Thaleias Schwur - Simone Lilly - E-Book

Thaleias Schwur E-Book

Simone Lilly

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Beschreibung

Verwundet, gezeichnet vom Krieg und bereit zu sterben, sucht ein Feldherr Zuflucht an einem Ort, den er niemals hätte betreten dürfen: im Tempel der Athene. Als die junge Priesterin Thaleia ihn in der Nacht entdeckt, steht sie vor einer unmöglichen Entscheidung – Alarm schlagen oder helfen. Sie entscheidet sich für Mitgefühl. Versteckt in ihrer kleinen Kammer, leben beide wochenlang in ständiger Gefahr. Während Thaleia tagsüber ihren Pflichten nachkommt, ringt Lysandros mit Schuld und Verlust: Er ist einer der wenigen Überlebenden eines vernichtenden Feldzugs und glaubt, sein Heer im Stich gelassen zu haben. In leisen Gesprächen wächst zwischen ihnen eine Nähe, die nicht sein darf – und doch unausweichlich ist.

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MOBI

Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Simone Lilly

Thaleias Schwur

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Erstes Kapitel – Im Schatten des Tempels

Zweites Kapitel – Erwachen

Drittes Kapitel – Heimkehr

Viertes Kapitel – Der heimliche Weg

Impressum neobooks

Erstes Kapitel – Im Schatten des Tempels

Die Nacht lag schwer über dem Tal. Ein dünner Sichelmond hing wie ein gesprungener Schild über den Bergen, und die Zikaden hatten ihr Lied längst verstummen lassen. Nur das ferne Rauschen des Meeres drang noch herauf, ein ewiges Flüstern, das an den Mauern des Tempels brach wie an einer Klippe.Thaleia schlief unruhig in ihrer Kammer, wie so oft, wenn der Wind durch die Olivenhaine strich und die Öllampen draußen flackerten. Ein Laut ließ sie aufschrecken. Zuerst glaubte sie, es sei nur ein Stein, der sich gelöst hatte. Doch dann hörte sie ein Scharren, ein schweres Atmen, das näherkam, unregelmäßig, als ringe jemand mit dem eigenen Körper um jeden Schritt.Leise erhob sie sich, zog ihr weißes Gewand enger um die Schultern und trat hinaus in den Vorhof. Der Tempel lag still im Schein der Fackeln, die in eisernen Haltern brannten. Da sah sie ihn.Ein Mann schleppte sich über die steinernen Stufen. Er stützte sich auf einen Speer, als sei er nichts als ein Krückstock, und jeder Atemzug schien ihm ein Kampf. Seine Rüstung war zerschlagen, der Brustpanzer von Blut durchtränkt. In der Dämmerung zwischen Fackelschein und Schatten schien er mehr Gestalt als Mensch – ein Gespenst aus einer anderen Welt, geboren aus Krieg und Leid.Thaleia erstarrte im Halbdunkel des Säulengangs. Ihr Herz pochte laut in den Ohren, doch sie wagte keinen Laut. Sie sah, wie er taumelnd die letzten Stufen nahm und im Inneren des Tempels verschwand, als suche er Zuflucht nicht bei Menschen, sondern bei den Göttern selbst.Ihre Finger krallten sich in den kühlen Stein der Säule. Ein Krieger. Verwundet. Verloren.Und er war nun in ihrem Heiligtum, wo kein fremder Mann weilen durfte.Thaleia atmete tief ein. Alles in ihr schrie, sich abzuwenden, die Älteren zu rufen, doch eine andere Kraft, stärker als Furcht, hielt sie zurück: Neugier. Vielleicht auch Mitleid. Oder etwas, das sie noch nicht benennen konnte.Leise, auf nackten Füßen, glitt sie über die Steine und folgte der blutigen Spur, die er hinterlassen hatte.

