit der Hand über sein Haar.

»Ich wollte es eigentlich schon längst schneiden lassen.«

»Es gefällt mir.« Tränen liefen über ihr lächelndes Gesicht. »Du siehst wundervoll aus, ganz wundervoll. Wie ein richtiger Künstler.«

»Und du bist die schönste Frau auf der ganzen Welt.«

»Ach, du meine Güte!« Anna schniefte und schüttelte den Kopf. Dann wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. »Wann bist du denn angekommen? Ich dachte, du wärest in Rom.«

»War ich auch. Aber ich hatte Sehnsucht.«

»Warum hast du nicht angerufen? Dann hätten wir dich vom Flughafen abgeholt.«

»Ich wollte euch überraschen.« Seth ging auf den Wagen zu, um die Einkaufstüten herauszuholen. »Ist Cam in der Werkstatt?«

»Müsste er eigentlich. Warte, ich nehme das schon. Du musst doch deine Sachen hineintragen.«

»Die hole ich später. Wo sind Kevin und Jake?«

Sie ging neben ihm her und warf einen Blick auf ihre Uhr, während sie überlegte, wo ihre Söhne wohl gerade stecken mochten. »Welcher Tag ist heute? In meinem Kopf dreht sich noch alles.«

»Donnerstag.«

»Ach ja. Kevin ist bei der Theaterprobe. Sie führen in der Schule ein Stück auf. Und Jake ist beim Softball-Training. Kevin hat seinen Führerschein gemacht, Gott steh uns bei, und holt seinen Bruder auf dem Rückweg ab.« Sie schloss die Haustür auf. »Sie müssten in einer Stunde wieder da sein, dann ist es mit dem Frieden im Land vorbei.«

Alles ist noch wie früher, dachte Seth. Es spielte keine Rolle, welche Farbe die Wände hatten, ob ein neues Sofa das alte ersetzt hatte oder eine neue Lampe auf dem Tisch stand. Es war alles noch wie früher, weil es sich wie früher anfühlte.

Der Hund drängte sich an seinen Beinen vorbei und trottete schnurstracks in die Küche.

»Setz dich hin.« Anna nickte zum Küchentisch hinüber, unter dem Witless sich bereits ausgestreckt hatte und zufrieden an einem dicken Stück Seil zu kauen begann. »Du musst mir alles erzählen. Möchtest du ein Glas Wein?«

»Klar, nachdem ich dir dabei geholfen habe, das ganze Zeug hier wegzuräumen.« Als ihre Augenbrauen in die Höhe wanderten, verharrte er mit der Milch in der Hand vor der Kühlschranktür. »Was ist?«

»Ich musste mich gerade daran erinnern, wie sämtliche Bewohner dieses Hauses – du eingeschlossen – immer dann verschwanden, wenn es Zeit war, die Einkäufe wegzuräumen.«

»Weil du uns immer erklärt hast, dass wir sie an die falschen Stellen räumen würden.«

»Das hast du auch immer ganz besonders gern gemacht. Aber es war Absicht, weil du wolltest, dass ich dich aus der Küche werfe.«

»Das wusstest du?«

»Wenn es um meine Jungs geht, weiß ich alles. Mir entgeht nichts, mein Freund. Ist irgendwas in Rom vorgefallen?«

»Nein.« Seth fuhr fort, die Tüten auszupacken. Er wusste, wo die Lebensmittel in Annas Küche ihren Platz hatten, hatte es schon immer gewusst. »Keine Sorge, ich stecke nicht in Schwierigkeiten, Anna.«

Aber irgendetwas bereitet dir Kummer, dachte sie, sprach es aber nicht aus. »Ich werde einen guten italienischen Weißwein aufmachen. Dann trinken wir ein Gläschen zusammen, und du erzählst mir von all den wunderbaren Dingen, die du erlebt hast. Es kommt mir vor, als hätten wir uns schon Jahre nicht mehr gegenübergesessen und geredet.«

Er schloss die Kühlschranktür und drehte sich zu ihr um. »Tut mir Leid, dass ich es Weihnachten nicht geschafft habe, nach Hause zu kommen.«

»Aber Schätzchen, dafür hatten wir doch Verständnis. Du hattest schließlich eine Ausstellung im Januar. Wir sind alle so stolz auf dich, Seth. Cam hat mindestens hundert Hefte des Smithsonian gekauft, als sie damals diesen Artikel über dich brachten: ›Ein junger amerikanischer Künstler verführt Europa‹.«

Er zuckte mit einer Schulter, was eine typische Angewohnheit der Quinns war. Anna musste lächeln. »Also, setz dich hin.«

»Ich werde mich gern setzen, aber es wäre mir lieber, wenn du mich erst einmal auf den neuesten Stand bringen würdest. Wie geht es denn allen so? Wie geht es dir? Was macht die Arbeit?«

»Na schön.« Sie entkorkte die Flasche und holte zwei Gläser aus dem Schrank. »Ich mache im Moment mehr Verwaltungs- als Sozialarbeit. Aber in dem Job gibt es nun einmal viel Papierkram zu erledigen, auch wenn das nicht besonders befriedigend ist. Aber mit meiner Arbeit und zwei Teenagern im Haus komme ich wenigstens nicht dazu, mich zu langweilen. – Die Bootswerkstatt läuft gut.«

