Darkest Blackout - Justin C. Skylark - E-Book

Darkest Blackout E-Book

Justin C. Skylark

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6,99 €

Beschreibung

Notgedrungen schlägt Thor Fahlstrøm schlägt den Weg zur Resozialisierung ein. Dylan und Erik unterstützen ihn, so gut sie können. Das Café mit der Galerie wird eröffnet und ein Konzert ist geplant. Sogar Tony – mit Tochter Susan – sowie Carol, kommen nach Norwegen, um dort Urlaub zu machen. Doch nicht jeder ist über Thors Rückkehr erfreut und es kommt zu Ereignissen, die das Feuer schüren …

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Seitenzahl: 641

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Darkest Blackout

Dylan & Thor 6

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Raisa Kanareva – adobe.stock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-430-8

ISBN 978-3-96089-431-5 (epub)

Inhalt:

Thor Fahlstrøm schlägt den Weg zur Resozialisierung gewissenhaft ein. Dylan und Erik unterstützen ihn, so gut sie können. Das Café mit der Galerie wird eröffnet und ein Konzert ist geplant. Sogar Tony – mit Tochter Susan – sowie Carol, kommen nach Norwegen, um dort Urlaub zu machen.

Doch nicht jeder ist über Thors Rückkehr erfreut und es kommt zu Ereignissen, die das Feuer schüren …

Prolog

«Niemand sollte sich mit Thor Fahlstrøm anlegen. Das geht nach hinten los. Habe ich selbst erlebt.» Dylan Perk

Der Wohnzimmertisch war gedeckt und der Kaffee aufgesetzt. Ihn beschlich eine Art von Aufregung vor dem Besuch, der unabdingbar war. Aber im Gegensatz zu ihrem letzten Treffen hatte er sich vorbereitet.

Schließlich fuhr ein Wagen vor. Ja, sie war es: Emma Lund, Thors Bewährungshelferin. Sie war akkurat in einen kurzärmligen Hosenanzug gekleidet. Die Sonne schien und die Temperatur stieg auf über 20 Grad. Dylan schob lästige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Er atmete tief durch, öffnete die Tür und setzte ein Lächeln auf. Emma kam geradewegs auf das Haus zu. Wie gewohnt klemmte eine Akte unter ihrem Arm.

«Hei!», grüßte er, als wären sie beste Freunde. «Takk for sist», bedankte er sich, wie in Norwegen üblich, für ihr letztes Zusammentreffen. «Wundervolles Wetter heute, oder? Wollen wir uns in den Garten setzen?»

Sie blieb auf der Schwelle stehen und sah ihn prüfend an. «Jetzt sag nicht, dass er wieder nicht da ist?»

«Also …» Er geriet ins Straucheln und strich sich unkontrolliert über das Haar. «Die Renovierung in der ehemaligen Kneipe ist voll im Gang. Wir sind wirklich froh, dass er täglich in die Stadt darf.»

Sie zog die Mundwinkel nach unten, stöhnte entnervt, doch enthielt sie sich eines weiteren Kommentars.

«Kaffee ist fertig», berichtete Dylan und zeigte ins Haus, da sie sich nicht dem Garten zuwandte. «Bitte, komm rein. Ich habe Zeit zum Reden.» Er marschierte voran. Sie folgte widerwillig.

«So war es nicht abgemacht. Ich muss mit ihm sprechen.»

Dylan blieb mittig im Raum stehen und rieb die Hände aneinander. «Bitte», flehte er. «Gib ihm noch etwas Zeit.» Er hob die Schultern an. «Thor macht doch, was man von ihm verlangt: Er geht unter Leute, er stellt etwas auf die Beine. Ist doch klar, dass er viel zu tun hat.»

«Er weiß, dass ich komme und trotzdem ist er nicht da», erwiderte sie.

Eine Pause entstand, in der Dylan still nickte. Sie hatte recht. Einmal mehr hatte sie ihr Erscheinen angekündigt und ein weiteres Mal kümmerte sich Thor einen Dreck darum. Er wich den Gesprächen aus. Kein einziges Mal hatte er bislang mit ihr geredet. Ein Ding der Unmöglichkeit. Für sein Führungsverhalten war das alles andere als lobenswert. Dylan konnte von Glück sagen, dass Emma tolerant war und die Tatsache nicht sofort weitertrug. Enttäuscht setzte sie sich aufs Sofa, während er Kaffee ausschenkte.

«Du kannst mir glauben», erklärte er. «Ich gebe mein Bestes, aber auch ich komme kaum an ihn heran.» Er stellte die Kanne ab und nahm ebenfalls Platz. Resigniert verteilte er Waffeln auf ihre Teller. «Ich bin froh, dass er die Eröffnung des Cafés vorantreibt. Thor ist voll und ganz darauf fokussiert – mehr darf ich momentan nicht von ihm verlangen.»

Er sinnierte einen Augenblick, da sie nichts antwortete, sondern konzentriert in den Unterlagen wühlte. Aufrichtig sah er sie an. Er wollte sein Bestes geben. Für Thor und die ganze Angelegenheit.

«Wo waren wir stehengeblieben?», murmelte sie.

Dylan überlegte nicht lange. Bei ihrem letzten Gespräch hatte sich Emma über Thors Großvater Mats und Thors Eltern erkundigt, über ihre Beziehungen zueinander und auch das Verhältnis zu seinem Bruder Arvid hatten sie angerissen «Wir haben über seine Familie gesprochen; darüber, wie er aufgewachsen ist.»

«Ach ja.» Sie klappte die Akte auf den Knien auf und nippte nebenbei an der Tasse Kaffee. Kurz visierte sie das Tattoo an seinem Unterarm, das den Schriftzug ‹Thor› trug. «Ich würde heute gern über seine Persönlichkeit sprechen.»

Dylan nickte, lehnte sich zurück und schlug ein Bein über das andere. «Ja, klar.» Unaufgefordert sprach er weiter. «Er hat schon immer Musik gemacht. Dass er Sänger einer berühmten Black Metal Band ist, weißt du ja. Mit Magnus hat er keine Platte veröffentlicht. Das Debüt platzte mit Magnus Tod, aber mit Erik hat er großen Erfolg gehabt.»

«Ich meine nicht seine Person in der Öffentlichkeit, sondern sein persönliches Wesen.»

«Oh, natürlich.» Dylan schnellte vor, nahm einen Schluck Kaffee und steckte sich eine Zigarette an. Seine Finger zitterten wie so oft. Dass er nicht sinngemäß auf ihre erste Frage geantwortet hatte, beeinflusste sein Denkvermögen. Er kniff die Augenbrauen zusammen und fixierte sie aufmerksam. Nicht noch einmal sollte ihm ein Fehler unterlaufen.

«Wie würdest du Thors Charakter definieren?»

Seine Antwort kam postwendend. «Er ist stark und bodenständig. Er weiß, was er tut. In seinem Leben gibt es eine klare Linie – im Gegensatz zu meinem. Ich bin trockener Alkoholiker und befinde mich in Therapie. Ich nehme Tabletten … Ich habe mich oftmals absolut nicht unter Kontrolle, sagt meine Ärztin und mein Psychiater meint …»

«Wir sprechen über deinen Partner, nicht über dich.»

Er beendete den Blickkontakt und schnippte die Asche der Zigarette in den Aschenbecher. «Oh, sorry, ja, natürlich.»

«Hat er mit Drogen zu tun?»

Wie kam sie auf diese Frage? Benahm er sich verdächtig?Er schüttelte den Kopf.

«Laut Polizeiakte ist er schon zu Jugendzeiten auffällig gewesen und hat seinen Vater krankenhausreif geprügelt.»

Dylan nickte. «Das kann ich sogar nachvollziehen. Ich habe in meiner Jugend Ähnliches erlebt: Man wir nicht akzeptiert, man wird nicht respektiert, weil man anders ist …»

«Thor war damals 15 Jahre. Die Polizei musste den Streit schlichten.»

Dylan winkte ab. «Das hat er seinem Bruder zu verdanken.»

«Er war Anführer einer Gruppe, die satanisches Gedankengut vertrat, und stand in Verdacht, Kirchen angezündet zu haben.»

«Welcher Black Metaller wurde damals nicht verdächtigt?» Dylan grinste.

Emma ging die Fakten in der Akte Punkt für Punkt durch. «Es gab ein paar Jahre später die Verhaftung im Fall Magnus Eidsvag.»

Dylans Gesichtszüge wurden glatt. «Das war allenfalls Tötung auf Verlangen. Thor wurde nach fünf Jahren aus der Haft entlassen!», tönte er und beugte sich vor, schielte auf die Unterlagen. «Es war kein Mord. Das muss da doch stehen?»

Emma listete weiter auf.

«Er ist auch dir gegenüber handgreiflich geworden und wurde verhaftet, aber wegen einer entlastenden Aussage deinerseits wieder freigelassen.»

Dylan nickte. «Ja, weil es ein Unfall war. Ich war derjenige, der ausgerastet ist, ich habe mich verletzt, weil ich diese mentale Schwäche habe … Ich nehme Tabletten, ich bin in Therapie deswegen, ich bin trockener Alkoholiker …»

«Das sagtest du bereits.»

Er biss sich auf die Unterlippe und fiel im Sitz nach hinten. Innerlich mahnte er sich. Wie dämlich ich mich verhalte …

«Thor trifft überhaupt keine Schuld. In keinem Fall.»

«Es gab eine weitere Anzeige von einem Tony Wilson …»

Dylan lächelte gestelzt. «Mein Manager, der dramatisiert alles. Es war nichts passiert, was ich nicht wollte. Die Sache wurde schnell eingestellt.»

Nun sah sie prüfend auf. «Der Angriff auf die Jugendlichen ist allerdings nicht zu leugnen.»

