Alles nur Zufall? - Georg Markus - E-Book

Alles nur Zufall? E-Book

Georg Markus

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Beschreibung

Unvergessliche Augenblicke der österreichischen Geschichte War das Alles nur Zufall?? Dass bald nach dem Tod des alten Kaisers auch die sechshundert Jahre alte Donaumonarchie zu Grabe getragen wurde? Dass sich Mozart in Aloisia verliebte, dann aber ihre Schwester heiratete? Dass Maria Theresia während eines gemeinsamen Theaterbesuchs ihren geliebten Mann verlor? Dass Eduard Strauß die Noten seines viel berühmteren Bruders Johann verbrannte? Ein Augenblick verändert ein Menschenleben, zum Guten wie zum Schlechten. Geht es um historische Persönlichkeiten, kann mit ihrem Schicksal die Geschichte eines ganzen Landes verbunden sein. Warum hat Prinz Eugen als einer der reichsten Männer seiner Zeit kein Testament verfasst? Wie verlief der Tag, an dem Österreichs letzter Kaiser für immer sein Land verließ? Ist alles Zufall, ist es Schicksal, ist es Bestimmung? Oft sind es bisher unbekannte Begebenheiten, die Geschichte spannend erscheinen lassen. So wurde durch eine Korrespondenz, die mehr als hundert Jahre nach Mayerling auftauchte, zutage gefördert, dass nicht nur Kronprinz Rudolf, sondern auch dessen Frau Stephanie eine außereheliche Affäre hatte. Warum wollte Stefan Zweig in Brasilien aus dem Leben scheiden? Neben dramatischen Schicksalsstunden gibt es auch amüsante. Etwa, dass Feldmarschall Radetzky mit 91 Jahren noch immer nicht in Pension gehen durfte. Kurze Augenblicke rufen große Emotionen hervor, lassen Betroffene zerbrechen - oder schaffen neues Glück.

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EPUB

Seitenzahl: 376

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GEORG MARKUS

Alles nur Zufall?

GEORGMARKUS

Alles nur Zufall?

Schicksalsstundengroßer Österreicher

Mit 67 Abbildungen

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.amalthea.at

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.at

Umschlagmotiv: © Imagno/Roger-Viollet

Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, HeimstettenGesetzt aus der 11,25/15 Punkt New Caledonia

Printed in the EU

ISBN 978-3-85002-878-3

eISBN: 978-3-902862-98-3

Meiner Familie

Daniela, Mathias und Moritzin Liebe gewidmet

INHALT

ZUFALL, SCHICKSAL, BESTIMMUNG?

DER TOD DES ALTEN KAISERS

IN DIE FALSCHE FRAU VERLIEBT

DAS LETZTE GASTSPIEL

AKTIV NOCH MIT 91 JAHREN

ALMA TRIFFT GUSTAV MAHLER

EIN FIAKER MACHT KARRIERE

»SCHREIBEN S’ MIR EINE TYPE«

»BETTGEHER DER TRAMPUSCH«

»BITTE TRETEN SIE ZUR SEITE!«

»DER LIEBENSWÜRDIGSTE ALLER MÄNNER«

ARCHITEKT AUF ABWEGEN

»GOTT SCHÜTZE ÖSTERREICH«

EIN LEBEN IM SCHATTEN VON MAYERLING

DER GENIALE ZUCKERBÄCKER

EIN SCHECK FÜR DEN WIDERSTAND

»GOTT ERHALTE FRANZ, DEN KAISER«

»AUS FREIEM WILLEN UND MIT KLAREN SINNEN«

DER BETROGENE WALZERKÖNIG

»BAMBIS« MILLIONENSCHADEN

»WIR FAHREN ZUR TANTE SOPHIE NACH ISCHL«

ER WAR DER MEINUNG

DER EITLE RITTER

»JA« UND »HEIL HITLER!«

TOD DURCH ABERGLAUBEN

JUBEL, DER DIE PUMMERIN ÜBERTÖNT

DER ANFANG VOM ENDE

DIE GRÖSSTMÖGLICHE KATASTROPHE

WAS FÜR EINE LOVESTORY

DIE TRAGÖDIE EINES KOMPONISTEN

DR. MED. WACKELT MIT DEN OHREN

»UND DAS NACH SIEBENHUNDERT JAHREN«

»DAS WORT SCHMERZ IST LÄCHERLICH GEWORDEN«

»ICH HÄTTE ES MEINEM BRUDER NICHT GEGLAUBT«

»UMWEGE, DIE UNSER LEBEN NIMMT«

»ICH SEHE ABSOLUT GAR NICHTS«

WIE DIE »ZAUBERFLÖTE« ENTSTAND

»ES IST EWIG SCHAD UM MICH«

EIN SEGENSREICHER HINAUSWURF

MIT BLAULICHT ZUM OSCAR

»MEIN LETZTER KRIEG«

DIE SCHLIMMEN LETZTEN JAHRE

SCHAUSPIELERIN EROBERT KAISER

TAGSÜBER LEID, ABENDS LACHEN

DER ECHTE UND DER FALSCHE KAISERSOHN

»ALLES GERETTET, KAISERLICHE HOHEIT!«

DER KANZLER UND DAS WUNDERKIND

IN DEN WAHNSINN GETRIEBEN

DREI SCHÜSSE IN DER NACHT

KABARETTUNGSLOS VERLOREN

TOD AUF DEN CHAMPS-ÉLYSÉES

SEIN LETZTER JEDERMANN

ZWEI MAL GESTORBEN

JOHANNS KLEINER BRUDER

Quellenverzeichnis

Personenregister

Bildnachweis

ZUFALL, SCHICKSAL, BESTIMMUNG?

Vorwort

War das alles nur Zufall? Dass bald nach dem Tod des alten Kaisers auch die sechshundert Jahre alte Donaumonarchie zu Grabe getragen wurde? Dass sich Mozart in Aloisia verliebte, dann aber ihre Schwester heiratete? Dass Maria Theresia während eines gemeinsamen Theaterbesuchs ihren geliebten Mann verlor? Dass Eduard Strauß die Noten seines wesentlich berühmteren Bruders Johann verbrannte? Dass Ferdinand Raimund als Zuckerbäckerlehrling im Burgtheater Brezeln und Süßigkeiten verkaufte und dabei in den Bann der Bühnenwelt gezogen wurde?

Ein Augenblick kann ein Menschenleben verändern, zum Guten wie zum Schlechten. Geht es um historische Persönlichkeiten, können mit ihrem Schicksal die Geschichte des Theaters, der Musik, der Dichtkunst oder eines ganzen Landes verbunden sein. Wie konnten Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie Chotek ihre verbotene Liebe so lange geheim halten, ehe sie gemeinsam in ihr Unglück schlitterten? Wie kam es, dass Joseph Roth an der Geisteskrankheit seiner Frau zugrunde ging? Warum wollte Stefan Zweig in Brasilien aus dem Leben scheiden? Warum spazierte Ödön von Horváth gerade dann über die Champs-Élysées, als in Paris ein so heftiger Sturm tobte, dass der Dichter vom herabstürzenden Ast eines Kastanienbaums erschlagen wurde? Wie verlief der Tag, an dem Österreichs letzter Kaiser Karl für immer das Land verließ? Und der, an dem sein Sohn Otto zurückkehrte?

Ist alles Zufall, ist es Schicksal, ist es Bestimmung?

Mozart hatte bekanntlich sein Leben lang Geldsorgen, hier wird erstmals eine Zeitungs-Annonce gezeigt, die das Musikgenie in seinem letzten Lebensjahr schaltete, um seine Orgel zu verkaufen. Deren Ertrag sollte ihm wieder für ein paar Wochen helfen, über die Runden zu kommen. Aus erster Hand wird das Kennenlernen von Alma und Gustav Mahler im Hause der Salondame und eifrigen Kupplerin Berta Zuckerkandl geschildert.

