Flyktet - Justin C. Skylark - E-Book

Flyktet E-Book

Justin C. Skylark

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Beschreibung

Dylan Perk benötigt eine Auszeit. Die erhoffte Ruhe möchte er in Norwegen finden. Doch der Besuch bei Thor wird zu einer Katastrophe. Unwillkürlich wird Dylan in das Leben seines Partners hineingezogen, und er macht Entdeckungen, die das Geheimnis um Thor Fahlstrøm lüften … Nach den Romanen "Bis dass der Tod euch scheidet", "Thors Valhall" und "Reise til helvete", ist "Flyktet" der vierte Band um Dylan Perk und Thor Fahlstrøm.

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Seitenzahl: 595

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Justin C. Skylark

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2014

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Zeichnung von Leonie Paetzold

1. Auflage

ISBN 978-3-944737-79-9

ISBN 978-3-944737-80-5 (epub)

Teil 1

In Schrittgeschwindigkeit fuhr der schwarze Van mit den getönten Scheiben der Auffahrt entgegen. Fans standen vor dem zweistöckigen Flachdachhaus, das sie Bungalow nannten.

Über den Stil des Hauses ließ sich streiten. Dylan hatte aufgegeben, die Vorzüge dieser Architektur zu verteidigen. Selbstverständlich wäre mehr Wohnfläche von Vorteil, doch das geräumige Tonstudio im Keller und der geschützte Garten hinter dem Haus, machten kleine Makel wieder wett.

Gedankenversunken hatte er seinen Kopf gegen die Scheibe gelehnt. Wortlos signalisierte er dem Chauffeur, einfach weiterzufahren. Auf fanatische Anhänger konnte er derzeit verzichten. Warum standen sie hier, tagtäglich? War es nicht ausreichend, was die Zeitungen schrieben? Hatten sie nicht genug Songs komponiert, Videos gedreht und Konzerte gegeben?

Der Metallzaun schob sich zur Seite. Ohne zu grüßen, ohne ihnen ein Lächeln zu schenken, ließ sich Dylan bis vor die Haustür fahren.

Unter den Fans hatte er Cay erblickt. Als Leiter des Fanclubs nahm er der Band lästige Arbeiten ab. Er betrieb Merchandising, vergab Backstage-Karten und machte Werbung. Einmal im Monat erschien sogar ein Fanzine.

Dylan stieß ein unzufriedenes Brummen aus. War es wieder soweit? Musste er sich Cays Fragen stellen und sich dabei zwingen, nicht einfach die Wahrheit zu sagen? Dylan Perk war ein Kunstobjekt. Die kaputte Seele hinter dieser Fassade war dabei, sich zu regenerieren. Das ging keinen Fan der Welt etwas an.

„Ich brauche dich nicht mehr, danke!“ Dylan schwang seine langen Beine aus dem Wagen. An seinen Füßen saßen schwarze Stiefel, die mit metallenen Kappen versehen waren. Bei jedem Schritt klapperten die silbernen Verschlüsse.

Um sein Handgelenk baumelte eine Handtasche in Lackschwarz. Der kleine Shopping Ausflug hatte ihm gut getan. In den eigenen vier Wänden kam er sich mittlerweile wie ein Gefangener vor. Kaum merklich warf er einen Blick hinter sich. Cay hatte das Anwesen betreten. Das Metallgitter schloss sich und die Fans blieben vor dem Zaun stehen. Sie riefen seinen Namen und bettelten um Fotos und Autogramme. Leidend hob Dylan die Hand und grüßte. Mehr auch nicht. Der Van parkte unter dem Carport. Der bullige Chauffeur stieg aus und nahm seinen Job als Wachmann wieder auf. Mit energischer Stimme schickte er die Fans weg.

Eine beruhigende Geste.

„Ihr müsst mir neue Autogrammkarten unterschreiben!“, forderte Cay. „Ich bin alle losgeworden!“ Er strahlte über das Gesicht. Da er flachere Schuhe trug, als Dylan, musste er zu seinem Idol aufgucken. „Du hast doch Zeit, oder?“

„Weniger …“ Dylan wandte sich der Tür zu und schloss auf. Obwohl er sich abweisend zeigte, folgte Cay wie ein Schatten.

„Wir müssen aber unbedingt das Interview machen“, fuhr Cay fort. „Seit diesem Zwischenfall während eures Urlaubs überschütten uns die Fans mit Post und Fragen.“

Dylan stöhnte genervt. Den Haustürschlüssel legte er auf den Wohnzimmertisch. Geschickt schälte er sich aus seiner schwarzen Felljacke und ließ sie auf einen der Sessel fallen. „Was wollen sie denn noch wissen?“ Eine Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht. Mit einer affektierten Bewegung strich er sie beiseite. „Wurde nicht mehr als genug darüber berichtet?“

Cay zögerte mit der Antwort. Stattdessen wanderte sein Blick an Dylan auf und ab. Still betrachtete er das enge Oberteil, das die schmalen Schultern und die sehnigen Arme dünn bedeckte. Mit großen Augen fixierte er den Nietengürtel, der vielleicht etwas zu eng gezogen war und Dylans Hüften extrem schmal aussehen ließ. In den hohen Boots und der maßgeschneiderten Hose aus Lack wirkten seine Beine beneidenswert lang.

„Du siehst wunderschön aus“, entwich es ihm.

„Sonst noch was?“ Dylan steuerte die Küche an. Er öffnete den Kühlschrank und schenkte sich Cola ein. Unbewusst bot er seinem Gast nichts an.

„Bist du genervt? Es tut mir leid, aber ich brauche das Interview für das Zine!“

Dylan stellte sein Glas geräuschvoll ab. „Und was wollen die Fans wissen? Sicher nicht, dass wir schönes Wetter hatten, einen traumhaften Strand und glasklares Wasser. Wir haben mehreren Zeitungen über unseren Horrortrip berichtet. Wir haben erzählt, was wichtig war. Ich werde mit Sicherheit nicht erwähnen, welche ekeligen Dinge es zu essen gab, dass ich dreckig und unrasiert war und auf eine selbstgebaute Toilette gehen musste!“

„Nun werde doch nicht gleich wieder laut.“ Cay seufzte enttäuscht. Er nahm auf dem Sofa Platz. Auf Dylans schwankendes Gemüt war er jederzeit vorbereitet. Dass der die Arbeit an dem Fanzine erschwerte, war dagegen nicht absehbar.

„Die Fans wollen andere Dinge wissen.“ Er entnahm seiner Tasche einen Zettel und trug vor: „Sie möchten wissen, ob du auf der Insel neue Songs geschrieben hast. Sie fragen sich, ob deine Verletzungen abgeheilt sind und ob du die Alkoholsucht überwunden hast. Und es interessiert sie, ob es Streit gab zwischen dir und Thor.“

Dylans Mundwinkel verzog sich zur Seite. Hörbar atmete er tief durch.

„Warum sollte es Streit gegeben haben?“

„Ihr habt doch öfter Stress …“

„Wer sagt das?“

„Es wurde davon berichtet.“

Dylan trat näher. Er war kurz davor, wieder laut zu werden. „Jedes Paar hat mal Probleme, oder nicht?“

Mit gesenktem Haupt kritzelte Cay auf dem Papier herum. „Seid ihr wirklich ein richtiges Paar?“

„Ich bin nicht nur mit ihm zusammen, weil er gut fickt.“

Da sah Cay auf. „Sei doch nicht so direkt!“

„Ist doch so …“ Dylan wich seinem Blick aus. Durch das Verandafenster konnte er auf den Garten blicken. Der Himmel war bewölkt und grau. Das war für die herbstliche Zeit nicht unüblich. Eigentlich regnete es ständig. In Norwegen lag sicher schon Schnee. „Sorry, echt, ich hab dafür keinen Nerv. Bevor ich verreise, muss ich noch einiges erledigen.“

„Dann plant ihr derzeit keine neuen Songs?“

Dylan schüttelte den Kopf. „Mit der nächsten Platte lassen wir uns Zeit. Außerdem brauche ich dringend einen Tapetenwechsel.“

Er wurde ungeduldig und schielte zur Treppe.

„Und du meinst, in Oslo kannst du dich besser erholen?“

Dylans Blick schwirrte zurück. „Warum nicht?“

Cay zog die Achseln etwas hoch. „Weiß nicht. Es gab bisher immer irgendwelche Probleme, wenn du in Norwegen warst.“

„Wüsste nicht, was dich das angeht!“ Dylans Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Und überhaupt, wo wir gerade beim Thema sind …“ Er stoppte. War es richtig, davon zu beginnen? So kurz vor seiner Abfahrt? Jetzt, in diesem Moment, in dem er seinen größten Fan schon mehr als genug geschmäht hatte. „Das mit uns …“

„Ja?“ Cay kam auf die Beine und gleich ein paar Schritte näher. Seine Mundwinkel zuckten. Wollte er lächeln? Oder war es die Unsicherheit, die an ihm nagte?

„Das muss aufhören.“

„Wie meinst du das?“ Cays Augen weiteten sich ängstlich. War es nicht offensichtlich, worauf Dylan hinauswollte?

„Dieses …“ Dylan machte eine abfällige Handbewegung. „Na, du weißt schon. Ich will es nicht mehr.“

„Aber ...“ Cays Stimme versagte. Augenblicklich wurden seine Augen feucht. „Ich weiß, dass du Thor hast. Ich habe nie verlangt, dass du ...“ Er wollte nach Dylan greifen, doch der wich ihm aus.

„Ja, ich habe Thor und das reicht mir.“

Cay zog seine Hand zurück. Fassungslos starrte er sein Gegenüber an. Der machte seine Entscheidung deutlicher.

