Die Vagabundin - Astrid Fritz - E-Book
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Astrid Fritz

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Beschreibung

Eva wächst in Passau bei ihrem Stiefvater auf. Er ist ein Tunichtgut, der das wenige Geld, das er verdient, in der Schenke versäuft. Als er sich an Eva heranmacht, flüchtet sie gemeinsam mit ihrem Bruder aus der Stadt. Nun beginnt für die beiden ein gefährliches Wanderleben durch Niederbayern, über Straubing und Regensburg bis ins schwäbische Nördlingen. Am Anfang schlagen sie sich mit Vorsingen und Gelegenheitsarbeiten durch. Später, als Eva ihren Bruder bei ihrem Oheim zurücklässt, verkleidet sie sich, um sich selbst zu schützen, als Mann und arbeitet mit gefälschten Papieren als Wanderschneider. Ihr Traum: eine eigene Schneiderwerkstatt im liberalen Straßburg. Aber kann ihr Gespinst aus Lügen und Täuschungen unentdeckt bleiben?

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Seitenzahl: 654

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Astrid Fritz

Die Vagabundin

Historischer Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Eva wächst in Passau bei ihrem Stiefvater auf. Er ist ein Tunichtgut, der das wenige Geld, das er verdient, in der Schenke versäuft. Als er sich an Eva heranmacht, flüchtet sie gemeinsam mit ihrem Bruder aus der Stadt. Nun beginnt für die beiden ein gefährliches Wanderleben durch Niederbayern, über Straubing und Regensburg bis ins schwäbische Nördlingen. Am Anfang schlagen sie sich mit Vorsingen und Gelegenheitsarbeiten durch. Später, als Eva ihren Bruder bei ihrem Oheim zurücklässt, verkleidet sie sich, um sich selbst zu schützen, als Mann und arbeitet mit gefälschten Papieren als Wanderschneider. Ihr Traum: eine eigene Schneiderwerkstatt im liberalen Straßburg. Aber kann ihr Gespinst aus Lügen und Täuschungen unentdeckt bleiben?

Vita

Astrid Fritz studierte Germanistik und Romanistik in München, Avignon und Freiburg. Mit ihrer Familie zog sie anschließend für mehrere Jahre nach Chile. Ihr erster Roman, «Die Hexe von Freiburg», wurde zum Bestseller; der Bayerische Rundfunk urteilte: «Ein absolut gelungenes Roman-Debüt. Einfühlsam, spannend, traurig bis zur letzten Seite.» Die Folgeromane «Die Tochter der Hexe», «Die Gauklerin», «Der Ruf des Kondors» und «Das Mädchen und die Herzogin» waren ebenfalls große Erfolge. Heute lebt Astrid Fritz in der Nähe von Stuttgart.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2009

Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Coverabbildung The Gallery Collection/Corbis; National Gallery London; neuebildanstalt/Pufal

ISBN 978-3-644-30001-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Prolog

Freie Reichsstadt Nördlingen im Ries, im September 1565

«Hier, Adam. Hab ich dir mitgebracht. Zur Stärkung.»

Der Wärter reichte ihr eine dicke Scheibe Hartkäse. Dabei sah er die Gefangene, die er weiterhin hartnäckig Adam nannte, in einer Mischung aus Mitleid und unverhohlener Neugier an.

In schlaftrunkener Verwirrung richtete sich Eva auf. Sie hatte geträumt. Hatte geträumt, dass sie nicht auf die übliche Weise sterben würde: nicht im Kindbett, nicht am Aussatz oder Antoniusfeuer, nicht vor Altersschwäche. Vielmehr durch den raschen Schnitt eines blanken, kalten Stahls an einem Wintertag, hoch über den Köpfen einer Menschenmenge.

Erstaunlicherweise hatte dieser Traum etwas Tröstliches gehabt, denn nach der Kälte des Schwerts hatten Wärme und Licht sie umfangen, und ein Gefühl von Heimat und eine nie gekannte Ruhe waren in ihr aufgestiegen.

Nur: Musste ihr Ende sich wirklich so bald vollziehen? Hier, in dieser fremden Messe- und Handelsstadt? So vieles von der Welt hatte sie doch noch sehen wollen, so vieles erleben – viel zu früh war es für den Tod, wenn man die Liebe eben erst kennengelernt hatte, viel zu bald, wenn man erst achtzehn Jahre zählte. Oder auch neunzehn, so genau wusste Eva Barbiererin aus dem böhmischen Glatz, die gefangen im Ratsgefängnis zu Nördlingen saß und auf ihr Urteil wartete, es selbst nicht.

Teil 1Die Flucht

Frühjahr 1561–Frühjahr 1563

1

Wenn Eva an ihre Kindheit zurückdachte, hatte sie vor allem zwei Bilder vor Augen: zum einen die immer kränkelnde Mutter, wie sie mit geschlossenen Augen im Elternbett lag, bleich wie die Wachsglieder, die in der 14-Nothelfer-Kapelle von der Decke hingen, und zum anderen die wundersame Wiedererweckung ihres toten Schwesterchens. Das war am Ende ihrer Glatzer Zeit gewesen, an einem Sonntag auf Johannis den Täufer. Nach einer qualvoll langen Geburt war der kleine Wurm endlich zur Welt gekommen, nur um sie wenige Atemzüge später wieder zu verlassen. Starr vor Schreck waren sie um das Wochenbett gestanden, ihre Geschwister, ihr Stiefvater, die Familie ihrer Mutter, Dutzende neugieriger Nachbarn: Wussten sie doch alle, dass ein Mensch erst mit dem Sakrament der Taufe vor möglicher Verdammnis geschützt war. Da hatte die alte Wehmutter das reglose Kind genommen, in ein Tuch gepackt und mit durchdringender Stimme erst die Mutter Gottes, dann den heiligen Christophorus, Josef von Nazareth, Johannes den Täufer, den heiligen Nikolaus und wen noch alles angerufen, bis schließlich alle Umstehenden eingestimmt hatten in ihr Flehen und Jammern und Beten. Immer wieder hatte die Alte dem Kind über Augen und Stirn gestrichen, bis es doch wahrhaftig wieder die Augen öffnete, die kleine Brust hob und jeder in der Kammer das Wimmern vernehmen konnte. Rasch war die Taufkerze entzündet und die Nottaufe verrichtet, dann durfte das Kind endlich in Frieden sterben. Von da an suchten Frauen und junge Mädchen scharenweise die Grabstelle der kleinen Maria auf, ob ihrer wundersamen Wiedererweckung, was sich erst verlor, als die Hebamme in der Umgebung weitere Totgeborene scheinbar ins Leben zurückrief und schließlich wegen Betrug und Kindstötung auf dem Scheiterhaufen landete.

Ihre Mutter hatte diese schwere Geburt und den Verlust ihrer Jüngsten wohl nie verwunden. Hatten sonst allein ihr Wille und die Liebe zu ihren vier Kindern sie nach jedem Schwächeanfall wieder auf die Beine gebracht, so schien ihr Vorrat an Kraft hiermit endgültig erschöpft: Für den Rest des Jahres blieb sie liegen, um am Weihnachtstag endgültig die Augen zu schließen. Da war Eva gerade elf Jahre alt geworden und ihre Kindheit zu Ende.

Eine Zeitlang hatten sie noch von Mutters kleinem Erbe, das sie als Tochter einer angesehenen Handwerkerfamilie eisern zusammengehalten hatte, leben können, ihr Stiefvater, sie und ihre Geschwister Adam, Josefina und der kleine Niklas, das einzige leibliche Kind von Evas zweitem Vater. Dessen Badstube hatte nie viel abgeworfen, schon immer war das meiste für seine Spiel- und Wettschulden draufgegangen. Ohnehin hatten die Glatzer Bürger nie verstanden, warum Evas Mutter nach einjähriger Witwenschaft diesen Tunichtgut und obendrein viel zu alten Gallus Barbierer geheiratet hatte, für den Eva, seit sie denken konnte, einen unbestimmten Ekel empfand und dessen Namen sie nun tragen musste. An ihren leiblichen Vater konnte sie sich nicht mehr erinnern. Drei oder vier Jahre war sie bei seinem Tod gewesen, doch in ihrer Vorstellung sah sie ihn als stolzen, aufrechten Mann in spitzenbesetzten Gewändern. Schneidermeister war Hans Portner gewesen und so geschickt in seinem Handwerk, dass man ihn am Ende sogar an den Grafenhof berufen hatte.

