Im Abseits - Simone Lilly - E-Book

Im Abseits E-Book

Simone Lilly

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Beschreibung

Oliver Grant hat gelernt, wie man gewinnt: mit Disziplin, Distanz und absoluter Kontrolle. Als Trainer von Kingsfield United steht für ihn nur eines im Mittelpunkt – Erfolg. Jamie Brooks ist das Gegenteil. Kapitän, Ausnahmetalent, unberechenbar. Zwischen ihnen entsteht eine Spannung, die zunächst nur aus Reibung besteht – und dann aus etwas, das keiner von beiden geplant hat. Doch im Profifußball bleibt nichts verborgen. Ein Foto genügt, und aus einem Geheimnis wird ein Skandal. Während Medien, Verein und Öffentlichkeit nach Schuldigen suchen, müssen Oliver und Jamie entscheiden, was schwerer wiegt: Karriere oder Wahrheit, Schutz oder Ehrlichkeit, Angst oder Liebe. Manchmal ist das größte Risiko nicht, alles zu verlieren. Sondern zu erkennen, was man ohne den anderen längst verloren hat.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Simone Lilly

Im Abseits

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Impressum neobooks

Kapitel 1

Der Applaus war höflich, doch zu kurz, um aufrichtig zu wirken.Die Pressehalle von Kingsfield United war bis auf den letzten Platz gefüllt – ein Meer aus Kameras, Blitzlichtern, Stimmen.Überall surrte Technik, das Rascheln von Papier, das Murmeln gespannter Erwartungen.Und inmitten dieses kontrollierten Chaos stand Oliver Grant, der Mann, der zurückkehrte, obwohl er eigentlich nicht mehr wollte.Er war größer, als viele ihn in Erinnerung hatten, aber schmaler geworden, beinahe drahtig.Der dunkelblaue Anzug betonte die Ruhe, die er ausstrahlen wollte, und verbarg kaum die Spuren der Jahre, die zwischen seiner letzten Spielminute und diesem Moment lagen.Ein Schatten zog sich durch sein Gesicht, kaum sichtbar, aber spürbar – die Art von Müdigkeit, die man nur mit sich trägt, wenn man einmal alles verloren hat, was man war.Er setzte sich.Das Banner hinter ihm glitzerte im Licht: Kingsfield United – The Royals.Goldener Löwe auf tiefblauem Grund, stolzes Symbol eines Vereins, der in den letzten Jahren seinen Glanz verloren hatte.Die letzte Saison war ein Fiasko gewesen – Niederlagen, Unruhe, ein Trainer entlassen, ein Vorstand unter Druck, Fans, die den Glauben verloren hatten.Und nun also er.Der gefallene Held.„Mister Grant,“ begann ein Reporter aus der zweiten Reihe, „es ist lange her, seit wir Sie zuletzt auf einer Pressekonferenz gesehen haben. Warum jetzt, warum Kingsfield?“Oliver hob leicht den Kopf.Seine Stimme war ruhig, tiefer als früher. „Weil man nicht ewig davonlaufen kann, was man liebt.“Er wartete kurz, ließ das Murmeln abebben.„Ich habe gelernt, dass man das Spiel nicht einfach hinter sich lässt. Man kann sich abwenden, ja, aber irgendwann findet es dich wieder.“Einige Journalisten nickten, andere schrieben hastig.Er wusste, wie das klang – fast zu ehrlich. Aber er war müde davon, sich zu verstecken.Eine junge Frau mit glänzendem Lippenstift beugte sich vor.