„Ich brauche kein Groupie; weder für Sex noch für sonst was. Hey, du bist zehn Jahre jünger als ich. Das ist wirklich lächerlich.“

Cay schwieg. Eine Träne glitt über seine Wange. Mit dem Ärmel seines schwarzen Shirts strich er sich über die Lider. Er griff nach der Tasche und ließ dabei den Zettel fallen, dann stürmte er aus dem Haus.

„Mensch, Cay, nun warte doch mal!“

Sachte drückte er den Koffer zu. Die Nachdenklichkeit in seinem Gesicht blieb bestehen. Nochmals sah er zum Kleiderschrank und dann auf das Bett, auf dem sich die Kleidungsstücke zu Bergen türmten. Seit einer Woche war er dabei, seinen Koffer zu packen. Jedes Mal, wenn er meinte, damit fertig zu sein, kamen die Zweifel, sodass er den kompletten Inhalt wieder herausnahm und abermals sortierte.

„Was war denn jetzt wieder los? Cay konnte mir nicht einmal in die Augen sehen.“

Tony unterbrach seine Betrachtung, indem er ins Zimmer trat und den Blickkontakt suchte.

„Ich habe mit ihm Schluss gemacht“, gab Dylan bekannt, ganz bedacht, nahezu gleichgültig.

„Er hat geweint“, berichtete Tony. „Hättest du nicht einfühlsamer vorgehen können?“

„Dann kapiert er es nicht und steht nach dem nächsten Gig wieder vor meiner Tür!“

Erst jetzt wandte sich Dylan seinem Manager zu. „Was willst du eigentlich? Du hast mich darum gebeten, die Sache mit ihm zu beenden!“

„Du hättest sensibler vorgehen können. Er hat angedeutet, die Arbeit im Fanclub niederzulegen.“

„Dann ist es eben so!“ Dylan blieb konsequent. „Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn mit dieser Aufgabe zu behelligen.“

Tony hob die Hände fragend empor und ließ sie wortlos wieder fallen. Dylan registrierte, wie unzufrieden er aussah. Und nicht nur das: Er war blasser und stiller geworden.

„Warst du bei Carol?“

Tony nickte.

„Und?“

„Sie hat Blut abgenommen und mich auf Diät gesetzt.“ Tony entwich ein gequältes Lachen. „Dabei habe ich seit unserem Urlaub genug abgenommen.“ Ungeniert gab er das Ergebnis der Untersuchung Preis. „Sie tippt auf Angina Pectoris. In ein paar Tagen muss ich zum Kardiologen.“

„Oh, shit!“ Dylan legte seine Hand auf Tonys Schulter. Dass sein Manager ernsthaft krank war, wollte er nicht wahrhaben, dabei waren die Anzeichen, die schon während des gemeinsamen Urlaubs auftraten, eindeutig gewesen. Tony war zu schnell erschöpft. Bei Turbulenzen bekam er Schweißausbrüche und einen roten Kopf. Zusätzlich klagte er über Herzstiche.

„Das wird schon wieder.“ Tony zwinkerte ihm zu. Beiläufig betrachtete er den Koffer. „Du hast gebucht?“

„Noch nicht. Aber ich werde heute Abend mit Thor darüber sprechen.“

„Okay.“ Tony wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht. „Erik bleibt noch eine Weile hier. Du wirst also mit Thor allein sein.“

„Das freut mich für dich. Dann ist jemand da, der sich um dich kümmert.“ Dylan wandte sich wieder der Kleidung zu. Einige Sachen wollte er zurück in den Schrank legen. Er zögerte. Sollte er doch noch einmal überdenken, was er eingepackt hatte?

„Um mich geht es mir gar nicht“, erwiderte Tony.

„Nun komm’ mir nicht wieder mit irgendwelchen Schwarzmalereien!“ Dylan packte die restliche Kleidung in den Schrank. Sollte etwas fehlen, konnte er in Oslo einkaufen gehen. „Ich reise nach Norwegen und dabei bleibt es.“

Wie immer war er nervös, als er Thors Nummer wählte, dabei sollte es Routine sein. Fahlstrøm rief dagegen selten an, was Dylan ihm nicht verübeln konnte. Thor hatte eine Abneigung gegenüber der modernen Kommunikation. Er schrieb selten eine SMS und noch seltener eine E-Mail. Dylan war froh, dass er ab und zu wenigstens das Handy anstellte, denn ein normales Telefon besaß Thors Haus nicht.

Er ließ es lange klingeln, bis das Freizeichen verstummte und das Gespräch entgegen genommen wurde.

„Mmh, ja?“

„Ich bin’s …“

„Ich sehe es auf dem Display, Perk. Was gibt’s?“

Dylan zögerte. Konnte sich Thor nicht denken, warum er anrief? Mehr als 2 Monate waren vergangen, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Die gemeinsame Südseereise endete ohne Absprache. Thors Einladung nach Oslo stand noch immer aus.

„Ich rufe wegen des Urlaubs an. Wann soll ich zu dir kommen? Hast du dich schon entschieden?“

„Dein Anruf kam dazwischen.“

„Ach!“ Dylan stutzte. Sollte das ein Witz gewesen sein? Fahlstrøm lachte nicht.

„Wie sieht es mit übermorgen aus?“

„Ich habe nichts vor …“

Dylans Fingerkuppen glitten auf das Touchpad. Der Cursor wanderte auf den Button.

„Also, dann passt es dir?“

„Mmh.“

Er tippte noch einmal auf das Pad und aktivierte den Button. Der Flug war bestätigt. Entspannt lehnte er sich zurück.

„Ich freu mich auf Norwegen, und natürlich auf dich … Ich muss endlich weg hier.“

*

Dylan trat an den Schalter heran. Er stellte das Gepäck neben sich ab und rückte den Rucksack auf seinem Rücken zurecht.

„God Morgen!“, startete er das Gespräch. „Jeg vil gjerne ha …ehm … Kan jeg få …“ Er stoppte. Das norwegische Wort für Leihwagen war ihm entfallen. Sein Blick landete auf einem Flyer. „En ... leie ... bil?“

Ehe die Dame am Schalter etwas erwiderte, erklang eine vertraute Stimme.

„Du brauchst keinen Mietwagen, Perk!“

Perplex drehte er sich um. Thor Fahlstrøm stand dicht hinter ihm. „Was machst du denn hier?“

„Dich abholen!“ Thor griff sich den Koffer. Auf Norwegisch erklärte er der Frau, dass kein Wagen benötigt werde.

„Das ist ja eine Überraschung!“ Dylan staunte. Er nahm den Schminkkoffer in die Hand und folgte Thor zum Ausgang. „Woher wusstest du, welchen Flieger ich nehme?“

„Konnte mir denken, dass du die erste Maschine am Morgen nimmst.“

Kaum hatten sie die Mietzentrale verlassen, wurde Thors Gang schneller. Dylan konnte schwer Schritt halten. Einer der Jeeps stand in der Nähe des Ausgangs.

„Du hast es aber eilig!“

„Ich habe keine Lust, auf Fans oder Reporter zu treffen!“

Thor hievte das Gepäck in den Kofferraum. Er stutzte. „Nur zwei Taschen?“

Dylan legte den Rucksack dazu. „Na ja, Klamotten und Schminkzeug, ein paar persönliche Sachen …“

„Hast wohl nicht vor, länger zu bleiben?“

„Doch, klar!“

Thor erwiderte nichts mehr, sondern nahm im Auto Platz. Dylan schaffte es gerade noch, sich anzuschnallen, da brauste Thor auch schon davon. Zügig durchquerten sie die Stadt. Dylan sah sich einige Male um, doch für längere Betrachtungen der Gegend war keine Zeit. Er blickte nach vorne.

„Darf ich im Auto rauchen?“

„Mmh.“

Er entzündete eine Zigarette. Die tat richtig gut. Erst jetzt bemerkte er, wie aufgeregt er gewesen war. Wie immer hatte er sich ein romantisches Wiedersehen herbeigesehnt und wie angenommen, zerstörte Thor all seine Vorstellungen. Aber darüber konnte er hinwegsehen. Die Gewissheit, endlich wieder bei ihm zu sein, machte alle grüblerischen Gedanken ungeschehen.

Das Wetter war regnerisch. Graue Wolken hingen über den Bergen. Die Sicht war trüb. Trotzdem kam Dylan der Weg vertraut vor. Er war hier nicht mehr fremd. Als sie in die Sognsveien einbogen, hatte er das Gefühl, heimzukehren. An dem ersten Haus, das im Wald stand, fuhren sie vorbei.

„Ich hoffe, deinem Großvater geht es gut?“

„Ja, es geht ihm gut.“ Thor war weiterhin kurz angebunden, doch seine verkrampfte Körperhaltung lockerte sich, je tiefer sie in die Wildnis fuhren. Erst, als sie bei den Häusern von Thor und Erik angelangt waren, äußerte sich Dylan wieder. „Scheint viel geregnet zu haben!“

Er stieg aus dem Wagen und umkreiste auf dem Weg zum Haus einige Pfützen. Die zwei weißen Schäferhunde stürmten bellend auf ihn zu. „Nei da!“ Dylan verhinderte in letzter Sekunde, dass sie an ihm hochsprangen.

Im Haus stellte Thor den Koffer ab. Dylan packte die Schminktasche und den Rucksack daneben. Ihre dicken Jacken hängten sie an die Garderobe.

„Eigentlich ziehe ich die Schuhe am Eingang aus.“

Mit wenigen Griffen löste Thor seine Schnürsenkel. Er strich die schwarzen Stiefel von den Füßen. Diesen Brauch kannte Dylan von seinen letzten Aufenthalten, sodass er ihn nachmachte. „Kein Problem. Das erspart ja auch unnötigen Dreck!“

Sie standen sich gegenüber. Seit Wochen hatte er diesen Moment herbeigesehnt. In Thors blaue Augen zu sehen und ihm näher zu sein, als jeder andere, war für ihn die größte Erfüllung. „Vielleicht sollte ich meine Sachen auspacken?“, stammelte er.