«Was hätt ich denn tun sollen mit drei kleinen Kindern?», hatte Eva ihre Mutter oft seufzen hören, wenn wieder eine Nachbarin über ihren Stiefvater vom Leder zog und prophezeite, dass er noch den ganzen Hausstand zugrunde richten würde. Tatsächlich war es noch schlimmer gekommen: Gerade mal ein gutes Jahr nach Mutters Tod war Gallus Barbierer vor den Rat der Stadt zitiert worden, und bald ging es durch die Gassen wie ein Lauffeuer: Dieser Schandbube habe in seiner Badstube ein heimliches Hurenhaus betrieben! So ganz verstanden hatte Eva die Aufregung damals nicht, schließlich hatte sie mit eigenen Augen die vielen erlauchten Herren in schwarzer Schaube und Silberbehang, einige Geistliche sogar, mit leuchtendem Blick und geröteten Wangen dort ein und aus gehen sehen, und sie hatte bei sich gedacht, dass es um ihr Ansehen wieder besser stünde bei so viel vornehmer Kundschaft in ihrem kleinen Badhaus.

Stattdessen war Gallus Barbierer auf eine Woche bei Wasser und Brot in den Turm gesperrt worden, um anschließend samt seinen Kindern aus der Stadt gejagt zu werden.

Dies alles lag nun schon über ein Jahr zurück. Monatelang waren sie damals durch die Lande geirrt, fast immer zu Fuß, der kleine Niklas auf den Schultern des starken, großen Adam, Eva selbst festgeklammert an der Hand der ein Jahr älteren Schwester, ihr Vater schließlich mit dem Handkarren, der das Wenige beförderte, was man ihnen gelassen hatte. Nur selten hatten mitleidige Fuhrleute sie aufsteigen lassen. Trotz Blasen an den Füßen ging es immer weiter über mal staubtrockene, mal tief verschlammte Landstraßen, und Eva lernte erstmals brennenden Durst und quälenden Hunger kennen. Schon immer hatten die Geschwister zusammengehalten gegen den Stiefvater, diese endlosen Wochen indes machten sie zu einer verschworenen Gemeinschaft. Einmal des Nachts, als sie zitternd um ein Lagerfeuer kauerten und ihr Vater unterwegs war, um in einer Schäferhütte nach Essensresten zu suchen, hatten sie sich feierlich gelobt, einander nie zu verlassen.

Schließlich waren sie über Ölmütz und Brünn, wo Wegelagerer ihren Karren geraubt hatten, nach Wien gekommen. Die Habsburgerstadt hatte ihr Ziel sein sollen, doch man verwehrte ihnen den Einlass. «Scheißkerle!», hatte der Stiefvater gebrüllt, «verdammtes Schelmenpack!», und dreimal gegen das Torhaus gespuckt. «Dann eben nach Passau, zu meinem Vetter.»

Sein Einfall war es auch gewesen, sich bei Einbruch der Dunkelheit auf einen Zug aus vier langgestreckten Frachtbooten zu schleichen, die am Donauufer vertäut lagen. Allerdings dauerte ihre Schiffsreise nur einen Tag, denn schon am nächsten Abend wurden sie entdeckt, und der Bootsführer warf sie in Ufernähe der Reihe nach über Bord. Nur mit Mühe erreichten Eva und Josefina das Ufer, wo ihr Stiefvater bereits mit eisiger Miene wartete, und wäre Adam nicht gewesen – der kleine Niklas wäre jämmerlich ersoffen.

«Was bist du nur für ein Mensch!» Voller Verachtung hatte Adam die Augen zusammengekniffen. «Deinen einzigen leiblichen Sohn hättst ertrinken lassen!»

«Halt dein dreckiges Maul und lass mich in Ruh!»

Da hatte Adam die Hand gegen den Älteren erhoben und ihm ins Gesicht geschlagen. Und der hatte sich nicht einmal gewehrt, ihn nur mit blödem Ausdruck angestiert. Nie würde Eva diesen Anblick vergessen!

Im Spätherbst endlich waren sie hier, im altehrwürdigen Fürstbistum Passau, gelandet. Womit keiner der Geschwister gerechnet hatte: Gallus Barbierer fand umgehend eine Anstellung. Durch die Vermittlung seines Vetters, eines dickwanstigen alten Nachtwächters, hatte er schon bald seine Dienste als städtischer Büttel antreten dürfen. Eva wusste, als Häscher, als Blutscherge stand ihr Stiefvater nun nahezu auf einer Stufe mit Henker und Abdecker, und auch an seinen Kindern würde nun auf immer der Makel der Unehrlichkeit haften. Was aber weitaus schmerzhafter war: Kaum hatten sie sich einigermaßen in Passau eingerichtet, hatte Adam ihnen verkündet, dass er fortmüsse. Nach Straßburg wolle er, wo selbst Burschen wie er, ohne Vermögen und Rang, an Burse und Fakultät unterkämen. Heimlich und unter Tränen hatte er sich verabschiedet, und Eva war vor Wut und Enttäuschung mit den Fäusten auf ihn losgegangen. Ihr geliebter Bruder, den sie so bewundert hatte, der so stark und klug war, dass er es sogar geschafft hatte, ihr das Lesen und Schreiben beizubringen – ihr Adam brach den Eid und ließ sie alle schmählich im Stich. Dieser Schmerz brannte fast schlimmer als damals der Tod ihrer Mutter, denn das hier war nicht nur endgültiger Abschied, sondern auch Verrat.

 

«Wenn du gewinnst, trag ich dich huckepack nach Haus!»

Eva stieß ihren kleinen Bruder in die Seite, dann rannten sie beide gleichzeitig los. Immer wieder fiel Niklas auf diesen Trick herein, wenn er den weiten Weg von den Uferwiesen nach Hause nicht laufen wollte. Und wie immer ließ sie ihn, kurz vor dem Severinstor, gewinnen. Von dort trug sie ihn dann das restliche Stück durch die Gassen der Innstadt auf dem Rücken, wie versprochen.

Vor dem Haus des Torwächters rannten sie mitten in einen Menschenauflauf. Ohne zu überlegen, nutzte Eva die Gunst der Stunde und prallte mit voller Wucht gegen einen dickleibigen Herrn, einen Trödler augenscheinlich, der seine Geldkatze allzu offenherzig am Gürtel trug. Der Dicke taumelte, Eva hielt ihn einen Moment lang fest und sah ihn dabei entschuldigend an.

«Verzeiht vielmals, werter Herr, aber mein kleiner Bruder ist mir auf und davon. – Saubazi! Bleibst du wohl stehen!»

«Kinderpack!», knurrte der Mann nur, dann lauter zum Torhüter: «Kann ich meine Ware jetzt endlich in die Stadt bringen?»

Eva lief um den Krämerkarren herum und ergriff ihren Bruder beim Arm. Dabei bückte sie sich mit einem überraschten Aufschrei.

«Habt Ihr das verloren?»

Sie reichte dem Mann die Geldkatze. Dabei lächelte sie treuherzig.

«Sapperment! Das ist in der Tat meine.» Seine Miene wurde freundlich. «Hab vielen Dank, Mädchen. So ehrliche Kinder findet man selten in diesen Zeiten.»

Rasch packte er den Schatz weg, ohne auf Evas erwartungsvollen Blick zu reagieren, hob die Deichsel seines Karrens an und marschierte durch das Tor.

«Alter Geizhals», murmelte Eva enttäuscht. Immer seltener erhielt sie einen Obolus, wenn sie die unbemerkt geklauten Geldbeutel zurückgab. Sie musste sich etwas anderes einfallen lassen.

«Hast du das Tuch mit dem Löwenzahn?», wandte sie sich an Niklas. Dem blieb der Mund offen stehen.

