Verlag: Books on Demand Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

E-Reader (w tym Kindle) für EUR 1,- kaufen
Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 187

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Die recycelte Zeit - Günter Hiller

Zeit tritt im Kontext von zwei Überlegungen zu Tage, zum einen in der Evolution als endliche Lebensdauer von Strukturen, die sich folglich selbst reproduzieren müssen und zum anderen gekoppelt an Trägheit, die eine Bewegung verzögert. Ohne Trägheit gäbe es keine Geschwindigkeitsbegrenzung, Strukturen wären gleichzeitig überall. Träge Strukturen mit endlicher Lebensdauer sind die Keimzellen der Evolution. Jede dieser Keimzellen hat ihre eigene Zeit oder ihr eigenes Zeitspektrum. Vergangene Zeiten können als Erinnerungen gespeichert werden, aber auch Erinnerungen sind vergänglich, haben also eine begrenzte Lebensdauer. Wenn diese Strukturen in Schwarzen Löchern verschwinden, verschwindet mit ihnen auch ihre Zeit. Was passiert aber mit dieser Zeit? Dieser Frage widmet sich dieses Buch.

Meinungen über das E-Book Die recycelte Zeit - Günter Hiller

E-Book-Leseprobe Die recycelte Zeit - Günter Hiller

Inhalt

Einleitung

Ursache-Wirkungs-Prinzip

Evolutionsprinzip

Emergenzprinzip

Babuschka-Prinzip

Recycling-Prinzip

Komplementaritätsprinzip

Ein emergentes Universum

Die recycelte Zeit

Sein und Werden

Zeitlose Energie

Ausklang

Begriffserklärungen

Ein philosophischer Exkurs

Anhang

Nachlese

Glossar

Literatur

In zwanzig Jahren wirst du mehr von den Dingen

enttäuscht sein, die du nicht getan hast,

als von den Dingen, die du getan hast.

Also mach die Bugleinen los.

Segle heraus aus dem sicheren Hafen.

Mark Twain

1. Einleitung

Über Jahrhunderte wurde unsere Vorstellung des Universums durch die biblische Schöpfungsgeschichte oder eine ihr äquivalente Erzählung geprägt. Die Welt wurde von einem übermächtigen Gott (oder Göttern) erschaffen und dieses Mysterium der Schöpfung ist der Kern vieler Religionen, nur jeweils etwas unterschiedlich erzählt. Die Welt kann sich zwar verändern, aber nur in einem von diesem Gott vorgegebenen Rahmen.

Wissenschaften waren darauf bedacht, regelmäßig wiederkehrende Veränderungen aufzuspüren und eine Systematik dieser Veränderungen zu erkennen. Dieser Prozess mündete in der Erkennung von Erhaltungsgrößen und Erhaltungssätzen. Diese dienen gleichsam als Anker in einem zunächst turbulent erscheinenden Umfeld und erlangten eine ungeahnte Bedeutung, da sie als unveränderlich und gleichsam als von Gott gegeben erscheinen.

Erhaltungssätze laden dazu ein, als mathematische Gleichungen dargestellt zu werden. Die Sprache der Mathematik erscheint daher prädestiniert, die Beobachtungen in der Welt zu beschreiben. Obwohl Mathematik nur eine von Menschen erdachte Kunstwissenschaft ist, wird ihr gerne ein fast göttliches Flair zugesprochen.

Durch mein Studium der Experimentalphysik und meine langjährige Tätigkeit als Geophysiker in der Erdölindustrie bekommt man eine völlig veränderte Sicht der Dinge. Bei der Bestimmung und Einordnung der unterschiedlichen Schichten der Erdkruste sind mathematische Gleichungen denkbar ungeeignet, hilfreich ist einzig ein weitreichendes Verständnis der Evolution, die die Entstehung der Schichten erklären kann.