„Sie waren einer der elegantesten Spieler Ihrer Zeit. Jetzt stehen Sie an der Seitenlinie. Wie schwer war es, diesen Wechsel zu akzeptieren?“Ein kaum wahrnehmbares Lächeln.„Es ist nicht schwer, wenn man keine Wahl hat,“ sagte er schlicht.„Ich habe meinen letzten Ball gespielt, bevor ich bereit war, Abschied zu nehmen. Aber vielleicht braucht es manchmal Schmerz, um zu verstehen, dass man noch etwas anderes geben kann.“Er ließ die Worte wirken.Die Kameras klickten.Hinter der professionellen Distanz der Reporter lag etwas anderes – Neugier, vielleicht auch die Hoffnung, dass dieser Mann der Richtige sein könnte, um das zerrissene Team wieder aufzubauen.„Was erwarten Sie von Ihrer Mannschaft?“ fragte ein anderer.Oliver verschränkte langsam die Hände.„Ehrlichkeit. Einsatz. Respekt vor dem Spiel. Ich habe keine Geduld für Eitelkeiten. Fußball ist kein Ort für Narzissmus, sondern für Mut.“Ein kurzes Schweigen folgte.Er spürte, wie sich die Energie im Raum verschob – sie hatten etwas anderes erwartet, mehr Pathos vielleicht.Aber Oliver Grant sprach nicht in großen Versprechen. Er hatte gelernt, dass Worte zu leicht sind, wenn man weiß, wie schnell alles bricht.In der zweiten Reihe flüsterte jemand: „Er wirkt kälter als früher.“Er hörte es, ohne hinzusehen.Vielleicht stimmte es. Vielleicht war das der Preis, wenn man einmal alles, was einem wichtig war, in einem Moment verlor.Als die Pressekonferenz sich dem Ende neigte, wurde das Licht in der Halle weicher.Draußen zog der Himmel über London zu, grau und schwer.Oliver beantwortete die letzten Fragen mechanisch – über Taktik, Erwartungen, Transfers.Er sprach über Zahlen, Systeme, Spielweisen, und gleichzeitig hörte er seine eigene Stimme kaum.In seinem Kopf liefen andere Bilder: das Stadion, das Rauschen der Fans, der Moment, als sein Knie nachgab – dieser stechende Schmerz, der Schrei, die Leere.Er erinnerte sich, wie er damals auf der Trage lag, das Geräusch der Sanitäter übertönte alles.Seitdem war es nie mehr still geworden in ihm.Jetzt also Kingsfield United.Ein Verein, der ihn brauchte – oder vielleicht ein Ort, an dem er sich selbst wiederfinden musste.Er wusste es nicht.Als die Reporter ihre Geräte einpackten, blieb er noch sitzen.Der Pressesprecher sagte etwas über einen Fototermin auf dem Spielfeld, doch Oliver hörte kaum zu.Er sah auf das Vereinslogo vor sich – goldener Löwe, blauer Hintergrund – und dachte, dass Stolz und Schmerz manchmal dieselbe Farbe haben.Er erhob sich, langsam, bedacht, das linke Bein etwas steif.Die Fotografen richteten sich auf, als er zur Tür ging, der Blitzregen begann erneut.Er blieb kurz stehen, drehte sich um, nickte knapp.Ein professionelles Lächeln, das niemandem gehörte.Dann verließ er die Halle.Draußen war es stiller.Der Wind trug den Geruch von Regen und Rasen herüber.Er sah über das Stadiondach hinweg auf die grauen Dächer Londons und atmete tief ein.Vielleicht, dachte er, war das hier sein zweiter Anfang.Oder einfach der Nachhall eines Lebens, das er nie ganz loslassen konnte.