«Ich hab’s am Inn liegen gelassen.»

«Du Dummkopf!»

Die Ausbeute eines ganzen Morgens war dahin und ein gutes Stück Leintuch dazu! Jetzt im Frühjahr gaben die Felder noch nichts her, was man hätte stibitzen können, und so pflückten sie täglich nach dem Morgenessen draußen vor den Toren der Stadt Löwenzahn und allerlei Kräuter, damit überhaupt etwas Frisches auf den Tisch kam.

Niklas zog die Nase hoch, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er gleich zu weinen beginnen würde.

«Sollen wir zurück?»

«Das geht nicht. Die Hoblerin wartet. Und jetzt heul nicht und komm.»

Es tat ihr vor allem für ihren kleinen Bruder leid, dass sie in ihrer neuen Heimat, dieser Handwerkervorstadt vor der alten Brücke hinüber nach Passau, lebten wie die Junker von Habenichts, und das trotz ihres Vaters Anstellung als Büttel. Niklas war viel zu mager und klein für seine acht Jahre, was die anderen Gassenbuben weidlich ausnutzten, und auch sie selbst musste oft genug hungrig schlafen gehen. Dabei tat sie alles, um zum Unterhalt beizutragen: Neben der täglichen Hausarbeit wie Kochen und Putzen, Nachttöpfe-Leeren und Strohmatten-Wenden, Wäscheflicken und Töpfeschrubben bot sie überall in der Nachbarschaft ihre Dienste an. So schleppte sie Wasser und Holz für die alte Hoblerin von gegenüber, klaubte Pferdeäpfel aus dem Straßendreck, um sie gegen einen Kanten Brot einzutauschen, oder verrichtete Botengänge. Letzteres liebte sie fast ebenso sehr wie ihren morgendlichen Gang durch die Wiesen, denn es führte sie heraus aus der engen, stinkenden Vorstadt am Inn, mal über den Fluss in die Bischofsstadt, mal in die Fischersiedlung an der Ilz oder in den Marktflecken Hals mit seiner malerischen Burg. Hin und wieder, an sonnigen Tagen, nahm sie sich die Freiheit und wanderte nach ihren Botengängen hinauf in die grünen Hügel, bis zu einer einsamen kleinen Lichtung – ihrer Lichtung. Hier saß sie und sah aus luftiger Höhe auf die alte Residenzstadt herab, die wie ein Schiffsbug in den Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz ragte, in diese Ströme aus bunten Wassern: Blau floss die Donau dahin, smaragdfarbenes Grün brachte der Inn aus den Alpen, moorschwarzes Wasser die Ilz. Oftmals fühlte sie sich bei diesem Anblick so leicht und froh, dass sie lauthals zu singen begann.

Abends dann, wenn ihr Stiefvater eine Schenke nach der anderen aufsuchte, angeblich, um dort seiner hehren Aufgabe als Rüger in städtischen Diensten, als Hüter von Sittlichkeit und Ordnung nachzukommen, ging ihre Arbeit weiter. Nachdem sie Niklas zu Bett gebracht und noch ein, zwei Abendlieder mit ihm gesungen hatte, machte sie sich an die Küche, bis das Wenige, was sie besaßen, blitzte und blinkte. Oder sie besserte ihre abgetragene Kleidung aus. Manchmal klopfte in diesen Augenblicken die Hoblerin an die Tür, wohl wissend, dass sie allein war, und brachte ein Stück Käse oder einen Krug Milch vorbei.

«Damit euch nicht vor Hunger der Nachtmahr erscheint», sagte sie jedes Mal, bevor sie wieder davonschlurfte. Die alte Witwe war die Einzige hier, die ihnen nicht gleichgültig oder gar abfällig begegnete. Dabei hatte sie es selbst nicht leicht mit ihrem geringen Auskommen und den vielen Gebrechen und Zipperlein.

«Eva?»

Sie schrak aus ihren Gedanken. Niklas hielt ihre Hand fest. «Bist du mir noch böse?»

«Nein, mein Igelchen.» Sie strich ihm über die blonden Haarstoppel. «Außerdem ist heut Viktualienmarkt, und da lässt sich noch viel Besseres auftreiben als irgendwelche Kräuter, wirst sehen.»

Kurz darauf standen sie vor ihrem Haus in der Löwengrube, einem einfachen Handwerkerviertel mit ungepflasterten Gassen und stinkenden Abortgruben an jeder Ecke. Schief und schmal, eingeklemmt zwischen einer Schmiede und dem dreistöckigen Haus eines Rotgerbers, schien das verwitterte Holzhäuschen nur durch die beiden Nachbargebäude am Umfallen gehindert. Wie die ärmlichsten Häusler auf dem Dorf lebten sie hier: Im Erdgeschoss befand sich ein einziger Raum, der als Wohnstube und im hinteren Bereich, zum Hof hin, als Küche diente, Vaters Schlafecke hatten sie mit einem Vorhang abgetrennt. Die Böden waren aus festgestampftem Lehm, die Fenster klein und unverglast, und im Winter, wenn die Holzläden geschlossen waren, erstickten sie schier im Rauch und in den eigenen Ausdünstungen.

Neben der Tür zum Hof führte eine steile Stiege nach oben auf die Bühne. Dort, zwischen Gerümpel, in dem des Nachts die Mäuse rumorten, schliefen auf einer breiten Strohmatte Eva und Niklas – und bis vor zwei Monaten auch Josefina. Wenn Eva an ihre Schwester dachte, nagte fast so etwas wie Neid an ihr. Um wie vieles besser hatte Josefina es doch getroffen! Sie hatte ein Glück, das Eva wohl nie vergönnt sein würde: Sie wohnte tatsächlich drüben in der stolzen, alten Bischofsstadt, wo die berühmten Passauer Gold- und Klingenschmiede ihre Werkstätten und die Handelsherren ihre prachtvollen Häuser hatten. Ebendort, am Residenzplatz, hatte Josefina ganz plötzlich eine Stellung als Dienstmagd gefunden, mit vier Gulden auf Walpurgis, vier auf Michaelis. Keiner hatte damit gerechnet, dass sie so schnell außer Haus gehen würde – und vor allem eine Anstellung finden würde. Aber ein Mädchen wie Josefina nahm man gerne zu sich, schön und gut gewachsen, wie sie war, mit ihrem blonden, dichten Haar, den hellblauen Augen und dem runden Mund mit feingezeichneten, vollen Lippen. Obendrein hatte Josefina ein freundliches Wesen, und fix im Denken war sie auch.

Eva machte sich nichts vor: Gegen ihre Schwester wirkte sie selbst wie ein ungelenker Knabe. Ihr Körper hatte so gar nichts von den anmutigen Rundungen eines Weibes, viel zu eckig war alles, zu schmal die Hüften, und ihr Busen, der vor einem Jahr zu wachsen begonnen hatte, würde wohl auf ewig so klein und mickrig bleiben. Die Statur hatte sie von ihrer Mutter geerbt, und auch die dunkelbraunen Haare, deren Krauslocken sich in alle Richtungen bogen, und das schmale Gesicht. Das einzig Besondere an ihr waren vielleicht die tiefblauen Augen, die in auffallendem Gegensatz zu ihrem dunklen Haar standen.

Und dann – ihr Name! Noch allzu gut erinnerte sie sich an die wortgewaltige Predigt des Pfarrers in ihren letzten Tagen in Glatz: Wie hatte der über die Sünde der Wollust gegiftet und vor der Gefährdung des Mannes durch das Weib gewarnt! Mit Eva sei die Todsünde in die Welt gekommen, mit Eva als erster Sünderin und Betrügerin am Mann. Allein deshalb müsse die Frau dem Manne untertan sein, sich von ihm leiten lassen und auf immer ihre Zunge hüten, müsse als Sühne die Schmerzen im Kindbett ertragen. Immer mehr war Eva bei diesem geistlichen Donnerwetter in sich zusammengesunken. Da war es ihr wenig Trost gewesen, zu hören, dass immerhin auch dem Weibe eine unsterbliche Seele zugestanden wurde, die Erlösung erlangen könne, sofern sich die Frau von ganzem Herzen in Tugend übe.

