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Einst war Thyros ein Gott der Nacht und der Flamme – grausam, unersättlich und gefürchtet. Nun ist er verbannt, seiner Macht beraubt und von der Menschheit vergessen. Allein wandelt er in Menschengestalt durch einen verlassenen Tempel, schwach geworden durch das Ausbleiben von Opfergaben. Als die junge Lyra dort Zuflucht sucht, um einer erzwungenen Ehe zu entkommen, begegnet sie einem wortkargen Fremden, der behauptet, ein Gott zu sein. Zunächst glaubt sie ihm nicht. Doch eine schwache Flamme genügt, um Zweifel zu säen – und Nähe entstehen zu lassen. Während sie gemeinsam fliehen, verfolgt von Lyras Verlobtem und beobachtet von einem Gott, der Thyros' Rückkehr fürchtet, wächst zwischen den beiden eine Liebe, die ebenso rettend wie gefährlich ist. Denn Macht kehrt zu Thyros zurück – unkontrollierbar, zerstörerisch und eng verknüpft mit seinen alten Schatten. Als Lyra eine Entscheidung trifft, die sie das Leben kosten könnte, muss Thyros erkennen, was ihn wahrhaft entzündet: nicht Feuer, sondern Liebe. Doch jede Flamme fordert ihren Preis.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Flamme der Nacht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Die Schatten des Tempels
Kapitel 2 – Funken in der Dunkelheit
Kapitel 3 – Das Auge des Himmels
Kapitel 4 – Brot für einen Gott
Impressum neobooks
Die Sonne stand noch hoch am Himmel, doch die Wälder, durch die Lyra streifte, hüllten sie bereits in grünes Dämmerlicht. Sie hatte den Pfad verloren, ohne es recht zu bemerken. Erst als sie über eine Wurzel stolperte und mit einem spöttischen Fluch innehielt, bemerkte sie, wie fremd ihr die Umgebung geworden war.„Natürlich. Ich wollte doch nur den Fluss erreichen – und lande im Nirgendwo. Bravo, Lyra.“Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und blickte sich um.Zwischen den Bäumen erhoben sich plötzlich Steinblöcke, verwittert und von Efeu umschlungen. Der Wald hatte sie fast verschluckt, und doch ragten sie auf wie die Rippen eines uralten Wesens. Neugier vertrieb ihre Ungeduld. Lyra trat näher, strich mit den Fingern über die Reliefs: Flammen, Spiralen, ein Gesicht mit harten, brennenden Augen.„Oh, herrlich. Noch ein Tempel irgendeines grausamen Gottes. Als ob die Welt davon nicht genug hätte.“Ihre Stimme hallte in der Stille, und das Rascheln der Blätter antwortete wie ein belustigtes Flüstern.Sie trat tiefer ein, über Stufen, die zur Hälfte von Erde bedeckt waren. Ein Opferstein stand noch da, mit Rillen, die einst das Blut hinabgeführt hatten. Lyra verzog den Mund.„Und dafür haben Menschen gekniet? Für Steine, die Hunger nach Blut haben?“Ein Windstoß strich durch die Halle. Fast meinte sie, er habe auf ihre Worte reagiert. Der Efeu flatterte, Schatten tanzten über die Wände. Lyra legte die Hände in die Hüften.„Na los, alter Gott, zeig mir doch, dass du noch lebst. Oder bist du zu Staub zerfallen wie dein schöner Tempel?“Da sprach eine Stimme. Tief, dunkel, wie ein Schwelbrand unter der Erde:„Vorsicht, Sterbliche. Manche Namen sollte man nicht mit solcher Leichtfertigkeit verhöhnen.