Die besten Ärzte - Sammelband 11 - Karin Graf - E-Book

Die besten Ärzte - Sammelband 11 E-Book

Karin Graf

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Beschreibung

Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe!

Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden.
Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert!

Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis!

Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:

Chefarzt Dr. Holl 1776: Ich weiß nicht mehr, was gestern war
Notärztin Andrea Bergen 1255: Auf in ein neues Leben!
Dr. Stefan Frank 2209: Ärzte in Not
Dr. Karsten Fabian 152: Schöne wilde Heidefee
Der Notarzt 258: Zu allem entschlossen

Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 585

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Impressum

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgaben: Copyright © 2013/2014/2016 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotiv von © S_L/Shutterstock ISBN 978-3-7325-9180-0

Katrin Kastell, Liz Klessinger, Stefan Frank, Ina Ritter, Karin Graf

Die besten Ärzte 11 - Sammelband

Inhalt

Katrin KastellDr. Holl - Folge 1776In buchstäblich allerletzter Sekunde wird eine junge Frau mehr tot als lebendig in die Berling-Klinik eingeliefert. Offenbar hat sie einen gefährlichen Medikamentencocktail geschluckt. Wie durch ein Wunder gelingt es den Ärzten, das Leben der Patientin zu retten. Alles weist auf einen Selbstmord hin, dennoch wollen die einzelnen Puzzlestücke für Dr. Holl, den Chefarzt der Klinik, nicht zusammenpassen. Warum sollte eine so gut gekleidete, gepflegte junge Frau in einer dreckigen Absteige aus dem Leben scheiden wollen? Als die Patientin nach fünf Tagen aus dem Koma erwacht, weiß sie nicht mehr, wer sie ist. Ihre Vergangenheit ist vollkommen ausgelöscht. Doch eines weiß sie ganz sicher: Mit dem Mann, der an ihrem Bett sitzt und den besorgten, liebenden Ehemann spielt, ist sie bestimmt nicht verheiratet ...Jetzt lesen
Liz KlessingerNotärztin Andrea Bergen - Folge 1255Entschlossen öffnet die hübsche Bianca Stockhaus ihren Kleiderschrank, denn die Worte der Notärztin Andrea Bergen wollen ihr nicht mehr aus dem Sinn gehen: "Sie dürfen sich nicht zum Sklaven Ihrer Krankheit machen! Gehen Sie an einem Regentag ruhig einmal an die Luft!" Seitdem Bianca an einer schweren Form von Heuschnupfen erkrankt ist, lebt sie nur noch hinter dicken Mauern. Doch auch in ihrer Wohnung nehmen die Nies- und Hustenattacken immer mehr zu. Und die Medikamente verlieren zunehmend ihre Wirkung! Längst weiß Bianca schon nicht mehr, wie sich Sonnenstrahlen auf ihrer Haut anfühlen. Ihr einst so glückliches Leben ist unvermutet zu einem Albtraum geworden... Als Bianca nun nach ihrer Jacke greift, spürt sie den ihr schon vertrauten Ring, der sich um ihren Hals legt und ihr die Luft abpresst. Hilflos ringt sie nach Atem, taumelt zur Wohnungstür und reißt sie auf. "Hilfe!", will sie schreien, doch da wird alles schwarz um sie herum...Jetzt lesen
Stefan FrankDr. Stefan Frank - Folge 2209Dieses ständige Piepen der Apparate macht ihn noch ganz verrückt! Dabei ist Detlef Berander sich ganz sicher, dass das alles ein groß angelegter Schwindel ist. Sicher täuschen die Ärzte an der Waldner-Klinik nur vor, dass seine geliebte Lucia sterben wird. Wahrscheinlich will sie sich nur klammheimlich aus dem Staub machen und irgendwo anders eine neues Leben beginnen. Aber nicht mit ihm! Wenn dieser Dr. Waldner ihm seine Frau wegnimmt, dann wird er es ihm mit gleicher Münze heimzahlen! Nur wenige Tage später ist es so weit. Lucia sei tot, behauptet Ulrich Waldner, doch Detlef glaubt ihm nicht. Er besorgt sich ein langes, scharfes Messer und macht sich auf den Weg zu Ruth Waldners Büro. Auge um Auge, Zahn um Zahn, ist das Letzte, was er denkt, bevor er die Tür auftritt...Jetzt lesen
Ina RitterDr. Karsten Fabian - Folge 152Rudolf Johannsen und sein Sohn Hartwig sind völlig überrumpelt, als sie ein alter Bekannter um einen Gefallen bittet. Jürgen Weigand sucht jemanden, der für einige Monate auf seine Tochter aufpasst. Er muss auf eine Expedition und weiß sonst niemanden, der sich um Ilona kümmern könnte. Ein Kind in dem Junggesellenhaushalt? Professor Johannsen fährt zwar sofort los und besorgt Spielsachen für die Kleine, aber freuen können er und Hartwig sich auf diesen Besuch nicht. Die beiden Akademiker haben beruflich viel zu tun und eigentlich keine Zeit für ein Kind. Doch dann steht das Mädchen mit Sack und Pack vor der Tür, und die beiden Männer erleben eine große Überraschung: Die "kleine" Ilona ist gar nicht so klein, wie sie dachten ...Jetzt lesen
Karin GrafDer Notarzt - Folge 258Dr. Anja Hilger steckt voll Ehrgeiz, Disziplin und Fleiß. Ihr Medizinstudium hat sie im Eiltempo hinter sich gebracht, und alles, was es in Fachbüchern nachzulesen gibt, kann sie auswendig herunterspulen. So hat sie es geschafft, schon im Alter von fünfundzwanzig eine Stelle als Assistenzärztin an der Frankfurter Sauerbruchklinik zu bekommen. Unter ihren neuen Kollegen sorgt sie mit ihrer verbissenen Art jedoch für Verwunderung. "Fräulein Frostig" nennt sie der attraktive Paul Richter. Er hat die bildhübsche junge Frau anfangs mehrmals gebeten, mit ihm auszugehen, aber Anja hat dies immer entschieden abgelehnt. Für solche Nebensächlichkeiten hat sie keine Zeit, das stört nur bei der Karriereplanung. Und wie weit man damit kommt, das sieht man ja an Paul: Der ist immer noch Assistenzarzt, obwohl er schon achtundzwanzig ist! Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. In die Klinik wird ein neuer Patient eingeliefert, und niemand ahnt, dass er eine tödliche Bedrohung für sämtliche Patienten und Mitarbeiter darstellt. Als es zur Katastrophe kommt, muss Anja erkennen, dass ihr diesmal alles Fachwissen nicht helfen kann. Wenn sie jetzt noch jemanden retten will, dann muss sie alle Vernunft über Bord werfen ...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Ich weiß nicht mehr, was gestern war

Vorschau

Ich weiß nicht mehr, was gestern war

Eine tief berührende Geschichte über Verlust und Vergessen

Von Katrin Kastell

In buchstäblich allerletzter Sekunde wird eine junge Frau mehr tot als lebendig in die Berling-Klinik eingeliefert. Offenbar hat sie einen gefährlichen Medikamentencocktail geschluckt. Wie durch ein Wunder gelingt es den Ärzten, das Leben der Patientin zu retten. Alles weist auf einen Selbstmord hin, dennoch wollen die einzelnen Puzzlestücke für Dr. Holl, den Chefarzt der Klinik, nicht zusammenpassen. Warum sollte eine so gut gekleidete, gepflegte junge Frau in einer dreckigen Absteige aus dem Leben scheiden wollen?

Als die Patientin nach fünf Tagen aus dem Koma erwacht, weiß sie nicht mehr, wer sie ist. Ihre Vergangenheit ist vollkommen ausgelöscht. Doch eines weiß sie ganz sicher: Mit dem Mann, der an ihrem Bett sitzt und den besorgten, liebenden Ehemann spielt, ist sie bestimmt nicht verheiratet …

„Bist du dir sicher, dass dein Chef das genauso sieht wie du?“, fragte Marion Freyer spöttisch und musste wieder einmal den Kopf über die Naivität ihrer besten Freundin schütteln, wenn es um Männer ging.

Kira war geradezu verboten attraktiv. Überall zog sie gierige Männerblicke auf sich, und die Mienen der Frauen vereisten, wenn sie an ihnen vorbeiging. Marion fand das witzig und liebte es, mit ihrer Freundin durch Hamburgs Fußgängerzone zu streifen. Was sie allerdings nicht verstand, war die Tatsache, dass Kira ihre eigene Schönheit ablehnte und weitgehend ignorierte.

„Herr Klaus ist einundfünfzig und zweimal geschieden. Er hat eine Tochter und einen Sohn, die in meinem Alter sind. Manchmal hörst du das Gras wachsen, Marion. Er geht hin und wieder abends etwas mit mir essen, weil er nicht gerne alleine ist. Er schätzt meine Gesellschaft, das ist es auch schon. Wir verstehen uns gut und haben beide niemanden, der zu Hause auf uns wartet“, wehrte Kira Leonhardt ab.

„Ach so! Wenn du es sagst!“, erwiderte Marion spöttisch.

„Unke! Nicht jeder Mann denkt gleich an Sex, wenn er eine Frau einlädt. Er ist ein guter Chef und ein anständiger Mann“, beharrte Kira, fühlte sich aber nicht mehr ganz so sicher. Leider erwiesen sich Marions Prognosen in der Hinsicht oft als richtig.