«Thor hat sich nur gerächt, weil sie mich zuerst angefallen haben», erklärte er postwendend.

«Diese Art von Selbstjustiz zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben.»

«Er scheißt auf Gesetze, man kann ihm nichts verbieten», entgegnete Dylan. «Aber wenn man ihn in Ruhe lässt, passiert auch nichts.»

Sie kniff die Augen zusammen und drückte den Stift fest auf die Akte.

«Du kennst Thor nun schon länger», schlussfolgerte sie. «Glaubst du, dass er eine Gefahr für die Bevölkerung ist?»

«Er ist hierhergezogen, um Konflikte zu vermeiden», antwortete Dylan. Nahezu gedankenversunken blickte er aus dem Fenster. Die Sonne schien, eine leichte Brise wehte, die die Bäume hin- und herwiegte. «Er liebt die Natur, hier findet er Ruhe, die er braucht.»

«Du weichst meiner Frage aus», sagte sie und wiederholte eindringlicher: «Glaubst du, dass er gefährlich ist?»

Dylan neigte den Blick. Dass mit Thor Fahlstrøm nicht leicht auszukommen war, wusste er seit dem ersten Moment, in dem er von dem Norweger gehört hatte. Er hatte ihn gefürchtet, er hatte seine Stärke und seine Gräueltaten bisweilen am eigenen Leib miterlebt. Trotzdem hatte er den Kern seiner Seele erkannt und lieben gelernt. Aber ebenso wusste er, dass die meisten Menschen mit seiner Lebenseinstellung nicht klarkamen.

«Seine Eltern haben ihn verstoßen, sie gaben ihm Mitschuld am Tod der Großmutter. Sein Bruder hat ihn bei der Polizei angeschwärzt, er hat gesehen, wie sich Magnus umbrachte, saß fünf Jahre unschuldig im Knast deswegen. Dann die Scheiße mit mir, die Flucht von Bastøy. Er wäre fast gestorben … Das muss man erstmal verkraften.» Dylan lächelte verloren. Irgendwie wollte er standfest wirken, aber während er aufzählte, was Thor alles widerfahren war, stellte sich das altbekannte Unbehagen ein. «Ich frage mich, wie er das macht? Wo landen seine Gefühle?» Planlos schwirrte sein Blick durch den Raum. «Wie wird er damit fertig?» Er hob die Schultern und sah sie fragend an. «Irgendwann wird das Maß voll sein, oder?»

Kapitel 1

Die Sonne war aufgegangen und die Hunde kündigten den neuen Tag an, indem sie an der Bettdecke zogen und winselten. Thor reagierte wie jeden Morgen prompt.

Normalweise ließ Dylan ihn walten. Er sagte nichts, wenn sich sein Partner aus dem Bett erhob, schweigend im Bad verschwand und sich anschließend ebenso geruhsam anzog. Aber die Distanz zwischen ihnen wurde von Tag zu Tag größer. Jeden Morgen hoffte Dylan, dass sich die Lage änderte, aber nichts geschah.

Er drehte sich auf die Seite und beobachtete, wie Thor sich in ein T-Shirt kleidete und es über die Lederhose strich. Sein feuchtes Haar kringelte sich auf dem Rücken. Dylan roch Aftershave. Die Sehnsucht in ihm war kaum auszuhalten. «Warum teilen wir uns eigentlich das Bett, wenn du mich sowieso ignorierst?»

Thor sah sich erstaunt um. «Schlaf weiter, es ist noch früh», raunte er.

«Ja, ich will schlafen, aber mit dir!», tönte Dylan. «Und du kannst mir nicht weismachen, dass es an der Fußfessel liegt, dass du dich mir entziehst.»

«Was willst du, Perk?»

«Sex!», keifte Dylan.

«Du hast zwei gesunde Hände, wenn du es so nötig brauchst.» Thor drehte sich wieder um und schloss den Kleiderschrank.

«Das ist nicht dasselbe!», schimpfte Dylan und richtete sich auf. «Seit wir aus Amerika zurück sind, läuft überhaupt nichts mehr zwischen uns, schon gemerkt?»

Thor stand regungslos im Raum und drehte ihm den Rücken zu.

«Warum antwortest du nie, wenn es was zu klären gibt?»

«Du streitest, du klärst nicht.» Thor schüttelte den Kopf. «Da hat es keinen Sinn, zu diskutieren. Das macht es nur schlimmer.»

Entnervt fasste sich Dylan an die Stirn. Mit nötiger Sorgfalt massierte er seine Schläfen. Es beruhigte ihn nur bedingt.

«Ich versuche, mich zusammenzureißen, wirklich», beteuerte er. «Aber da ist diese Wut in mir: Am liebsten würde ich um mich schlagen und mich besaufen.»

«Ich bin auch wütend», antwortete Thor. «Mehr als du denkst.»

***

‹Kafé og Galleri Saarheim›, so prangte es in schnörkeligen Lettern über den breiten Fenstern der ehemaligen Kneipe. Zumindest das äußere Erscheinungsbild hatte Formen angenommen. Aber im Inneren der Räume herrschte Chaos. Dylan bahnte sich einen Weg durch Tapeziertisch und Leiter. Es roch nach Farbe und Putzmitteln. Thor hockte in der hinteren Ecke des großen Zimmers, das als Ausstellungsraum für seine Bilder fungieren sollte. Mit bloßen Händen entfernte er die Leisten vom Boden. An einigen Stellen war der Teppich herausgerissen. Überall lagen Staub und Dreck. Dylan versuchte, nirgends anzustoßen.

«Hei», grüßte er. Nachfolgend unterdrückte er ein Husten, denn die Luft war zum Schneiden dick und stickig.

«Was willst du hier, Perk?», raunte Thor, ohne sich umzudrehen. Mit einer schnellen Bewegung zog er die nächste Fußleiste von der Wand.

«Ich bin noch immer dein Partner, auch wenn du es auf körperlicher Ebene anscheinend vergessen hast», erwiderte Dylan schnippisch. Demonstrativ sah er sich um. «Ich bin hier, um zu helfen.»

Thor stieß ein dunkles Lachen hervor. «Du?»

«Ja, warum nicht?», entgegnete Dylan postwendend.

«Hast du schon mal Wände gestrichen oder tapeziert?», hakte Thor nach. Er rieb die Handflächen über die Oberschenkel. Staubige Abdrücke blieben auf seiner dunklen Jeans zurück. In seinen Haaren saßen helle Farbreste.

«Nicht unbedingt.»

«Kannst du Fliesen oder einen Teppich verlegen?», wollte Thor wissen. Nebenbei fasste er an den Bodenbelag und zerrte ein Stück davon ab.

«Na ja …» Dylan wand sich auf der Stelle und lächelte.

«Kannst du Lampen und Armaturen auswechseln?»

«Das nicht.»

«Was willst du denn hier?» Thor drehte sich um. «Wenn du nichts kannst, stehst du im Weg.»

Dylan hob die Hände an. «Ich kann es lernen!»

Thor kam auf die Beine. «Dafür fehlt uns die Zeit», sagte er. «Der Teppich muss heute raus und ich erwarte die Lieferung für das Parkett, das ich selbst nicht verlegen kann.»

«Nein?»

Thor hob die Schultern an. Nachdenklich sah er durch den Raum. «Ich will, dass es anständig wird und es gibt zu viele Ecken hier. Das sollte ein Fachmann machen.» Er zog eine Zigarettenschachtel aus der Tasche und zündete sich eine Zigarette an. «Das Problem ist, dass wir keine Handwerker finden.»

Dylan stutzte. «Nein?»

«Niemand ist scharf darauf, Thor Fahlstrøm zu helfen.»

«Oh, fuck, echt jetzt?»

Thor nickte still.

Dylan stemmte die Hände auf die Hüften und blickte sich um. Die Galerie war stark verwinkelt und es gab zwei Stufen, die in den vorderen Bereich des Cafés führten. Rund um den Tresen mit integrierter Anrichte und Küche war der Boden gefliest. Die Tatsache, dass die Renovierung ins Stocken geriet, nur weil keine norwegische Firma bereit war, Thor zu helfen, war ernüchternd.

«Dann holen wir uns Leute aus England», beschloss Dylan. «Das wird teurer aber sicher nicht schlechter.»

«Wer soll das bezahlen, Perk?», erwiderte Thor. «Ich bin jetzt schon am Limit.»

«Ich unterstütze dich», versicherte Dylan.

«Dein Geld nehme ich nicht», sagte Thor. Nicht zum ersten Mal.

Dylan seufzte. «So viel haben wir in Amerika gar nicht ausgegeben.» Er dachte an sein eigenes Vermögen, das trotz der Auszeit gestiegen war. Die Einnahmen von Plattenverkäufen waren weitergelaufen. «Du hast doch sicher Rücklagen», meinte er demzufolge.

«Ich bin pleite, Perk», verdeutlichte Thor mit Nachdruck. «Die Renovierung kostet und ich bekomme keinen Kredit. Dazu musste ich eine satte Geldstrafe begleichen.»

Dylan erstarrte. «Pleite?», wiederholte er. Ein kleiner Schock übermannte ihn. Doch augenblicklich verstand er, weshalb Thor nicht mehr versuchte, sich gegen die Sanktionen aufzulehnen. Er war in Geldsorgen und tat alles dafür, um aus der misslichen Lage herauszukommen. «Das wusste ich nicht», fügte Dylan hinzu und rätselte laut. «Aber du hast das Wohnmobil verkauft. Das war einiges wert. Wo ist das Geld?»

«Ich dachte, ich lande im Knast», erklärte Thor. Er drehte sich einem Beistelltisch zu und drückte die Zigarette in einem Aschenbecher aus. «Ich habe es sicher angelegt.»