Sie setzte sich und reichte Seth sein Glas. »Aubrey arbeitet jetzt dort mit.«

»Ehrlich?« Der Gedanke an das Mädchen, das wie eine Schwester für ihn war – mehr, als es eine Blutsverwandte je sein konnte – entlockte Seth ein Lächeln. »Wie geht es ihr?«

»Prima. Sie ist hübsch, klug und dickköpfig und kann laut Cam ganz wunderbar mit Holz umgehen. Ich glaube, Grace war ein wenig enttäuscht, als Aubrey mit dem Tanzen aufhörte, aber es ist schwer, etwas einzuwenden, wenn das Kind, das man liebt, so glücklich ist. Und Grace und Ethans Emily sind ja in Mutters Fußstapfen getreten.«

»Will sie immer noch Ende August nach New York?«

»Die Chance bei der American Ballet Company zu tanzen bekommt man nicht alle Tage. Emily will sie beim Schopfe packen und schwört, dass sie Erste Solistin wird, bevor sie zwanzig ist. Deke ist ganz wie sein Vater – ruhig, handwerklich begabt und glücklich, wenn er draußen auf dem Wasser sein kann. »Möchtest du eine Kleinigkeit essen, mein Schatz?«

»Nein.« Er streckte seine Hand aus und legte sie auf die ihre. »Erzähl weiter.«

»Wenn du meinst. Phillip ist der Marketing- und Werbeguru der Firma geblieben. Ich glaube nicht, dass irgendeiner von uns – Phil eingeschlossen – jemals gedacht hätte, dass er bei dieser Werbeagentur in Baltimore kündigen, das Leben in der Stadt aufgeben und sich in St. Chris niederlassen würde. Aber inzwischen sind es, lass mal nachrechnen, ja, schon vierzehn Jahre, also kann man es wohl kaum mehr als eine Laune bezeichnen. Natürlich haben die beiden die Wohnung in New York gehalten. Sybill arbeitet übrigens an einem neuen Buch.«

»Ja, ich weiß, ich habe mit ihr gesprochen.« Seth kraulte den Hund mit seinem Fuß hinter dem Ohr. »Es geht wohl um die Entwicklung der Gesellschaft in den Zeiten des Cyberspace – oder so ähnlich. Was machen die Kinder?«

»Führen sich auf wie die Verrückten, wie es jeder anständige Teenager eben tut. Bram war letzte Woche schwer verliebt in ein Mädchen namens Cloe. Das könnte aber jetzt schon wieder vorbei sein. Fiona ist in ihren Interessen hin- und hergerissen zwischen Jungs und Shopping. Aber sie ist vierzehn, da ist das normal.«

»Vierzehn! Du lieber Himmel. Sie war noch nicht mal zehn, als ich nach Europa ging. Obwohl ich sie alle in den letzten Jahren immer mal wieder gesehen habe, kann ich kaum glauben, dass Kevin Auto fährt und Aub Boote baut und Bram hinter Mädchen her ist. Also wirklich –« Er verstummte und schüttelte den Kopf.

»Was denn?«

»Ich weiß noch, wie Grace mit Emily schwanger war. Es war das erste Mal, dass ich mit einer Frau zu tun hatte, die ein Baby bekam – nun ja, einer Frau, die es auch haben wollte. Es kommt mir so vor, als seien seitdem gerade einmal fünf Minuten vergangen – und jetzt geht Emily schon nach New York. Wie können achtzehn Jahre nur einfach so vergehen, Anna, ohne dass du auch nur einen Tag älter aussiehst?«

»Ach, ich habe dich so schrecklich vermisst!« Sie lachte und drückte seine Hand.

»Ich habe dich auch vermisst. Euch alle.«

»Das werden wir ganz schnell ändern. Wir trommeln alle zusammen und feiern am Sonntag eine große, laute, original Quinn’sche Willkommensparty. Na, wie klingt das?«

»Wundervoll!«

Der Hund jaulte, kroch unter dem Tisch hervor und lief zur Haustür.

»Das wird Cameron sein«, sagte Anna. »Geh nur und begrüße ihn.«

Seth durchquerte das Haus, wie er es früher so oft getan hatte, öffnete die Tür wie hunderte Male zuvor und blickte den Mann an, der auf dem Rasen stand und mit dem Hund, der sein Seil mit nach draußen geschleppt hatte, Tauziehen spielte.

Cam war groß und hatte immer noch die Statur eines Sprinters. In seinem Haar glitzerten bereits ein paar silberne Strähnen. Er hatte sich die Ärmel seines Arbeitshemdes bis zu den Ellenbogen aufgerollt, und seine Jeans waren an den strapazierten Stellen ganz weiß. Er trug eine Sonnenbrille und schwer mitgenommen wirkende Nikes.

Mit fünfzig sah Cameron Quinn immer noch richtig verwegen aus.

