Die Farben der Zeit - Günter Hiller - E-Book

Die Farben der Zeit E-Book

Günter Hiller

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Beschreibung

Alles Verstehen ändert sich mit der Zeit. Wenn sich in hundert Millionen Jahren die Erde, Gaia, wieder erholt hat, wird sich eine neue intelligente Spezies entwickeln, nennen wir sie die Gaianer. Irgendwann werden diese Gaianer ihren Planeten untersuchen und von den Big Six sprechen, den sechs Perioden massenhaften Artensterbens, deren letzte gerade mal hundert Millionen Jahre zurück liegt. Bei Bohrungen stoßen sie in ein paar hundert Metern Tiefe auf ausgedehnte Betonwüsten, die sie schließlich einer menschlichen Zivilisation zuordnen können. Bei einer Unterhaltung intellektueller Gaianer wird wahrscheinlich einer fragen: "Was haben sich die Menschen wohl dabei gedacht?" Und ein anderer wird nach reiflicher Überlegung antworten: "Sie haben nicht gedacht, sie haben geglaubt!" Wenn viele Menschen das Gleiche glauben und machen, ist es nicht richtig oder falsch, sondern fatal.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 322




Vorwort

Gewöhnlich schreibt man ein Essay oder eine Abhandlung, wenn man Gedanken hat, die von einem allgemeinen Konsens abweichen. Diese Gedanken müssen nicht völlig neu und unbekannt sein, es genügt schon, wenn man das Gefühl hat, dass diesen Gedanken nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Beim Schreiben selbst entdeckt man immer wieder neue Zusammenhänge und Formulierungen, die das Verständnis verändern. Aus einer zunächst klaren Vorstellung heraus entwickelt sich langsam ein vielfältiges und buntes Bild der Welt.

Aus meiner Studienzeit blieben bei mir zwei Erfahrungssätze haften, Energieerhaltung und Welle-Teilchen-Dualismus, die man zwar berücksichtigen musste, aber nicht wirklich erklären konnte. Für Prüfungen reichte das Zitieren aus, aber nicht wirklich für das Verstehen. Ich habe jedoch Physik studiert, um die Welt zu verstehen, nicht um andere Meinungen zu zitieren. Erst mein allgemeines Evolutionsprinzip und das damit verknüpfte Komplementaritätsprinzip eröffnete mir den Weg für ein tieferes Verständnis.

Die wichtigste Erkenntnis ist die klare Trennung von Realität und Virtualität. Erst unsere virtuelle Phantasie hat uns Menschen unsere Kultur und ihre Evolution ermöglicht, allerdings mit der Gefahr, dass dabei die klare Trennung von Phantasie und Wirklichkeit verloren geht. Phantasien, Theorien oder religiöser Glaube sind für unsere kulturelle Evolution notwendig, aber nur hilfreich, so lange man diese auch als Virtualität versteht und sie nicht mit der Realität vermischt. Alle Streitereien, alle Kriege, auch die unsäglichen Religionskriege, haben ihren Ursprung in diesem Virtualitätsverlust, in dem Bestreben von Menschen und ihren Anführern, einen virtuellen Glauben als Realität zu deklarieren.

Begründet ist das schon in dem Begriff normal oder Normalität. Normal ist, was die Mehrheit denkt oder macht. Normalität ist kein Wert an sich, sondern nur eine statistische Aussage. Normalität setzt kein Verstehen voraus, nur Imitation oder Nachplappern und dennoch wird es in der Gemeinschaft oder Gesellschaft als positiv bewertet. Da macht auch die wissenschaftliche Gemeinschaft keine Ausnahme, höchstens auf einer anderen Ebene. Anscheinend ist es, oder zumindest war es, ein evolutionärer Vorteil, Autoritäten nicht zu widersprechen, was sich in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen widerspiegelt. So vorteilhaft ein Gemeinsinn auch sein mag, so offensichtlich ist auch seine Anfälligkeit gegen Missbrauch.

Die zunehmende Polarisierung in den meisten Gesellschaften ist für mich ein Hinweis darauf, dass das Prinzip der Komplementarität in weiten Kreisen unverstanden ist. Ein typisches Beispiel für Komplementarität, das jeder versteht, ist der Gegensatz, die Komplementarität von Egoismus und Altruismus, von Eigenwohl und Gemeinwohl.

Wir, oder zumindest die meisten von uns, sind uns darüber im Klaren, dass sich nicht beide Eigenschaften gleichzeitig maximieren lassen. Mehr Eigenwohl geht zu Lasten des Allgemeinwohls und umgekehrt. Wir müssen eine Balance finden zwischen Egoismus und Altruismus und die Schwierigkeit dabei ist, dass es für diese Balance keine goldene Regel gibt.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Allgemeinwohl der Menschen auch mit dem Allgemeinwohl der Natur kollidiert. Wir selbst sind ein Teil der Natur und nicht unabhängig von ihr, auch wenn uns viele das glauben lassen wollen. Wir müssen eine doppelte Balance finden, sowohl zwischen dem Einzelnen und der Allgemeinheit als auch zwischen der Allgemeinheit und der Natur.

Diese Komplementarität auf verschiedenen Ebenen ist ein großes Problem, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Gesellschaft. Da alles mit allem zusammenhängt, gibt es keine einfachen oder gar endgültigen Lösungen und keine stabilen Gleichgewichte. Eine Analogie zwischen Wissenschaft und Gesellschaft drängt sich zwar nicht auf, ist aber auch nicht von der Hand zu weisen. Wenn man berücksichtigt, dass eine Galaxie möglicherweise mehr Sterne enthält als die Erde Bevölkerung hat und jeder Stern seinen eigenen Charakter, seinen eigenen Lebenszyklus hat, dann kann man schon erahnen, dass Kosmologie und Soziologie gar nicht so weit auseinander liegen.

Komplementarität oder Dualismus sind die einfachste Form der Vielfalt und lassen sich graphisch in einem X-Y-Diagramm darstellen. Vielfalt hat dann nur entsprechend mehr Dimensionen, aber je zwei Komplementaritäten lassen sich immer in einem zweidimensionalen Diagramm abbilden. Für Vielfalt benötigt man dann mehrere dieser Diagramme, aber keines dieser Diagramme ließe sich auf eine eindimensionale Linie reduzieren, ohne seine Aussagekraft zu verlieren.

