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Die Chroniken der Schattenwelt E-Book

Gesa Schwartz

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Beschreibung

Auch im zweiten Teil der Chroniken der Schattenwelt muss der junge Teufelssohn Nando sich gegen seinen Vater behaupten. Er sucht nach dem geheimnisvollen Engelskrieger Hadros. Nur dieser Engel weiß, wo sich Bhalvris befindet – ein mächtiges Schwert und die einzige Waffe, mit der Nando den Teufel besiegen kann. Hadros jedoch ist spurlos verschwunden. Gejagt von Himmel und Hölle, führt Nandos Weg ausgerechnet in die gläserne Stadt hoch über den Dächern Roms – mitten hinein in die Welt der Engel, in der Nando als Teufelssohn in großer Gefahr schwebt.

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Seitenzahl: 703

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Gesa Schwartz

Die Chroniken der Schattenwelt

Band 2:Angelos

Roman

1

Feuer und Blut.

Pherodos lag regungslos in der Dunkelheit, tief in den Eingeweiden der Erde, und lauschte der Stille seines erstarrten Herzens. Massen aus Schlamm, Unrat und verfaulenden Körpern umschlossen seinen zerschundenen Leib und es schien ihm, als wären sie auch in seine Gedanken eingedrungen, schwer und eiskalt wie der Regen, der in diesen Momenten die Wüste Udhurs weit über ihm in einen Morast verwandelte. Er konnte sie fühlen, die giftigen Tropfen dieses Wassers, und mit jeder Berührung wiederholten sich die Worte, die ihn in der Finsternis erreicht hatten, geflüstert von einer Stimme aus Gold.

Feuer und Blut.

Sie beschworen die Feste der Flammen herauf, aus kohlenden Leibern erschaffen und unheilvoll über der Ebene thronend, und die Schreie aus Schmerz und Lust, die sich an den fernen Schwefelbergen brachen. Kurz glaubte er, das Zepter der Schatten wieder in seiner Faust zu spüren, erinnerte sich an das zarte Fleisch der Sklaven auf seiner Zunge und fühlte die Leiber derer, die sich an den seinen pressten und ihm Befriedigung verschafften in seiner unersättlichen Gier. Er riss ihnen die Haut auf, spie ihr Blut über die Ebene und pflasterte seine Wege mit ihren Schädeln, und sie drängten sich nur näher um ihn, als würde seine Grausamkeit ihnen noch in tiefster Qual und Ohnmacht Lust verschaffen. Ja, er war ihr König gewesen, und er hatte sein Reich durchdrungen mit jedem Gedanken und jeder Faser seines Körpers – bis zu jener Nacht, die alles verändert hatte. Tausend Jahre war das her oder nicht mehr als einen Wimpernschlag, doch die Worte des Obersten Schergen des Fürsten klangen so deutlich in ihm wider, als würden sie gerade ausgesprochen.

Mar’ Lakar! Lurtan ar Thornyiel!, hatte Bhrorok gebrüllt. Kinder der Hölle! Zu Asche wird das Licht!

Und so war es geschehen. Pherodos stand noch einmal auf seinem Turm, sein Blick durchdrang Wüste und Staub und er sah den Zauber des Pfortenengels im Inneren des Roten Tores aufglühen wie einen erwachenden Fluch. Unerträglich war die Kälte dieses Lichts gewesen, das sich über das Reich der Flammen ergossen und alle Mauern niedergerissen hatte, und Pherodos hörte die Schatten tosen, als sie ineinanderschlugen und den verhassten Glanz mit gewaltigem Donner verschlangen. Die Feste war in den Abgrund der Wüste gestürzt und hatte ihn mit sich gerissen. Er spürte wieder, wie er aus großer Höhe auf die Dünen fiel, und er konnte sie riechen, die Horden, die über ihn hinweggerast waren, endlich befreit nach so langer Zeit. Er jedoch war zerfetzt worden wie die anderen Herrscher der ersten Kreise, zerschmettert und in den Abgrund geschleudert von der entfesselten Magie. Tief, tief war er gefallen, und nun kauerte sein geschundener Leib in der Finsternis wie ein Embryo der Menschen im Bauch der Mutter. Wut stieg in ihm auf, als er merkte, dass dieser Gedanke etwas widerwärtig Tröstliches hatte, und dennoch wehrte er sich nicht gegen die Stille, die er in ihn pflanzte. Warum auch sollte er das tun? Seine Macht hatte ein Ende gefunden wie sein Reich, und er fühlte wieder die Kälte, die mit lockender Grausamkeit nach seinem Bewusstsein rief. Warum sollte er ihr nicht antworten? Warum sollte er sich nicht in sie versenken wie einst in die Flüche seiner Wüste, sich ihr überlassen, als wäre er tatsächlich ein Kind im Mutterleib, und endlich nichts mehr denken und fühlen als dies: Ewige Finsternis?

Feuer und Blut.

Die Worte stachen nach ihm wie das verfluchte Licht der Oberwelt, und ein Schatten glitt über seine Lider – ein goldener Schatten war es, der ihm ein anderes Bild vor Augen rief. Er sah sich auf den Knien, umtost von Splittern aus Eis. Wie lange war es her, dass er in die Dunkelheit hinabgestiegen war? Wie lange war es her, dass er das Licht für alle Zeiten hinter sich gelassen hatte? Er erinnerte sich nicht, aber er fühlte das Blut, das aus den Stümpfen seiner Schwingen über seinen Rücken rann und seinen Körper schwarz färbte, und er hörte die Stimme aus Gold, die ihn hieß, aufzustehen als ein Diener der Flammen. Wie damals hob er den Blick und meinte, den Fürsten der Hölle vor sich zu sehen, den einzig wahren Engel der Welt, und wie damals wusste er, dass er noch nie zuvor ein solches Wesen gesehen hatte: Ein Geschöpf aus Licht, dessen Finsternis ihn auf diese Weise anzog. Luzifers Stimme hatte ihn aus seinen Fesseln befreit, hatte ihn durch die Kreise des Pandämoniums geführt und ihm die Flammen der Vergeltung anbefohlen, und sie war es gewesen, die seine Wunden verschlossen hatte mit jenen drei Worten, die seine Macht noch immer begründeten. Wie damals streckte Pherodos auch jetzt den Arm aus und betrachtete den goldenen Glanz, der seine Hand zur Klaue formte und sich zu einem Feuer entfachte, das keine Macht der Welt bezwingen würde. Die Flammen zogen sich über seinen Körper, sie erschufen ihn neu und schenkten ihm Augen aus Feuer, und als er in die Glut seiner Faust schaute, empfand er den Schmerz, der sich in diesen Momenten in die Haut seines Herrn brannte. Die Kraft der Hölle lag in Ketten, und da tauchte ein Gesicht in den Flammen auf. Ein Mensch war es, ein Junge mit dunklem Haar und hellen Augen, und Pherodos grub die Nägel in die Glut. Finster krochen Schatten durch seine Finger, während seine Klaue die Kehle des Jungen umfasste. Sollte der Wurm eines Menschen versuchen, hinabzutauchen ins Reich der Finsternis – Pherodos würde ihn finden. Er würde ihn so tief hinunterziehen, dass er nicht mehr wusste, was Licht überhaupt war, und dann würde er ihn lehren, was …

Die goldene Stimme unterbrach seine Gedanken. Sie rief nach ihm, doch sie nannte noch drei weitere Namen – Namen, die er lange Zeit nicht mehr gehört hatte, da er ihren Klang in seinem Reich nicht duldete. Nun jedoch ertrug er ihren Widerhall in seinem geschundenen Leib. Die Zeit war gekommen, da sie sich gemeinsam erheben sollten. Pherodos’ Zorn brachte das Gesicht des Jungen zum Erlöschen. Das Reich der Flammen mochte gefallen sein – doch dies war nicht das Ende. Er würde zurückkehren in das Licht, von dem er geglaubt hatte, es für alle Zeit hinter sich gelassen zu haben, und er würde nicht allein reisen. Er würde begleitet werden von jenen, deren Reiche ebenso zerschmettert worden waren wie sein eigenes. Die Könige der Nacht würden wiederauferstehen!

Er sah seinen Fürsten lächeln, ehe das Bild in den Schatten versank. Und vielleicht war es dieses Lächeln, das sich eisern um Pherodos’ Herz schloss. Übermächtig kehrte der Schmerz zu ihm zurück. Kurz sah er die Ruinen seines einstigen Reiches vor sich, die Trümmer der Feste, die wie abgenagte Skelette in der Dämmerung aufragten, hörte den Donner, der den Boden zum Beben brachte, und roch den Gestank des Morasts, in dessen Furchen sich der Regen sammelte. Doch noch etwas anderes durchzog die Erde, etwas wie ein Lachen vielleicht. Dann war es still. Das Wasser färbte sich langsam rot und Pherodos grub die Klauen in die Nacht, die ihn umgab. Er meinte, sie bluten zu spüren, und die Lust an ihrer Qual überdeckte seinen Schmerz. Er zog sich hinauf, durchdrang das Erdreich, das ihn begraben hatte, und folgte der Hitze des Feuers auf seiner Haut und dem Geschmack des Blutes in seinem Mund. Er folgte dem Ruf seines Herrn.