„Tja, und noch einmal: Wenn du es sagst!“, wiederholte ihre Freundin und musste lachen.

„Komm schon! Ich habe ein Büro, das größer ist als mein Wohnzimmer zu Hause, und wenn ich meine Gehaltsabrechnung bekomme, fühle ich mich immer wie eine Diebin, weil ich nicht fassen kann, wie gut ich verdiene. Die Stelle ist ein Traum.“

Kira arbeitete erst seit sechs Monaten für den Steuerberater Peter Klaus und betrachtete es als großes Glück, dass er sie eingestellt hatte. Im Gegensatz zu dem Beraterbüro, in dem sie zuvor gearbeitet hatte, passte bei Herrn Klaus einfach alles. Die Arbeit machte Spaß, die Klienten waren spannend, und es blieb von Fall zu Fall eine Herausforderung. Kira mochte das.

„Herr Klaus ist ein erfolgreicher, erfahrener Mann, der genug Geld hat, um sich jede Frau leisten zu können. Was sollte er von einer Frau wie mir wollen?“

„Keine Ahnung, Schatz! Lass mich kurz überlegen! Vielleicht steht er auf blauäugige Blondinen, die wie ein Starmodel aussehen und dabei auch noch freundlich, fleißig, hochintelligent und humorvoll sind. Was glaubst du?“

„Marion, jetzt hör aber auf! Es reicht!“, schimpfte Kira, die es nicht ausstehen konnte, wenn ihre Freundin so über sie sprach. Wenigstens Marion sollte sie nicht auf ihr Äußeres reduzieren. Um Schönheit bewarb man sich nicht, und man verdiente sie sich auch nicht, aber man musste dafür bezahlen – jeden Tag.

„Schon gut! Ich finde nur, dass du seine Einladungen öfter einmal ablehnen solltest. Mach ihm dezent klar, dass du gerne für ihn arbeitest, aber nie und nimmer mit ihm ins Bett gehen wirst. Wehret den Anfängen – das hat meine Oma immer gesagt. Erinnerst du dich? Omi war eine weise Frau.“

„Und ob! Doppelt weise, weil sie all ihre Weisheit an ihre Enkelin weitergereicht hat“, erwiderte Kira, und ihre Miene wurde weich. Sie hatte Marions Großmutter sehr gern gehabt und vermisste sie noch immer. Vor zwei Jahren war sie gestorben.

„Das nehme ich als gewaltiges Kompliment aus deinem Munde.“ Marion strahlte.

Die Freundinnen waren schon zusammen in den Kindergarten, dann zur Schule und anschließend zur Uni gegangen. Kiras alleinerziehende Mutter war dankbar gewesen, dass ihre Tochter in Marions Familie herzlich aufgenommen worden war. Im Grunde waren Marion und Kira daher eher Schwestern als Freundinnen.

„Schalte einfach unmerklich einen Gang zurück und bremse ab, bevor du wieder mit einem Schleudertrauma endest!“, warnte Marion noch einmal ausdrücklich.

„Wird gemacht, auch wenn ich nach wie vor überzeugt bin, dass Herr Klaus sich nicht als Mogelpackung entpuppt und am Ende nur dasselbe will wie alle. Er scheint mir vertrauenswürdig, und ich hätte gerne einen Mann wie ihn zum Vater gehabt.“

„Bei deinem Aussehen sollte man nicht auch noch mit einem Vaterkomplex bestraft sein, der sich gewaschen hat. Ungünstig, sehr ungünstig! Egal, Hauptsache du sorgst für gesunden Abstand und klärst die Lage, bevor es gefährlich wird.“

„Versprochen!“

„Und schon ist die Unke zufrieden und unkt nicht mehr herum. Hast du auch so einen Kohldampf? Ich brauche dringend etwas in den Magen. Sollen wir uns eine Pizza holen und einen Liebesfilm anschauen?“, schlug Marion vor. „Ich bin nicht gerne allein und schätze deine Gesellschaft“, frotzelte sie.

Kira streckte ihr die Zunge heraus, und sie lachten. Es war Sonntagabend, und die Freundinnen hatten den Tag gemeinsam verbummelt.

„Ein Liebesfilm? So etwas schaust du dir doch sonst nur unter Todesstrafe an.“

„Heute mache ich eine Ausnahme. Ich brauche einen dramatischen, tragischen Film, bei dem man eine ganze Packung Papiertaschentücher verweint. Einsame Seelen sollten ihre Tränen gut kontrolliert vergießen und den Druck immer auf einem akzeptablen Pegel halten. Wenn ich wegen eines Films heule, heule ich weniger wegen meines eigenen tragischen, unglücklichen Zustandes. Was meinst du?“ Marion bekam prompt feuchte Augen.

„Du hast Theo erst gestern zum Flughafen gebracht, und er ist am Mittwoch wieder da. Ihr telefoniert jeden Abend und schickt euch permanent Nachrichten und Fotos. So schrecklich einsam kann deine Seele nicht sein!“, protestierte Kira.

„Hast du eine Ahnung! Mein Bett kommt mir so riesig vor, dass ich abends immer fürchte, ich könnte mich verirren und morgens verloren gegangen sein, wenn er nicht da ist. Er fehlt mir!“, seufzte Marion. Sie war seit acht Jahren mit ihrem Freund zusammen, und die beiden wollten bald heiraten.

„Ich fürchte, ich beneide dich“, stellte Kira traurig fest. „Mit achtundzwanzig müsste ich doch zumindest einmal einem Mann begegnet sein, der mich ansatzweise so mag wie Theo dich. Was ist so falsch an mir? Warum bin ich nicht liebenswert?“

„Nichts! Du bist wundervoll, ein Hauptgewinn, und genau da liegt das Problem. Die meisten netten Männer sprechen dich erst gar nicht an, weil sie nicht davon ausgehen, eine Chance zu haben. Die Typen, die dich ansprechen, sind Spieler. Sie versuchen ihr Glück bei jeder, ohne etwas Ernstes im Sinn zu haben. Sobald sie merken, wie intelligent du bist und dass du klare Vorstellungen hast, verschwinden sie. Es liegt nicht an dir“, tröstete Marion sie.

„Toll! Nette Männer machen einen Bogen um mich, und böse Buben schlage ich in die Flucht. Ich werde irgendwann als Mutter Oberin ein Kloster leiten und sehr einsam enden“, prophezeite Kira düster.

„Ob die dich an der Klosterpforte als Protestantin aufnehmen und dir dann auch noch Karrieremöglichkeiten eröffnen? Ich weiß nicht. Die katholische Kirche hat Regeln, und als Frau ist man da sowieso benachteiligt. Vielleicht solltest du dir einen alternativen Lebensplan einfallen lassen.“

„Danke! Du weißt, wie man einer Ertrinkenden den letzten Rettungsring wegnimmt.“

„Gerne! Dafür hat man Freunde. Am besten lässt du in Zukunft die bösen Buben links liegen, gehst auf die netten Männer zu und ermutigst sie ein bisschen. Das ist ein viel besserer Plan für ein schöneres Leben. Bei einem Lebensberater und Coach müsstest du dafür ein Vermögen zahlen. Von mir gibt es den Rat gratis. Pizza?“

„Pizza! Ich bezahle – dein Honorar.“

„Ich wusste es! Anerkennung ist scharf und schmeckt nach Peperoni. Herrlich! Ich liebe das!“

„Du bist nicht zu retten!“

Es war nach Mitternacht, als Kira sich verabschiedete und zu ihrer Wohnung fuhr, die in der Innenstadt lag. Müde, aber zufrieden kuschelte sie sich nach einer ausgiebigen Dusche in ihr Bett. Sie freute sich auf die neue Woche.

Keinen Gefährten zu haben machte sie manchmal melancholisch, aber sie hatte eine großartige Freundin, eine gute Arbeit und alles in allem ein Leben, in dem sie sich zu Hause fühlte. Was brauchte sie mehr?

„Irgendwann läuft mir auch noch der Richtige über den Weg! Ich bekomme meine Familie!“, murmelte sie beim Einschlafen vor sich hin und lächelte verträumt.

***

„Bleibt es bei heute Abend?“, rief Peter Klaus aus seinem Büro, als Kira vorbeiging, die sich in der kleinen Küche einen Kaffee geholt hatte. Sie wartete auf ihren letzten Klienten, bevor das Wochenende beginnen konnte.

„Sehr gerne!“, stimmte sie nach kurzem Zögern zu, nahm sich aber fest vor, am Abend dezent anzusprechen, dass sie nicht an einer Beziehung mit ihm interessiert war. Sie wollte wirklich nicht, dass sich ihr Chef falsche Hoffnungen machte. Er war nett, aber sie hegte keine tieferen Gefühle für ihn. Bevor sie ihn irgendwann verletzte, war es besser, gleich offen mit ihm zu reden.

Marions Warnung klang ihr im Ohr. Es war Freitag, und Herr Klaus hatte sie in dieser Woche schon zweimal zum Essen eingeladen. Er war der perfekte Kavalier, und es war immer ein schöner Ausklang der Arbeit gewesen. Dennoch wurde es Kira unbehaglich. Die Häufung war alarmierend. Warb er auf diese Weise etwa um sie?

Um achtzehn Uhr verabschiedete sich ihr Klient, und sie wollte nur noch rasch den Steuerfall abschließen, an dem sie gerade arbeitete. Da sie nicht wusste, ob Peter Klaus schon auf sie wartete, ging sie rasch hinüber in sein Büro, um ihn zu informieren.

