20 Erzählungen und Kurzgeschichten - Ben Lehman - E-Book

20 Erzählungen und Kurzgeschichten E-Book

Ben Lehman

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Beschreibung

Zwanzig Erzählungen und Kurzgeschichten für junge Menschen, die an Vielem interessiert sind. Sie könnten wahr sein, oder auch nicht, oft ein wenig durchgeknallt. Jedoch, immer spektakulär, zum Beispiel: - ein Höllenhund hilft Verena, - eine kluge, aber freche Amsel geht ihren Weg, - Paul möchte gerne ein Pfadfinder sein, aber ... - ein Zauberkasten hat schon was. - ein Nikolausabend geht total in die Hose. Und so weiter.

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Inhaltsverzeichnis

1. Verenas Höllenhund

Gertrud klaut ein Kind

Daisy, das Auto

Der kluge Regenwurm

Gänsequalen

Paul, der Pfadfinder

Schulstunde

Sophia weint.

Möpschen

10. Opa Karl

11.Der Reifengeist

12.Minky

13.Nikolausabend

14.Endlich Ferien

15.Gute Freunde

16.Der Zauberkasten

17.Der kleine Moritz

18.Annalena

19.In Lebensgefahr

20.Weihnachten im Schnee

Impressum:

Texte: © Copyright by Ben Lehman Umschlag: © Copyright by Ben Lehman Verlag: Ben Lehman

Von-der-Tann-Straße 12

823195 [email protected]

1. Verenas Höllenhund

Die Wolters hatten zwei Kinder, Verena, die Ältere, sieben Jahre alt und Linus, vier Jahre alt. Sie bewohnten ein klitzekleines Reihenhaus am Stadtrand mit einem Garten, der diese Bezeichnung eigentlich gar nicht verdiente, weil er so klein war. Doch sie liebten ihr Anwesen über alles. Seit einigen Tagen war Verena besonders glücklich, weil Vater ganz überraschend sein winziges Arbeitszimmer für Linus geräumt hatte, damit Verena endlich ungestört Hausaufgaben machen konnte, ohne dauernd von ihrem Bruder genervt zu werden. Wenn sie an ihrem Schreibtisch saß und arbeitete, war sie nun restlos zufrieden. Schreiben ging ihr flüssig von der Hand, immerhin hatte sie das bereits im Kindergarten gelernt. Im Rechnen war sie sowieso Klassenbeste.

Eigentlich war Verena bereits ein Star, zumindest in ihrer Klasse. Beim Weihnachtsspiel, das Sportlehrer Herr Kleinschmidt mit einigen Schülerinnen und Schülern gerade einstudierte, durfte sie die Rolle des jüngsten Teufelchens übernehmen. Zuerst zeterte sie unzufrieden, sie hätte lieber einen Engel gespielt. Aber Herr Kleinschmidt bestand darauf, weil alle Mädchen am liebsten Engel darstellen möchten, schließlich konnte er kein Weihnachtsspiel ausschließlich mit Engeln aufführen. Deshalb lernte sie, wohl oder übel, ihre Rolle als Teufelchen, mit großer Sorgfalt, was blieb ihr anderes übrig. In ihrem Zimmer verwandelte sie sich regelmäßig mit verschiedenen passenden Kleidungsstücken in das Teufelchen Schiefelbein und war bald, zu ihrer eigenen Überraschung, von ihrer Theaterrolle restlos begeistert. Als sie sogar von Ihren Eltern Schiefelbein genannt wurde, es war Vaters Idee, grinste sie zufrieden, immerhin fühlte sie sich als erfahrene Schauspielerin. Schon während der Theaterproben war Herr Kleinschmidt von Verenas Darstellung des Teufelchens angetan. „Ja, genau so ist es richtig. Wenn du das so gut hinkriegst, bist du nächstes Jahr wieder dabei, Verena.“

Sie nickte, mit sich selbst und ihrer Rolle zufrieden.

Von Anfang an hatte Verena auf endlos vielen Seiten Papier Schiefelbein in immer anderen Kleidungsstücken und Gestalten gemalt - malen gehörte übrigens auch zu ihren Leidenschaften. Vater hatte ihr einen Ordner spendiert, in dem sie alle Entwürfe abheften konnte. Wenn sie diese Sammlung durchblätterte, lachte sie oft so laut, dass Mutter überrascht hereinstürmte.