Mit einem Schrei, der die Stille in Fetzen riss, brach er aus dem Morast. Der Regen brannte auf seiner Haut, aber seine Klauen krallten sich in Schlamm und faulendes Fleisch. Die Knochen der Leichen barsten zwischen seinen Fingern und er zog sich an den Haaren der Toten weiter. Langsam schleppte er sich der Asche, der Hitze und dem Rauch entgegen, drehte sich auf den Rücken und blieb dann liegen, keuchend und nackt, als wäre er tatsächlich gerade aus dem verrottenden Leib einer Menschenfrau gekrochen. Dumpf pulsierte sein Herzschlag durch den Boden, er fühlte ihn wie boshafte Hiebe. Wie viele Schlachten hatte er geschlagen auf dieser Erde, wie viele Engel, Dämonen und Menschen hatte er mit bloßen Händen zerrissen und ihr Blut in seiner Wüste vergossen, wie oft war er gestorben und wiedergekehrt aus der Glut seines Feuers? Er hatte die Unendlichkeit erlebt, er wusste, was die Ewigkeit bedeutete – und nie, nie hatte es an diesem Ort geregnet. Langsam grub er seine blutigen Finger in die Erde. Er hatte den Regen schon immer gehasst, diesen nagenden Geist der Nässe, und eines war sicher: Solange er das Feuer hinter seinen geschlossenen Lidern fühlte, gab es keinen Platz dafür im Ersten Kreis!

Die Tropfen verdampften auf seinem glühenden Leib, als er sich aus dem Morast erhob. Er ballte die Fäuste, der Regen verwandelte sich in glühende Funken. Pherodos formte sie zu Strömen aus Feuer – donnernd fuhren sie in seinen Körper ein, hoben ihn empor und ließen ihn über der einstigen Wüste schweben. Die Funken fluteten seine Glieder, er hörte, wie sie seine Knochen richteten und seine Wunden heilten, und als sich neues Fleisch bildete und neue Haut, schrie nur sein Körper auf vor Schmerz. Sein Geist jedoch lachte, es war dasselbe wahnsinnige Lachen, das früher die Keller der Flammenfeste durchdrungen hatte. Als er wieder auf dem Boden aufkam, fiel schweres schwarzes Haar auf seinen Rücken und der Morast unter seinen Füßen wurde zu Asche. Seine Augen standen in dunkler Glut, ein Donnern von mächtigen Hufen raste durch den Boden, unheilvoll und mächtig, und er riss die Faust in die Luft. Lodernde Funken stoben aus seiner Hand, und während das Beben näher kam, schneller und schneller, sah er sich auf den Schlachtfeldern der Vergangenheit, mit geschlossenen Augen, ein grausames Lächeln auf den Lippen wie immer, wenn der erste Windhauch nach dem Rausch ihn traf und ihm zeigte, dass es kein Ende für ihn gab. Er sah Städte der Menschen in seinem Feuer versinken und Berge aus Leichen zu Asche werden, roch den berauschenden Duft von Metall und Blut und wusste, dass er es gewesen war, der den Himmel rot gefärbt hatte über den Straßen der Welt, damals, als er seinen Zorn über ihr ausgegossen hatte mit nicht mehr als einem Fingerzeig. Der Donner wurde markerschütternd und da brach sein Schlachtross Skelfir vor ihm aus den Schatten, den halb zerrissenen Leib zu rotem Feuer entfacht. Im selben Moment kam ein Fluch über Pherodos’ Lippen und die Funken über seiner Hand entbrannten zu seinem Schwert, einer Waffe aus schwarzem Stahl mit den Insignien des Feuers auf ihrer Klinge. Glühend entfachten sie sich und zerrissen die Nacht, und als Skelfir sich auf die Hinterbeine stellte und seine Stimme erhob, war es Pherodos wie Gesang. Er sah sie beide von Flammen umtost, und eines stand außer Zweifel: Pherodos, Jäger des Blutes, Herrscher über die Wüste von Udhur und die Feste aus Knochen und Fleisch, war befreit worden – und seine Jagd hatte gerade erst begonnen!

Langsam ließ er das Schwert sinken. Die Funken glitten über seine nackte Haut und wanderten von dort zu Skelfir, bis sich rot glühendes Fell über den Leib des Pferdes zog. Pherodos grub die Klauen in die flammende Mähne. Unzählige Schlachten hatten sie gemeinsam bestritten. Es wurde Zeit, wieder die Funken unter Skelfirs Hufen sprühen zu lassen auf den Wegen der Welt. Und nichts anderes würden sie tun, sobald sie die anderen gefunden hatten.

Er wollte sich gerade auf den Rücken des Pferdes schwingen, als etwas seine Schulter traf. Es war ein Regentropfen, zischend verdampfte er auf Pherodos’ Haut und hinterließ eine kleine Wunde. Und noch ehe er ein unwirsches Knurren ausstoßen konnte, riss die Dämmerung über ihm auf und ließ Massen an stinkendem Wasser zur Erde stürzen. Skelfir schnaubte, als das Gift ihn traf, doch Pherodos rührte sich nicht. Er hatte die Kreatur längst bemerkt, die langsam über die Schlammwüste auf sie zukam. Es war eine schwarze Hyäne, beinahe so groß wie ein Pferd. Das Tier war fast vollständig skelettiert, blutiges, halb abgerissenes Fleisch und Fell hingen in Fetzen von den knochigen Gliedern. Auf seinem Rücken schaukelte ein ebenso magerer Kerl hin und her, ein Mann, auf den ersten Blick noch ein Junge, mit androgynem Gesicht und aschfahler Haut, die sich über seinen zarten Knochen spannte. Ein Brandzeichen in Form einer Waage zierte seine nackte Brust. Sein blondes Haar klebte dünn wie Entenflaum an seinem Schädel und unterstrich seine kindlichen Züge, aber seine Lippen waren schwarz und seine spitzen Nägel hatten sich tief genug ins Fleisch der Hyäne gegraben, um ihr blutende Wunden zuzufügen. Dennoch keckerte sie unkontrolliert, und jedes Mal verzog der Reiter das Gesicht, als würde dieser Laut aus seiner eigenen Kehle kommen. Sein Mund war auffallend breit und entblößte bei seinem halb wahnsinnigen Grinsen mehrere Reihen scharfer Zähne. Für einen Moment meinte Pherodos, das Blut der Leichen riechen zu können, die der Reiter vor Kurzem gefressen hatte. Er sah ihn vor sich, den dürren Körper über sein Opfer gebeugt, die langsam reißende Haut zwischen den Zähnen seines Haifischgebisses, während seine schwarze Zunge über das Fleisch leckte, und er nahm den matten Glanz der Augen wahr, die ihn in ihrem lauernden Starren ebenfalls an einen Raubfisch erinnerten. Ein boshaftes Funkeln ging durch die Reglosigkeit, als hätte der Reiter diesen Gedanken gehört. Wenige Schritte von Pherodos entfernt blieb er stehen und betrachtete mit sichtlicher Genugtuung die Brandwunden in dessen Fleisch.

»Pherodos, Krieger des Feuers«, sagte er mit einer Stimme, die ebenso einem Kind in Todesfurcht wie einem qualvoll Sterbenden gehören konnte. »So begegnen wir uns wieder auf den Leichen unserer Sklaven. Wer hätte gedacht, dass mein Regen dich einmal verbrennen würde?«

Pherodos verzog keine Miene. »Ligur, Klaue des Hungers«, erwiderte er gelassen. »Du verstehst nichts von Feuer und Glut, und daran wird auch der Regen aus den Tränen deiner Sklaven nichts ändern. Du bist noch derselbe Knochensack, den ich einst um den Ersten Kreis brachte, und wie es aussieht, hat der dritte deinem Verstand auch nicht gutgetan.«

»Du bist es, der nackt in meinem Regen steht und sich das Fleisch von den Knochen brennen lässt«, zischte Ligur und spuckte eine stinkende schwarze Flüssigkeit vor Pherodos’ Füße. »Schon lange nimmt mein Gift es auf mit deinem Feuer!«

»Schmerz ist mein Geschäft«, sagte Pherodos beinahe sanft. Sein müdes Lächeln schickte dieselben Zornesflecken in Ligurs Wangen wie in alten Zeiten. »Du wirst das nie verstehen, und ich habe keine Lust, meine Zeit mit Erklärungen zu verschwenden. Schlimm genug, dass wir in dieser Sache Seite an Seite reisen müssen.«

Ligur schnaufte abfällig. Offensichtlich war er über die Pläne des Fürsten unterrichtet und ausnahmsweise einmal ganz Pherodos’ Meinung. »Wie dem auch sei«, fuhr dieser fort. »Dein Reich ist gestürzt wie das meine, und du kennst den Auftrag, der uns erteilt wurde. Bhrorok ist daran gescheitert, doch uns wird dieses Schicksal nicht treffen, dafür werde ich sorgen. Unter meiner Führung werden wir den Jungen fangen, der die Kraft unseres Herrn in sich trägt. Wir werden die Ketten zerbrechen, die ihn schon viel zu lange gefangen halten – und dann wird die Nacht zurückkehren und die Welt verwandeln.«