Die Eindimensionalität oder Abzählbarkeit der Zeit wird von uns Menschen künstlich erzeugt, sie ist nur eine sehr unvollkommene Abbildung einer vielfältigen virtuellen Zeit auf einen für uns realen eindimensionalen Zeitpfeil. Die allgemeine Akzeptanz täuscht darüber hinweg, dass es sich dabei um eine willkürliche Maßnahme handelt. Einen Anhaltspunkt für unterschiedliche Bewertungen der Zeit bietet bereits eine genauere Betrachtung von Geschwindigkeiten. Eine Partikelgeschwindigkeit, wie wir sie aus der Mechanik kennen, ist eindimensional, die Ausbreitung einer Welle ist dagegen mehrdimensional. Genau genommen unterscheidet sich die Ausbreitung eines Partikels von der einer Welle, die Partikelgeschwindigkeit ist real, die Geschwindigkeit der Welle virtuell.

Auf der Erde können wir heute alte Hochkulturen zeitlich einigermaßen einordnen, auch wenn sie sich in ganz unterschiedlichen Regionen zu ganz unterschiedlichen Zeiten entwickelten und keinerlei Kontakte oder Verbindungen zwischen den einzelnen Hochkulturen festgestellt werden konnten. Rückschlüsse von einer Hochkultur auf eine andere sind daher unmöglich, jede Hochkultur hat ihre eigenen regionalen Charakteristiken.

Nach meinen Vorstellungen bestimmt Komplementarität unsere Welt, sowohl im Großen auf der Skala der Erde, des Kosmos und des Universums, aber auch im täglichen Umgang von uns Menschen miteinander, in unserer Gesellschaft. Nur sind wir uns oftmals dessen nicht bewusst, wir können nicht gleichzeitig beide Seiten der Medaille sehen, müssen uns aber immer beider Seiten bewusst sein.

Komplementarität lässt sich als Motor der Evolution begreifen. Evolution ist keine neue Theorie, ist vom Grundsatz her überhaupt keine Theorie, sondern ein Prinzip, das anscheinend sehr viel allgemeingültiger ist, als bisher angenommen. Allerdings widerspricht ein allgemeines Evolutionsprinzip den Vorstellungen einer exakten Wissenschaft. Ziel dieser Abhandlung ist es, diese Widersprüche aufzuzeigen.

Man sollte Optimismus nicht mit Naivität verwechseln und Pessimismus nicht mit Agnostizismus. Der Begriff des Agnostizismus wurde entscheidend von T. H. Huxley geprägt, einem Freund und Weggefährten Darwins. Agnostizismus hat auch dieses Essay beeinflusst. Wissenschaft und Gesellschaft befinden sich gerade am Scheideweg, hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Enttäuschung. An diesem Punkt hilft Agnostizismus, eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens, Verstehens und Begreifens betont.

Berlin, im November 2020

Inhalt

Teil I Wissenschaft

Einleitung

Energieerhaltung

Wahrnehmung

Wissenschaft und Erkenntnis

Zeit und Trägheit

Die mehrdeutige Zeit

Geo- und Astrophysik

Schöpfung und Zerstörung

Allgemeines Evolutionsprinzip

Zufall und Notwendigkeit

Rückblick

Komplementarität und Evolution

Information und Kosmos

Entwicklung des Menschen

Zeit und Gleichzeitigkeit

Evolution und Religion

Teil II Gesellschaft

Psychologie der Herde

Neue Herausforderungen

Die verlorene Zeit

Die Zerstörung der Natur

Schöpfung und Wahrheit

Gesellschaft und Verstehen

Die Würde des Menschen

Pragmatismus

Teil III Symbiose

Kosmos und Physik

Die Farben der Zeit

Offene Fragen

Religion und Philosophie

Epilog

Abstrakt: Evolution vs. Physik

Literatur

Teil I Wissenschaft

Einleitung

Der Untertitel ist bereits ein Hinweis darauf, dass Komplementarität eine intrinsische Eigenschaft unserer Welt zu sein scheint. Diese Abhandlung widerspricht in einigen Punkten herkömmlichen und überlieferten Denkmodellen und macht nur Sinn zu lesen, wenn man bereit ist, traditionelle Dogmen zu hinterfragen. Das beginnt bereits dabei, althergebrachte Begriffsdefinitionen neu zu gestalten. Viele Begriffe werden heute disziplinübergreifend verwendet, aber teilweise mit abenteuerlichen Bedeutungsinterpretationen.

Der Begriff Komplementarität stammt von dem amerikanischen Philosophen und Psychologen William James (1842 - 1910), dem Begründer der Pragmatismus genannten empirischen Richtung der Philosophie. Bereits in den Jahren 1884 - 1890 benutzte James den Begriff komplementär zur Bezeichnung von 'relations of mutual exclusion' bei schizophrenen Prozessen, also von Beziehungen, die sich gegenseitig ausschließen.

Carl Friedrich von Weizsäcker definiert Komplementarität in der Wissenschaft: "Die Komplementarität besteht darin, dass sie nicht beide benutzt werden können, gleichwohl beide benutzt werden müssen." Niels Bohr erklärte etwas für komplementär, wenn das eine nicht durch das andere erklärt oder beschrieben werden kann, sich aber beide ergänzen. Diese einfache Formulierung führte mich zu einer sehr fundamentalen Komplementarität, der des Wahrnehmbaren und nicht Wahrnehmbaren.

Das Wahrnehmbare lässt sich natürlich nicht durch das nicht Wahrnehmbare beschreiben, aber dasselbe gilt auch uneingeschränkt anders herum. Das nicht Wahrnehmbare bezeichnet das, was wir nicht wissen und für unser Unwissen gilt eine ganz konkrete Wahrheit: Wir wissen nicht, was wir nicht wissen! Wir sind immer auf virtuelle Annahmen angewiesen, die wir nicht beweisen können. Diese Feststellung mag banal erscheinen, ist aber bereits ein erster Schritt der Erkenntnis:

1. Wir wissen nicht, was wir nicht wissen.

Entscheidend bei diesen Überlegungen ist das nicht Wahrnehmbare. Egal, wie sehr sich unsere Wahrnehmung verändert oder verbessert, es ändert keinen Deut daran, dass wir das zwar veränderte, aber noch immer nicht Wahrnehmbare nicht besser oder genauer beschreiben können, weil wir es auch weiterhin nicht wahrnehmen können. Wir können es möglicherweise anders beschreiben, weil sich unsere Wahrnehmung verändert hat, aber wir sind der Lösung des Rätsels keinen Schritt näher.