„Verena! Fehlt dir was?“

„Ja, doch“, gackerte Verena, „schau mal, hier, die vielen Schiefelbeins!“

„Ach so“, antwortete die Mutter und ging zurück zu ihrer Hausarbeit.

Verena rief ihr hinterher: „Zu einem Teufelchen gehört doch auch ein Höllenhund, oder?“

„Weiß ich nicht, ich war noch nie in der Hölle.“

Verena lachte sich halb kaputt und zeichnete von da an Höllenhunde, die zu Schiefelbein passen sollten. Sie entwarf schöne Hunde, dann wieder bissige, einer hatte sogar nur drei Beine, ein langes und ein kurzes Ohr und einen gestutzten Schwanz. Zuletzt gelang ihr ein richtig abschreckender Höllenhund, der sein Maul aufriss und gefährlich die Zähne fletschte. „Den zeig ich Mutter“, beschloss Verena, doch als sie aufstand und ihre Zeichnung zur Hand nehmen wollte, fiel die Hundezeichnung aus dem Blatt heraus und plumpste zu Boden. Verena schüttelte überrascht den Kopf und blickte immer wieder auf das Blatt Papier, das plötzlich wieder rein weiß war. Dafür saß genau dieser Höllenhund direkt neben ihr und knurrte gefährlich. Verena erschrak und schrie laut auf. Keine Sekunde später riss Mutter wieder die Tür auf und rief: „Verena, Kind!“

Verena deutete zuerst auf das weiße Blatt Papier, dann auf den Fußboden. Die Mutter kam näher, blickte auf das weiße Blatt, dann auf den Fußboden, wo sie natürlich nichts sah und schüttelte den Kopf. „Ist dir nicht gut, meine Kleine?“

„Doch, nein, ja“, schrie sie, „der Höllenhund ist gerade aus meiner Zeichnung gehüpft. Da sitzt er und knurrt mich an“, dabei deutete sie auf den Fußboden links neben sich.

Die Mutter stutzte und fühlte Verenas Stirn. „Fieber hast du nicht.“

Als sie wieder gegangen war schimpfte Verena den Höllenhund, der noch immer neben ihr saß: „Siehst du, was du angerichtet hast? Was soll das eigentlich? Wie stellst du dir das vor?“

Unerwartet antwortete der Höllenhund. „Ich werde dich beschützen, bis deine Aufführung vorbei ist, Schiefelbein.“

„Du kennst sogar meinen Theaternamen.“

„Natürlich. Du hast mich oft genug gezeichnet, Schiefelbein, und die anderen Höllenhunde befinden sich alle in deinem Ordner.“

„Das weißt du auch? Hast du eigentlich einen Namen? Ich kann doch nicht immer he du zu dir sagen.“

Er schüttelte den Kopf, seine Lefzen flogen hin und her. Dann knurrte er. „Hab ich nicht, ruf mich einfach Hund, oder, von mir aus auch Dog.“

„Hund, Dog, das sind doch keine richtigen Hundenamen.“

„Ich bin auch kein richtiger Hund, sondern ein Höllenhund, weißt du doch.“

„Ach ja, richtig. Und jetzt?“

„Ich werde auf dich aufpassen, vergessen? Wenn du mich brauchst, ruf mich einfach, ich bin von nun an immer in deiner Nähe.“

Bevor Verena antworten konnte, war er verschwunden. Verena kratzte sich nachdenklich hinter dem linken Ohr.

Am Abend besprach Mutter Verenas Zustand mit dem Vater und erzählte ihm, was passiert war. „Hast du dafür eine Erklärung?“

„Nein, wirklich nicht. Sie wird dich auf den Arm genommen haben.“

„Hat sie nicht. Vereni war total aufgelöst. So kenne ich sie nicht. Vielleicht sollte ich mit ihr zum Arzt gehen.“

„Und was willst du ihm sagen?“, grinste der Vater. „Dass ihr ein gemalter Hund aus dem Blatt gehüpft ist und geknurrt hat? Mach dich nicht lächerlich, meine Liebe. Was soll denn der Arzt denken? Dann erfahren es auch noch unsere Nachbarn. Unsere Tochter ist doch nicht verrückt.“

Verena lauschte und hatte das Gespräch mitbekommen. Nachdenklich saß sie da und überlegte. Eigentlich hatte Vater recht, SIE WAR NICHT VERRÜCKT!