Abb. 1 Erdzeitalter

Mathematische Gleichungen sind ein probates Mittel, um schnell Näherungslösungen für spezifische Problemstellungen zu finden, aber weit davon entfernt, ein Verständnis der Natur zu generieren! Obwohl es sich bei der Erdkruste um sogenannte „tote“ Materie handelt, basiert die bisher einzige schlüssige Erklärung für die Erdrinde auf einem evolutionären Denkansatz. Da ein evolutionärer Ansatz bisher nur für „lebende“ Systeme oder Strukturen angewendet wurde, ist ein Umdenken zwangsläufig erforderlich.

Evolution basiert auf Reproduktion und damit einhergehenden Reproduktionsungenauigkeiten, Reproduktionsfehlern, die gemeinhin als Mutationen bezeichnet werden. Wenn man nach einer Begründung für die Notwendigkeit von Reproduktion sucht, stößt man sofort auf eine endliche Lebensdauer der betrachteten Strukturen. Strukturen mit einer endlichen Lebensdauer, die sich nicht selbst reproduzieren können, sterben aus!

Diese einfache Überlegung bietet eine neue, viel allgemeinere Definition von Leben, was schon in dem Terminus Lebensdauer enthalten ist: Leben ist all das, was eine endliche Lebensdauer hat, egal wie lang oder kurz diese ist. Mit dieser Definition gibt es tatsächlich gar keine tote Materie und damit muss auch die Physik neu gedacht werden!

Das erfordert aber auch eine Neuausrichtung des Evolutionsprinzips, das nur dann erfolgreich sein kann, wenn es so allgemein gefasst werden kann, dass es alle denkbaren Evolutionsformen beschreiben kann. Neben der biologischen Evolution ist inzwischen auch die kulturelle Evolution allgemein akzeptiert und Friedrich Cramer hat bereits in seinem Buch Der Zeitbaum dargelegt, dass sich diese beiden Evolutionsformen allein in ihrer Geschwindigkeit drastisch unterscheiden.

Gemäß seinen Ausführungen ist die kulturelle Evolution ca. eine Million Mal schneller als die biologische Evolution. Dieser Geschwindigkeitsunterschied macht einen Vergleich nicht einfach, kann aber im Fall einer Ähnlichkeit helfen, die langsame biologische Evolution besser zu verstehen und ein Licht auf eine physikalische Evolution werfen, die vermutlich um einen ähnlichen Faktor langsamer sein müsste als die biologische Evolution.

Die Langsamkeit der biologischen Evolution verhinderte ihre Entdeckung bis hinein ins 19. Jahrhundert und eine noch viel langsamere physikalische Evolution entzieht sich praktisch allen erdgebundenen Messverfahren, so dass Physiker gerne von ewigen Naturgesetzen sprechen. Wenn man allerdings bereit ist, einen evolutionären Ansatz für unser Universum in Betracht zu ziehen, verändert sich das Bild der Welt grundlegend.

Evolution zu Ende gedacht erfordert eine kontinuierliche Schöpfung und widerspricht damit eindeutig den vielen religiösen Schöpfungsmythen, die eine Einmal-Schöpfung propagieren. Schon vor Darwin entwickelte der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck zu Anfang des 19. Jahrhunderts sein Evolutionsmodell, das der biblischen Schöpfungsgeschichte radikal widersprach, und praktisch zeitgleich stellte der deutsche Mathematiker Carl Friedrich Gauß seine Normalverteilung vor, die den Schlüssel für statistische Betrachtungsweisen lieferte.

Die Gaußsche Normalverteilung begründete mehr oder weniger die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die in der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur vollen Entfaltung kam. Dennoch war der göttliche Schöpfungsgedanke in den Köpfen immer noch so präsent, dass das von dem wissenschaftlich gebildeten belgischen Priester Georges Lemaître postulierte Urknallmodell breiten Anklang fand.

Auf den ersten Blick ähnelt ein Urknall einer Einmal-Schöpfung, wie es die Genesis beschreibt. Grundlage dieses Postulats (1927) war eine bereits 1925 von Milton Humason nachgewiesene Rotverschiebung. Edwin Hubbles sehr viel genauere Messungen zur Rotverschiebung wurden 1929 durchgeführt, aber Hubble selbst sah darin keine Bestätigung für einen Urknall, sondern sah dafür ihm unbekannte Phänomene verantwortlich.