Oft sind es bisher unbekannte Begebenheiten, die Geschichte spannend und lebendig erscheinen lassen. So wurde durch eine Korrespondenz, die erst mehr als hundert Jahre nach Mayerling auftauchte, zutage gefördert, dass nicht nur Kronprinz Rudolf, sondern auch dessen bigotte Frau Stephanie eine außereheliche Affäre hatte. Auch weiß man heute, dass das Kennenlernen Elisabeths und Kaiser Franz Josephs in Ischl doch etwas anders verlief, als in den Sissi-Filmen geschildert. Und es war wohl kein Zufall, dass Romy Schneider, die Darstellerin eben jener Sissi, ihrem tragisch verunglückten Sohn nach nur wenigen Monaten in den Tod folgte. Oder, dass der Komponist Arnold Schönberg, der sein Leben lang unter der panischen Angst litt, an einem 13. zu sterben, tatsächlich an einem 13. starb.

Neben dramatischen Schicksalsstunden und -tagen großer Österreicher gibt es auch amüsante. Etwa, dass Feldmarschall Radetzky mit 91 Jahren noch immer nicht in Pension gehen durfte. Aber auch, dass Friedrich Gulda seinen Tod kunstvoll inszenierte, um dann verschmitzt lächelnd in der Schweiz die ihm gewidmeten Nachrufe lesen zu können. Erheiternd auch, dass eine Patientin, die den Arzt Gunther Philipp mit den Ohren wackelnd in einer Kabarett-Bar gesehen haben wollte, für verrückt erklärt wurde, obwohl sie damit völlig recht hatte – der Primarius der Klinik wusste nur nicht, dass sein junger Neurologe nebenberuflich als Komiker tätig war.

Hans Mosers Schicksalsstunde schlug, als er mit über vierzig Jahren endlich in seiner wahren Größe erkannt wurde. Sein Filmpartner Paul Hörbiger geriet 1945 in Gestapo-Haft und wurde im Rundfunk für tot erklärt. Dass Egon Friedell aus Furcht vor den Nazis aus dem Fenster sprang, ist bekannt, hier wird auch eine Satire zitiert, die er zehn Jahre davor auf seinen eigenen Selbstmord geschrieben hat.

Es sind kurze Augenblicke, die große Emotionen hervorrufen können, Betroffene zerbrechen lassen – oder neues Glück schaffen. Sigmund Freud etwa begann sich nach seiner Vertreibung aus Wien und dem umjubelten Empfang in London so wohlzufühlen, dass er lächelnd zu einem Freund sagte: »Ich bin fast versucht, ›Heil Hitler!‹ auszurufen.«

Musste Leopold Figl seinen tiefen politischen Fall erleben, um danach als Außenminister den Staatsvertrag auszuhandeln? War es Zufall, dass Julius Raab 1958 ein Konzert besuchte, in dem ein »Wunderkind« am Klavier saß, dem der Bundeskanzler von nun an aus seiner Privatschatulle die Ausbildung ermöglichte und aus dem mittlerweile ein Pianist von Weltrang geworden ist? Und wer hätte gedacht, dass der erste Tagesordnungspunkt der Ära Kreisky im Jahr 1970 »Vergabe der Autonummern an Regierungsmitglieder« lautete?

Bruno Kreisky ist einer der Großen, deren Schicksalsstunden hier geschildert werden, die ich selbst noch kennenlernte. Die anderen sind Otto von Habsburg, Attila und Paul Hörbiger, Maximilian Schell, Karl Farkas, Peter Alexander, Gunther Philipp und Maxi Böhm. Meine Begegnungen mit ihnen boten mir wertvolle Informationen für die folgenden dreihundert Seiten.

Die besondere Ordnung dieses Buches besteht darin, dass es keine gibt. Ich wollte die einzelnen Kapitel weder nach Berufen gliedern, noch gefiel mir eine chronologische Reihung. So passiert es dann, dass beispielsweise auf Oskar Werners Alkoholkrankheit das erste Treffen Bertha von Suttners mit Alfred Nobel folgt. Oder, dass das Kapitel nach Kreisky dem fehlenden Testament des Prinzen Eugen gewidmet ist. In den meisten Kapiteln wird nicht nur die eine »Schicksalsstunde« behandelt, sondern auch jene Zeitläufte, die zu dem Ereignis führen beziehungsweise ihm folgen.

Die Frage, ob schicksalhafte Stunden – aber auch weniger bedeutende Momente – eher Zufall oder doch Bestimmung sind, kann nicht immer und vor allem nicht einheitlich beantwortet werden. Selbst die großen Geister waren sich hier nicht einig. »Das Wort Zufall ist Gotteslästerung, nichts unter der Sonne ist Zufall«, heißt es in Lessings Emilia Galotti, während es bei Schopenhauer der Zufall ist, »der die königliche Kunst versteht, einleuchtend zu machen«.

Da es somit keine verbindliche Erklärung für das Phänomen gibt, muss die Deutung vorwiegend subjektiv erfolgen. Ich selbst liefere die Fakten und überlasse den Leserinnen und Lesern dieses Buches das Urteil, ob die Handlung des jeweiligen Kapitels auf Zufall, Schicksal oder Bestimmung basiert.

Georg Markus

Wien, im August 2014

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Eduard Angeli, Agnes und Rudolf Buchbinder, Anneliese Figl, Peter Marboe, Peter Jankowitsch, Margit Schmidt, Maria Steiner/Stiftung Bruno Kreisky Archiv, Lilly Schnitzler †, Ronald Leopoldi, Anton Neumayr, Ernst Stankovski, Friedl Weiss †, Stefan Lintl/Kurier-Archiv, Gerald Piffl; Madeleine Pichler, Nathalie Li Pircher, Laura Kühbauch und Carmen Sippl vom Amalthea Verlag sowie Dietmar Schmitz.

DER TOD DES ALTEN KAISERS

Franz Joseph oder Das Ende einer Epoche, 21. November 1916

Kaiser Franz Joseph I. * 18. 8. 1830 Wien, † 21. 11. 1916 Wien. Prägt durch seine 68-jährige Regentschaft die k. k. Monarchie.

Man schreibt Dienstag, den 21. November 1916, es ist 21.05 Uhr, als Kaiser Franz Joseph I. sein Leben aushaucht. Mit ihm, darin sind sich die Bewohner Österreich-Ungarns einig, ist eine Epoche gestorben, niemand kann sich vorstellen, wie es ohne den seit 68 Jahren regierenden Monarchen weitergehen soll.

Die Besorgnis in seiner nächsten Umgebung hat in den ersten Novembertagen eingesetzt. Unter den Adjutanten im Schloss Schönbrunn herrscht Niedergeschlagenheit. Gerade noch waren die Politik, das Leben bei Hof und der seit zwei Jahren wütende Krieg die alles beherrschenden Themen. Jetzt fürchten die engsten Mitarbeiter des Kaisers um dessen Gesundheit, die Angst herrscht vor, dass es mit ihm – und damit auch mit der sechshundert Jahre alten Habsburgermonarchie – zu Ende gehen könnte.