Er saß an seinem Schreibtisch und schien etwas zu überprüfen. Seine Miene war hochkonzentriert. Kira blieb eine Weile in der offenen Tür stehen, weil sie ihn nicht stören wollte. Schließlich machte sie sich mit einem Räuspern bemerkbar.

Erschrocken fuhr er von seinem Stuhl hoch und starrte sie mit vor Schreck geweiteten Augen an.

„Was wollen Sie? Warum stehen Sie da so rum? Haben Sie nichts Besseres zu tun?“, knurrte er feindselig.

Kira zuckte bei seinen Worten zusammen. Alles an ihm war ihr plötzlich fremd, selbst die Stimme. Der Mann, mit dem sie inzwischen über ein halbes Jahr zusammenarbeitete, war stets höflich und ausgeglichen. Was war passiert? Etwas musste ihn völlig aus der Fassung gebracht haben.

„Entschuldigen Sie, Herr Klaus!“, sagte sie unsicher. „Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich in fünfzehn Minuten fertig bin.“

„Fertig?“ Irritiert und voller Misstrauen sah er sie an, dann erinnerte er sich an die Einladung.

„Frau Leonhardt, ich habe völlig vergessen, dass wir zusammen einen Happen essen gehen wollten. Es tut mir leid! Das holen wir kommende Woche nach! Bei mir hat sich ein Klient gemeldet, dem ich unmöglich absagen kann. Er möchte später noch vorbeischauen, und es wird wohl eine lange Arbeitsnacht werden. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel!“, bat er verlegen.

„Natürlich nicht!“

„Ein schönes Wochenende für Sie!“, wünschte er.

„Ihnen auch!“ Kira wollte nur weg. Da stimmte etwas nicht. Sie bekam in diesem Büro kaum Luft, so extrem war die Anspannung.

„Frau Leonhardt!“, rief er sie zurück, und es klang nicht freundlich.

„Ja!“ Sie musste sich zwingen, nicht wegzulaufen. Was war nur los? Warum fürchtete sie sich denn vor ihm?

„Waren Sie das? Haben Sie das getan?“, fragte er und musterte sie stechend. „Falls Sie es waren, kann ich nur gratulieren. Ich …“ Er brach ab, weil er an ihrer Miene erkannte, dass sie keine Ahnung hatte, worüber er sprach.

„Was soll ich getan haben? Ich verstehe nicht, was Sie meinen?“

„Nichts! Ich sehe schon Gespenster.“ Müde schüttelte er den Kopf. „Noch einmal: ein schönes Wochenende! Wir sehen uns am Montag. Frau Leonhardt, die Zusammenarbeit mit Ihnen hat mir große Freude bereitet. Sie sind eine hervorragende Steuerberaterin, und es ist ein Gewinn für mein Unternehmen, dass ich Sie eingestellt habe.“

„Danke!“ Kira wusste mit dem unerwarteten Lob nichts anzufangen. Vor allem hörte es sich fast wie ein Abschied an. Wollte er sie entlassen? Stand er derart neben sich, weil er sich mit dem Büro übernommen hatte? Vorstellen konnte sie sich das nicht bei den Einnahmen, aber sein Verhalten war seltsam.

Sie hatte es eilig, aus seinem Büro zu kommen. Was war das zuvor gewesen? Noch nie hatte sie solch ein Entsetzen und solch eine Angst in den Augen eines Menschen gesehen. Wer immer der Klient war, auf den Herr Klaus wartete, musste ihm gehörige Angst einjagen.

Warum empfing er die Person dann überhaupt? Warum bearbeitete er ihren Fall? Das hörte sich sehr nach etwas Illegalem an. In was war Herr Klaus da hineingeraten? Kira beschloss, es lieber nicht wissen zu wollen.

Sie ahnte Gefahr, und ihr Fluchtinstinkt trieb sie an, umgehend zu gehen. Entgegen ihrer üblichen Arbeitsweise schloss sie den Steuerfall nicht ab, an dem sie gerade saß. Sie machte sich nur ein paar Notizen, um am Montag nichts Wichtiges zu vergessen. Dann griff sie nach Jacke und Handtasche und verließ fluchtartig das Büro, ohne sich noch einmal von Peter Klaus zu verabschieden.

Von ihrer Wohnung zu ihrem Arbeitsplatz waren es zu Fuß gut dreißig Minuten, und Kira hätte länger gebraucht, um einen Parkplatz zu finden. Es gab zwar ein Parkhaus unter dem Hochhaus, aber die Plätze reichten nicht für alle und waren sehr teuer.

Kam sie einmal nicht aus dem Bett und war spät dran, dann nahm sie die U-Bahn. Am liebsten ging sie die paar Schritte morgens und abends jedoch zu Fuß. Die Bewegung war ihr täglicher Ausgleichssport gegen zu viel Zeit am Schreibtisch. Selbst bei Schnee und Regen ließ sie sich das nur in Ausnahmefällen nehmen.

An diesem Abend musste sie noch ein paar Einkäufe erledigen, weil sie zu Hause einen leeren Kühlschrank hatte. Als sie dann kurz vor neunzehn Uhr vor ihrer Wohnungstür stand, erwartete sie eine böse Überraschung. Sie hatte ihren Schlüsselbund im Büro auf dem Schreibtisch liegen lassen. Der überstürzte Aufbruch rächte sich.

„Verdammt! Verdammt! Verdammt!“, schimpfte sie wütend vor sich hin. Was sollte sie tun? Peter Klaus hatte gesagt, dass er lange arbeiten würde. Vermutlich war das Büro noch offen, aber es war der letzte Ort, an den es sie gerade zog. Der ominöse Klient war sicher schon da, und dem wollte sie unter keinen Umständen begegnen.

Ganz konnte sie sich eine gewisse Neugierde nicht absprechen. Rätsel und Geheimnisse zu entschlüsseln war schon immer eine ihrer Leidenschaften gewesen. Ihr Instinkt sagte ihr aber, dass es hierbei um kein Spiel ging. Manchmal war es sicherer und besser, die Augen zu schließen.

Sollte sie in den sauren Apfel beißen und einen Schlüsseldienst rufen? Billig war das nicht, und doch war die Versuchung groß. Leider hingen aber auch ihre Autoschlüssel an dem Bund. Es war herrliches Frühsommerwetter, und es wäre eine Strafe für sie gewesen, das Wochenende in Hamburg bleiben zu müssen. Sie freute sich auf einen Ausflug an die Nordsee.

Dummheit musste eben bestraft werden! Im Stechschritt rannte sie zum Büro zurück und hoffte, unbemerkt rein- und raushuschen zu können. Wenn sie Augen und Ohren verschloss, würde sie auch nichts mitbekommen.

„Gott sei Dank!“, sprach sie ein Dankgebet, als sie von unten sah, dass in den Räumen im vierten Stock noch Licht brannte. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl hoch. Die Tür war offen, und sie ging direkt in ihr Büro, ohne nach rechts oder links zu sehen.

In Herrn Klaus’ Büro standen zwei Männer. Sie achtete nicht darauf, aber sie nahm es gegen ihren Willen wahr. Die Tür war angelehnt. Ohne die Worte verstehen zu können, waren Stimmen zu hören. Die Männer standen vor seinem Schreibtisch. Warum blieben sie stehen? Wollten sie gerade gehen?

Kira wünschte, sie hätte den Schlüsseldienst gerufen. Da lag der Schlüsselbund auf dem Schreibtisch. Sie griff hastig nach ihm und war schon fast wieder an der Ausgangstür, als sie in der Bewegung innehielt und atemlos lauschte.

„Herbert! Bitte! Nicht! Ich habe dich nicht verraten! Ich weiß nicht, wie die Staatsanwaltschaft an diese Daten kommen konnte. Von mir stammen sie nicht. Bitte!“, drang Peter Klaus’ Stimme an ihr Ohr. Panik lag darin. Er schrie, flehte. Todesangst. Jetzt wusste Kira, was sie an diesem Abend in seiner Miene gelesen hatte.

Sie wusste genau, dass sie hätte gehen und sich selbst in Sicherheit bringen sollen. Sie konnte es nicht. Da schwebte ein Mensch in Gefahr, und vielleicht konnte sie allein durch ihr unerwartetes Auftauchen etwas Schlimmeres verhindern. Sie musste es versuchen, ansonsten würde sie sich für den Rest ihres Lebens fragen, ob ihr Erscheinen einen Unterschied gemacht hätte.

Voller Angst, aber überzeugt, das Richtige zu tun, ging Kira zu dem Büro. Sie kramte dabei mit zitternden Händen in ihrer Tasche nach ihrem Handy, um umgehend den Notruf wählen zu können, falls es erforderlich war.

Und dann sah sie, wie sich ein Arm mit einer Waffe hob. Kein Ton erklang, aber auf Peter Klaus’ Stirn war plötzlich eine runde, rote Wunde, aus der Blut zu strömen begann. Er sackte auf seinem Schreibtisch zusammen und blieb reglos liegen.

Kira stieß einen spitzen Schrei aus, und Handtasche und Handy fielen zu Boden. Sie konnte sich nicht bewegen, konnte nicht begreifen, dass sich das alles tatsächlich vor ihren Augen abspielte. Da drehten sich die zwei Männer um, die sich in dem Büro befanden, und die Waffe zielte durch die Glastür hindurch auf sie.