«Okay, aber Aktien kann man verkaufen, oder nicht? Das Geld ist nicht weg.»

Thor fasste an seinen Bart am Kinn. Eine verlegene Geste. Er machte wenige Schritte über den Teppich und ließ sich mit der Antwort Zeit.

«Ich habe keine Aktien gekauft», gestand er schließlich. Vor dem Fenster zum Hinterhof blieb er stehen und blickte hinaus.

«Sondern?», bohrte Dylan nach.

«Ich habe das Geld Mr. Miller übertragen», sagte Thor mit ruhiger Stimme, nahezu belanglos. In Dylan sorgte die Antwort jedoch für eine Überraschung.

«Mr. Miller?», wiederholte er perplex und fasste sich an die Brust. «Etwa … für die Ranch?»

Thor drehte seinen Kopf und sah ihn an. Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht. «Ja.»

«Samt Lore?»

«Samt Stallungen und Lore.»

«Holy shit!» Dylan griff sich an die Stirn. Sein Herz machte einen erfreuten Sprung, kaum dachte er an das Haus in Nevada, in dem sie während ihres Amerikaaufenthalts mehrere Monate gelebt hatten. «Das ist der Wahnsinn!» Er gluckste vor Freude. «Du glaubst nicht, wie sehr mich das freut.»

Thor zwinkerte. Mit einer Hand strich er zärtlich über Dylans Wange. Eine sinnliche Geste, ein Zeichen der Zuneigung. Dieses Empfinden in Wort zu fassen, fiel ihm schwer, doch es war klar, dass er die Ranch aus einem bestimmten Grund gekauft hatte.

«Vielen Dank.» Dylan ergriff die Hand und hauchte einen Kuss darauf.

«Schon gut», erwiderte Thor und zog die Hand zurück.

Trotzdem brachte die Neuanschaffung Beklemmung mit sich.

«Jetzt versteh ich das Ganze», sprach Dylan leise.

Thor wiegelte ab. «Mr. Miller kam mir preislich entgegen, aber es fehlt noch ein letzter Abschlag. Zudem fallen Kosten an. Das Anwesen wird weiterhin von einer Person kontrolliert und instand gehalten. Die Tiere müssen versorgt werden.» Sein Gesicht erlangte die bekannte Härte zurück.

Dylan nickte. Ihm war bewusst, was es hieß, die Ranch in Schuss zu halten, einschließlich der Pflege der Hühner und der Stute Lore. «Sobald du wieder reisen darfst, fahren wir hin, okay?»

«Ja», sagte Thor knapp, aber sein Gesichtsausdruck signalisierte, dass bis dahin noch einige Zeit vergehen musste.

***

Es war der 17. Mai: ein besonderes Datum in Norwegen. Dylan stand extra früh auf, um den Nationalfeiertag mit all seinen Feierlichkeiten mitzuerleben. Er verspürte Aufregung, denn an diesem Tag war die ganze Nation auf den Beinen. In Oslo wurde das Event mit einer stundenlangen Parade und der Aufwartung des Königshauses vor dem Volk gebührend gefeiert.

Er hatte sich in Schale geworfen: Mit einem dunklen Jackett und Seidenhemd, nur die schwarze Jeans war ein bequemes Kleidungsstück, denn er rechnete damit, mehrere Stunden auf den Beinen zu sein.

«Du willst wirklich nicht mit?», fragte er Thor zum wiederholten Mal.

«Nei.» Fahlstrøm saß im Wohnbereich, rauchte eine Zigarette und sah seinen Partner mit finsterer Entschlossenheit an.

«Aber du liebst doch dein Land.»

«Ich kann mein Land auch lieben, ohne Fähnchen zu schwingen. Außerdem darf ich nicht den ganzen Tag durch die Stadt rennen.» Mit einem Fingerzeig auf seine Fußfessel erinnerte er daran, dass er sich nur in einem begrenzten Umfeld zu einer festgelegten Zeit fortbewegen durfte.

«Wenn du dich in der Nähe des Cafés aufhältst, wird es niemand merken.»

«Ich habe ‹nein› gesagt», erwiderte Thor.

«Dann eben nicht!» Dylan hob die Nase in die Höhe und steckte Geldbörse und Handy ein. «Keine Ahnung, wann ich wiederkomme …»

Thor lachte dunkel. «Vermutlich erst, wenn du einen Sonnenbrand hast.» Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. «Pass auf die Russ auf.»

Dylan stutzte, denn er hatte einiges über den Nationalfeiertag gelesen: Dass es Straßensperrungen gab, meterlange Umzüge aller Schulklassen, dass die Menschen Waffeln und Eis im Überfluss konsumierten, dass man sich am Schloss Sitz- und Stehplätze kostenlos reservieren konnte, um dem König aus nächster Nähe zuzuwinken, aber von den Russ hatte er noch nie zuvor gehört.

«Das sind die Schulabgänger», erklärte Thor mit einer Stimmlage, als würde er von der Mafia sprechen. «Während der Umzüge benehmen sie sich noch gesittet, aber danach …»

Dylan grinste. «Kann ich mir vorstellen, dass die feiern. Das stört mich nicht. Außerdem hab ich Erik dabei.»

«Dann pass erst recht auf.» Thors Tonfall blieb konzentriert. Während Dylan überlegte, ob er sich die Worte zu Herzen nehmen sollte, klopfte es an der Tür, die sich kurz darauf öffnete.

«Können wir los?», fragte Erik. Er lugte lediglich mit dem Kopf durch den Türspalt. Wollte er etwas verbergen? «Später fahren die Bahnen nicht mehr nach Plan.»

«Ich bin bereit.» Dylan hob die Hand zum Abschied, zwinkerte Thor zu und zog die Tür weiter auf. Er betrachtete Erik in voller Montur und sofort entwich ihm ein bewundernder Pfiff. «Wow, du siehst abgefahren aus!»

Erik steckte in einer norwegischen Tracht, der sogenannten ‹Bunad›. Dazu gehörten nach Tradition nicht nur Hose, Weste, Hemd und Schal, sondern auch ein Hut und ein Jackett.

Die gold-schwarz gemusterte Weste war aus Seide und besaß silberne Knöpfe. Die Jacke aus schwarzer Wolle war halblang und ebenfalls mit Manschettenknöpfen ausgestattet. Das weiße Hemd hatte einen Stehkragen, um den sich ein blauer Seidenschal rankte.

«Ja, findest du?» Erik grinste bescheiden. Nach wie vor hielt er Abstand. Befürchtete er vonseiten Thors einen negativen Kommentar?

«Sicher!» Dylan zückte sein Handy, öffnete die Fotoapp und drückte auf den Auslöser. «Das senden wir an Tony. Der wird sich ärgern, dass er nicht eher angereist ist.»

Sie nahmen den Mietwagen und fuhren die Sognsveien hinab bis zur Haltestelle Sognsvann. Dort angekommen reihten sie sich in die Ansammlung von Menschen ein, die per T-Bane in die Stadt fahren wollten. Da die Station gleichzeitig die Endstation war, ergatterten sie sogar einen Sitzplatz. Aber nach wenigen Zwischenstopps füllte sich die Bahn. Dylan kam ins Staunen. Die meisten Menschen trugen norwegische Fahnen mit sich. Rucksäcke, Taschen, Kinderwagen und sogar Hunde waren festlich mit den drei Farben, angeordnet mit einem blauen Kreuz, weißer Kontur auf rotem Grund, geschmückt.

Je näher sie der Stadt kamen, desto mehr Leute samt Flaggen erspähte er auch auf den Gehwegen.

Am Schlosspark stiegen sie aus. Die Straßen waren weitläufig gesperrt. An jeder Ecke standen Sicherheitskräfte. Die ersten Parademärsche schoben sich bereits durch die Innenstadt.

Sie kamen schleppend voran, was nicht an den Menschenansammlungen lag, sondern daran, dass Dylan sich fortwährend umsah oder stehen blieb. Zum Glück war Erik an seiner Seite. Der wusste, wo sie entlangmarschieren mussten.

Die Karl Johans Gate war zu einer festlichen Allee geschmückt. Fahnen hingen von den Häusern. Beidseits der Straße gab es Absperrungen, die die Schaulustigen zurückhielten. Dicht an dicht standen die Menschen – Einheimische ebenso wie Touristen – , um einen Blick auf die Schüler zu erhaschen, die in geübter Formation, ebenfalls zünftig gekleidet, samt Lehrer und Spielmannszug, den Weg über die Hauptstraße Richtung Schloss nahmen.

Staunend blickte Dylan auf die lange Straße, in der die Farben der norwegischen Flagge dominierten.

«Wahnsinn!», schrie er. Mehrfach hob er sein Handy, um Fotos zu machen. Eine Schulklasse folgte der nächsten, ein Lied ging in ein anderes über. Gelächter und Jubelschreie erklangen und er ließ es sich nicht nehmen, selbst die Fahne zu schwingen.

Erik beobachtete das Treiben gelassener. Vermutlich hatte er die alljährliche Feier schon häufiger miterlebt. Nachdem sie den Festmarsch eine Weile verfolgt hatten, griff er nach Dylans Hand. «Kein 17. Mai ohne den König!», verkündete er.

Dylan gluckste vor Freude. Bereitwillig ließ er sich von Erik durch die Massen schleusen. An der Absperrung zum Schlossplatz zückte der ein Schriftstück. Das wurde von einem Wachmann gescannt. Folglich durften sie den Platz betreten. Auch dort standen die Menschen dicht gedrängt, doch ebenso hatten sie von hier aus eine gute Sicht auf den Balkon des Schlosses.