Kapitel 2

Der Morgen begann mit Regen, dünn und unentschlossen, wie Londoner Regen nun einmal war.The Crown Arena lag still im Grau, nur ein paar Arbeiter bewegten sich auf den Gängen, trugen Kartons, schoben Reinigungswagen.Der Duft von nassem Beton, Rasen und Metall hing in der Luft – dieser eigentümliche Geruch, den nur Stadien in sich tragen: eine Mischung aus Erwartung, Schweiß und Erinnerung.Oliver Grant schloss den Mantel fester um sich, als er über den leeren Parkplatz ging.Er hatte in diesem Stadion gespielt, damals, in einem anderen Leben. Doch heute gehörte es ihm nicht mehr.Heute gehörte es ihm auf eine andere, schwerere Weise.Im Eingangsbereich erwartete ihn Richard Mallory, der Vorsitzende des Vereins – ein Mann in grauem Anzug, mit einem Lächeln, das wie Glas klang, wenn man es zu fest berührte.„Mister Grant,“ sagte er und reichte ihm die Hand. „Willkommen in Ihrem neuen Zuhause.“Oliver erwiderte den Händedruck, fest, höflich, distanziert.„Ich hoffe, es fühlt sich bald so an.“Mallory lachte, ohne dass seine Augen mitmachten. „Nun, wir alle hoffen das, glauben Sie mir. Kingsfield braucht einen wie Sie – einen Mann mit Geschichte, mit Autorität. Nach dem letzten Jahr …“Er schüttelte den Kopf, als könne er die Erinnerung vertreiben. „Wir mussten etwas ändern. Ein Name wie Ihrer bringt Vertrauen zurück.“Oliver nickte, schwieg.Er hatte gelernt, dass Lob oft nichts anderes war als die Vorstufe eines unausgesprochenen Drucks.„Die Presse ist begeistert,“ fuhr Mallory fort. „Die Fans auch. Aber das hält nicht lange, wenn die Ergebnisse ausbleiben. Wir müssen wieder aufsteigen – sportlich, medial, moralisch. Sie verstehen?“„Ich verstehe,“ sagte Oliver ruhig.„Gut.“Mallory klopfte ihm auf die Schulter, fast kameradschaftlich. „Dann zeigen Sie uns, dass der Name Grant noch Gewicht hat.“Sie gingen gemeinsam durch die Katakomben.An den Wänden hingen Fotos aus vergangenen Zeiten – große Siege, lächelnde Gesichter, jubelnde Spieler in goldblauen Trikots.Oliver blieb kurz vor einem Bild stehen: ein junges Team, Pokal in der Hand, mitten unter ihnen ein blonder Junge mit frechem Grinsen.„Ihr erster Titel mit Kingsfield, nicht wahr?“ fragte Mallory.Oliver nickte.„1999. Halbfinale gegen Everton. Ich habe die Flanke geschlagen.“Mallory lächelte. „Sie erinnern sich an jedes Detail, hm?“„An das Spiel schon. An die Jahre danach weniger.“Sie gingen weiter. Der Flur öffnete sich zur Trainingsanlage – Glasfronten, Blick auf den Rasen, überall Bewegung.Spieler in Trainingskleidung, Stimmen, Bälle, das rhythmische Klatschen gegen den Boden.Oliver blieb stehen.Sein Blick glitt über den Platz, suchte unwillkürlich etwas, das er nicht benennen konnte – vielleicht die Stille, die vor einem Anpfiff herrscht.„Sie können sich hier alles ansehen,“ sagte Mallory. „Die Kabinen, den Fitnessbereich, das Trainerbüro. Ben Harper wartet bereits auf Sie.