Kira rannte. Sie rannte um ihr Leben. In letzter Sekunde gelang es ihr, in den Fahrstuhl zu hechten, deren Türen sich gerade schlossen. Da sah sie auch schon die Einschussstelle in der Kabinenwand. Der Mann hatte auf sie geschossen. Ein Mensch hatte sie töten wollen. Kira übergab sich würgend.

Schon öffnete sich die Fahrstuhltür wieder, und sie stürmte weiter. Im Erdgeschoss des Hauses waren Geschäfte. Die oberen Geschosse gehörten Ärzten, Anwälten und Büros unterschiedlichster Firmen. Sobald Kira das Haus verließ, war sie von einer Menschentraube umschlossen.

Um diese Zeit war die Fußgängerzone äußerst belebt. Dankbar tauchte sie in der Menge unter und ließ sich zur U-Bahn treiben. Was sollte sie nur tun? Um Himmels willen, was sollte sie denn nur tun? Sie war Zeugin eines Mordes geworden, und jemand hatte versucht, sie zu töten.

Handtasche und Telefon hatte sie zurückgelassen. Damit war sie leicht aufzuspüren. Ihr Pass, ihr Geldbeutel mit allen Kreditkarten – alles, alles war unerreichbar für sie und machte sie zu einem leichten Ziel.

In ihrer ersten Angst war sie entschlossen, sofort die Polizei zu informieren und eine Aussage zu machen. Als sie dann aber in der überfüllten U-Bahn stand, war sie sich nicht mehr sicher, ob das eine gute Idee war. Stattdessen fuhr sie zu Marion und stand keine fünfundvierzig Minuten nach dem Mord zitternd vor der Tür ihrer Freundin.

***

„Kira, was ist denn los?“ Marion spürte und sah sofort, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. „Komm rein! Du bist ja völlig verstört und zitterst am ganzen Leib. Was ist denn nur passiert?“

„Herr Klaus ist tot. Er ist tot, Marion, und … und ich habe gesehen, wer ihn erschossen hat. Ich habe gesehen, wie er ermordet wurde. Ich …“, brach es aus Kira hervor, und dann versagten ihre Beine, und sie sackte im Flur in sich zusammen.

„Theo! Komm! Schnell!“, rief Marion ihren Freund zu Hilfe.

Gemeinsam gelang es ihnen, Kira ins Wohnzimmer zu bringen und auf das Sofa zu legen. Sie zitterte unkontrolliert, und kalter Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Mit stieren Augen sah sie sich um und schien kaum zu begreifen, wo sie sich befand.

„Sie hätten dich bei der Polizei nicht einfach so gehen lassen dürfen. Unmöglich! Du stehst unter Schock und brauchst ein Beruhigungsmittel.“ Theo war empört.

„Polizei? Nein! Keine Polizei!“, schrie Kira und richtete sich vor Schreck auf.

„Was? Du hast den Mord nicht sofort gemeldet? Kira!“ Theo war fassungslos. „Du bist eine Mordzeugin, und das Verbrechen muss umgehend gemeldet werden, sonst machst du dich verdächtig. Wer weiß, vielleicht ist dein Chef gar nicht tot und braucht einen Arzt. Das ist unterlassene Hilfeleistung. Ich rufe gleich an!“ Er wollte nach dem Telefon greifen. Genau wie Marion hatte er Jura studiert und befand sich im Referendariat.

„Gib ihr etwas Zeit, um zu sich zu kommen und sich zu beruhigen!“, bat Marion und legte den Arm um ihre Freundin, als sie Kiras Entsetzen sah.

„Marion, sollte der Mann noch leben, zählt jede Minute, und falls es um Mord geht, ist …!“, erinnerte Theo sie.

Sie warf ihm einen ungeduldigen Blick zu und brachte ihn damit zum Schweigen.

„Kira, du musst das melden! Du willst doch, dass der Mörder gefasst wird. Außerdem hat Theo recht. Du machst dich verdächtig, wenn du zu lange zögerst. Theo ruft schon einmal bei der Polizei an und du …“

„Nein!“ Es war ein qualvoller Aufschrei. „Er hat eine Kugel im Kopf und ist eindeutig tot. Marion, ich weiß, wer Peter Klaus ermordet hat. Ich habe direkt in sein Gesicht gesehen. Er hat meine Handtasche mit meinen Papieren, meiner Adresse …“

„Dir wird nichts passieren, Schatz! Er wird verhaftet und muss sich für den Mord verantworten. Du bist sicher!“, beruhigte Marion sie.

„Nein! Niemand wird mir glauben und selbst wenn, werde ich nicht lange genug leben, um eine Aussage vor Gericht machen zu können. Das steht fest. Warum habe ich nur keinen Schlüsseldienst gerufen?“

Kira stöhnte laut und fuhr fort.

„Es war Herbert Hahnen – der Wohltäter. Hamburg verdankt ihm so viel, und alle wissen, dass er mit dem organisierten Verbrechen zu tun hat, aber man konnte ihm nie etwas nachweisen. Eigentlich möchte ihm niemand etwas nachweisen. Für Hamburg wäre das ein Verlust.“

Theo und Marion sahen sich an und wurden bleich. Das änderte in der Tat alles. Es liefen im Hintergrund regelmäßig Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Hahnen, aber Aussagen wurden zurückgenommen, Zeugen und Beweise verschwanden. Letztendlich ließ sich nie etwas beweisen.

„Und du hast Hahnen selbst schießen sehen? Für solche … für so etwas hat er normalerweise sicher seine Leute und macht sich nicht die Hände schmutzig. Kann es sein, dass der Mann Hahnen nur ähnlich sah?“, wollte Theo wissen.

Kira lachte hysterisch.

„Siehst du! Nicht einmal du glaubst mir. Es war Herbert Hahnen. Da war ein zweiter Mann, und der hat mich verfolgt und auf mich geschossen. Aber Herr Klaus wurde von Hahnen erschossen. Sie waren Schulfreunde. Klaus hat mir das einmal erzählt. Er war stolz darauf, glaube ich.“

Theo schluckte. Sein Rechtsbewusstsein sagte ihm, dass Kira trotz allem die Polizei anrufen musste. Für ihre Sicherheit hätte er aber nicht die Hand ins Feuer legen können. Niemand wusste genau, wie viel Einfluss Hahnen bei den Behörden hatte. Es war auffällig, dass selbst aus der Asservatenkammer der Polizei schon Beweise verlorengegangen waren.

„Du bleibst erst einmal bei uns, und wir warten ab, was sich entwickelt!“, entschied Marion.

„Das ist viel zu gefährlich für euch. Ich hätte gar nicht herkommen dürfen, aber ich war in Panik. Ihr seid Juristen, und wenn ich euch da mit hineinziehe, könnte es das Ende eurer beruflichen Laufbahn bedeuten.“

Theo nickte unmerklich. Der Gedanke war ihm sofort gekommen.

„Und das ist noch harmlos. Hahnen hat meinen Namen und wird in kürzester Zeit herausfinden, mit wem ich befreundet bin. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihr auf der Suche nach mir überprüft werdet. Marion, ich ruhe mich noch etwas aus, und dann gehe ich. Nicht einmal heute Nacht kann ich bleiben“, widersprach Kira müde, aber ohne Widerspruch zuzulassen.

„Wenn euch etwas passieren würde, könnte ich mir das nie verzeihen. Ich hätte diesen elenden Schlüsseldienst rufen müssen, dann wäre alles in Ordnung. Es war allein meine Schuld, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ich hätte gar nicht im Büro sein dürfen. Ihr sollt nicht für meine Dummheit zahlen!“

„Kira, du kannst nicht in deine Wohnung und …“

„Ich weiß. Vorerst muss ich von der Bildfläche verschwinden. Wenn das so einfach wäre! Ich habe keine Papiere und kein Geld. So etwas kenne ich nur aus Fernsehkrimis oder Romanen. Ich habe keine Ahnung, wie man es anstellt, in einer fremden Stadt unterzutauchen und neu anzufangen ohne alles. Das ist doch verrückt, oder? So etwas passiert einem nicht in der Realität!“ Tränen schimmerten in ihren Augen.

Theo hatte bisher geschwiegen und nachgedacht.

„Deine Idee ist gar nicht übel. Du musst erst einmal abtauchen, aber vorher zeichne ich per Video deine Aussage auf. Marion und ich sind kleine Lichter, aber wir haben Kontakte. Wir sehen, was wir hier für dich ausrichten können“, meldete er sich zu Wort.

„Ist das nicht zu gefährlich? Ich …“, wollte Kira protestieren.

„Wir leben in einem Rechtsstaat, und ich habe Jura studiert, weil ich dazu beitragen möchte, dass es auch so bleibt. Im Moment haben wir keine andere Wahl, als dich in Sicherheit zu bringen. Das ist ein Armutszeugnis, und ich gebe es ungern zu, aber es entspricht den Tatsachen.“ Theo empfand es als persönliches Versagen, dass Kira in diese Situation hatte geraten können.