Inzwischen fragte sie sich, ob ihre Schwester damals dieser Predigt mit derselben Angst gelauscht hatte – jetzt, wo Josefina zu einer jungen Frau geworden war, glich sie dem Bild der ersten Frau auf Erden immer mehr.

Eva zog die knarrende Tür hinter sich zu und gab Niklas einen Klaps: «Zur Strafe hilfst mir jetzt beim Aufräumen. Und dann gehn wir auf den Markt.»

 

An diesem Abend erschien ihr Vater überraschend gut gelaunt zum Essen. Sogar ein Lächeln zeigte sich auf dem sonst so vergrätzten Gesicht, als er den Kräuterduft von Evas Gemüsesuppe roch. Da fiel es ihr ein: Es war Samstag, Lohntag.

«Hier, für die Einkäufe.»

Schwungvoll warf er eine Handvoll Münzen auf den Tisch. Eva verzog das Gesicht. Für die zehn Kreuzer bekam sie nicht mal ein Vierpfünderbrot. Und eines war so sicher wie das Amen in der Kirche: Heute würde er die halbe Nacht in der Schenke bleiben und dabei den Großteil des Verdienstes gleich wieder versaufen und verspielen. Dennoch schwieg sie. Sie wollte sich den Tag nicht verderben, der sich mit dem Bauernmarkt noch als ein wahrer Segen erwiesen hatte. Sie und Niklas waren genau zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle gewesen, als ein Eselskarren einen Schragentisch umriss und der Gemüseberg auf das schmutzige Pflaster polterte. Zumindest für die nächsten Tage war ihr Vorratsregal nun gut bestückt. Außerdem freute sie sich auf den Sonntag, wo sie Josefina wiedersehen würde, die jede zweite Woche nach dem Kirchgang ein paar Stunden freihatte.

Nachdem der Stiefvater zu seinem Rundgang durch die Wirtsstuben aufgebrochen war, brachte Eva Stube und Küche in Ordnung. Danach löschte sie die Lampe und legte sich zu Niklas auf ihr Strohlager.

«Du hattest recht wie immer», hörte sie ihn flüstern. «Das mit dem Markt, mein ich. Schad drum, dass wir nicht noch mehr mitnehmen konnten.»

Sie knuffte ihn in die Seite. «Du musst schneller rennen lernen. Beinah hätt uns der alte Bauer erwischt. Und jetzt gute Nacht, Igelchen.»

Mitten in der Nacht erwachte sie schlaftrunken vom Knarren der Holzstiege. Von unten drang das schwache Licht der Lampe herauf. Da schob sich plötzlich das Gesicht ihres Stiefvaters über sie, das schüttere Grauhaar lag verschwitzt über der Stirn. Der Schreck fuhr ihr in alle Glieder: War er gekommen, um sie zu wecken und seine Wut an ihnen auszulassen, weil er wieder den ganzen Abend beim Glücksspiel verloren hatte? Das wäre nicht das erste Mal. Jetzt aber lag kein Zorn in seinem Blick, sondern er starrte sie nur mit aufgerissenen, glänzenden Augen an.

Rasch zog sie sich die Decke über den Kopf, drehte sich zur Seite und gab vor, zu schlafen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Was tat er hier, so stumm, mit keuchendem Atem? Endlich hörte sie ihn die Stiege wieder hinuntertrampeln, ein Stuhl polterte zur Seite, ein Fluchen – dann wurde es ruhig im Haus.

Am nächsten Morgen weckte Eva ihn erst, als das Essen bereitstand. Sofort erkannte sie, dass ihm vom Saufen mal wieder der Schädel brummte. Sie gab Niklas, der gierig auf den Topf mit Getreidemus starrte, einen Tritt gegen das Bein – als Zeichen dafür, den Vater ja nicht zu reizen.

Übellaunig stieß Gallus Barbierer seinen Löffel in den graubraunen Brei.

«Pfui Teufel! Das schmeckt ja wie Pferdescheiße!»

«Ich find, es schmeckt wie immer», sagte Niklas, der folgsam gewartet hatte, bis sein Vater den ersten Bissen genommen hatte.

«Hab ich dich gefragt? Und überhaupt, wie gschissen du ausschaust! Wie ein damisches Kleinkind, mit deinem geschorenen Schädel. Mein Sohn soll aussehen wie ein richtiger Junge!»

Augenblicklich brach Niklas in Tränen aus.

«Mein Gott, jetzt flennt der Bettseicher auch noch wie ein Kleinkind. Womit hab ich das verdient?»

«Er kann doch nichts dafür», beschwichtigte Eva, «dass er schon wieder Läuse hatte.»

«Dann halt du den Haushalt sauberer!» Gallus Barbierers Gesicht lief veilchenfarben an.

«Aber …»

Ihr Stiefvater schnellte von der Bank, holte aus und versetzte ihr eine deftige Maulschelle.

«Widersprich mir nicht! Was hab ich da nur für Bälger großgezogen! Aber das Lotterleben hat jetzt ein End.» Seine Miene entspannte sich ein wenig. «Eva, leg den Löffel weg und hör mir zu. Und wenn du mich unterbrichst, pfeif ich dir gleich noch eine.»

Er räusperte sich. «Hab gestern Abend einen Weber kennengelernt, aus der Lederergasse, dem ist eine seiner Spinnerinnen verreckt. Hab dich hoch gelobt, wie geschickt du bist. Mach mir also keine Schande.»

«Dann – ist das schon ausgemacht?»

«Nächste Woche bringt er das Spinnrad her und den ersten Packen mit Wollewickeln. Seh ich recht?», brüllte er plötzlich los. «Was ziehst du für ein Gesicht? Soll ich dich lieber ins Waschhaus stecken, den Dreck andrer Leute schrubben?»

Instinktiv hielt Eva sich schützend den Arm vor, doch dieses Mal blieb ihr Stiefvater ruhig sitzen.

«Du bist alt genug, um zu arbeiten. Und damit mein ich nicht das Rumgehaspel für die alte Vettel von Hoblerin. Bis aufs Kochen wird Niklas die Haushaltung übernehmen.»

Eva starrte mit trotziger Miene auf den rußgeschwärzten Herd an der Wand gegenüber. Ihr graute es bei dem Gedanken, den ganzen Tag in diesem Loch zu verbringen, mit tagaus, tagein der gleichen Arbeit. Und das vielleicht auf Jahre.

«Hast mich also verstanden?»

«Ja.»

«Das heißt: Ja, Vater!»

«Ja, Vater!»

«Gut.» Er erhob sich ächzend und trat neben sie. Fast sanft wurde sein Blick mit einem Mal, während sein knotiger Zeigefinger über ihre Wangen strich, dann den Hals entlang.

«Du wirst sehen, auch für deine Zukunft springt was raus. Den Taglohn werd ich einbehalten, aber einen fünften Teil leg ich zurück, für deine Mitgift. Und jetzt macht euch fertig für den Kirchgang, aber gschwind.»

Mitgift! Ans Verheiraten dachte ihr Stiefvater jetzt auch schon! Nur mit Mühe konnte Eva die Tränen zurückhalten. Wenigstens würde sie den heutigen Tag mit Josefina verbringen.

2

Eva stand mit Niklas und ihrem Stiefvater in der milden Aprilsonne vor Sankt Gertraud, abseits der anderen. Längst waren sie zum alten Glauben, zur Heiligen Kirche Roms, übergetreten, zu diesen «papistischen Götzenanbetern», diesen «römischen Bluthunden», wie ihr Vater heimlich geschimpft hatte. Als Büttel in einer katholischen Bischofsstadt war ihm nichts anderes übriggeblieben, und Eva verstand ohnehin nicht so recht die Unterschiede zwischen dem alten Glauben und dem «lauteren Evangelium» der neuen Lehre. Selbst die Predigten wurden bei den Altgläubigen neuerdings zum Großteil in deutscher Sprache gehalten, grad so wie früher im protestantischen Glatz.