Wenn wir in einem Raum nichts wahrnehmen können, bezeichnen wir es als Vakuum. Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der Physik der Gase und bezeichnet einen gasfreien Raum oder allgemeiner einen materiefreien Raum. In diesem Raum befindet sich nichts Wahrnehmbares, aber ist das das gleiche wie Nichts? Wir wissen es nicht! Das mag frustrierend klingen und manchen zu einem Wunschdenken verleiten, aber zunächst stellt sich die Frage, ob unsere Messtechnik überhaupt allen Eventualitäten gerecht werden kann.

Jede Messmethode hat ihr eigenes charakteristisches Auflösungsvermögen und Wissenschaftler sind darum bemüht, das Auflösungsvermögen zu verbessern. Das ist ein steiniger Weg, aber letztlich gilt: Der Weg ist das Ziel. Auf diesem Weg sieht man soviel Neues, dass man eigentlich gar nicht ankommen möchte.

Dieser Weg beruht auf diversen Annahmen, aber es ist wesentlich für unsere Erkenntnis, dass virtuelle Annahmen bestätigt, aber niemals bewiesen werden können, sie können nur verifiziert oder falsifiziert werden. Wir müssen in erster Instanz etwas annehmen, an etwas glauben, damit wir es im nächsten Schritt anzweifeln können und genau dieses Wechselspiel von glauben und zweifeln beflügelt unseren Verstand (G. Hiller: Zum Zweifeln geboren - zum Glauben verdammt). Eine unzureichende Annahme führt immer zu einem Paradox. Ein Paradox ist keine spaßige Laune der Natur, sondern ein Hinweis auf eine unzutreffende oder unzureichende Annahme. Das führt bereits zu einer zweiten sehr wesentlichen Erkenntnis:

2. Virtuelle Annahmen können nicht bewiesen werden.

Trotzdem verleitet das menschliche Wesen anscheinend zum Dogmatismus. Unsicherheit bereitet Menschen Unwohlsein und so haben Religionen seit Jahrtausenden mit einer Mischung aus vorgetäuschter Gewissheit, Versprechen und Moralvorschriften, ihren Dogmen, versucht, Menschen zu beeinflussen und zu manipulieren. Der Wunsch nach Erklärungen des Unbekannten überstrahlt oft die Einsicht, dass eine vollständige Erkenntnis unmöglich ist. Wenn eine Annahme lange Zeit nicht widerlegt werden kann, dürfen wir mit aller Vorsicht an die Richtigkeit dieser Annahme glauben und im weiteren Verlauf wird aus diesem Glauben oft eine Überzeugung, ein Dogma.

Davor ist auch Wissenschaft nicht gefeit, nur heißen die Dogmen in der Wissenschaft Erfahrungssätze. Wenn ein Erfahrungssatz nicht mehr in Frage gestellt wird oder in Frage gestellt werden darf, ist er nichts anderes als ein Dogma. Interessanterweise sind Erfahrungssätze für bestimmte Zeiträume sehr vorteilhaft. Annahmen, die für lange Zeit nicht widerlegt werden können, entwickeln sich zu Glaubenssätzen und schließlich zu Überzeugungen und genau dann wird es kritisch. Ein Wissenschaftler darf nur vom Zweifeln überzeugt sein, nicht vom Glauben.

Selbst wenn eine Annahme tausend hervorragende Bestätigungen hervorbringt, reicht ein einziges Paradox, um diese Annahme zu verwerfen. Das klingt hart, ist aber die einzige Möglichkeit voranzukommen. An dieser Stelle muss man deutlich zwischen einem Paradox und einer Abweichung unterscheiden. Abweichungen lassen sich meistens korrigieren, ein Paradox dagegen basiert auf einem fundamentalen Gedankenfehler. Wenn sich Abweichungen allerdings nicht vollständig korrigieren lassen, muss man den Grund dafür ermitteln und das kann auch dazu führen, dass die Grundprinzipien überprüft werden müssen.

Auf diese Problematik stieß ich bei der Betrachtung der Energie. Können wir Energie überhaupt wahrnehmen und messen oder nehmen wir nur Sekundäreffekte der Energie war? Etwas ähnliches erleben wir bei der Gravitation. Was wir wahrnehmen und mit dem Gravitationsgesetz beschreiben, sind die Anziehungen riesiger Massen, aber wir wissen gar nichts darüber, was auf der Ebene der Gravis, den Basiselementen der Gravitation, vor sich geht. Die Tatsache, dass wir Sterne noch in Milliarden Lichtjahren Entfernung leuchten sehen, täuscht auch darüber hinweg, dass der Elektromagnetismus nur eine vergleichsweise geringe Reichweite besitzt. Unsere Wahrnehmung täuscht uns über gegebene Tatsachen.

Die Physik basiert auf der Annahme, dass physikalische Gesetze und Konstanten unveränderlich sind, aber bis vor 200 Jahren war die sehr langsame biologische Evolution auch nicht erkennbar, weil unsere Wahrnehmung dazu nicht ausreichte. Eine physikalische Evolution, die um Größenordnungen langsamer ist als die biologische Evolution, ist dann natürlich noch viel schwerer wahrnehmbar. Aber lässt sich eine physikalische Evolution mit physikalischen Messmethoden, die an diese Evolution gebunden sind, überhaupt nachweisen?

Wie kann man berücksichtigen, wenn sich die Erdrotation verlangsamt oder der Umlauf der Erde um die Sonne? Man kann diese auf atomare Schwingungen (Frequenzen) zurückführen, aber natürlich nur dann, wenn diese Frequenzen unveränderlich sind! Man benutzt also die Physik, um die Unveränderlichkeit physikalischer Gesetze glaubhaft zu machen. Diese Unveränderlichkeit ist eine virtuelle Annahme, die nicht bewiesen werden kann. Diese Unbeweisbarkeit bezieht sich allein auf Virtualität. Eine existierende Realität kann natürlich überprüft und nachgewiesen werden.