„Ich werde alles tun, um dir eine sichere Möglichkeit zu schaffen, deine Zeugenaussage zu machen und Hahnen ins Gefängnis zu bringen. Niemand steht über dem Gesetz, und niemand hat das Recht, das System zu manipulieren und in seinem Sinne zu verbiegen.“

„Ich sehe das genau wie Theo. Du bringst dich in Sicherheit und hältst die Beine still. Theo und ich behalten die Lage im Auge und schauen, ob wir etwas ausrichten können. Kaufe dir ein Kartenhandy und melde dich alle paar Tage bei uns!“, entwarf Marion einen Plan.

„Fünftausend Euro können wir dir heute Abend beschaffen, und sollte das nicht reichen, bis du zurückkommen kannst, finden wir schon einen Weg, dir Geld zu schicken. Ich gebe dir meinen Personalausweis mit.“

„Deinen Ausweis?“

„Wir haben beide langes, blondes Haar und eine ähnliche Gesichtsform. Viel mehr kann man auf diesem miserablen Bild ohnehin nicht erkennen. Nutze meinen Namen selten, nur wenn es nicht anders geht. Falls sie Theo und mich tatsächlich kontrollieren, kann man dich so aufspüren. In manchen Pensionen fragen die Angestellten auch gar nicht nach dem Pass.“

„Marion, ich …“

„Kira, lass uns keine unnötige Zeit verschwenden. Theo und ich helfen dir. Basta! Sag uns am besten nicht, wohin du gehst. Zur Sicherheit.“

Kira sträubte sich, aber ihre Freunde ließen nicht mit sich reden. Schließlich gab sie nach. Theo zeichnete mit seinem Handy ihre Aussage auf, dann holten Marion und er so viel Geld vom nahen Geldautomaten ab, wie sie an einem Abend bekamen, und gaben es Kira mit.

Ohne noch einmal zu ihrer Wohnung zu fahren, ließ sich Kira von ihnen in die Nähe des Bahnhofs bringen. Marion und sie hielten sich lange im Arm.

„Wir schaffen das! Alles wird gut ausgehen, und bald lachen wir, wenn wir an all unsere Ängste denken!“, prophezeite Marion.

„Wie es auch immer ausgeht, habe ich großes Glück, Freunde wie dich und Theo zu haben. Danke für alles! Ihr seid großartig und …“

„Hey, hier werden keine großen Abschiedsreden geschwungen. Du wirst die Patentante meines ersten Kindes sein, und ich habe nicht vor, ohne dich im Rücken vor den Altar zu treten. Alles wird gut! Hast du gehört?“

Sie umarmten sich noch einmal, dann ging Kira davon, ohne sich umzudrehen. Sie traute sich nicht und wollte vermeiden, dass sie den Mut verlor und zu Marion zurückrannte. In Hamburg war es für sie nicht mehr sicher, und jeder, der ihr nahestand und half, geriet in Gefahr. Sie musste gehen.

***

Als Kira den Zug nach München bestieg und sich auf ihren Platz in einem Großraumabteil setzte, atmete sie das erste Mal etwas auf. Sie hatte die Fahrkarte am Schalter gekauft, ohne dass nach ihrem Namen gefragt worden war, und für München hatte sie sich nach dem Zufallsprinzip entschieden.

In der bayrischen Metropole kannte sie keine Menschenseele. Wenn sie in München aus dem Zug stieg und in die Stadt eintauchte, war sie nicht mehr so leicht zu finden. Vorerst fühlte sie sich etwas sicherer. Auf Dauer war das jedoch keine Lösung.

Erleichterung und Furcht hielten sich die Waage. Vor Hahnen und seinen Männern mochte sie relativ geschützt sein, aber wie es ihr gelingen sollte, in München zu überleben, stand auf einem anderen Blatt.

Marion und Theo wollten alles versuchen, um einen sicheren Boden für ihre Heimkehr nach Hamburg zu schaffen, doch wie lange das dauerte und ob es überhaupt gelang, stand in den Sternen. Vielleicht würde Kira nichts anderes übrig bleiben, als ihr bisheriges Leben komplett hinter sich zu lassen und unter einem anderen Namen neu anzufangen.

Das hörte sich so einfach an, aber wie bewerkstelligte man es? Wie besorgte man sich Papiere und fand Arbeit? Würde sie weiter als Steuerberaterin arbeiten können? Kaum. Das war zu gefährlich. Ihr würden nur Aushilfsjobs bleiben. Schlechter Lohn für harte Arbeit und keine Zukunft – Abitur, Studium und all ihr Streben wären dann umsonst gewesen.

Verzweiflung klopfte an, aber Kira erlaubte ihr nicht, die Kontrolle zu übernehmen. Peter Klaus war tot. Er würde nie wieder lachen, sich nie wieder über etwas freuen oder ärgern. Von einem Moment auf den anderen war er aus dem Leben geschleudert worden. Das war schlimm.

Sie hingegen lebte. Selbst wenn ihr Leben von nun an vollkommen anders verlaufen würde wie geplant, so lebte sie doch. Kira dankte Gott dafür, dass der Schütze sie verfehlt hatte. Was auch immer kam, sie war entschlossen, um ihr Leben zu kämpfen und nie aufzugeben.

In München suchte sie sich zu Beginn am besten eine Pension, in der man keine Fragen stellte. Kira wollte Marions Namen nicht benutzen. Sie hatte den Pass ihrer Freundin als letzte Nothilfe bei sich, war aber entschlossen, sich irgendwann selbst einen neuen Namen und eine neue Identität zu geben, wenn es nicht anders ging.

Was sollte sie mit ihrer Zeit anfangen, wenn sie in München war? Marion hatte ihr nahezu befohlen, die Füße stillzuhalten.

„Wir regeln das für dich, aber du musst uns Zeit geben und Geduld haben! Geh so wenig wie möglich vor die Tür! Vertraue Theo und mir!“

Kira vertraute den beiden blind, aber Untätigkeit unter diesen Umständen war eine schreckliche Vorstellung. Sie hätte lieber rund um die Uhr gearbeitet, um nicht mehr an die entsetzlichen Bilder zu denken, die ihr immerzu vor Augen standen.

Hatte Herr Klaus geahnt, dass die Geschichte für ihn tödlich enden könnte? Kira musste an sein Lob denken, dass eher wie ein Abschied geklungen hatte. Warum war er geblieben? Warum hatte er seinen Tod anscheinend in Kauf genommen?

Freundschaftstreue? War er davon ausgegangen, dass sein alter Schulfreund ihn anhören und ihm glauben würde? Dafür war seine Angst zu groß gewesen. Nein, Kira sah mit trauriger Klarheit, dass Peter Klaus keine andere Wahl gehabt hatte. Wo hätte er sich verstecken sollen? Er hatte zu viel zu verlieren gehabt, um mit leeren Händen zu fliehen.

Im Nachhinein verstand sie seine misstrauische Frage. Irgendwie mussten belastende Informationen an die Staatsanwaltschaft gelangt sein, und Hahnen war davon ausgegangen, dass sein Freund ihn verraten hatte. Da Herr Klaus Kira verdächtigt hatte, konnte er es nicht gewesen sein. Wer aber hatte dann dafür gesorgt, dass geheime Informationen durchsickerten?

Kira dachte während der Zugfahrt unaufhörlich darüber nach. Als Steuerberater war Peter Klaus vermutlich irgendwie an der Geldwäsche von Hahnen beteiligt gewesen. Sicher hatte er die Schlupflöcher aufgespürt, über die sich illegales Geld sauberwaschen ließ, und vielleicht sogar die Bücher seines Freundes geführt.

„Herbert ist eine Ausnahmepersönlichkeit, und ich betrachte es als Ehre, ihn zu kennen. Im Gegensatz zu mir ist er alles andere als blass und langweilig.“ Das hatte Peter Klaus bei einem ihrer gemeinsamen Abendessen über seinen Freund gesagt.

Der Freund, auf den er stolz gewesen war, hatte ihn getötet, ohne seinen Unschuldsbeteuerungen zu glauben. Was für ein trauriges und bitteres Ende einer lebenslangen Freundschaft! Kira empfand Mitgefühl, obwohl ihr durchaus bewusst war, dass Herr Klaus nicht der aufrechte Ehrenmann gewesen war, für den sie ihn gehalten hatte.

Im Büro gab es neben ihr und Herrn Klaus nur noch die langjährige Assistentin des Steuerberaters. Amelie Kurz war eine Frau im Alter von Peter Klaus, und Kira hatte immer den Verdacht gehegt, dass sie heimlich in ihren Chef verliebt war. Klaus dagegen hatte sie mit größter Zuvorkommenheit behandelt, aber jeden Kontakt gemieden, der über die Arbeit hinausging.

Amelie Kurz – war sie die undichte Stelle? Hatte sie ihren Chef ausspioniert und brisante Informationen für die Staatsanwaltschaft gesammelt? Kira hielt es für möglich. Sie hatte Amelie Kurz häufig im Büro von Peter Klaus gesehen, auch wenn er nicht da gewesen war.

Damals hatte sie sich nichts dabei gedacht. Eine Assistentin musste schließlich nach fehlenden Unterlagen sehen oder etwas für ihren Chef bereitlegen. Nun sah Kira es in einem anderen Licht. Ob Amelie Kurz geahnt hatte, welche Konsequenzen dem Mann drohten, in den sie verliebt war?

Wohl kaum. Verschmähte Liebe machte rachsüchtig. Nun würde sie irgendwie damit leben müssen, für seinen Tod verantwortlich zu sein. Moralisch hatte sie das Richtige getan, aber wenn Kira richtiglag, dann aus den falschen Beweggründen. Kein leichtes Schicksal, doch Kiras Anteilnahme hielt sich in Grenzen.