Ein Funke tanzte durch Ligurs Blick, der ihm fast etwas Lebendiges gab. »Wohl gesprochen«, entgegnete er. »Nur eine Kleinigkeit hast du übersehen, kaum der Rede wert.« Er löste die linke Klaue aus dem Fell der Hyäne und reckte sie in die Luft. Seine Nägel bohrten sich so tief in seine Handfläche, dass schwarzes Blut über seinen Arm lief. »Zu lange habe ich den Kreis des Ewigen Regens regiert, als dass ich mir von einem Feuerspucker wie dir sagen lassen würde, wohin ich meine Schritte lenken soll. Ich werde uns führen!«

Pherodos lachte, doch seine Miene verfinsterte sich. »Ich vergaß, dass du nur einen Meister kennst.« Er ließ den Blick über die tiefen Bissspuren gleiten, die Ligurs Leib bedeckten. »Aber nichts befriedigt deinen Hunger dauerhaft, nicht einmal du selbst. Wie oft hast du versucht, dich selbst zu fressen? Bedauerlich, dass es dir nicht gelungen ist, nicht wahr?«

Ligurs Gesicht verfärbte sich zu einem ungesunden Grün. Er hatte es noch nie fertiggebracht, seine Emotionen für sich zu behalten, und während Pherodos spöttisch die Brauen hob, glommen die Haifischaugen in schwarzer Bosheit auf. »Ein Narr warst du damals«, zischte Ligur. »Und ein Narr bist du jetzt. Du wirst nie begreifen, was wahrer Hunger ist!«

Mit diesen Worten riss er den Arm hinab, verwandelte die Regentropfen in Scherben und schickte sie durch Pherodos’ Körper wie durch weiches Menschenfleisch. Schon spürte dieser das schwarze Gift des Regens in seinen Gliedern. Er wusste, dass es seine Muskeln lähmen und zerreißen würde, und als Skelfir laut wieherte, traf ihn dessen Blut wie ein Schlag. Pherodos’ Brüllen sprengte die Scherben rings herum und er rief nach dem Licht, das sich in der Dämmerung verbarg, dem verfluchten Rest jenes Zaubers, der sein Reich vernichtet hatte. Er war vor ihm davongekrochen, doch Pherodos würde ihn nicht verglühen lassen. Grollend erhob er seine Stimme, schlang sie als Fessel um Ligurs Kehle und zwang das Licht in seine Faust. Es grub sich in sein Fleisch, aber er ertrug die Helligkeit und umfasste Ligur mit seinem Blick. Keuchend rang dieser mit der unsichtbaren Fessel, Pherodos sah noch die Bestürzung in seinen Augen aufflammen. Dann warf er das Licht hoch in die Luft und ließ es donnernd zerbrechen. Tausend Flammen waren es, die auf Ligur niederstürzten und ihn von seiner Hyäne rissen. Pherodos roch den Duft von verkohltem Fleisch. Er lächelte, als Ligur zu wimmern begann, und erst als dessen Rückgrat in der grausamen Hitze des Lichtes brach, ließ er es von den Schatten ersticken. Ligur stöhnte, während seine Knochen sich wieder zusammenfügten, und Pherodos schnaubte leise. Er hatte das Klappergestell schon einmal bezwungen, damals, als er ihn aus dem Ersten Kreis vertrieben hatte, und seither würde es ihm immer wieder gelingen.

Gerade hatte er die Hand gehoben, um das Gift aus seinem Körper zu ziehen, als ihn etwas am Knöchel berührte. Unwillig schaute er zu Boden und sah gerade noch die glitschige Schwärze, die an seinem Bein emporkroch. Im nächsten Moment brach Ligurs Gestalt aus ihr hervor, packte Pherodos an der Kehle und grub die Zähne in sein Fleisch. Pherodos schrie auf, so übermächtig drang das Gift plötzlich in ihn ein. Ligur hatte sich in einen glitschigen Leib aus Öl verwandelt, es war unmöglich, ihn zu packen. Stattdessen raste sein Gift durch Pherodos’ Adern und erstickte seinen Schrei. Kaum dass die ersten Schmerzen verklungen waren, zerfielen seine Gedanken wie Figuren aus Asche in strömendem Regen. Eine undurchdringliche Schwärze, die ihre Fühler boshaft nach allem ausstreckte, das er einst gewesen war, blieb zurück. Wie in Trance griff Pherodos sich an die Kehle. Er ertrug diesen Hunger nicht, der sich durch seine Eingeweide grub, er musste ihn löschen, ganz gleich auf welche Art. Er streckte den Arm aus, etwas Weiches kam unter seine Finger, es würde köstlich schmecken. Er griff fester zu, kurz nur spürte er die Flammen von Skelfirs Flanke – doch das war genug. Er riss die Augen auf, Skelfir sah ihn mit schwarzem Schrecken an.

»Verfluchter Bastard!«, brüllte er und sprang so schnell auf die Beine, dass Ligur von ihm hinunterglitt wie ein glitschiger Aal. Pherodos presste sich die Klaue auf die Brust, er befahl das Gift in seine Faust, und als es sein Fleisch durchbrach und in seiner Hand verkohlte, fühlte er nur noch den Zorn, den er in Ligurs Augen gespiegelt fand. Schattenhaft rappelte dieser sich auf und stand da wie ein Tier.

»Die Nacht hat nicht nur dich stärker gemacht«, zischte er und grinste verschlagen. »Die Zeiten, in denen du mich in deinen Flammen verbrannt hast, sind vorbei!«

Er setzte zum Sprung an und Pherodos hob die Klaue, um ihn aus der Luft zu pflücken und sein mickriges Genick zu brechen. Doch gerade als Ligur sich vom Boden abstieß, traf ihn ein heftiger Sturmwind vor die Brust. Krachend wurde er zurückgeschleudert und landete im Schlamm. Mit fast beiläufiger Gewalt schlug der Sturm Pherodos den Kopf in den Nacken und erstarb im nächsten Augenblick.

Pherodos entdeckte die Gestalt sofort. Schattenhaft hockte sie hoch oben auf einem Trümmerstück der einstigen Feste und starrte zu ihm herab. War sie schon die ganze Zeit über da gewesen? In ihrer Farblosigkeit verschmolz sie beinahe vollständig mit ihrer Umgebung, gut möglich also, dass Pherodos sie nicht bemerkt hatte. Er erinnerte sich daran, dass es ihm früher oft so gegangen war, und als leichter Wind ihren Umhang anhob und den riesigen Geier sehen ließ, auf dessen Schultern sie hockte, musste er fast lächeln. Manche Dinge änderten sich nie. Noch immer verbarg eine Pestmaske das Gesicht des Reiters, und als er nun von seinem Tier sprang und auf dem Morast landete, konnte Pherodos seine Bewegungen wie damals kaum nachvollziehen, so schnell waren sie. In den aschefarbenen Händen hielt der Reiter einen Stock aus Knochen, der auch als Bogen diente. Wie zur Begrüßung klopfte er auf den Boden. Umgehend brachen auf den umliegenden Leichen blutige Geschwüre auf und begannen zu wuchern.

»Raar«, raunte Pherodos nicht ohne Respekt. »Schatten des Verfalls. Es ist lange her.«

Sein Gegenüber sagte kein Wort, doch das überraschte ihn nicht. Er hatte Raar noch niemals sprechen gehört, und doch hatten sie einiges zusammen erlebt. In vergangenen Zeiten war dieser Krieger der Fäulnis stets gekommen, wenn Pherodos’ Feuer erloschen war, bisweilen gemeinsam mit Ligur, der nun schwankend auf die Beine kam. Und er hatte nicht selten größere Gräueltaten vollbracht als Pherodos mit all seiner Glut. Er nahm den Gestank wahr, der von Raar ausging – ein Geruch von Verwesung schien es zu sein, aber wie jedes Mal war er sich nicht sicher. Vielleicht brannte die Luft in Raars Nähe, weil er in Wahrheit nach nichts roch – so, als wäre er gar nicht da.

Raar klopfte erneut mit seinem Stab auf den Boden. Pherodos zog die Brauen zusammen, als die ersten Toten die zerrissenen Glieder hoben und die Hände nach ihm und Ligur ausstreckten, aber er brauchte nicht lange, um zu begreifen, was vor sich ging. Ja, sie hatten die schönsten Schlachtengemälde gemeinsam gemalt, und er zweifelte nicht daran, dass auch Raar keines davon vergessen hatte. Doch wie Ligur und Pherodos war auch er ein König der Nacht gewesen – und kein König gab seine Macht zurück, wenn er sie einmal erlangt hatte.