Da eine genaue Längenmessung in der Physik sehr problematisch ist ( das Urmeter in Paris wird durch viele Umweltbedingungen beeinflusst) und eine Entfernungsmessung in der Astronomie und Kosmologie nur indirekt möglich ist, hat man den Meter neu festgesetzt: Ein Meter wird über die konstante(?) Lichtgeschwindigkeit definiert und berechnet sich als die Länge der Strecke, die das Licht im Vakuum während der Dauer von 1/299 792 458 Sekunde zurücklegt.

Damit sind aber Dauer und Länge keine voneinander unabhängigen Parameter mehr! Das tangiert natürlich nicht unser tägliches Leben, wo wir weiterhin mit Bandmaß oder optischen oder akustischen Längenmessungen und Stoppuhr hantieren, aber wie beeinflusst das die Kosmologie?

In der Kosmologie sind dann Entfernung und Vergangenheit miteinander gekoppelt. Die Signale weiter entfernter Sterne kommen auch aus einer ferneren Vergangenheit. Durch diese Verknüpfung lässt sich nach meinem logischen Verständnis natürlich nicht eine unabhängige Geschwindigkeit von Einzelsternen oder Galaxien ermitteln.

Beim Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts wird bereits deutlich, dass eine gerichtete Teilchengeschwindigkeit (Photonen) etwas anderes ist als eine räumliche Wellengeschwindigkeit. Man kann das zwar akzeptieren und bei Bedarf auch zitieren, aber zum Verstehen reicht das nicht. Durch unsere Sprache geraten wir immer wieder in Versuchung, Begriffe mit denselben Worten nicht mehr zu differenzieren, auch wenn ganz unterschiedliche Bedeutungen dahinterstecken:

Geschwindigkeit und Geschwindigkeit

Energie und Energie

Zeit und Zeit

Dieses Essay hat sich die Aufgabe gestellt, dieser Form von Polysemie nachzugehen, wobei die drei Beispiele ganz unterschiedliche Beweggründe haben.

Um die Entstehung der Welt zu verstehen, bemühen wir eine Genesis oder einen Urknall. Beide Vorstellungen sind Singularitäten, die sich mathematisch nicht formulieren lassen. Beide beschreiben eine Einmal-Schöpfung, zu derem Verständnis wir letztlich einen Schöpfer oder Gott benötigen.

Eine Mutation ist aber auch eine Singularität, die sich mathematisch nicht formulieren lässt. Wie ändert sich dann unsere Vorstellung von der Welt, wenn wir ihre Entstehung oder Entwicklung als eine Aneinanderreihung von Mutationen oder Singularitäten betrachten würden, als Evolution, für die sich wohl keine umfassende mathematische Formulierung findet?

Wie lässt sich eine Welt verstehen, in der physikalische Gesetze tatsächlich nur die Langzeitprodukte einer kosmischen Evolution sind? Genau diese Fragen, für die es keine mathematischen Antworten gibt, bilden den Kern dieser Abhandlung.

Energieerhaltung

Wie uns unsere Erfahrungen täuschen können, möchte ich an einem Beispiel erläutern, dem Erfahrungssatz der Energieerhaltung, der bei seiner Einführung geradezu genial war, aber dessen Genialität sich im Laufe der Zeit relativierte.

Um die Genialität der Energieerhaltung zu verstehen, muss man einige Jahrhunderte zurückgehen, als Physik noch im Wesentlichen auf Mechanik beruhte. Bei der Beobachtung eines Pendels zeigte sich, dass das Pendel zwischen zwei Umkehrpunkten hin- und herpendelte, an den Umkehrpunkten die Geschwindigkeit Null hatte und genau dazwischen eine maximale Geschwindigkeit. Da sich die Masse des Pendels nicht ändert, erkennt man sofort, dass die Geschwindigkeit von der Auslenkung abhängt.

Aber auch die Reibungsverluste des Pendels in Luft lassen sich in dieses Konzept integrieren. Reibung regt die Luftmoleküle zu mehr Bewegung an und eine Zunahme dieser Braunschen Molekularbewegung lässt sich als leichte Temperaturzunahme oder als Zunahme der Wärmeenergie des Labors verstehen. Somit muss die Gesamtenergie nur noch mit einer Wärmeenergie vervollständigt werden und schon bleibt die Gesamtenergie des Systems weiterhin erhalten, nur ist das System jetzt nicht mehr das Pendel allein, sondern das ganze Labor. Das System Pendel gibt Energie langsam an sein Umfeld, an seine Umgebung ab.

Es ist also unschwer zu erkennen, dass Energieerhaltung von der richtigen Wahl des Systems abhängig ist und genauso wird es inzwischen von Physikern definiert: Energieerhaltung gilt in einem energetisch abgeschlossenen System, oder etwas allgemeiner für ein System, dessen Energiebilanz mit seinem Umfeld ausgeglichen ist. Das ist aber kein Erfahrungssatz, sondern eine Tautologie. Es wäre erst ein Erfahrungssatz, wenn man immer ein energetisch neutrales System finden könnte.

Aber genau diese Annahme geht schon bei unserer Erde schief. Unsere Biosphäre beruht letztlich auf Sonnenenergie. Die Erde absorbiert Energie von der Sonne und strahlt einen Teil dieser Energie wieder ins Weltall ab. Auf Grund der Erdrotation und einer ungleichmäßigen Sonnenaktivität variieren beide im Laufe eines Tages und wegen der elliptischen Erdumlaufbahn auch im Laufe eines Jahres. Schon unsere Erde lässt sich also nicht als System mit einer ausgeglichenen Energiebilanz betrachten und schon gar nicht lässt sich Energieerhaltung einfordern.

Genau aus diesem Grund lässt sich klassische Physik mit dem Dogma der Energieerhaltung nicht auf die Biosphäre anwenden, diese lässt sich nur mit evolutionären Prozessen erklären. Wir können nicht einmal erklären, was genau mit der abgestrahlten Energie passiert, sie verschwindet irgendwie in den Weiten des Alls. Es ist daher schon sehr verwunderlich, dass Kosmologen dennoch Energieerhaltung für das gesamte Universum einfordern oder zumindest eine Unveränderlichkeit der Naturgesetze.

