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Castle Dunross verhungert im Schatten einer Belagerung. Elara MacLeod, Tochter des Burgherrn, wagt das Unmögliche: Sie schreibt dem Mann, der ihre Mauern umstellt – Sir Alasdair Dunraven, gefürchteter Ritter und Feind. Was als Bitten um eine Waffenruhe beginnt, wird zu einem geheimen Austausch aus Worten, Pfeilen und Nachtbesuchen. Zwischen Nebel und Schnee wächst etwas, das in Kriegszeiten nicht existieren darf: Vertrauen. Zärtlichkeit. Liebe. Doch während die Burg innerlich bröckelt und Verstärkung näher rückt, zieht sich das Netz aus Pflicht, Ehre und Verrat immer enger. Als Elaras Vater sie fortschicken und verheiraten will, bleibt nur eine Chance: Flucht – zwischen den Fronten, mitten hinein in den Sturm. Ein Roman über die Macht der Worte, die Brutalität von Schwüren – und eine Liebe, die den Krieg für einen Augenblick zum Schweigen bringt.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Dunraven
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Die Belagerung von Castle Dunross
Kapitel 2 – Worte aus Stein
Kapitel 3 – Der Segen der Nacht
Impressum neobooks
Der Morgen brach bleiern über den Highlands an. Der Nebel hing schwer über den Tälern, so dicht, dass selbst die Krähen nur als Schatten durch das Grau glitten. Zwischen den Hügeln, wo der Boden sumpfig wurde und das Heidekraut vom Frost gesäumt war, lag das Lager der Engländer – ein Gewirr aus Zelten, Bannern und Rauch. Über allem flatterte das Banner der Dunraven: ein schwarzer Rabe auf silbernem Grund, die Flügel weit ausgebreitet, als wolle er den Himmel selbst herausfordern.Sir Alasdair Dunraven stand auf einer Anhöhe und blickte hinab auf Castle Dunross, das sich in der Ferne aus dem Nebel erhob. Die Burg war alt – älter, als jedes englische Wappen es zu träumen wagte. Ihre Mauern waren rau und schwarz vom Wetter, die Zinnen mit Moos überwachsen, als habe sie selbst beschlossen, Teil des Felsens zu werden. Und doch trotzte sie der Belagerung seit nunmehr drei Wochen.„Sie geben nicht nach,“ murmelte Alasdair, die Augen schmal gegen das fahle Licht gerichtet. Der Wind trug den Klang ferner Hörner zu ihm – dumpf, klagend, wie ein uraltes Gebet.„Die MacLeods sind stur wie Stein,“ erwiderte eine Stimme hinter ihm.Es war Lord Edmund Hawthorne, sein Lehnsherr – ein Mann mit Augen so kalt wie das Eis auf den Mooren. Er ritt näher heran, das Pferd dampfend, die Rüstung frisch poliert, als stünde er in einem Turnier und nicht im Winterkrieg.„Doch der Winter steht auf unserer Seite. Kein Korn wird mehr in ihre Hallen gelangen. Die Mauern können trotzen, aber Hunger… Hunger siegt über Ehre.“Alasdair nickte kaum merklich. Er wusste, dass Hawthorne recht hatte. Und doch – als sein Blick erneut zur Burg wanderte, spürte er etwas, das er nicht recht benennen konnte. Kein Triumph, kein Zorn – eher eine leise Unruhe, als würde etwas dort drinnen ihn anblicken, durch Stein und Nebel hindurch.