“Oliver nickte und machte sich auf den Weg.Der Fitnessbereich war hell, modern, steril.Junge Spieler liefen auf Laufbändern, lachten, redeten laut. Keiner nahm ihn sofort wahr.Er blieb am Rand stehen, beobachtete sie – die Energie, das Lachen, das sorglose Spiel mit der Zeit.Er erinnerte sich daran, wie das einmal war: jung sein, unbesiegbar, voller Lärm.„Ollie!“ rief eine Stimme.Er drehte sich um.Ben Harper kam auf ihn zu – groß, breitschultrig, mit einem Lächeln, das ehrlich blieb, auch wenn es müde wirkte.„Verdammt, ich hätte nie gedacht, dich wieder in einem Trainingsanzug zu sehen,“ sagte Ben und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.„Ich selbst auch nicht,“ erwiderte Oliver. „Aber hier bin ich.“„Und mitten im Wahnsinn. Willkommen zurück.“Sie gingen gemeinsam den Korridor entlang, vorbei an Umkleiden und Behandlungsräumen.„Die Jungs sind neugierig,“ sagte Ben. „Einige nervös. Sie wissen, dass du kein Freund von halben Sachen bist.“„Das haben sie also schon gehört?“„Oh, mehr als das. Dein Ruf eilt dir voraus. Disziplin, Struktur, keine Ausreden. Der Vorstand liebt es. Die Spieler eher weniger.“Oliver schmunzelte. „Dann sind wir ja schon ehrlich zueinander.“Ben grinste. „Es gibt aber einen, der glaubt, er weiß alles besser.“„In jeder Mannschaft gibt es einen.“„Ja,“ sagte Ben leise. „Aber dieser hier ist… speziell.“Er sah kurz zu ihm hinüber.„Jamie Brooks. Unser Kapitän. Unser Star. Und unser Problem.“Oliver antwortete nicht sofort.Der Name blieb einen Moment in der Luft hängen, wie ein fremdes Geräusch in einem stillen Raum.„Was ist mit ihm?“„Er ist brillant. Schnell, intuitiv, aggressiv – auf dem Platz ein Naturtalent. Aber schwierig. Reizbar. Hat seine eigene Vorstellung davon, wie man ein Team führt. Der letzte Trainer kam mit ihm nicht klar.“„Und du glaubst, ich werde es?“ fragte Oliver ruhig.Ben lächelte schief. „Wenn einer es kann, dann du. Aber unterschätze ihn nicht. Er hat Charme, Stolz – und zu viele Fans, um ihn einfach zu übergehen.“Oliver nickte langsam.Er kannte den Typ.Er war einmal einer von ihnen gewesen.Am Nachmittag saß Oliver allein im neuen Büro.Der Regen hatte wieder eingesetzt, klopfte sanft gegen die Fensterscheibe.Auf dem Schreibtisch lagen Listen, Spielpläne, Vertragsunterlagen.Er blätterte sie durch, ohne sie wirklich zu lesen.Sein Blick fiel auf ein Foto an der Wand – die Mannschaft der Vorsaison.In der Mitte stand ein Mann mit kurzgeschorenem Haar, das Trikot schweißnass, der Blick direkt in die Kamera.Ein Lächeln, das zu viel wusste.„Jamie Brooks,“ las Oliver leise.Er blieb einen Moment davor stehen.Es war nur ein Name, nur ein Gesicht – und doch etwas daran, das ihn innehalten ließ.Vielleicht war es der Ausdruck in diesen Augen.Diese Mischung aus Hunger und Verletzlichkeit, die er zu gut kannte.Oliver wandte sich ab, setzte sich und starrte auf das leere Spielfeld draußen.Er hatte noch keinen von ihnen getroffen, doch das Gefühl, dass diese Saison anders werden würde, lag bereits schwer im Raum.Wie ein Gewitter, das sich am Horizont aufbaut – langsam, lautlos, unausweichlich.

