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Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Ich soll in der Notaufnahme aushelfen? Echt jetzt?« Stirnrunzelnd blickte Alex der Krankenschwester hinterher, die ihm, sozusagen im Vorbeilaufen, die Nachricht überbracht hatte. Er setzte ihr mit einem großen Schritt nach und zupfte sie am Ärmel ihres Schwesternkittels. »Meinen Sie das im Ernst, oder wollen Sie mich aufziehen? Ich denke, Praktikanten haben in der Notaufnahme nichts verloren?« »Du bist eine Ausnahme, weil du nicht nur Praktikant, sondern auch Sanitäter bist. Also mach dich auf die Socken. Die brauchen dort wirklich jede helfende Hand. Es hat eine Massenkarambolage gegeben. Auf der A9 irgendwo zwischen München und der Raststätte Pippinger Forst.« »Okay. Ich bring nur noch diese Tabletten hier, die ich gerade an die Patienten der Station verteilen wollte, zurück ins Dienstzimmer, und dann …« »Überlass die Medikamente mir. Ich kümmere mich darum. Und sieh endlich zu, dass du in die Gänge kommst.« Resolut griff die korpulente, schon etwas in die Jahre gekommene Krankenschwester nach dem Tablett, auf dem verschiedene mit Pillen in allen Farben und Formen gefüllte Plastikbecher standen, nahm es Alex aus der Hand und rauschte davon. Alex blieb noch einen Moment mit verdutztem Gesichtsausdruck stehen, dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte in Richtung Notaufnahme. Als er dort ankam, standen in der Tat bereits mehrere Notarztwagen da, aus denen Patienten auf Tragen in die Schockräume gebracht wurden. Alex sah eine junge Frau, die eine blutende Wunde am Arm hatte.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Ich soll in der Notaufnahme aushelfen? Echt jetzt?« Stirnrunzelnd blickte Alex der Krankenschwester hinterher, die ihm, sozusagen im Vorbeilaufen, die Nachricht überbracht hatte. Er setzte ihr mit einem großen Schritt nach und zupfte sie am Ärmel ihres Schwesternkittels. »Meinen Sie das im Ernst, oder wollen Sie mich aufziehen? Ich denke, Praktikanten haben in der Notaufnahme nichts verloren?«
»Du bist eine Ausnahme, weil du nicht nur Praktikant, sondern auch Sanitäter bist. Also mach dich auf die Socken. Die brauchen dort wirklich jede helfende Hand. Es hat eine Massenkarambolage gegeben. Auf der A9 irgendwo zwischen München und der Raststätte Pippinger Forst.«
»Okay. Ich bring nur noch diese Tabletten hier, die ich gerade an die Patienten der Station verteilen wollte, zurück ins Dienstzimmer, und dann …«
»Überlass die Medikamente mir. Ich kümmere mich darum. Und sieh endlich zu, dass du in die Gänge kommst.« Resolut griff die korpulente, schon etwas in die Jahre gekommene Krankenschwester nach dem Tablett, auf dem verschiedene mit Pillen in allen Farben und Formen gefüllte Plastikbecher standen, nahm es Alex aus der Hand und rauschte davon.
Alex blieb noch einen Moment mit verdutztem Gesichtsausdruck stehen, dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte in Richtung Notaufnahme.
Als er dort ankam, standen in der Tat bereits mehrere Notarztwagen da, aus denen Patienten auf Tragen in die Schockräume gebracht wurden.
Alex sah eine junge Frau, die eine blutende Wunde am Arm hatte.
Nach ihr kam ein Mann, der offenbar unter Schock stand und immer wieder lautstark behauptete, unverletzt zu sein. Er unternahm heftige Anstrengungen, von seiner Trage zu steigen. Die beiden Sanitäter, die sich um ihn kümmerten, hatten Mühe, ihn halbwegs in Schach zu halten.
Auch ein Kind war unter den Verletzten. Es hatte eine große, notdürftig versorgte Platzwunde am Kopf, hielt einen Teddybären im Arm und blickte ziemlich verstört in die Welt.
»Alex!« Mit einem Ruck wandte Alex sich um, als er hinter sich Dr. Rudolfs Stimme vernahm. »Los, fass mit an, Alex!«
Eilends lief Alex zu der Trage, neben der Dr. Rudolf stand.
Auf ihr lag ein Mann, schätzungsweise in seinen Vierzigern, dem ein Bein abgetrennt worden war.