Thaleias Schritte hallten kaum hörbar zwischen den hohen Säulen wider. Die Flammen der Öllampen warfen lange Schatten über den weißen Marmor, und die geschnitzten Reliefs an den Wänden wirkten im flackernden Licht wie lebendige Figuren. Der Krieger schien vom Willen getrieben, tiefer in das Heiligtum vorzudringen, dorthin, wo der Boden aus schwarzem Stein lag und nur die Priesterinnen Zutritt hatten.Die Spur von Blutstropfen führte sie durch den Vorhof, vorbei an der Statue der Göttin, deren Augen im Schein der Fackeln wie aus Gold glühten. Schließlich entdeckte sie ihn im Innersten des Tempels.Er lag auf den Stufen des Altars, das Speerende war ihm entglitten, die Finger noch krampfhaft darum gekrallt. Sein Körper war schwer und kraftvoll, doch gebrochen vor Erschöpfung.Thaleia trat vorsichtig näher, und ihr Blick verweilte auf ihm. Er war jung – älter als sie, gewiss, aber kaum in den Jahren eines Greises. Sein Haar, dunkel und von Schweiß verklebt, fiel in wirren Strähnen über die Stirn. Sein Gesicht, selbst im bleichen Schimmer der Lampen, zeigte Züge, wie sie in den Statuen der Helden zu sehen waren: gerade Nase, markantes Kinn, der Mund fest geformt, doch in Ohnmacht weich geworden. Ein Mann, wie ihn Dichter in Epen besingen würden – schön, kraftvoll, von Narben gezeichnet, doch noch jung genug, dass seine Züge unverfälscht von der Zeit geblieben waren.Ihre Augen glitten über den zerschlagenen Brustpanzer, unter dem der Stoff dunkel vom Blut glänzte. Seine Schultern waren breit, der Körper muskulös, der eines Kämpfers, der zu Pferd und zu Fuß gefochten hatte. Und doch wirkte er hier nicht wie ein Held, sondern wie ein Sterblicher, ausgeliefert und schutzlos.Thaleia hielt den Atem an. Ihr Herz schlug schneller, als sie sich niederbeugte, ohne ihn zu berühren.„Was soll ich tun?“, flüsterte sie, kaum hörbar.Sie wusste, dass Männer im Tempel der Göttin keinen Platz hatten, schon gar nicht Fremde in Waffen. Ihr Gelübde war eindeutig, ihre Pflicht klar. Würde man sie hier bei ihm finden, könnte es ihr das Amt kosten – oder Schlimmeres.Sie schloss die Augen, und für einen Augenblick war sie wieder das Mädchen, das sie noch vor einem Jahr gewesen war: unsicher, zu jung, um wirklich als Priesterin zu gelten. Nur durch die Hand ihrer Familie war sie in den Tempel gekommen, nicht aus eigenem Willen. Noch immer tastete sie nach ihrem Platz, noch immer fürchtete sie, die Älteren könnten sie als schwach entlarven.Und doch war da etwas in ihr, das sie nicht losließ. Mitleid. Neugier. Vielleicht eine Sehnsucht, die sie kaum verstand.Sie kniete sich neben ihn. Seine Brust hob und senkte sich schwer, und jeder Atemzug klang, als koste er ihn Kraft. Ihre Finger schwebten über seiner Haut, ohne ihn zu berühren.Ein Schritt weiter – und sie würde gegen alles verstoßen, wofür sie ihr kurzes Leben lang vorbereitet worden war.Ein Schritt zurück – und sie würde ihn dem Tod überlassen.

Thaleia kniete zögernd neben ihm. Ein warmer Duft aus Eisen und Schweiß hing in der Luft. Ihr Blick fiel auf den Brustpanzer – schwer, zerbeult, von Blut verschmiert.„Wenn ich ihm helfen will,“ murmelte sie halblaut, „muss das Ding runter.“Sie legte die Hände an den Lederriemen, die über seine Schulter liefen. Das Leder war hart, vom Blut verklebt, und ihre Finger zitterten. Sie zog – nichts. Sie zerrte – es rührte sich kaum.„Bei der Göttin,“ flüsterte sie, biss sich auf die Lippe und zupfte unbeholfen an der Schnalle. „Wie kann man nur so viele Riemen und Schnallen an einer Rüstung haben? Hat er sie selbst jemals abgelegt, oder schlief er darin?“Einen Moment lang musste sie kichern, leise und schuldbewusst, so fehl am Platz klang das Geräusch in der ehrwürdigen Halle. Sie schüttelte sofort den Kopf, als wollte sie sich selbst ermahnen, und fuhr fort. Doch je mehr sie zog und drückte, desto mehr glitt ihr das Leder aus den Händen.Sie setzte sich schließlich auf die Knie, strich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und starrte den bewusstlosen Krieger an. „Du machst mir das nicht leicht, Fremder,“ murmelte sie. „Wenn du wieder zu dir kommst, wirst du mir erklären, wie man dich aus dieser eisernen Schale befreit.“Mit neuem Mut beugte sie sich erneut vor, drückte einen Riemen mit beiden Daumen zur Seite und riss schließlich eine der Schnallen auf. Ein dumpfes Klicken hallte durch die Stille. Endlich. Langsam löste sich der Brustpanzer, schwer und kalt, und Thaleia keuchte leise, als sie das Gewicht von seinen Schultern hob.Darunter offenbarte sich das Ausmaß seiner Verletzungen: der Stoff seiner Tunika war durchtränkt von Blut, die Seite unterhalb der Rippen tief aufgerissen, als hätte ihn ein Speer gestreift. Auf seiner Brust zogen sich Kratzer wie von Klingen, manche frisch, andere verheilt.Thaleia hielt die Luft an. Nie zuvor hatte sie den Körper eines Mannes so nah gesehen – schon gar nicht den eines Kriegers, der in seiner Schönheit wie in seiner Verletzlichkeit gleichermaßen erschreckend wirkte. Ihre Wangen wurden heiß, und sie senkte hastig den Blick, als hätte die Göttin selbst sie ertappt.Doch dann starrte sie wieder auf die Wunde. Blut sickerte träge hervor, sein Atem war flach. Der Augenblick der Verlegenheit verging, und es blieb nur die Erkenntnis: Wenn sie jetzt nicht handelte, würde er sterben.„Also gut,“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Ich habe vielleicht keine Erlaubnis – aber vielleicht verzeiht die Göttin, wenn es um Leben geht.“