Kapitel 3

Die Luft im Besprechungsraum war schwer von Erwartung und abgestandener Nervosität.Ein langer Tisch, Plastikstühle, die riechende Klimaanlage – nichts Glanzvolles, nur Funktion.An den Wänden hingen alte Poster, verblasst von der Zeit, daneben das Logo des Vereins in Gold und Blau.Oliver Grant stand am Kopfende des Raumes.Hinter ihm ein Whiteboard, vor ihm zwanzig Spieler, die ihn beobachteten.Manche offen neugierig, andere vorsichtig skeptisch.Er konnte ihre Gesichter noch nicht zuordnen, aber er sah sofort, wer sich in den Mittelpunkt stellte, auch ohne ein Wort zu sagen.Jamie Brooks saß nicht – er lehnte lässig gegen den Tisch, die Arme vor der Brust verschränkt, das Trikot locker übergeworfen, die Haare leicht feucht vom vorherigen Training.Sein Blick war aufmerksam, kühl, fast herausfordernd.Einer dieser Blicke, die einem sofort klarmachen, dass man es hier mit jemandem zu tun hat, der keine Autorität akzeptiert, ohne sie geprüft zu haben.Oliver ließ den Moment wirken, bevor er sprach.Seine Stimme war ruhig, tief, sachlich.„Ich werde keine langen Reden halten,“ begann er. „Ihr kennt eure Statistiken. Ihr kennt eure Fehler. Ich bin nicht hier, um euch zu streicheln. Ich bin hier, um dafür zu sorgen, dass Kingsfield United wieder ein Team ist, das man fürchtet.“Ein Raunen ging durch die Reihe.Oliver ließ es zu. Er wollte die Spannung – sie war ehrlicher als falsche Zustimmung.„Ich erwarte Disziplin,“ fuhr er fort. „Pünktlichkeit. Konzentration. Jeder weiß, was er zu tun hat, und wenn nicht, wird er es lernen. Fehler sind erlaubt. Nachlässigkeit nicht.“Er sah in die Runde.Einige nickten, andere blickten zu Boden.Nur Jamie Brooks hielt stand.Ein Hauch von Spott lag in seinem Gesicht.„Und was ist, wenn wir schon wissen, was wir tun?“ fragte er plötzlich.Die Stimme war ruhig, aber geladen.Der Raum wurde still.Oliver sah ihn an. Kein Zucken, keine Reaktion. Nur dieser kühle, prüfende Blick.„Dann ist es an der Zeit, es zu beweisen,“ sagte er leise.Jamie grinste leicht.„Das sagen sie alle, Coach.“Einige der Spieler lachten unsicher. Ben Harper, der an der Seite stand, warf Oliver einen warnenden Blick zu, aber Oliver reagierte nicht.Er trat einen Schritt näher an den Tisch heran.„Dann hoffe ich, Sie gehören nicht zu denen, die nur reden, Captain.“Ein kurzer, gefährlicher Moment.Jamies Lächeln verschwand.Sie hielten den Blickkontakt – zu lange, um noch höflich zu sein.Dann löste Jamie sich vom Tisch, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sagte:„Ich bin hier, um zu gewinnen. Nicht, um mir alte Geschichten anzuhören.“Oliver nickte langsam.„Dann haben wir ja dasselbe Ziel. Ich hoffe nur, Sie wissen, was es bedeutet.“Ein kurzes Schweigen.Dann ein Nicken, das alles und nichts bedeutete.Ben trat dazwischen, klatschte einmal in die Hände.„Gut, Jungs. Noch ein Training, in fünfzehn Minuten auf dem Platz. Abmarsch.“Die Spieler erhoben sich. Stühle rutschten, Stimmen füllten den Raum.Jamie war der Letzte, der ging.Er blieb kurz in der Tür stehen, sah zurück – nicht lange, nur einen Sekundenbruchteil.Ein Blick, halb Trotz, halb Neugier.Dann verschwand er.Als die Tür hinter ihm zufiel, blieb Oliver einen Moment allein zurück.Er stützte die Hände auf den Tisch und atmete langsam aus.Er kannte diesen Typus: stolz, jung, übervoll von Talent – und Angst, dass all das eines Tages nicht mehr reicht.Er hatte ihn früher oft gesehen. Im Spiegel.Ben kam wieder herein, lehnte sich an den Türrahmen.„Nicht der einfachste Einstieg,“ sagte er.Oliver antwortete trocken: „Ich wollte keine einfachen Spiele. Warum sollte ich einfache Spieler wollen?“Ben grinste. „Ich warne dich trotzdem. Jamie hat die Presse, die Fans, den Vorstand auf seiner Seite. Wenn du ihn gegen dich hast, wird’s ungemütlich.“Oliver sah zum Fenster hinaus, wo der Regen wieder einsetzte.„Er ist nicht mein Problem, Ben. Er ist mein Kapitän.“„Und was, wenn er das anders sieht?“Oliver schwieg.Er wusste keine Antwort – oder wollte keine geben.Am Abend blieb er noch eine Weile im Büro.Das Stadion war leer, die Gänge dunkel. Nur das Summen der Flutlichter drang von draußen herein.Er dachte an die Gesichter im Raum, an den flüchtigen Ausdruck in Jamies Augen – diese Mischung aus Arroganz und Unsicherheit, die er nicht deuten konnte.Er sagte sich, dass es ihm egal war.Dass er gekommen war, um eine Mannschaft zu formen, keine Charakterstudien zu betreiben.Und doch blieb der Gedanke an diesen jungen Mann in ihm haften, wie ein Geräusch, das nicht aufhört, auch wenn man längst schweigt.Er schloss die Augen, atmete tief durch – und wusste, dass das hier schwieriger werden würde, als er gedacht hatte.