Staunend ließ Dylan die Eindrücke auf sich wirken. Die Königsfamilie, samt Oberhaupt, Prinz und Prinzessin, sowie deren Kinder winkten der jubelnden Menge zu. Ein ergreifender Augenblick, den er ebenfalls mit dem Handy einfing. Für einen kurzen Moment war er den Tränen nahe.

«Danke!», warf er Erik zu. «Danke, dass du mich mitgenommen hast.» Sein Blick schwirrte zurück. Auf dem Vorplatz des Schlosses war eine neue Schulklasse angekommen. In einem Kreis und bei traditioneller Musik führte sie einen Tanz vor. Dylan klatschte zum Takt.

Das Treiben und der nicht endende Festzug waren so fesselnd, dass er das erste Mal auf die Uhr sah, als zwei Stunden vergangen waren und sein Nasenrücken spannte. Nun wusste er, was Thor gemeint hatte. Die Sonne schien ungnädig auf sie nieder und es gab weit und breit kein schattiges Plätzchen. Zudem hatte er Durst und auch etwas Hunger. Erstaunt war er ebenfalls, weil es kaum Buden gab, die irgendwelche Speisen oder Getränke vertrieben.

«Können wir nicht irgendwo einen Imbiss nehmen?»

Erik winkte ab. «Die meisten Leute nehmen sich was zu essen und trinken mit», erklärte er. «Außerdem ist Feiertag, die Läden haben zu. Wenn du Glück hast, begegnet dir ein Eisverkäufer und einige Geschäfte verkaufen süßes Gebäck in den Straßen.» Er zog eine Sonnenbrille hervor und reichte sie Dylan, der sie dankbar entgegennahm und aufsetzte.

«Abgesehen davon, sollten wir hier keine Wurzeln schlagen.» Auf Eriks Gesicht schlich sich ein verheißungsvolles Lächeln. Erneut fasste er nach Dylans Hand. «Ich kenn ein besseres Plätzchen.»

Dylan hatte sich mitziehen lassen. Zurück zur Straße, entlang der Karl Johans Gate, bis zu einem Haus aus rotem Backstein, in dem sich das Hard Rock Cafe von Oslo befand.

«Ich hab hier Beziehungen», verkündete Erik. Gezielt lotste er Dylan ins Gebäude. Sie betraten ein Treppenhaus, erklommen die Stufen bis zur zweiten Etage und gelangten kurz darauf in eine Wohnung, in der eine Party stieg. Auf einem Tisch reihten sich Speisen und Getränke – vornehmlich Würstchen, Waffeln und Alkohol in allen Facetten. Auch Erik, der den Gastgeber kannte, zog aus seinem Rucksack zwei Flaschen und stellte sie dazu. Dylan nahm eine Waffel in die Hand und betrat den Balkon. Von hier aus konnte er den Festmarsch noch besser verfolgen. Inzwischen liefen die Schulklassen der älteren Semester über die Straße.

Jugendliche in roten Anzügen brüllten unverständliche Parolen durch die treibenden Beats der moderneren Musik, die sie begleitete. Die Zuschauer quittierten die Rufe mit einem jubelnden: «Hurra!»

«Sind das die Russen?», fragte Dylan gespannt.

«Ja. Die in den roten Anzügen sind die Abiturienten und die in den blauen sind die Abgänger vom Wirtschaftsgymnasium.» Erik stand neben ihm auf dem Balkon, nippte an einer Flasche Bier und erklärte. «Der Russ-Umzug zum 17. Mai bildet den Höhepunkt der wochenlangen Abschlussfeiern, Mutproben und Späße.» Er schüttelte den Kopf und lachte. «Oh je, wenn ich an meinen Abschluss denke … Man hat meine Clique und mich fast eingebuchtet.»

«Was?» Dylan sah ihn fragend an.

«Wir sind mit einem alten VW-Bus umhergefahren, sternhagelvoll, haben randaliert und jugendfrei haben wir uns auch nicht verhalten.»

«Meine Güte!» Dylan grinste und hielt sich am Balkongeländer fest. Unweigerlich dachte er an Thors Warnung und war froh, dass er das Treiben aus angemessener Entfernung mitverfolgen konnte. Sobald das Thema auf Alkohol und Parties zu sprechen kam, fühlte er sich unwohl. Er wusste, woran das lag. Nach wie vor trug er die Angst mit sich, rückfällig zu werden. Bestimmten Reizen ging er lieber aus dem Weg.

«Was sind das für Kärtchen, die die Russ verteilen?»

«Eine Art Visitenkarte der Schulabsolventen. Darauf stehen Name und Kontaktadresse sowie originelle Sprüche», erwiderte eine Frauenstimme.

Dylan drehte sich perplex zur rechten Seite. Erik war verschwunden, stattdessen lehnte eine Frau neben ihm über der Balkonbrüstung. Sie hielt ein Sektglas in einer Hand und eine Zigarette in der anderen.

«Ach so …» Dylan visierte die Straße, dann wandte er sich komplett um. Durch das Balkonfenster sah er Erik mit einem Mann auf dem Sofa sitzen.

«Du kommst wohl nicht von hier?», fragte die Frau.

«Nein.» Dylan schüttelte den Kopf. «Ich bin mit Erik hier.»

«Mit Erik?» Die Frau lachte laut. «Seit wann lässt der sich anbinden?»

«Also eigentlich …»

Sie hörte ihm nicht mehr zu und verschwand im Inneren des Gebäudes. Dylan seufzte. Inzwischen stand er allein auf dem Balkon. Offensichtlich war er der Einzige, der sich noch für den Umzug interessierte. Aus der Wohnung dröhnten Gelächter und laute Stimmen. Von der Straße her drang die schallende Rap-Musik der Russ, die aus einer mobilen Stereoanlage hämmerte. Die ältesten Schulabgänger bildeten das Ende des barnetoget – was so viel wie ‹Kinderzug› hieß. Die starren Absperrungen wurden gelockert. Passanten reihten sich in die Schlange ein. Jetzt marschierte das Volk zum Schloss und Dylan fragte sich, ob die Königsfamilie noch immer auf dem Balkon stand, um die Bürger und Touristen zu begrüßen. Die Kinder und Jugendlichen, das lag auf der Hand, wurden an diesem Tag am meisten gefeiert.

Er rieb sich über das heiße Gesicht. Hatte er inzwischen einen Sonnenbrand? Warum hatte er nicht auf Thor gehört und sich dementsprechend eingecremt?

Zurück in der Wohnung registrierte er, dass Erik nicht mehr auf dem Sofasaß. Suchend blickte sich Dylan um. Die Frau vom Balkon reichte ihm ein Glas Sekt entgegen, das er nahezu entrüstet ablehnte.

«Oh, danke, ich trinke nichts.»

«Gar nichts?», fragte sie, wobei sich ihre Stimme anhob. Kurzerhand kippte sie den Inhalt des Glases in ihr eigenes, das demzufolge fast überschwappte.

«Nein. Habt ihr keine Cola oder sowas?»

Neben ihm lachte ein Mann laut auf. «Cola? Was bist du denn für einer? Heute ist Nationalfeiertag.»

«Ja, das weiß ich.» Dylan nahm die Sonnenbrille ab und rieb sich die brennende Nase.

«Ey, dich kenn ich aus dem Fernsehen!», tönte der Mann.

«Oh, nein, im Fernsehen bin ich eher selten», wehrte er ab.

«Du bist Dylan Perk, oder?», meldete sich die Frau wieder zu Wort. «Der Freund von Thor Fahlstrøm.» Sie kniff die Augen zusammen. «Stimmt es, dass der ein Café in der Stadt eröffnet?»

«Ja, das stimmt.»

«Dylan Perk, ja richtig!» Der Mann neben ihm torkelte heran und begutachtete ihn aus nächster Nähe. «Was? Einen Coffeeshop will Thor errichten?»

«Also ein Shop ist es weniger …» Dylan stoppte. Er sah, dass die Tür des Badezimmers aufging und Erik heraustrat. Dicht hinter ihm folgte ein Mann. Ihre Gesichter waren gerötet und sie hantierten auffällig an ihrer Kleidung herum. Erik lächelte verschmitzt. Sein Begleiter steuerte indes die Alkoholvorräte an und mixte zwei Drinks.

«Ihr entschuldigt mich?» Dylan ließ seine Gesprächspartner stehen und eilte in Eriks Richtung. «Dachte schon, du hast mich sitzen lassen.»

«Was?» Eriks blaue Augen leuchteten. «Dich doch nicht.» Mit einer Hand streichelte er Dylans Wange. «War nur eben für kleine Jungs … mit Bjarne.»

Der besagte Begleiter präsentierte die Drinks. Erik leerte sein Glas mit wenigen Schlucken. Dylan bewahrte Abstand. Der Geruch nach Alkohol war verlockend.

«Der Umzug ist vorbei», sagte er mit Nachdruck und hoffte, dass Erik nicken und das Ende der Party erklären würde, doch das Gegenteil geschah …

***

Der helle Streifen am Horizont kündigte den Sonnenaufgang an. Dylan fuhr gemächlich, aber nicht, weil er in der frühmorgendlichen Dämmerung mit Wildwechsel rechnete, sondern weil Erik bei jeder kleinsten Erschütterung neben ihm im Beifahrersitz den Halt verlor und trotz Gurt zur Seite kippte.

«Gleich sind wir da», verkündete Dylan, nicht, ohne eine Erleichterung zu verspüren.