Suchend spähte Eva zwischen den Kirchgängern hindurch, die jetzt nach dem Gottesdienst müßig und in losen Gruppen herumstanden. Aber statt ihrer Schwester erschien Bomeranz, der alte Nachtwächter – massig und fett wie ein Mastschwein und der Einzige, der sich in der Öffentlichkeit zu ihnen gesellte. Kein Wunder, war er doch grad so ein Geschmähter wie sie.

Gallus Barbierer begrüßte seinen Vetter mit einem derben Schlag gegen die Schulter.

«Na, Bomeranz, alter Katzbalger – endlich ausgeschlafen?»

«Ja mei – du schaust auch nicht grad aus, als hättst viel geschlafen.» Der Nachtwächter grinste, wodurch sein schwammiges Gesicht noch breiter wirkte. «Übrigens warn ich dich hiermit: Wenn du schon nach der zehnten Stunde heimwärts torkeln musst, dann mach’s irgendwie leis. Ich kann nicht jedes Mal ein Aug zudrücken.»

Er sah sich suchend um. «Wo ist eigentlich euer Goldschatzl, die Josefina?»

«Wenn du etwa nur wegen der hier bist – die Josefina schlag dir gleich mal aus dem Kopf! Das Madl ist zu Besserem bestimmt, so wie Gott die geschaffen hat.»

«Mir tät ja auch deine Jüngste gefallen – wenn die nur ein bisserl mehr Speck am Arsch hätte. Ah – da kommt ja eure Schöne.»

Niklas hatte Josefina ebenfalls entdeckt und warf sich ihr in die Arme.

«Entschuldigt bitte, dass ich so spät bin. Mein Dienstherr hatte nach dem Kirchgang noch was mit mir zu besprechen.»

«Jessesmaria, wie du daherredst! Grad wie die Herrschaften selber!» Ihr Vater schnaubte, doch sein Blick schweifte voller Bewunderung über die Gestalt seiner hübschen Stieftochter. «Jetzt komm erst mal her und lass dich begrüßen, meine liebe Tochter.»

Er zog sie an sich und tätschelte ihr dabei den Nacken. Wie immer, wenn Josefina von ihm umarmt wurde, drehte sie sich von ihm weg, als hätte er Aussatz. Eva entging nicht das ärgerliche Zucken um seine Mundwinkel.

Dafür breitete nun Bomeranz die Arme aus.

«Und was ist mit deinem lieben Oheim? Krieg ich wenigstens ein Busserl?»

Ihre Schwester verdrehte die Augen, und Eva war sich sicher, dass sie beide dasselbe dachten: Diese alten Männer waren doch alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

«Na, was ist? Ich lad euch Madln dann auch zu einem Krug Bier in den Rappen ein.»

Nur das nicht, dachte Eva. Wenn die beiden Männer zusammen waren, ging es nur noch um Geld und Weiber, über die sie so verächtlich herzogen, dass es ein Graus war, dabeizusitzen. Viel lieber wäre sie an diesem schönen Tag mit Josefina allein gewesen, wagte indessen nicht, diesen Gedanken auch nur auszusprechen.

Zu Evas Erstaunen wandte sich Josefina jetzt an den Vater und sagte mit fester Stimme: «Wir können ja nachkommen, Eva, Niklas und ich. Ich will jetzt lieber in die Sonne raus.»

Woher nahm ihre Schwester diesen Mut? Gallus Barbierer sah sie nicht minder verdutzt an, und Eva fürchtete schon ein Donnerwetter. Stattdessen räusperte er sich und nuschelte nur: «Dann eben bis später.»

Sie beeilten sich, aus der Stadt zu kommen, im Laufschritt fast, als ob ihr Vater sie im letzten Moment doch noch zurückhalten könnte. Am Innufer zog Josefina einen Ball unter dem Rock hervor. «Hier, Niklas. Hat mir die Haustochter für dich geschenkt.»

Niklas blasses Gesicht begann zu strahlen.

«Herrgottsakra!»

«He, wenn du fluchst, nehm ich ihn dir gleich wieder weg. Und jetzt lauf.»

Glücklich schlenderte Eva mit ihrer Schwester über den sonnigen Uferweg, irgendwann fanden ihre Hände einander.

«Hast du dich jetzt eingewöhnt bei den Lindhorns?»

Josefina zuckte die Schultern. «Die Tochter ist ja ganz nett, ein bisserl affig vielleicht. Und der älteste Sohn ist ein geckenhafter Schnösel, wenn auch ein sehr fescher.» Sie lachte leise auf. «Na ja, und über die Verköstigung darf ich auch nicht klagen. Ich hab inzwischen sogar ein eigenes Bett, jede von uns dreien, auch wenn’s jetzt arg eng ist in unserer Kammer.»

«Und wer sind die andern zwei?» Eva wollte alles ganz genau wissen.

«Madlena, die Wäscherin – eine richtig blöde Kuh! Die ist so hinterhältig, die petzt alles an die Herrschaft weiter. Aber dafür ist Anna eine ganz Liebe. Sie ist die Spülmagd und noch jünger als du. Die war erst zehn, als sie aus dem Waldgebirg nach Passau kam.»

Sie hielt inne und beobachtete Niklas, der einen Nachbarbuben entdeckt hatte und jetzt mit ihm Ball spielte. Ihr Blick wirkte auf einmal traurig.

«Und was ist mit den Herrschaften? Sind die freundlich zu dir?»

«Nicht so recht. Beim Hausvater weiß ich nie, woran ich bin. Mal brüllt er mich an, weil ich nicht gleich seine Pantoffeln gefunden hab oder weil in seinem Bücherkabinett ein Buch verstellt ist. Dann wieder bietet er mir höchstselbst ein Stückerl Mandelkuchen an. Aber nur, wenn seine Frau nicht dabei ist. Die scheucht mich von früh bis spät rum, ohne Atempause, und sitzt selber nur den ganzen Tag fett und faul im Lehnstuhl. Und wenn ich nicht schnell genug bin, verpasst sie mir Kopfnüsse, die sich gewaschen haben.» Sie seufzte. «Irgendwie hab ich das von Anfang an geahnt.»

«Aber – warum hast du dann die erstbeste Stellung angenommen?»

«Weil ich rauswollt von daheim, darum!»

Die Antwort kam prompt und war voller Bitterkeit. Ganz plötzlich erinnerte sich Eva wieder daran, wie verschlossen, wie freudlos ihre Schwester in jenen ersten Wochen in Passau gewirkt hatte. Irgendwie war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen. Damals hatte Eva geglaubt, Josefina leide an Heimweh nach Glatz. Doch seitdem sie im Haus des Handels und Ratsherrn Lindhorn war, der sein Vermögen mit Passauer Stahl gemacht hatte, zeigte sie bald wieder das, was Eva so an ihr liebte und bewunderte: Willenskraft und Entschlossenheit zum einen, liebevolle Wärme gegenüber den Geschwistern zum anderen.

«Weg von uns?», flüsterte Eva deshalb jetzt fassungslos.

«Aber nein, du Dummerle.» Josefina nahm sie in die Arme. «Es ist eh blödes Zeug, was ich da fasle. Ich kann zufrieden sein, glaub mir. Alles in allem hab ich’s gut getroffen. Stell dir vor, ich hab sogar ein richtiges Kopfkissen, mit Daunenfedern gefüllt!»

Schweigend gingen sie weiter, bis Josefina irgendwann fragte: «Und du? Wie ist Vater zu dir, seit ich weg bin?»

«Wie meinst du das?»

«Behandelt er dich gut?»

«So wie immer – kennst ihn doch.»

«Und – wenn er besoffen heimkommt?»

Eva verstand nicht, worauf ihre Schwester hinauswollte. «Na ja, wenn er sehr wütend ist, dann schlägt er Niklas und mich auch schon mal. Und neulich war er seltsam – aber vielleicht hab ich das auch nur geträumt. Da gibt’s was viel Schlimmeres. Stell dir vor, ich soll jetzt als Taglöhnerin arbeiten, spinnen für einen Wollweber. Davor graust mir, das kann ich dir gar nicht sagen.»