Direkt unter dem Knie war nichts mehr. Kein Unterschenkel und kein Fuß. Nur eine klaffende Wunde, die von den Sanitätern, um den Blutverslust möglichst gering zu halten, sachkundig abgebunden worden war.
Alex schluckte.
Bei schweren Verletzungen über den Dingen zu stehen und statt Mitgefühl den kühlen Verstand walten zu lassen, fiel ihm immer noch nicht ganz leicht, auch wenn er durch seine Sanitätsausbildung für derartige Situationen gut vorbereitet und geschult worden war.
»Der Mann hat Glück im Unglück gehabt«, sagte in diesem Moment Dr. Rudolf, dem Alex’ Schrecksekunde nicht entgangen war. »Sein abgetrenntes Bein ist noch völlig intakt. Es kann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wieder angenäht werden.« Bei diesen Worten zeigte Dr. Rudolf das in Folie gewickelte Bein des Mannes. »Ein absolut sauberer Schnitt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass ein guter Chirurg nicht einmal allzu große Probleme damit haben dürfte.«
Alex’ anfängliches Erschrecken wich dem Interesse und der wachsenden Faszination für die anspruchsvolle Aufgabe des Chirurgen. Einem erfahrenen Operateur bei einem derartigen Eingriff über die Schulter schauen zu dürfen …
»Schockraum drei. Der Mann kommt in Schockraum drei«, kommandierte indessen Dr. Rudolf und riss Alex damit aus seinen Gedanken. »Als nächstes holen wir dann die junge Frau, die bei dem Mann im Auto gesessen ist. Die Frau bringen wir in Schockraum zwei.«
Zu Alex’ Überraschung wirkte die junge Frau, die nicht bei Bewusstsein war, äußerlich aber keine Verletzungen erkennen ließ, fast noch wie ein Kind.
Sie sah unglaublich jung aus und hatte weiche, unschuldige Züge.
War sie die Tochter des Unfallfahrers?
Sie sah ihm zwar in keinster Weise ähnlich, aber um seine Freundin oder gar Ehefrau konnte es sich rein altersmäßig wohl kaum handeln.
»Das Auto der beiden, ein schwarzer Opel Lexus, hat Schrottwert«, erklärte Dr. Rudolf auf dem Weg in den Behandlungsraum. »Es wurde zwischen zwei Lastkraftwägen regelrecht zerquetscht. Ich nehme an, dass der Fahrer des Lexus nach einem Überholmanöver zwischen den beiden Transportern eingeschert ist. Dann hat der Lenker des ersten Brummis völlig unerwartet eine Vollbremsung hingelegt, und so ist die Karambolage passiert. Es sind mehr als zwanzig Fahrzeuge in den Unfall verwickelt. Die Insassen der meisten Autos sind allerdings nur leicht bis mittelschwer verletzt. Sie hatten Glück im Unglück. Es hätte alles noch wesentlich schlimmer kommen können.«
Alex warf einen weiteren Blick auf die junge Frau, die friedlich auf ihrer Trage zu schlafen schien.
»Und warum hat der Fahrer des ersten Lastwagens so abrupt abgebremst?«, erkundigte er sich.
»Das haben wir uns beim Anblick der ineinander verkeilten Autos auch gefragt. So wie es aussieht, hat er am Steuer einen Schlaganfall erlitten«, antwortete Dr. Rudolf. »Wir nehmen an, dass der Schlaganfall der Grund für die Vollbremsung war. Der Mann ist wohl nach vorne gekippt und dabei mit beiden Füßen voll auf die Bremse gestiegen. Leider kam für ihn jede Hilfe zu spät. Als wir ihn aus der Führerkabine seines Brummis geholt haben, war er bereits tot.«
Alex schwieg betreten.
Auch der Tod eines Menschen war etwas, das ihn noch immer bis ins Innerste berührte und wohl auch immer berühren würde.
Es blieb ihm jedoch keine Zeit, seinen Gefühlen nachzuhängen.
Konzentriert und gewissenhaft erledigte er stattdessen die kleinen Handreichungen und Hilfeleistungen, die von ihm erwartet wurden, und lauschte dabei gespannt der vorläufigen Diagnose, die bei der jungen Frau gestellt wurde.