Am nächsten Tag, auf dem Weg zur Schule, geschah etwas Überraschendes. Als sie um die Ecke bog, stand genau jener Hund, den sie gezeichnet hatte, vor ihr. Verena blieb verwundert stehen und starrte ihn an. Ihr Mund öffnete und schloss sich, leider fiel ihr erst einmal nichts Vernünftiges ein, deshalb fragte sie idiotischer weise. „Bist du der …, der …, der …?“

Und der Hund antwortete. „Hund. Du kennst mich doch, weil du mich gezeichnet hast. Ich wollte dir noch einmal sagen, dass ich dich bis zu deiner Aufführung beschützen werde.“

„Aber meine Mutter mag keine Hunde, weil bei uns keiner Zeit hat Gassi zu gehen, besser du verschwindest wieder. Und zu Hause dürfen sie dich auf keinen Fall sehen. Mein Vater hat gesagt, ich bin nicht verrückt und jetzt stehst du schon wieder vor mir.“

„Keine Sorge, Verena, mit mir musst du nicht Gassi gehen und sehen kann mich auch keiner, außer dir.“

„Du spinnst echt“, entfuhr es Verena. „Das glaub ich dir nicht.“

„Dann sieh mich an!“

„Tu ich doch dauernd!“

Der Höllenhund wurde durchsichtig und war verschwunden. Verena starrte einige Zeit auf die Stelle, wo gerade noch der Hund gesessen hatte. Dann drehte sie sich zweimal im Kreis herum und schüttelte den Kopf. Gerade kam ihre Freundin Sigi auf sie zu. Sie grinste bereits seit einigen Metern. „Was ist denn mit dir los, Vereni? Du hast ja einen Drehwurm.“

„Hab ich nicht. Der Hund ist wieder weg.“

Sigi tippte mit dem Zeigefinger an ihre Stirn. „Welcher Hund? Bist du okay?“

Verena erzählte ihrer Freundin von dem Hund, der ihr vom Zeichenblatt gesprungen war. Sigi kniff die Augen zusammen und sagte kein Wort.

Schweigend gingen sie weiter.

Später meinte Sigi. „Schauspielen muss sehr schwer sein.“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich meine nur, wegen deinem Hund.“

Auf dem Heimweg beobachtete Verena ihren Weg genauer als sonst. Aber ihr Höllenhund namens Hund oder Dog tauchte nicht mehr auf. Dafür stand plötzlich ein Mann neben ihr und legte seine Hand auf ihre Schulter. Verena war sofort hellwach. „Was soll das, hauen Sie ab, sonst schrei ich ganz laut.“

„Ist doch niemand in der Nähe. Ich möchte mich nur mit dir ein wenig unterhalten. Wir haben zufällig denselben Weg.“

„Nein, nein, gehen Sie weg.“

„Gleich, sofort, du magst doch sicher Schokolade, ich habe eine besonders gute. Hier!“ Er zog tatsächlich eine Tafel Vollmilchschokolade aus der Tasche und hielt sie Verena hin.

„Nein und nochmals nein!“, rief sie erregt.

Da fiel es ihr ein und sie rief: „Hund, Dog, hilf mir!“

In diesem Augenblick stand er vor beiden. Er schien immer größer zu werden und fletschte sein schreckliches Gebiss. Als er dicht vor dem Mann stand, hob der abwehrend beide Hände und schrie. „Weg! Hau ab, du Mistviech.“

Er drehte sich erschrocken um und rannte, was seine Beine hergaben. Der Hund wurde wieder kleiner und schloss sein gefährliches Maul, dann sagte er sanft. „Und? Bist du mit mir zufrieden, Verena?“

Als schließlich das Weihnachtsspiel am 15. Dezember aufgeführt wurde, es musste wegen des Riesenerfolgs an den folgenden Tagen noch zweimal wiederholt werden, glänzte Verena als Teufelchen Schiefelbein so sehr, dass ihr Name bald in aller Munde war, auch in höheren Klassen. Viele Eltern kamen zweimal und applaudiert wild, als sie sich verbeugte.

