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Seit die vierzehnjährige Kathrin einen Zeitungsbericht über das Schicksal des kleinen Christian gelesen hat, kann sie an nichts anderes mehr denken als an den Jungen, der im Rollstuhl sitzt. Apathisch, schweigsam. Dabei haben selbst die besten Ärzte kein körperliches Leiden bei ihm feststellen können.
Wie ist das möglich?, fragt sich Kathrin. Was hat er erlebt? Nach und nach erfährt sie die ganze ergreifende Geschichte und beschließt, Christian und seine Mutter nach Liebenberg, auf den Reiterhof ihres Vaters, zu locken. Denn sie glaubt fest daran, dass die Pferde dem kleinen Jungen helfen können, wieder gesund zu werden.
Und vielleicht kann Christians traurige Mutter auch bald wieder lachen ...
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Dein Lächeln schließt den Himmel auf
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: shutterstock/Crazy Horse
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-4100-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Dein Lächeln schließt den Himmel auf
Wie Christian und seine Mutter das große Glück fanden
Von Nora Stern
Seit die vierzehnjährige Kathrin einen Zeitungsbericht über das Schicksal des kleinen Christian gelesen hat, kann sie an nichts anderes mehr denken als an den Jungen, der im Rollstuhl sitzt. Apathisch, schweigsam. Dabei haben selbst die besten Ärzte kein körperliches Leiden bei ihm feststellen können.
Wie ist das möglich?, fragt sich Kathrin. Was hat er erlebt? Nach und nach erfährt sie die ganze ergreifende Geschichte und beschließt, Christian und seine Mutter nach Liebenberg, auf den Reiterhof ihres Vaters, zu locken. Denn sie glaubt fest daran, dass die Pferde dem kleinen Jungen helfen können, wieder gesund zu werden.
Und vielleicht kann Christians traurige Mutter auch bald wieder lachen …
Ein paar Strahlen der noch herrlich warmen Septembermorgensonne verstärkten den rötlichen Schimmer auf Kathrins haselnussbraunem Haar.
„Dass du dir net abgewöhnen kannst, beim Frühstück die Zeitung zu lesen.“ Hubert Schnedlitz seufzte bei dieser Rüge verhalten.
„Ich hab doch später keine Zeit mehr dazu“, gab Kathrin fröhlich zurück, schob sich einen weiteren Bissen des mit Butter und Honig bestrichenen Brötchens in den Mund und blätterte um.
Hubert schenkte sich eine zweite Tasse Kaffee ein. Wenn Sanne noch am Leben wäre, dachte er wieder einmal bedrückt, hätte Kathrin sicher bessere Manieren …
„Sieh dir das an, Vati!“ Das Mädchen war aufgesprungen und hielt ihm das Blatt so dicht vor die Augen, dass Hubert die Kaffeetasse um ein Haar umgestoßen hätte. „Der arme Bub!“, fuhr die Vierzehnjährige fort, ohne auf die Nöte zu achten, in die sie ihren Vater brachte. „Er kann nicht sprechen und muss im Rollstuhl sitzen, dabei behaupten die Ärzte, ihm fehle körperlich gar nichts.“
Als es Hubert gelungen war, seiner Tochter das Zeitungsblatt aus der Hand zu nehmen und es neben seinem Gedeck auszubreiten, fiel sein Blick auf das Foto von einem etwa achtjährigen Jungen, der in einem Rollstuhl saß und mit ausdrucklosem Blick vor sich hinstarrte.
Irgendetwas an dem schmalen Kindergesicht rührte den hochgewachsenen Mann mit den sanften grauen Augen und dem dunklen gewellten Haar an. Er konnte gut mit Pferden umgehen, der Hubert, aber er war auch seinen Mitmenschen gegenüber sehr sensibel.
„Ende Oktober letzten Jahres kam Christians Mutter, Ruth U., mit ihrem Wagen auf der vereisten Traidersbergstraße in G. von der Fahrbahn ab. Der bei dem Unfall nach Auskunft der Ärzte körperlich kaum verletzte Christian sitzt seit jenem schicksalhaften Wintertag dennoch im Rollstuhl, und er kann auch nicht mehr sprechen“, las Kathrin laut vor. Sie hob den Kopf und sah den Vater voller Zweifel an. „Gibt’s denn so was?“
„Hm …“, machte Hubert nachdenklich. „Ich kann es mir nicht vorstellen, aber ich bin ja auch kein Arzt.“ Wäre ich einer, ich hätte vielleicht auch deiner Mutter helfen können, setzte er in Gedanken hinzu.