„Vielleicht …“

Nahezu zeitgleich bückten sie sich nach dem Koffer. Es fehlte nicht viel und ihre Köpfe wären aneinandergestoßen. Kurz berührten sich ihre Hände. Ohne das Gepäck zu ergreifen, richteten sie sich wieder auf.

Was Dylan spürte, konnte er schwer in Worte fassen. Thor hasste romantische Phrasen. Deswegen erklärte er nicht, was in ihm vorging. Er umschlang Thors Hals mit seinen Armen. Fahlstrøm erwiderte die Umarmung und sie versanken in einem Kuss. Warum musste es auch immer so lange dauern, bis sie miteinander warm wurden?

„Das Gepäck kommt nach oben, ja?“

Immer wieder presste Dylan seine Lippen auf Thors Mund.

„Mmh …“

„Ins Schlafzimmer?“

„Ja …“

Dylan löste sich schwerfällig. Umso gezielter griff er Koffer und den Rucksack. Ein Lächeln umspielte seinen Mund, als er die Treppe nach oben erklomm. Thor packte den Schminkkoffer und folgte. Im Schlafzimmer stellten sie die Sachen ab, dann sahen sie sich wieder an.

„Was ist mit deiner Lippe passiert, Perk?“ Thors Stirn zog sich nachdenklich zusammen. Dazu fixierte er den Ring, der rechtsseitig durch Dylans Unterlippe gezogen war.

„Na ja, ich dachte …“ Dylan berührte das Schmuckstück an seinem Mund. „Gefällt es dir nicht?“

Thor sprach keine Antwort aus. Er nahm den Kuss wieder auf. Dylan erwiderte ihn stürmisch. Nebenbei schob er sein Shirt von der Haut und ließ es einfach auf den Boden fallen. Thor machte es ihm nach. „Denke nicht, dass es mir nur darum geht …“

Mit hektischen Bewegungen kleidete sich Dylan weiter aus. „Das ist wirklich nicht das Wichtigste.“

Er landete mit dem Rücken auf dem Bett. Einladend spreizte er die Beine.

„Nicht das Wichtigste?“

Thor konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Seine Hose war inzwischen geöffnet. Vor dem Bett sank er auf die Knie. Er fasste nach den schlanken Beinen seines Partners und zog ihn zu sich heran. Dylan brummte genüsslich, als er die Zunge bemerkte, die ihn leckte und schlüpfrig machte.

„Es sollte nicht das Wichtigste sein, aber jetzt will ich nur, dass du mich fickst.“

Dylan tastete nach Fahlstrøm. Er signalisierte, dass er sich nach nichts anderem sehnte. Thor schob sich auf seinen Körper und zwischen seine Beine. Dylan stöhnte, als er zeitgleich die ersehnte Härte bemerkte, die sich zuerst an ihm rieb und sich anschließend in ihm versenkte. Thor war auf seinen linken Unterarm gestemmt. Mit der rechten Hand umfasste er Dylans Geschlecht. Gleichmäßig stieß und rieb er seinen Partner.

„Ja, mach’s fester!“ Dylan genoss jede Bewegung. Thor zog das Tempo an. „Oh, fuck ist das gut, noch fester, ja, oh ja …“

Er verfolgte, wie sich Thor rhythmisch vor und zurück bewegte und wie dessen Hand ihn dazu mit angemessenem Druck verwöhnte. Der Anblick war so erregend, dass Dylan schnell kam.

Gerne hätte er seinen Orgasmus hinausgezögert, doch die lange Abstinenz ließ ihn viel zu schnell die Beherrschung verlieren. Er bekam nicht einmal mit, wie Thor seinen eigenen Höhepunkt erlangte. Er konnte es nur erahnen, denn Fahlstrøm atmete schwer und sein Körper war verschwitzt, als er sich löste und neben Dylan auf die Bettdecke glitt.

„Ich verlange dir einiges ab, was?“ Dylan hörte nicht auf, Thor zu betrachten. Der brachte nur ein kurzes Lächeln zustande.

„Alt wird man mit dir sicher nicht.“

Thors Miene wurde wieder nachdenklich. Sein langes Haar war zu einem Zopf gebunden, die hohen Wangenknochen ließen sein Gesicht unheimlich schmal aussehen, was der spitze Bart am Kinn unterstrich.

„Ich hatte gehofft, dass unser Begrüßungssex etwas länger andauern würde.“ Dylan seufzte ernüchtert.

„Wer sagt, dass ich mit dir schon fertig bin?“

„Ach, du willst auch noch mal?“

„Perk, wenn du mir zwischendurch Zeit gibst, kann ich mehr als einmal.“

Das Lächeln in Dylans Gesicht kehrte zurück. Erwartungsvoll schob er seinen Oberkörper auf Thors Brust. „Und ich will mehr als einmal.“

Es war dunkel geworden. Dylan fror. Der dünne Schweißfilm auf seiner Haut erzeugte eine kühle Gänsehaut. Sein Zopf hatte sich gelöst. Seine schwarzen Haare lagen zerzaust auf seinen Schultern auf.

„Auch wenn ich es morgen früh bereuen werde, sollten wir aufhören. Ich bin völlig alle.“ Er lächelte verlegen. Mit einer langsamen Bewegung zog er die Decke über seinen nackten Körper. Anerkennend blickte er Thor an. „Was wohl auch kein Wunder ist, bei fünf Orgasmen.“

„Es waren nur drei, Perk.“

„Echt?“ Dylan lachte mutiger. Er drehte sich auf den Rücken zurück. „Mir kam es öfter vor.“

Ein gluckerndes Geräusch durchbrach die Stille. Thor drehte sich sofort zu ihm um.

„Hast du Hunger?“

Dylan hob die Schultern an. Er horchte in sich hinein und verspürte tatsächlich großen Appetit. Ein Blick auf den kleinen Wecker am Bett zeigte, dass der Abend weit fortgeschritten war.

„Seit dem Flug habe ich nichts mehr gegessen. Und Durst habe ich auch.“

„Warum sagst du nichts?“ Thor schwang sich aus dem Bett. Als er nackt davor stand und seine enge Unterhose anzog, bedauerte Dylan sofort, dass ihn seine Ausdauer im Stich gelassen hatte.

„Ich mach uns was zum Abendessen.“ Thor kleidete sich weiter an.

Dylan sah wieder zur Uhr. „Ziemlich spät für Diner, oder?“

„Daran musst du dich gewöhnen, Perk. In Norwegen läuft einiges später an.“

„Ach ja?“ Dylan grinste. „Davon habe ich noch nicht viel bemerkt.“ Er drehte sich auf die Seite und beobachtete, wie Thor sich in Lederhose und Pullover kleidete.

„Lass mich raten: Es gibt wieder Fisch und Kartoffeln?“

Fahlstrøm erwiderte das Lächeln. „Das geht am einfachsten.“

Der Geruch von gebratenem Fisch und frischen Kartoffeln hatte sich im Haus ausgebreitet. Mit schnellen Bewegungen rührte Thor Kräuter und Quark in einer Schüssel zusammen, da bemerkte er Dylan, der hinter ihn trat.

„Das riecht lecker.“

Thor drehte sich um. Sein Partner war angezogen, doch trug er nicht das schwarze Shirt vom Morgen, sondern einen grau-schwarzen Norwegerpullover.

„Musstest du dich wieder an meinem Schrank bedienen?“

„Darf ich nicht?“

„Doch.“

Dylan strich über die grobe Wolle des Oberteils. „Der ist selbstgemacht, oder?

„Meine Großmutter hat viel gestrickt. Ich habe einige davon.“ Thor beendete das Hantieren in der Küche und trug die Speisen zum Esstisch.

„Was ist mit deiner Großmutter passiert?“

Thor zögerte die Antwort hinaus. Sorgfältig verteilte er Teller und Besteck. „Es war ein Unfall in den Bergen.“

Dylan reagierte betroffen. „Das tut mir leid.“ Er folgte an den Tisch, wo sie sich setzten. „Das muss schlimm gewesen sein für deinen Großvater.“ Er dachte nach. „Und deine Eltern? Wohnen die auch in Oslo?“

„Mmh.“ Thor verteilte den Fisch auf die Teller.

„Und wo?“

„Auf der anderen Seite der Stadt.“

„Siehst du sie ab und zu?“

„Nein.“

Das hatte Dylan vermutet. Er nahm sich Kartoffeln und fragte weiter: „Und dein Bruder? Du hast erzählt, dass du einen Bruder hast. Hast du noch mehr Geschwister?“

„Was soll das werden, Perk? Ein Verhör?“

„Nein, ich dachte nur …“

„Dann hör auf mit den dämlichen Fragen.“

Thors dunkle Stimme klang gereizt. Er stieß mit der Gabel ins Essen, als sei es noch am Leben.

Dylan beendete die Fragerei. Vielleicht war es besser, Thor nicht gleich am ersten Abend mit seiner Neugier zu belästigen. Er nahm einen Schluck Wasser.

„Habe ich schon erzählt, dass ich seit 62 Tagen keinen Alkohol angerührt habe?“

„Führst du Buch?“

Dylan nickte. „Mein Psychiater hat mir dazu geraten.“

Er dachte gerne an das kleine blaue Heftchen, in dem er jeden Abend einen Vermerk machte. Am Anfang war es wie ein Spiel gewesen, doch jetzt empfand er sein Verhalten als eine große Herausforderung. Hatte sich Dylan noch vor wenigen Monaten dazu durchgerungen, weniger zu trinken, wollte er inzwischen gänzlich darauf verzichten.