»Möglicherweise innere Verletzungen«, stellte der Assistenzarzt, dem unter den strengen Augen eines Oberarztes die Erstuntersuchung überlassen worden war, fest. Er prüfte die Reaktion der Pupillen auf Licht, fühlte den Puls und maß den Blutdruck. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um ein Schädel-Hirn-Trauma handelt«, sagte er schließlich. »Die Patientin muss sofort ins CT und ins MRT, um abzuklären, ob zusätzlich eine Gehirnblutung vorliegt.«
»Gut gemacht«, lobte der Oberarzt. »Und falls sich wirklich eine Gehirnblutung zeigt? Wie würden Sie weiter verfahren?«
»Eine schwache Blutung würde ich vorerst beobachten, bei einer starken Blutung, die auf das Gehirn drückt, ist eine sofortige Operation erforderlich, um bleibende Schäden zu vermeiden. Dasselbe gilt auch für eine Gehirnschwellung, die gegebenenfalls eine Trepanation erforderlich macht.«
»In Ordnung«, wurde der Assistenzarzt neuerlich belobigt.
Alex konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen, als der junge Mann sichtlich stolz seinen Kopf hob und seinen Rücken durchstreckte wie ein Zinnsoldat.
Was dem Selbstbewusstsein des jungen Assistenzarztes, vom Lob seines Vorgesetzten einmal abgesehen, derart schmeichelte, war Alex nicht so recht klar. Immerhin hätte er selbst nichts anderes gesagt und hatte doch gerade einmal das erste Semester seines Studiums hinter sich.
»Jetzt die offene Unterarmfraktur«, hörte er im selben Moment die Stimme des Oberarztes, worauf er sein Augenmerk sofort pflichtbewusst auf den neuen Patienten richtete.
Es ging noch unendlich lange so weiter, und Alex war ziemlich erschöpft, als er gegen Mittag die Notaufnahme verließ, um sich in der Cafeteria der Behnisch-Klinik eine warme Mahlzeit zu gönnen.
Zu seiner Überraschung traf er auf Sina.
»Wollen wir zusammen essen?«, fragte er sie, als er sah, dass sie lediglich ein Glas stilles Wasser vor sich stehen hatte.
Sina schüttelte den Kopf. »Iss du nur alleine«, sagte sie. »Lass dir schmecken, worauf du Lust hast. Mir ist der Magen wie zugeschnürt. Ich bekomme beim besten Willen keinen Bissen hinunter.«
Alex machte ein besorgtes Gesicht. »Geht es dir nicht gut?«, fragte er und spürte sofort, wie auch sein Appetit kleiner und kleiner wurde. »Bist du krank, Sina? Ist dir übel?«
Sina verdrehte gequält die Augen. »Mir ist speiübel. Aber krank bin ich nicht. Es ist nur diese verdammte Anatomie-Nachholklausur morgen, die mir im Magen und auf der Leber und auf den Nieren und keine Ahnung wo sonst noch überall liegt.«
Alex’ Miene entspannte sich. »Du wirst die Klausur diesmal bestehen. Da bin ich mir ganz sicher«, beruhigte er Sina. »Jedes Mal, wenn ich dich abgefragt habe, war ich erstaunt, welch großes Wissen du dir über die Semesterferien angeeignet hast.«
Sina seufzte. »Lass nur. Dein Kompliment in allen Ehren, aber ich weiß noch ganz genau, wie viele medizinische Sachverhalte du mir des Langen und Breiten erklären musstest, weil ich sie einfach nicht begriffen hatte. Es geht schließlich nicht nur darum, auswendig gelerntes Wissen niederzuschreiben. Mit Sicherheit kommen bei der Klausur auch eine Menge Fragen, bei denen man beweisen muss, dass man logisch und selbständig denken kann.«
»Das kannst du durchaus«, tröstete Alex und nahm Sinas Hände in seine. »Du hast alles, was ich dir erklärt habe, sehr schnell verstanden, wirklich. Und außerdem brauchst du die Klausur ja zum Glück nicht bei Professor Herrenbach zu schreiben. Mein Onkel hat mir im Übrigen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, dass die Reha unseres vielgeliebten Anatomieprofessors mindestens bis zur Mitte des Semesters dauern wird. Ein schwerer Herzinfarkt will schließlich auskuriert sein.«
»Und der Ersatz für Professor Herrenbach? Wie ist der? Hat dein Onkel darüber auch schon etwas verlauten lassen? Oder kennt er den neuen Dozenten nicht?«
»Doch, er kennt ihn. Zufällig war der Neue nämlich ein Studienkollege seines ältesten Sohnes. Er ist angeblich hochintelligent, aber kein verschrobener Schablone-Akademiker mit Hornbrille. Trotz seines immensen Wissens ist er laut Daniel keineswegs ein Bücherwurm, sondern eher ein sportlicher Typ.«
Sina löste sich von Alex, nippte an ihrem Wasserglas, stellte es aber sofort wieder weg und stützte mutlos ihren Kopf in ihre Hände.