Da viele Physiker Energieerhaltung als Dogma betrachten und somit auf das ganze Universum, von dem sie gerade einmal einen Bruchteil wahrnehmen können, anwenden, muss eine andere Erklärung für die Rotverschiebung gefunden werden. Physiker machen dafür den Doppler-Effekt verantwortlich, der zwar für einzelne Sterne mit konstanter Leuchtkraft gültig ist, aber ganz sicher nicht für Galaxien, die eher eine statistische Verteilung von hunderten von Milliarden Sonnen mit begrenzter Lebensdauer darstellen!

Es ist dennoch erstaunlich, wie besessen Physiker den Urknall zu bestätigen versuchen, obwohl er auf zwei völlig unzureichenden Annahmen beruht. Energieerhaltung für das gesamte, größtenteils völlig unbekannte Universum zu fordern, ist mehr als arrogant und den Doppler-Effekt auf Galaxien anzuwenden ist schlichtweg falsch. Ohne Grundkenntnisse der Psychologie ist dieses Verhalten nicht zu verstehen.

Energieerhaltung hat sich zu einem physikalischen Dogma gesteigert. Von Nichts kommt Nichts und was nicht wahrnehmbar ist, lässt sich nicht beschreiben. Diese beiden Binsenweisheiten sind der Kern der physikalischen Lehre und lassen kaum Kreativität zu. Dabei ist letztlich jedes kleine oder große Unternehmen aus einem materiellen Nichts, aus einer innovativen Idee hervorgegangen. Nur interdisziplinäres Denken kann die Physik aus ihrer Sackgasse befreien!

Ein tiefes Verständnis der Evolution kann dabei hilfreich sein. Die grundlegende Maxime der Evolution lautet:

Evolution und Perfektion schließen einander aus!

Da sich unsere Welt entwickelt, vermutlich von uns beobachtbare Strukturen irgendwie entstanden sein müssen, vielleicht aus Strukturen, die von uns nicht wahrnehmbar sind, wird es Zeit, Physik neu zu denken. Wie will man einen Erhaltungssatz formulieren, wenn sich aus etwas nicht Wahrnehmbaren etwas Wahrnehmbares entwickelt? Wie lässt sich etwas nicht Wahrnehmbares, das aber wohl existieren kann, in unsere Überlegungen mit einbeziehen?

Der Schlüsselbegriff heißt Emergenz. Emergenz bezeichnet die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente, (von lateinisch emergere: Auftauchen, Herauskommen, Emporsteigen). Zum ersten Mal verwendet wurde das Wort von George Henry Lewes (1817 – 1878) im Zusammenhang mit der Erklärung von Bewusstsein. Als eine philosophische Kategorie herausgebildet haben den Begriff die englischen Philosophen Samuel Alexander (1859 – 1938) und Cowny Lloyd Morgan (1852 – 1936) in ihrer Theorie einer Emergent Evolution.

Den Begriff einer emergenten Evolution auch auf die Physik und unser Universum anzuwenden ist nach meinem Wissenstand neu und ungewöhnlich und entspricht und widerspricht gleichermaßen dem Wunsch vieler theoretischer Physiker, die nach einer mathematischen Theorie von Allem (theory of everything, TOE) suchen und streben.

2. Ursache-Wirkungs-Prinzip

Rationales menschliches Denken basiert auf einem Ursache-Wirkung-Prinzip. Eine bekannte Ursache ruft immer die gleiche Wirkung hervor, egal wann und wo diese Ursache auftritt. Darauf basieren physikalische Gesetze. Physikalische Experimente zeigen immer die gleichen Ergebnisse, solange die Randbedingungen identisch sind. Ob ein Experiment im 19. Jahrhundert von Thomas Alva Edison in Amerika oder im 20. Jahrhundert von dem Physikstudenten Günter Hiller in Europa ausgeführt wird, beeinflusst das Ergebnis in keiner Weise.