Die Feierlichkeiten waren beendet und er war standhaft geblieben, obwohl er stundenlang verlockenden Reizen ausgeliefert gewesen war. Nach zwei Hotdogs und vier Waffeln samt Heidelbeergelee hatte er erfolgreich die Reißleine ziehen können. Den Saufexzessen der Menschen in seiner Umgebung auszuweichen, war hingegen eine Herausforderung gewesen. Bier, Schnaps, Sekt und Wein – allem war er mehrfach und oftmals nur unter Protest entgangen. Noch nie zuvor hatte es sich als so umständlich erwiesen, an ein alkoholfreies Getränk zu kommen, ohne schief angesehen zu werden.

Und dann die Zügellosigkeit. Allen voran Erik mit seinen hemmungslosen Flirts. Ein paarmal hatte er ihn aus den Augen verloren und stets in Begleitung eines anderen jungen Mannes wiedergefunden.

Eskalation auf sämtlichen Ebenen. Das hätte Dylan den Norwegern nicht zugetraut.

Er hielt vor dem Carport, unter dem die beiden Jeeps standen, und langte neben sich. «Hey! Wir sind da.»

Da Erik sich nicht rührte, musste er ihn umständlich vom Beifahrersitz ziehen. «Nun werd wach!», forderte er ihn auf.

Erik stöhnte. Sein dünner Körper war schwer und Dylan schaffte es nur mit Mühe, ihn vorm Wagen auf die Beine zu stellen. Stützend krallte er sich in Eriks Hosenbund. «Wo ist eigentlich dein Hut?»

«Jeg vet ikke», flüsterte Erik mit geschlossenen Augen. «Vermutlich bei Bjarne.»

«Der Typ mit den langen Haaren?», rätselte Dylan. Während er mit der freien Hand den Wagen abschloss, hielt er Erik mit einem Arm fest.

«Mhm …»

«Den hab ich hier schon mal gesehen», fuhr Dylan fort. Er entsann sich an den Abend, an dem Erik Besuch von dem groß gewachsenen Mann bekommen hatte. In jener Zeit waren sie auf der Suche nach Thor gewesen. Erik hatte sich mit dem besagten Bjarne einem heißen Intermezzo hingegeben. Ein Verhalten, das Dylan nach wie vor nicht nachvollziehen konnte. «Den kennst du wohl schon länger.» Vorsichtig gab er Erik die Richtung an. Gemeinsam machten sie taumelnde Schritte.

«Den kenn ich aus meiner Zeit in Bergen.» Erik setzte einen Fuß vor den anderen. Ohne Hilfe wäre er haltlos hingefallen. Dylan stützte ihn kräftiger.

«Kommt der extra aus Bergen hierher, um zu feiern?»

«Nei …» Erik grinste breit. «… um mich zu sehen.»

Dylan stieß ein hölzernes Lachen aus. «Beim Sehen bleibt es wohl nie …»

Erik stolperte, doch er hielt sich wacker auf den Beinen. «Bist du neidisch?»

«Wohl kaum», zischte Dylan. Stockend nahmen sie weitere Meter auf sich, bis sie vor Eriks Haus stoppten.

«Ich könnte es dir nicht verübeln», säuselte Erik. Er legte beide Hände auf Dylans Schultern und hielt sich daran fest. «Oder läuft es wieder mit Thor?»

«Weniger», antwortete Dylan gedämpft und tat nichts gegen die Hände auf seinen Schultern, deren Daumen seine Halsseiten streichelten. Das Thema machte ihn betrübt, wenn nicht gar verlegen.

«Mein Angebot steht», sagte Erik. Seine Knie sackten weg, er fing sich schnell und krallte sich an sein Gegenüber. Eine Provokation? «Jederzeit», zischte er in Dylans Ohr.

Ein paar Sekunden harrten sie in der Umarmung aus. Dylan spürte Eriks mageren Körper an seinem. Er registrierte den warmen Atem an der Wange. Ein Moment der Schwäche suchte ihn heim. Es wäre eine Leichtigkeit gewesen, den Augenblick zu nutzen; Erik zu packen, ins Haus zu schieben und dort mit ihm eine heiße Nummer hinzulegen. Mit Sicherheit hätte er sich nicht gewehrt und eine Handlung dieser Art sogar begrüßt. Aber Erik war betrunken. Dylan wollte das weder ausnutzen noch sich dessen Reizen unbedacht hingeben. Warum um alles in der Welt gelangten sie immer an den Punkt, der Zweifel aufwarf?

Eine bloße Männerfreundschaft schien zwischen ihnen einfach nicht zu funktionieren.

Dylan befreite sich aus der Umarmung, denn Eriks Nähe dauerte zu lange an.

«Du solltest schlafen», sagte er. Mit den Fingerspitzen hielt er Eriks Körper auf Abstand.

«Ach ja …» Erik bog sich vor. Es fehlte nicht viel und ihre Lippen hätten sich berührt.

Dylan wich abermals aus. «Schaffst du es jetzt allein?»

Erik wankte. Das zweideutige Grinsen in seinem Gesicht verschwand nicht, doch er gab sich einen Ruck und machte einen Schritt in Richtung Tür. «Ja, selvfølgelig!» Er vergrub eine Hand in der Hosentasche und zog den Schlüsselbund hervor. «God natt!»

«Gute Nacht!» Dylan wartete, bis Erik aufgeschlossen hatte und im Haus verschwand. Das wilde Pochen seines Herzens ließ nach. Er marschierte über den Hof, blieb abermals stehen, drehte sich wieder um und starrte so lange auf das Fenster im Obergeschoss, bis er Erik erblickte, der winkte und die Vorhänge zuzog.

Dylan atmete auf. Auch um den letzten Reiz hatte er erfolgreich einen Bogen gezogen. Es reichte auf allen Ebenen. Er gähnte und freute sich auf das Bett. Als er den Blick jedoch in die Ferne richtete, sah er die Hunde, die auf dem Vorplatz liefen und im Eingang des anderen Hauses stand Thor. Wie lange schon?

«Du bist ja früh auf!», rief er ihm entgegen.

«Und du spät dran!», antwortete Fahlstrøm. Wie so oft kamen seine Worte ohne hörbare Wertung über seine Lippen; so emotionslos und ruhig, dass Dylan verunsichert reagierte. War Thor amüsiert oder verärgert über den zeitlichen Verzug?

«Du wusstest, dass wir den Tag feiern wollten.» Trotz der Erklärung marschierte Dylan langsamer. Warum zog Thor die Augenbrauen zusammen?

«Der Umzug endet normalerweise gegen 14 Uhr», sagte er.

Dylan hob die Schulter an. Vor der Treppe zum Haus blieb er stehen. «Ja. Aber wir waren noch bei einer Party von …» Er stoppte, da er realisierte, dass er gar nicht wusste, wie der Gastgeber, in dessen Wohnung er sich aufgehalten hatte, geheißen hatte. «Direkt an der Karl Johans Gate. Ich konnte vom Balkon aus über die Straße bis zum Schloss gucken.» Seine Stimme gluckste vor Begeisterung. «Ich habe den König gesehen und den Prinzen.» Er schwärmte. «Der sah richtig gut aus: mit weißen Handschuhen und schwarzem Zylinder.»

«Den Prinzen», wiederholte Thor unbeeindruckt. «Aha. Und danach?»

«Danach?» Dylan überlegte und rieb sich den Hinterkopf. Mehrfach blinzelte er, so müde war er. «Danach war in der kompletten Stadt Party angesagt. In allen Restaurants und Bars wurde gefeiert.» Musste er das wirklich erklären? Thor musste doch wissen, wie das Treiben am Nationalfeiertag ablief, denn er wohnte hier! «Und ich habe die Russ gesehen.» Dylan grinste breit. «Aber es ist nichts passiert.»

Nein, er erzählte mit Absicht nicht, wie laut und auffällig sich die Schulabgänger verhalten hatten. Er erwähnte nichts von den Saufgelagen und wilden Orgien, die er vor den Lokalen und in den Seitenstraßen beobachtet hatte. Das ansonsten so saubere und anständige Viertel um Aker Brygge und den Tjuvholmen hatte sich zu einer Partymeile transformiert.

Er hatte Schnapsleichen in Hauseingängen gesehen und Jugendliche in Schuluniform, die sich in den geschützten Häuserecken erleichtert hatten. Da war Fremdschämen angesagt gewesen.

But – so what? Er konnte erhobenen Hauptes hier stehen und versichern, als Einziger die Kontrolle über sich behalten zu haben.

Thor schien das nicht zu beeindrucken. «Hast du getrunken?», fragte er stattdessen.

«Nein!», schrie Dylan entrüstet. «Natürlich nicht!»

Dem ungeachtet kam Thor die Stufen hinab. Er stoppte vor Dylan, fasste mit einer Hand an dessen Hinterkopf, zog in zu sich heran und startete einen festen Kuss, der so eindringlich war, dass er schmerzte. Seine Zunge schob sich zwischen Dylans Zähne, er zwängte sie in die warme Mundhöhle und erforschte sie kurz und knapp.

Dylan riss sich los. «Bist du bescheuert?»

Thor trat zurück und bewegte den Mund, als ließe er den Kuss wie einen Wein im Abgang auf sich wirken. Schließlich nickte er. «Stimmt.»

«Was hast du denn gedacht? Dass ich mir die Birne dichtknalle? Aus der Phase bin ich raus.»

«Du musst aufpassen, Perk.»

«Ja, das weiß ich», erwiderte Dylan. «Ich bin auch nur geblieben, um auf Erik aufzupassen.»

«Erik?» Thor brach in donnerndes Lachen aus. «Du kannst mir glauben, der kommt jedes Jahr erst am nächsten Tag von den Festlichkeiten zurück: volltrunken und meist nicht allein. Der benötigt keinen Aufpasser.»