“Lyra fuhr herum. Zwischen zwei Säulen stand ein Mann, hochgewachsen, in ein dunkles Gewand gehüllt, dessen Saum wie von Funken zerfressen wirkte. Sein Haar war schwarz, seine Augen schimmerten bernsteinfarben im Halbdunkel.„Und du bist?“ Sie verschränkte die Arme. „Ein Priester, der hier hockt und mit den Geistern redet?“Ein kurzes Aufblitzen von Zorn huschte über sein Gesicht, ehe es in ein kühles Lächeln überging.„Priester? Nein. Die Priester dienten mir. Sie haben meine Flammen genährt, meine Nächte mit Gesängen gefüllt. Sie knieten vor mir, bis ihre Stirnen bluteten. Ich bin Thyros.“Lyra lachte trocken auf.„Natürlich bist du das. Und ich bin die Königin von Athen. Sag, Thyros – Gott der Schmeichelei? Oder der großspurigen Fremden?“Er trat näher, und für einen Augenblick flackerte das Licht um ihn, als sei die Luft selbst von Glut durchzogen. „Gott der Nacht und der Flamme,“ sagte er mit jener Ruhe, die mehr drohte als lautes Donnern. „Vergessen, verstoßen, aber nicht tot. Und du wagst, in meinem Tempel zu spotten.“Lyra hob das Kinn.„Es ist eine Ruine. Dein Tempel ist ein Zuhause für Eidechsen und Spinnen. Wenn du wirklich ein Gott bist, dann bist du ein armseliger.“Er wollte antworten, doch seine Worte brachen ab. Denn anstatt ihn zu fürchten, stand sie da – hell, schön und aufrecht, das Sonnenlicht im Haar – und sah ihn an, als wäre er nichts weiter als ein Mann, der sich in alte Kleider hüllte.Zum ersten Mal seit Jahrhunderten, so schien es, zögerte Thyros.Lyra trat an den Opferstein, legte die Hand auf die kalte Rille und lächelte spöttisch.„Weißt du was? Vielleicht erzählst du mir deine große, tragische Geschichte. Ich höre gern Märchen, auch wenn ich nicht an sie glaube.“Etwas in seinen Augen flackerte – Zorn, Stolz, und ein winziger Funken, der an lange verschüttete Sehnsucht erinnerte.„Vielleicht wirst du glauben, ehe die Sonne wieder sinkt,“ sagte er leise. „Denn selbst die schönsten Fremden sollten die Dunkelheit nicht unterschätzen.“Lyra grinste. „Dann beeil dich. Ich habe nicht ewig Zeit.“Und so begann, in einer verfallenen Halle, zwischen Flammen, die längst erloschen schienen, das erste Gespräch zwischen der Ungläubigen und dem Vergessenen.
Die Sonne war gesunken, und der verfallene Tempel lag in blauem Zwielicht. Durch die Ritzen im Gestein drang der Wind, und die Schatten tanzten wie schwarze Flammen an den Mauern. Lyra hatte es sich auf den Stufen des Altars bequem gemacht, die Arme locker um die Knie geschlungen. Ihr Blick lag auf dem Fremden – oder dem „Gott“, wie er sich genannt hatte.„Also gut, Thyros,“ begann sie, und ihr Ton war halb spöttisch, halb neugierig. „Erzähl mir deine große, tragische Heldensaga. Wer weiß, vielleicht glaube ich dir sogar einen winzigen Funken.“Er stand vor den zerbrochenen Säulen, sein Gesicht im Halbdunkel. Für einen Moment schwieg er, als koste er die Aufmerksamkeit aus. Dann hob er die Hand. Eine Glut flackerte in seiner offenen Handfläche auf – nicht größer als das Leuchten einer Kerze, aber sie brannte, ohne Holz, ohne Öl.Lyra blinzelte. Dann grinste sie. „Ein netter Trick. Vielleicht sollte ich dich an eine Schauspieltruppe empfehlen. Sie zahlen bestimmt gut für so ein Kunststück.