In den letzten Oktobertagen hat der Kaiser trotz seines Alters von 86 Jahren noch frisch und voller Energie gewirkt, doch danach beginnt er rasch zu ermüden und körperlich zu verfallen. Dazu kommt ein hartnäckiger Husten, der den alten Herrn quält und erschöpft. Dennoch verrichtet er tagtäglich seine Arbeit wie seit fast sieben Jahrzehnten schon: Morgens um halb vier Wecken durch den Kammerdiener, nach dem Einseifen durch den Bademeister, der Rasur und dem Ankleiden setzt er sich an den Schreibtisch, um Akten aufzuarbeiten. Um fünf Uhr nimmt der Kaiser das erste Frühstück ein, danach neuerliches Aktenstudium. Um zwölf wird das Mittagessen aufgetragen, bestehend meist aus Suppe, Rindfleisch und Mehlspeise. Nachmittags wieder Akten, um fünf eine leichte Jause, Abendessen gibt’s fast nie. Kurz nach acht Uhr begibt sich der Kaiser zu Bett.

Franz Josephs Leibarzt Dr. Joseph von Kerzl beunruhigt der Gewichtsverlust des Allerhöchsten Patienten, und er beklagt sich bei dessen Tochter, Erzherzogin Marie Valerie, dass Franz Joseph angesichts seines Alters und seines angegriffenen Gesundheitszustands zu viel arbeite.

Norbert Ortner * 10. 8. 1865 Linz, † 1. 3. 1935 Salzburg. Primarius an der Wiener Rudolfstiftung, Ordinarius an den Universitäten Innsbruck und Wien.

Am 9. November hat Franz Joseph erstmals erhöhte Temperatur, 37,6 Grad werden gemessen. Der Internist Professor Norbert Ortner wird beigezogen. Die Ärzte schlagen vor, dem Monarchen Krankenschwestern zur Seite zu stellen, doch dieser lehnt ab: »Meine Diener haben ihrem Kaiser, als er gesund war, treu gedient, sie sollen für ihn auch sorgen, wenn er krank ist.«

Am 11. November steigt die Temperatur auf 38,4 Grad, Franz Joseph fühlt sich schwächer als an den vorangegangenen Tagen und sagt zu Dr. Kerzl, der seinem Kaiser selbstverständlich im Gehrock gegenübersteht: »Diesmal wird es wohl zu Ende gehen.«

Marie Valerie will einen Priester kommen lassen, der ihrem Vater die Letzte Ölung erteilt, doch am nächsten Tag tritt Besserung ein. Das Thermometer zeigt Normaltemperatur, Franz Joseph hat wieder Appetit. Am kaiserlichen Hof herrscht Zuversicht, dass er es auch diesmal – wie schon mehrmals davor – schaffen werde. Dr. Kerzl meint, dass man mit den Sterbesakramenten warten solle. Es folgen vier Tage der Erholung, in denen es dem Kaiser von Stunde zu Stunde besser zu gehen scheint, er empfängt sogar Prinz Wilhelm von Hohenzollern und den bayerischen König Ludwig III. und unterhält sich angeregt.

Doch am 15. November kehren die Symptome wieder. Fieber, eine starke Bronchitis, Schmerzen im Rippenfell. 38,5 Grad werden gemessen, aber Franz Joseph sitzt weiter von morgens bis abends am Schreibtisch und erledigt Akten. Am Sonntag, dem 19. November wird die heilige Messe statt in der Schlosskapelle in seinem Arbeitszimmer gelesen, dem Kaiser fällt es sichtlich schwer, auf dem Betschemel niederzuknien, sich dann wieder aufzurichten, ein paar Schritte zu gehen. An diesem Abend halten Professor Ortner, Dr. Kerzl, des Kaisers Obersthofmeister Alfred Fürst Montenuovo und Generaladjutant Eduard Graf Paar ein Konsilium ab. Die Ärzte diagnostizieren einen entzündlichen Herd an der Lunge, von Lebensgefahr könne aber keine Rede sein.

Am nächsten Tag betritt Erzherzogin Marie Valerie die kaiserlichen Gemächer. Franz Joseph steht mühsam auf, um seine Lieblingstochter zu begrüßen, und geht ihr ein paar Schritte entgegen. »Ich fühle mich sehr schlecht«, klagt er, lässt sich aber beim Niedersetzen nicht helfen. Für einen weiteren Besuch, den Marie Valerie ihm mit ihren beiden Töchtern abstatten will, bedauert der Kaiser wegen des noch zu erledigenden Arbeitspensums keine Zeit zu haben. Als sie ihren Vater vor dem Abschied zum Schreibtisch geleitet, gesteht er ihr, dass er an diesem Tag gestürzt sei, sich aber glücklicherweise nicht verletzt habe. Dr. Kerzl ordnet an, dass sich ab sofort ständig ein Kammerdiener bei geöffneter Tür im Nebenzimmer aufzuhalten habe, um dem Kaiser bei jedem Schritt behilflich sein zu können.

Zu den letzten Amtsgeschäften, die der Kaiser erledigt, gehört der Antrag um Begnadigung einer zum Tode verurteilten Kindesmörderin. Flügeladjutant Albert von Margutti liest dem fiebernden Monarchen das Gnadengesuch vor und Franz Joseph unterschreibt mit zittriger Hand.

Am Morgen des 21. November zeigt das Fieberthermometer 38,1 Grad. Trotzdem sitzt der Kaiser ab halb fünf Uhr früh an seinem Schreibtisch. Die Ärzte stellen zunehmende Müdigkeit fest, aber auch, dass sich die Entzündung an der Lunge nicht weiter ausgebreitet hat. Am Vormittag erscheint General Arthur von Bolfras, Chef der kaiserlichen Militärkanzlei, um den Kaiser über den positiven Verlauf der Gefechtshandlungen in Rumänien zu informieren. Er meint, Franz Joseph zum ersten Mal leicht verwirrt vorgefunden zu haben. Gegen zehn bringt Burgpfarrer Ernst Karl Jakob Seydl »den päpstlichen Segen« mit besten Genesungswünschen. Als der Priester nach Beichte und Erteilen der Kommunion das Arbeitszimmer verlässt, sagt er zu den im Vorraum Wartenden, dass Seine Majestät, ganz im Gegensatz zu der Wahrnehmung von General Bolfras, über völlige Geistesklarheit verfüge.

Um halb zwölf Uhr erscheinen Thronfolger Karl und seine Ehefrau Zita in Schönbrunn. Sie erklären, Franz Josephs Arbeitszimmer nur betreten zu können, wenn er ruhig sitzen bleibe. Der diensthabende Flügeladjutant meldet dies dem Kaiser, der jedoch erwidert, dass es unmöglich sei, eine Dame sitzend zu empfangen. Er versucht sich zu erheben, als er jedoch merkt, wie sehr ihn die Kräfte bereits verlassen haben, bleibt er sitzen und sagt: »Nun gut, wenn es nicht anders möglich ist, so soll es sein.«

»Am Vormittag des 21. November 1916 empfing Kaiser Franz Joseph Erzherzog Karl und mich«, schreibt Kaiserin Zita in ihren Lebenserinnerungen. »Er saß an seinem Schreibtisch in Uniform und arbeitete noch an einem Rekrutierungsakt. Er war brennend vor Fieber, und trotzdem ließ er nicht von der Arbeit.« Das Ehepaar bleibt nur wenige Minuten, in denen der Kaiser seiner Hoffnung Ausdruck gibt, bald wieder genesen zu sein, da er »fürs Kranksein keine Zeit« habe. Er erwähnt die Truppenerfolge und die freundliche Teilnahme des Papstes an seiner Genesung. »Dann entließ uns der Kaiser mit viel Herzlichkeit«, schreibt Zita, »und das war das letzte Mal, dass wir ihn bei Bewusstsein gesehen haben.«

Joseph Ritter von Kerzl * 28. 8. 1841 Pardubitz/Böhmen, † 29. 8. 1919 Semmering. Ab 1884 Hofarzt, begleitet er Kaiserin Elisabeth auf ihren Reisen, seit 1897 Leibarzt Kaiser Franz Josephs.