Sie standen sich gegenüber, während der Morast um sie herum zu keuchendem Leben erwachte, glühende Funken sich in den Schatten sammelten und grollender Donner vom kommenden Regen kündete. Keiner von ihnen rührte sich, selbst ihre Reittiere verharrten wie erstarrt. Für einen Moment durchpulste Pherodos erneut der Schmerz von Ligurs Gift und er erinnerte sich an die Feinde Raars und wie es ihnen ergangen war. Er hatte ihre Leiber zum Faulen gebracht mit nicht mehr als einem lächerlichen Klopfen seines Stabes, hatte ihre Augen ausgebrannt durch einen Schwingenschlag seines Geiers, und selbst die Unsterblichen unter ihnen hatten ihn mit den Resten ihres Verstandes angefleht, ihnen die ewige Vernichtung zu schenken, weil das, was er ihnen hinter seiner Maske gezeigt hatte, zu schrecklich war. Pherodos kannte seine eigene Macht, aber er spürte auch die Stärke dieser beiden, und ihm kam der Gedanke, dass sie für immer an diesem Ort bleiben würden, in unendliche Kämpfe verstrickt. Es gab Schlimmeres für ihn, als in ewigem Krieg zu entbrennen, aber als Ligur die Finger spreizte und Raar den Stab hob, rief er sich das Gold seines Fürsten vor Augen. Ihr Herr hatte sie nicht grundlos gerufen. Sie sollten zusammen in die Schlacht reiten, so hatte er es befohlen. Aber einer musste befehlen, wenn sie sich nicht zerfleischen sollten, und Pherodos würde nicht zurückweichen – weder vor einer Maske noch vor einem Kind.

Jeder Muskel seines Körpers war angespannt, als sich die Stille über sie senkte – die Stille vor dem ersten Schlag. Der Wind verstummte, die Toten erstarrten erneut, der Donner schwieg. Er konnte die Macht spüren, die in Ligurs Fingern lauerte, fühlte auch die Grausamkeit hinter Raars Maske, und ihn durchpulste seine eigene Glut, begierig darauf, sich aus seiner Faust zu ergießen. Überdeutlich sah er Ligurs Hände zucken, er hörte das Rascheln von Raars Umhang, und gleich darauf zog sich die Reglosigkeit über ihre Körper und sie standen da wie Götter aus lang vergangener Zeit, dazu bestimmt, in einer verfluchten Wüste zu verharren und einander mit ihren Blicken zu bannen. Pherodos spürte sein Herz nicht mehr, es schien, als wäre es ebenso erstarrt wie sein Körper. Nur ihre Augen bewegten sich noch, und so sehr sie sich sonst voneinander unterschieden, so einig waren sie nun in der Entschlossenheit, die in ihnen entbrannt war. Nichts anderes war mehr von Bedeutung als der erste Schlag. Etwas Erhabenes lag in dieser Stille, jeder trachtete danach, sie als Erster zu durchbrechen – und umso stärker fuhren alle drei zusammen, als sie von einer Bewegung jenseits ihres Kreises zerrissen wurde, langsam, als zöge sich eine scharfe Kralle über eine Leinwand.

Ein einzelner Windhauch glitt über Pherodos’ Wange. Er traf ihn wie eine Totenhand, und im selben Moment wusste er, wer sich näherte. Kaum war dieser Gedanke in ihm aufgetaucht, ging ein Flüstern durch die Luft und belehrte ihn eines Besseren. Zu sanft und verführerisch war dieses Raunen, als dass es ihm bekannt hätte sein können. Es kam von überall zugleich, ebenso wie die glühende Kälte, die nun mit zärtlicher Grausamkeit seine Beine hinaufkroch und den Morast mit Raureif überzog. Pherodos wandte den Blick und erkannte in einiger Entfernung einen schneeweißen Schemen. Ein mächtiger Tiger war es mit langen schwarzen Zähnen, die scharf waren wie Dolche. Still verharrte das Tier und schaute zu ihnen herüber, und etwas wie Erstaunen strich über Pherodos’ Stirn. Ein Arochai beobachtete sie, ein Urahn der Uthu, jener katzenhaften Dämonenwesen, die es selbst in den tiefsten Schatten kaum noch gab. Wieder traf ihn die Kälte, er sah Ligur aus dem Augenwinkel schwanken, und da ging ein Beben durch den Boden, das sie alle drei fast von den Füßen riss. Gleich darauf brach die Erde in ihrer Mitte auf und etwas schob sich aus ihrem Inneren. Eine Frau war es, zusammengekauert und mit Schlamm besudelt. Knöchellanges Haar klebte an ihrem Körper, Pherodos konnte bei all dem Schmutz zunächst kaum ihre Gestalt erkennen, und doch starrte er sie an wie eine Erscheinung. In unwirklich geschmeidigen Bewegungen richtete sie sich vor ihm auf.

Sie war nackt. Der feuchte Schlamm ließ ihren schlanken Körper glänzen, in feinen Rinnsalen lief das Blut der Toten über ihre Brüste und in ihren Schoß. Pherodos kannte die Lust, die sich angesichts dieses Anblicks in ihm entfachte, und für einen Moment wollte er sie packen und niederzwingen, um sie in den Grund dieser Wüste zu stoßen, wie er es unzählige Male zuvor mit seinen Sklavinnen getan hatte. Aus irgendeinem Grund zögerte er, und als sie die Augen öffnete und ihn spöttisch und zugleich sanft ansah, ahnte er, warum. Etwas seltsam Lockendes lag in ihrem Blick, das mehr sein konnte als alles, was er kannte. Ein Versprechen vielleicht.

Langsam hob sie die Arme zu beiden Seiten ihres Körpers. Ihre Lippen bewegten sich nicht, aber Pherodos wusste, dass sie es war, die den Donner Ligurs zu sich befahl, und als der Regen auf sie niederbrach und den Schmutz von ihrem makellosen Körper wusch, verwundete das Gift sie nicht. Ihre Haut war weiß wie die Erinnerung an Schnee, die seit den Tagen des Ersten Frosts schmerzhaft in Pherodos’ Brust schlug, ebenso wie ihr Haar, das sich glänzend wie Seide um ihre Schultern legte. Raunend glitt der Regen über ihren Leib, und als sie den Kopf zurücklegte, schien es Pherodos, als würde er sich tiefer in ihr Fleisch senken, dort, wo ihre Haut im Nacken am zartesten war – so als hätte er einen Mund und eine Zunge. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Ligur die Frau hingegeben betrachtete, und als sie ihr Haar zurückwarf, trafen drei Tropfen dessen Wange. Zischend gruben sie sich in sein Fleisch, aber nichts als ein Lächeln lag auf seinen Lippen, ein Lächeln ohne Zorn und ohne jede Gier.

Die Fremde ließ die Arme sinken, der Regen verklang und stattdessen erhob sich der Sturm. Rau umfasste er ihren Leib, doch auch er verwundete sie nicht, und als ihre Füße sich vom Boden lösten, umschlang sie die Böen mit ihren Beinen, als wollte sie auf ihnen durch die Lüfte reiten. Nichts als Finsternis lag in den Augenhöhlen der Maske, die Raars Gesicht verdeckte, und dennoch konnte Pherodos die Erregung fühlen, die den Schatten des Verfalls bei diesem Bild ergriff. Immer schneller bewegte die Fremde sich in seinen unsichtbaren Klauen. Ihr Haar umwirbelte ihren Körper, es war ein seltsamer Tanz, in dem sie den gewaltsamen Sturm bezwang, und als ihr Haar getrocknet war und sich um ihren Körper legte, landete sie lautlos auf dem gefrorenen Grund.

Ohne ein Wort hob sie den Blick, und als hätte diese Geste den Befehl dazu gegeben, entfachten sich Pherodos’ Flammen auf ihrer Haut. In glänzenden Schnüren rannen sie über ihre Schultern, und als sie den Mund öffnete und loderndes Feuer über ihre Lippen drang, schien es Pherodos, als wäre es seine Klaue, die ihre Zunge berührte. Es war, als stünde er in diesem Augenblick direkt hinter ihr, und als sie die Hände ausstreckte und die Flammen ihre Knöchel umspielten, umfasste er ihre Hüfte und zog sie an sich. Doch es war nicht ihr Körper, der ihn nach ihrem Haar greifen und ihren Kopf nach hinten reißen ließ. Es war ihr Blick, der ihn in sie hineinzog, diese Glut in ihren Augen, die gleichzeitig Spott und Sehnsucht war, und als er die Kälte aus ihrem Leib trieb, die sie im Unrat dieser Wüste ergriffen hatte, drang etwas von ihr auch in ihn ein. Ein Schimmer war es, schwarz wie der Glanz in ihrem Blick. Plötzlich meinte er, ihre Haut auf der seinen zu spüren, zart und kühl, und da kam ihm ein Gedanke, der ebenso absurd wie erschütternd war: wie zwei Menschen. Im nächsten Moment umfingen ihre Schatten ihn ganz, und er ließ sich von ihnen tiefer in die Dunkelheit ziehen, bis seine Hitze erlosch. Er war außer Atem, als sie sich von ihm löste. Noch nie zuvor hatte er bei dieser Geste Bedauern gefühlt, bis zu diesem Moment. Er öffnete die Augen. Er hatte nicht gemerkt, dass er sie geschlossen hatte.