Kathrin spürte sonst stets, wenn ihr Vater traurig war – und das waren sie beide recht oft seit dem Tag vor zwei Jahren, als sie die Mami beerdigt hatten.
„Wenn er keine Verletzungen gehabt hat“, fuhr sie jedoch heute einfach fort, „und seine Beine in Ordnung sind, warum sitzt er dann im Rollstuhl?“
„Kathrin, es gibt Krankheiten, die haben nichts mit dem Körper zu tun“, gab Hubert ernst zurück. „Es gibt auch psychische Leiden. Und die sind meist schwerer zu heilen als körperliche.“
In diesem Augenblick schlug die Pendeluhr in der Ecke die halbe Stunde.
„Himmel, so spät schon?“, rief Kathrin, nahm ungestüm das Zeitungsblatt an sich und verließ eine halbe Minute später mit ihrem Schulrucksack das Haus. Sie hatte nicht einmal mehr Zeit, sich von Wasti, dem Rauhaardackel, zu verabschieden, der sein Frauchen fröhlich kläffend zum Spielen aufforderte.
Auch Hubert stand auf. Draußen in den Ställen wartete seine tägliche Arbeit bei den Pferden auf ihn. Seine Arbeit, die ihn ausfüllte und die ihm in den letzten zwei Jahren fast genauso viel Kraft gegeben hatte, über den Verlust seiner geliebten Frau hinwegzukommen, wie seine Tochter.
***
Ruth Uhlenstein nahm ihrem Kind, das auch an diesem Morgen apathisch im Rollstuhl saß, den Löffel aus der Hand. Es hatte bis jetzt kaum von dem Müsli gegessen, das ihm Kraft geben sollte. „Christian bitte, iss noch ein wenig“, bat sie sanft.
Sie führte den Löffel an die Lippen des Kindes, das den Mund unlustig öffnete, dann jedoch gehorsam schluckte.
Als das Schüsselchen endlich leer war, stellte die Mutter es in die Spüle, griff nach dem Kleinen Morgenblatt und ging mit der Zeitung zurück zu ihrem Sohn.
„Schau, Christian, da ist ein Bild von dir“, sagte sie leise. Sie hielt den Bericht, der Kathrin Schnedlitz beim Frühstück sofort aufgefallen war, so vor den fast achtjährigen, dass er das Foto sehen musste. „Herr Kober – du weißt, der nette Mann, der vor einer Woche hier war – hat diesen Bericht geschrieben.“ Sie räusperte sich und sprach leise weiter. „Vielleicht liest ja jemand von dir. Ein Arzt, der dir helfen kann. Oder sonst irgendjemand, der …“
Sie brach ab. Bei wie vielen Ärzten, fast jeder eine Kapazität auf seinem Spezialgebiet, war sie mit Christian schon gewesen?
„Es sind keine körperlichen Ursachen für Christians Leiden festzustellen“, hatte sie immer wieder zu hören bekommen. „Sie sollten das Kind einem Psychiater vorstellen oder besser noch: es in ein entsprechendes Pflegeheim bringen.“
Einer der Psychologen jedoch, den sie nach der Entlassung aus dem Krankenhaus konsultiert hatte, hatte es anders ausgedrückt. „Sie sollten Christian bei Professor Westphal aus Hamburg vorstellen. Er leitet dort an der Alster eine kleine Privatklinik für Kinder, die unter einem Trauma leiden.“
Gernot war völlig außer sich gewesen, als sie ihm den Vorschlag gemacht hatte.
„Mein Sohn ist nicht verrückt“, hatte er geschrien. „Du bist es, die ihn zum Krüppel gemacht hat! Du allein bist schuld daran, dass mein Erbe in diesem jämmerlichen Zustand ist.“ Er hatte mit ausgestrecktem Arm auf das Kind gezeigt, das bewegungslos in seinem Rollstuhl am Tisch gesessen hatte und durch nichts zu erkennen gab, ob es wahrnahm, was rings herum vorging. „All meine Freunde, Bekannten und Geschäftspartner werden sich das Maul zerreißen. ‚Der reiche Uhlenstein. Wofür er wohl so hart arbeitet?‘, werden sie tuscheln!“
Bei der Erinnerung an diese und andere Szenen, die sich in der feudalen Villa außerhalb der Stadt abgespielt hatten, die einige Jahre lang ihr Zuhause gewesen war, lief Ruth ein eisiger Schauer über den Rücken. Sie schauderte aber auch bei dem Gedanken, dass sie Gernot einmal geliebt hatte. Gernot, der sie samt ihrem Sohn aus dem Haus geworfen hatte, nachdem er die Hilflosigkeit der Ärzte in Hinblick auf Christians Zustand erkannt hatte.