Später saß Verena in ihrem Zimmer und sah sich in Gedanken immer wieder im Rampenlicht vor so vielen, begeisterten Zuschauern. Sie war restlos glücklich.

„Das will ich nächstes Jahr wieder“, murmelte sie vor sich hin.

„Dann bin ich auch wieder bei dir, Verena.“

Sie erschrak, doch es war nur Hund, der neben ihr saß und sie aufmerksam beobachtete.

„Danke, Hund, danke, Dog. Schade, wenn ich dich nun so lange nicht mehr sehen kann.“

* * *

Gertrud klaut ein Kind

Es gibt bei uns sehr viele Amseln, das sind die kleinen schwarzen Vögel mit dem gelben Schnabel. Eigentlich werden es von Jahr zu Jahr immer mehr. Sie können besonders schön singen, allerdings sind sie auch ungewöhnlich frech. Mehr gäbe es über Amseln nicht zu berichten, wäre da nicht Gertrud. Sie ist nämlich ein besonders raffinierter Vogel, nicht nur schnell und schlau, sie kann auch manchmal ziemlich ekelhaft sein. Gerade hat sie zwei Kinder zur Welt gebracht, es sind ihre ersten. Als die beiden aus ihren Eiern geschlüpft waren, traute Gertrud kaum ihren Augen, sie war unendlich enttäuscht.

„Jonathan“, rief sie entsetzt ihren Mann, der schon einmal einer Frau davongeflogen war, „Jonathan“, rief sie, „schau dir diese beiden Bälger an. Das können doch niemals unsere Kinder sein. So sieht doch keiner von uns aus. Die sind ja völlig nackt, wie sollen die jemals fliegen lernen.“

„Mach dir keine Gedanken, Gertrud, sie werden es schon lernen“, antwortete Jonathan sanft, er säuberte gerade mit seinem gelben Schnabel das Nest und warf den Kot hinaus.

„Du hast gut reden, Jonathan, wie sollen sich solch unbeholfene Knochengerüste in die Luft erheben? Die fallen doch runter, wie Steine. Ich bin so traurig, es sind doch meine Kinder. Ich hatte mich so darauf gefreut. Was werden die anderen sagen, wenn sie diese nackten Knochenhaufen zu Gesicht bekommen? Ich werde sie keiner Nachbarin zeigen, das schwör ich dir. Und was die für riesige Schnäbel haben und erst die Mäuler, wenn sie sie aufreißen! Schrecklich! Mein Gott, Mann, von wem haben sie die?“

Jonathan klapperte beleidigt mit seinem Schnabel. „Von mir jedenfalls nicht. Schau mich doch an. Ich bin unschuldig.“

„Ja, ja, ihr Männer seid nie an etwas schuld. Das sagt Marlene auch. Sie hatte gestern einen riesen Ärger mit ihrem Mann.“

„Eben, und jetzt ist er weg. Das hat sie davon, weil sie mit ihm immer zankt. Oder hast du ihn nach diesem abscheulichen Theater noch ein einziges Mal zu Gesicht bekommen? Die haben sich doch wie die Krähen gestritten und sind sogar aufeinander losgegangen.“

„Lass mich in Ruhe. Hab gerade Wichtigeres im Kopf, als andere Männer zu beobachten, muss mich schließlich um die …, na ja, Kinder kümmern. Ich erschrecke jedes Mal, wenn ich in das Nest schaue“

„Dann mach doch die Augen zu.“

„Du bist ein ganz gemeiner Schuft, Jonathan.“

Gertrud überlegte. Sie dachte Tag und Nacht nach. Dann stand ihr Plan fest. „Jonathan, du musst die Sache aus der Welt schaffen“, forderte sie am nächsten Morgen.

„Tu ich doch dauernd. Wer von uns hat denn heute wieder das Nest gereinigt? Du, oder ich?“

„Du natürlich, lieber Jonathan“, säuselte sie, „aber ich kann mich wirklich nicht zerreißen, habe heute bereits zehn oder mehr Würmer und Käfer ran geschleppt. Die fressen einem geradezu die Haare, äääh …, ich meine die Federn vom Kopf.“

„Und was soll ich noch alles tun, damit du endlich zufrieden bist?“

„Liebster Jonathan“, Gertrud zwitscherte eine herrliche Melodie, fast so schön wie damals, als sie ihn zum ersten Mal im Kastanienbaum getroffen hatte.