Dylan stockte der Atem. Für einen Moment war er sprachlos. In seinen Augen hatte Erik sehr wohl jemanden gebraucht, der auf ihn aufpasste. Ohne eine Begleitperson wäre er sicher viel früher in einer der Kneipen versackt. Er hätte mit Sicherheit noch mehr getrunken, noch mehr Flirts angefangen und vielleicht sogar die Orientierung verloren. Es war gut, dass er, Dylan, ihn begleitet hatte, oder?

Ein plötzlicher Zweifel stellte sich ein. Hatte Erik ihn womöglich an der Nase herumgeführt? Hatte er sich mit Absicht benommen, als benötigte er Hilfe? Nur, damit Dylan sich um ihn kümmerte? Ihn vom Komasaufen abhielt, ihn zu den Toiletten begleitete, ihn in den Menschenmassen suchte, ihn umarmte und umklammerte, ihn nach Hause brachte?

«Nun …» Dylan suchte nach Worten, denn Thor sah ihn noch immer herausfordernd an. «Bjarne war nicht die ganze Zeit dabei. Irgendjemand musste die Übersicht behalten.»

«Bjarne? Sein Stecher …» Thor schüttelte den Kopf. Eine Geste, die Dylan nicht nachvollziehen konnte.

«Ja, Erik lebt nicht monogam, das wissen wir beide», lenkte er ein. «Aber deswegen musst du unseren Ausflug nicht verurteilen.» Er hob die Hände an. «Was willst du eigentlich? Bist du eifersüchtig oder was ist los?»

«Du hast dich nicht herumzutreiben», antwortete Thor. «Das ist los!»

«Ach, willst du mir jetzt vorschreiben, was ich zu tun habe?», keifte Dylan.

«Du weißt, was passieren kann», erwiderte Thor. Von Dylans Wut ließ er sich nicht mitreißen. Abgesehen davon, hatte er nicht auch recht?

Gezwungenermaßen musste Dylan an die Schlägerei mit den Jugendlichen denken; an den Überfall in Las Vegas, bei dem er beinah vergewaltigt worden war. Ja, er hatte das Händchen dafür, in unangenehme Situationen zu geraten und so etwas in der Art wollte er tatsächlich nicht mehr erleben.

«Sehr aufmerksam von dir, mich daran zu erinnern, dass ich Scheiße gebaut habe!», gab er trotzdem zum Besten.

«Vergisst du anscheinend auch ständig», erwiderte sein Partner.

Dylan seufzte tief und beließ es dabei. Darüber zu streiten erschien ihm nicht sinnvoll, vor allem, da auch für Thor das Thema erledigt schien. Wortlos griff der nach den Hundeleinen und stieg in seine Boots. «Ich geh mit den Hunden», sprach er gedämpft.

Dylan fuhr sich über das erhitzte Gesicht. «Jetzt schon?»

«Der Tag ist angebrochen», erwiderte Thor und erinnerte ihn abermals daran, dass er länger außer Haus gewesen war als erwartet. Inzwischen war der helle Streifen am Horizont orange geworden. Die Luft hatte sich erwärmt. «Abgesehen davon wartet im Café eine Menge Arbeit auf mich.» Thor nahm die Hunde an die Leine und stiefelte die Treppe hinab, wohingegen sich Dylan am Geländer nach oben zog. «Ich komme später nach und helfe dir.» Die Müdigkeit zwang ihn zu einem erneuten Gähnen.

«Wird nicht nötig sein, Perk.»

***

Der Klingelton seines Handys weckte ihn. Wieder hatte er verschlafen und diesmal lag es nicht nur daran, dass er des Nachts keinen Schlaf gefunden hatte.

Innerlich rügte er sich, denn Stunden waren vergangen, die er an der Seite seines Partners hätte verbringen können – anstatt im Bett.

Es war Emma, die anrief. Unverzüglich nahm er das Gespräch entgegen. «Ja?»

«Entschuldige die Störung», meldete sie sich.

«Oh, du störst nicht.» Er schob die Bettdecke zur Seite, richtete sich auf und bemühte sich, nicht verschlafen zu klingen. «Es ist hoffentlich nichts passiert?»

«Nein!», versicherte sie sofort.

«Okay.» Er atmete erleichtert aus und unterdrückte ein Gähnen. «Tut mir leid, es wurde spät gestern … der Nationalfeiertag …»

«Oh, ja!» Sie klang fröhlich. «Hast du dir den Festzug angesehen?»

«Ja, der war großartig», erwiderte er. Träge rutschte er an die Bettkante. «Der ganze Tag war … besonders …» Mit Wehmut dachte er daran, dass das Event vielleicht noch schöner gewesen wäre, hätte Thor ihn begleitet. «Wenn du ihn sprechen möchtest», fuhr er in Gedanken an seinen Partner fort. «… er ist in der Stadt, bei den Renovierungsarbeiten.»

«Es freut mich, zu hören, dass er weiterhin so tüchtig ist, aber nein, ich wollte dich sprechen», antwortete sie. Eine Pause folgte, bevor sie ihr Anliegen erläuterte. «Ich wollte mich entschuldigen. Bei unserem letzten Gespräch habe ich dich oft unterbrochen und nicht aussprechen lassen, dabei hattest du allen Grund, mir von deinen Sorgen zu berichten.»

«Oh!» Ihre Ehrlichkeit erstaunte ihn, trotzdem wehrte er ab. «Das ist nett von dir, aber du hattest recht. Du bist seine Bewährungshelferin und nicht mein Kummerkasten.»

«Du hast eine schwere Zeit hinter dir.»

«Das stimmt, aber das Schlimmste ist überstanden. Ich muss einfach lernen, mich nicht ständig in den Mittelpunkt zu stellen.» Es erschreckte ihn, das von sich zu geben, obwohl er inzwischen wusste, dass er bisweilen übertrieb und seine Gefühlsausbrüche zu intensiv ausfielen.

«Kinder von Alkoholikern haben oftmals Probleme mit der Selbstkontrolle», gab sie zu denken. Er seufzte daraufhin, denn es war niederschmetternd, wie leicht sie ihn durchschaut hatte. Eine Antwort fand er nicht.

«Dylan? Bist du noch dran?»

«Ja, ja, natürlich …» Er fuhr sich über das Gesicht.

«Du bist aber weiterhin in Behandlung, ja?», vergewisserte sie sich. «Es ist eine schwierige Zeit für Thor. Da ist es wichtig, dass du ihm stärkend zur Seite stehst und nicht daran zerbrichst.»

«Ich komme klar», sprach er leise.

«Ist jemand für dich da?», fragte sie nochmals.

«Also, hier in Norwegen habe ich keinen Therapeuten, aber meine Freundin Carol kommt bald zu Besuch … Sie ist Ärztin.» War das die Antwort, die sie hören wollte? Machte er sich mit diesen Tatsachen nicht etwas vor?

«Das ist gut», sagte sie.

«Ja …» Das Gespräch stockte, obwohl er das Gefühl hatte, dass sie weitere Fragen hatte, sich damit aber zurückhielt. Sie war weder seine Psychiaterin noch seine Freundin, der er mehr anvertraut hätte. Aber zu diesem Zeitpunkt schien alles gesagt. Abgesehen davon wollte er den Fokus nicht an sich reißen. Primär ging es um Thor. Um seine Auflagen, um die Abwendung seiner Haftstrafe …

«Wie gesagt, ich wollte mich nur entschuldigen.»

«Vielen Dank.»

«Dann erhol dich schön.» Sie lachte gestelzt. «Wir sehen uns in den nächsten Tagen.»

***

Über seine Lippen schlich sich ein Seufzen, das in seinem Unterbewusstsein zu einem nachdrücklichen Stöhnen heranwuchs. Obgleich ihm klar war, dass das, was er just erlebte, nicht wahr sein konnte, ging er dem Drang gedankenlos nach. Er ächzte, er bebte, er zitterte … Holy shit, das war gut … Das imaginäre Bild vor seinen Augen machte das Geschehen vollkommen … Mit zackigen Bewegungen spannte er die Gesäßmuskeln an, rhythmisch rieb er sein erigiertes Geschlecht auf der Matratze … so hart, so wild … so geil … Das war nicht real, es war nicht echt … doch er gab dem Druck nach, er ließ es laufen … Für einen Bruchteil von Sekunden wurde alles schwarz. Dylan vergaß zu atmen, zu denken, zu fühlen …

«Perk?»

Er registrierte die Hitze in seinem Unterleib, den schwitzigen Rücken, seine unstete Atmung …

«Perk?»

… die plötzliche Nässe zwischen den Beinen.

«Perk, hörst du mich?»

Erschrocken riss er die Augen auf. Verstohlen spähte er zur Seite. Thor sah ihn prüfend an. «Alles in Ordnung mit dir? Du warst unruhig.»

«Ja, ja!» Wie eine Flunder lag er auf dem Bauch und atmete ins Kissen. Nicht real … Es war alles nicht echt … «Ich hatte nur einen Traum.» Langsam drehte er sich auf den Rücken. Es war morgens, die Sonne schien, Thor war angezogen. Sein Starren riss nicht ab. Nichts war zwischen ihnen geschehen … rein gar nichts …

«Was Negatives?» Oh, wie konnte er fragen. Dylan hatte das Gefühl, dass ihm die Erlösung ins Gesicht geschrieben stand.

«Ich … kann mich nicht mehr genau erinnern …», redete er sich raus, dabei schossen ihm augenblicklich die imaginären Bilder ins Gedächtnis. Thor auf ihm, über ihm, in ihm, so begierig wie noch nie.