“Seine Augen blitzten auf. „Dies ist kein Trick, Sterbliche. Einst war ich die Flamme, die die Nacht erhellte. Die Menschen riefen meinen Namen, wenn sie Trost in der Dunkelheit suchten – und zitterten zugleich, wenn ich kam. Denn die Flamme spendet Wärme, doch sie verzehrt auch.“Er schloss die Hand, und das Licht erlosch. Seine Stimme wurde tiefer, fast zu einem Grollen.„Sie knieten hier, an diesem Stein. Sie sangen, bis ihre Stimmen brachen. Ich verlangte Opfer – Blut, Wein, Tränen. Und ich nahm sie, weil ich konnte. Die Nacht hüllte mich, die Flamme war mein Atem. Ich war Schrecken und Hoffnung zugleich.“Lyra legte den Kopf schief. „Also, wenn du dir die Menschen gefügig machen wolltest – Glückwunsch, das klingt überzeugend. Aber ehrlich gesagt: Es klingt auch ziemlich… narzisstisch.“ Sie lächelte schief. „Du bist sicher, dass du kein König warst, der sich als Gott aufspielte?“Ein Schatten von Zorn zuckte über sein Gesicht, doch dann schien er sich zurückzunehmen. Er trat näher, und seine Stimme senkte sich zu einem fast intimen Ton:„Die Menschen wandten sich ab. Sie nannten mich grausam. Sie vergaßen, dass sie ohne mich im Dunkeln erfroren wären. Und so schwanden ihre Opfer, ihre Gesänge. Andere Götter traten hervor – und einer, der sich mein Bruder nannte, stürzte mich. Erythros. Er fürchtete, dass meine Nacht zu groß würde, meine Flamme zu gierig. So band er mich an die Erde, entriss mir die Unsterblichkeit, bis ich zwischen Sein und Nichtsein wandeln musste.“Lyra sah ihn lange an, ihre Augen glänzten im Zwielicht.Dann lachte sie leise. „Das ist wirklich gut. Tragisch, ein bisschen melodramatisch – aber gut. Ich könnte mir vorstellen, dass die Leute damals so etwas geglaubt haben.“„Es ist kein Märchen.“ Seine Stimme vibrierte, und für einen Augenblick war es, als würde der Tempel selbst aufhorchen.Lyra schüttelte den Kopf, noch immer lächelnd. „Natürlich nicht. Und ich bin die Göttin des Weins, wenn’s recht ist. Aber –“ sie streckte sich zurück auf die Stufen, die Hände hinter dem Kopf, „– weißt du, was ich mag? Du bist ein verdammt guter Geschichtenerzähler. Ein bisschen dunkel, ein bisschen schön. Und wenn du nicht so todernst wärst, wärst du vielleicht sogar charmant.“Thyros schwieg. Er hätte wütend sein können, doch etwas an ihrem Spott entwaffnete ihn. Niemand hatte seit Jahrhunderten gewagt, ihn so anzusprechen – und noch nie hatte ihn jemand so angelächelt.„Vielleicht,“ murmelte er schließlich, „wirst du eines Tages die Wahrheit sehen. Und dann wirst du keine Witze mehr machen.“Lyra schloss die Augen, als wolle sie ihn absichtlich reizen. „Vielleicht. Aber bis dahin amüsiere ich mich köstlich.“Die Nacht senkte sich endgültig über den Tempel, und inmitten der zerbrochenen Steine, der alten Opfermale und der schweigenden Götterbilder begann ein Gespräch, das sich wie Glut in die Dunkelheit brannte.