Franz Joseph nimmt, nachdem Karl und Zita gegangen sind, ein leichtes Mittagessen ein, danach ist Kabinettsdirektor Franz von Schießl gemeldet, um Allfälliges zu besprechen, doch der in seinem Lehnstuhl sitzende Kaiser ist nicht mehr in der Lage, ihn zu empfangen. Dr. Kerzl kommt, sieht Franz Joseph ganz in sich zusammengesunken, das Thermometer zeigt erstmals 39,5 Grad. Der Leibarzt informiert Marie Valerie von einer deutlichen Verschlechterung des Zustands Seiner Majestät.

Dennoch erhebt sich Franz Joseph etwas später aus seinem Lehnstuhl und geht mit Hilfe eines Kammerdieners zu seinem Schreibtisch, wo er seine laufenden Geschäfte zu erledigen versucht. Mit großer Besorgnis beobachtet ein Flügeladjutant durch einen Spiegel aus dem Nebenzimmer, wie Franz Joseph immer wieder den Kopf fallen lässt. Die Feder, die ihm vom Kammerdiener gereicht wird, fällt zu Boden. Der Kaiser legt das Haupt in die Hand und schläft ein.

Um vier Uhr nachmittags erwacht er und lässt sich die Feder reichen, um seine Arbeit wieder aufzunehmen. Er arbeitet den Aktenstoß auf, unterschreibt und ordnet, sperrt die Mappe zu.

Bis zuletzt an seinem Schreibtisch: der greise Monarch bei der Arbeit

Nach einem kleinen Abendessen um sechs erlaubt der Kaiser der eingetroffenen Marie Valerie, sein Arbeitszimmer zu betreten. Sie ist zutiefst betroffen über den Wandel des Aussehens ihres Vaters, der in ihren Augen zum ersten Mal die Züge eines Greises trägt. Mit erstickter Stimme sagt Franz Joseph, dass der Burgpfarrer hier gewesen sei und ihn vorbereitet habe.

Marie Valerie küsst die Hand ihres Vaters und verlässt den Raum. Zwei Kammerdiener erscheinen und wollen den Kaiser zur Nachtruhe betten. »Ich habe noch viel zu tun«, wehrt Franz Joseph ab, lässt es dann aber zu, als er merkt, dass er zur Arbeit nicht fähig ist.

Es ist sieben Uhr abends. Das Bewusstsein des alten Herrn beginnt sich zu trüben, er findet das Kopfende des Bettes nicht; die Kammerdiener helfen ihm. Die beiden Ärzte stellen fest, dass die Entzündung beide Lungenflügel erfasst habe, das Herz aber noch verhältnismäßig kräftig sei.

Eugen Ketterl * 7. 10. 1859 Wien, † 11. 10. 1928 Wien. Beginnt seine Laufbahn als Servierkraft am kaiserlichen Hof, ab 1895 bis zu dessen Tod Leibkammerdiener Kaiser Franz Josephs.

Als der Kopf des Monarchen auf seinem Polster ruht, fragt ihn Kammerdiener Eugen Ketterl wie jeden Abend: »Haben Eure Majestät noch Befehle?«, worauf Franz Joseph, lauter als zuletzt, sagt: »Morgen früh um halb vier wecken wie immer.«

Während der Kaiser einschläft, füllt sich sein Schlafgemach mit Menschen. Das Thronfolgerpaar, die nahen Familienmitglieder, seine engsten Mitarbeiter Montenuovo, Paar, die Flügeladjutanten, hohe Würdenträger, die Kammerdiener – sie alle wissen, dass die letzte Stunde Seiner Apostolischen Majestät geschlagen hat.

Einmal noch erwacht er, ohne zu erfassen, dass sein Zimmer voll mit Menschen ist, und verlangt mit leiser Stimme zu trinken. Franz Joseph ist nicht mehr in der Lage, den ihm gereichten Tee einzunehmen. Da richtet ihn Kammerdiener Ketterl auf, und es glückt, dem Kaiser einige Tropfen einzuflößen. »Na«, flüstert Franz Joseph, »warum geht’s denn jetzt?«

Dies sind seine letzten Worte.

Er fällt in eine Ohnmacht, aus der er nicht mehr erwachen wird. »Es war ergreifend zu sehen«, erinnerte sich Kaiserin Zita, »mit welcher Ruhe und mit welchem Frieden der Kaiser hinüberging.«

Um halb neun Uhr erscheint der Hofkaplan, um dem Sterbenden das Sakrament der Letzten Ölung zu spenden. Nach einem kurzen Hustenanfall wird der Atem leiser, Dr. Kerzl tritt an das einfache Soldatenbett des Kaisers, Marie Valerie fragt: »Atmet er noch?« Als der Leibarzt verneint, nähert sie sich ihrem Vater und drückt ihm als letzte Geste ihrer Liebe die Augen zu.

In Wien hat sich bereits im Lauf dieses Tages herumgesprochen, dass der Kaiser im Sterben liegt. Als sich abends die Nachricht von seinem Ableben verbreitet, ist der Schönbrunner Schlosspark voll mit Menschen. Gleichzeitig füllt sich der Vorraum seines Schlafgemachs mit weiteren, telefonisch herbeigerufenen Personen, die Franz Joseph nahestanden, unter ihnen seine langjährige Seelenfreundin Katharina Schratt. Man hat sie in seinen letzten Lebenstagen nicht zu ihm gelassen, jetzt setzt Karl – der neue Kaiser Karl – ein Zeichen des Respekts. Er reicht der Hofschauspielerin den Arm und führt sie an das Bett seines eben verstorbenen Großonkels. Stumm legt Frau Schratt zwei weiße Rosen auf die Brust des Kaisers.

Viele Bewohner Österreich-Ungarns befürchten, dass mit Franz Josephs Tod an diesem 21. November 1916 auch die altehrwürdige Monarchie im Sterben liegt. Sie wird ihn tatsächlich um nur zwei Jahre überleben.

IN DIE FALSCHE FRAU VERLIEBT

Wolfgang Amadeus Mozart heiratet Constanze statt Aloisia, 4. August 1782

Wolfgang Amadeus Mozart * 27. 1. 1756 Salzburg, † 5. 12. 1791 Wien. Bedeutende Werke: Le nozze di Figaro (1786), Don Giovanni (1787), Così fan tutte (1790), Die Zauberflöte (1791) u. v. a.

Dass sich Mozart stets in Geldnöten befand, weiß man, dass er in seinem letzten Lebensjahr sogar seine Orgel verkaufen musste, kann hier erstmals im Faksimile dokumentiert werden. In der Wiener Zeitung vom 22. Jänner 1791 ist das von ihm geschaltete Inserat zu finden: »Orgel zu verkaufen. In der Rauhensteingasse Nr. 970* im ersten Stock auf der hintern Stiege ist eine gute Orgel von einen (sic!) berühmten Meister zu verkaufen.«

Zunächst meldet sich niemand, erst als die Zeitungsannonce zum vierten Mal erschienen ist, findet die Orgel einen Abnehmer, und das Ehepaar Mozart ist von seinen Geldsorgen befreit. Aber wie so oft wieder nur für ein paar Wochen.

Auch das Kennenlernen seiner Frau Constanze ist schon die Folge finanzieller Engpässe gewesen. Als der 22-jährige Musiker aus seiner Stellung als Konzertmeister vom Salzburger Fürsterzbischof Colloredo nach langwierigen Streitereien entlassen wird, geht er auf Reisen, um Geldgeber und eine neue Anstellung zu finden. Über München und Augsburg gelangt Wolfgang Amadeus nach Mannheim, wo er beim Kurfürsten Karl Theodor vorspricht, jedoch einen negativen Bescheid erhält. Mannheim wird dennoch zur wichtigen Station Mozarts, weil er hier seine künftige Frau Constanze Weber kennenlernt.