Die Fremde stand noch immer da wie zuvor, wenige Schritte von ihm entfernt. Die Flammen auf ihrer Haut waren verglüht, ein dunkles Kleid umspielte ihren Leib – eine Robe aus Schatten. Und erst als sein Atem in der Luft gefror, bemerkte Pherodos die Eisschicht, die über seinem Körper lag und jede Bewegung untersagte. Ligur und Raar hatte dasselbe Schicksal ereilt, und Pherodos erkannte die Macht wieder, die in diesem Zauber steckte. Oft genug war er mit ihr in Berührung gekommen. Er erinnerte sich an den Krieger der Ewigkeit, den Letzten in ihrem Bund – ihn, einst den Mächtigsten der vier. Die Fremde betrachtete ihn schweigend mit ihren tiefschwarzen Augen, und er begriff, dass sie den Letzten Reiter bezwungen hatte und dass sie dafür gefallen war, tief, viel tiefer noch, als er jemals ermessen würde. Für Augenblicke sah er sie in einem See aus Schlangen, ihre Füße durchwanderten Wüsten und Meere und sie flog mit den Schwarzen Schwänen durch das Gebirge des Frosts. Sie war hinabgestiegen zu den Scherben der Welt, sie hatte die Glut des Himmels in ihren Händen gehalten und war nicht zugrunde gegangen an der Schönheit und dem Schrecken. Ein Abgrund war sie, das wusste Pherodos nun, eine Finsternis, die ihn verschlingen konnte mit nicht mehr als einem Wimpernschlag, und er, der König der Nacht, der Herr über die Wüste der Flammen und das stärkste Feuer, hielt die Luft an, als er ihren Namen auf seiner Zunge fühlte. Es war ein Name wie ein Flügelschlag. Kymbra, raunte es in seinen Gedanken. Schwinge der Ewigkeit.

Das Lächeln ihrer Lippen wurde stärker, als sie das Eis von ihren Körpern sprengte. Sie wandte den Blick nicht von Pherodos ab, doch es schien ihm, als würde sie in diesem Augenblick auch Raar und Ligur ansehen und ihnen dieselbe Frage stellen, die er nun in seinen Gedanken hörte. Als der König, der einst über die Wüste des Feuers geherrscht hatte, zögerte er. Doch der Krieger, der er noch immer war, nickte kaum merklich. Seit jeher hatte er die Macht des Vierten respektiert, und hätte jener die Herrschaft über die Gemeinschaft gefordert, wie Kymbra es nun tat, hätte er unwillig aber demütig vor ihm das Knie gebeugt. Diese Frau hatte gezeigt, dass sie jeden von ihnen bezwingen konnte – und sie hatte nicht einmal eine Waffe gegen sie geführt. Pherodos ergriff sein Schwert, im selben Moment hob Raar seinen Bogen und Ligur legte die Hand auf sein Brandzeichen. Gleichzeitig neigten sie den Kopf, und damit war es entschieden. Kymbra würde sie führen.

»Gut«, sagte Ligur ein wenig heiser. Noch immer glomm ein Glanz in seinen Augen, der die Verschlagenheit darin überdeckte. »Wir sollten beratschlagen, wie wir vorgehen wollen. Denn unser Auftrag ist nicht leicht zu erfüllen. Andere vor uns sind an ihm gescheitert.«

Raar umfasste seinen Stab stärker und ein Name glitt durch die Luft wie ein aufkommender Sturm.

Bhrorok.

»Der Oberste Scherge des Fürsten hat getan, was in seiner Macht stand«, sagte Pherodos dunkel. »Und obgleich es wenige gab, die seiner Kraft gewachsen waren, ist er gescheitert. Dennoch – an uns reichte er nicht heran.«

Ligur stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Und was hast du vor mit all deiner Macht? Wir suchen nach der Nadel im Heuhaufen. Und noch hast du nicht einmal einen Fetzen gefunden, um deinen nackten Hintern zu bedecken. Hast du stattdessen einen Plan, wie du den Jungen aufspüren willst?«

Pherodos hatte schon zu einer Erwiderung angesetzt, als Kymbra sich zusammenkrümmte. Ein Röcheln entwich ihrer Kehle, ihr Gesicht war schmerzerfüllt, und als sie auf die Knie fiel, eilte Pherodos zu ihr. Er wollte nach ihrem Arm greifen, aber bevor er sie berühren konnte, schnellte ihre Hand vor und hinderte ihn daran. Er zog die Brauen zusammen. Die Finger, die seine Klaue mit eisernem Griff umfassten, steckten in einem ledernen Handschuh – waren sie nicht gerade eben noch nackt gewesen? Da riss Kymbra den Kopf in den Nacken. Ihre Adern verfärbten sich schwarz und traten hervor, ihre Wangen fielen ein, und etwas schob sich unter ihrer Haut entlang, das aussah wie Krallen und Federn. Ihr Körper verkrampfte sich, und als sie ruhig liegen blieb und die Augen öffnete, schaute Pherodos in zwei Höhlen aus weißem Nebel. Etwas in diesen Schleiern starrte ihn an, etwas Lauerndes, und er wäre vor Kymbra zurückgewichen, wenn sie ihn nicht festgehalten hätte. Nichts als Grausamkeit lag in ihrem Lächeln, während sich dunkle Schlieren in das Weiß mischten, und als ihre Augen vollkommen schwarz geworden waren, ging ein seltsamer Schimmer darüber hin, der sie in zwei Perlen aus Eis verwandelte. Pherodos erkannte sich selbst darin und etwas in seinem Blick ließ ihn schaudern, er wusste selbst nicht, was es war. Dann stieß Kymbra ihm die Faust vor die Brust, dass er zurücktaumelte, und ihre Augen zersprangen zu tausend Scherben.

Hell und klar drang der Schrei über ihre Lippen, der einen Namen über die Ebene trug. Und die Scherben ihrer Augen formten sich zu einer Krähe, die, kaum dass sie ihre Flügel ausbreitete, weiß wie Schnee wurde. Sie war blind, das konnte Pherodos sehen und doch zweifelte er nicht daran, dass sie ihr Ziel erreichen würde. Er würde ihrem Ruf folgen wie der Stimme seines Herrn. Mit einem Krächzen, das wie ein Lachen klang, flog die Krähe über die Ebene und war kurz darauf verschwunden.

Pherodos atmete tief durch, es schien ihm, als täte er es seit seinem Sturz in die Schatten zum ersten Mal, und er lauschte auf den Ton, der die Luft durchdrang. Denn der Name verklang nur langsam über der Wüste des Frosts, der Name des Jungen, den die weiße Krähe finden würde: Nando Teufelssohn.

2

Die Planke war warm und feucht unter Nandos Füßen. Leicht vibrierend führte sie von einem Fenster zum anderen über eine tiefe Häuserschlucht mitten in den Rarzedas, den ärmsten Vierteln Katnans. Nando konnte die Straße weit unter sich erkennen. Die brennenden Fässer, über denen einige finstere Gestalten aufgespießte Ratten rösteten, waren nur Funken in der Dämmerung, so hoch oben befand er sich. Dennoch reichten die heruntergekommenen Gebäude noch weiter hinauf. Windschief erhoben sie sich über ihm, sodass sein Blick kaum das trübe Zwielicht in der Schlucht durchdringen konnte.

Konzentriere dich.

Avartos’ Stimme ließ ihn die Augen schließen. Er holte tief Luft, langsam, wie der Engel es ihn gelehrt hatte, und ignorierte den Schmerz des Bannzaubers, der über seinen gefesselten Schwingen lag. Die Planke war gerade schmal genug für eine Ratte, noch dazu war sie rutschig und mit rostigen Nägeln übersät. Eine falsche Bewegung und Nando würde abstürzen und sich jeden Knochen brechen.

Darum geht es, klangen Avartos’ Worte in ihm wider. Du musst die Konsequenzen des Falls fürchten, wenn du lernen willst, das Gleichgewicht zu halten.

Das erstarrte Gesicht seines Lehrers stand Nando vor Augen, als er den ersten Schritt tat. Noch einmal spürte er jede Bewegung der Planke, nahm auch den Luftstrom wahr, der die Gassen Katnans in warmen Aufwinden durchzog, und hörte die bissigen Fledermäuse, die in den Nischen der maroden Häuser kauerten und nur auf eine Gelegenheit warteten, um über ihn herzufallen. Dann verdrängte er die Geräusche, fühlte die Kälte, die in Avartos’ Augen lag, und ließ kühle Konzentration in seine Glieder strömen. Die Welt um ihn herum überzog sich mit Eis, und kurz sah er sich selbst von außen, eine schmale Gestalt mit gefesselten Schwingen, die durch die Dämmerung ging. Langsam tastete er sich voran, und als helleres Licht über sein Gesicht glitt, wusste er, dass er die Mitte der Schlucht erreicht hatte. Rasch erstickte er die aufsteigende Euphorie, um sich darauf zu konzentrieren, sein Gleichgewicht zu halten.

Emotionen sind menschlich, sagte Avartos in seinen Gedanken, und Nando sah es vor sich, das spöttische Lächeln, das der Engel bei diesen Worten stets auf seine Züge legte. Wenn du nicht aufpasst, werden sie dich schwächen. Die Schatten wissen das. Sieh hin – sie lauern!