„Eine Frau, die mir meinen Erben genommen hat, kann ich nicht länger ertragen“, hatte er ihr ins Gesicht geschleudert. „Und Christians Anblick erst recht nicht. Also verlass mein Haus mit ihm!“
Mithilfe der wenigen Freunde, die ihr aus der Zeit geblieben waren, als sie noch nicht die Frau des wohlhabenden, aber selbstgefälligen Gernot Uhlenstein gewesen war, hatte sie die kleinen Wohnung hier in der engen Vorstadtstraße gefunden und war mit Christian förmlich hierher geflüchtet.
Ein Anwalt, für den ihr ebenfalls Freunde das Geld geliehen hatten, hatte Gernot rasch klar gemacht, dass er wenigstens finanziell für Frau und Kind sorgen musste. Und das tat er auch. Allerdings hätte Ruth gern auf das Geld verzichtet, hätte gern wieder in ihrem Beruf als Sekretärin gearbeitet, doch …
Seufzend strich sie ihrem hilflosen Sohn durch das feine blonde Haar. Nein, sie musste bei Christian bleiben, musste ihn noch um einiges liebevoller umsorgen, als sie es auch schon vor dem Unfall getan hatte. Und da war Gernots Vorwurf, sie trage die alleinige Schuld an dem Unfall an jenem Abend. Zwar hatte sie sich immer und immer wieder gesagt, dass dies nicht stimmte, doch …
„Hätte ich es nicht doch verhindern können?“, seufzte sie auch jetzt halblaut, als sie das Frühstücksgeschirr spülte.
***
„Ich verstehe es einfach nicht“, erklärte Kathrin und warf das dichte Haar mit einer fast trotzigen Geste in den Nacken. „Wieso kann Christian nicht laufen und nicht sprechen, wenn ihm doch nichts fehlt?“ Herausfordernd sah sie von einer ihrer Freundinnen zur anderen.
Es war große Pause, und die Mädchen standen um Kathrins Tisch, auf dem das Zeitungsblatt mit dem Foto des Jungen ausgebreitet lag.
Tanja von Hohlensteg, ein pummeliges Mädchen, auf dessen Gesicht die Pubertätspickel munter sprossen, runzelte die Stirn.
„Das ist ja Christian Uhlenstein“, murmelte sie bestürzt. „Ich habe erst vor Kurzem gehört, wie meine Eltern mit einem Gast über seinen Vater geredet haben. Da wurde auch etwas von einer Scheidung gesprochen und davon, dass Gernot Uhlenstein seiner Frau den Unfall, den sie verschuldet haben soll, nie verzeihen könne. Aber dass der Kleine so schlimm dran ist …“ Mitleidig fuhr sie mit der Kuppe ihres Zeigefingers über das Zeitungsfoto.
„Uhlenstein?“, fragte Klara Breitener. „Doch nicht der Inhaber der Waschmittelwerke?“
„Genau der!“, antwortete Tanja. Sie schnaufte leise und verächtlich. „Mein Vater hat mal gemeint, er sei einer der reichsten Männer hier in der Umgebung. Und Mama hat mit den Schultern gezuckt und ein bisschen verächtlich gemeint: Wenn er wenigstens eine Frau aus unseren Kreisen geheiratet hätte … Aber ausgerechnet seine Sekretärin hat er genommen.“
Die Mädchen kicherten. Sie wussten, wie viel Wert Tanjas Mutter ihrer adeligen Abstammung beimaß, und dass sie Tanja viel lieber auf einer Privatschule in der Schweiz gesehen hätte als hier am Städtischen Gymnasium. Sie musste sich jedoch der Ansicht ihres Mannes beugen, der überzeugt war, dass es im Leben nicht auf Herkunft und Titel ankommt, sondern allein auf Tüchtigkeit, Intelligenz und vor allem auf Menschlichkeit.
„Was ist bei dem Unfall eigentlich passiert?“, erkundigte sich Kathrin neugierig.