 

Schon am nächsten Tag, am Montag in aller Früh, schleppte ein Knecht das Spinnrad, einen Weidenkorb und den in Sackleinen eingewickelten Ballen an. Kurz darauf erschien der Webermeister selbst, ein buckliger Mann. Er blieb unter dem windschiefen Türsturz stehen, nickte nur zur Begrüßung und belferte dann:

«Das fertige Garn bringst du mir pünktlich zum Abendläuten. Einen Korb voll täglich will ich sehen. Und Krankmachen gibt’s bei mir nicht. Alles Übrige hab ich mit deinem Vater besprochen, das geht dich nichts an. Bis heut Abend also. Ach ja – wenn’s heut ein bisschen weniger ist, seh ich drüber weg. Morgen aber dann will ich einen vollen Korb!»

Eva starrte abwechselnd auf den Packen mit den Wollwickeln, der unter ihrem Blick immer größer zu werden schien, und auf das Spinnrad. So oft schon hatte sie anderen beim Spinnen zugesehen, aber selbst drangesetzt hatte sie sich nie. Diese eintönige Arbeit war nicht ihre Sache, und um wie viel lieber hätte sie sich als Näherin verdingt, als Zuschneiderin für feine Weißwäsche oder selbst für Flickarbeiten. Darin war sie geschickt!

«Du kommst ganz nach deinem Vater», hatte ihr Oheim, der Bruder ihres leiblichen Vaters, vor langer, langer Zeit immer gesagt, wenn sie ihm zur Hand gegangen war. Der hatte als Geselle bei einem Glatzer Damenschneider gearbeitet und ihr damals bereitwillig gezeigt, was sie wissen wollte.

Aber es half ja alles nichts. Widerwillig öffnete sie den Sack, nahm einen ersten Flausch aus der gekämmten Wolle und steckte ihn auf den Rocken. Dann zog sie ihren Schemel heran und setzte sich. Eigentlich galt es nur mit dem Fuß den richtigen Takt zu finden, der mit dem Zusammenzwirbeln der Wollfasern zusammenpasste. Doch entweder drehte sich das Spinnrad zu schnell, sodass der Faden riss, oder ihre Finger stellten sich so ungelenk an, dass statt eines Fadens ein hässliches Knotengebilde herauskam. Damit brauchte sie dem Weber gar nicht erst zu kommen.

«Tausendsapperment!», fluchte sie. «Niklas, wo steckst du? Lauf rasch zur Hoblerin, ob sie mir helfen kann.»

Mit Unterstützung der alten Witwe surrte nur eine Stunde später das Spinnrad gleichmäßig vor sich hin, während Evas Hände zwischen Zeigefinger und Daumen den Faden zwirbelten.

«Na siehst!» Die Hoblerin strich ihr übers Haar. «Bald wirst gar nicht mehr hinschauen müssen! Dann kannst dir sogar eine Freundin zum Schwatzen einladen.»

Und seufzend fügte die alte Frau hinzu: «Nur jammerschad, dass du jetzt nicht mehr zu mir kommen kannst.»

«Nein, nein, Gevatterin! Ich komme dann ganz einfach sonntags vorbei und an den vielen Feiertagen. Ganz gewiss!»

«Bist ein braves Mädchen. Du hättest einen andern Vater verdient!»

 

Die ersten Wochen ihres neuen Daseins als Spinnerin waren die ärgsten: Zäh wie Haferschleim zogen sich die Stunden in die Länge, das Abendläuten wollte und wollte nicht näherrücken, der Rücken schmerzte, die Finger, die sich schon ganz pelzig anfühlten, ohnehin, und nur mit Mühe bekam sie ihren Korb in letzter Minute halbwegs voll. Wie festgenagelt hockte sie von früh bis spät auf ihrem Schemel, in dieser dunklen, stickigen Stube, während draußen der Mai die Natur zum Schwellen und Blühen brachte. Manchmal schaffte sie es nicht mal, für sich und Niklas ein Mittagsmahl zu richten, und der einzige Gang an die frische Luft war, wenn sie zum Haus des Wollwebers hetzte.

In den ersten Tagen war es Niklas gewesen, der den Korb mit dem Garn dorthin brachte. So hatte es der Vater befohlen: Damit sich Eva nur ja gleich ans Nachtessen machen könne. Aber wenigstens in diesem einen Punkt hatte sie sich durchsetzen können. Unter dem Vorwand, sie müsse schließlich wissen, ob der Meister etwas auszusetzen oder besondere Wünsche für den nächsten Tag habe, hatte sie sich ausbedungen, selbst zu gehen. Auch wenn der kurze Weg durch die frühlingshaft warmen Gassen nur einen winzigen Lichtblick in ihrem Alltagstrott darstellte – er wurde zum kostbarsten Augenblick des Tages.

Wie konnte Josefina sich nur über ihre Stellung beklagen?, dachte sie immer wieder. Was boten sich ihrer Schwester nicht alles für Abwechslungen: der Gang auf den Markt, die täglichen Besorgungen für die Herrin, die Arbeit in einer großen, wohlhabenden Haushaltung mit prächtigen Möbeln, richtigem Geschirr und allen Gerätschaften, die einem die Arbeit leichter von der Hand gehen ließen. Dazu machte der junge Herr ihr auch noch nette Komplimente – so hatte es Josefina jedenfalls bei einem ihrer Sonntagsspaziergänge erzählt. Was hätte sie, Eva, allein für ein eigenes, richtiges Bett gegeben, oder für geregelte Mahlzeiten, mit Eiern und Speck nicht nur an hohen Festtagen! Nein, ihre Schwester schien ihr reichlich undankbar.

Für sich selbst sah sie schwärzer denn je. Natürlich wusste sie, was von einer Frau gemeinhin erwartet wurde: Nicht rosenrote Lippen und langes Blondhaar waren wichtig, sondern häusliche Tugenden und Mitgift. Sämtliche jungen Frauen, die sie kannte, arbeiteten hart, um später einmal eine ansehnliche Summe in die Ehe mitbringen zu können. Kochen und Putzen, Flicken und Kinderhüten – all diese Fähigkeiten für ihr künftiges Amt als Hausmutter hatten Mädchen wie sie ohnehin von Kindesbeinen an gelernt. Nur – mussten ihre nächsten Jahre ausgerechnet als Spinnerin dahingehen? Hinzu kam, dass sie ihrem Stiefvater zutiefst misstraute. Womöglich würde sie von ihrem Verdienten keinen Heller sehen. Auch ihrer Schwester würde ihr voller Lohn erst bei Dienstende ausbezahlt werden, damit möglichst viel angespart war für eine künftige Ehe. Nur hielt bei ihr ein angesehener Patrizier das Geld unter Verschluss und kein dem Spiel und Suff ergebener Stadtbüttel.

Solcherlei Grübeleien ergriffen mehr und mehr von ihr Besitz und drehten sich, ihrem Spinnrad gleich, im Kreis. Immer häufiger tauchten dabei die Stunden an der Seite ihres Oheims aus der Vergangenheit auf, immer deutlicher hatte sie plötzlich wieder die Schneiderwerkstatt damals in Glatz vor Augen. Dorthin, in diesen hellen Raum voll prächtiger Stoffe und Bänder und Spitzen, hatte sie sich als Kind oft geflüchtet, wenn der Stiefvater wieder mal einen seiner Wutausbrüche gehabt oder am helllichten Tag die Mutter in der Schlafstube bestiegen hatte, mit lautem Grunzen und diesem widerlich klatschenden Geräusch.

In jener Werkstatt hatte sie auch zum ersten Mal ihr Gesicht in einem kostbaren Glasspiegel betrachtet, der dort an der Wand hing. Als viel zu breit hatte sie ihren Mund empfunden, als zu kräftig die gerade Nase. Und dann diese albernen Locken! Warum hatte sie nicht das dichte, glatte Blondhaar ihrer Schwester, das den Männern so gut gefiel?

Sie hatte damals in der Werkstatt ein und aus gehen dürfen, die warmherzigen Meistereltern, die selbst kinderlos waren, hießen sie jederzeit willkommen. Von ihrem Oheim lernte sie Nähen und das Zuschneiden einfacher Schnitte, durfte auch bei den weiblichen Kunden die Anprobe durchführen, und mehr als einmal hatte der alte Schneidermeister ihr gesagt: «Dich würd ich sofort an Kindes statt annehmen – wärest du nur ein Junge!»