Nando öffnete die Augen nicht, aber er hörte den ledrigen Schwingenschlag, der plötzlich die Luft zerriss, und ehe die Fledermaus ihn verwunden konnte, stieß er sich von der Planke ab, drehte sich rasend schnell um die eigene Achse und schleuderte sie mit einem Wirbelschlag seines metallenen Arms zur Straße hinab. Ihr heiserer Schrei hallte in der Schlucht wider, als sie zwischen den Häusern verschwand und Nando mit wehendem Mantel auf der Planke landete. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt, ein Umstand, an dem er arbeiten musste. Ohne jeden Zweifel hätte Avartos ihm das gesagt, wenn er tatsächlich hier gewesen wäre. Der Engel verstand sich darauf, ihn streng und schonungslos in Magie und Kampfkunst zu unterweisen, doch Lob war nicht seine Sache, und Nando war schon froh, wenn er mitunter einen leichten Schimmer von Achtung über das Gesicht seines Lehrers gleiten sah. Vielleicht würde er es mit der Zeit fertigbringen, in Avartos’ goldenen Augen zu lesen, wie es ihm schon einmal gelungen war … bei einem anderen Engel. Die Planke unter ihm zitterte leicht und er ballte kurz die Fäuste. Jetzt war nicht die Zeit für Gedanken dieser Art.

Vorsichtig setzte er seinen Weg fort, aber die Kälte wich mitsamt seiner Konzentration aus seinen Gliedern, ohne dass er es verhindern konnte. Überdeutlich spürte er die rostigen Nägel unter seinen Füßen und den Schmerz in seinen Schwingen, und trotz aller Bemühungen konnte er sich nicht gegen die Bilder wehren, die diese Erinnerung in ihm wachgerufen hatte. Es waren Bilder einer Stadt, die in die Finsternis fiel, eines Drachen hoch über ihren Dächern, eines Marsches durch Schatten und Sturm. Er sah die Nephilim durch die Brak’ Az’ghur ziehen. Nicht alle hatten es bis nach Katnan geschafft, und er erkannte in den Blicken der Überlebenden deutlich, wie zerbrechlich ihr Schutz in dieser Stadt war und welche Hoffnungen sie in ihn setzten. Bald schon würden die Engel zu alter Stärke zurückkehren und die Jagd wieder aufnehmen. Die Nephilim würden ein Volk auf der Flucht sein, und Nando allein konnte dem ein Ende setzen – indem er den Teufel bezwang. Eine beißende Unruhe krallte sich in seinen Nacken, aber ehe er das Gleichgewicht verlor, tauchte ein Gesicht mit goldenen Augen in ihm auf, kaum mehr als ein Schemen zwischen den blutenden Blättern eines Mohnfeldes. Du wirst deinen Weg gehen. Du wirst das Leid deines Volkes beenden. Für einen Moment stand Nando nicht mehr im Zwielicht Katnans, sondern auf den Hügeln Bantoryns, und er spürte wieder Antonios Hand in der seinen und die sachte Berührung des Nebels in seinem Haar. Er hörte die Stimme des Engels so deutlich, als wäre er wirklich da. Das ist es, was Helden tun: Sie geben ihr Bestes, Nando. Aber sie verzweifeln nicht. Nando spürte die Wärme, die ihn bei diesen Worten durchdrang, und lächelte kaum merklich. Manche Bilder erloschen nie.

Der Schwingenschlag kam so plötzlich, dass Nando zurückschrak. Nur knapp hielt er sich auf der Planke, und die Fledermaus grub ihre Zähne tief in seine Schulter. Blut rann über seine Haut, als er sie mit einem Eiszauber gegen die Wand schlug. Die Planke schwankte gefährlich, erschrocken breitete er die Arme aus, doch seine Füße verloren den Halt und als er die Augen aufriss, schienen die Häuser sich zu ihm herabzuneigen wie in einem halb vergessenen Traum. Seine Hände griffen ins Leere, die Planke begann unter ihm zu tanzen. Verzweifelt versuchte er, den Bannzauber über seinen Schwingen zu lösen, aber er wusste, dass es zwecklos war. Er hatte ihn nicht grundlos so stark gewirkt. Ein Fluch kam über seine Lippen, dunkel war er und schmutzig wie viele Worte der Varja – und als wäre es ein Zauber gewesen, durchzog plötzlich ein Knirschen das Holz unter seinen Füßen. Eis glitt darüber hin und erstickte jede Bewegung. Nando wedelte mit den Armen, die Planke war glatt, doch ihre Reglosigkeit gab ihm die Sicherheit zurück, und nach einigem Tarieren hatte er sein Gleichgewicht wiedergewonnen.

Deine Gedanken könnten einen versteinerten Basilisken aufwecken, so laut sind sie, donnerte eine Stimme durch seinen Schädel. Du musst endlich lernen, dich nicht von deinen Gefühlen übertölpeln zu lassen! Und höre auf, in der Sprache der Varja zu fluchen, dieser Dämonenhexen der Alten Zeit! Fürchte die Dunkelheit, denn sie wird dich verderben, und dann wirst du zur Hölle fahren – ganz besonders, wenn du schon wieder zu spät zum Unterricht kommst!

Nando musste lachen. Im ersten Moment hatte er tatsächlich geglaubt, dass Avartos mit ihm sprach. Es gab nur eine Person, die den Engel so gut nachahmen und zu einer pfaffenhaften Karikatur umformen konnte.

»Noemi«, sagte er, noch bevor er sich zu ihr umdrehte. »Ich glaube, für eine Fahrt in die Hölle stehen meine Chancen sowieso nicht schlecht.«

Sie stand auf dem anderen Ende der Planke, ihr schwarzes Haar wehte im Wind, und kaum dass sie lächelte, schob sich ein purpurfarbenes Äffchengesicht über ihre Schulter. »Nun, fahren wirst du vielleicht nicht unbedingt«, rief Kaya ihm zu. »Aber das Reiseziel stimmt, nicht wahr?«

Die Dschinniya griff in die Traubentüte, die Noemi in den Händen hielt, und stopfte sich eine ganze Ladung in den Mund. Seit ihrem Weg nach Katnan hatten die beiden sich angefreundet und machten regelmäßig die Märkte der Stadt unsicher.

»Es wird eine kurze Reise werden«, stellte Nando fest. »Jedenfalls, wenn ich mich dabei genauso geschickt anstelle wie auf dieser Planke.«

Noemis Blick traf ihn mit schonungslosem Spott. »Die Dämonen des Pandämoniums würden sich über eine kleine akrobatische Einlage bestimmt freuen. Und dir erst danach die Gliedmaßen und Gedärme herausreißen.«

»Du hast leicht reden«, erwiderte Nando und kam auf sie zu. »Du konntest die Balance schon beim ersten Training halten.«

»Und du bist und bleibst ein Oberweltler«, sagte sie. »Ich habe schon jahrelang in den Schatten trainiert, als du noch in weichen Betten geschlafen und die Existenz der Schattenwelt nicht einmal erahnt hast. Du darfst nicht erwarten, dass du es mit mir aufnehmen kannst.« Sie schwieg kurz und ihre Stimme wurde sanfter. »Fordere nicht zu viel von dir. Dein Zweifel lässt dich schwanken.«

Nando blieb vor ihr stehen. »Nicht er allein. Uns läuft die Zeit davon.«

Er nahm die Geige entgegen, und als Kaya ihn mit ernster Miene ansah und Noemi wortlos die Hand ausstreckte, um seine Wunde zu heilen, wusste er, dass sie dasselbe dachten wie er. In aller Regel war Katnan eine Fundgrube, wenn es darum ging, Geheimnisse zu lüften, doch abgesehen von Mythen und Legenden waren all ihre Bemühungen, eine Spur des einstigen Engelskriegers Hadros zu finden, bislang erfolglos gewesen. Er war wie vom Erdboden verschluckt, und mit ihm fehlte Nando nicht nur der Schlüssel zu den übrigen Kreisen der Hölle, sondern auch jeder Hinweis auf Bhalvris, das Schwert, das er brauchte, um den Teufel zu bezwingen.

»Seit Tagen hockt Avartos nun schon zwischen den staubigen Büchern der Bibliothek«, stellte er fest. »Aber bisher haben seine Recherchen uns auch nicht weitergebracht.«

Noemi schnaubte verächtlich. »Was für eine Überraschung! Er wird nichts erreichen mit seinem Hokuspokus, das habe ich von Anfang an gesagt. Und diese Arroganz! In meinen Adern fließt reinstes Engelsblut, doch ihr seid diesem Licht nicht gewachsen. So ein Unsinn!«

Nando musste lachen. Die Magie des Lichts war eine mächtige Kraft, aber Noemi hatte noch immer nicht sonderlich viel für die Welt der Engel und ihre Geheimnisse übrig. Abgesehen davon störte es sie ganz gewaltig, dass Avartos sich bei seinen Recherchen jede Hilfe verbat.