Jonathan stutzte und dachte sich verschiedenes, reagierte aber nicht. Es schwante ihm nichts Gutes.

Als sie die letzte Strophe gesungen hatte, erklärte sie kurz und bündig. „Marlene hat auch Kinder, ich glaube, es sind sogar vier Stück. Und die sehen wie Amseln aus.“

„Ja, ja“, pfiff Jonathan zurück. „Was willst du damit sagen?“

„Mein Plan ist, dass wir ein Kind austauschen und du wirst das übernehmen. Ihr Männer seid doch viel stärker als wir. Dann können wir sagen, dass wir ein ääähm …, also ein …, ääähm leider ein etwas behindertes Kind haben. Ist doch besser als gleich zwei.“

Jonathan erschrak ganz fürchterlich und öffnete und schloss sprachlos seinen gelben Schnabel. Schließlich krächzte er, was bei Amseln ungewöhnlich ist: „Und du glaubst, Marlene merkt das nicht?“

„Nein, sie merkt das ganz sicher nicht. Sie ist dauernd auf Futtersuche, immerhin muss sie ganz allein vier Mäuler stopfen. Weißt du eigentlich, wo ihr Mann Justus geblieben ist? Ich bin mir sicher, der hat längst wieder eine neue Freundin.“

„Der Glückliche“, pfiff Jonathan, allerdings sehr leise.

Doch sie hatte es gehört. „Ja, ja. Und wenn er sie endlich rumgekriegt hat und Kinder unterwegs sind, ist er gleich wieder weg, der gemeine Kerl.“

Es nützte nichts. Alles Zwitschern war vergebens. Gertrud konnte äußerst ekelhaft werden, wenn ihr Wunsch, in diesem Falle ihr Befehl, nicht ausgeführt wurde. Schließlich beobachtete Gertrud ihre frühere Freundin so lange, bis sie sicher war, dass sie wieder für längere Zeit auf Futtersuche war.

„Jetzt, Jonathan, jetzt. Du holst sofort von Marlene ein Kind, bringst es zu uns, packst hier bei uns das Größere und fliegst damit zu ihrem Nest.“

„Wieso das Größere?“ Jonathan war kleinlaut, es nützte aber nichts.

„Weil der Kerl mir noch die Haare vom Kopf …, äääh, wie ich schon sagte, meine Federn vom …, ach was weiß ich, frisst. Los jetzt, Jonathan, mach endlich, bevor Marlene zurückkehrt!“

„Na denn, in Gottes Namen.“ Jonathan startete äußert schlecht gelaunt und flog zu Marlenes Nest, das sie in die große Thuja gebaut hatte. Keine Minute später kam er mit einem zappelnden Etwas zurück, ließ es ins eigene Nest fallen, packte das größere seiner beiden Kinder und war schon wieder unterwegs.

Kaum war er wieder zurück und saß keuchend auf den Nest Rand, erschrak er schon wieder.

Gertrud heulte nämlich bitterlich: „Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen. Was hast du mir denn da angeschleppt? Das sieht ja noch viel schrecklicher aus als unsere beiden.“

„Du wolltest das, nun sei endlich zufrieden, sonst siehst du mich nie wieder.“

„Willst du vielleicht auch abhauen, wie Marlenes Mann?“

„Kann schon sein.“

„Mach das auf der Stelle wieder rückgängig, sonst kannst du was erleben!“

Jonathan stöhnte, doch er packte schließlich schimpfend den kleinen Wicht und tauschte ihn wieder aus.

Von da an zwitscherte Gertrud mit Jonathan tagelang kein Wort. Beide hetzten hin und her und brachten Würmer, Käfer, Schnecken und alles, was sie fangen konnten. Am Abend waren sie immer restlos erledigt.

Eines Morgens, gerade war die Sonne aufgegangen, starrten beide verwundert auf ihre beiden Kinder.