Thor kaute unbekümmert weiter. „Und was sagt er noch, dein Psychiater?“

Dylan war froh, dass Thor nachhakte. Irgendwie lag ihm diese Angelegenheit im Magen. Obwohl es nach seinen Alkoholexzessen und der verheerenden Südsee-Reise offensichtlich war, dass er fachmännische Betreuung benötigte, hatte er das Gefühl, Thor nicht mit diesen Problemen konfrontieren zu wollen.

„Wir arbeiten erst einmal die Vergangenheit auf. Meine Kindheit, die Jugend …“

„Also nur Gefasel.“ Thor schüttelte den Kopf. Er brachte es auf den Punkt. „Lebt dein Vater noch? Ich würde ihm gerne die Fresse polieren.“

„Das macht es auch nicht ungeschehen.“ Dylan seufzte. „Er ist krank; kommt vom Saufen. Ich weiß nicht, ob er es noch lange macht.“ Er kratzte den Rest der Speisen auf dem Teller zusammen, nahm einen letzten Bissen und legte das Besteck beiseite. In Momenten wie diesem sehnte er sich nach einem Drink. „Ist mir eigentlich auch egal.“

„Man sollte ihn bestrafen für das, was er dir angetan hat!“

„Gewalt ist nicht immer eine Lösung.“ Dylan strich sich über die Arme. Als Kind hatte er regelmäßig Prügel einkassiert. Und er selbst war mehr als einmal gewalttätig gewesen. Vielleicht wurde ihm das Verhalten sogar in die Wiege gelegt. Wenn ihm die Worte ausgingen, konnte er nur um sich schlagen. Es musste tatsächlich allerhand Schlimmes passieren, damit er begriff, dass seine Wutausbrüche keine passende Antwort waren. Die Erkenntnis darüber kam schleppend, aber immerhin konnte er offen darüber reden.

Ihr Dialog endete abrupt. Nur das Knistern des Kaminholzes drang durch den Raum, der wenig beleuchtet war. Draußen war es so dunkel, dass man nicht durch die Fenster blicken konnte. Die hölzerne Inneneinrichtung trug zur gedämpften Atmosphäre bei. Dylan beschloss, den Tag, der eigentlich schön begonnen hatte, nicht mit bedrückenden Gesprächen zu beenden.

„Was machen wir morgen?“, fragte er deswegen.

Thor zuckte mit den Schultern. „Ich muss Brennholz schlagen, mit den Hunden raus … wie immer. Vielleicht zieh ich auch das Boot aus dem Wasser. Es wird Winter.“

„Aha.“ Dylans Begeisterung ebbte ab. Es sah nicht so aus, als würde ein Abenteuerurlaub vor ihm liegen. Doch ebenso war er gespannt auf das ruhige und idyllische Leben, das Thor genoss.

Es war morgens und das Schlafzimmer lag noch im Dunklen. Kaum waren sie wach geworden, hatten sie sich umarmt – ohne Worte und ausnahmsweise zärtlich. Obwohl der Geschmack der letzten Zigarette vom Abend auf ihren Zungen lag, versanken sie in einem intensiven Kuss. Dylan regte sich nicht, als sich Thors fester Körper auf ihn schob und darauf regungslos verweilte. Es machte nicht den Anschein, als wollte er schnellen Sex. Ihren Kuss unterbrachen sie notgedrungen, als Dylans Handy klingelte.

Thor löste die Umarmung als Erster und schielte missgestimmt auf das Mobiltelefon.

„Sorry“, entwich es Dylan. Er tastete nach dem Handy, das auf dem Nachttisch lag.

„Wenn es Tony ist, dann …“

Dylan blickte auf das Display. Es war Tony.

„Hi … Du ich kann jetzt schlecht, ruf doch nachher noch einmal an, okay?“

Dylan beendete das Gespräch, doch es war zu spät. Thor hatte sich aus dem Bett erhoben.

„Nun sei doch nicht so …“, knurrte Dylan. Unauffällig ließ er seine Hand wieder unter der Bettdecke verschwinden. Thors Nähe hatte ihn erregt. Vorsichtig strich er über sein Geschlecht, in dem es verlangend pulsierte.

„Derartige Störungen kann ich nicht leiden!“

Thor verschwand im Badezimmer. Als er geduscht und komplett angezogen die Treppe nach unten nahm, war der Klingelton des Handys abermals zu hören. „Ja? Oh, Carol, danke für deinen Anruf.“

Frischer Kaffeeduft drang ihm in die Nase. Thor saß am kleinen Esstisch und frühstückte bereits. Die Schäferhunde lagen ihm zu Füßen. Bettelnd hatten sie ihre Schnauzen nach oben gerichtet, doch Thor missachtete das Winseln seiner Hunde.

Dylan setzte sich. Als er nach dem Brot griff, beobachtete er, wie Thor Zucker auf seinen mit Butter beschmierten Toast streute.

„Das ist ja lustig!“ Interessiert machte Dylan es ihm nach. Da klingelte das Handy erneut.

Fahlstrøm sah sofort auf.

„Ich stelle es gleich ab!“, versicherte Dylan. Er zog das Handy aus seiner Hosentasche und stand auf. Mit gedämpfter Stimme nahm er das Gespräch entgegen.

„Hi Clifford, danke dir … Ja, mir geht es gut … Oh, das ist lieb, grüß sie zurück. Nein. Wir haben es eher ruhig hier, mmh, ja.“

Dylan beendete das Gespräch. Auf dem Weg zurück zum Esstisch, registrierte er, dass zwei Kurznachrichten eingegangen waren. Von Julia und Angus.

Zähneknirschend nahm er wieder Platz, dabei legte er das Mobiltelefon neben sich ab. Den Blick konnte er jedoch schwer davon abwenden.

Fahlstrøm schenkte ihm Kaffee ein.

„Ich hab nichts dagegen, wenn du deine Sachen im Bad ausbreitest, aber wozu brauchst du Hämorrhoiden-Salbe?“

„Die hilft bei Augenringen.“

„Du hast keine Augenringe, Perk!“

„Ja, weil ich die Salbe benutze …“

„Und wozu brauchst du Intimlotion?“

Dylan unterbrach das Essen. Musste er das wirklich erklären?

„Hat mir Carol empfohlen. Die Creme macht die Haut unheimlich geschmeidig, gerade dann, wenn man es oft miteinander treibt.“

Thor sah ihn unbeeindruckt an.

„Außerdem sollten wir …“ Dylan stoppte. War nun der passende Moment gekommen, um Thor von dem Gleitgel zu erzählen? Seine Ärztin hatte ihm geraten, es zusätzlich zu benutzen. Das Handy läutete abermals. Diesmal drückte er das Gespräch weg.

„Sag mal, Perk, kann es sein, dass du heute Geburtstag hast?“

Dylan lächelte, wobei seine blassen Wangen erröteten. „Ja, kann sein.“

„Und wieso erzählst du es nicht?“

Er hob die Schultern an. War es ihm unangenehm, davon zu berichten? Er wusste partout nicht, wie Thor zu derartigen Feierlichkeiten stand. „Ist doch egal.“

„Deinen Freunden scheint es nicht egal zu sein.“

Dylan wägte ab. „Tony organisiert meistens eine Party, mit Buffet und vielen Leuten. Ist immer ganz nett.“ Sein Blick verlor sich zwischen den Marmeladengläsern, die auf dem Tisch standen. Syltetøy – so hieß Marmelade auf Norwegisch. „Aber nun bin ich ja hier.“

Er sah wieder auf und zwinkerte Thor zu. „Wann hast du eigentlich Geburtstag?“

„Unwichtig …“ Thor hatte zu Ende gegessen. Er kam auf die Beine, woraufhin die Hunde aufsprangen. „Ich bin draußen.“

Dylan sah durch die schmutzigen Fenster. Es regnete in Strömen. „Bei dem Wetter?“

„Ich geh bei jedem Wetter raus.“

„Okay.“ Dylan nickte. Er überlegte, was er in der Zwischenzeit machen könnte. „Darf ich an deinen Computer? Ich werde E-Mails haben.“

Thor hatte sich in einen dicken Parka mit Kapuze gekleidet. Die Hunde nahm er kurz an die Leine. „Von mir aus, aber surf nicht auf irgendwelchen Pornoseiten, sonst gibt’s Ärger!“

Er hatte tatsächlich mehrere E-Mails erhalten. Die meisten seiner Bekannten wussten nichts von seinem Urlaub in Norwegen. Nur sein engster Freundeskreis war eingeweiht. Sogar Cay hatte ihm geschrieben, obwohl ihr letztes Treffen so unglücklich verlaufen war. Seine Nachricht war kurz und spiegelte keine Emotionen wieder. Dylan fragte sich, wie es mit dem Fanclub weitergehen konnte. Ob Cay seine Arbeit fortsetzen wollte, stand in den Sternen.

Dylan besuchte die Webseite von RACE. Ebenfalls sah er sich die Facebookseite der Band an. Auch dort waren unzählige Glückwunschnachrichten eingegangen. Und immer wieder die Frage nach neuen Songs. Ihre Fans waren unersättlich.

„Perk, kommst du runter? Ich wollte frischen Kaffee machen.“

Er sah auf. Es waren mehr als zwei Stunden vergangen und er saß noch immer vor dem Computer. Eigentlich hatte er angenommen, dass er während des Urlaubs ohne Computer auskommen würde. Er war erleichtert, dass Thor nicht mehr genervt war.

„Sicher, ich schreibe nur schnell eine Nachricht.“

Er drehte sich herum. Thor lehnte am Türrahmen. Seine Haarspitzen kringelten sich feucht, auch seine Hose war nass geworden. Er machte jedoch keine Anstalten, um sich umzuziehen.