Sie hätte Amelie Kurz zu gerne angerufen und um Hilfe gebeten. Die Assistentin musste Kontakt zur Staatsanwaltschaft haben, und damit wusste sie, mit wem man gefahrlos über Hahnen sprechen konnte. Da sie versprochen hatte, selbst nichts zu unternehmen, nahm sich Kira vor, Marion und Theo den Tipp zu geben, mit Amelie Kurz zu sprechen.

Die Fahrt nach München dauerte lange, und es war jetzt mitten in der Nacht. Trotz ihrer Furcht döste Kira ein und fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie durch ihre eigenen Schreie erwachte.

„Jetzt geben Sie endlich Ruhe! Es ist doch nur ein Traum!“, schimpfte die Frau, die ihr gegenüber saß und die von ihr geweckt worden war.

„Entschuldigen Sie!“, bat Kira beschämt.

Vier Reihen hinter ihr saß ein Mann, der sich nicht darüber wunderte, dass Kira Leonhardt düstere Träume hatte. Er wusste, was sie gesehen hatte und welche Ängste sie ausstand. Vor allem wusste er, dass sie, wenn es nach ihm ging, nicht mehr lange unter ihren Ängsten und Albträumen leiden musste. Er übernahm es freiwillig, sie bald davon zu erlösen.

Patrick Kuhn war ein Leibwächter besonderer Art. Er leitete die dunklen Geschäfte von Herbert Hahnen, von denen in der Öffentlichkeit nichts bekannt werden sollte. An diesem Abend hatte er seinen Chef zu Peter Klaus begleitet und ihm die Waffe für die Exekution gereicht. Der vermeintliche Verrat von Peter Klaus hatte Hahnen derart in Rage gebracht, dass er unbedingt selbst schießen wollte.

Herbert Hahnen war ein Patriarch der alten Schule. Wer zu seinem Clan gehörte, um den kümmerte er sich. Wer ihn verriet oder enttäuschte, um den stand es schlecht. Peter Klaus hätte wissen müssen, dass Entschuldigungen und Erklärungen ihm nicht helfen würden. Er hatte versagt, und das hatte Konsequenzen – ohne Ausnahme.

Für Patrick Kuhn war es kein bemerkenswerter Abend gewesen. Gewalt und selbst Mord gehörten für ihn zur täglichen Arbeit, und Hahnen legte immer wieder gerne selbst Hand an. Erst als der Frauenschrei erklang und Hahnen und er in die entsetzten Augen der Zeugin sahen, wurde es zu einem Ausnahmeabend für den Leibwächter.

Er hatte nicht aufgepasst und einen verheerenden Fehler gemacht. Das würde Konsequenzen haben. Es hätte zu seinen Pflichten gehört zu verhindern, dass jemand den Mord beobachtete. Bei ihrer Ankunft hatte er das ganze Büro pflichtbewusst kontrolliert, und dann war er nachlässig gewesen.

Er hätte nur dafür sorgen müssen, die Eingangstür abzuschließen, und nichts wäre geschehen. Leider war er davon ausgegangen, dass um diese Uhrzeit niemand mehr kommen würde. Selbst das Unberechenbare und Unwahrscheinliche im Blick zu haben war Teil seiner Arbeit. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich zu rechtfertigen.

„Sie finden und töten diese Frau, bevor sie mir schaden kann!“, befahl sein Chef kühl.

Mehr musste er nicht sagen. Der Leibwächter war Profi und wusste, dass sein Leben von nun an mit dem Tod der Zeugin verknüpft war. Falls er diesen Auftrag nicht reibungslos zu Ende brachte, war er tot. Falls er diesen Auftrag reibungslos zu Ende brachte, bestand die Möglichkeit, dass Hahnen ihn am Leben ließ.

***

Kira war froh, als der Zug in den frühen Morgenstunden endlich in München einfuhr. Sie hatte das erste Etappenziel lebend erreicht. Müde schleppte sie sich aus dem Bahnhofsgebäude und ging zum Taxistand. Taxifahrer wussten immer am besten, wo man in einer Stadt fand, was man suchte.

„Können Sie mich zu einer günstigen Pension bringen, in der nicht viele Fragen gestellt werden?“, bat sie ohne Umschweife und versuchte dabei, verrucht auszusehen – zumindest so, wie sie sich das vorstellte.

Der Fahrer musterte sie überrascht, dann schmunzelte er. Sie trug noch ihr teures Kostüm, das sie im Büro angehabt hatte. Ihre Version von verrucht und verkommen erinnerte an eine pietistische Morgenandacht im Vergleich zu dem, was er in der Hinsicht schon alles erlebt hatte.

Seiner Einschätzung nach hatte die übermüdete Schönheit einen harmlosen Streit mit ihrem Mann und reagierte über. Sie würde auf dem Absatz kehrtmachen, wenn er sie an einen entsprechenden Ort brachte. So konnte man eine Ehe auch retten. Bei sich selbst war er nicht so erfolgreich gewesen und schon zweimal geschieden.

„Es gibt Pensionen, die nicht unbedingt einen gehobenen Standard haben. Ich muss Sie warnen, da können Sie keine Ansprüche an Hygiene oder gar Komfort stellen. Meinen Sie so etwas?“, versicherte er sich, weil er ihr nicht recht glaubte, dass sie an solch einem Ort absteigen wollte.

Sie nickte verlegen. Wunderbar, so unauffällig, wie sie sich verhielt, würde der Fahrer sich gewiss an sie erinnern. Als sie in einer heruntergekommenen Gegend ausstieg, gab sie ihm ein fürstliches Trinkgeld.

„Damit Sie mich gleich wieder vergessen!“

Er grinste breit, während er das Geld einsteckte.

„Kennen wir uns? Nie gesehen! Sollten Sie sich nicht wohlfühlen, hier ist meine Karte! Ich hole Sie gerne wieder ab und bringe Sie an einen schöneren Ort.“

„Danke, das wird nicht nötig sein!“, lehnte Kira das Angebot ab.

„Wie Sie meinen! Meine Lippen sind versiegelt.“ Er fuhr davon.

Kira dachte, die Gefahr damit von sich abgewendet zu haben. Sie konnte nicht wissen, dass der Mann, vor dem sie ihren Aufenthaltsort unbedingt verheimlichen wollte, ihr längst auf den Fersen war.

Patrick Kuhn war ihr in einem anderen Taxi gefolgt und beobachtete aus einiger Entfernung, wie sie das schäbige Gebäude betrat, an dem ein schmutziges Schild hing, das Unterkunft versprach.

„Gut gewählt, meine Liebe!“, murmelte er verächtlich vor sich hin, weil er automatisch zuerst in Pensionen wie dieser nach ihr gesucht hätte. Die Kunst des erfolgreichen Untertauchens bestand darin, das zu tun, womit niemand rechnete.

Bisher hatte Kira Leonhardt einfach alles falsch gemacht. Patrick Kuhn hatte seine Leute mit einem Bild von ihr bei ihrer Wohnung und am Flughafen postiert und war selbst zum Bahnhof gefahren. Unerfahrene Menschen, die fliehen mussten, nutzten meist die Bahn. Sie mieden Flughäfen. Der Auftrag war leicht zu erfüllen, und das sollte er auch sein. Patrick hasste es, wenn sein eigenes Leben auf dem Spiel stand.

Er ließ Kira etwas Zeit, sich ein Zimmer zu nehmen, dann folgte er ihr. Der Mann an der schmutzigen Rezeption hatte einen Fernseher laufen und rauchte mit hochgelegten Beinen. Als er Patrick Kuhn sah, sprang er auf und sah ihn nervös an. Er erkannte die Gefahr auf einen Blick.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er unterwürfig.

„Die Zimmernummer der Frau, die eben eingecheckt hat, und den Ersatzschlüssel!“, befahl Kuhn gebieterisch.

Er bekam beides ohne ein Wort der Gegenwehr.

„Du hast mich nie hier gesehen, oder du siehst nie wieder etwas. Haben wir uns verstanden?“

Der Pensionsinhaber nickte.

„Auf dem Stockwerk ist im Moment sonst niemand, und … und darüber und darunter sind die Zimmer auch leer. Reinigungspersonal pfeife ich zurück!“, gab er ängstlich mehr preis, als Kuhn gefordert hatte, um seine Dienstbeflissenheit zu demonstrieren.

„Brav! Aber verkaufe mich nicht für dumm! Reinigungspersonal müsstest du erst einmal einstellen“, spottete Kuhn. Dann ging er nach oben in den dritten Stock, wo sich das Zimmer befand.

Kira sah sich voller Ekel in dem Pensionszimmer um. Es stand vor Dreck, und selbst die Bettwäsche war nicht gewechselt worden, seit der letzte Bewohner in dem Raum gehaust hatte. Im Papierkorb lag noch verschimmelter Müll des Vorgängers, der ein Alkoholproblem gehabt zu haben schien, wenn es nach den Schnapsflaschen ging, die unter dem Fenster aufgereiht standen.

Es gab ein Doppelbett, einen wackeligen Tisch mit Stuhl und einen Schrank. Nichts davon hätte Kira ohne Handschuhe berühren wollen. Ein Blick ins Badezimmer machte den trostlosen Eindruck komplett. Sie riss erst einmal alle Fenster weit auf und beschloss, Putzmittel zu kaufen und zumindest etwas Sauberkeit zu schaffen.