Zum einen wissen wir überhaupt nicht, was das Universum ist, zum anderen wissen wir auch nicht, was Energie ist. Warum? Wir können Universum ohne weiteres als das Ganze, als Alles definieren und uns selbst als Teil dieses Ganzen, des Universums. Dann fehlt uns natürlich der unmögliche, aber notwendige Außenblick, ohne den unsere Vorstellung oder Erkenntnis des Universums immer unvollständig sein wird. Hier greift bereits der erste Schritt zur Erkenntnis: Wir wissen nicht, was wir nicht wissen. Und wie steht es mit der Energie?

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass Energie ein reiner Rechenwert ist. Energie ist keine empirisch messbare Größe, Energie ist ein virtueller Wert, der in der Physik unter gegebenen Umständen für Rechenvorschriften verwendet werden kann. Energie ist ein virtueller Rechenwert, nicht mehr und nicht weniger. Energie ist eine geniale Erfindung der Physik und wenn man Energieerhaltung als ein Dogma der Physik erachten möchte, dann muss man aber auch den Anwendungsbereich dieser Physik auf diejenigen Systeme beschränken, für die Energieerhaltung vorbehaltlos angewendet werden darf.

Wenn Energieerhaltung nicht eindeutig gewährleistet ist, kann man nur auf einen evolutionären Ansatz zurückgreifen. Natürlich lassen sich immer wieder energetisch neutrale Systeme finden, aber man darf diese nicht ungerechtfertigt verallgemeinern. Ein bekanntes Paradoxon lautet:

Der Kreter Epimenides sagt: Alle Kreter sind Lügner.

Dieses Paradoxon ergibt sich einzig und allein aus einer ungerechtfertigten Verallgemeinerung: Alle Kreter! Andere Erklärungen mögen originell sein, aber nicht zielführend. An dieser Stelle greift der zweite Schritt der Erkenntnis: Virtuelle Annahmen können nicht bewiesen werden. Verallgemeinerungen sind wie Extrapolationen im Grundsatz extreme Vereinfachungen, und wie schon Einstein bemerkte, bieten einfache Lösungen Vorteile, dürfen aber nicht zu einfach sein, dann können sie grundlegende Charakteristiken verschleiern.

Nach meinem Wissen basiert die Vorstellung eines expandierenden Universums zunächst auf Energieerhaltung. Bestimmte Spektrallinien repräsentieren im weitesten Sinn Übergänge zwischen unterschiedlichen Energieniveaus in Atomen und wenn diese als unveränderlich angenommen werden, müssen auch die zugehörigen Energieniveaus unveränderlich sein. Alles andere wäre inkonsequent.

Die gemessene Rotverschiebung und die Annahme unveränderlicher Spektrallinien führt zu der weiteren Annahme, dass dafür nur der Doppler-Effekt als Erklärung herhalten kann und die daraus resultierende Expansion des Kosmos. Aber welche Expansion? Wir haben gerade gesehen, dass die Physik Raum (Länge) und Zeit (Dauer) miteinander verknüpft hat und wir wissen auch, dass infolge der Lichtgeschwindigkeit Signale von weiter entfernten Galaxien älter sind als die von näheren. Somit hat sich unser Kosmos in der Zeit entwickelt. Und nun?

Energieerhaltung ist keine Erfahrung, sondern eine vereinfachende Rechenvorschrift und somit völlig ungeeignet für ein unbekanntes Universum oder einen unbekannten Kosmos. Ein Großteil des Universums ist für uns nicht wahrnehmbar und es macht daher Sinn, unsere Wahrnehmung genauer zu betrachten und zu analysieren und die Grenzen unserer Wahrnehmung auszuloten.

Wahrnehmung

Was wir als Wahrnehmung bezeichnen, ist im Grunde eine komplexe Datenverarbeitung in unserem Gehirn. Menschliche Wahrnehmung beruht im Prinzip auf einer Weiterleitung von Informationen von unseren Sinnen an unser Gehirn. Neben den fünf äußeren Sinnen (Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken) zählt die Wissenschaft heute noch einige innere Sinne (Gleichgewicht etc.) hinzu. Die Anzahl variiert je nach Autor und Quelle. Alle Sinneseindrücke werden zumeist über Nervenstränge an die Synapsen des Gehirns geleitet und werden dort als Bild in unserem Kopf zusammengesetzt.

Das Wahrnehmbare und das nicht Wahrnehmbare sind komplementär mit all den Vor- und Nachteilen, die die Komplementarität bietet. Einen besonderen Aspekt der Wahrnehmung verdanken wir der Quantenphysik. Anscheinend können wir nur Dinge wahrnehmen, die einen Quantencharakter haben, Ereignisse in der Zeit oder Strukturen im Raum. Jedenfalls nehmen wir deren Grenzen war, als eine Veränderung, als Information.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis und wir müssen ernsthaft hinterfragen, was wir tatsächlich wahrnehmen und beobachten können. Wir hantieren leichtfertig mit Begriffen, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind, aber manchmal nur virtuelle Rechenwerte sind. Wir werden im Laufe unseres Lebens mit so vielen Begriffen und Zusammenhängen konfrontiert, dass es praktisch unmöglich ist, jeden einzelnen zu hinterfragen oder zu begründen.

Im übertragenen Sinn stellt Energie die Geschwindigkeit einer Wirkung dar, aber können wir uns darunter etwas vorstellen? Können wir uns etwas unter Lichtgeschwindigkeit vorstellen? Lichtgeschwindigkeit ist eine Informationsgeschwindigkeit und beruht auf einer Frequenz, auf der Frequenz einer Zustandsänderung. Diese Zustandsänderungsfrequenz ist endlich und ist die Grundlage menschlicher Beobachtung. Licht ist ein Teil des elektromagnetischen Spektrums und inzwischen hat der Mensch weite Teile dieses Spektrums für seine Beobachtungen erschlossen.

Aus der Physik wissen wir, dass die elektromagnetische Kraft im Bereich von 30 Zehnerpotenzen größer ist als die Gravitationskraft. Ich bezeichne die Grundelemente der Gravitation als Gravis und es wird sofort deutlich, dass wir Gravis elektromagnetisch nicht auflösen können. Die vorgenannte Planck-Zeit, die man vermutlich den Gravis zuordnen kann (tP ≈ 5 ⋅ 10-44 s), ist um ca. 20 Zehnerpotenzen kleiner als die derzeit kleinste elektromagnetisch messbare Zeit. Wir können Gravitation tatsächlich als Sekundäreffekt riesiger Massen wahrnehmen, aber nicht Gravis selbst beobachten, dafür reicht ein elektromagnetisches Auflösungsvermögen nicht aus.