Thaleia sprang auf, so rasch, dass der Saum ihres Gewands über den Steinboden strich. Ihre nackten Füße trugen sie eilig durch die Hallen des Tempels. Im kleinen Nebenraum fand sie einen Krug mit frischem Wasser, einige Tücher, einen Mörser mit Kräutern, die die Älteren zum Räuchern benutzten, und ein Messer zum Zerkleinern. Hastig raffte sie alles zusammen, so viel sie tragen konnte, und balancierte es zurück durch die Säulenreihen.Ihre Hände zitterten, als sie die Vorräte neben dem Fremden abstellte. „Bei allen Göttern, möge niemand mich dabei erwischen,“ murmelte sie und beugte sich zu ihm, um die Wunde zu reinigen.Doch kaum dass das kühle Tuch seine Haut berührte, zuckte er. Ein rauer Laut entwich seiner Kehle, und plötzlich schnellte seine Hand hervor – kräftig, trotz der Schwäche – und packte ihr Handgelenk.Thaleia keuchte auf, das Tuch glitt ihr aus den Fingern. „Heiliger Tempel!“, entfuhr es ihr, „du lebst ja noch!“Mit einem Ruck richtete er sich halb auf, die Augen weit aufgerissen. Ein wilder Glanz lag in ihnen, als er sich umsah, wie ein Tier, das im Käfig erwacht. Seine Finger verkrampften sich fester um ihr Handgelenk, und für einen Moment dachte sie, er würde sie mit bloßer Kraft zerdrücken.„Wer—“ Seine Stimme war heiser, kaum mehr als ein Krächzen. „Feind…?“„Nein!“, rief Thaleia, doch ihre Stimme kippte in ein erschrockenes Flüstern. „Ich bin keine Feindin, ich bin… nur…“ Sie sah auf das Chaos in ihren Händen: die Tücher, die Schale mit den Kräutern, den Krug. „…eine sehr unbeholfene Heilerin, offenbar.“Er starrte sie an, blinzelte, und für einen Moment schien er sie wirklich zu mustern: ihr loses Haar, die weißen Gewänder, die zu großen Augen, die gerade zwischen Furcht und Trotz hin- und herflackerten. Seine Hand lockerte den Griff.Dann wanderte sein Blick tiefer – und er bemerkte den offenen Panzer neben sich, den halb gelösten Stoff seiner Tunika. Einen flüchtigen Augenblick huschte Verwirrung über sein Gesicht, vielleicht sogar Scham, als er die Situation erfasste.„Was… habt Ihr…?“ Er hob eine Braue, der Rest des Satzes erstarb.Thaleia öffnete den Mund, um etwas zu sagen – vielleicht eine Erklärung, vielleicht einen Vorwurf, vielleicht auch nur ein hilfloses „Nichts von alledem!“ – doch da sank sein Kopf zurück. Der wilde Ausdruck wich aus seinen Augen, und er glitt zurück in die Bewusstlosigkeit.