Diese Tatsache ist zwar beindruckend, sollte aber mit Vorsicht behandelt werden. Beide Orte befinden sich auf der Erde, auf einer kosmischen Skala praktisch nebeneinander. Auf einer kosmischen Zeitskala wurden beide Experimente innerhalb von einer Nanosekunde ausgeführt und die Ergebnisse stimmen innerhalb der Messgenauigkeit überein, die vielleicht in einem Bereich von < 0,2% angesiedelt ist. Jeder Experimentalphysiker weiß, dass er bei 5 Messungen 5 verschiedene Ergebnisse bekommt, einen Mittelwert bilden und die mögliche Fehlergröße abschätzen muss.

Für einen Experimentalphysiker ist praktisch die Fehlerrechnung der wichtigste Teil der Mathematik. In der Geophysik (s. Abb. 1) ist die Mathematik fast völlig außen vor. Im Mesozoikum beispielsweise erfolgt die Unterteilung in Kreide, Jura und Trias nicht nach irgendwelchen mathematischen Gleichungen, sondern nach den vorherrschenden Umweltbedingungen. Man hat gelernt, dass beispielsweise Kalkstein als Hinweis auf ehemalige Riffe und somit ein maritimes Umfeld gedeutet werden kann.

Diese und ähnliche Vermutungen basieren aber auf einer eindeutigen Umkehrbarkeit des Ursache-Wirkung-Prinzips. Allerdings kennt jeder das Paradox der nassen Straße. Wenn es regnet ist die Straße nass, aber eine nasse Straße kann auch andere Ursachen haben, Sprengwagen, Rohrbruch oder Reifbildung als Folge von Abkühlung. Ein Paradox ist immer ein Hinweis auf falsche, fragwürdige oder unzureichende Annahmen.

Schon dieses einfache Beispiel macht deutlich, wie wichtig Wahrscheinlichkeiten für die Erklärung von Ursachen und damit auch der Vergangenheit sind. Nur wenn die Wahrscheinlichkeit in allen Fällen 1 oder 100% ist, lässt sich die Vergangenheit eindeutig bestimmen. Wir können davon ausgehen, dass es nur eine Vergangenheit gegeben hat, wissen aber nicht welche! Daraus eine Multiversen-Theorie abzuleiten, ist zwar denkbar und möglich, aber wenig hilfreich.

Ein naheliegender Schluss ist eher, dass die Vergangenheit unscharf oder unbestimmt ist, genauso wie die Zukunft. Je weiter wir versuchen, in die Vergangenheit zu schauen, umso verschwommener und unschärfer wird das Bild, bis es sich letztlich völlig unserer Wahrnehmung entzieht. Schon der Bau der Pyramiden vor ca. 5000 Jahren stellt uns vor einige Rätsel, obwohl die alten Ägypter bereits über Schrift verfügten, die aber keine Hinweise darauf enthielt.

Noch weit spekulativer wird eine Erklärung des Übergangs vom Jura zur Kreide. Aus menschlicher Sicht vollzog sich dieser Übergang sicherlich langsam, aus kosmischer Sicht erscheint dieser Übergang vor ca. 195 Millionen Jahren fast als Sprung. Wenn man Zeit oder ihr Reziprok, die Frequenz als Wahrnehmung verstehen möchte, sollte man eine logarithmische Darstellung wählen.

Auf einer logarithmischen Skale geht die Zeit (Periode) von -∞ bis +∞ und die Frequenz entsprechend gegenläufig. Wählt man als Einheit der Zeit die Sekunde, die auch in etwa unserem Herzschlag ähnelt, dann entspricht beispielsweise der Wert -2 einer Zeit von 10-2 s, also einer hundertstel Sekunde und der Wert 5 einer Zeit von 105 s, also 100000 Sekunden, was etwas mehr als ein Tag (86.400 s) ist.

Diese logarithmische Skala von -∞ bis +∞ verdeutlicht zugleich viel besser die Grenzen unserer Wahrnehmung. Wenn die Zeiten zu klein sind, egal ob 10-20 oder 10-30 s, reicht unser technisches Auflösungsvermögen nicht mehr aus, Ereignisse zu differenzieren. Unser menschliches Auge nimmt schon Bildsequenzen von mehr als 20 Bildern pro Sekunde nicht mehr als Einzelbilder, sondern als Film war, daher die 50- oder 100 Hz-Technologie bei Fernsehern (Hz ist die Einheit der Frequenz, Hz steht für Hertz, Ereignisse pro Sekunde).