„Jonathan“, pfiff Gertrud ihm begeistert zu, „schau doch mal ganz genau hin.“

„Ja, ja“, stöhnte er, „tu ich doch dauernd. Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Jonathan …“, selten war Gertrud fast sprachlos, „hast du die beiden nochmals ausgetauscht.“

„Piep“, erregte sich Jonathan, „Gertrud, jetzt reicht´s aber wirklich.“

„Weil die beiden plötzlich wie Amseln aussehen …, über Nacht. Verstehst du das?“

„Nein“, stöhnte er und übergab einen besonders fetten Regenwurm dem Älteren der beiden Kinder. Der schluckte das lange Ding in einem Rutsch hinunter. „Ich kann bald nicht mehr.“

„Aber Jonathan“, sang Gertrud, „jetzt sind wir eine richtige Familie. Ich denke, sie werden eines Tages fliegen lernen. Sieh doch, da sprießen klitzekleine Federn. Und der Schnabel schaut auch nicht mehr so unförmig aus.“

„Hoffentlich hast du Recht“, stöhnte Jonathan.

Nach weiteren sieben Tagen ermuntere Gertrud das ältere Kind. „Los jetzt, versucht es mal.“

Gehorsam versuchte es im Sitzen zu flattern, doch es gelang nicht. Schließlich purzelte der Kleinere aus dem Nest und fiel zu Boden.

Gertrud war einem Herzanfall nahe: „Jonathan, Hilfe!“, schrie sie aus Leibeskräfte.

Jonathan ersparte sich eine Antwort, segelte zu Boden neben das Kleine und erklärte ihm, wie es die Flügel bewegen müsse. Bald sah das bereits ganz ordentlich aus.

„Schneller, noch schneller“, ermunterte ihn Jonathan, „noch viel schneller.“

In diesem Augenblick erhob sich das Kleine vom Boden, überschlug sich aber sofort.

„Bravo“, rief Jonathan, „so war es richtig. Nochmal, aber nicht aufhören mit den Flügeln zu schlagen, sobald du in der Luft bist. Sieh mal, deine Mutter ist begeistert. Wir haben alle mal ganz genauso angefangen.“

Ermutigt schlug die kleine Amsel wieder mit den Flügeln und dieses Mal so heftig, wie sie nur konnte. Jonathan applaudierte. „Jaaaa, weiter so.“

Dann hob das Kleine plötzlich ab und mit einer eleganten Kurve landete es im Nest.

„Wenn ich dich doch jetzt umarmen könnte“, Gertrud begann eine ihrer schönsten Melodien zu pfeifen. Noch bevor sie ihr Lied beendet hatte, startete auch das zweite Amselkind mit kräftigem Flügelschlag.

Gertrud war selig. „Jonathan, jetzt sind wir eine wunderbare Familie.“

* * *

Daisy, das Auto

Als Manuela mit ihrem geliebten Auto, es war nur 3,40 Meter lang und hieß Daisy, wie üblich, zu unachtsam auf die sehr enge Kurve zu preschte, erschrak Daisy bereits, bevor auch Manuela erkannte, dass bremsen nicht mehr half. Daisy befürchtete die letzten Zehntelsekunden vor dem Aufprall, dass Manuela nun auf ihr beider letztes Stündlein zusteuerte. Dann passierte es natürlich und Daisys Schmerzen explodierten geradezu in jedem Blechteil, das verbeult oder endgültig zerstört wurde. Es tat Daisy unbeschreiblich weh. Kurz nachdem die Stoßstange nur noch ein nicht wiedererkennbares Gebilde aus Blech war, wurde der linke vordere Kotflügel in einem Stück weggerissen, Daisy meinte, in diesem Moment ohnmächtig zu werden. Der linke Reifen zerplatzte in tausend Gummifetzen, die Bremstrommel jaulte auf und flog in großem Bogen gegen einen Zaun, vor dem sie unbrauchbar liegenblieb. Die Zylinderkopfdichtung war praktisch auch nicht mehr da. Selbst der Vergaser hatte endgültig ausgegast. Dann war die linke Tür dran. Der Lichtmast quetschte sich erbarmungslos hinein und zerstörte anschließend nicht nur das Lenkrad samt Lenksäule, sondern auch einiges von Manuela.

Als Polizei und Rettungsdienst eintrafen, schüttelten die Helfer ernst die Köpfe: „Hoffentlich überlebt sie das“, meinte einer. Dann wurde sie in den Rettungswagen gehoben, an alle vorhandenen medizinischen Geräte angeschlossen und umgehend gen Krankenhaus abtransportiert.