»Ihm scheint nicht klar zu sein, dass er momentan unsere einzige Hoffnung ist«, warf Kaya ein. »Warum sonst schließt er uns von dieser Arbeit aus? Acht Augen sehen mehr als zwei, oder etwa nicht? Selbst, wenn sie nicht golden sind.«

»Vermutlich verliert er hier unten einfach langsam den Verstand«, murmelte Noemi. »Vielleicht ist diese Stadt zu viel für das Kleinhirn eines Engels. Ist euch nicht aufgefallen, wie viel Laskantin er sich in die Venen spritzt? Das kann doch nicht gesund sein.«

Nando war ebenfalls aufgefallen, dass Avartos, seit sie sich gemeinsam auf den Weg gemacht hatten, immer regelmäßiger zum Laskantin griff, aber er wusste auch, dass dies in den Kreisen der Engel üblich war, und er zweifelte nicht daran, dass sein Freund gute Gründe dafür hatte, die rote Kraft zu nutzen – Gründe, die nur er kannte. »Avartos ist uns in die Schatten gefolgt«, sagte er daher. »Dieser Schritt war schwer für ihn, wir wissen alle, welchen Weg er vorher gegangen ist. Wir sollten es ihm überlassen, mit welchen Mitteln er der Dunkelheit begegnen will, die ihn nun umgibt. Vergessen wir nicht, dass er ein Engel ist. Vielleicht ist es nicht leicht für ihn, uns zu ertragen.«

Noemi erwiderte sein Lächeln nicht. »Das gilt umgekehrt genauso.« Sie seufzte leise. »Aber selbst wenn er uns die letzten Male warten ließ und es obendrein auch noch abgestritten hat, sollten wir uns beeilen. Sonst kommen wir zu spät zum Training, und mir steht nicht der Sinn nach drei Extrarunden durch den Schlamm dieser Stadt, nur damit sich Herr Glanz und Glorie besser fühlt.«

Sie stiegen das schäbige Treppenhaus hinauf. In dieser Stadt hatte Nando immer das Gefühl, auf die Dächer fliehen zu müssen, um dem Gestank ihrer Gassen zu entkommen. Kaum hatten sie das Haus verlassen, schlug ihnen kühlere Luft entgegen. Sie drang aus den Turbinen, die dröhnend an der Höhlendecke hingen, und unter ihnen erstreckte sich Katnan. Einst hieß sie Yryon, die Stadt der Dornen. Sie war von Engeln und Dämonen gemeinsam errichtet worden, doch seither waren die meisten der ehemals herrschaftlichen Gebäude verfallen und zwischen den mächtigen Türmen, die früher in schwarzem Feuer gebrannt und die Stärke der Stadt demonstriert hatten, lag ein riesiges Meer heruntergekommener Hütten aus Brettern, Wellblechen und Plastikplanen. Unweigerlich musste Nando bei diesem Anblick an die Favelas Südamerikas denken. Beharrlich waren die Hütten an den Türmen emporgeklettert, und nun sah es aus, als wären große farbige Würfel auf einen Saurierfriedhof geschüttet worden, dessen Skelette schwarz und dornenhaft zwischen ihnen aufragten.

Ein Schwarm grüner Pelikane rauschte über ihre Köpfe hinweg, und Nando schüttelte den Kopf, als er Noemi über die Häuserdächer folgte, die so dicht zusammenstanden, dass sie von einem zum anderen springen konnten wie von Eisscholle zu Eisscholle. Er selbst war noch immer irritiert, wenn plötzlich Hühner mit mehreren Köpfen aus den Wohnungen stoben oder ganze Gebäude sich unvermittelt aufrichteten und auf metallenen Füßen davonstolzierten, aber Noemi ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie war bereits zweimal in dieser Stadt gewesen, früher, als ihre Eltern noch gelebt hatten, und später noch einmal mit Silas, und sie fand sich in den düsteren Gassen ausgezeichnet zurecht.

Langsam wich der Bannzauber von Nandos Schwingen. Er drehte die Handgelenke nach vorn, wie Noemi es tat, wenn sie die Energie eines Ortes spüren wollte, und obwohl er ihre Kunstfertigkeit wohl nie erreichen würde, schien es ihm nun, da er den warmen Luftzug Katnans an der Haut fühlte, als würde der Atem der Stadt ihn durchdringen. Er mochte diesen Ort. Hier oben war der Geruch der Gassen zu ertragen, eine Mischung aus Abgasen, Gewürzen und Schweiß, und er hörte das Stimmengewirr, das sich aus so vielen Sprachen zusammensetzte, dass selbst Avartos sie nicht alle verstand. Neben Schutzsuchenden wie den Nephilim, königsfernen Engeln und Dämonen, die den Weg Luzifers verlassen hatten, lebten vor allem Menschen hier. Die meisten waren aus der Oberwelt gekommen, und sie ertrugen den Schmutz, die Gefahr und das Zwielicht Katnans, da sie an diesem Ort etwas gefunden hatten, das die Oberwelt ihnen vorenthielt – hier unten, in den Gassen der Dämmerung, waren sie frei.

Kreischende Musik riss Nando aus seinen Gedanken. Sie hatten einen hölzernen Turm erreicht, der bedenklich schwankte, und noch während sie über knarzende Treppen abwärts liefen, konnte er durch die fadenscheinigen Bastwände das Herrenhaus sehen, das auf der anderen Straßenseite stand. Pechschwarz war es, ein Koloss inmitten bunter Hütten, und während im Dachgeschoss eine Gnomenabsteige buntes Licht und schrecklich disharmonischen Gesang ins Zwielicht sandte, waren die Fenster darunter starr wie Totenaugen.

Sie überquerten die Straße, und wie jedes Mal, wenn er zu dem gewaltigen Portal aufsah, hielt Nando den Atem an. Die Bibliothek der Dornen barg einen Großteil des Wissens der Schattenwelt. Sie war eines der wenigen Relikte aus der Zeit Yryons, das erhalten geblieben war.

»Avartos wird entzückt sein von dieser Musik«, sagte Noemi, und aus irgendeinem Grund klang sie zum ersten Mal an diesem Abend ausgesprochen fröhlich.

Nando seufzte. »Er wird es uns fühlen lassen, wenn die Gnome ihm den ganzen Tag auf dem Kopf herumgesprungen sind, das ist dir klar, oder?«

Noemi betrachtete das mächtige zweiflügelige Eingangsportal. Der grimmige Löwenkopf über der Klinke machte unmissverständlich klar, dass Besucher nur in den seltensten Fällen erwünscht waren.

»Wusstet ihr, dass niemand einen Schlüssel zu diesem Tor hat?«, fragte sie beiläufig. Sie spielte mit einer Haarsträhne, etwas, das sie nur tat, wenn sie gerade etwas ausheckte. Nando bemerkte den Funken in ihren Augen, als sie seinen Blick erwiderte, dieses schwarze Glimmen inmitten ihrer auffallend grünen Iris, das ohne jeden Zweifel ihr dämonisches Erbe verriet. »Niemand hat einen Schlüssel«, wiederholte sie langsam. »Er ging vor langer Zeit verloren, und so sind selbst der Bibliothekar und seine Helfer gezwungen, den gesicherten Hintereingang zu benutzen. Ansonsten haben nur ausgewählte Gäste Zutritt zu den wertvollen Büchern. Jetzt gerade ist übrigens außer Avartos niemand mehr da. Die Verantwortlichen verlassen die Bibliothek immer um die gleiche Zeit, und … sagte ich es schon? Niemand hat einen Schlüssel … außer mir.« Sie lächelte, als sie etwas aus der Tasche zog. Es war ein gläserner Stab, leicht gezackt und mit einer silbernen Flüssigkeit in seinem Kern.

Kaya sog auf Nandos Schulter die Luft ein. »Der fahrende Händler«, flüsterte sie. »Er hat ihn hergestellt nicht wahr? Der Kerl mit dem Silbergras?«

Noemi hob leicht die Schultern. »Nekromanten kennen sich damit aus, Totes zum Leben zu erwecken. Für den Rest meiner Alvre hat er mir gern geholfen.«

»Aber …«, begann Kaya. »Du willst doch nicht etwa dort einbrechen?«

Beinahe betroffen legte Noemi den Kopf schief. »Wenn man einen Schlüssel hat, ist es doch kein Einbruch. Und außerdem … fällt euch denn gar nichts auf?« Sie sah sich um und antwortete sich selbst: »Avartos ist nicht da. Wir sind zum Training verabredet und er taucht einfach nicht auf. Dabei verspätet er sich nie. Habt ihr etwa vergessen, wie oft er uns das gesagt hat? Ist ihm vielleicht etwas zugestoßen?« Plötzlich brach Ernst durch ihre Unschuldsmiene, als sie den Schlüssel sinken ließ und Nando ansah. »Du hast es selbst gesagt: Die Zeit wird knapp. Noch sind die Engel damit beschäftigt, ihre Toten zu zählen und die Gefangenen aus den Klauen der Dämonen zu befreien, die sich in den Schatten verborgen halten. Doch bald schon werden sie zu alter Stärke zurückkehren, um zu beenden, was sie begonnen haben. Und das ist noch nicht alles.«

Nando spürte ihren Blick wie Feuer auf seiner Haut. »Sie werden mich jagen. Und vermutlich sind sie damit nicht allein.«