Anstelle einer Begrüßung ließ Seth die Fliegentür hinter sich zufallen. Cameron blickte zu ihm hinüber, und als einziges Zeichen seiner Überraschung glitt ihm das Seil aus den Fingern.

Tausend Worte wurden zwischen ihnen gewechselt, ohne dass sie ausgesprochen wurden, eine Million Gefühle und zahllose Erinnerungen. Seth ging schweigend die Stufen hinunter, während Cameron quer über die Wiese auf ihn zukam. Dann standen sie einander gegenüber.

»Ich hoffe doch sehr, dass diese Scheißkarre da auf der Auffahrt bloß ein Mietwagen ist«, sagte Cameron.

»Ja, das ist ein Mietwagen. Was Besseres konnte ich in der kurzen Zeit nicht auftreiben. Ich hatte eigentlich vor, ihn morgen zurückzugeben und für eine Weile die Corvette zu fahren.«

Camerons Lächeln war so scharf wie eine Rasierklinge. »Träum nur weiter, mein Freund. Nicht in hundert Jahren.«

»Aber es macht doch keinen Sinn, dass sie hier herumsteht und nicht gefahren wird. Was für eine Verschwendung!«

»Es wäre eine noch größere Verschwendung, irgendeinen albernen Maler, der unter der Wahnvorstellung leidet, ein großer Künstler zu sein, hinter das Lenkrad dieses Klassikers zu lassen.«

»Hey, immerhin bist du derjenige gewesen, der mir das Fahren beigebracht hat!«

»Ich hab’s zumindest versucht. Wahrscheinlich käme eine Neunzigjährige mit einem gebrochenem Arm besser mit einer Gangschaltung klar als du.« Cam deutete mit dem Kopf auf Seths Mietwagen. »Diese Peinlichkeit da lässt mich nicht gerade hoffen, dass du auf diesem Gebiet irgendwelche Fortschritte gemacht hast.«

Seth federte voller Selbstgefälligkeit auf seinen Absätzen vor und zurück. »Ich habe vor zwei Monaten einen Maserati Probe gefahren.«

Cams Augenbrauen wanderten nach oben. »Du willst mich wohl verscheißern!«

»Hab ihn bis auf zweihundert Stundenkilometer hochgejagt, aber dann hatte ich die Hosen voll!«

Cam lachte und versetzte Seth einen liebevollen Knuff gegen den Arm. Dann seufzte er. »Du Mistkerl, du kleiner Mistkerl«, wiederholte er immer und immer wieder, während er ihn in eine heftige Umarmung zog. »Warum zum Teufel hast du uns denn nicht Bescheid gesagt, dass du nach Hause kommst?«

»Es war eine spontane Idee«, erklärte Seth. »Ich wollte zurück – ich musste unbedingt zurück.«

»Verstehe. Und laufen bei Anna schon die Telefondrähte heiß? Verkündet sie allen, dass wir ein Willkommensgelage veranstalten?«

»Wahrscheinlich. Ich glaube, es soll am Sonntag stattfinden.«

»Prima. Hast du deine Sachen schon reingebracht?«

»Nein. Sie sind noch im Wagen.«

»Bezeichne dieses potthässliche Ding bitte nicht als Wagen! Komm, lass uns deinen Koffer holen.«

»Cam ...« Seth streckte die Hand aus und berührte Cams Arm. »Ich möchte nach Hause kommen. Nicht nur für ein paar Tage oder Wochen. Ich möchte bleiben. Darf ich?«

Cam nahm seine Sonnenbrille ab, und seine rauchgrauen Augen blickten Seth an. »Was zum Henker ist los mit dir, dass du glaubst, du müsstest erst fragen? Bring mich bloß nicht auf die Palme!«

»Das würde ich nie wagen, schließlich traut sich das keiner bei dir. – Ich würde natürlich auch meinen Teil beitragen.«

»Das hast du doch immer getan. Und außerdem haben wir deine hässliche Visage hier vermisst.«

Und das war genau der Willkommensgruß, den Seth von Cameron Quinn hören wollte.

Seths Zimmer hatte sich über die Jahre verändert – die Farbe an den Wänden hatte gewechselt, ein neuer Teppich lag auf dem Boden. Aber das Bett, in dem er geschlafen und geträumt hatte und in dem er jeden Morgen aufgewacht war, war immer noch dasselbe.

Dasselbe Bett, in das er als Kind Foolish geschmuggelt hatte.

Und dasselbe Bett, in das er Alice Albert geschmuggelt hatte, als er glaubte, ein Mann zu sein.

Seth war sich sicher, dass Cam von Foolish wusste, aber er hatte sich oft gefragt, ob er auch die Sache mit Alice mitbekommen hatte.

Er warf seinen Koffer achtlos auf das Bett und legte seinen mitgenommen wirkenden Malkoffer – den Sybill ihm einst zu seinem elften Geburtstag geschenkt hatte – auf den von Ethan geschreinerten Arbeitstisch.

Er musste sich demnächst unbedingt ein Atelier suchen. Solange das Wetter hielt, konnte er draußen arbeiten, das war ihm ohnehin lieber. Aber er musste etwas finden, wo er seine Leinwände und seine Malutensilien unterbringen konnte. Vielleicht gab es Platz in irgendeiner alten Scheune, aber auf Dauer würde das natürlich nicht gehen.