„Soviel ich weiß, war es im Herbst letzten Jahres. Frau Uhlenstein hatte Christian vom Sport oder vom Musikunterricht abgeholt, so genau weiß ich das nicht mehr. Vielleicht hat sie auch noch etwas eingekauft. Jedenfalls war es bereits dunkel, als sie die Traidersbergstraße hinaufgefahren ist. Es muss in dieser Oktoberwoche gewesen sein, als es plötzlich so kalt geworden ist.“
Die Mädchen hielten den Atem an.
„In der Kurve im Wald, bevor man zur Abzweigung in Richtung Uhlenstein-Villa abbiegt, hat sich Glatteis gebildet. Der Wagen ist wohl ins Schleudern geraten. Ich glaube, er hat sich beim Sturz über die Böschung ein paarmal überschlagen. Frau Uhlenstein wurde schwer verletzt geborgen. Sie und Christian wurden ins Kreiskrankenhaus gebracht.“
„Wenn Glatteis herrschte, warum gibt Gernot Uhlenstein Christians Mutter die Schuld an dem Unfall?“, bohrte Kathrin, doch Tanja hob nur die Schultern.
Zudem rief die Schulglocke die Mädchen auf ihre Plätze zurück, der Englischunterricht begann.
***
Als Kathrin gegen fünfzehn Uhr aus dem Schulbus stieg und das kurze Wegstück zum elterlichen Reiterhof entlangging, musste sie immer noch an Christian und seine Mutter denken. Die Reportage über den kranken Jungen und Tanjas Bericht über dessen Familie hatte sie ziemlich aufgewühlt.
„Hallo, Kathrin.“
Sie hatte das Wohnhaus fast erreicht, als ihr Sonja Lohhaus zuwinkte. Die fünfundzwanzigjährige Physiotherapeutin arbeitete erst seit ein paar Tagen hier auf dem Hof. Und heute sah Kathrin zum ersten Mal ein Mädchen, das etwa so alt sein mochte wie sie selbst, auf dem Rücken des gutmütigen Islandponys Gretel sitzen. Ein Mädchen, mit einem deutlich erkennbaren Downsyndrom, doch mit einem so glücklichen Gesichtsausdruck, dass es Kathrin sofort auffiel. Und nun kam ihr wieder in den Sinn, dass der Vati ihr am Vortag beim Abendessen erzählt hatte, der erste Patient würde heute erwartet.
Sie winkte Sonja und dem Mädchen zu, war aber bereits wieder tief in ihre Gedanken versunken. Schlagartig erinnerte sie sich an die Gespräche, die ihr Vater in den kürzlich zu Ende gegangenen Ferien mit verschiedenen Leuten geführt hatte, bei denen auch sie öfter dabei gewesen war. Von „Reittherapie“ war da die Rede gewesen, von Behinderten, denen man helfen könne, indem man ihnen den Umgang mit Pferden ermöglichte. Deshalb hatte er auch Sonja Lohhaus eingestellt. Kathrin schlug sich vor die Stirn. Warum hatte sie nicht gleich daran gedacht? Sie musste sofort mit ihrem Vati reden!
Hubert Schnedlitz saß am Tisch in der geräumigen Küche des schönen Wohnhauses. Zu Lebzeiten seiner Frau hatte sich die kleine Familie hier zu den Mahlzeiten versammelt, doch seit dort nur noch die langjährige Haushälterin Anna Landauer werkelte, zog er es vor, alle Hauptmahlzeiten nebenan in der Stube einzunehmen. Den Nachmittagskaffee trank er allerdings immer noch hier. Hier erwartete er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, sein „Dirnderl“, wie er Kathrin bei sich zärtlich nannte, wenn sie aus der Schule kam.
„Vati“, rief Kathrin hitzig, schmetterte ihren Schulrucksack achtlos in die Ecke und sprach weiter. „Wir bieten doch jetzt Reittherapien an. Dazu wurde Sonja Lohhaus eingestellt, stimmt’s? Und wenn es anderen behinderten Kindern hilft, ein bisserl zu reiten oder Pferde zu streicheln, dann könnte das ja auch Christian Uhlenstein helfen, oder?“ Kreisrunde Flecken glühten vor Aufregung auf ihren Wangen, erwartungsvoll sah sie ihren Vater an.
Hubert lächelte. Er hatte nicht mehr an den Bericht gedacht, den Kathrin ihm beim Frühstück gezeigt hatte, doch er wusste sofort wieder, was sie meinte.