Ähnliches gilt natürlich auch für sehr lange Zeiträume. Wenn beispielsweise die Periode eines Ereignisses 1020 oder gar 1030 Sekunden dauert, ist eine Veränderung dieses Ereignisses für uns nicht messbar. Dazu reicht nicht einmal die gesamte Menschheitsgeschichte! Deshalb blieb auch die biologische Evolution so lange unentdeckt, ihre Änderungsgeschwindigkeit war so langsam.

Nur weil wir Menschen sehr hohe und sehr niedrige Frequenzen nicht wahrnehmen können, auch nicht mit immer weiter verbesserten technischen Hilfsmitteln, dürfen wir diese Frequenzen aber nicht generell ausschließen. Wir Menschen haben einen begrenzten Horizont (Frequenzhorizont) und sollten dem bei unseren Überlegungen Tribut zollen. Neue Technologien erweitern zwar unseren Horizont, aber es bleibt immer ein weißer Fleck an beiden Enden.

Diese Tatsache zusammen mit der Erkenntnis, dass die Vergangenheit nicht eindeutig ist, sollte uns eigentlich davon abhalten, irgendeine Altersbestimmung unseres Universums zu versuchen. Die biblische Genesis ist dabei keinen Deut besser oder schlechter als ein Urknallmodell. Beide Erklärungen basieren auf einer Eindeutigkeit, egal ob man die biblischen Generationen zurückverfolgt oder eine Rotverschiebung der Galaxien unsachgemäß mit einem Doppler-Effekt zu erklären versucht, die mit ehrlicher Wissenschaft nicht nachzuvollziehen ist.

Gerade ein logarithmisches Frequenzmodell eröffnet uns aber Chancen, Emergenz zu verstehen oder zumindest plausibel zu machen. Am einfachsten gelingt das, wenn man sich Strukturen als Synchronisationen vorstellt. Mein Lieblingsbeispiel ist ganz unphysikalisch eine Ola-Welle in einem Stadion. Eine Person steht auf und hebt die Arme, wenn sie es bei ihrem Nachbarn sieht. Die Bewegung jeder einzelnen Person ist kurz gegenüber der Dauer der Ola-Welle.

Die Ola-Welle in einem Olympiastadion lässt sich als Synchronisation von 70 oder 80 Tsd. Menschen verstehen und dieses synchronisierte Ereignis ist sehr viel langsamer als die Einzelbewegungen. Wählt man die Ereignisse gerade so aus, dass die Einzelereignisse so kurz sind, dass sie von uns Menschen nicht wahrgenommen werden können, wohl aber das synchronisierte Ereignis, hat man ein Beispiel für Emergenz.

Umgekehrt können sich aber auch mehrere langwellige Ereignisse, die für uns nicht wahrnehmbar sind, überlagern, Interferenzen und Oberwellen ausbilden und diesen Prozess immer weiter fortsetzen, bis schließlich Oberoberwellen entstehen, die für uns Menschen wahrnehmbar sind. Synchronisationen und Oberwellen sind einfache Beispiele für Emergenz.

Generell lässt sich feststellen, dass menschliche Beobachtung einschließlich technischer Hilfsmittel einen Horizont hat. Wir können und müssen zwischen dem Wahrnehmbaren und dem nicht Wahrnehmbaren unterscheiden, wobei diese Grenze durchaus nicht scharf und eindeutig ist.

Abb. 2 Sehtest

Wenn man den in Abb. 2 gezeigten Sehtest nach unten weiter fortführt, kommt man zunächst in den Bereich, wo die Symbole nicht mehr aufgelöst werden können und nur noch als Fleck wahrgenommen werden. Im Prinzip erscheinen uns diese Flecken als ununterscheidbar im Gegensatz zu den darüber liegenden Zeichen, die eindeutig identifizierbar sind.