Mozart hat während dieser Reise – begleitet von seiner Mutter – mehrere Kompositionsaufträge angenommen, und so begibt er sich in Mannheim auf Suche nach einem Musiker, der seine neuen Werke kopieren soll. Man empfiehlt ihm den Bassisten und Theatersouffleur Fridolin Weber, der mit seiner Familie in beengten Verhältnissen lebt und deshalb glücklich ist, sein Einkommen durch Vervielfältigungen auf Notenpapier aufbessern zu können.

»Orgel zu verkaufen«:Mozart schaltet am 22. Jänner 1791 ein Inserat

Weber und seine Frau Maria Cäcilia haben zwei Söhne und vier Töchter. Als Mozart am 17. Jänner 1778 zum ersten Mal das Haus der Familie Weber betritt, würdigt er seine spätere Frau Constanze kaum eines Blickes, sondern hat nur Augen für deren um ein Jahr ältere Schwester Aloisia. Sie ist bildhübsch und noch dazu eine äußerst begabte Sopranistin. Mozart musiziert mit ihr, gibt der Sechzehnjährigen Unterricht, tritt mit Aloisia während seines fünfmonatigen Mannheim-Aufenthalts in mehreren Konzerten auf. Und verliebt sich in sie. Aber auch sie zeigt, dass sie für ihn zumindest Sympathien empfindet.

Der in Salzburg gebliebene Vater Leopold ist entsetzt, als er durch Briefe seiner Frau von Wolfgangs Zuneigung für eine Sängerin erfährt, deren Familie ebenso arm ist, wie die Mozarts selbst es sind. Allerdings ist Wolfgang schon als Wunderkind aufgefallen, hat Opern, Sinfonien, Streichquartette, Messen, Lieder und Klavierstücke komponiert – und wer dagegen sind diese Weberischen?

Leopold Mozart * 14. 11. 1719 Augsburg, † 28. 5. 1787 Salzburg. Er widmet, sobald er dessen Genie erkennt, sein Leben der Laufbahn seines Sohnes Wolfgang Amadeus Mozart.

»Frauenzimmer«, schreibt Leopold seinem Sohn, »die Versorgung suchen, stellen jungen Leuten von großem Talent erstaunlich nach, um sie ums Geld zu bringen oder gar in die Falle und zum Manne zu bekommen. Gott und Deine Vernunft wird Dich bewahren.« Mit den nun folgenden, letzten Worten seines Briefes greift Leopold zum schärfsten Mittel der Abschreckung für den Fall der befürchteten Eheschließung: »Das würde wohl mein Tod sein!«

Aloisia Weber * um 1760 Zell/Baden-Württemberg, † 8. 6. 1839 Salzburg. Als Sopranistin eine der wichtigsten Interpretinnen Mozarts, den sie 1778 in Mannheim kennenlernt.

Doch selbst diese Drohung kann Wolfgang nicht von seiner Liebe zu Aloisia abhalten, er will mit ihr nach Italien, ins Land des Belcanto, fahren, für sie Opern komponieren und sie »zur Primadonna machen«. Mutter Anna Maria Mozart, die ebenso gegen die Verbindung mit Aloisia ist wie ihr Mann, drängt hingegen auf die geplante Weiterfahrt nach Paris, um dem eigentlichen Zweck der Reise, eine Anstellung für Amadeus zu finden, nachzukommen. Mozart gehorcht den Eltern, fährt gegen seinen eigenen Willen nach Paris – und nimmt seinen Liebeskummer mit. »Wie ich (von der Familie Weber, Anm.) wegging, so weinten sie alle«, schreibt er dem Vater aus Paris. »Ich bitte um Verzeihung, aber mir kommen die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke.«

Mutter und Sohn Mozart wohnen in einem armseligen Pariser Quartier, und der verliebte Wolfgang hat nichts anderes im Kopf als seine Aloisia. Ob sie an ihn denken und auf ihn warten würde? Nichts sonst interessiert ihn in der französischen Metropole. An Aloisia schreibt er: »Am glücklichsten werde ich an dem Tage sein, ab dem ich die große Freude erleben werde, Sie wieder zu sehen und herzlichst zu umarmen. Nur in diesem Wunsche, in dieser Hoffnung finde ich den einzigen Trost und Frieden.«

Es ist ein fürchterlicher Schicksalsschlag, der ihn aus seinen romantischen Träumen reißt. Mozarts Mutter stirbt plötzlich und unerwartet am 3. Juli 1778 im Alter von 57 Jahren in Paris. Ihr Tod erschüttert ihn zutiefst. Allein, verzweifelt und unverrichteter Dinge verlässt er Paris.

Eines freilich kann selbst die große Trauer nicht verhindern: Die Rückfahrt nach Salzburg gestaltet er so, dass sie ihn über Mannheim führt. Er will Aloisia seine Liebe gestehen, sie nach Salzburg mitnehmen und um ihre Hand anhalten. Da die Angebetete aber mittlerweile ein Engagement an der kurfürstlichen Oper in München erhalten hat, muss Mozart seine Reise- und Zukunftspläne ändern. Dass sie jetzt an Bayern gebunden ist, sollte nicht die einzige Enttäuschung für ihn sein.

Aloisia ist, als er sie zu Weihnachten 1778 in die Arme nehmen will, eine andere geworden. Die jetzt in München engagierte junge Sängerin macht ganz auf Diva und nimmt die Arie, die Mozart für sie mit ganzem Herzen geschrieben hat und die er ihr als Geschenk überreichen will, kaum zur Kenntnis. Sollte sie je Interesse an diesem kleinen, unscheinbaren Musiker gehabt haben, so ist es mittlerweile verflogen. Aloisia sieht sich bereits als Star und Mozart als brotlosen Komponisten, der als Ehemann nicht infrage kommt. Nicht genug damit, beleidigt sie ihn noch, weil er sich in Paris mit seinem letzten Geld in einen roten Anzug mit Goldknöpfen neu eingekleidet hat: »Nein, wie du komisch aussiehst«, spottet Aloisia und belächelt ihn.

Er will sie endlich »wieder sehen und herzlichst umarmen«: Mozarts erste große Liebe Aloisia Weber

Mozart gibt nicht auf. Er hält, trotz ihrer plötzlichen Arroganz, um Aloisias Hand an, erklärt ihr, immer für sie da zu sein, für sie komponieren und mit ihr in München leben zu wollen. Aloisia antwortet, sie sei jetzt Primadonna und brauche niemanden mehr, der etwas für sie komponieren würde.

Es ist wohl eine der schwersten Stunden seines Lebens. »Ich kann nicht mehr«, schreibt er dem ohnehin durch den Verlust seiner Frau verstörten Vater, »mein Herz ist gar zu sehr zum Weinen bestimmt. Heute kann ich nichts als weinen. Ich habe gar ein zu empfindsames Herz.«

Mozart trifft die inzwischen nach Wien übersiedelten Webers 1781, zweieinhalb Jahre später, wieder. Er wohnt eine Zeit lang bei ihnen, was seinen Vater einmal mehr in Rage bringt. Schon wieder diese Weberischen! Aber welche der Töchter könnte seinem Sohn jetzt noch gefährlich werden? Die angebetete Aloisia sicher nicht, die ist inzwischen mit dem Wiener Hofschauspieler Joseph Lange verheiratet. Bleiben noch Josepha, Sophie und Constanze.