Und Seth wünschte sich nichts mehr, als dass sein Aufenthalt in diesem Haus von Dauer war.

Er hatte genug vom Herumreisen, genug davon, unter Fremden zu leben.

Damals hatte er weggehen und auf eigenen Füßen stehen müssen. Es hatte so vieles gegeben, was er lernen wollte. Und er hatte dieses überwältigende Bedürfnis verspürt, zu malen.

Und so ging er für einige Jahre nach Europa, studierte in Florenz und arbeitete in Paris, wanderte über die Hügel Irlands und Schottlands und besichtigte die Klippen Cornwalls.

Die meiste Zeit lebte er recht primitiv, und wenn er die Wahl hatte, etwas zu essen oder neue Farbe zu kaufen, blieb er eher hungrig.

Hunger war nichts Neues für ihn. Er konnte sich gut daran erinnern, wie es war, niemanden zu haben, der sich darum kümmerte, dass man satt und gut versorgt war und nicht fror.

Es war wohl der Quinn in ihm, der ihn so versessen darauf machte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Seth legte seinen Zeichenblock in die Schublade und verstaute Zeichenkohle und Bleistifte. Er wollte einige Zeit damit verbringen, sich auf das Wesentliche seiner Arbeit zu besinnen, bevor er wieder einen Pinsel in die Hand nahm.

An den Wänden seines Zimmers hingen einige seiner frühen Zeichnungen. Cam hatte ihm an einer alten Gehrungssäge in der Bootswerkstatt beigebracht, wie man Rahmen fertigte. Seth nahm eine der Zeichnungen von der Wand, um sie zu betrachten. Die groben, undisziplinierten Linien zeugten bereits von einem gewissen Talent. Aber vor allem lag in ihnen das Versprechen auf ein Leben verborgen.

Er hatte sie recht gut getroffen: Cam, der wie so oft die Daumen in seine Hosentaschen einhakte, und dessen Haltung ausdrückte, dass er keiner Konfrontation auswich. Dann Phillip, gewieft, elegant und clever. Und schließlich Ethan, der Geduldige, Solide, in seinem Arbeitszeug.

Er hatte auch sich selbst dazugezeichnet, den zehnjährigen Seth. Dünn, schmale Schultern, große Füße und ein hochgerecktes Kinn, mit dem er etwas Schmerzvolleres als Angst zu verbergen versuchte.

Etwas wie Hoffnung.

Ein einschneidender Moment in einem Leben, dachte Seth, eingefangen mit einem Kohlestift. Als er damals diese Zeichnung anfertigte, hatte er tief in seinem Innern langsam daran zu glauben begonnen, dass er einer von ihnen war.

Ein Quinn.

»Wenn man sich mit einem Quinn anlegt, legt man sich mit allen an«, murmelte er, während er die Zeichnung wieder an die Wand hängte.

Er drehte sich um, warf einen Blick auf die Koffer und fragte sich, ob er Anna wohl mit ein paar schmeichelnden Worten überreden könnte, sie für ihn auszupacken.

Aber das konnte er sich abschminken, das wusste er.

»Hallo!«

Seth blickte zur Tür und seine Miene heiterte sich auf, als er Kevin erblickte. Wenn er schon seine Klamotten verstauen musste, hatte er jetzt wenigstens Gesellschaft dabei. »Hallo, Kev.«

»Du willst also dieses Mal wirklich hier bleiben? Für immer?«

»Sieht ganz so aus.«

»Cool.« Kevin schlenderte herein, ließ sich auf das Bett plumpsen und legte seine Füße auf den Koffer. »Mom ist ziemlich aufgedreht deshalb. Und wenn Mom glücklich ist, ist jeder im Haus glücklich. Vielleicht könnte ich sie in der Stimmung, in der sie jetzt ist, sogar dazu kriegen, dass sie mir am Wochenende ihr Auto gibt.«

»Freut mich, dass ich helfen konnte.« Seth schob Kevins Füße von dem Koffer herunter und öffnete den Reißverschluss.

Seth fand, dass Kevin seiner Mutter sehr ähnlich sah. Dunkles, lockiges Haar, große, fast schwarze Augen. Wahrscheinlich fielen die Mädchen bei seinem Anblick reihenweise um wie die Kegel beim Bowling.

»Was macht die Schulaufführung?«

»Das wird absolut Spitze! West Side Story. Ich spiele den Tony.«

Seth stopfte willkürlich seine T-Shirts in eine Schublade. »Dann musst du sterben, stimmt’s?«

»Korrekt.« Kevin umklammerte sein Herz, begann zu zucken und sank mit einem Gesichtsausdruck voller Schmerz und Entzücken in sich zusammen. »Es ist einfach großartig. Und bevor ich dieses Todesding abziehe, haben wir noch eine echt geile Kampfszene. Die Aufführung ist nächste Woche. Du kommst doch, oder?«

»Ich werde in der ersten Reihe sitzen, Kumpel.«

»Achte mal auf Lisa Maxdon, die spielt die Maria. Eine süße Schnecke! Wir haben ein paar Liebesszenen zusammen. Dafür mussten wir eine Menge üben«, fügte er hinzu und zwinkerte ihm zu.