Irgendwann sind dann nicht einmal mehr die Punkte zu erkennen, obwohl sie sogar noch eine Struktur haben. Dieser Bereich ist für uns Menschen nicht wahrnehmbar, sollte aber eine prinzipiell wahrnehmbare Struktur besitzen. In den nicht wahrnehmbaren Bereich gehört aber auch alles das, was tatsächlich keine Struktur hat und insofern als prinzipiell nicht wahrnehmbar eingestuft werden muss.

An unserer Wahrnehmung gemessen, ließe sich die Welt in zwei Hauptkategorien mit jeweils zwei Nebenkategorien einteilen:

1. wahrnehmbarer Bereich

1.1. unterscheidbar

1.2. ununterscheidbar

2. nicht wahrnehmbarer Bereich

2.1. strukturiert

2.2. unstrukturiert

Vielleicht ist es daher gar nicht verwunderlich, dass diese vier Kategorien auch in der Physik Verwendung finden, allerdings mit anderen Bezeichnungen:

1.1. Fermionen

1.2. Bosonen

2.1. Dunkle Materie

2.2. Dunkle Energie

Beide Betrachtungsweisen könnten als äquivalent betrachtet werden, jedoch wird bei der physikalischen Betrachtungsweise der gravierende Unterschied zwischen den beiden Hauptkategorien nicht deutlich. Der wahrnehmbare Bereich 1 ist in Folge des Horizonts ein begrenzter Bereich, der nicht wahrnehmbare Bereich 2 ist dagegen ein offenes System!

An dieser Stelle ist es von extremer Wichtigkeit, ein offenes System zu definieren. In der Physik wird ein offenes System häufig so definiert, wie man es auch bei Wikipedia findet: Ein hinsichtlich irgendeiner Kategorie offenes System ist ein System, das an den Schnittstellen zu seiner Umwelt eine Austauschbilanz hat, die in dieser Kategorie ungleich null sein kann.

Da diese Schnittstelle zur Umwelt eine irgendwie geartete Begrenzung darstellt, sollte dieses besser als offenes begrenztes System bezeichnet werden. Ein fundamental offenes System hat keine Schnittstelle, auch wenn das für uns Menschen unvorstellbar erscheint. Ein offenes System der Physiker ist ein Haus, bei dem die Fenster und Türen sperrangelweit offenstehen, bei einem fundamental offenen System gibt es gar kein Haus, keine Fenster und keine Türen!

Der tiefere Grund liegt darin, dass eine Schnittstelle in irgendeiner Form wahrnehmbar sein muss und dadurch wird die oben angedeutete Unterteilung noch etwas komplexer. Dann muss in jedem Fall das indirekt Wahrnehmbare als gesonderte Kategorie berücksichtigt werden. Interessanterweise lassen physikalische Beobachtungen den Schluss zu, dass es dunkle Materie und dunkle Energie geben muss, dass also scheinbar das nicht wahrnehmbare und das indirekt wahrnehmbare miteinander vermischen.

Berechnungen ergeben erstaunlicherweise, dass die dunkle Energie eigentlich unendlich groß sein sollte, was aber bei einem fundamental offenen System mit einer endlichen Energiedichte tatsächlich zutreffen würde. Da ein fundamental offenes System dem Urknallmodell widerspricht, versuchen theoretische Physiker mit aller Macht, die Endlichkeit der dunklen Energie zu bewerkstelligen.

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Abstecher in die Psychologie. Der Mensch ist ein Herdentier und wahrscheinlich das sozialste Tier bisher. Der Erfolg der Menschheit beruht im Wesentlichen auf seiner enormen Teamfähigkeit. Kein anderes Lebewesen auf der Erde ist in der Lage so große Gemeinschaften zu bilden wie der Mensch. Der Mensch ist in der Lage über abstrakte Geschichten Zusammenhalt zu finden, sich im Namen einer (abstrakten) Firma für diese einzusetzen (corporate identity), oder im Namen einer Religion Kriege zu führen.