»Das klingt im Prinzip gut, was allerdings mich betrifft … Dieser Dozent scheint deiner Beschreibung nach ein ziemlicher Überflieger zu sein. Er hat bestimmt kein Verständnis für Studenten wie mich, die …«
»Jetzt mach endlich einen Punkt«, fiel Alex Sina ins Wort. »Wie kannst du dich nur immer so klein machen? Manchmal glaube ich, selbst wenn du das Wissen eines zwanzigbändigen Medizinlexikons in deinem Kopf hättest, würdest du dir um irgendeine Seite Sorgen machen, die du vielleicht aus Versehen beim Lernen überblättert hast.«
»Ach, Alex. Ich wollte, genau das und sonst gar nichts wäre mein Problem«, stöhnte Sina. »Und jetzt hol dir endlich etwas zu essen, ehe deine Mittagspause um ist. Von meinem Gejammer wirst du schließlich nicht satt.«
Ein wenig zögernd stand Alex auf und ging zum Buffet.
Er kam mit einem Teller Spaghetti-Carbonara, einem kleinen gemischten Salat und einem großen Becher Kaffee zurück.
Den Salat schob er ziemlich weit in Sinas Richtung, worauf sie sich prompt eine Olive herauspickte und anfing, darauf herum zu kauen.
Alex wickelte währenddessen Spaghetti um seine Gabel und führte sie zum Mund. »Schmeckt hervorragend«, versuchte er Sina Appetit zu machen. »Wirklich. Fast wie in einem ‚Da Manolo’. Möchtest du probieren?«
Sina fasste mit spitzen Fingern in Alex’ Teller, zog eine Nudel heraus und ließ sie, den Kopf zurückgelegt, in ihren Mund gleiten.
»Ja, schmeckt gut«, antwortete sie. »Aber ich … ich …«
»Sina, komm doch endlich wieder auf den Teppich«, bat Alex kauend. »Selbst wenn du die Denkfragen samt und sonders versiebst, weil du zu aufgeregt bist, bleiben immer noch die Lernfragen. Sie machen mit Sicherheit die Hälfte der Prüfung aus. Wenn du sie also richtig löst, wovon ich bei deiner guten Vorbereitung ausgehe, kannst du schon nicht mehr durchfallen. Außerdem bin ich mir sicher, dass du auch einen Gutteil der Denkfragen zufriedenstellend beantworten kannst. Also Kopf hoch! Und iss jetzt wenigstens den Salat!«
Mit einem tiefen, schweren Atemzug nahm Sina die Gabel zur Hand, doch es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre ihr entglitten. »Siehst du, Alex, wie ich zittere? Und das heute schon!«
Alex grinste und blinzelte Sina zu. »Soll ich dich füttern?«, bot er an und hielt ihr eine dick umwickelte Gabel Spaghetti hin.
Sina wandte sich angewidert ab.
»Ehe du gekommen bist, habe ich mir ständig überlegt, welche Arten von Binde- und Stützgeweben es gibt«, sagte sie stattdessen. »Du hast das alles mit mir durchgeackert, ich weiß. Aber ich … Es … es sind sechs an der Zahl, glaube ich. Oder sind es doch sieben?«
»Es sind sieben«, bestätigte Alex. »Und du kennst sie, Sina. Du musst sie einfach kennen. Schließlich haben wir die verschiedenen Arten von Binde- und Stützgeweben nicht nur durchgeackert, sondern zusätzlich noch vor ein paar Tagen wiederholt. Und da hast du sie alle gewusst. Erinnerst du dich?«
»Das … das Mesenchym«, begann Sina. »Und das retikuläre Bindegewebe, aus dem zum Beispiel die Lymphknoten bestehen. Also in ihrem Grundgerüst.«
»Prima. Und weiter?«
»Das … das Fettgewebe. Und das lockere Bindegewebe.«
»Na, siehst du. Und was gibt es noch?«
Jetzt grinste auch Sina. »Das straffe Bindegewebe«, wusste sie.