Die Nacht spannte ihr dunkles Tuch über das Land. Tief unten, zwischen den zerschlagenen Mauern seines Tempels, saß Thyros mit der Fremden und sprach Worte, die seit Jahrhunderten nicht mehr über seine Lippen gekommen waren.Hoch oben aber, jenseits des Sterblichen Blicks, horchte jemand.Erythros stand am Rand einer Steilklippe, wo das Meer donnernd gegen den Fels schlug. Sein Gewand war purpurn, als sei es im Blut selbst gefärbt, und seine Augen funkelten wie glühende Eisen im Feuer. Neben ihm hockte ein schwarzer Rabe. Der Vogel schüttelte die Schwingen, stieß einen Schrei aus, der klang, als würde die Nacht selbst zerreißen, und starrte hinunter in die Ferne.„Zeig mir,“ befahl Erythros, und der Vogel erhob sich.Die Flügel peitschten durch den Himmel, und die Welt unter ihm öffnete sich: Wälder, Berge, Täler, bis der Rabe über die verfallenen Hallen glitt, die einst Thyros’ Reich gewesen waren. Dort, zwischen den zerbrochenen Säulen, erblickte er, was sein Herr gefürchtet hatte: den Gefallenen Gott – und eine Frau an seiner Seite.Der Rabe krächzte, und die Vision sprang in Erythros’ Augen wie ein Funken, der auf trockenen Boden fällt.„So ist es also,“ murmelte er. „Der Vergessene erhebt wieder die Stimme. Und eine Sterbliche hört ihm zu.“Er ballte die Faust, und der Wind um ihn herum schien den Himmel selbst zu verkrampfen.„Schon einmal hat sein Feuer beinahe die Nacht verschlungen. Ich habe ihn gebannt, ich habe ihn gebrochen. Aber wenn er durch sie zurückkehrt, wird die Ordnung zerfallen, die ich den Göttern mühsam auferlegt habe.“Der Rabe landete wieder auf seiner Schulter, hackte sanft in den Stoff seines Mantels, als wolle er ihn zur Eile mahnen.Erythros’ Mund verzog sich zu einem kalten Lächeln. „Dann soll er glauben, er könne lieben. Dann soll er sich wärmen an ihrer Schönheit. Doch ich werde wachen, wie das Eisen über die Glut wacht. Und sollte sein Feuer sich wieder erheben – ich werde es zertreten, ehe es den Himmel erreicht.“Er hob den Blick zum Firmament. Über den Sternen flackerte ein rotes Leuchten, schwach, aber unheilvoll. Es war sein Zeichen – ein Brandmal am Himmel, das den anderen Göttern verkündete:Erythros hatte etwas gesehen, das nicht hätte geschehen dürfen.Und er würde handeln. Bald.
Am nächsten Morgen wanderte Lyra denselben Pfad zurück, den sie gestern verlassen hatte. Eigentlich hätte sie weiterziehen sollen – der Fluss, die Stadt, die Welt riefen. Doch etwas in ihr drängte zurück in die Ruine. Vielleicht war es Neugier. Vielleicht das Lächeln, das sie gestern so unerwartet auf seinen Lippen gesehen hatte. Oder vielleicht, weil es eine seltsame Genugtuung war, einem angeblichen Gott zu widersprechen und ihn dabei lebendig wirken zu sehen.Sie balancierte einen kleinen Korb auf der Hüfte, den sie am Rand eines Dorfes mitgenommen hatte: Brot, Oliven, ein Stück Käse.Als sie die zerbrochenen Stufen des Tempels erklomm, war es still. Sie dachte schon, er sei verschwunden. Doch dann entdeckte sie ihn: Thyros, zusammengesunken in einer Nische zwischen zwei Säulen, die Arme um die Knie gelegt, das Haupt gesenkt. Sein Haar fiel ihm ins Gesicht. Für einen Moment wirkte er nicht wie ein Gott, nicht einmal wie ein Fremder von stolzer Herkunft – sondern wie ein erschöpfter Mann, der den Schlaf nicht finden konnte.„Oh, das ist ja eine Überraschung,“ sagte Lyra laut. „Götter schlafen also doch. Ich dachte, ihr schwebt die Nächte über den Wolken und spielt mit Sternen.“Seine Augen öffneten sich sofort, bernsteinfarben, und sie funkelten sie an.„Ich ruhe, Sterbliche. Ruhe ist nicht dasselbe wie Schlaf.“