Das Credo (lat. ich glaube) ist in allen Fällen eine mehr oder weniger überzeugende Geschichte, mit der sich die Gemeinschaft identifiziert. Der Glaube an diese Geschichte ist wie ein Mitgliedsausweis für diesen Club. Wenn man zu der Herde zugehören möchte, muss man den Mitgliedsausweis immer bei sich haben. Zweifel oder Kritik an der Herde kann zum Ausschluss aus der Herde und damit einhergehender Schutzlosigkeit führen.

Diese Schutzbedürftigkeit führt aber im Laufe der Entwicklung dazu, dass die Geschichten in den Hintergrund treten und vor allem die Größe der Herde zählt. Wichtiger als was man glaubt, ist wie viele daran glauben! Wenn so viele die Geschichte glauben, kann sie doch nicht falsch sein. Das, was die Menschheit erfolgreich gemacht hat, kann zu einem Bumerang werden. Wenn die Herde zu groß wird, wird sie zu träge und verliert ihre innovative Kraft.

Das ist eine typische Folge der Evolution: Zuviel des Guten ist schlecht! Wenn Mütter ihre Kinder behüten, ist das gut. Wenn sie aber die Kinder zu sehr behüten (overprotecting mamas), verbauen sie ihnen ihre Entwicklungschancen. Das richtige Maß ist immer entscheidend und das ist so schwer zu finden! Paracelsus drückte das so aus: Die Dosis ist das Gift. Evolution kennt kein richtig oder falsch, kein gut oder böse, keine Absolutheit, wie und wo auch immer. Evolution kennt nur mehr oder weniger vorteilhaft.

Evolution basiert auf Vielfalt, auf vielen unterschiedlichen Ansichten und Meinungen, auf einer guten Mischung. Alte Naturreligionen und auch polytheistische Religionen entsprachen dieser Erkenntnis. Eine der wichtigsten Gottheiten im alten Ägypten war die Göttin Maat. Maat steht als Wort für ein Prinzip, eine angemessene Übertragung des Begriffs ins Deutsche ist nicht möglich, da einzelne Wörter wie Gerechtigkeit, Weltordnung oder Wahrheit jeweils nur einen Teilaspekt wiedergeben.

Abb. 3 Maat

Diese Konzepte änderten sich grundlegend mit dem Aufkommen monotheistischer Religionen, in denen der eine und einzige Gott die absolute Wahrheit und das absolute Gute verkörpert. Schmackhaft gemacht wurde dieser Glaube mit dem Versprechen eines Paradieses im Jenseits nach dem Tod, natürlich gekoppelt an einen unerschütterlichen und bedingungslosen Glauben im Diesseits.

Heute würde man das als Gehirnwäsche bezeichnen, aber als Herdentier folgt man klaglos der Herde. Am faszinierendsten ist vielleicht die Metamorphose Jesus vom Wanderprediger zum Sohn Gottes. Jesus war mit Sicherheit eine charismatische Persönlichkeit, gebildet, weit gereist, in seiner Bergpredigt findet sich Konfuzius wieder, und mit den Problemen seiner Zeit, wie beispielsweise der Blutrache, vertraut.

Das Konzil von Nicäa wurde im Jahre 325 von Kaiser Konstantin I. einberufen, um nach der von ihm im Herbst 324 erlangten Alleinherrschaft die neu gewonnene Reichseinheit auch durch ein kirchliches Konzil für das gesamte Römische Reich mit seinem Namen und seiner Herrschaft zu verbinden. Das wichtigste Glaubensbekenntnis bestand in der Aussage, dass Jesus der Sohn eines Wesens mit dem Vater sei (Jesus ist wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen).

Im Jahr 380 erklärte Theodosios I. in einem Edikt, welches die Gesamtbevölkerung des Römischen Reiches ansprach, das Nicänische Christentum (d.h. das christliche Glaubensbekenntnis, wie es beim Konzil von Nicäa im Jahr 325 festgelegt worden war) zur Staatsreligion. Der Grund für das Konzil von Nicäa war der Anspruch Kaiser Konstantins I., dass der Begründer der zukünftigen römischen Staatsreligion mehr sein musste als ein einfacher Wanderprediger oder Prophet. Die weitere Geschichte ist dann schnell erzählt.