„Mistwetter draußen, was?“

Thor zuckte mit den Schultern. „Sei froh, dass wir hier nicht in Bergen sind. Dort gibt es doppelt so viele Regentage, wie in Oslo.“

Dylan nickte. „Davon habe ich gehört.“

„Sogar in London hast du mehr Regen.“ Thor zwinkerte ihm zu und deutete zur Treppe. „Bin unten.“

Dylan schrieb einige Antwortmails. Aus einer Nachricht wurde schnell eine Handvoll. Wenigstens bei seiner Plattenfirma und den engsten Vertrauten der Band wollte er sich für die Glückwünsche bedanken. Er überlegte, ob er auch Cay antworten sollte, und entschied sich dagegen.

Die Geräusche in der Küche hatten nachgelassen. Es war ruhig im Erdgeschoss, als Dylan nach unten kam. Ein Duft nach Gebackenem lag in der Luft.

Thor saß im Wohnzimmer auf der Couch. Der Kamin brannte und auf dem Tisch standen angezündete Kerzen. Eine Kaffeekanne und Becher waren bereitgestellt. In der Mitte des Tisches stand ein Teller, auf dem sich frische Waffeln türmten.

Ungläubig trat Dylan näher. „Ist das … für mich?“

Thor kam auf die Beine. „Auf die Schnelle konnte ich nichts Besseres organisieren.“ Er räusperte sich. Schließlich stimmte er ein Lied an. Seine dunkle Stimme hallte durch das Haus:

Hurra for deg

som fyller ditt år!

Ja, deg vil vi gratulere!

Alle i ring omkring deg vi står,

og se nå vi vil marsjere.

Høyt våre flagg

vi svinger. Hurra!

Ja, nå vil vi riktig feste!

Dagen er din, og dagen er bra,

men du er den aller beste!

Se deg om i ringen hvem du vil ta!

Dans en liten dans

med den du helst vil ha!

Vi vil alle sammen

svinge oss så gla’;

og en av oss skal bli den neste

- til å feste!

Nach wenigen Zeilen jaulten die Hunde. Als Thor fertig war, konnte Dylan nur grinsend den Kopf schütteln. Er klatschte Beifall.

„Wow! So ein Ständchen habe ich noch nie erhalten. Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber es war wunderbar!“

Thor lachte mit. „Ist auch besser, dass du nicht alles verstanden hast.“

Er zögerte, kam näher und drückte Dylans Körper an sich. „Gratulerer med dagen.“

„Tusen takk!“ Dylan erwiderte die Umarmung. Er war mehr als überrascht. Neugierig blickte er auf den Kuchen, als sie sich voneinander lösten. „Und das ist …?“

„Ostekake med blåbær“, erklärte Thor.

„Wie?“

„Käsekuchen mit Heidelbeeren.“

„Wo hast du den so schnell herbekommen?“

„Ich war beim Bäcker.“

Dylan staunte. „Ich denke, du gehst nicht in die Stadt.“

„Normalerweise auch nicht.“ Thor wich dem Blickkontakt aus. Stattdessen ergriff er ein Küchenmesser. Damit schnitt er den Kuchen in mehrere Stücke.

Er war dabei leicht nach vorne gebeugt. Sein Gesäß zeichnete sich in der engen Lederhose kaum ab. Auf Dylan wirkte der Anblick dennoch anziehend.

„Noch irgendeinen speziellen Wunsch für heute?“

Dylan biss sich grinsend auf die Zunge. Von hinten schmiegte er sich an Thors Körper. Seine Hände glitten sanft über Fahlstrøms Hinterteil.

„Ich hätte da einen Wunsch, schon seit Langem.“

„Vergiss es, Perk!“ Thor richtete sich auf, sodass Dylan seine Hände zurückzog.

„Nicht das, was du denkst!“ Er verteidigte sich. Entsprach das der Wahrheit? „Aber wie wäre es mal mit einem intensiven Blow Job? Sag nicht, dass dir das nicht gefallen würde.“

Thors Stirn kräuselte sich. „Blow Job? Kriegst du ständig.“

„Nicht ich!“, konterte Dylan. „Ich will es dir auch mal besorgen, bis zum Schluss. Immer schiebst du mich weg, bevor es richtig schön wird.“

Die gute Laune drohte zu kippen. Er schlich an Thor vorbei und nahm auf dem Sofa Platz. Irgendwie konnte er seinen Partner nicht mehr ansehen. Es war ja auch frustrierend, dass ihre Zweisamkeit oft sehr einseitig ablief. Umso erstaunter war er, als Thor hinter ihm tief durchatmete. „Vielleicht ergibt sich heute Abend ja etwas.“

Kurz vor Sonnenuntergang klarte es auf. Als Thor erneut nach seiner Jacke griff, um mit den Hunden einen letzten Spaziergang zu machen, entschloss sich Dylan, mitzukommen. Schwer hingen die nassen Tropfen an den Tannen. Im Wald leuchtete das Moos satt und frisch. Auf dem nadeligen Boden klangen ihre Schritte dumpf. Der leichte Aufstieg brachte Dylan nach einer Weile aus der Puste. Er blieb stehen und sah sich um. Es war still. Zwischen den Baumstämmen konnte er hinabsehen: auf Oslo, auf den Hafen und den Fjord. „Wunderschön hier.“

Nach weiteren Metern blieb er wieder stehen. Schneeflächen zeichneten sich auf dem Waldboden ab.

„Da ist Schnee! Wahnsinn! Siehst du das?“ Dylan staunte. Er bückte sich und formte einen Schneeball.

„Nichts besonderes hier oben, Perk.“ Thor zog die Augenbrauen zusammen. „Den meisten Einheimischen kannst du mit Schnee keine Freude machen.“

Dylan schmiss den Schneeball gegen einen Baumstamm. „Ich finde ihn schön!“

„Nicht, wenn du ihn ein halbes Jahr lang hast.“

Als Dylan sich zu Thor umdrehte, sah er, wie der einen Haufen aus Steinen baute. Wie eine kleine Pyramide türmte er sich auf. Interessiert kam Dylan näher. „Was soll das sein?“

„Das ist ein Steinmann, eine Wegmarkierung, die dich vor Trollen schützt.“

„Ach.“ Da Thor ernst blieb, verkniff sich Dylan ein Lachen. „Sind denn alle Trolle gefährlich?“

„Nicht unbedingt.“ Thor nahm den Weg wieder auf. Dabei erzählte er: „Trolle gibt es in riesenhafter Gestalt oder zwergenhafter Erscheinung. Normalerweise leben sie zurückgezogen. Ihnen wird nachgesagt, nicht sehr klug und rüpelhaft zu sein, doch sie sind sehr reich. Kämpfen tun sie eigentlich nur untereinander.“

Thor zeigte in den Himmel. „Wenn Blitz und Donner walten, tragen sie ihre Kämpfe aus.“

Dylan folgte dem Blick. Vom Himmel rieselten einzelne Schneeflocken. Spontan öffnete er den Mund, sodass ein paar Flocken den Weg auf seine Zunge fanden. Auf seiner schwarzen Kleidung erzeugten sie ein lustiges Muster.

„Wo findet man sie denn?“, fragte er.

„Süßwassertrolle leben in Seen und Tümpeln. Den Neck, den Fossegrim, findest du unter Wasserfällen. Er ist gutmütig und musikalisch. Auffällig ist seine graue Kleidung.“ Thor vertiefte seine Ausführungen. Gemächlich setzte er einen Fuß vor den anderen. „Der Draug ist ein Meerestroll. Mit seinen Stürmen und Wellen ist er der Schrecken aller Fischer. Er kann große Schiffe zum Kentern bringen.“

Es schneite kräftiger. Dylan zog die Kapuze über seinen Kopf. Unbemerkt sah er sich um. Ihnen folgte niemand. „Und im Wald?“

„Es gibt Waldtrolle, ja ... Den Skogtroll, eine Art Zyklop. Er ist der Schrecklichste unter ihnen.“

„Aber die sind nur nachts unterwegs, oder?“

„Grelles Licht kann sie zerstören. Möchtest du Jagd auf Trolle machen, musst du ihnen bei Dunkelheit auflauern.“

Thor hob belehrend einen Zeigefinger. „Also pass auf. Stolperst du über eine Wurzel oder schlägt ein Baum nach dir, sind meist Trolle dafür verantwortlich.“

Dylan blieb stehen. Ungläubig sah er Thor an. Dessen Gesicht war ernst geblieben, ungeniert erzählte er weiter:

„Es gibt auch Bergtrolle. Auf ihnen wachsen Moose und Sträucher, in ihnen nisten Vögel ... Sie können sich der Natur anpassen. Mit bloßem Auge kannst du sie nicht erkennen.“

Dylans Mund war geöffnet. Er wagte kaum, zu fragen: „Und du glaubst daran?“

*

Sie kehrten erst zurück, als es dunkel war. Dylan hatten Wanderung und Erzählung gefallen, doch nach dem Marsch war er regelrecht durchfroren.

„Es war schön draußen, aber auch kalt.“ Er deutete auf die Treppe. „Ich gehe duschen.“

Er nahm ein paar Stufen und blieb stehen. Nachdenklich sah er auf seine verdreckte Hose. „Wo kann ich eigentlich meine Wäsche lassen? Allmählich sammelt sich einiges an.“

„Pack sie im Bad in den Wäschekorb.“

Dylan verharrte mittig auf der Treppe. „Du wäschst selbst?“

Thor, der in der offenen Küche stand, nickte.

„Und wer putzt bei dir?“

„Ich.“

„Aha.“ Dylan staunte. Im Bungalow kam regelmäßig eine Putzfrau vorbei. Kleinere Aufräumarbeiten erledigte Tony. Natürlich hatten sie eine Waschmaschine im Haus, doch die benutzte eigentlich niemand von ihnen. Sie ließen die Wäsche abholen und sauber wieder anliefern. Einige der Klamotten, vornehmlich Unterwäsche und Bühnenkleidung, trug Dylan nur ein einziges Mal. Danach wanderten die Sachen in den Müll. Ab und an wurde sein Bühnenoutfit bei Wohltätigkeits-Veranstaltungen versteigert.