Mozart hat zu diesem Zeitpunkt bereits zwölf Opern geschrieben, darunter Bastien und Bastienne, Idomeneo, und Die Entführung aus dem Serail ist in Arbeit. Die Heldin eben dieser Oper heißt – welch ein Zufall – Constanze. Mozart versteht die Entführung als Liebeserklärung an Constanze Weber, deren Ähnlichkeit mit der geliebten Aloisia unverkennbar ist.

Obwohl bereits 25 Jahre alt, steht Mozart immer noch unter den Direktiven des Vaters, der ihm alle möglichen »guten Partien« unter seinen begüterten Schülerinnen in Wien einzureden versucht. Monatelang lügt Mozart dem in Salzburg lebenden Vater vor, gar nicht heiraten zu wollen. Bis er ihm im Dezember 1781 – mit nicht gerade romantisch anmutenden Argumenten – das Gegenteil gesteht: »Ich, der von Jugend auf niemals gewohnt war, auf meine Sachen, was Wäsche, Kleidung usw. anbelangt, acht zu geben, kann mir nichts Nötigeres denken als eine Frau.« Erst nach einer halben Briefseite kommt er zum Punkt: »Nun aber, wer ist der Gegenstand meiner Liebe? – Erschrecken Sie auch nicht, ich bitte Sie. – Doch nicht eine Weberische? – Ja, eine Weberische. – Aber nicht Josepha – nicht Sophie. Sondern Constanze, die Mittelste.«

Auch wie er die Neunzehnjährige dem Vater beschreibt, zeugt nicht von überwältigender Begeisterung: »Sie ist nicht hässlich, aber auch nichts weniger als schön. – Ihre ganze Schönheit beruht in zwei kleinen schwarzen Augen und in einem schönen Wachstum.«

Constanze Mozart geb. Weber * 5. 1. 1762 Zell/Baden-Württemberg, † 6. 3. 1842 Salzburg. Sopranistin. Sie heiratet am 4. 8. 1782 Wolfgang Amadeus Mozart.

Da Constanzes Vater mittlerweile verstorben ist, muss Wolfgang Amadeus mit ihrem geschäftstüchtigen Vormund in Verhandlungen treten. »Er hat mir den Umgang mit Constanze verboten, es sei denn, ich unterschreibe einen Vertrag mit folgenden Bedingungen: Ich heirate das Mädchen im Lauf der nächsten drei Jahre – oder zahle ihr eine lebenslängliche Rente von dreihundert Gulden jährlich*. Was blieb mir also für ein Mittel übrig? Ich konnte nichts Leichteres in der Welt unterschreiben, denn ich wusste, dass es zu der Bezahlung dieser dreihundert Gulden niemals kommen wird – weil ich sie niemals verlassen werde.«

Sie war nicht die erste Wahl, sollte ihm jedoch eine gute Frau sein: Wolfgang Amadeus und Constanze Mozart geborene Weber

Obwohl Constanze den erpresserischen »Vertrag« vor Wolfgangs Augen zerreißt, bleibt Leopold Mozart bei seiner Überzeugung, dass die Familie Weber seinen gutmütigen Sohn hinterlistig einfangen will. Jedenfalls weigert sich Vater Mozart, die Heiratserlaubnis zu erteilen.

Am 16. Juli 1782 wird Die Entführung aus dem Serail im Wiener Hofburgtheater zum ersten Mal aufgeführt. Bei der Premiere reagiert das Publikum verhalten, doch bald wird die neue Mozart-Oper als überragendes Werk erkannt. Kaiser Joseph II. dankt Mozart mit dem berühmt gewordenen, rätselhaften Satz: »Zu schön für unsere Ohren und gewaltig viele Noten, lieber Mozart«, worauf dieser erwidert: »Gerade so viel Noten, Euer Majestät, als nötig sind.«

Die Entführung ist zu Mozarts Lebzeiten seine erfolgreichste Oper und wird in halb Europa aufgeführt. Dennoch erhält der Komponist nur hundert Dukaten als Gesamthonorar, mit dem alle Ansprüche abgegolten sind. Hätte es damals Urheberrechte gegeben, wäre Mozart ein reicher Mann geworden. So aber bekommt ein Spitzensänger für eine einzige Aufführung zehn Mal mehr als der Komponist für sein Werk.

Immerhin erlauben die hundert Dukaten Mozart jetzt im »Haus zum roten Säbel«* eine Wohnung zu mieten – und damit seine Ehe in die Wege zu leiten. Auch ohne Zustimmung des Vaters. Mozart war immer ein folgsamer Sohn, doch jetzt ist seine Geduld am Ende. Er heiratet seine Constanze am 4. August 1782 im Wiener Stephansdom. Nun, da er die Hochzeit nicht mehr verhindern kann, schickt der Vater sein Einverständnis.

Constanze – auch sie eine ausgebildete Sängerin, wenn auch bei Weitem nicht so begabt wie Aloisia – ist Mozart eine gute Frau, sie unterstützt ihn bei seiner Arbeit, nimmt ihm die Sorgen des Alltags (mit Ausnahme der finanziellen) ab, begleitet ihn zu Vorstellungen und auf Reisen. Der glücklichen Ehe entspringen sechs Kinder, von denen nur zwei die Eltern überleben werden. Mozart schreibt in mehreren Briefen, dass Constanze für ihn eine Inspiration sei, die er für seine Tätigkeit als Komponist brauche. Dass er seiner Frau untreu war, wie oft behauptet wird, lässt sich nicht nachweisen, es gibt kein einziges Dokument, keinen Brief, der einen solchen Verdacht bestätigen würde.

Nach dem Tod des Musikgenies steht Constanze alleine mit seinen Schulden da. Um sich und die Kinder durchzubringen, gibt sie mit ihrer Schwester Aloisia Benefizkonzerte und eine Konzertreise mit Mozarts Werken. 1809 heiratet die Witwe Mozart in Pressburg den dänischen Diplomaten Georg Nikolaus von Nissen, mit dem sie sich 1824 in Salzburg niederlässt.

Die einst gefeierte Sängerin Aloisia Weber schenkt ihrem Mann Joseph Lange sechs Kinder, doch die Ehe wird nicht glücklich.

Im Sommer 1829 trifft Aloisia, mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem sie Mozart eine so herbe Abfuhr erteilt hat und 38 Jahre nach seinem Tod, in einem Wiener Hotelzimmer die britische Schriftstellerin Mary Novello. Sie und ihr Mann, der Verleger Vincent Novello, sind aus London angereist, um sich auf Mozarts Spuren zu begeben und eine Biografie über ihn zu schreiben. Aloisia, die in jungen Jahren als bedeutende Mozart-Interpretin am Wiener Kärntnertor- und am Burgtheater gefeiert wurde, ist mittlerweile 67 Jahre alt und fristet ihr Dasein durch Gesangsstunden. Sie hätte Mozart bis an sein Lebensende geliebt, erklärt sie. Als Mary Novello fragt, warum sie ihn denn nicht erhört habe, antwortet sie: »Ich konnte ihn damals nicht lieben, weil ich ihn nicht als den erkannte, der er wirklich war.« Und sie schildert noch, dass ihre Schwester Constanze immer eifersüchtig gewesen sei, jedoch die bessere Frau für Mozart war. Jedenfalls habe Aloisia, so Mary Novello, mit viel Liebe über Mozart gesprochen und es sehr bedauert, dass alles so gekommen sei.

* Heute befindet sich an dieser Stelle das Haus Rauhensteingasse 6; die neue Nummerierung gilt seit 1862.

* Entspricht laut »Statistik Austria« im Jahre 2014 einem Betrag von rund 15 000 Euro.

* Heute Wien I., Wipplingerstraße 19.