„Castle Dunross,“ sagte er leise, mehr zu sich selbst. „Man sagt, es sei von alten Händen erbaut – von Männern, die den Göttern näher waren als den Menschen.“Hawthorne lachte rau. „Götter? Es sind nur Steine und Männer, Dunraven. Und beides fällt, wenn der Preis hoch genug ist.“Der Lord wendete sein Pferd, ritt davon, ließ den Geruch von kaltem Eisen und nassem Leder zurück.Alasdair blieb allein. Der Wind trug das Heulen eines Wolfs herüber.Er schloss kurz die Augen.Drei Wochen.Drei Wochen, in denen er die Männer des Nordens hatte sterben sehen.Drei Wochen, in denen er sich fragte, ob dieser Krieg Ehre trug – oder nur Eitelkeit.Die Dunravens hatten seit Generationen der Krone gedient. Sein Vater war in Frankreich gefallen, sein Bruder bei einem Aufstand in Wales. Nur er war geblieben – der pflichtbewusste Sohn, der alles tat, was man von ihm verlangte. Doch mit jedem gefallenen Mann wuchs die Stille in ihm, eine Leere, die kein Sieg zu füllen vermochte.Er zog den Handschuh ab, betrachtete den silbernen Ring an seinem Finger – schlicht, alt, vom Feuer geschwärzt. Der Ring seines Bruders.Er hatte geschworen, den Namen Dunraven reinzuhalten, koste es, was es wolle.Und doch … irgendetwas in ihm flüsterte, dass der Preis zu hoch war.Gegen Mittag färbte sich der Himmel grau und schwer. Nebel legte sich über das Tal wie ein Mantel, und von der Burg her erklang das dumpfe Schlagen einer Glocke – tief, getragen, wie der Atem eines Ungeheuers.„Eine Warnung,“ sagte sein Hauptmann Duncan, der neben ihm stand. „Oder ein Gebet.“Alasdair lächelte schwach. „Vielleicht beides.“Dann geschah es: Auf den Zinnen der Burg bewegte sich etwas.Eine Gestalt, in einen dunklen Umhang gehüllt, trat an den Rand der Mauer. Der Wind spielte mit dem Stoff, und für einen Herzschlag lang sah Alasdair ihr Gesicht – blass, von goldenem Licht umrahmt, wie das letzte Sonnenfragment in all dem Grau.Kein Soldat. Keine Kriegerin.Eine Frau.Sie stand da, unbewegt, und blickte hinab ins Tal, wo die Banner der Engländer wie tote Vögel flatterten.Und Alasdair – der schon so viele Belagerungen gesehen hatte, so viele Städte fallen sah – spürte plötzlich, wie sich die Welt für einen Atemzug anhielt.Er wusste nicht, wer sie war.Aber irgendetwas an dieser Silhouette, an dieser stillen Kraft, ließ ihn glauben, dass sie nicht zufällig dort stand.„Mein Herr?“ Duncans Stimme holte ihn zurück.„Nichts,“ murmelte Alasdair und wandte sich ab. „Nur ein Schatten auf der Mauer.“Doch als er ging, wagte er einen letzten Blick zurück – und der Schatten war noch immer da.Ein leises, unerklärliches Ziehen begann in seiner Brust, so sanft wie ein Windhauch – und doch schneidend wie eine Klinge.