»Was tut man nicht alles für die Kunst, nicht wahr?«

»Richtig, Mann.« Kevin richtete sich ein wenig auf. »Erzähl mir doch mal was von den Häschen in Europa. Die müssen ziemlich heiß sein, was?«

»An denen kannst du dich leicht verbrennen, glaub mir. In Rom habe ich Anna-Theresa kennen gelernt.«

»Ein Mädchen mit zwei Vornamen?« Kevin schüttelte seine Finger, als habe er sie zu nahe an eine Flamme gehalten. »Mädchen mit zwei Vornamen sind voll sexy.«

»Wem sagst du das? Sie arbeitete in einer kleinen Trattoria. Und die Art und Weise, wie sie Pasta al pomodoro servierte, war atemberaubend.«

»Und? Hast du sie aufs Kreuz gelegt?«

Seth warf Kevin einen mitleidigen Blick zu. »Also bitte, was glaubst du, mit wem du hier redest?« Er stopfte eine Jeans in die Kommode. »Sie hatte Haare, die ihr bis zum Hintern reichten – und es war ein verdammt schnuckeliger Hintern! Augen wie geschmolzene Schokolade und ein Mund, der unersättlich war.«

»Hast du sie nackt gezeichnet?«

»Ich habe ungefähr ein Dutzend Körperstudien von ihr gemacht. Sie war ein Naturtalent. Völlig entspannt und ohne Hemmungen.«

»Oh Mann, du machst mich ganz fertig!«

»Und sie hatte wirklich die umwerfendsten ...« Seth verstummte und hob die Hände auf Brusthöhe, um es zu demonstrieren. »Augen«, fuhr er dann fort und ließ die Hände sinken. »Hallo, Anna.«

»Ihr redet über Kunst?«, erkundigte sie sich trocken. »Wie schön, dass du einige deiner kulturellen Erfahrungen mit Kevin teilst.«

»Hm ... na ja.« Jenes mörderische Lächeln, das Anna in seine Richtung sandte, hatte schon immer einen Knoten in Seths Zunge gezaubert. Und so griff er auf ein unschuldiges Grinsen zurück.

»Aber für heute ist der Abendkurs über Kunst und Kultur erst einmal beendet. Kevin, wie sieht’s mit deinen Hausaufgaben aus?«

»Schon gut. Setze mich sofort dran.« Kevin erkannte die Gelegenheit zur Flucht und nahm Reißaus.

Anna betrat das Zimmer. »Glaubst du etwa, dass es die fragliche junge Dame zu schätzen wüsste, auf ihren Busen reduziert zu werden?«, fragte sie Seth mit zuckersüßer Stimme.

»Oh ... ich habe ja auch ihre Augen erwähnt. Und die waren beinahe so toll wie deine.«

Anna zog ein T-Shirt aus der offenen Schublade und faltete es ordentlich. »Du glaubst doch wohl nicht, dass du damit bei mir durchkommst, oder?«

»Nein. Ich bitte um Vergebung. Bitte tu mir nichts! Ich bin doch gerade erst nach Hause gekommen.«

Sie nahm das nächste T-Shirt heraus und faltete es. »Kevin ist sechzehn, und mir ist durchaus bewusst, dass sein Hauptinteresse zurzeit nackten Brüsten gilt – und natürlich der Frage, wie er so viele wie möglich betatschen kann.«

Seth zuckte zusammen. »Du liebe Güte, Anna!«

»Ich bin mir auch bewusst«, fuhr sie ungerührt fort, »dass diese Vorliebe während des ganzen Lebens tief in der männlichen Spezies verwurzelt bleibt – wenn sie sich auch mit der Zeit auf eine etwas zivilisiertere und kontrolliertere Weise äußert.«

»Wie wäre es, wenn ich dir einige meiner Landschaftsskizzen aus der Toskana zeige?«

»Ich bin von Männern umzingelt.« Seufzend zog Anna ein weiteres T-Shirt hervor. »Ihr seid in der Überzahl, und das war schon so, seit ich dieses Haus betreten habe. Aber das heißt schließlich nicht, dass ich euch nicht hin und wieder zusammenstauchen kann, wenn es nötig ist. Verstanden?«

»Jawohl, Ma’am.«

»Gut. Und jetzt zeig mir deine Landschaften.«

Später, als es im Haus ruhig war und der Mond über dem Wasser hing, stand Cam auf der hinteren Veranda. Als Anna ihn dort entdeckte, ging sie zu ihm.

Er legte einen Arm um sie und rieb liebevoll ihre Schulter. Die Nacht war kühl. »Hast du alle versorgt und ins Bett verfrachtet?«

»Dafür bin ich ja da. Ganz schön frisch heute.« Sie blickte zum Himmel hinauf, zu den Sternen, die wie festgefrorene Punkte wirkten. »Ich hoffe, es bleibt bis Sonntag schön.« Dann drehte sie sich zu ihm und legte ihre Wange an seine Brust. »Oh Cam!«

»Ich weiß.« Er strich mit der Hand über ihr Haar und rieb seine Wange an der ihren.