Alex streckte beide Daumen nach oben.
»Prüfungen sind für mich fast genauso schrecklich wie damals, als ich noch ein Kind war und zur Musikschule ging, das Vorspielen war«, begann Sina abzuschweifen. »Jedes dieser sogenannten Schülerkonzerte war der blanke Horror für mich. Einmal sollte ich ein Stück von Beethoven spielen. ‚Für Elsie’ oder ‚Für Elisa’ oder so ähnlich hat es geheißen. Und als ob das allein nicht schon schlimm genug gewesen wäre, hat man mich auch noch gezwungen, das Stück auswendig vorzutragen. Der Anfangsteil ging noch leidlich gut, aber im schwierigeren Mittelteil bin ich meiner schweißnassen, zittrigen Hände wegen dauernd abgerutscht und habe falsche und schräge Töne produziert. Das hat mich dann so nervös gemacht, dass ich beim Schlussteil, der so ziemlich deckungsgleich mit dem Anfang war, ein komplettes Black-out hatte. Mein Gedächtnis war mit einem Mal wie leergefegt. Nach einigem Hin und Her und einer Menge falscher Töne musste ich schließlich aufgeben. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt. Das war ein so schreckliches Erlebnis, dass ich es bis an mein Lebensende nicht vergessen werde.«
Alex unterdrückte ein Schmunzeln, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. »Meine arme, arme Sina«, sagte er und streichelte Sinas Wange, doch Sina schob seine Hand weg.
»Du tust nur so nett und liebevoll«, schmollte sie. »In Wirklichkeit machst du dich über mich lustig.
»Nie und nimmer«, versicherte Alex. »Aber du bist mir noch die siebte Art der Binde- und Stützgewebe schuldig.«
Sina stocherte eine Weile lustlos in Alex’ Salat herum, dann schüttelte sie den Kopf. »Tut mir wirklich leid, Alex. Ich hab’s vergessen.«
»Hast du nicht. Denk einfach nach.«
Sina runzelte die Stirn. »Das Knorpelgewebe«, stieß sie schließlich beinahe triumphierend hervor. »Es besteht aus Chondrozyten und Interzellularsubstanz.«
Alex applaudierte. »Du wirst morgen einen guten Job machen, Sina«, versicherte er.
Sina zuckte die Schultern.
»Wie alt ist eigentlich dieser … dieser ‚Ersatzdozent’?«, fragte sie nach einer Weile.
»Ich schätze Anfang bis Mitte dreißig«, vermutete Alex.
Sina zog die Augenbrauen hoch. »Und da ist er, obwohl er ein derartiger Überflieger ist, noch nicht einmal ordentlicher Professor?«, bemerkte sie fast ein wenig angriffslustig, als hoffte sie, sich auf diese Art und Weise zusätzlich Mut zu machen.
»Er ist Privatdozent«, erklärte Alex. »Er ist also bereits habilitiert, und sobald eine Professorenstelle frei wird, könnte er nachrücken. Falls er das tatsächlich will.«
»Und warum sollte er es nicht wollen?«
»Vielleicht geht er ja nach Afrika zurück, um dort wieder in einem Buschkrankenhaus zu arbeiten. Oder er sucht sich eine Stelle als Tropenmediziner in einer entsprechenden Klinik.«
»Der Typ war als Arzt in Afrika?«, staunte Sina. »So … so richtig für die Eingeborenen?«
»War er«, bestätigte Alex. »Fast fünf Jahre lang.«
»Wow«, entfuhr es Sina. »Hast du eine Ahnung, wie er aussieht? Ich meine, außer dass er keine Hornbrille trägt.«
Alex zog missbilligend die Augenbrauen zusammen. »Nein. Leider, leider weiß ich nicht, ob dieser Dr. Jochen Friedmann attraktiv ist oder ob er eine Knollennase hat«, gab er leicht pikiert zurück. »Unverzeihlicher Weise habe ich nämlich vergessen, meinen Onkel danach zu fragen.«
»Das … das ist auch vollkommen egal«, lenkte Sina sofort ein. »Ich habe doch nicht gefragt, weil ich als Frau interessiert bin, wie er …«