Der Tag verging, als wäre er aus grauem Tuch gewoben.Kein Wind, kein Laut, nur das entfernte Knarren der Belagerungsmaschinen und das gedämpfte Stampfen von Pferdehufen. Über den Hügeln lag ein Schweigen, das schwerer wog als jedes Schlachtgetöse.Sir Alasdair Dunraven ritt langsam über das nasse Gras. Unter ihm dampfte sein Wallach, und mit jedem Schritt sog das Tier sich tiefer in den weichen Boden. Vor ihm erhob sich die schwarze Mauer von Castle Dunross – hoch, unnachgiebig, als sei sie aus einem Stück Nacht gehauen.Seine Männer hatten den Schildwall vorgeschoben.Hinter ihm flatterten Banner, schlaff vom Nebel, die Farben kaum mehr zu erkennen.Und über allem – das Tor der Burg, wie ein dunkles Maul, verschlossen, schweigend.Bis plötzlich eine Stimme über die Zinnen hallte.Tief, rau, getragen von Zorn.„Englischer Bastard! Wagst du es, mit Feuer und Eisen vor die Hallen der MacLeods zu treten?“Das Echo rollte über das Tal.Alasdair hob den Kopf. Oben, auf dem Wehrgang, stand ein Mann in Kettenpanzer und Pelz, hochgewachsen, mit grauem Bart und Augen wie Schiefer. Lord Fergus MacLeod. Der Herr der Burg.Alasdair zog die Zügel an, nickte knapp.„Ich wage es, weil Ihr die Krone verraten habt, MacLeod. Ihr habt gegen den König von England die Hand erhoben, gegen den Eid, den Ihr vor Gott selbst geschworen habt.“„Eide?“ Fergus’ Stimme war ein Donnern. „Welcher Eid bindet einen Mann an einen Tyrannen? Ich diene keinem König, der meine Ländereien plündert und meine Leute hungern lässt!“Die Männer an den Mauern riefen zustimmend, ein Chor aus Wut und Stolz.Alasdair ließ sie reden. Er hatte gelernt, dass Männer, die schreien, noch Hoffnung haben. Es waren die Stillen, die gefährlich wurden.„Ihr habt drei Wochen gehabt, MacLeod,“ rief er schließlich. „Drei Wochen, um Euch zu ergeben. Eure Vorräte schwinden. Euer Volk wird sterben. Öffnet die Tore, und ich schwöre Euch, niemand wird Euch schänden. Ihr behaltet Euer Leben, Eure Ehre, Euer Blut.“Ein kurzes Schweigen.Dann kam die Antwort – wie ein Pfeil, der das Herz traf.„Ich tausche keine Ehre gegen Gnade, Engländer. Und ich verhandle nicht mit einem Mann, der für Silber und Ruhm kämpft!“Ein Murmeln ging durch Alasdairs Männer.Er selbst blieb still.Dann rief er – ruhig, aber mit einem Unterton, der gefährlicher war als jeder Schrei:„Ich kämpfe nicht für Silber, Herr von Dunross. Ich kämpfe, weil mein Eid es verlangt. Wenn Ihr mich einen Feigling nennt – dann nennt Ihr auch meinen Bruder so, der sein Leben in diesem Krieg gelassen hat.“Für einen Augenblick fiel Stille. Selbst der Wind schien zu lauschen.Fergus’ Blick veränderte sich, kaum merklich. Da war kurz etwas wie Mitleid – oder Verständnis – bevor es wieder in Zorn erstickte.„Dann seid Ihr doppelt ein Narr,“ rief er schließlich. „Euer Bruder starb für einen König, der nicht einmal seinen Namen kennt. Und Ihr werdet ihm folgen, Dunraven. In die Erde, die Ihr selbst verbrennt.“Die Tore blieben geschlossen.Die Mauern antworteten mit Schweigen.Nur das Rufen der Krähen hallte über die Felder.Alasdair drehte sein Pferd, langsam, bedächtig.Sein Hauptmann Duncan eilte nebenher, den Helm unter dem Arm.„Mein Herr,“ sagte er leise, „Ihr hättet ihn provozieren können. Wir hätten heute kämpfen können.“Alasdair nickte kaum. „Ich weiß.“„Aber Ihr habt es nicht.“Er schwieg einen Moment, dann:„Manchmal, Duncan, ist ein Wort schwerer als ein Schwert. Und der Tod, den es bringt, dauert länger.“Sie ritten zurück ins Lager. Der Wind hatte gedreht, kam jetzt von Norden, kalt und feucht. Über den Hügeln begann es leicht zu regnen.Alasdair blickte noch einmal zur Burg zurück.Hinter einem der Türme glaubte er Bewegung zu sehen – eine Silhouette, wie schon am Vortag. Ein Umhang im Wind, eine Gestalt, zu weit entfernt, um sie zu erkennen.Vielleicht war es wieder sie.Vielleicht auch nur der Nebel.Doch irgendetwas in ihm sagte, dass Dunross mehr hütete als nur Steine und Männer.Er wandte sich ab.Der Regen wurde stärker, und die Flammen im Lager begannen zu zittern.In der Ferne erklang wieder die Glocke.Dreimal.Langsam.Wie ein Herzschlag in der Dunkelheit.