Kaum merklich führte er die Hand unter der Bettdecke zwischen seine Beine. Seine Vermutung bestätigte sich. Mit einem Ruck richtete er sich auf. Noch schneller sprang er aus dem Bett. «Sorry …» Kopflos hastete er ins Badezimmer. Das Verlangen in ihm war verschwunden. Er fühlte sich erschöpft und leer, selbstverständlich befriedigt, aber längst nicht glücklich …

Verbissen warf er die Unterhose in den Wäschekorb. Wie unter Zwang folgte die Reinigung von Händen und Glied. Ein merkwürdiges Gefühl wummerte unter seiner Brust. Dylan fühlte sich schuldig, aber auch verletzt und allein.

Da er im Bad keine frische Wäsche vorfand, marschierte er nackt ins Schlafzimmer zurück, nicht ohne sich die Hand vor die Blöße zu halten.

Thor saß noch immer auf dem Bett. «Bist du nicht zu alt für einen feuchten Traum?», meinte er.

Verflucht nochmal, warum wusste er wieder, was tatsächlich geschehen war?

Hörte Dylan einen Vorwurf heraus? Ohne seinen Partner anzusehen, widmete er sich dem Schrank, in dem er mittlerweile mehr als die Hälfte in Beschlag genommen hatte. Mit zittrigen Fingern zog er eine frische Unterhose aus dem Regal. «Kann nichts dafür, dass du die Fußfessel mit Abstinenz gleichsetzt.»

Gedämpft vernahm er Thors tiefes Durchatmen. «Willst du das jetzt ausdiskutieren?», meinte er grimmig. «Wer trägt denn das Scheißteil den ganzen Tag am Fuß? Du oder ich?»

Dylan hielt inne. Plötzlich fühlte er sich nicht nur schäbig, sondern auch traurig. Thor hätte im Gefängnis sitzen können – für Monate. Stattdessen hatte man ihn mit einem Überwachungsinstrument ausgestattet. War das nicht eine Gabe? Mussten sie tatsächlich darüber streiten? Pikiert drehte er sich um. «Reg dich bitte nicht auf.»

«Ich reg mich nicht auf!», donnerte Thor. «Du regst mich auf!» Er erhob sich vom Bett und schritt zur Tür.

«Lass uns das klären», flehte Dylan. «Bitte!»

Thor sah ihn nicht mehr an. «Ich bin mit Erik auf der Baustelle.»

***

Am Nachmittag fuhr Erik mit seinem Wagen vor. Thor stieg wortlos aus – wie jeden Tag. Dylan hatte ihr Kommen am Fenster verfolgt.

«Und? Wie lief es?» Das fragte er auch täglich und Thor erwiderte immer dasselbe, bevor er in der oberen Etage verschwand. «Muss erstmal duschen …»

Erik entlud derweilen ein paar Müllsäcke. Bislang war es unmöglich gewesen, einen separaten Container für den Bauschutt zu erhalten. Es war, als sträubten sich die Firmen, das Unterfangen von Thor Fahlstrøm zu unterstützen.

Dylan lief auf die Einfahrt zu und half beim Entladen der Müllbeutel.

«Seid ihr vorangekommen?», fragte er nebenbei. «Thor erzählt mal wieder nichts.»

Erik wischte sich über die Stirn. Seine dunkle Jeans trug staubige Flecken. Auch das war nichts Neues. Jeden Tag kamen sie von der Baustelle: dreckig und erschöpft.

Dylan versetzte es jedes Mal einen quälenden Stich, denn Thor tolerierte Erik als Helfer an seiner Seite.

«Die Wände sind fertig gestrichen, ja.» Erik hob die Hände an und präsentierte Blasen und blutige Schnitte. «Der alte Teppich ist draußen, aber frag nicht, wie wir das Parkett verlegen wollen. Damit kenne ich mich überhaupt nicht aus. Und nächste Woche kommt Tony, dann werde ich weniger Zeit haben.»

Dylan reagierte bestürzt, als er Eriks Handflächen sah.

«Meine Güte, das sieht schlimm aus.» Ehe er die lädierten Hände berühren konnte, zog sie Erik zurück und zwängte sie in die engen Hosentaschen.

«Nicht so tragisch.» Er trat auf der Stelle und wich dem Blick aus.

«Ihr habt noch immer keine Handwerker gefunden, die sich der Sache annehmen?»

Erik schüttelte den Kopf. «Ich hab es heute sogar in Stavanger versucht. Die Leute dort scheinen weniger voreingenommen. Aber der lange Anfahrtsweg …» Ein resigniertes Seufzen folgte.

«Es kann doch nicht angehen, dass keine Firma bereit ist, euch zu helfen!», schimpfte Dylan. Sein Gegenüber hob die Schultern an.

«Es ist ja nicht nur die Ablehnung», berichtete er. «Viele Betriebe nehmen vor dem Sommer keine neuen Aufträge an.»

Dylan stutzte. «Wieso das?»

«Fellesferie», erklärte Erik. «Ab Juli sind die meisten Norweger im Urlaub. Die Städte sind wie ausgestorben. Die Anzahl der Arbeiter ist begrenzt, viele Geschäfte geschlossen und die Straßen leer.»

Dylan lachte verstört. «Das ist doch verrückt.»

Erik grinste. «Nein, das ist Norwegen.»

***

Thor blieb an diesem Tag länger im Obergeschoss und keine Geräusche erklangen aus den Räumen, sodass Dylan nach dem Rechten sah. Sein Partner lag samt Straßenkleidung auf dem Bett und war eingeschlafen. Seine Hände waren staubig, seine Wangen eingefallen und sein Haar zu einem Zopf gebunden. Trotzdem hatten sich hartnäckige Strähnen daraus gelöst. Dylan sah Thor stillschweigend an und verspürte nicht zum ersten Mal Mitleid.

Wie fühlte es sich an, abgelehnt zu werden, und das über Jahre hinweg? Wie erging es ihm mit dem Wissen, in die Stadt zu müssen, in der er nicht erwünscht war?

Dylan war das Gefühl von Ablehnung nicht fremd, hatte er ähnliche Erfahrungen in seiner Kinder- und Jugendzeit gemacht. Aber er hatte sich durchgeboxt und mit dem Erreichen des Erwachsenenalters zumindest einen Namen geschaffen, den man, trotz einiger Eskapaden, mit etwas Positivem verband. Man mied ihn nicht mehr. Dylan Perk wurde stets mit offenen Armen empfangen.

Thor hingegen hatte schon immer ein einsames und wunderliches Leben geführt. Es schien, als hatte er sich mit den Jahren mehr und mehr von der Gesellschaft abgekapselt. Er wusste, dass es nach wie vor Anhänger gab; Fans von Wooden Dark, aber die waren ihm in der momentanen Lage nicht von Nutzen.

Die Auflage – etwas Gemeinnütziges auf die Beine zu stellen und in der Bevölkerung Fuß zu fassen – musste er allein bewältigen.

Bei der Errichtung des Cafés mit integrierter Galerie konnte ihm kein Fan helfen. Bei der Mission, den blutbefleckten Namen Thor Fahlstrøm zu einem Begriff zu machen, den die Menschen nicht mehr fürchten mussten, war sein Ansehen in der Black Metal-Szene nicht von Bedeutung.

Letztendlich musste er den Weg allein bestreiten – wie so oft. Thor trug sein Leid still und beherrscht, ohne zu klagen. Nur durch seine Anwesenheit konnte Dylan symbolisieren, dass er Freunde an seiner Seite hatte, die an ihn glaubten; dass jemand da war, der ihn liebte und in jeder Lebenslage unterstützte.

Dylan blickte durch den Raum. Die Bettwäsche war schlicht, die Wände kahl, der Schreibtisch antik und der Computer veraltet. Thor hatte sich nie etwas aus der modernen Welt gemacht und das spiegelte sich in der Einrichtung des Hauses wider. Auf der Ablage stapelten sich ungeöffnete Briefe. Lediglich das Handy war neu, doch das war Thor aufgedrängt worden. Samt Fußfessel musste er es bei sich tragen, damit er kontrollierbar war.

Auch diese Tatsache musste an seinem Gemüt zerren wie ein unbändiger Orkan. Eigentlich konnte Dylan froh sein, dass sein Partner den Frust nicht offen auslebte. Doch war es förderlich, den Ballast in sich hineinzufressen? Zu schweigen, anstatt zu brüllen, so wie Dylan es getan hätte?

Sein Blick heftete sich auf ein vergilbtes Telefonbuch. Ob die enthaltenen Nummern aktuell waren?

Er griff danach, denn zu verlieren hatte er nichts. Im Erdgeschoss setzte er sich auf das Sofa und blätterte darin herum. Es musste doch eine Firma geben, der es egal war, was die Leute tratschten? Irgendwo musste jemand sein, der helfen konnte, oder?

Bei den ersten zwei Firmen, die er anrief, sprang ein Anrufbeantworter an. Es war später Nachmittag und niemand zu erreichen. In Norwegen machten die Menschen zeitig Feierabend, das hatte er inzwischen begriffen. Und vermutlich hatte Erik schon sämtliche Handwerker der Umgebung abgeklappert. Trotzdem ließ ihm der Zustand keine Ruhe. Es war bedrückend genug, dass Thor ihm verbot, bei den Renovierungsarbeiten zu helfen. Ohne Zweifel hatte er zwei linke Hände; auch machte er gern einen Bogen um körperliche Arbeit und Dreck, aber hatte er bei ihrer Reise durch Amerika nicht bewiesen, dass er gewillt war, zu lernen?

Ein Polizeiwagen fuhr vor und Dylan unterbrach das Studieren der Telefonbucheinträge. Arvid kam auf das Haus zu, gemächlich und mit ernstem Blick. In der dunklen Polizeiuniform machte er eine gute Figur und die sommerlichen Temperaturen hatten einen bräunlichen Teint in sein Gesicht gezaubert, in dem der grau melierte 3-Tage-Bart dominierte.

Dylan öffnete und hob eine Hand zum Gruß. «Hei!»