Nicht einmal den kleinen Rucksack, den Marion ihr geliehen hatte, wollte sie im Zimmer abstellen, solange es so dreckig war. Kira hatte den Türgriff in der Hand und wollte nach draußen, als die Tür mit Gewalt aufgestoßen wurde und gegen sie prallte. Unsanft landete sie auf dem Boden und sah benommen zu dem Mann hoch, der die Tür gelassen hinter sich schloss.

„Guten Morgen, Frau Leonhardt! Ich freue mich, Sie so rasch wiederzusehen.“

Seine Stimme kannte sie nicht, aber sein Gesicht würde sie nie vergessen. Er hatte am Abend zuvor auf sie geschossen. Panisch robbte Kira von ihm weg, bis sie mit dem Rücken gegen den Bettrost stieß.

„Wie haben Sie mich gefunden?“, stieß sie hervor.

„Das war einfach. Ich war immer in Ihrer Nähe. Wollen Sie nicht aufstehen? Es redet sich leichter.“ Er streckte ihr die Hand hin.

Kira gehorchte und hievte sich auf die Beine, wobei sie seine Hand ignorierte. Er deutete auf das Bett, und sie setzte sich in den hintersten Winkel, um so weit wie möglich von ihm entfernt zu sein.

„Sie sind eine ungewöhnlich schöne Frau. Ich wünschte, ich hätte die Tür zum Büro abgeschlossen!“, meinte er, als er sie betrachtete.

Kiras Kehle war wie zugeschnürt.

„Ich bin nicht zur Polizei gegangen“, krächzte sie, und all ihre Optionen schossen ihr blitzartig durch den Kopf.

„Das wissen wir. Eine gute Entscheidung!“, lobte er.

„Ich werde nichts sagen, das verspreche ich! Bitte lassen Sie mich leben!“

„Das würde ich gerne, aber es geht nicht. Sie wären eine permanente Gefahr für meinen Auftraggeber, ein loses Ende. So etwas kann er sich nicht leisten. Aber ich werde Ihnen nicht wehtun!“, versprach er im Gegenzug.

„Danke!“ Kira schluckte. „Ich nehme an, dafür sollte ich wirklich dankbar sein, aber ich lebe gerne. Schon komisch. Wissen Sie, vor Kurzem habe ich mir noch leid getan, weil ich alleine bin und, na ja, weil ich fand, in meinem Leben fehlte etwas. Jetzt würde ich genau dieses Leben zu gerne führen dürfen, bis ich alt und grau bin. Ist das immer so?“

Patrick Kuhn setzte sich an das andere Ende des Bettes. Die Situation war eigentümlich, aber jeder Mensch ging anders damit um, wenn er erfuhr, dass er bald sterben musste. Oft blieb keine Zeit für ein Gespräch, aber hin und wieder ergab es sich. Die meisten flehten, verhandelten, tobten und schlugen um sich. Sie war anders.

„Jeder will leben. Die meisten bieten mir so ziemlich alles dafür, wenn ich sie leben lasse“, erwiderte er.

Kira schüttelte nur den Kopf.

„Sie sind ein Mörder, aber bestechlich sind Sie nicht. Loyalität gilt Ihnen viel, oder?“

Er nickte, und allmählich tat es ihm in der Tat leid, dass er sie nicht verschonen konnte. Sie war nicht nur schön, sondern eine scharfsinnige Beobachterin. Hahnen hätte besser mit ihr zusammenarbeiten sollen und nicht mit ihrem Chef.

„Ich sterbe für meine Vergesslichkeit. Das ist irgendwie lustig. Ich hatte meinen Schlüssel im Büro vergessen.“

„Schicksal oder Bestimmung – das weiß man nie genau. Sie sterben wegen meiner Nachlässigkeit. Ich hätte die Tür sichern müssen.“

„Schicksal – das Wort war mir immer zu gewichtig.“

Sie sahen sich an, und es war seltsam, aber Kira merkte, wie etwas in ihr ganz ruhig wurde. Sie wollte leben, aber an diesem durchtrainierten Mann würde sie nie vorbei und zur Tür hinauskommen. Flucht war eine Illusion.

Sie war Steuerberaterin geworden, weil sie eine Vorliebe für Zahlen hatte. Zahlen waren unbestechlich, unaufgeregt und klar. Sie boten Ordnung. Etwas, was man im Gefühlschaos des Lebens selten fand. Dieser Mörder tötete sie aus kühler Berechnung und ohne Grausamkeit oder Leidenschaft. Er übte ganz einfach seinen Beruf aus. Das passte zu ihr. Wenn sie schon sterben musste, dann gerne auf diese unspektakuläre Weise.

Sie schwiegen ein paar Minuten, und jeder hing seinen Gedanken nach.

„Sind Sie so weit? Sollen wir anfangen?“, fragte er.

„Ich werde nie so weit sein, aber ja, bringen wir es hinter uns. Darf ich noch einmal aufs Klo? Es wäre mir peinlich, wenn …“

„… Selbstverständlich!“

Sie musste nur die Tür offen lassen. Kira spülte Marions Pass hinunter, um keine Spur zu ihrer Freundin zu legen, dann kehrte sie zu ihrem Mörder zurück.

***

Patrick Kuhn hatte die Waffe, mit der Peter Klaus getötet worden war, gründlich abgewischt, damit keine Fingerabdrücke oder Spuren von Hahnen mehr daran sein konnten. Nun nahm er die Waffe mit Handschuhen und reichte sie Kira.

„Das versteht sich von selbst. Sie ist nicht geladen. Damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen.“

„Dann wollen Sie den Mord mir anhängen?“

„Sie sind geflohen. Das macht Sie zu einer wunderbaren Täterin.“

„Ich hatte keinen Grund, kein Motiv. Peter Klaus war ein netter Mann, und alle wissen, dass ich ihn als Chef schätzte.“

„Man kann nie wirklich wissen, was in einem Menschen vor sich geht“, erwiderte er und zuckte die Achseln.

Er steckte die Waffe in einen Plastikbeutel, um sie in Hamburg geschickt zu deponieren, sodass sie gefunden werden musste. Dann holte er einen Beutel mit einer bunten Mischung unterschiedlichster Tabletten und reichte Kira eine Flasche Weinbrand.

„Sie werden schnell das Bewusstsein verlieren und nichts spüren!“, versprach er.

Würgend schluckte sie die Tabletten und spülte mehrmals mit dem Alkohol nach. Fast umgehend begann der Raum um sie herum zu verschwimmen, und ihr wurde schwindlig. Kuhn fing sie auf, bevor sie umkippen konnte, und legte sie auf das Bett.

„Gute Nacht, meine Schöne, und eine gute Reise! Ich wäre Ihnen gerne unter anderen Umständen begegnet“, sagte er nicht ohne Traurigkeit.

„Ich Ihnen auch!“, wollte Kira antworten, aber ihre Zunge gehorchte ihr bereits nicht mehr. Um sie herum wurde es dunkel. Sie konnte noch hören, wie Kuhn aufstand und nach ihrer Tasche griff. Dann drangen Geräusche an ihre Ohren, die sie nicht mehr zuordnen konnte, und dann war es still. Totenstill.

***

Den Drogenfahndern war die Pension, in der Kira abgestiegen war, schon lange ein Begriff. Es war bekannt, dass dort illegale Geschäfte abgeschlossen wurden. Die Razzia an diesem Morgen war Zufall – oder war es Schicksal und Bestimmung?

Ein Informant hatte am Abend zuvor angerufen und verraten, dass an diesem Morgen ein umfangreiches Geschäft über die Bühne gehen sollte. Die Ermittler bekamen grünes Licht für eine Durchsuchung.

Patrick Kuhn war noch dabei, das Zimmer so erscheinen zu lassen, dass alles auf Selbstmord deutete, als seine Nackenhaare sich sträubten. Er vertraute seinem Instinkt immer. Ohne zu zögern, eilte er ans Fenster und sah draußen die Einsatzwagen der Polizei Stellung beziehen.

Es gelang ihm, Sekunden bevor die Polizeitruppe die Pension stürmte, unbemerkt aus dem Hinterausgang zu schlüpfen und abzutauchen. Die Waffe mit den Fingerabdrücken war in seiner Tasche, und Kira Leonhardt war nicht mehr zu retten. Er hatte den Auftrag gut zu Ende gebracht und rechnete mit keinen weiteren Schwierigkeiten.

Dennoch ließ er die Waffe von einem seiner Männer abholen und in Hamburg entsprechend platzieren. Er blieb in München, denn offiziell konnte er den Auftrag erst als erledigt abhaken, wenn der Totenschein für Kira Leonhardt ausgestellt war. Eine Formsache, auf die er Wert legte.

Die Razzia war ein Misserfolg. Sie brachte ein paar kleinere Drogenhändler ins Gefängnis, aber der versprochene große Deal musste anderswo gelaufen sein. Beim Durchsuchen der Zimmer wurde Kira bewusstlos auf dem Bett gefunden. Sie lebte noch und wurde mit Blaulicht und Sirene in die Berling-Klinik gebracht.

„Vergiftung. Sie hat Tabletten genommen, und es standen viele Alkoholflaschen im Zimmer herum“, teilte der Sanitäter dem Notarzt mit, als er ihm die Patientin an der Klinik übergab und dabei neben der Trage herrannte, weil jede Sekunde zwischen Leben und Tod entscheiden konnte.