„Und das Fahrzeug?“, überlegte ein anderer Polizist.

„Das lassen wir von der Kripo untersuchen. Kann ja sein, dass sie zu schnell unterwegs war, vielleicht aber auch nicht.“

Also hievten sie das kleine Auto Daisy, eigentlich nur die Reste, auf einen Abschleppwagen und transportierten es zur polizeilichen Überprüfung in eine große Garage. Dort warteten bereits etliche Fahrzeuge darauf, ebenfalls fachmännisch überprüft zu werden.

Als Daisy wieder voll zu sich gekommen war, es war bereits nachts, hörte sie ein leises Raunen. Die Anderen unterhielten sich gedämpft, weil sie wussten, dass jeder Neuankömmling immer ziemlich am Ende ist und sich erst wieder hochrappeln muss.

Schließlich wollte ein total zerbeulter SUV, der Daisy am nächsten stand, vorsichtig wissen. „Kannst du mich hören? He du! Verstehst du mich?“

Noch ziemlich benommen reagierte Daisy. „Nein, ja. Wo bin ich denn?“

„Hier bist du sicher“, antwortete der Andere mit beruhigender Stimme. „Ruh dich aus. Später kannst du uns von deinem Schicksal erzählen. Wie du siehst, geht es uns allen hier ähnlich wie dir.“

„Ja, ja, das sehe ich“, antwortete Daisy müde, „ihr seid alle kaputt, so wie ich auch.“

„Leider ja“, antwortete der SUV betrübt. „Wir unterhalten uns gerade über unser Schicksal. Keiner hier kann verstehen, warum man mit uns so rücksichtslos umgegangen ist. Wir gehören alle zu den Top-Automarken und haben mal sehr viel Geld gekostet, als wir noch in der Ausstellung standen. Man geht doch mit seinem Liebsten und Wertvollsten sorgfältig um. Oder bist du anderer Ansicht?“

„Also …“, zögerte Daisy, „leider bin ich keine Top-Marke. Ich bin nur ein ganz einfaches Auto, aber Manuela, so heißt meine Besitzerin, hat mich von Anfang an sehr schlecht behandelt. Motor gestartet und sofort Bleifuß, auch wenn ich noch nicht auf Betriebstemperatur war. Meine Kolbenringe sind jetzt schon ziemlich hinüber, obwohl ich noch gar nicht so alt bin.“

„Glaubst du vielleicht, dass wir andere Erfahrungen gemacht haben?“, rief einer aus der nächsten Reihe, der zugehört hatte. „Ich heiße Ferrari, du kannst dir nicht vorstellen, wie wertvoll ich bin, äääh …, ich meine, einmal war. Aber Rücksicht von meinem Besitzer? Phhh! Wirklich nicht. Absolute Fehlanzeige. Wie gerne hätte ich mal eine nette, gemütliche Spazierfahrt gemacht, jeder blickt einem Ferrari neidisch hinterher. Ich bin …, ich meine, ich war mal sehr schön rot, richtiges Ferrari-Rot. Aber keine Spur von Liebe. Immer nur Vollgas, obwohl das in der Stadt gar nicht erlaubt ist. Einen feuchten Kehricht kümmerte er sich um Vorschriften. Wenn wir mal erwischt wurden, goldene Scheckkarte raus, anschließend blöd gegrinst und weiter ging es. Manchmal hatte ich es so satt.“

„Glaubt ihr vielleicht, dass es mir viel besser ergangen ist?“, rief ein Motorrad aus der dritten Reihe. „auf 250 km/h runtergedrosselt hatten sie mich. Dabei konnte ich von Anfang an viel schneller. Dann hat er mich heimlich getuned. Ist natürlich verboten, doch das war ihm egal. Mir wurde fast schwindlig, wenn ich die 300 mitgekriegt habe. Bei noch höherer Geschwindigkeit schaute ich überhaupt nicht mehr hin. Teuer war ich und edel. Und jetzt bin ich nichts mehr wert. Höchstens den Kilopreis für Altmetall. Ich könnte nur noch heulen.“

„Armer Kerl“, bedauerte ihn Daisy.

---ENDE DER LESEPROBE---