Es besteht also ein Unterschied zwischen Wahrnehmung und Beobachtung, zwischen Wahrnehmbarkeit und Beobachtbarkeit. Dazu mag ein kleines virtuelles Gedankenexperiment hilfreich sein. Wenn die Informationsgeschwindigkeit unendlich (∞) wäre, wären gewissermaßen alle Informationen gleichzeitig überall und es gäbe weder Zeit noch Raum, Zeit und Raum wären überhaupt nicht definiert. Eine unendliche Informationsgeschwindigkeit wäre folglich nicht wahrnehmbar und natürlich auch nicht beobachtbar. Korreliert man eine unendliche Informationsgeschwindigkeit mit einer unendlichen Frequenz, dann entspricht das einer Zeit Null oder keiner Zeit, Zeit ist einfach nicht vorhanden. Das ist etwas völlig anderes als der aus der Physik bekannte Zeitpunkt Null, der den Anfang eines Ereignisses oder Prozesses darstellt.

Der Anfang der Zeit ist nicht der Zeitpunkt Null, sondern die Erscheinung oder Emergenz eines Ereignisses (Gravi), einer Information mit einer minimalen Lebensdauer der Planck-Zeit tP. Der Begriff Lebensdauer ist bereits ein Hinweis darauf, dass man Zeit als Zeitspanne betrachten muss und Ereignisse oder Informationen grundsätzlich eine endliche, eine begrenzte Lebensdauer besitzen. Eine Information entsteht und vergeht und wenn Informationen nicht vergessen sein wollen, müssen sie in irgendeiner Form reproduziert werden. Das führt dann zu einem allgemeinen Evolutionsprinzip, das später behandelt wird.

Zunächst ist nur wichtig, dass Wahrnehmung an Zeit gekoppelt ist und folglich eine nicht wahrnehmbare Energie zeitlos sein müsste. Das ist eine unbeweisbare Hypothese, die aber hilfreich sein kann beim Verständnis von Kosmos und Universum. Auf der einen Seite haben wir virtuelle Energie und auf der anderen Seite reale Wirkungen und Zeitspannen. Dann macht es Sinn, den realen Teil als Kosmos zu bezeichnen und die Gesamtheit von Realität und Virtualität als Universum. Dann ist in jedem Fall unser Wissen über das Universum unvollständig.

Zum besseren Verständnis kann man die Virtualität auch als Möglichkeiten, als den Raum der Möglichkeiten betrachten, im Gegensatz zu den real existierenden Tatsachen, dem Raum der Realitäten. Wir Menschen haben so viel Phantasie, dass wir uns einige Möglichkeiten vorstellen können, wissen aber nicht, ob und wenn ja, wann diese Möglichkeiten realisiert werden könnten. An dieser Stelle kollidieren Vorstellung und Wahrnehmung, Phantasie und Realität. Dieser Konflikt kann uns zum Wunschdenken verführen und verhindert in einigen Fällen die klare Trennung von virtueller Möglichkeit und realer Tatsache in unserem Kopf.

Das Bild in unserem Kopf ist ein riesiger Erfahrungsschatz, der sich sowohl aus eigenen Erlebnissen als auch denen anderer zusammensetzt. Wir sind also nicht alleine für unser Wissen verantwortlich, sondern auf die Mithilfe anderer angewiesen. Wir sind Herdentiere, die mit der Herde mitlaufen. In der Mitte der Herde ist es zwar am sichersten, aber ein Ausscheren fast unmöglich. Wenn man eigene Vorstellungen verwirklichen möchte, muss man sich am Rand der Herde aufhalten, aber nicht zu weit entfernt, um dennoch den Schutz der Herde in Anspruch nehmen zu können.

Auch unsere Phantasie ist von der Phantasie und dem Erfahrungsschatz anderer geprägt und da ist es praktisch unmöglich herauszufinden, ob es sich dabei um reale Erfahrungen oder virtuelle Phantasien handelt. Die Medien und die sozialen Medien zeigen täglich, wie schwer oder sogar unmöglich die Differenzierung zwischen news und fake news sein kann. Die Geschichte hat zuhauf gezeigt, wie Auseinandersetzungen und Kriege durch gezielte Falschmeldungen angestachelt wurden. Unsere Beobachtungen sind begrenzt durch das Auflösungsvermögen der Messmethode, dahinter beginnt das Reich der Phantasie und der Annahmen, des Glaubens und der Überzeugungen.

Wir sind auf die Meinungen anderer angewiesen und das Ganze entwickelt sich zu einem schier unentwirrbaren Knäuel von sich widersprechenden Ansichten. Früher half der feste Glaube an eine unverrückbare göttliche Wahrheit, heute wissen wir, dass es zu jeder Vorstellung auch eine komplementäre Vorstellung gibt und jeder Vorteil auch einen Nachteil mit sich bringt. Der Konflikt besteht darin, dass es immer mindestens zwei Möglichkeiten gibt, was umgangssprachlich mit sowohl...als auch beschrieben wird, in der Wirklichkeit aber nur eine Möglichkeit gleichzeitig realisiert werden kann, entweder...oder. Carl Friedrich von Weizsäcker hat das Dilemma der Komplementarität auf den Punkt gebracht: "Die Komplementarität besteht darin, dass sie nicht beide benutzt werden können, gleichwohl beide benutzt werden müssen." Wir können zwar nur eine Möglichkeit nutzen, müssen aber immer die Alternative im Auge behalten, wohl wissend, dass Handlungen irreversibel sind, man kann sie korrigieren, aber nicht annullieren.

In früheren Büchern habe ich den virtuellen Anteil des Universums als kreatives Nichts bezeichnet, um herauszustellen, dass der Raum der Möglichkeiten mehr ist als ein gewöhnliches Nichts. Vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht, für das kreative Nichts einen eigenständigen Namen zu kreieren: Virtu. Virtu repräsentiert dann den nicht wahrnehmbaren Teil des Universums und letzteres besteht dann aus den beiden Komplementaritäten, dem Kosmos und dem Virtu. Dieses Virtu ist zeit- und raumlos, Zeit und Raum sind Eigenschaften des Kosmos.