Da das Haus von Thor nur mit dem Nötigsten ausgestattet war, musste nicht viel aufgeräumt werden. Den Abwasch erledigte Thor sofort nach dem Essen. Er wechselte die Bettwäsche regelmäßig. Das Bad und die Küche sahen gepflegt aus. Nur die Scheiben im Haus hatten wohl schon bessere Zeiten erlebt.

„Wo wir gerade beim Thema sind ...“ Dylan lachte. „Du könntest mal den Zaun reparieren. Das Treppengeländer wackelt und die Fenster sind so dreckig, dass man kaum durchblicken kann.“

Thor beendete das Hantieren in der Küche und drehte sich um.

„Ich hab es nicht gerne, wenn man ungehindert ins Haus gucken kann. Zaun und Geländer wollte Magnus reparieren. Er kam nicht mehr dazu. “

Das Lachen verging Dylan schlagartig. „Ach so …“

„Willst du Zimt oder Rosinen in die Boller?“

Irritiert schüttelte er den Kopf. „Was?“

„In die Milchbrötchen?“ Thor hob einen Teigklumpen, den er vor sich bearbeitete, in die Höhe. „Rosinen? Zimt?“

„Wenn du schon so fragst, dann beides.“

Thor hatte erneut gekocht: Lachs mit Buttergemüse. Die selbst gebackenen Brötchen aßen sie zum Nachtisch. Einige blieben für das Frühstück über. Bei Thor gab es reichlich zu essen und trotzdem hatte Dylan das Gefühl, dass alles bekömmlich war. Die Kerze auf dem Tisch war nahezu heruntergebrannt.

„Takk for maten“, sagte Dylan nach dem Essen. Eine wichtige Floskel, wie er inzwischen gelernt hatte, nach jeder Mahlzeit. Er legte das Besteck beiseite. „Und was machen wir nun? Ich habe noch 2 Stunden Geburtstag.“

„Ich werde neuen Kaffee kochen.“ Thor stand auf und begab sich zur Küchenzeile.

„Trinken alle Norweger so viel Kaffee? So spät am Abend?“

„Ja.“

Dylan ließ die Information auf sich wirken. Er war erst wenige Tage hier und dennoch hatte er schon einige norwegische Traditionen miterlebt. Morgens aß man das übliche Frühstück. Am Mittag gab es einen Snack. Das eigentliche Mittagessen gab es nach getaner Arbeit. So konnte eine warme Mahlzeit in die frühen Abendstunden fallen. Aß man sehr spät, fiel das Abendessen aus. Zum Abschluss des Tages wurde Tee oder Kaffee serviert, gerne auch mit Gebäck. Dylan wartete, bis die Kaffeemaschine aufbrühte und Thor zurück an den Tisch kam. Da stand er auf. „Und nun?“

„Hva?“

„Ich sagte, ich habe noch 2 Stunden Geburtstag und du bist mir noch etwas schuldig.“

Sie standen sich gegenüber. Ohne Vorwarnung fasste Dylan seinem Partner zwischen die Beine. Sofort ertasteten seine Finger die verlockende Wölbung unter der Lederhose.

„Was soll das, Perk?“ Thor rückte von ihm ab.

„Ausweichen gibt es nicht.“ Dylan griff nach Thors Hüften.

„Ach, nee?“

Sie taumelten gegen den Esstisch. Das Geschirr klapperte.

„Du lässt es jetzt mal zu!“, zischte Dylan. Thors Hand hatte sich auf seine Kehle gelegt. Sie drückte ihm die Luft ab, doch das war kein neuartiges Gefühl. Mit Thor zu kämpfen war jedes Mal eine Herausforderung, vor der er sich nicht fürchtete.

Er wand sich in der Umklammerung. Thor fluchte, als Dylan in seine Haare griff und kräftig daran zog.

Eine Weile verharrten sie in der kämpferischen Position. Keiner war gewillt, nachzugeben. Irgendwann ließen ihre Kräfte nach. Bevor sie zu Boden gingen, löste Thor den Griff.

Schwer atmend standen sie voreinander.

„Hva vil du ha?“

„Zum Sofa!“ Dylan deutete nach vorne. Fahlstrøm setzte sich widerwillig in Bewegung. Auf der Sitzgelegenheit nahm er Platz, doch er hörte nicht auf, seinen Partner zu fixieren.

Dylan zog die Vorhänge zu. Er wollte sichergehen, dass keine ungebetenen Gäste durch die Fenster sahen, auch wenn diese noch immer verdreckt waren. Mit gemächlichen Schritten kam er auf das Sofa zu. Ebenso sorgsam entkleidete er sich bis auf die enge Retro Shorts, die er vornehmlich trug.

Vor dem Sofa ging er auf die Knie. Ein weicher Teppich war auf dem Holzboden ausgebreitet. Es war nicht unbequem, auf der Erde zu knien. Er zwängte sich zwischen Thors Beine. Seine schlanken Hände öffneten die Lederhose. Thors unzufriedenes Brummen entging ihm nicht.

„Wehe du wehrst dich!“

Mit einem Ruck zog er Thors Hose nach unten. Er hatte gleich die engen Shorts mit am Bund gepackt und über die Hüften gestrichen. Der Anblick von Thors Männlichkeit trieb seinen Herzschlag in die Höhe. Vorsichtig glitten seine Hände darüber. Sie verweilten in der weichen Schambehaarung. Das Glied war erschlafft, zeigte keine Regung.

Dylan beugte sich vor. Er nahm das warme Fleisch zwischen die Lippen. Er bemerkte, dass Thors Körper angespannt war und dass er sich gegen die Berührung wehrte. Doch lange konnte er dem nicht Stand halten. Dylan verwöhnte ihn geschickt. Schnell wurde Thor hart. Seine Toleranz neigte sich allerdings dem Ende zu.

„Perk …“ Fahlstrøm schob seinen knienden Partner von sich. Dylan reagierte sofort. Er schlug Thors Hand beiseite.

„Ich habe keine Lust mich mit dir zu prügeln!“

Er krallte sich an Thors Hüften fest und zog sich wieder an ihn heran. Seine Lippen glitten über Fahlstrøms hartes Geschlecht. Er saugte und lutschte daran, bis Thor inbrünstig stöhnte. Thor legte seine Finger in Dylans Nacken und bestimmte den Rhythmus. Doch nur für einen kurzen Augenblick.

„Perk, hör auf … hör auf!“

Er drückte ihn abermals weg. Diesmal so stark, dass Dylan zur Seite fiel. Streitsüchtig sahen sie sich an.

„Du bist echt gestört!“ Dylan wischte sich mit der Hand über die Lippen. Sie schmeckten salzig. Die Gier nach Thor konnte er regelrecht schmecken. Er kannte seinen Partner inzwischen und der war bereit. Sein Geschlecht war zum Platzen gespannt. Glänzend und pulsierend streckte es sich Dylan entgegen. Thor hatte seine Augen nur einen Spalt geöffnet. Er atmete angestrengt und sein Blick signalisierte eine große Lust. Warum nur ließ er das erfüllende Ende nicht zu?

„Kann es auch anders machen!“

Dylan reagierte schnell. Eine erneute Wut wollte er nicht zulassen. Es war sein Geburtstag, der nicht im Streit enden sollte. Er strich sich die Pants vom Körper und gelangte auf Thors Schoß. Er entspannte und sank auf Thors Schenkel. Die ersehnte Härte presste sich fest und feucht gegen seinen Spalt. Ohne viel Zutun nahm er sie in sich auf.

Fahlstrøm hatte sich zurückgehalten, doch sein Leib zitterte. Er keuchte. Wieder legten sich seine Finger auf Dylans Kehle. Er drückte zu, doch nicht stark genug.

Dylan ritt auf ihm, nicht sanft, sondern hart und fordernd.

Thors Gegenwehr ließ nach. Seine Hände erschlafften und streiften Dylans Brust. Er schloss die Augen. Dylan verlangsamte das Tempo. Die sanften Zuckungen unter seinem Leib entgingen ihm nicht. Vorsichtig hob und senkte er seinen Körper, bis er die Feuchtigkeit bemerkte, die sich zwischen seinen Beinen sammelte.

Am liebsten hätte er seinen Orgasmus zugelassen, in genau dieser Stellung; mit Thors Männlichkeit in sich und seinem Körper unter sich. Doch stattdessen glitt er von Thors Schenkeln. Sie sprachen nichts. Was er verlangte, war offensichtlich.

Er landete auf dem Rücken. Seine Beine blieben gespreizt.

Er rieb an sich und Thor legte sich wie selbstverständlich auf ihn. Sein Glied war noch immer stramm. Begierig stieß er es in Dylans Öffnung, bis Dylan kam.

Danach waren sie beide erschöpft, aber nicht zufrieden.

Er verharrte in Thors Armen, obwohl Dylan das Gefühl hatte, er müsste der Nähe ausweichen. „Warum magst du es nicht, wenn ich dir einen blase? Ich verstehe es nicht!“

Er drehte sich weg und blieb auf der Seite liegen.

„Ich mag es, Perk. Du machst das gut.“

„Ich will, dass du in meinem Mund kommst. Aber nicht, weil du ihn mir reinschiebst, sondern weil ich dich dazu bringe. Ist das zu viel verlangt?“

Thor richtete sich auf. „Ich lasse mich nicht zwingen.“

*

Dylan beugte sich vor. Er schob die Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf seine zu Fäusten geballten Hände; dazu entwich ihm ein tiefer Seufzer. Er hatte sich am Morgen nicht frisiert. Wieso auch? Er ging nicht raus. Es regnete wieder. Als die langen Haarsträhnen vor seine Augen glitten, pustete er sie genervt weg.