Kapitel 4Der Morgen roch nach frischem Rasen und kaltem Metall.Feiner Nebel hing über dem Spielfeld, dämpfte jedes Geräusch, als hielte die Welt kurz den Atem an.Die Flutlichter tauchten den Platz in milchiges Weiß, und über den Lautsprechern knisterte leise Musik, die irgendjemand in der Kabine vergessen hatte auszuschalten.Oliver Grant stand am Spielfeldrand, die Hände in den Taschen seiner Trainingsjacke.Neben ihm Ben Harper, mit Klemmbrett und Pfeife, die in der Morgensonne aufblitzte.Die Spieler versammelten sich in einem Halbkreis.Sie trugen ihre neue Trainingskleidung – dunkelblau mit goldenen Streifen – und sahen aus wie eine Einheit, die noch nicht wusste, ob sie eine sein wollte.Oliver ließ den Blick über sie gleiten.Er erkannte die Mischung aus Müdigkeit und Neugier, die in jeder neuen Saison in den Gesichtern stand.Und er sah, dass sie ihn beobachteten – nicht nur als Trainer, sondern als den Mann, der einmal dort draußen gestanden hatte, wo sie jetzt standen.„Ok,“ sagte er ruhig. „Wir beginnen einfach. Keine großen Worte.“Seine Stimme trug über das Feld, ruhig, kontrolliert.„Ich will sehen, wie ihr denkt. Nicht nur, wie ihr lauft.“Ein kurzes Nicken, dann gab Ben das Zeichen zum Aufwärmen.Laufen, Passen, lockeres Stellungsspiel.Oliver beobachtete still, die Hände verschränkt.Er hatte den Blick eines Mannes, der nicht nur Bewegungen, sondern Muster sah – kleine Pausen, falsche Abstände, zögernde Entscheidungen.Er sagte nichts, nur ab und zu ein knappes Wort, eine kleine Korrektur.„Rücken tiefer, Matthews.“„Schneller denken, nicht schneller laufen, Riley.“„Gut so, Halloran. Genau so.“Es dauerte keine zehn Minuten, bis die Spieler merkten, dass seine Worte trafen – präzise, ohne Spott, aber auch ohne Schonung.Der Respekt wuchs mit jedem Hinweis.In der nächsten Übung ging es um Ballbesitz unter Druck.Zwei Teams, enge Räume, schnelle Entscheidungen.Jamie Brooks war in der Gruppe der Blauen.Er bewegte sich elegant, leichtfüßig, fast tänzerisch – aber zu oft für sich.Oliver sah es sofort.„Brooks!“ rief er. „Schönes Dribbling, aber du hast vier Mitspieler, nicht nur dich selbst.“Jamie bremste abrupt, der Ball glitt ihm über den Rasen.Er sah kurz zu ihm, die Stirn leicht gerunzelt, ein Anflug von Trotz in den Augen.„Manchmal muss einer das Tempo setzen,“ sagte er laut genug, dass alle es hören konnten.Einige der Spieler hielten inne.Ben atmete leise aus.Oliver trat ein paar Schritte nach vorn.„Das stimmt,“ antwortete er ruhig. „Aber wenn der Rest nicht mitkommt, läuft der Kapitän ins Leere.