Es gehört zu meinen eigenen Phantasien, dass der Kosmos aus dem Virtu erwächst und auch in Teilen dem Virtu wieder zugeführt werden kann. Dafür stehen dann die Begriffe Emergenz und Recycling. Da das Virtu und damit auch das Universum für uns immer unvollständig sein wird, ist eine geschlossene Beschreibung des Universums nicht möglich und es bleibt nur ein evolutionärer und emergenter Ansatz.

Aus der Mathematik wissen wir, dass es keinen verständlichen Übergang vom Endlichen zum Unendlichen gibt, also die Emergenz von Gravis aus dem Virtu unerklärlich ist. Insofern kann und soll der Name Virtu durchaus als Fingerzeig auf eine unbekannte Gottheit verstanden sein, in dem Sinn, dass sie das Unerklärliche hervorhebt. So wie wir selbst keine Erinnerung an unsere eigene Geburt haben, so kann auch der Kosmos nichts über seine eigene Emergenz wissen. Wenn wir Kosmologie betreiben, können wir versuchen, dem Kosmos Informationen über seine Geschichte zu entlocken, aber er kann uns keine Daten preisgeben, die er selbst nicht kennt und kennen kann.

Die Emergenz von Gravis aus dem Virtu ist nichts anderes als eine Plausibilitätserklärung, aber sie erzeugt meines Wissens nach kein Paradoxon, setzt aber eine Komplementarität von Wahrnehmbarem und nicht Wahrnehmbarem voraus. Würden die Elemente des Virtu, nennen wir sie Virtus, mit einer unendlichen Frequenz zwischen Sein und Nichtsein oszillieren, dann wären letztlich beide Zustände gleichermaßen präsent, aber wie schon gesagt, ohne Zeit und Raum. Damit Zeit in Form einer endlichen Lebensspanne möglich wird, müssten Virtus eine minimale Trägheit bekommen. Diese minimale Trägheit, nennen wir sie mal Masse mmin, wäre dann für eine endliche Frequenz und die zugehörige Planck-Zeit verantwortlich und folglich eine Eigenschaft der Gravis.

Das ist eine unbeweisbare Annahme, steht aber in keinem Widerspruch zu der uns bekannten Gravitation, die auf einer Masse beruht, die zwei komplementäre Eigenschaften besitzt: gegenseitige Affinität und Trägheit. Die gegenseitige Affinität ist der Grund für die Massenanziehung und die Trägheit wirkt diesem Prozess entgegen. Wieder ist Komplementarität im Spiel und Einstein hatte einerseits recht, als er behauptete, dass schwere (affine) und träge Masse gleich seien, aber leider auch unrecht, weil er damit die Komplementarität wegwischte.

Komplementarität ist ein wesentlicher Bestandteil der Evolution, denn jeder Schritt (entweder...oder) erzwingt praktisch eine Reaktion, weil jeder Schritt die Ordnung stört, die das System wiederherzustellen versucht. Ein Gravi lässt sich sowohl als Information als auch als Informationsspeicher begreifen. Jede Zustandsänderung der Gravis von wahrnehmbar zu nicht wahrnehmbar und vice versa ist eine Information und bei einer größeren Menge Gravis sind wahrscheinlich genauso viele wahrnehmbar wie nicht wahrnehmbar. Die Zustandsänderung selbst lässt sich, wie schon gesagt, elektromagnetisch nicht auflösen.

Zuvor verwendete ich die Begriffe wahrnehmen und beobachten, die sehr ähnlich sind, aber doch unterschiedliche Bedeutung haben müssen, da eine Sprache sie sonst nicht generieren würde. Dass es sich um keine Eigenart einer spezifischen Sprache handelt, erkennt man daran, dass eine ähnliche Unterscheidung auch in anderen Sprachen existiert, im Englischen beispielsweise perceive und observe. Nach meinem eigenen Sprachverständnis ist Wahrnehmung etwas allgemeiner und Beobachtung eine fokussierte Wahrnehmung.

Allein dieses eher triviale Beispiel zeigt auf, wie wichtig es ist, die verwendeten Begriffe zu erklären und möglichst klar zu definieren. Bei Begriffen der Umgangssprache ist das sicherlich nicht immer notwendig und könnte den Kontext zerreißen, aber bei seltenen und erst jüngst kreierten Begriffen ist ein Glossar fast unverzichtbar. Leider sind einige Begriffe mehrdeutig (Polysemie) und da muss sofort klargestellt werden, welche Begrifflichkeit gerade zur Anwendung kommt.

Dieses Beispiel zeigt aber auch, wie halbwegs präzise die Beobachtung definiert ist und wie schwammig dagegen der Begriff der Wahrnehmung daherkommt. Auch bei der Beobachtung wird zwar nicht unterschieden, ob diese mit oder ohne technische Hilfsmittel durchgeführt wird, aber sie bringt zumindest das Auflösungsvermögen mit ins Spiel, das die Grenze der Beobachtbarkeit bestimmt. Wahrnehmung ist dagegen nicht einmal an Sinnesorgane gekoppelt, sondern kann auch eine gefühlte Wahrnehmung beschreiben.

Wenn man die Grenzen der Wahrnehmung betrachtet, verlässt man gesichertes wissenschaftliches Terrain. Ein ganz typisches Beispiel ist die Planck-Konstante, durch die die Quantenphysik begründet wurde. Um die Strahlung eines schwarzen Körpers mathematisch beschreiben zu können, musste Max Planck eine Hilfsgröße h einführen, das Planck’sche Wirkungsquantum. Wirkung darf demnach nur in ganzen Vielfachen dieser Größe h auftreten.

Interessant sind dabei die Schlussfolgerung daraus, dass es für unsere Beobachtungen eine kleinste Zeit tP geben müsste. Diese Zeit basiert vermutlich auf der sehr schwachen Gravitation und ist mit elektromagnetischen Messmethoden, die die Physik beherrschen, (bis jetzt) nicht auflösbar. Vermutlich werden dazu Messmethoden, die auf dem sehr viel stärkeren Elektromagnetismus (EM) beruhen, niemals in der Lage sein. Diese unbeweisbare Annahme beruht auf meiner auch unbeweisbaren Annahme, dass der EM viel später entstanden ist als die Gravitation. Dafür gibt es nur die Plausibilätserklärung, dass nachfolgende Kräfte stärker, aber lokaler sein müssen als vorangegangene. Wären sie nicht stärker, kämen sie nicht zur Geltung, hätten sie die gleiche Reichweite, würden sie die vorangegangene Kraft einfach überschreiben. Das heißt indirekt aber auch, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit der nachfolgenden Kraft geringer sein muss als die der vorangegangenen.