»Es tut so gut, ihn am Küchentisch sitzen zu sehen. Zuzuschauen, wie er mit Jake und diesem dummen Köter herumtollt. Sogar sich anzuhören, wie er mit Kevin über nackte Frauen redet –«

»Was für nackte Frauen?«

Anna lachte und schüttelte ihr Haar zurück, als sie ihn ansah. »Niemand, den du kennst. Es ist so schön, ihn wieder zu Hause zu haben.«

»Ich habe dir ja gesagt, dass er zurückkommen wird. Die Quinns kehren immer wieder ins Nest zurück.«

»Da hast du wohl Recht.« Ihre Lippen trafen sich zu einem langen warmen Kuss. »Warum gehen wir nicht nach oben?« Sie ließ ihre Hände herabgleiten und versetzte seinem Hinterteil einen aufreizenden Kniff. »Dann werde ich dich auch ins Bett verfrachten.«

Zwei

»Raus aus den Federn, mein Freund! Du bist hier schließlich nicht im Erholungsheim!«

Die Stimme mit dem eindeutig sadistischen Unterton weckte Seth unsanft aus dem Schlaf. Er stöhnte, wälzte sich auf den Bauch und zerrte sich ein Kissen über den Kopf. »Hau ab! Hau bloß ab!«

»Wenn du glaubst, du könntest bis in die Puppen schlafen, dann hast du dich aber schwer getäuscht.« Cam zog genüsslich an dem Kissen. »Los, steh auf.«

Seth öffnete ein Auge. Es rollte hin und her, bis es ihm gelang, den Blick auf die Uhr auf seinem Nachttisch zu konzentrieren. Es war noch nicht einmal sieben. Er verbarg das Gesicht wieder in der Matratze und murmelte ein paar unhöfliche Worte auf Italienisch.

»Meinst du etwa, ich hätte all die Jahre mit Anna gelebt, ohne herauszubekommen, dass das ›Leck mich am Arsch‹ heißt? Also, ich fürchte, du bist nicht nur faul, sondern auch noch dämlich dazu.«

Cam riss Seth kurzerhand die Bettdecke weg, packte seine Fußknöchel und zerrte ihn auf den Boden.

»Scheiße. Scheiße!« Nackt und mit schmerzendem Ellenbogen, den er sich am Nachttisch gestoßen hatte, funkelte Seth seinen Peiniger wütend an. »Was zum Teufel soll denn das? Das hier ist mein Zimmer, mein Bett, und ich versuche, darin zu schlafen.«

»Zieh dir was an. Hinten im Garten wartet Arbeit auf dich.«

»Oh Gott, kannst du einem Menschen nicht erst mal einen Tag Ruhe gönnen, bevor du ihn zur Arbeit einteilst?«

»Junge, du warst zehn, als ich dich unter meine Fittiche genommen habe, und ich bin noch lange nicht damit fertig, einen anständigen Menschen aus dir zu machen. Also los, da draußen wartet Arbeit, die erledigt werden muss. Sieh zu, dass du in die Gänge kommst.«

»Cam!« Anna kam zur Tür herein, die Hände in die Hüften gestemmt. »Ich habe dich gebeten, ihn zu wecken. Von zusammenschlagen habe ich nichts gesagt.«

»Großer Gott!« Seth riss Cam die Bettdecke aus der Hand und schlang sie sich um die Taille. »Mensch, Anna, ich bin nackt!«

»Dann zieh dich an«, lautete Annas lapidare Antwort, bevor sie wieder verschwand.

»Wir sehen uns draußen«, erklärte ihm Cam, als er aus dem Zimmer spazierte. »In fünf Minuten.«

»Ja, ja, ja.«

Einige Dinge ändern sich einfach nie, dachte Seth, als er hastig in seine Jeans schlüpfte. Er könnte sechzig sein, und Cam würde ihn immer noch aus dem Bett werfen als wäre er zwölf.

Er griff nach seinem verschlissenen University of Maryland-Sweatshirt und zog es sich über den Kopf, während er aus dem Zimmer wankte.

Wenn es jetzt keinen heißen und frischen Kaffee gab, würde ihm das jemand bitter büßen müssen.

»Mom! Ich kann meine Schuhe nicht finden!«, ertönte es aus Jakes Zimmer.

»Sie sind hier unten!«, rief Anna zurück. »Mitten auf meinem Küchenboden, wo sie nichts zu suchen haben.«

»Nicht die Schuhe. Oh Mann, Mom! Die anderen Schuhe.«

»Such sie doch in deinem Arsch«, ertönte es aus Kevins Zimmer. »Dein Kopf steckt ja auch schon drin.«

»Du dürftest ja wohl auch keine Probleme damit haben, deinen Arsch zu finden«, kam die gezischte Antwort. »Du trägst ihn schließlich auf den Schultern.«

Der Austausch solch vertrauter Nettigkeiten in der Familie hätte Seth wohl ein Lächeln entlockt, wenn es nicht erst kurz vor sieben gewesen wäre, wenn es in seinem Ellenbogen nicht so höllisch gepocht hätte – und wenn er schon eine Dosis Koffein gehabt hätte.