»Bhrorok ist gefallen«, murmelte Kaya. »Aber die ersten vier Höllenkreise wurden befreit.«

Noemi nickte kaum merklich. »Und in ihnen herrschten mächtigere Dämonen als der Wolfsflüsterer, darauf könnt ihr wetten. Luzifer wird die stärksten von ihnen auswählen und sie auf deine Fährte setzen, nachdem sein Oberster Krieger versagt hat.« Sie drehte den Schlüssel zwischen den Fingern. »Ich weiß, dass Avartos uns verboten hat, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen, und er hat sicher seine Gründe dafür. Aber ich bin die Geheimniskrämerei leid. Seit Tagen hockt er nun über den Büchern, ohne dass er etwas herausfindet. Ich will endlich wissen, was er dort drinnen treibt, und wenn er keine Fortschritte macht, müssen wir uns einen anderen Plan überlegen, ob es ihm nun passt oder nicht. Gemeinsam. So, wie wir es ausgemacht haben.«

Nando erinnerte sich gut an die Eindringlichkeit, mit der Avartos sie davor gewarnt hatte, seine Arbeit zu stören, wusste auch, dass die Magie des Lichts Gefahren barg, die er nur erahnen konnte, und dennoch … Noemi hatte recht. Zu lange suchten sie nun schon nach einer brauchbaren Spur, zu lange tappten sie im Dunkeln, und währenddessen konnten Himmel und Hölle ihre Netze weben und sie enger um die Nephilim ziehen – und um ihn selbst. Sie mussten etwas tun. Langsam nickte er.

Unauffällig sahen sie sich um, doch die Straße lag verlassen da. Vorsichtig schob Noemi den Schlüssel ins Schloss. Für einen Moment erwartete Nando, dass sich die Türen des Portals quietschend öffnen würden, aber sie glommen nur leicht auf und wurden durchscheinend. Dahinter lag tiefste Finsternis. Noemi drehte die Handflächen nach vorn, Nando spannte die Muskeln an und stellte erleichtert fest, dass der Bann vollständig von seinen Schwingen gewichen war. Nur Kaya rührte sich nicht, abgesehen von den Krallen, die sie tiefer in Nandos Schulter grub. Ohne jedes Geräusch traten sie ein.

Verschwommen erkannte er hohe Bücherregale, mit Folianten beladene Tische und abgenutzte Sessel, auf denen Pergamentrollen herumlagen. Die Stille war staubig wie die Luft in Antiquariaten, und erst als sie mehrere Lesesäle durchquert hatten, durchbrach der Schein einer Fackel die Finsternis. Sie erhellte eine Wendeltreppe, die abwärts führte. Flackernde Kerzen brannten auf den Stufen, doch ihr Licht drängte die Dunkelheit kaum zurück, und Nando wäre Noemi fast in die Hacken getreten, als sie plötzlich am Fuß der Treppe stehen blieb. Vor ihnen lag ein gewundener Korridor, dessen Boden mit unzähligen Büchern bedeckt war. Sie waren zu schwindsüchtigen Türmen gestapelt, lagen aufgeschlagen übereinander oder lehnten in langen Reihen an den Wänden. Ein Windhauch strich über die Seiten und ließ sie flüstern.

Seht nur, raunte Kaya. Sie war von Nandos Schulter gesprungen und hockte neben einem Buch, auf dessen Einband ein goldener Schimmer lag. Noemi beugte sich hinab, dass ihr Gesicht erhellt wurde, und als Nando das Licht berührte, erhob es sich wie ein seidenes Tuch in die Luft. Lautlos flog es auf ihn zu, irgendetwas in ihm rief ihm zu, dass er sich ducken sollte vor dem Zauber, doch erst als Noemi nach seinem Arm griff, ging er in die Knie. Geschmeidig strich das Licht über ihre Köpfe und ließ die Bücher im goldenen Glanz erglühen. Nando war es, als würde er im Schein der Sonne stehen, aber dieses Licht spendete keine Wärme. Es war kühl und geheimnisvoll wie der Glanz des Mondes, und für einen Moment spürte er dieselbe Faszination und Anziehung, die er empfunden hatte, als er nach seinem Ritt auf Matradons Rücken in den Himmel Roms geschaut hatte. Er kannte diesen Schimmer. Er hatte ihn bereits in Zaubern gesehen, gewirkt mit der Magie des Lichts, und er erinnerte sich an das Gold Nhor’ Kharadhins, das hoch über der Stadt der Menschen schwebte. Es war das Gold der Engel.

Der Zauber zerbrach in glitzernde Funken und sie setzten ihren Weg fort. Im Saal am Ende des Korridors flackerte roter Fackelschein. Vorsichtig schlichen sie näher heran, duckten sich hinter einem Bücherstapel und spähten in den Saal. Auch hier lagen aufgeschlagene Bücher in wildem Durcheinander am Boden. Der goldene Schimmer vermischte sich allenthalben mit dem Licht der Fackeln und verfärbte es zu blutigem Rot. Und dort, zusammengesunken an einem uralten Schreibtisch, saß Avartos. Er schaute in die Schatten wie in eine verbotene und zugleich verheißungsvolle Fremde. Fahl war sein Gesicht inmitten der Bücher und er wirkte müde. Plötzlich griff er in seine Tasche und zog einen Kristall daraus hervor, kaum größer als ein Sandkorn. Langsam stand er auf und mit jedem Schritt, den er in die Mitte des Raumes tat, wich die Erschöpfung dem vertrauten Ausdruck kalter Entschlossenheit, die ihn einst durch Feuer und Frost getrieben und zu dem Krieger gemacht hatte, der er heute war. Wortlos ließ er den Kristall wenige Schritte von sich entfernt in der Luft schweben und schloss die Augen.

Goldenes Licht brach aus dem Kristall, wie feinster Staub legte es sich auf die Szene. Dann lösten sich die Umrisse des Raumes auf und bildeten einen riesigen Saal nach. Mächtige Bücherregale reichten so hoch hinauf, dass Nando ihr Ende nicht erkennen konnte. Silbernes Wasser perlte von kunstvoll verzierten Säulen und der Boden glänzte gläsern. Er warf Noemi einen Blick zu, doch ihre Augen waren nichts als zwei dunkle Seen, und Kaya betrachtete das Schauspiel so hingegeben, dass Nando kein Zweifel mehr blieb: Vor ihnen lag Arsvidor, die Bibliothek der Engel in ihrer Stadt Nhor’ Kharadhin.

Nando wusste, dass er nur eine Illusion sah, die Avartos mit seinen Gedanken erschuf, und doch meinte er, die kühlen Nebel des Berano-Glases auf seiner Haut zu spüren, aus dem die meisten Gebäude der Engelstadt errichtet worden waren. Es widerstand Stein und Metall ebenso wie höchster Magie. Die Legenden sagten, dass es aus den Tränen der ersten Drachen geschaffen worden war, und Nando musste lächeln, als er den Blick durch die Bibliothek schweifen ließ. Viele besondere Orte hatte er gesehen, seit er in die Schattenwelt gekommen war, aber selten hatte ihn ein solcher Zauber ergriffen wie in diesem Moment. Avartos öffnete die Augen. Mit konzentriertem Blick streckte er die Hand aus, ein kaum merklicher Impuls aus blauem Licht traf den Kristall, und ein Name glitt über seine Lippen, der Nando einen Schauer über den Rücken schickte.

»Hadros Baldur Ragnarvar.«

Der Kristall glomm auf, und Nando hörte Stimmen aus lang vergangener Zeit von dem mächtigsten Krieger erzählen, den das Volk der Engel je hervorgebracht hatte. Krieger des Ersten Lichts, Herrscher der Scherben und Flüche der Kerebrar, Höchster Jäger des Schwarzen Blutes, Träger der Zwölf Flammen und Meister der Silbernen Raben. Mit jedem Namen beschleunigte sich Nandos Herzschlag und er hielt den Atem an, als plötzlich Licht aus dem Kristall brach und Avartos in die Brust traf. Der Engel breitete die Arme aus und wurde in die Luft gehoben. Feine Lichtadern glitten aus seinen Fingerspitzen, legten sich auf die Bücher der Bibliothek und ließen Bilder daraus aufsteigen, bewegte Zeugnisse von Hadros’ Heldentaten. Zuerst verschwommen, dann immer deutlicher flammten sie durch den Raum und durchstoben Avartos’ Leib, und als er zusammenzuckte, ohne die Augen zu öffnen, begriff Nando, was er tat: Der Engel las. Er durchdrang tausend Geschichten auf einmal, und alle handelten von ihm: Hadros, dem Ersten Pfortenengel und Hüter von Bhalvris, dem Teufelsschwert. Aus unzähligen Bildern sah er Nando an. Hochgewachsen war der Krieger des Lichts, sein helles Haar fiel weit auf seinen Rücken hinab, und seine Augen waren von so klarem Gold, als hielte er das Licht von Sonne und Mond in ihnen gefangen. Sein Gesicht war alterslos und doch stand eine Weisheit darin, die der Rauheit seiner Wangenknochen und dem grausamen Zug um seinen Mund etwas Erhabenes verlieh.