Erstaunlich ist eigentlich nur, dass dieser Mythos fast 2000 Jahre überdauern konnte und auch heute noch zum Kanon der katholischen Kirche gehört. Der Glaube ist nicht mehr so intensiv wie früher, aber die Geschichte ist einfach zu schön, um nicht wahr zu sein! Geschichten sind immer geprägt von individuellen Erfahrungen und Erinnerungen. Geschichten können niemals objektiv sein!

Um den Makel der Subjektivität abzustreifen, suchen Menschen nach einer Ersatz-Objektivität, die Yuval Noah Harari in seinen Büchern als Intersubjektivität bezeichnet. Wenn eine Geschichte von einer sehr großen Gemeinschaft akzeptiert wird, bekommt sie den Status einer Quasi-Objektivität, der gerade erwähnten Intersubjektivität. Letztlich fällt es schwer in manchen Fällen zwischen echter Objektivität und dieser Quasi-Objektivität zu unterscheiden.

Das Spannende an der Intersubjektivität ist dabei, dass die gefühlte Quasi-Objektivität mit der Größe der Gemeinschaft und mit wachsender Zustimmung zunimmt. Aus diesem Grund versucht jeder Einzelne diese Intersubjektivität zu verstärken, indem er gute Argumente für diese Geschichte beisteuert und mögliche Kritik unterbindet. So entstehen sich selbst erfüllende Prophezeiungen.

Wissenschaft hat(te) den Anspruch, objektiv zu sein und müsste daher auf Geschichten verzichten, aber die menschliche Kultur basiert auf Geschichten, auf tradierten Geschichten. Jede Veränderung beschreibt eine Geschichte und Evolution beschreibt Veränderungen. Evolution kann daher niemals objektiv beschrieben werden und Wissenschaften und Wissenschaftler sind daher bemüht, die Veränderungen auf objektive Tatsachen zurückzuführen.

Ob das überhaupt möglich ist, ist vermutlich nicht beweisbar und somit nicht nachweisbar. Dieses vermutlich lässt nun allerdings zwei Optionen offen, man kann weiterhin nach diesen objektiven Tatsachen am Grunde dieses Universums oder in Multiversen suchen oder man verzichtet auf diese imaginäre Objektivität und wählt einen evolutionären Ansatz, der keine Objektivität voraussetzt.

Dann verzichtet man allerdings auf eine Theorie von Allem (TOE) und muss sich mit Prinzipien begnügen, die zwar allgemein gültig sein können, denen aber spezifische Genauigkeiten fremd sind. Ein so formuliertes Evolutionsprinzip widerspricht allerdings einer monotheistischen Sichtweise, die nur eine Wahrheit und eine Vergangenheit kennt und kennen darf.

Evolutionäres Denken basiert auf der einfachen Prämisse, dass das Ursache-Wirkung-Prinzip nicht eindeutig umkehrbar ist, eine bestimmte Wirkung durchaus unterschiedliche Ursachen haben könnte und damit die Vergangenheit unbestimmt ist. Diese Unbestimmtheit nimmt zu, je weiter wir in die Vergangenheit blicken, so lange bis die Vergangenheit ganz verschwimmt, völlig unkenntlich ist.

Man kann nur hoffen, dass ein vernünftig gewähltes allgemeines Evolutionsprinzip auch dort gültig ist, wo die Vergangenheit gar nicht mehr klar erkennbar ist. Das ist zwar Wunschdenken, aber die einzige reale Hoffnung, die man bei einer evolutionären Betrachtungsweise haben kann.

3. Evolutionsprinzip

Abb. 4 Allgemeines Evolutionsprinzip

Evolution basiert auf einer endlichen Lebensdauer seiner Entitäten oder Strukturen. Diese endliche Lebensdauer erfordert für den Erhalt des Systems eine Reproduktion der Strukturen, da ansonsten dieses System aussterben würde. Diese Lebensdauer setzt bereits eine Form von Zeit oder Dauer voraus, in dem Fall sogar eine ganz spezifische Zeit, die nur für diese Struktur zutrifft.