Irgendwann dann hatte sie von ihrem älteren Bruder erfahren, dass es im fernen Frankreich tatsächlich Meisterinnen gab, die sich in eigenen Zünften organisierten – angesehene Damenschneiderinnen, Weißnäherinnen, Gold- und Seidenspinnerinnen. Hier in Deutschland hingegen mussten Frauen, die solcherlei Handwerke ausübten, für kärglichen Taglohn arbeiten und wurden dabei von den zünftigen Meistern und Gesellen auch noch angefeindet und geschurigelt, als Störer und Pfuscher geschmäht. Seitdem hatte Eva einen Traum: den Traum von einer eigenen Werkstatt, in der sie selbst das Sagen hatte. Nicht wie die Mehrzahl der Schneider als Kleinmeister, als armes Schneiderlein, sondern als Meisterin über Gesellin und Lehrtochter, mit denen sie feinste Gewänder für vornehme Patrizierfrauen fertigen wollte. Und zwar dort, in jenem fernen welschen Reich, das gleich hinter Straßburg, der neuen Heimat ihres Bruders, begann.

 

Der Sommer endlich machte alles ein wenig erträglicher: An schönen Tagen stellte Eva ihr Spinnrad in den winzigen Hof, in den sich zwar kaum ein Sonnenstrahl verirrte, doch das Morgen- und Abendkonzert der Vögel war zu hören, und sie sah den Wind in den Blättern der Weide spielen, die vom Nachbarhof her ihre Zweige über die Mauer streckte. Hin und wieder kam die Hoblerin auf ein Stündchen vorbei und half ihr beim Garnaufwickeln, und wenn Eva dann wieder allein war, sang sie laut vor sich hin und freute sich auf den Abendspaziergang zum Haus des Webers, den sie längst in Muße unternahm.

So leicht ging ihr inzwischen die Arbeit von der Hand, dass sie wieder einiges an Hausarbeit übernehmen und Niklas ab und an auf die Gasse zum Spielen schicken konnte. Einmal – sie war fast fertig mit ihrer Tagesration Garn – war er schluchzend nach Hause gekommen, Knie und Ellbogen blutig zerschrammt, sein schöner Ball gestohlen. Sie erinnerte sich noch ganz genau an diesen Nachmittag.

«Wer war das?», hatte sie aufgebracht gefragt, während sie ihm die Wunden reinigte. Der Ball war das einzige Spielzeug ihres kleinen Bruders gewesen.

«Diese Scheißkerle vom Severinstor! Die sind alle viel älter als ich und waren zu fünft. Als ich den Ball nicht hergeben wollt, haben sie mich über die Gasse geschleift, bis ich halt losgelassen hab. Au! Das tut weh!»

«Bin gleich fertig.»

«Adam hätt das viel besser gekonnt», maulte Niklas. «Außerdem würd er dieses Schelmengesindel jetzt verprügeln.»

«Adam ist aber nicht hier, sondern weit weg und außerdem ein Verräter!»

«Das ist nicht wahr! Mir hat er gesagt, dass er wiederkommt. Dass er mich besuchen will.»

«Denkst du etwa, dieses Straßburg liegt hier um die Ecke? Dass er grad mal auf einen Sonntagsspaziergang hier vorbeigeschneit kommt? O nein! Das hat er nur gesagt, um dich zu trösten.»

Da wurde Niklas ganz still und sah sie aus großen Augen an. Schließlich flüsterte er: «Dann hat er uns vielleicht längst vergessen, und wir sehen ihn nie wieder.»

Eva taten ihre harten Worte von eben leid.

«Nein, Niklas, ich hab Unsinn geredet. Adam wird uns nie vergessen, und dich schon gar nicht, Igelchen. In Gedanken ist er immer bei dir und beschützt dich, so wie früher. Jetzt bleib noch einen Moment sitzen mit deinem Knie und mach kurz die Augen zu!»

Leise schlich sie zum Küchenherd, nahm ein Stück Holzkohle, malte sich auf die Oberlippe ein dunkles Bärtchen, wie es ihr älterer Bruder trug, und zog sich Vaters alte Mütze tief in die Stirn. Dann richtete sie sich auf, straffte die Schultern und bat Niklas, die Augen zu öffnen.

«Niemals würde ich dich vergessen, mein Kleiner», sagte sie mit tiefer Stimme. In dem leicht wankenden, o-beinigen Gang ihres Bruders schritt sie auf Niklas zu und legte ihm den Arm um die Schultern. «Niemals, glaub mir!»

Mit offenem Mund starrte Niklas sie an.

«Und dieses Bubenpack vom Severinstor werd ich mir auch vorknöpfen, wirst sehen! Bring du nur die Wolle zum Meister.»

«Eva?»

«Nun lauf schon!»

Nachdem Niklas fort war, nahm sie ein dunkles Tuch aus der Kleidertruhe und machte sich auf den Weg. Wie zu erwarten an diesem milden Abend, fand sie die Burschen beim Spiel mit ihrer Beute, nicht weit vom Tor. Sie unterdrückte ein Lachen: Höchstens ein, zwei Jahre älter als Niklas waren sie. Rasch färbte sie sich auch das restliche Gesicht kohlschwarz, band sich wie ein Seemann das Tuch um den Kopf und rannte brüllend und mit erhobenen Armen auf sie zu.

«Stracks zur Hölle sollt ihr fahren! Ihr Diebe, ihr Erzlümmel!»

Schon lag der Ball auf der Erde, und die Jungen waren um die nächste Hausecke verschwunden. Dass es so einfach sein würde, hatte Eva nicht erwartet. Bis auf die beiden Torwächter, die sich den Bauch hielten vor Lachen, hatte niemand sie beobachtet, und so beeilte sie sich, zum nächsten Brunnen zu kommen und sich das Gesicht zu waschen, bevor sie jemand in diesem lächerlichen Aufzug erkannte.

Indessen war es nicht dieses nahezu spaßige Erlebnis, das ihr jenen Sommertag unvergesslich ins Gedächtnis gebrannt hatte. Es war vielmehr das, was sie zu Hause erwartete: Ungehalten, mit einer Weidenrute in der Hand, schritt ihr Stiefvater vor dem Esstisch auf und ab.

«Warum ist das Nachtessen nicht gerichtet? Und was ist das für ein Saustall hier?»

Auf den ersten Blick erkannte Eva, dass er angetrunken war – und das bereits am Spätnachmittag.

«Und du?» Er fuchtelte mit der Rute vor Niklas herum, der sich zitternd auf der Bank zusammenkauerte. «Wie schaust du überhaupt aus? Bist vom Hausdach gefallen oder was?»

«Sie haben ihn verhauen, als er seinen Ball nicht hergeben wollte», erwiderte Eva so ruhig wie möglich.

«Ich glaub es einfach nicht! Der Sohn von Gallus Barbierer lässt sich immer noch verprügeln! Kannst du dich nicht wehren wie jeder gestandene Kerl? Ich werd dich lehren, dich nicht mehr wie eine Memme zu benehmen!»

Er ließ die Rute auf Niklas’ Rücken schnellen.

«Los, steh auf! Über den Tisch gelehnt und Arsch her!»

Schluchzend gehorchte Niklas, dann klatschte der erste Schlag gegen sein nacktes Hinterteil. Eva fiel ihrem Stiefvater in den Arm, bevor er ein weiteres Mal ausholen konnte.

«Hör auf! Bitte hör auf!»

Da hatte er sie schon bei Arm und Schulter gepackt und mit aller Wucht gegen die Wand geschleudert. Eva unterdrückte einen Schmerzensschrei, als sie zu Boden sank. Von ihrer Schläfe rann Blut.

Indessen schien Gallus Barbierers Wutausbruch verpufft. Zwei, drei halbherzige Schläge noch trafen Niklas, dann befahl er seinem Sohn, ihm aus den Augen zu gehen.