»Keiner von euch beiden würde seinen Arsch mit den eigenen Händen finden«, brummte er, während er schmollend die Treppe hinunterging.

»Was ist denn bloß mit Cam los?«, fragte er Anna, als er die Küche betrat. »Ist noch Kaffee übrig? Warum schreit eigentlich jeder hier in aller Herrgottsfrühe so herum?«

»Zu deiner ersten Frage: Cam will dich draußen sehen. Zweitens: Ja, es ist noch eine halbe Kanne Kaffee da, und drittens: Hier wird deshalb in aller Herrgottsfrühe so herumgeschrien, weil das eben unsere Art ist, den Tag zu beginnen.« Sie schüttete Kaffee in einen dicken, weißen Becher. »Du wirst allein frühstücken müssen. Ich habe eine frühe Besprechung. Hör auf zu schmollen, Seth. Ich bringe Eiskrem mit, wenn ich von der Arbeit komme.«

Damit sah der Tag doch gleich ein wenig freundlicher aus. »Rocky Road, meine Lieblingssorte?«

»Rocky Road. – Jake! Räum endlich deine Schuhe aus meiner Küche, bevor ich sie an den Hund verfüttere! – Geh nach draußen Seth, sonst verdirbst du Cam noch die gute Laune.«

»Du hast Recht, er sah richtig fröhlich aus, als er mich aus dem Bett gezerrt hat.« Seth war immer noch sauer, als er nach draußen marschierte.

Und da standen sie, beinahe so, wie Seth sie vor so vielen Jahren gezeichnet hatte: Cam, die Daumen in die Hosentaschen gehakt, Phillip in einem todschicken Anzug und Ethan mit einer abgewetzten Kappe auf dem zerzausten Haar.

Seth schluckte den Kaffee mitsamt dem Kloß hinunter, der ihm plötzlich im Hals saß. »Hast du mich etwa deshalb so früh aus dem Bett gezerrt?«

»Immer noch dieselbe große Klappe.« Phillip schloss ihn in die Arme. Seine Augen, die beinahe das gleiche Goldbraun wie sein Haar hatten, wanderten über Seths abgerissenes Sweatshirt und die alte Jeans hinweg. »Du meine Güte, Junge, hast du denn gar nichts von mir gelernt?« Kopfschüttelnd befingerte er den abgewetzten, grauen Ärmel. »Offenbar war es reine Verschwendung, dass du nach Italien gegangen bist.«

»Das sind doch nur Klamotten, Phil. Die trägt man, damit einem nicht kalt wird und einen die Polizei nicht verhaftet.«

Mit gespieltem Entsetzen hob Phillip die Hände. »Was habe ich nur falsch gemacht?«

»Wieso? Er sieht doch gar nicht so schlecht aus, höchstens noch ein bisschen mager. Und was ist das?« Ethan zog an Seths Haar. »Die sind ja so lang wie bei einem Mädchen.«

»Gestern Abend hatte er die Haare zu einem hübschen, kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden«, erklärte Cam ihm. »Er sah richtig niedlich aus.«

»Du kannst mich mal«, sagte Seth lachend.

»Wir werden dir ein nettes, rosa Bändchen kaufen«, versprach Ethan kichernd und umarmte Seth ungestüm.

Phillip nahm Seth den Kaffeebecher aus der Hand und trank einen Schluck. »Wir dachten, wir kommen einfach vor Sonntag schon einmal vorbei und werfen einen Blick auf dich.«

»Ich freue mich, euch zu sehen. Ich freue mich wirklich.« Seth warf Cam einen Blick zu. »Du hättest mir ruhig sagen können, dass sie hier sind, statt mich wortlos aus dem Bett zu zerren.«

»Hat aber so mehr Spaß gemacht. Also Jungs, seid ihr bereit?« Cam federte auf seinen Absätzen vor und zurück.

»Bereit!«, erklärte Phillip und setzte den Becher auf dem Geländer ab.

»Bereit!«, sagte auch Ethan, zog Seth ein weiteres Mal am Haar und umfasste dann seinen Arm mit einem eisernen Griff.

»Was zum Teufel – ?«

Cam grinste nur und packte seinen anderen Arm. Seth musste gar nicht erst das Funkeln in ihren Augen sehen, um zu wissen, was ihm bevorstand.

»Leute, das ist doch jetzt hoffentlich nicht euer Ernst, oder?«

»Was sein muss, muss sein.« Bevor Seth überhaupt die Chance hatte, sich zu wehren, hatte Phillip schon seine Beine gepackt. »Gott sei Dank musst du dir ja keine Sorgen um irgendwelche schicken Klamotten machen, die nicht nass werden dürfen.«

»Hört sofort auf!« Seth sträubte sich und versuchte zu treten, als er von der Veranda getragen wurde. »Ich mein’s ernst! Das Wasser ist scheißkalt.«

»Der wird bestimmt wie ein nasser Sack absaufen«, mutmaßte Ethan leichthin, während sie Seth in Richtung Anlegesteg schleppten. »Das Leben in Europa hat ihn ja zu einem richtigen Waschlappen gemacht.«

»Von wegen Waschlappen!« Seth kämpfte gegen die eisernen Griffe und zugleich gegen das Lachen an, das ihm in der Kehle hochstieg. »Ihr müsst schon zu dritt gegen mich antreten, um mich außer Gefecht zu setzen! Ein Haufen schwacher, alter Männer seid ihr«, knurrte er. Mit Händen wie Schraubstöcke, fügte er in Gedanken hinzu.