Es war Nachmittag und dämmerte bereits.

„Mir ist langweilig.“ Er brachte nicht einmal die Energie auf, um näher zu erläutern, was ihn so antriebsschwach machte.

„Du wusstest, dass es hier ruhig ist“, gab Thor zur Antwort. Er saß im Wohnzimmer und bearbeitete einen Stapel Briefe. Nachdenklich las er die Schriftstücke durch, schob sie von einer Seite zur anderen oder zerknüllte sie.

„Kannst du deine Post nicht ein andermal erledigen?“

„Ich habe das schon viel zu lange aufgeschoben.“

„So sieht es auch aus!“ Dylan verdrehte die Augen. „Musst du das ausgerechnet jetzt machen?“

Er lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor den Bauch. „Können wir nicht irgendetwas Spannendes tun?“

„Was Spannendes? Hier?“ Thor lachte dunkel und zerriss weiteres Papier.

Dylan ließ sich nicht verunsichern. Angestrengt dachte er nach. „Was ist mit deinen Bildern oben? Kannst du sie mir zeigen?“

Thor sah nicht auf, doch seine Augen schoben sich in Dylans Richtung. „Du warst in meinem Atelier?“

„Schon bei meinem letzten Besuch.“ Es entstand eine Pause. „Aber nur kurz, echt!“

Dylan stand auf. Er flehte: „Bitte, zeig mir die Bilder. Du kannst das mit den Briefen später machen, ja?“

„Perk, du hast Ideen.“ Thor schüttelte den Kopf.

„Bitte …“

„Ich zeige meine Bilder nicht gerne der Öffentlichkeit.“

„Hey!“ Dylan streckte die Arme zur Seite aus. „Bin ich die Öffentlichkeit?“

Thor gab nach. „Na gut.“ Er warf einen letzten Blick auf die Briefe, dann kam er auf die Beine.

Neben dem Badezimmer, gegenüber dem Schlafzimmer, befand sich ein weiteres Zimmer. Darin standen keine Möbel, sondern nur zwei hölzerne Staffeleien. Es gab Regale, in denen sich Keilrahmen aus Holz stapelten. Sie waren überwiegend mit weißen Leinwänden bespannt. Ebenfalls lagen mehrere Farbtuben in den Fächern. Pinsel, sowie eckige und runde Farbmisch-Paletten, bildeten den Abschluss.

Hinten im Raum, vornehmlich an die Wand gelehnt, befanden sich fertige Bilder. Auf den ersten Blick wirkten sie düster und beklemmend. Erst, als Dylan sie näher betrachtete, erkannte er wichtige Details. Die Bilder zeigten Sonnenuntergänge am See, tiefe Wälder, regenverhangene Himmel, die sich über schneebedeckte Berge schoben, knochige Bäume, die gigantischen Trollen glichen.

„Die sind wundervoll geworden.“ Andächtig kniete er nieder. Die Farben auf den Bildern waren satt und sie glänzten, wie frisch aufgetragen. Einige Bilder waren nicht gerahmt. Sie lehnten aneinander, als hätte sie Thor wahllos abgestellt.

„Warum verkaufst du sie nicht?“ Dylan streckte die Hand nach ihnen aus, doch er wagte nicht, sie zu berühren. Lediglich seine Fingerkuppen glitten an den Rändern entlang.

„Geht niemanden etwas an, was ich male.“

Thor zündete sich eine Zigarette an. Das Lob schmeichelte ihm nicht. Wenn es um seine Person ging, ließ er Tatsachen unbedeutend wirken.

„Aber du hast Talent.“ Dylan unterstrich seine Begeisterung. Er fasste die Bilder an. Einige klappte er nach vorne, um die dahinter Liegenden betrachten zu können. Schließlich fiel sein Blick auf Bilder, die durch helle Tücher abgedeckt waren. Sie lehnten in der Ecke, als sollte sie niemand sehen. Seine Neugier stieg ins Unermessliche. „Was ist mit den Bildern dort drüben?“

„Die hast du dir nicht anzusehen.“ Thors Kommentar war eindeutig. Dylan fragte nicht weiter nach. Eine unangenehme Kälte kroch unter seine Kleidung. „Kalt ist es hier.“

„Die Bilder vertragen keine Wärme.“

„Schon klar.“ Dylan wurde unsicher. Diese Kunst reizte ihn. Sie repräsentierte eine andere Seite von Fahlstrøm, einen sinnlichen Kern, eine einfühlsame Art. Das war ihm beim ersten Mal, als er rein zufällig auf diesen Raum gestoßen und nur flüchtig einen Blick auf die Bilder riskiert hatte, nicht aufgefallen. Wenn Thor malte, drückte er etwas aus. Die Malereien gaben Gefühle wider, die er niemals in Worte fasste.

„Ich könnte den Heizer anstellen, wenn ich dich male.“

Dylan schwenkte herum. „Du willst mich malen?“

Thor antwortete nicht. Er zog nur an der Zigarette und nickte, kaum sichtbar.

„Wie denn?“ Dylan drehte sich wieder herum. Es war schwer vorstellbar, dass er sich in diesem kargen Raum vorteilhaft zur Schau stellen konnte.

„Ich mach das schon …“ Die Zigarette klemmte in seinem Mundwinkel, als Thor den Raum verließ. „Kannst dich schon mal ausziehen …“

„Wieso ausziehen?“ Dylan sah ihm hinterher. „Hey!“

Fahlstrøm verschwand im Erdgeschoss und antwortete nicht mehr. Als er wieder zurückkam, trug er einen Heizlüfter unter seinen Armen; ebenso hatte er einen Barhocker im Schlepptau. „Was hast du vor?“

Dylan blieb misstrauisch. Trotz allem hatte er sich inzwischen bis auf die Unterhose ausgezogen. Es fröstelte ihn. Schützend waren die Arme um seinen Leib geschlungen.

„Gleich wird dir wärmer.“ Thor stellte den Heizer auf den Boden und schob den Stecker in eine der Steckdosen. Es gab ein kleines Fenster unter dem Dach, durch das etwas Tageslicht schien. Davor stellte er den Barhocker ab. Er war aus Holz und besaß eine Lehne. Dylan verstand, was sein Partner von ihm erwartete. Ohne Aufforderung schob er sein Hinterteil auf den kühlen Hocker. Zufrieden bemerkte er, wie die warme Luft des Heizers in seine Richtung strömte.

Thor kramte einen Strahler aus dem Regal. Er drapierte ihn am Boden. Grelles Licht fiel auf das Modell. Dylan verharrte abwartend. In Fahlstrøm war hingegen Leben gekommen. Er nahm einen Keilrahmen mit Leinwand aus dem Regal, auf dem bereits ein hellgrauer Hintergrund gemalt war. Er suchte Farben und Pinsel zusammen und rückte eine der Staffeleien in Position. Mit gezielten Bewegungen verteilte er die Farben auf einer Palette. Bevor er mit dem Malen begann, zog er sich sein Oberteil aus.

Dylan lachte. „Was soll das denn werden? Du malst oben ohne?“

„Sicher.“ Thor ließ das Kleidungsstück fallen. Mit der Farbpalette bewaffnet stellte er sich hinter die Staffelei. Da diese schräg gestellt war, konnte Dylan ihn bei seinem Handwerk genau betrachten.

„Du solltest dich ausziehen, hatte ich gesagt.“

Das Lachen in Dylans Gesicht schwand. „Ganz?“

„Wenn ich Personen male, dann immer als Akt.“

„Ja?“

„Nichts ist natürlicher, als ein nackter Mensch, Perk.“

„Ach so.“ Er hatte Zweifel und doch schob er sich die engen Pants von den Hüften. Komplett entkleidet nahm er wieder auf dem Hocker Platz, dabei streckte er ein Bein gerade aus. Das andere stellte er auf der Fußstütze ab.

„Ich will alles sehen!“ Thor mischte die Farben zusammen. Immer wieder richtete er ein kurzes Augenmerk auf seinen Partner. Die größere Aufmerksamkeit galt der Leinwand.

„Okay, ich …“ Dylan versagte die Stimme. Das kam nur vereinzelt vor. Er war das Posieren gewohnt. Selten war keine Kamera auf ihn gerichtet. Er genoss die Shootings mit Julia, er stellte sich gerne zur Show – doch nie zuvor nackt!

Vorsichtig löste sich sein Fuß vom Boden. Er stellte ihn auf der Fußstütze ab. Das andere Bein winkelte er komplett an, sodass es dicht neben seinem Körper ruhte. Er umschlang es mit seinen Armen, verdeckte jedoch nicht die Sicht auf Geschlecht und Anus.

„Schon besser!“ Thor hatte mit der Arbeit begonnen. Mit schnellen Bewegungen landete die Farbe auf der Leinwand. „Wie fühlst du dich?“

„Weiß gar nicht …“ Dylan überlegte. Kalt war ihm nicht mehr. Der Heizer förderte warme Luft in seine Richtung. An das aufdringliche Licht hatte er sich gewöhnt. Die Haltung auf dem Stuhl war hingegen unbequem. Die Tatsache, dass er nackt war, erzeugte eine prickelnde Atmosphäre. Durch seine laszive Haltung wurde nichts an ihm kaschiert. Er betrachtete Thor. Sein langes Haar war im Nacken zu einem Zopf geflochten, es lag verführerisch auf seinem nackten Rücken. Thors Muskeln spannten sich an Armen und Brust, während er seiner Arbeit nachging. In Dylans Schoß stellte sich ein Kribbeln ein. „Ganz gut, glaube ich …“

„Nackte Haut steht dir, Perk.“

„Ja?“ Dylan lächelte. Es war schwierig die Haltung zu bewahren. Er löste die Umarmung seines Beines und glitt mit den Händen an den Innenseiten seiner Oberschenkel entlang. Ihre Aktion erregte ihn. Mehr als nötig spreizte er die Beine auseinander. „Siehst du auch … alles?“

„Ich denke schon.“ Thor zwinkerte ihm zu, dann war sein Blick wieder auf die Leinwand gerichtet. Dylan blieb in seiner Position, doch lange konnte er den Mund nicht halten.