DAS LETZTE GASTSPIEL

Max Pallenbergs tödlicher Flugzeugabsturz, 26. Juni 1934

Max Pallenberg * 18. 12. 1877 Wien, † 26. 6. 1934 Karlsbad. Populärer Schauspieler und Sänger. Ab 1904 am Theater in der Josefstadt, später im Ensemble Max Reinhardts.

Eine der bedeutendsten Theaterkarrieren im deutschen Sprachraum nimmt ein abruptes, tragisches Ende. Der Wiener Schauspieler Max Pallenberg kommt bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Der Star unter den Charakterdarstellern seiner Zeit ist von Wien über Prag zu einem Gastspiel nach Karlsbad geflogen, wo die dreimotorige Maschine kurz vor der Landung ins Trudeln gerät und abstürzt. Seine Frau, die nicht minder berühmte Sängerin und Schauspielerin Fritzi Massary, verfällt in tiefe Trauer.

Der 56-jährige Max Pallenberg hatte in der abgelaufenen Saison in Wien am Deutschen Volkstheater und am Theater in der Josefstadt große Erfolge gefeiert, unter anderem als Molières Der eingebildete Kranke, in dem Schwank Familie Schimek und als Mephisto, als der er auch unter Max Reinhardts Regie bei den Salzburger Festspielen zu sehen war. Allein diese drei Rollen zeigen die große Bandbreite des Komödianten, der für die kommende Saison bereits ein Engagement des Burgtheaters angenommen hatte.

Wie so oft auf Tournee, sollte Max Pallenberg schon am Abend nach seiner Ankunft und an den sechs darauf folgenden Tagen am Stadttheater Karlsbad in dem Lustspiel Der letzte Wiener auftreten. Der Vollblutkomödiant, der jedes Jahr in Karlsbad gastierte, war am 26. Juni 1934 um 9. 15 Uhr mit der fahrplanmäßigen Maschine vom Flughafen Wien-Aspern nach Prag geflogen, wo er kurz vor elf Uhr eintraf. Da der Anschlussflug nach Karlsbad ausgebucht war, wollte er zunächst per Bahn in den mondänen Kurort weiterreisen, wurde aber am Prager Flughafen von dem aus Brünn stammenden Fabrikanten Moritz Skurnik angesprochen, der wie er nach Karlsbad wollte. Skurnik schlug Pallenberg vor, gemeinsam eine kleine Maschine zu mieten, womit sich der Schauspieler einverstanden zeigte. Gesteuert wurde der Eindecker der staatlichen Aerolinie von dem tschechischen Piloten Tomiček.

Der genaue Unglückshergang kann nur rekonstruiert werden. Die Maschine startet bei gewittrigem Föhnwetter in Prag, erreicht Karlsbad unter günstigen Witterungsbedingungen und sackt mittags um Punkt zwölf Uhr wenige Meter vor der Landebahn ab. Wie Zeugen der Katastrophe vermuteten, dürfte ein Seitensteuer weggebrochen sein, wodurch das Flugzeug manövrierunfähig wurde. Im Gleitflug steuert der Pilot die Maschine von achthundert auf dreißig Meter Höhe, dann schnellt sie schräg abwärts, überschlägt sich, stürzt nach vorn, bohrt sich mit der Motorengondel in die Erde. Die Benzintanks fangen Feuer, das rasch vom herbeieilenden Flughafenpersonal gelöscht wird. Doch die beiden Passagiere und der Pilot können nur noch tot geborgen werden. Max Pallenberg umklammert mit seiner Faust die Reste einer verkohlten Tageszeitung.

Während eine Kommission von Luftfahrtingenieuren zur Untersuchung der Tragödie auf das Flugfeld entsandt wird, werden die sterblichen Überreste Pallenbergs, Skurniks und Tomičeks in die Karlsbader Leichenhalle gebracht. Die Nachricht von dem Unglück verbreitet sich in Karlsbad wie ein Lauffeuer. Unter den Kurgästen befindet sich der Schriftsteller Franz Molnár, ein enger Freund Pallenbergs, den die Unglücksbotschaft schwer erschüttert. Der Direktor des Karlsbader Theaters sagt zum Zeichen der Trauer die Abendvorstellung ab. Ihm fällt auch die Aufgabe zu, die Angehörigen der Unglücksopfer zu verständigen. Frau Massary, die sich in ihrem Haus in Lugano aufhält, wird jedoch durch ihre Schwester und den Wiener Theaterdirektor Rudolf Beer von dem Unglück informiert. Mit Beer hat Pallenberg, gut gelaunt, noch den Abend vor seinem Abflug verbracht, an dem er sich nicht überreden ließ, sicherheitshalber lieber doch per Bahn nach Karlsbad zu fahren.

Pallenberg liebte das Tempo, er mochte es, wenn die Zeit wortwörtlich wie im Flug verging, er war ein Rastloser, Unermüdlicher – sowohl in seiner Rollengestaltung als auch im Privatleben. Deshalb war er zu einer Zeit, da das Fliegen noch nicht als Selbstverständlichkeit galt, oft per Flugzeug unterwegs, reiste manchmal für ein paar Stunden nach Prag oder Budapest, um sich ein Stück anzusehen.

Seine Leidenschaft fürs Fliegen wurde ihm zum Verhängnis: Max Pallenberg (rechts)

Max Pallenberg hat in Wien als Handelsangestellter gearbeitet, ehe er mit zwanzig Jahren ans Theater »durchbrannte« und nach der üblichen Provinzlaufbahn am Deutschen Volkstheater engagiert wurde. Er feierte Erfolge als Komiker, in der Operette und im klassischen Fach, drehte mehrere Stumm- und Tonfilme. Seine Spielstätten waren die Berliner und die Wiener Bühnen, die meisten von ihnen geleitet von Max Reinhardt. 1923 feierte Pallenberg einen außergewöhnlichen Erfolg in der Titelrolle in Hugo von Hofmannsthals Lustspiel Der Unbestechliche, das der Dichter für ihn geschrieben hatte. Weitere große Partien waren Molnárs Liliom, der Theaterdirektor in Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor und die Theaterversion von Jaroslav Hašeks Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk in der Regie von Erwin Piscator.

Fritzi Massary * 21. 3. 1882 Wien, † 30. 1. 1969 Beverly Hills. Feiert große Erfolge in Wien und Berlin, ihre Glanzrollen sind Die lustige Witwe, Die Csárdásfürstin und Madame Pompadour.

Pallenberg war seit 1916 mit Fritzi Massary, einer der größten Diven ihrer Zeit, glücklich verheiratet. Gemeinsam verließen sie Berlin, als Hitler die Macht übernahm, lebten in der Schweiz und in ihrer Geburtsstadt Wien.

Als die Schauspielerin vom Tod des geliebten Mannes erfährt, ist sie einem Nervenzusammenbruch nahe, reist dennoch sofort nach Wien, will von dort gleich weiter an den Unglücksort, fühlt sich aber nicht in der Lage dazu. Verzweifelt wartet sie auf das Eintreffen des Sarges mit Pallenbergs sterblichen Überresten, die auf dem Zentralfriedhof beigesetzt werden.

Unter den Hunderten Trauergästen befindet sich Wiens künstlerische Prominenz, die Theaterdirektoren der Stadt, die Komponisten Franz Lehár und Emmerich Kálmán sowie Hans Moser, der in Pallenberg immer sein großes Vorbild sah.