“Ein kurzer, stummer Schlagabtausch mit Blicken.Dann drehte sich Jamie um und spielte weiter – konzentrierter diesmal, weniger egozentrisch.Und besser.Nach ein paar Minuten war die Einheit in vollem Fluss.Die Pässe liefen schneller, das Team bewegte sich wie ein einziger Körper, noch nicht perfekt, aber lebendig.Oliver sah es, nickte unmerklich.Er hatte sie.Noch nicht als Vertrauter – aber als jemand, dem man zuhört.Nach dem Training sammelten sich die Spieler an der Seitenlinie.Sie waren verschwitzt, erschöpft, aber das Lächeln, das einige trugen, war echt.„Gutes Tempo,“ sagte Oliver. „Ihr habt mehr Energie, als die Tabelle vermuten lässt.“Ein kurzes Lachen ging durch die Reihe.Er sah auf die Uhr, dann zu Ben. „Morgen zur selben Zeit. Bringt Hunger mit – nicht Ausreden.“Als die Gruppe auseinanderlief, blieb Jamie kurz stehen, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.Er sah zu Oliver hinüber – kein Spott diesmal, nur ein stiller, prüfender Blick.Dann nickte er knapp, fast unmerklich, bevor er ging.Ben trat neben Oliver.„Sie mögen dich,“ sagte er.Oliver schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber sie hören zu. Das reicht fürs Erste.“„Sogar Brooks?“Oliver schwieg einen Moment.Er dachte an diesen kurzen Blick, an das Nicken, an das unausgesprochene Respektangebot, das in der Luft gehangen hatte.„Vor allem er,“ sagte er schließlich.Später, als der Platz leer war, blieb Oliver noch eine Weile am Rand stehen.Die Sonne brach durch die Wolken, ließ den nassen Rasen glitzern.Er spürte ein Ziehen im Knie, eine leise Erinnerung an all das, was hinter ihm lag.Er wusste, dass es nicht reichen würde, ein guter Trainer zu sein.Hier ging es um mehr – um Vertrauen, um Stolz, um das unsichtbare Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart.Er sah über den Platz, wo Jamie vorhin gestanden hatte, und spürte ein unerklärliches, vorsichtiges Brennen irgendwo tief in sich.Nicht Sympathie. Noch nicht.Aber Neugier.Und das war vielleicht gefährlicher.

Kapitel 5Der Himmel hing tief über London, das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich in den Pfützen auf dem Parkplatz.Das Training war lange vorbei, die Kabinen leer. Nur noch vereinzelte Stimmen hallten aus dem Inneren des Stadions, dumpf, entfernt.Oliver Grant schloss die Autotür auf, atmete einmal durch und spürte, wie sich der vertraute Schmerz im Knie meldete – dieses leise Ziehen, das ihm seit Jahren folgte wie ein Schatten.Er hatte das Gefühl, dass der Tag gelungen war.Die Mannschaft hatte gut reagiert, konzentriert, ehrgeizig.Sogar Brooks hatte gearbeitet, anfangs zynisch, später ernst.Vielleicht, dachte Oliver, würde das alles gar nicht so schwierig werden, wie er befürchtet hatte.Dann sah er das Auto.Sein schwarzer Wagen stand eingezwängt zwischen zwei anderen – einer davon ein silberner Sportwagen, glänzend, neu, maßlos teuer.