Der Regen hatte sich in der Nacht gelegt, doch der Nebel blieb.Er kroch wie lebendig zwischen den Zelten, dämpfte jeden Laut, verschluckte das Klirren der Rüstungen und den Atem der Pferde. In dieser unheimlichen Stille wirkte das Lager wie eine Stadt aus Schatten.Sir Alasdair Dunraven saß am Feuer, die Hände um einen Becher Wein geschlossen, den er kaum trank. Vor ihm glomm das Holz mattrot, Funken stiegen auf und erloschen sofort in der feuchten Luft.Duncan, sein junger Hauptmann, stand wenige Schritte entfernt, die Schultern gestrafft, als hätte er eine Nachricht, die er nicht gern überbrachte.„Nun sprich, Junge,“ sagte Alasdair ohne aufzublicken. „Du trittst herum wie ein Mönch mit schlechtem Gewissen.“Duncan räusperte sich. „Die Späher sind zurück, mein Herr.“„Und?“„Einer von ihnen ist verletzt. Ein Pfeil, nichts Tödliches. Aber …“ Er zögerte.„Aber?“„Er sagt, er habe etwas gesehen. Oder jemand.“Alasdair hob den Blick, die grauen Augen ruhig. „Im Nebel?“Duncan nickte. „Ja, mein Herr. Auf der Mauer der Burg. Eine Frau. Sie sei hinausgetreten, als er und die anderen sich im Schatten hielten. Und sie habe … gesprochen.“„Gesprochen?“„Gebetet, meint er. Oder gesungen. Und er schwört, sie habe die Verwundeten gesegnet, die unter der Mauer lagen.“Einen Moment lang war nur das Prasseln des Feuers zu hören.Dann stieß Alasdair ein kurzes, trockenes Lachen aus.„Gesegnet? Bei Gott, Duncan, seit wann heilt Gesang gebrochene Knochen?“„Er meinte, sie sei keine Ordensfrau, mein Herr. Zu jung, zu—“„Zu was?“„Zu stolz, sagte er. Kein Mitleid in ihrem Gesicht. Nur … Ernst.“Alasdair lehnte sich zurück, das Kettenhemd leise klingend.„Die Menschen sehen, was sie sehen wollen,“ sagte er. „Ein Mann, der im Nebel zu lange auf eine Mauer starrt, sieht Gespenster. Eine Frau, die Verwundete segnet? Vielleicht die Tochter des Burgherren, die sich als Heilige aufspielt, um Mut zu machen.“Er sprach ruhig, fast gleichgültig. Doch innerlich hallte das Bild nach:Eine Frau auf der Mauer, die in der Nacht sprach.Nicht betete, nicht flehte – sprach.„Und der Verwundete?“ fragte er schließlich.„Er schläft. Der Pfeil war sauber. Ich habe ihn zum Feldarzt bringen lassen.“„Gut. Morgen sollen die Männer den Wall verstärken. Und du, Duncan …“„Ja, mein Herr?“„Halt dich von Geschichten fern. Wenn sich herumsprechen sollte, dass eine Frau mit Worten Wunden heilt, laufen mir die Männer noch davon, um sie zu hören.“Duncan grinste verhalten. „Manche würden wohl gehen, um sie nur zu sehen.“Alasdair erwiderte das Lächeln nicht. Er blickte in die Glut, als könnte er darin den Umriss einer Gestalt erkennen.Eine Frau, jung, stolz, inmitten von Krieg und Hunger.Welche Torheit, dachte er.Und doch – warum ließ ihn der Gedanke nicht los?Er erhob sich schließlich, trat hinaus in die feuchte Nacht. Der Nebel schmeckte nach Asche und Regen.Über den Hügeln glomm schwach das Licht der Burg. Keine Bewegung war zu erkennen. Nur einmal glaubte er, einen leisen Klang zu hören – wie fernes Singen, kaum mehr als Wind im Stein.Er blieb stehen, lauschte.Dann schüttelte er den Kopf.„Verrückt,“ murmelte er. „Völlig verrückt.“Aber er schlief in dieser Nacht nicht.