„Malst du immer oben ohne?“

„Meistens.“ Thor sah ihn nicht an. Zu groß war die Konzentration, die ihn auf die Leinwand blicken ließ.

„Und wieso muss ich hier komplett nackt sitzen? Du könntest dich auch ausziehen.“

Thor ließ den Pinsel mit kurzen, schnellen Bewegungen über das Bild gleiten. Er begutachtete es prüfend, dann legte er die Farbpalette beiseite. „Ja, könnte ich.“ Er zog sich aus. Entblößt stand er schließlich vor der Leinwand. Schnell nahm er die Arbeit wieder auf. Dylan fixierte ihn aufmerksam. „Und dir ist nicht kalt dort drüben?“

„Nein …“ Thor malte unbekümmert weiter. Als er seinen Partner wieder ansah, neigte sich die Hand mit der Farbpalette nach unten. „Perk, ich habe gesagt, du sollst still sitzen.“

„Mach ich doch!“

„Und was ist das zwischen deinen Beinen?“

Notgedrungen musste er sich jetzt bewegen. Er schielte hinab zu seinen Schenkeln, zwischen denen sich sein Geschlecht aufgerichtet hatte. War das ein Wunder?

„Das kommt nur, weil wir beide nackt sind. Ansonsten kann ich mich beherrschen.“

„Wäre mir neu.“ Thor warf einen letzten Blick auf das Bild, dann starrte er auf die Palette. „Wir machen Schluss für heute. Schade um die Farbe.“

Langsam kam er näher. Ein Grinsen umspielte seinen Mund. Palette und Pinsel hielt er noch immer in den Händen.

„Muss ich sie wohl anderweitig verbrauchen.“

Er malte weiter, doch diesmal auf Dylans Körper. Die weichen Borsten umkreisten Dylans linke Brustwarze. Zurück blieb ein rotbrauner Kreis.

„Hey, mal mich nicht an!“ Dylan wich aus, doch die Lehne des Barhockers verhinderte eine Flucht.

„Was? Es gefällt dir nicht?“

Thor wiederholte die Bewegung mit neuer Farbe. Nun zierte ein schwarzer Kreis Dylans andere Brust.

„Geht das wieder ab?“

„Mit Acryl ist das so eine Sache ...“ Thor wurde mutiger. Er ließ die Pinselspitze über Dylans Bauch gleiten.

„Das ist fies …“ Dylan presste die Lippen aufeinander. Seine Bauchmuskeln zogen sich zusammen. Noch immer saß er mit gespreizten Beinen vor seinem Partner. Die sanften Berührungen auf seiner Haut bescherten ihm eine Gänsehaut. Thor bemalte seinen Oberkörper mit unterschiedlichen Strichen und Kreisen. „Fühlt es sich gut an?“

Er konnte nur nicken. Sein Bauch war noch immer angespannt, die Erektion nicht fort. Thor ließ den Pinsel tiefer wandern. Er verteilte die Farbe in Dylans Bauchnabel und auf seinen Leisten. Dylan ächzte. Fasziniert verfolgte er, wie Thor seinen Körper mit den unterschiedlichsten Farbtönen färbte. Seine Oberschenkel zitterten inzwischen. Seine Füße drohten vom Sitz zu rutschen. Thor bemerkte seine Not. Er legte die Palette und den Pinsel beiseite und verrieb die Farbreste auf seine Handinnenflächen.

„Das gibt eine Schweinerei.“

Er gelangte zwischen Dylans Beine und startete einen Kuss. Seine Hände pressten sich auf Dylans Schenkel.

Kühl und glitschig haftete die Farbe auf den gespreizten Beinen. Dylan gab dem starken Druck nach. Seine Beine rutschten ab. Sein Körper kippte nach vorne. Er umfasste Thors Hals und hielt sich daran fest.

Thor fasste ihm unter die Kniekehlen. Mit einem kräftigen Schubs wurde er zurück auf den Hocker geschoben. Gemeinsam betrachteten sie das Kunstwerk auf Dylans Körper. Seine Oberschenkel waren von bunten Streifen gezeichnet und auch Thors Haut zierten verschiedene Farbkleckse. Nur die Haut zwischen Dylans Beinen war sauber und glänzte erhitzt.

„Warum zögerst du? Meine Öffnung wartet auf dich ...“

Sie küssten sich erneut. Kommentarlos zwängte sich Thor in ihn hinein. Der Hocker wankte und knallte gegen die Wand. Doch Thor hatte seinen Partner fest im Griff. Mit schnellen, kurzen Stößen vollzog er den Akt, bis er Dylan vom Hocker zog.

„Nicht bewegen, Perk!“

Dylan klammerte sich an ihm fest. Seine Arme umschlangen Fahlstrøms Hals, seine Beine pressten sich an dessen Hüften. Noch immer spürte er die wohltuende Härte in sich. In dieser Position zu verharren war nicht einfach. Thor trug ihn aus dem Raum. Sie schafften es nur bis in den Flur, dann pressten sich ihre Lippen wieder aufeinander.

Im Schlafzimmer fielen sie auf das Bett. Thor nahm die stoßenden Bewegungen wieder auf.

Die Zeit verstrich. Niemand drängte sie, aufzustehen. Dylan war froh darüber. Ihm graute es vor der Langeweile. Hatte er nichts zu tun, musste er an Alkohol denken. Dieser Drang begleitete ihn noch immer. Er musste sich ablenken.

 „Weißt du, wo meine Kippen sind?“ Thor wandte sich suchend um. Auf seinem Bauch und seinen Oberschenkeln hafteten getrocknete Farbreste.

„Dass du danach immer sofort rauchen musst!“ Dylan sah an sich herab. Ob er die Farbkunst auf seinem Körper gut oder schlecht heißen sollte, wusste er nicht. „Müssen wir gleich zusammen duschen, oder?“

Er drehte sich zu Fahlstrøm hin. Dass auch die Bettwäsche in Mitleidenschaft gezogen wurde, war nebensächlich. „Ich dusche kalt. Hast du wohl vergessen.“

„Und ich bin Warmduscher.“ Dylan lachte bei der Zweideutigkeit seiner Worte. „Musst du dich dran gewöhnen.“

Fahlstrøm hatte die Suche nach den Zigaretten aufgegeben. Er lag auf dem Rücken und starrte an die Holzdecke. Dylan rutschte auf seinen Oberkörper. Kurz dachte er an seine Alkoholsucht, und dass er auf dem guten Weg war, sie hinter sich zu lassen.

„Danke, dass ich bei dir sein darf. Das bedeutet mir sehr viel.“

*

Es war tatsächlich ruhig. Ruhiger, als Dylan angenommen hatte. Daheim in London hatte er oftmals versucht, lange zu schlafen, doch meist kam etwas dazwischen. Entweder klingelte sein Handy oder Tony störte. Der Lärm der Müllabfuhr weckte ihn oder die Schreie der Fans und Wachmänner. Irgendetwas störte eigentlich immer.

Bei Thor in Norwegen geschah nichts. Dylan wurde lediglich wach, wenn sich Fahlstrøm früh morgens erhob. Dann klimperten die Halsbänder der Hunde und ihre Pfoten erzeugten auf dem Holzfußboden tapsige Laute. Er bekam vage mit, wie Thor im Bad verschwand und sich anschließend Kleidung aus dem Schrank nahm. Er weckte Dylan nicht und der war ihm dankbar dafür.

Dylan benötigte Ruhe. Das hatten ihm Carol und sein Psychiater dringend empfohlen. Er sollte sich nach der letzten Tour, den aufreibenden Studioaufnahmen mit Wooden Dark, den gefährlichen Saufexzessen der letzten Zeit und dem Südseeurlaub, bei dem er fast zu Tode kam, nicht gleich erneutem Stress aussetzen. Auch wenn die Fans es sich anders wünschten: Ein neues Album von RACE war nicht in Planung.

Dylan wollte sich allerdings inspirieren lassen. Eindrücke gab es in Norwegen genug, auch wenn sie still und verhalten waren.

Dass Dylan die Ruhe ausgerechnet bei Thor Fahlstrøm suchte, beäugten seine Freunde kritisch. Ein Grund mehr, ihnen zu beweisen, dass ein friedliches Auskommen mit dem gefürchteten Frontmann von Wooden Dark durchaus möglich war.

Das wurde Dylan erneut bewusst, als er die Wärme des Bettes genoss und die Tatsache, dass er zumindest rein körperlich auf seine Kosten kam.

‚Du hast einen Hang zur Hypersexualität‘ – hatte Carol festgestellt. Ein Schmunzeln hatte sie sich dabei nicht verkneifen können. Zudem war ihre Erkenntnis nicht verkehrt. Seitdem Dylan das Trinken nahezu aufgegeben hatte, suchte er nach anderen Mitteln, um seine nach Aufmerksamkeit lechzende Persönlichkeit zu befriedigen. Sex hatte in seinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. In der Kinder- und Jugendzeit hatte er sich eher dafür geschämt, anders zu sein. Er wurde ausgelacht, gemieden und benutzt, schief angesehen und beschimpft. Aufgrund seiner Andersartigkeit drückte man ihm einen negativen Stempel auf, der erst verblich, als er über Nacht berühmt wurde und die Menschen ihn schlagartig verehrten.