Kurz vor Beginn der Beerdigung verliert Fritzi Massary das Bewusstsein, sie wird in einen Nebenraum der Feuerhalle gebracht und medizinisch versorgt. Von ihrer – aus einer früheren Beziehung stammenden – Tochter und ihrem Schwiegersohn mehr getragen als gestützt, kehrt sie zurück zu den Trauergästen. Der Staatsopernchor singt, Reden werden gehalten und Alfred Polgar schreibt in seinem Nachruf: »Noch grauer und trüber, als sie ohnehin schon ist, noch mehr verlassen von guten und bösen Geistern scheint die Welt, seit dieser strahlende Spaß- und Ernstmacher nicht mehr in ihr herumrumort.«

»Wie soll sie weiterleben?«, schreibt Fritzi Massarys Biografin Carola Stern. »Das Teuerste hat sie in den ersten beiden Jahren des Exils verloren: den Mann, die Wahlheimat Berlin und den Beruf. Denn das weiß sie längst: Von der Operettenbühne muss sie Abschied nehmen. Eine verwitwete Diva über fünfzig im Liebesduett mit einem zwanzig, dreißig Jahre Jüngeren – nein, das geht nicht mehr.«

»Die Massary« verlässt Österreich und emigriert über die Schweiz und Frankreich 1939 zu ihrer Tochter in die USA, wo sie 1969 stirbt.

AKTIV NOCH MIT 91 JAHREN

Josef Wenzel Graf Radetzky geht (nicht) in Pension, 6. März 1857

Josef Wenzel Graf Radetzky * 2. 11. 1766 Schloss Trebnic bei Prag, † 5. 1. 1858 Mailand. Feldherr, Teilnehmer am letzten Türkenkrieg. Besiegt Napoleon bei Leipzig.

Das erste Mal sucht der Feldmarschall im Alter von 86 Jahren um die Versetzung in den dauernden Ruhestand an. Aber nicht, weil er sich gebrechlich oder außerstande sieht, seine Truppen anzuführen. Sondern aus Protest dagegen, dass man seinen Sohn Theodor als Oberst der k. k. Armee, ohne den Vater vorher verständigt zu haben, in Pension geschickt hat. Doch Kaiser Franz Joseph lehnt das Gesuch des alten Radetzky ab und fügt hinzu, »dass ich mit Zuversicht erwarte, Sie noch ferner Meinem Dienste zu erhalten.«

Franz Josephs Wunsch ist Josef Wenzel Graf Radetzky Befehl, und so bittet er den Grafen Grünne, den Generaladjutanten des Kaisers, die Angelegenheit »als Mann und Freund« vergessen zu wollen. Mit 87 Jahren wohnt Radetzky, im April 1854, der Vermählung des Kaisers mit Elisabeth bei, im Alter von 88 Jahren unternimmt er noch ausgedehnte Inspektionsfahrten nach Bologna und in die Herzogtümer.

Nach den anstrengenden Reisen scheint der Feldmarschall einen neuerlichen Grund für die bevorstehende Pensionierung anführen zu können, also schreibt er dem Monarchen, »dass es mit dem Reiten nicht mehr ginge«. Worauf der Kaiser das Pensionsansuchen des greisen Feldmarschalls einmal mehr zurückweist und ihm stattdessen als besonderes Zeichen der Wertschätzung gestattet, »sich des Wagens zu bedienen«.

Im Juli 1856 bittet der mittlerweile fast Neunzigjährige den Grafen Grünne, »Seiner Majestät die Unmöglichkeit anzuzeigen, noch ferner dienen zu können«. Zwar stimmt der Kaiser der Enthebung aus dem Militärdienst pro forma zu, beauftragt Radetzky jedoch gleichzeitig »Ihr Mir so teures, ruhmvolles Leben noch für eine Reihe von Jahren erhalten zu sehen«. Auch als Radetzky mit Handschreiben vom 28. Februar 1857 seiner Funktionen als Generalgouverneur des Königreichs Lombardo-Venetien sowie als General der Zweiten k. k. Armee entbunden wird, stellt der Kaiser fest, dass ein Radetzky als solcher überhaupt nicht »pensioniert« werden könne, und fügt hinzu: »… muss ich Sie dringend bitten, Ihren Kaiser auch in der Zukunft mit Ihrem weisen Rate zu unterstützen, den in bedeutungsschweren Ereignissen in Anspruch zu nehmen Ich Mir vorbehalte.«

Also wieder nichts mit der Rente, die Radetzky in Wahrheit auch gar nicht ernsthaft anstrebt. Im Gegenteil, er genießt es, vom Kaiser als unentbehrlich angesehen zu werden. Als er sich am 1. März 1857 von seinen Truppen verabschiedet, schließt der in seinem 91. Lebensjahr stehende Graf eine Rückkehr in den aktiven Dienst nicht aus, »wenn die Stimme unseres geliebten Monarchen mich etwa nochmals rufen sollte, um zu zeigen, dass der Degen noch immer fest in meiner Hand ruht.«

Und die Stimme des geliebten Monarchen ruft! Radetzky wird am 6. März 1857 in Verona in Anwesenheit des Kaisers verabschiedet, doch gleichzeitig weist Franz Joseph dem Noch-immer-nicht-Pensionisten fünf ranghohe Offiziere plus Leibarzt als persönlichen Stab zu und stellt Radetzky sieben kaiserliche Schlösser inklusive Hofburg und Augartenpalais »zu beliebigem Aufenthalt zur Verfügung«. Der alte Haudegen nimmt jetzt die Funktion des »Ersten Ratgebers des Obersten Kriegsherrn« ein, trägt somit weiterhin des Kaisers Rock und gilt »bis an sein Lebensende im Aktivdienst stehend«.

Radetzky, der seit 1854 verwitwet ist, verbringt seinen Lebensabend teils in der Villa Reale in Mailand, teils im kaiserlichen Palast in Monza, wo er noch voller Elan von früh bis spät seiner Arbeit nachgeht. Man darf in diesem Zusammenhang nicht an einen neunzigjährigen Mann des 21. Jahrhunderts denken, sondern daran, dass die Lebenserwartung zu Radetzkys Zeiten bei vierzig Jahren lag und Nestroy sich, als er 1861 sechzig wurde, als »Greis« bezeichnete (und tatsächlich ein Jahr später starb).

Das Erstaunliche an der geistigen und körperlichen Frische des aus einer verarmten Adelsfamilie stammenden Radetzky ist, dass er in seiner Jugend nicht in die Theresianische Militärakademie aufgenommen wurde, weil er laut ärztlichem Attest »zu schwach ist, um die Beschwerden des Militärdienstes auch nur einige Jahre ertragen zu können«. Da haben sich die Herren Militärärzte aber gründlich geirrt!

Es ist nicht verwunderlich, dass sich der Kaiser um die mehrmalige Verlängerung von Radetzkys Dienstzeit bemüht, hat er doch seit den Tagen des Prinzen Eugen als der bei Weitem bedeutendste österreichische Feldherr Geschichte geschrieben. In jüngeren Jahren mehrmals erfolgreich gegen Napoleon im Einsatz, hat er mit über achtzig Jahren noch Österreichs Truppen siegreich in die Schlachten bei Santa Lucia, Vicenza, Custozza und Novara geführt.

Radetzky erfreut sich auch nach 72 Dienstjahren, in denen er in siebzehn Feldzügen fünf Kaisern gedient hat, immer noch guter Gesundheit, bis er am 21. Mai 1857 die Gattin des Grafen Karl von Wallmoden empfängt und sie bei der Verabschiedung ganz selbstverständlich zur Tür geleitet. Auf dem Weg dorthin rutscht er auf dem glatten Marmorboden der Villa Reale aus und zieht sich einen Schenkelbruch zu. Von da an lässt sich Radetzky von seinem Kammerdiener Ferschl im Rollstuhl zu seinen immer noch zahlreichen Verpflichtungen führen.