Arvid nickte ihm zu und blieb auf der Schwelle stehen. «Wie läuft es?»

«Ganz gut, denke ich.»

«Es gibt keine Probleme? Thor fährt morgens in die Stadt und abends zurück?», fügte Arvid fragend hinzu.

Dylan bestätigte es. «Das funktioniert. Keine Umwege, wie abgemacht.»

«Gut.» Arvid sah an ihm vorbei. «Er hat einen Antrag gestellt für die Teilnahme von Wooden Dark bei einem Festival. Vermutlich klappt das, wenn er sich strikt an die Abmachungen hält.»

«Das wird er, bestimmt.»

Arvid rieb sich den Bart. «Finanziell sieht es übel aus …» Es klang wie eine Frage anstatt einer Feststellung.

Notgedrungen musste Dylan nicken. «Die Renovierung kostet. Und das Strafgeld war heftig …»

«Das hat er sich selbst zuzuschreiben.»

«Klar, aber …»

«Hat er inzwischen mit der Bewährungshelferin gesprochen?», wollte Arvid wissen.

Dylan schüttelte den Kopf. «Nein, aber ich bin am Vermitteln.»

«Ohne vernünftiges Gutachten sieht seine Zukunft düster aus», erklärte der Bruder von Thor; und das nicht zum ersten Mal.

«Das weiß ich», zischte Dylan. Er wand sich. «Doch du kennst ihn ja. Es ist verdammt schwer, ihn von seiner Meinung abzubringen … Und dann der Ärger mit dem Café!» Er biss sich auf die Unterlippe.

«Habt ihr noch immer keine Handwerker gefunden?», erkundigte sich Arvid.

«Nein – und die Osloer Bevölkerung trägt auch nicht viel dazu bei, dass sich das ändert.»

«Habt ihr es schon bei Lasse Bjørnson versucht? Der vermittelt Leiharbeiter.»

Dylan hob die Schultern an. «Keine Ahnung. Erik hat rumtelefoniert und ich kenne hier niemanden.» Er stutzte. «Obwohl, Bjørnson? Hat der etwas mit Fay Bjørnson zu tun?»

«Möglich, dass sie in der Firma hilft. Soll ich dir die Nummer raussuchen?»

Dylan winkte ab. «Hab ein Telefonbuch hier und zur Not Internet.» Die Sachlage schien geklärt und trotzdem lag eine eigenartige Stimmung in der Luft. «Danke, dass du mal nach dem Rechten guckst», fügte er abschließend hinzu.

Arvid lächelte schief. «Als ob ich das zu meinem Vergnügen mache.»

«Er ist dein Bruder …»

«Ja, und gerade deswegen möchte ich, dass er nicht wieder Scheiße baut!» Arvid wurde laut. «Wir hängen da alle mit drinnen und ich will, dass die Sache ein für alle Mal vorbei ist und Ruhe einkehrt!»

«Denkst du, ich will das nicht?», erwiderte Dylan ebenso aufgebracht.

«Dann sorg dafür, dass er sich am Riemen reißt und endlich zur Vernunft kommt!»

«Du weißt, dass das nicht einfach ist!»

Arvid zog die Notbremse. Vielleicht war er ähnliche Dialoge gewohnt und er ließ sich von der aufgestauten Wut nicht mitreißen. Zudem ging ein Funkspruch ein und hinderte ihn daran, etwas zu erwidern. Er drehte sich weg, bediente das Funkgerät, das zuvor an seiner Diensthose geklemmt hatte und führte ein knappes Gespräch in Norwegisch. «Ein Einsatz», erklärte er. «Wir sehen uns!» Schnellen Schrittes begab er sich zum Polizeiwagen und brauste davon.

«Was war los?», tönte es plötzlich. Thor war lautlos herangetreten und spähte hinaus.

«Ach nichts … Arvid wollte nur gucken, ob alles okay ist», erwiderte Dylan. Sorgsam betrachtete er seinen Partner. Thor sah müde aus, obwohl er mittlerweile geduscht hatte. Sein Gesichtsausdruck glich der einer starren Maske.

«Der soll sich um seinen eigenen Mist kümmern», knurrte er verbissen. Mit groben Bewegungen schenkte er sich Kaffee ein und begab sich ins Wohnzimmer, wo er sich auf die Couch setzte.

Dylan folgte. Kommentarlos klappte er das Telefonbuch zu. Es war besser, Thor nicht zu sagen, dass er ungefragt nach Hilfe suchte. Umständlich stopfte er das dicke Verzeichnis unter die Ablage des hölzernen Tischs, der mit Papieren und Gegenständen vollgemüllt war. Eigentlich war Thor ein ordentlicher Mensch, doch wenn es um Briefverkehr und Formalitäten ging, zeigte sich seine Abneigung darin, dass er etwaige Schriften ignorierte. Zudem war er tagsüber mit der Renovierung der Kneipe beschäftigt. Aufräumarbeiten blieben unerledigt. Das starre Gerüst, das im Hause Fahlstrøm geherrscht hatte, geriet mehr und mehr ins Wanken.

«Du könntest mal aufräumen», zeterte Dylan demzufolge. Anstatt das Telefonbuch erfolgreich zwischen den Utensilien verschwinden zu lassen, quoll ihm ein störender Stapel postwendend entgegen. Zettel, Briefe und Zeitschriften rutschten ihm durch die Finger, dazwischen Zigarettenschachteln, Feuerzeuge und Kugelschreiber. «Shit», fluchte er und ließ alles auf den Boden gleiten.

«Das ist ein Haus, kein Museum», entgegnete Thor.

«Kein Grund, um nicht mal auszumisten», erwiderte Dylan. Er beugte sich vor, schob den Haufen zusammen und stutzte. Zwischen seinen Händen ruhte eine Musikzeitschrift. Auf dem Cover sah er ein Bild von sich. «Wow!», staunte er. «Dass du ein Klatschblatt hast mit einem Bericht über uns?» Schnell blätterte er auf die Seiten, die einen Artikel über ihn und seine Band RACE präsentierten. Doch die Fotos und Fakten waren veraltet. Viel war seitdem passiert …

Abrupt hielt er inne. «Das ist nicht die Zeitschrift, die dir damals der Reporter vom ARCH gezeigt hat, oder?»

«Doch, Perk, das ist sie.»

Dylan schluckte bewegt. Er klappte die Seiten wieder zusammen und richtete das Augenmerk auf das Titelbild. Was er sah, kam mit Beklemmung einher. Diese Zeitschrift, die er just in den Händen hielt, hatte den Stein ins Rollen gebracht. Abgelutschte Latexfotze … Das waren die Worte gewesen, die Thor über ihn hatte fallen lassen, als ihm das Coverbild von dem Sänger von RACE einst unter die Augen gehalten worden war.

«Deine Beleidigung damals hat mich echt getroffen», gestand Dylan. Noch immer drehte sich ihm der Magen um, wenn er an die Beschimpfung dachte. Sie war wie ein Schlag ins Gesicht gewesen; wie die Aufforderung zum Krieg, der mit dem folgenden Black-Festival eingeläutet worden war. Bis jetzt konnte Dylan nicht ausnahmslos glauben, dass alles nur Provokation gewesen war; dass Thor die Worte bewusst gewählt hatte, um ihn aus der Reserve zu locken. Obgleich aus ihnen ein Paar geworden war, hatte er die üble Nachrede niemals vergessen.

«Du musst schlecht von mir gedacht haben, sonst hättest du nicht derartig über mich hergezogen.»

Thor schüttelte den Kopf.

«Nei, Perk. Als ich das Foto sah, hatte ich nur einen Wunsch: Meinen Schwanz so tief in dir zu versenken, dass dir die Tränen kommen.»

Perplex sah Dylan auf und ihre Blicke trafen sich.

«Oh.»

Vorsichtig schob er die Zeitschrift auf den Tisch. Herzklopfen; bis zum Anschlag. Er wusste nicht, wohin mit seinen Händen.

«Also wolltest du mich einzig kennenlernen, um mich zu ficken?», fragte er mit heiserer Stimme.

«Vermutlich …»

Dylans Blick schwirrte durch den Raum. Bei der nächsten Frage konnte er Thor kaum in die Augen sehen. «Aber du liebst mich nicht nur wegen meines Aussehens, oder?»

«Was meinst du?», hakte Fahlstrøm nach und Dylan bemerkte die innere Unruhe in sich wachsen. Er fürchtete die Antwort und trotzdem fragte er.

«Liebst du meinen Körper und meinen Geist?»

«Mit Haut und Haaren …» Thors Blick nahm ihn gefangen und wanderte geradewegs zum Zentrum seiner Lust.

Dylan hielt einen Moment inne. Was er hörte und erlebte, verunsicherte ihn. Seit dem Ende ihrer Reise waren sie sich nicht mehr nah gewesen. Zurück in Norwegen hatte sich Thor von ihm abgewandt; nicht nur auf verbaler Ebene, sondern auch körperlich. Jeden Tag und jede Nacht hatte Dylan gehofft, dass sich der Zustand ändern würde, aber es schien, als hätte man Thor mit der Fußfessel ebenfalls einen Keuschheitsgürtel angelegt. Das elektronische Überwachungsinstrument stand wie eine Mauer zwischen ihnen, die Dylan rasend machte.

War nun der Moment gekommen, um die Hürde zu überwinden?

Ob sein Handeln richtig war, wusste er nicht, aber in diesem fragwürdigen Augenblick gab es für ihn nur eine Antwort.

Er stand auf.

Mit flatternden Fingern und klopfendem Herzen fasste er sich ans Hemd. Knopf für Knopf öffnete er es. Da Thor ihn nicht daran hinderte, zog er es aus und ließ es hinter sich zu Boden gleiten.