Kapitel 4 – Die Stimme im NebelDie Nacht war mondlos.Ein nasser, schwerer Wind zog über das Lager, ließ die Zeltplanen flattern und die Flammen flackern. Die Männer schliefen unruhig, einer neben dem anderen, die Gesichter müde, die Hände noch um Schwerter gekrampft, als könnten sie im Schlaf angegriffen werden.Doch Sir Alasdair Dunraven lag wach.Das Geräusch des Regens gegen das Zelt war wie das Ticken einer Uhr, die nicht aufhören wollte. Er hatte die Rüstung abgelegt, das Hemd lose über den Schultern, die Finger vom Leder der Handschuhe wund. Neben ihm lag ein kleines, abgenutztes Buch — sein Tagebuch. Kein Soldat hätte gewagt zu sagen, dass ein Ritter schreibt. Doch Alasdair schrieb seit Jahren.Weil Worte leiser töten konnten als Stahl.Er zündete die Kerze neu an. Das Licht zitterte, warf Schatten über die Zelthaut.Die Feder kratzte über das Pergament.„Ich habe ihn wieder gesehen — den Nebel, der sich über die Mauern legt wie eine Hand. Und wieder frage ich mich, wessen Hand das ist. Gott? Oder etwas anderes?Ich kämpfe in einem Krieg, den keiner mehr versteht. Wir nennen es Ehre, doch es schmeckt nach Rost. Man sagt, Ehre sei das Licht eines Mannes — aber was, wenn das Licht nur blendet?“Er hielt inne, rieb sich über die Stirn. Die Müdigkeit brannte hinter seinen Augen, aber der Schlaf kam nicht. Stattdessen dieses Summen im Ohr — leise, kaum merklich, als würde der Wind selbst Worte tragen.Er legte die Feder nieder, lauschte.Da war es wieder.Ein Laut. Zart, aber klar. Kein Wind, kein Tier. Eine Stimme.Fern, so fern, dass sie eher durch die Luft glitt als durch den Raum.Eine Frau sang.Die Melodie war einfach, doch alt — eine Folge von Tönen, die nicht geschaffen schienen, um gehört, sondern um erinnert zu werden.Er verstand die Worte nicht, nur Fetzen: bràthair… gràdh… dùthaich…Gälisch. Die Sprache derer, die er belagerte.Er erhob sich, trat hinaus in die Nacht. Der Nebel hatte sich gesenkt, lag dicht über dem Boden. Der Mond war hinter Wolken verborgen. Nur fern, über den Hügeln, glomm das Licht der Burg. Und aus jener Richtung kam die Stimme.Ein Lied über Abschied, über Tod, über Liebe – das konnte er fühlen, auch ohne die Worte zu begreifen.Sie sang, als würde sie die Toten der Nacht wiegen.Seine Männer schliefen. Nur er stand da, im Regen, und lauschte.Der Klang war so weich, dass man hätte glauben können, die Erde selbst singe.Er wusste nicht, warum ihn das Lied traf.Vielleicht, weil es so frei klang – und doch voller Schmerz.Vielleicht, weil er zum ersten Mal seit Wochen etwas hörte, das nicht von Menschen gemacht war, die töten wollten.Er atmete tief.„Wer immer du bist,“ flüsterte er in die Dunkelheit, „du singst, als gehörte dir die Nacht.“Der Wind trug die Worte fort.Die Stimme verklang.Und für einen Augenblick fühlte er sich, als hätte jemand von jenseits der Mauern geantwortet – nicht mit Sprache, sondern mit Schweigen.Langsam kehrte er ins Zelt zurück.Das Pergament war noch feucht vom Regen, als er weiter schrieb:„Wenn sie glauben, ein Segen könne heilen, dann mögen sie singen. Vielleicht ist ihr Gesang weniger töricht als unser Stahl.“Dann blies er die Kerze aus.Und als der Schlaf ihn endlich fand, träumte er von einer Frau, die auf den Mauern einer schwarzen Burg stand, während ihr Lied den Nebel teilte.