„Die Atmung ist flach. Blutdruck liegt bei 70 zu 90. Ich habe ihr einen Zugang gelegt, und die Infusion läuft. Sie hat 2 mg Naloxan und eine Ampulle G40 bekommen. Ich fürchte, das Zeug, das sie genommen hat, wirkt verdammt schnell. Sieht übel aus.“

„Was hat sie genommen?“

„Es wurde nur eine leere Plastiktüte gefunden, aber keine Packungen. Die Symptome sind widersprüchlich. Ich fürchte, es war ein bunter Cocktail, eine Höllenmischung. Eigentlich hätte ich sie gleich bei der Leichenhalle vorbeibringen können. Da ist nichts mehr zu machen, fürchte ich“, sagte er düster voraus.

„Vielleicht ist es besser so. Wenn die Menschen nun einmal sterben wollen, dann müssen wir sie lassen. Warum tut sich eine so schöne Frau so etwas an?“ Der Sanitäter war frustriert und wütend. Er hatte eine harte Woche hinter sich und mehrere Patienten auf der Fahrt ins Krankenhaus verloren.

„Wir tun, was wir können – wie wir das immer machen. Das ist unsere Aufgabe – nicht mehr und nicht weniger“, ermahnte ihn der ältere Notarzt ernst.

„Ich weiß! Ich weiß! Manchmal bin ich nur so wütend. Entschuldigen Sie!“

„Das geht uns allen so.“

Das Notfallteam tat wirklich alles, um Kira zu retten, aber ohne zu wissen, welche Mittelkombination ihren Körper angriff, war das schwierig. War etwas für das eine ein Gegenmittel, so förderte es das Zerstörungswerk des anderen. Es gab keinen Spielraum für Experimente, solange die Laborergebnisse nicht vorlagen.

„Ich brauche sofort ein toxikologisches Screening und eine Blutgasanalyse!“, forderte der Notarzt, sobald Kira in der Notfallkabine auf die Behandlungsliege gehoben worden war. „Und holen Sie mir einen Neurologen her!“

„Der Barbituratspiegel liegt bei 47. Erstaunlich, dass sie noch lebt!“, informierte ein Pfleger den Arzt, als die Daten aus dem Labor kamen.

Nachdem Kiras Magen ausgepumpt worden war, wurde sie intubiert und bekam Sauerstoff. Ihr Urin wurde alkalisiert. Die Behandlung schlug nicht an. Auch bei einer weiteren Messung lag ihr Barbituratspiegel noch bei 47.

„Pupillen sind mittelweit und träge. Sie ist noch immer komatös“, stellte der Notarzt nach ein paar Minuten fest.

„Das war’s, oder?“, fragte ein junger Assistenzarzt, der ihm zugeteilt worden war.

„So schnell geben wir eine Patientin nicht auf. Es gibt keine große Hoffnung, aber wir versuchen es mit der Dialyse“, entschied der Notarzt.

„Und wenn es zu einer Dezerebration kommt?“, wollte der Assistenzarzt wissen, der die Behandlungsmethode anzweifelte. Für ihn war die Patientin im Prinzip schon tot, und jeder weitere Rettungsversuch erschien ihm unnötig und verursachte nur Kosten in seinen Augen.

„Sollte es zu einer funktionellen Entkoppelung des Hirnstammes vom Telencephalon kommen, dann haben wir diese Patientin verloren – vorher verdient sie eine optimale Behandlung. Wenn da Ihre Schwester auf dem Tisch liegen würde, was meinen Sie? Würde das etwas an Ihrer Einschätzung ändern?“

Der Assistenzarzt errötete. Seine Schwester hätte nie eine Überdosis an Tabletten geschluckt, und die Bemerkung empfand er als unpassend und vor allem höchst unsachlich.

„Sollte ich mein ärztliches Urteilsvermögen von solchen emotionalen Dingen beeinflussen lassen?“, antwortete er spitz mit einer Gegenfrage.

„Und ob Sie das sollten! Zumindest wenn Sie einmal ein guter Arzt sein wollen, dann müssen Sie einen Weg finden, Ihre Gefühle zu kontrollieren, ohne sie zu verlieren. Wir sehen und erleben viel in der Notaufnahme, aber wenn wir total abstumpfen und zu kalten Robotern werden, sollten wir spätestens in einen anderen Bereich wechseln.“

Kira wurde für mehrere Stunden an die Dialyse angeschlossen. Die Reinigung ihres Blutes rettete ihr das Leben, und die Leber- und Nierenwerte stabilisierten sich. Körperlich überlebte sie, aber sie kam nicht zu sich. Die Frage war, ob und in welchem Umfang ihr Gehirn geschädigt worden war.

Sie atmete wieder selbständig, und ihr Herz schlug gleichmäßig, doch es gelang den Ärzten nicht, sie aufzuwecken. Kira lag in einem tiefen Koma, aus dem sie vielleicht nie wieder erwachen würde. Sie wurde auf die Intensivstation gebracht und dort Tag und Nacht überwacht.

***

„Wie steht es um die unbekannte Schöne?“, fragte Dr. Stefan Holl, der Chefarzt der Berling-Klinik, seinen Kollegen, der die Intensivstation leitete, am Montagmittag. Sie saßen beide im Ärztekasino der Klinik und nahmen ein schnelles Mittagessen ein.

Der Fall einer Selbstmörderin, die ohne Papiere gefunden worden war und wie durch ein Wunder noch lebte, hatte sich in der Berling-Klinik wie ein Lauffeuer verbreitet. Vor allem Kiras zarte Schönheit hatte ihr den Spitznamen „Schlafende Schönheit“ eingebracht.

Stefan Holl hatte am Morgen bei der Patientin auf der Intensivstation vorbeigesehen. Als Klinikleiter stellte er das Bindeglied zur Polizei dar, die herauszufinden suchte, wer die Schöne war. Wie alle, die Kira sahen, war auch er von ihrer zarten Zerbrechlichkeit und Schönheit berührt.

„Der Zustand ist unverändert. Leber- und Nierenwerte werden langsam besser, aber ob die Frau noch einmal aus dem Koma erwacht, ist offen. Es könnte eine Schädigung des Gehirns eingetreten sein. Ob oder ob nicht, das erfahren wir erst, wenn sie wieder zu sich kommen sollte“, antwortete Dr. Grün und wirkte nachdenklich, während er sich den nächsten Bissen auf die Gabel schob.

„Mit der Patientin hat es etwas Besonderes auf sich. Immer wenn ich nach ihr sehe, muss ich an Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg denken“, fügte er fast ein wenig verträumt an. Im nächsten Moment war es ihm etwas peinlich, ausgerechnet gegenüber dem Klinikleiter so dahergeredet zu haben. Das klang nun wirklich nicht sonderlich professionell.

Dr. Wolfgang Grün war Anfang dreißig und hatte bisher eine wahre Traumkarriere hinter sich. Medizin war seine Berufung und Leidenschaft. Das war auch der Grund, warum Dr. Holl den jüngeren Kollegen schätzte und förderte, wo immer er konnte.

Für ein nennenswertes Privatleben hatte Dr. Grün nie die erforderliche Zeit gehabt. Als Junggeselle wohnte er in einem Apartment nicht weit entfernt von der Klinik, sodass er morgens zur Arbeit joggen konnte. Sein eigentliches Zuhause war die Berling-Klinik.

Unter den Krankenschwestern kursierten unterschiedliche Gerüchte. Eines war, dass Dr. Grün eine tragische Liebesgeschichte hinter sich haben musste und deshalb gegen Frauenreize immun war. Laut einer anderen Version war er homosexuell und fand nicht den Mut, sich zu outen.

Keines der Gerüchte stimmte. Wolfgang Grün war schlicht und ergreifend ein Arbeitstier. Bisher war ihm keine Frau begegnet, die ihn tiefer berührt hätte. Er setzte seine Prioritäten, und die lagen eindeutig bei der Arbeit.

„Ich bin kein Gefühlsmensch, und außerdem lebe ich gerne allein und genieße meine Freiheit“, hatte er einmal zu Dr. Holl gesagt, als sie über sein Junggesellendasein gesprochen hatten.

„Aber Ihnen ist schon klar, dass Sie einer der begehrtesten Männer in der Berling-Klinik sind?“, hatte der Klinikleiter belustigt gefragt.

„Menschen wollen immer, was sie nicht haben können. Das sagt nichts über mich aus, nur dass es wohl viele einsame Herzen in der Klinik geben muss, die gerne leiden“, hatte Grün ironisch geantwortet.

Umso erstaunlicher fand es Dr. Holl, dass die Anteilnahme Grüns an dieser Patientin über das Medizinische weit hinausreichte. Die schöne Unbekannte beflügelte offensichtlich auch seine Fantasie.

„Zu meiner Ehrenrettung möchte ich hinzufügen, dass meine zwei Nichten in ihrer Brüder-Grimm-Phase sind, und wann immer ich meinen Bruder besuche, muss ich ihnen ein Märchen vorlesen“, beeilte sich Dr. Grün zu erklären, aber ein Blick in Dr. Holls Augen sagte ihm, dass es dafür zu spät war.

„Okay, ich mag Märchen, aber ich bin ein ganzer Kerl!“, erklärte er daher und spannte seine Oberarmmuskeln an. „Sehen Sie!“