Physikalisch lassen sich Ausbreitungsgeschwindigkeiten nur durch zunehmende Trägheit verlangsamen, wobei Trägheit zunächst nichts anderes darstellt als das Vermögen, eine Bewegung oder eine Geschwindigkeit zu verlangsamen. Das ist eine ganz abstrakte Definition von Trägheit. Das würde aber auch bedeuten, dass eine Gravitationsgeschwindigkeit um etliche Zehnerpotenzen größer sein müsste als die elektromagnetische Lichtgeschwindigkeit. Auch diese Annahme ist jedenfalls zurzeit nicht nachweisbar, weil uns messtechnisch gar nicht die notwendigen Entfernungen und Apparate zur Verfügung stehen. Ein Anhaltspunkt könnte allerdings die Tatsache sein, dass die Planck-Zeit tP zu etwa 5 ⋅ 10-44 s berechnet wird, tatsächlich realisierte Zeiten aber ca. 20 Zehnerpotenzen darüber liegen.

Wir können zurzeit die Planck-Zeit nicht beobachten, aber die spannende Frage ist jedoch, ob wir sie wahrnehmen können. Diese Frage geht tatsächlich über die Physik hinaus. Obwohl wir eigentlich nichts über einzelne Gravis wissen, können wir dennoch einen Sekundäreffekt, die Anziehung riesiger Massen wahrnehmen. Obwohl wir die Planck-Zeit nicht messen können, nehmen wir dennoch Zeit wahr, eine gefühlte Zeit, die nicht unbedingt mit der Uhrzeit korreliert.

Was bedeutet dann das nicht Wahrnehmbare? Lässt sich schon die Planck-Zeit als nicht wahrnehmbar betrachten oder ist Zeit nur dann nicht wahrnehmbar, wenn sie gar nicht existiert, d.h. die Informationsgeschwindigkeit unendlich (∞) ist? In diesem Fall wären ja alle Informationen gleichzeitig überall und Zeit und Raum wären gar nicht definiert. Oder gibt es endliche Zeiten kleiner als die Planck-Zeit, die uns aber verborgen sind? Wir wissen nicht einmal, ob es überhaupt eine Gravitationsgeschwindigkeit gibt, die ja Einsteins Vorstellung der Lichtgeschwindigkeit widerspräche. Solange wir auf elektromagnetische Messmethoden angewiesen sind, lassen sich diese Fragen gar nicht eindeutig und abschließend klären. Wenn allerdings der EM eine Emergenz einer kosmischen Evolution ist, dann gab es auch schon einen Kosmos vor dem EM.

Wissenschaft und Erkenntnis

Prinzipiell beschreibt Wissenschaft unsere Beobachtungen in der Welt, nicht die Welt selbst. Wissenschaftliche Theorien sind (zumeist mathematisch formulierte) Annahmen, die überprüfbare Vorhersagen kreieren. Diese Überprüfung wird natürlich mit Hilfe einer wissenschaftlichen Beobachtung vollzogen. Damit schließt sich der Kreis, wissenschaftliche Anerkennung kann nur durch Beobachtung von Phänomenen erreicht werden.

Da das nicht Wahrnehmbarenicht wissenschaftlich beobachtbar ist, kann es im Rahmen einer wissenschaftlichen Theorie folglich auch nicht Beachtung finden. Das nicht Wahrnehmbare ist Teil der Erkenntnislehre, der Philosophie. An diesem Punkt stehe ich mit meiner Vorstellung über Energie vor einem Dilemma. Einerseits wäre Energie als reiner Rechenwert nicht wahrnehmbar und somit nicht Teil einer wissenschaftlichen Betrachtung, andererseits ist aber der Energiebegriff ein fester Bestandteil der Physik, also der Wissenschaft!

Virtuelle Energie ist aber tatsächlich die Ursache von Wirkung, von beobachtbarer Wirkung. Physikalische Konzepte basieren auf Energie, auf Energieerhaltung, weil erst diese Energieerhaltung tatsächlich eine mathematische Beschreibung unterstützt. Physikalische Gleichungen oder Gesetze basieren im Kern auf irgendwelchen Erhaltungsgrößen, auf der Möglichkeit, auch virtuelle Erhaltungsgrößen zu konzipieren, die man in ein Gesamtkonzept einbinden kann.

Am Beispiel der Energie wird deutlich, wie eine virtuelle Erhaltungsgröße zur Vorhersage realer und messbarer Wirkungen avanciert und letztlich als Begriff gar nicht mehr hinterfragt wird. Durch die Hintertür hat sich Energie als physikalische Größe etabliert, so erfolgreich, dass sie gar nicht mehr wegzudenken ist.

Als virtuelle Größe ist Energie zeit- und raumlos und damit auch im übertragenen Sinn grenzenlos, was wir in Sprache und Mathematik mit unendlich (∞) bezeichnen. Im erweiterten Sinn bedeutet unendlich aber auch unveränderlich, egal, ob wir etwas hinzufügen oder abziehen, unendlich bleibt unendlich. Eine virtuelle Größe ist somit unveränderlich und damit automatisch eine Erhaltungsgröße. Damit bekommt Energieerhaltung eine völlig neue Bewandtnis.

Wenn man Zeit ganz einfach nur als Maß der Veränderung betrachtet, dann wird sofort deutlich, dass die Unendlichkeit zeitlos sein muss. Zeit ist ein Merkmal von Systemen, die sich verändern, wobei es zunächst völlig irrelevant ist, ob sich das System als Ganzes verändert oder nur im Inneren.

Veränderungen, die wir wahrnehmen können, sind z.B. Wirkungen, die von Energie verursacht werden. Das in der Physik verwendete Ursache-Wirkung-Prinzip erscheint damit in einem völlig neuen Kontext, eine reale Wirkung muss nicht unbedingt eine reale Ursache haben, sondern kann auch auf einer virtuellen Ursache (Energie) beruhen.

Virtuelle Ursachen entziehen sich aber unserer Beobachtung und sind somit nicht überprüfbare Annahmen. Wir wissen nicht, was wir nicht wissen!