Seine Worte zauberten ein Stirnrunzeln auf Phillips Gesicht. »Was glaubt ihr, wie weit wir den Kerl werfen können?«

»Das werden wir gleich herausfinden. – Eins!«, verkündete Cam, als sie auf dem Steg standen und Seth zwischen sich hin und her schaukelten.

»Ich bringe euch um!« Seth zappelte wie ein Fisch, fluchte und lachte zugleich.

»Zwei!«, sagte Phillip grinsend. »Spar dir deinen Atem lieber auf, mein Junge.«

»Drei! Willkommen zu Hause, Seth!«, rief Ethan, als die drei ihn in die Luft schleuderten.

Seth hatte Recht gehabt. Das Wasser war eiskalt. Es nahm ihm beinahe den Atem, und die Kälte drang bis in seine Knochen. Als er hustend und spuckend wieder auftauchte und sich das Haar zurückstrich, hörte er, wie seine Brüder vor Freude brüllten, sah sie dort oben nebeneinander auf dem Steg stehen, das alte weiße Haus im Hintergrund.

Ich bin Seth Quinn, dachte er. Ich bin zu Hause.

Das frühmorgendliche Bad hatte einen Vorteil: Es vertrieb den Jetlag. Da er nun schon einmal auf war, beschloss Seth, einige Dinge zu erledigen. Er fuhr nach Baltimore, gab den Mietwagen bei der Verleihfirma ab und war nach einigem zähen Ringen mit einem Autohändler stolzer Besitzer eines silberfarbenen Jaguar Kabrio.

Er wusste sehr wohl, dass er es damit förmlich herausforderte, Strafzettel wegen Geschwindigkeitsübertretung zu bekommen, aber er konnte einfach nicht widerstehen.

Auf diese Art konnte er zumindest die Früchte seiner Arbeit ernten und genießen. Der Verkauf seiner Kunst war ein zweischneidiges Schwert für Seth. Es versetzte ihm jedes Mal einen Stich, wenn er sich von einem seiner Bilder trennen musste, aber auf der anderen Seite brachten sie ihm eine Menge Geld ein, weil sie sich sehr gut verkauften.

Seine Brüder würden vor Neid erblassen, wenn sie seinen neuen Wagen sahen.

Als er auf dem Rückweg nach St. Chris hineinfuhr, nahm er den Fuß vom Gas. Er hatte die kleine Stadt am Wasser mit dem geschäftigen Treiben am Hafen und den ruhigen Straßen bereits zahllose Male und aus den verschiedensten Perspektiven gemalt.

Die Market Street mit ihren Läden und Restaurants verlief parallel zum Pier, wo die Krebspuhler jedes Wochenende ihre Tische aufbauten, um den Touristen etwas zu bieten. Fischer wie Ethan brachten ihren täglichen Fang hierher.

Die Stadt erstreckte sich mit ihren alten viktorianischen Häusern im Saltbox-Stil, die im Schatten von mächtigen Bäumen lagen, vom Meer bis ins Land hinein. Die Touristen erfreuten sich an diesem sauberen, malerischen alten Örtchen, durchstöberten die Läden, aßen in den Restaurants oder machten es sich in einer der Frühstückspensionen gemütlich, um sich ein Wochenende lang an der See zu entspannen.

Die Einheimischen hatten gelernt, mit den Touristen zu leben, wie sie mit den Stürmen lebten, die vom Atlantik hereinbliesen, und den Hitzeperioden, durch die ihre Sojabohnenfelder versengt wurden. Und sie lebten mit der launischen Bucht.

Als Seth bei Crawford’s vorbeikam, musste er an die schlabberigen Riesensandwichs und die köstliche Eiskrem in Waffelhörnchen denken, die man dort bekam. Außerdem erfuhr man in dem Laden stets den neuesten Klatsch.

Als Junge war er diese Straßen mit dem Fahrrad entlanggefahren, hatte sich Rennen mit Danny und Will McLean geliefert. Später hatte er die beiden in dem alten Chevy mitgenommen, den er und Cam in jenem Sommer, als er sechzehn geworden war, auf Vordermann gebracht hatten.

Und oft hatte er an einem der beschirmten Tische inmitten des geschäftigen Treibens gesessen und zu begreifen versucht, was diesen Ort für ihn so einzigartig auf der Welt machte.

HEYNE ALLGEMEINE REIHE

Die Originalausgabe CHESAPEAKE BLUE erschien bei Putnam, New York

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Redaktion: lüra – Klemt & Mues GbR, Wuppertal

Deutsche Erstausgabe 02/2003

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