Kapitel 5 – Die Nacht des ZweifelsDer Tod kam in der dritten Nacht nach dem Lied.Er kam leise, wie Tau, der sich auf kaltes Eisen legt.Das Lager schlief, bis ein Schrei die Dunkelheit durchschnitt – kurz, rau, menschlich. Dann wieder Stille.Alasdair war sofort wach. Er griff nach dem Schwert, trat barfuß hinaus. Der Nebel hing dicht zwischen den Zelten, schwer vom Atem der Männer und vom Rauch der Feuer. Ein paar Soldaten standen beisammen, die Gesichter bleich im flackernden Licht.„Was ist hier geschehen?“ fragte er.Niemand antwortete zuerst. Dann trat Duncan vor, die Stimme leise:„Der Späher, mein Herr. Der, der verwundet war. Wir fanden ihn reglos.“Alasdair kniete sich neben den Körper, der auf einer Plane lag. Der Mann war jung, kaum älter als Duncan, das Gesicht blass, die Lippen leicht geöffnet, als habe er gerade noch sprechen wollen.Der Pfeil, der ihn vor Tagen getroffen hatte, war längst entfernt, die Wunde versorgt. Kein Fieber, kein Eiter.Und doch – keine Spur von Leben.„Hat ihn jemand gesehen?“„Nein, Herr. Er ist einfach … still geworden.“Alasdair legte die Hand auf die Brust des Toten. Kalt. Kein Blut. Kein Schmerz.„Es war nichts Tödliches,“ murmelte er. „Ich habe selbst gesehen, wie er lachte, noch gestern. Es war nichts.“Da hörte er die Stimmen. Leises Flüstern, kaum merklich. Die Männer standen dicht beieinander, als wollten sie sich gegenseitig Mut zureden.„Sie hat ihn geholt,“ sagte einer.„Ihr Lied, letzte Nacht – ich hab’s gehört. Sie hat ihm den Frieden gesungen.“„Oder den Tod.“Alasdair richtete sich auf.„Was redet ihr da?“ Seine Stimme klang schärfer, als er wollte.„Es war nur ein Lied. Wind auf Stein. Kein Gesang bringt den Tod.“Doch sie senkten die Blicke, mieden seine Augen.Der Glaube war stärker als seine Worte.Er ließ sie stehen und ging ein Stück fort, an den Rand des Lagers. Dort, wo das Gras schwarz war vom Feuer, blieb er stehen.Der Nebel zog über den Boden, fließend wie Wasser.Er lauschte. Kein Laut. Keine Stimme diesmal.Und doch – er spürte etwas. Eine Präsenz, kaum fassbar, als würde jemand hinter ihm stehen, unsichtbar, aber warm.„Aberglaube,“ sagte er halblaut. „Nichts weiter. Die Männer sind abergläubisch, weil sie Angst haben.“Aber selbst während er das sagte, glaubte er es nicht ganz.Am Morgen war der Himmel klar. Die Sonne stieg über den Hügeln auf, schwach, aber golden.Das Lager erwachte langsam. Rauch stieg von den Feuern, Pferde schnaubten.