«Und jetzt zu dir, du kleine Zuchtel!» Seine Augen wurden zu Schlitzen. «Für dich hab ich eine wunderbare Nachricht.»

Er packte sie bei den Händen und zog sie hoch. Dabei umfasste er ungeniert ihre kleinen, festen Brüste.

«Es gibt da einen, dem diese Dinger mehr gefallen, als du ahnst. Ich hab dich heut meinem Vetter Bomeranz versprochen. Sobald du sechzehn bist, wirst du ihn heiraten.»

3

Von der Hoblerin erfuhr Eva, dass ihr Stiefvater sie regelrecht verschachert hatte. Die alte Witwe hatte von ihrem Fenster aus belauscht, wie die beiden Männer handelseinig geworden waren: Gegen Erlass all seiner Spielschulden würde er, Gallus Barbierer, dem Vetter die Tochter überlassen. Im Gegenzug würde er ein Auge drauf halten, dass Eva bis zur Hochzeit ein hübsches Sümmchen aus ihrer Hände Arbeit beisammenhätte.

Als die Tage spürbar kürzer wurden, brachte Eva immer häufiger ihren Korb nicht voll, da das Licht der einzigen Talglampe nicht ausreichte, um ordentlich zu arbeiten. Der ständige Ärger mit dem Webermeister deswegen war das eine, die unberechenbaren Launen des Stiefvaters das andere und weitaus schlimmer. Vor allem: Sie wusste nie, ob er auf dem Nachhauseweg nicht den fetten alten Nachtwächter aufgabelte und mitbrachte. Der sah sie jetzt schon als sein Eigentum, begaffte und begrabschte sie und machte anzügliche Bemerkungen. Ihr blieb nichts anderes, als diese Unflätigkeiten zu erdulden, auch wenn sie innerlich kochte, und zu hoffen, dass ihr Stiefvater irgendwann einschritt. Meist tat er dies auch mit der immer gleichen blöden Bemerkung: «Jetzt aber mal langsam mit den jungen Gäulen.»

Fast war ihr, als trüge sie selbst Schuld an ihrer Lage; so schlecht fühlte sie sich, dass sie ihrer Schwester kein Wort von dieser unglückseligen Heiratsabrede erzählt hatte. Bis die es von Niklas erfuhr, auf einem ihrer Sonntagsspaziergänge.

«Sag, dass das nicht wahr ist, Eva! Nicht dieser Ekelbatzen!»

Sie hatten sich bereits auf den Heimweg gemacht, eiligen Schrittes, da es zu dämmern begann. Eva blieb stehen und schluckte, doch es half nichts: Plötzlich rannen ihr die Tränen übers Gesicht. Sie, die gelernt hatte, sich in gleich welcher Situation zusammenzureißen, zumindest vor ihrem Stiefvater und ihrem kleinen Bruder, konnte nun gar nicht mehr aufhören zu weinen, die Tränen und der Kummer der ganzen letzten Monate und Jahre flossen aus ihr heraus.

Josefina drückte sie fest an sich. «Wir müssen das irgendwie verhindern. Dieser widerliche alte Saubär könnt dein Großvater sein! Was ist unser Stiefvater nur für ein Scheusal!»

Sie strich Eva die Tränen aus dem Gesicht. «Mir wird schon was einfallen, glaub mir. Hauptsache, Vater lässt dich –»

Sie stockte.

«Was?» Eva hatte seit längerem schon das Gefühl, dass ihre Schwester ihr etwas verheimlichte.

«Nichts. Jetzt komm. Ich muss vor Dunkelheit am Brückentor sein.»

Als Eva und Niklas zu Hause eintrafen, war ihr Vater bereits aus der Schenke zurückgekehrt, in der er sich den ganzen restlichen Sonntag verkrochen hatte. Wenigstens hatte er den Herd eingeheizt.

«Auf geht’s, ihr Faulpelze, macht das Essen fertig! Und zwar ein bisserl üppiger als sonst, Bomeranz kommt zum Nachtessen.»

Eva verzog angewidert das Gesicht. Es würde ein furchtbarer Abend werden.

«Bleib bloß wach, solange es geht», flüsterte sie dem kleinen Bruder zu, als sie sich ans Schneiden der Kohl- und Rübenstrunke machten.

Tatsächlich wurde der Abend noch schrecklicher, als sie es befürchtet hatte. Nachdem Bomeranz sein Essen schmatzend und schlürfend vertilgt hatte, quetschte er sich neben Eva auf die Bank und legte den Arm um sie.

«Und jetzt trinken wir endlich mal auf unsere Heiratsabrede. Hab nämlich ein wunderbares Wässerchen mitgebracht.» Er zog den prallgefüllten Schlauch heran, der selbst im verschlossenen Zustand nach Branntwein stank. «Was ist, Gallus, hast du keine Becher im Haus? Ein bisserl schicklich sollte es schon zugehn, bei so einem Anlass.»

«Ich hol die Becher», sagte Eva. «Wenn Ihr erlaubt, räum ich auf, bevor ich mich dazusetze.»

Bomeranz nickte gnädig. «So gefällt mir das. Ganz die künftige Hausfrau.»

Eva ließ sich alle Zeit der Welt mit dem Abräumen, dem Spülen der Schüsseln, dem Schrubben der Töpfe und Holzbrettchen, aber irgendwann musste sie doch Platz nehmen neben dem Nachtwächter. Zu ihrem Schrecken sah sie, dass Niklas ebenfalls zum Trinken genötigt worden war. Ganz glasig war sein Blick.

«Auf unsere Zukunft!» Bomeranz schenkte sich und Eva ein, hob den Becher und nahm einen tiefen Schluck. Dann stierte er Eva erwartungsvoll an.

«Na los, trink!»

Sie hasste dieses Zeug, das in Mund und Kehle brannte und die Mannsbilder binnen kurzem zu grölenden, torkelnden Affen machte. Noch widerlicher aber war der Kuss, den Bomeranz ihr jetzt auf die Lippen drückte.

«Was bist du nur für ein goldiges Küken», hauchte er.

Die nächsten beiden Stunden blieb Eva nur zu hoffen, Bomeranz würde bald so sturzbesoffen sein, dass ihr Vater ihn vor die Tür setzte. Sie selbst nippte nur an ihrem Becher. Dennoch bildete sich um sie herum bald eine Art Nebel, der sich immer wieder vor ihre Augen schob, hörte wie aus weiter Ferne die groben Scherzworte, das Gelächter und Gerülpse der beiden Männer, spürte Bomeranz’ bärtige Wange, seine nassen Lippen an ihrem Gesicht. Irgendwann presste er seine Rechte an ihre Brust und knetete sie wie der Bäcker den Teig. Eva spürte, wie sich ihr Magen hob.

In diesem Augenblick sank Niklas’ Kopf mit einem dumpfen Poltern auf die Tischplatte.

«Jetzt seht euch mal diesen Zimperling an», geiferte Gallus Barbierer. «Aus dem wird nie ein Mann.»

Unter lauten Flüchen packte er den Jungen und schleppte ihn die Stiege hinauf. Da spürte Eva zu ihrem Entsetzen eine fleischige Hand unter ihrem Rock, die ihre nackten Schenkel hinaufwanderte.

«Lasst das!», flüsterte sie heiser und presste die Beine zusammen.

«Aber, aber, mein Täubchen. Ein bisserl kosten vom Hochzeitsbraten werde ich doch dürfen», lallte der Nachtwächter.

«Bomeranz! Du hinterfotziger Lump!»

Eva fuhr zusammen. Hinter Bomeranz stand ihr Stiefvater und schlug dem Vetter hart in den Nacken. «Nimm sofort deine dreckigen Finger da weg!»

«He, he – was soll das? Jetzt sei doch kein Spielverderber.»

«Pfoten weg!»

Mit festem Griff packte ihr Stiefvater den um einiges kräftigeren Bomeranz und zerrte ihn von der Bank.

«Und jetzt raus hier. Hast genug gesoffen, du Scheißkerl! Los, verschwinde!»

Mit stierem Blick schwankte der Nachtwächter nach draußen, wo man ihn Sekunden später sich die Seele aus dem Leib kotzen hörte.

«Danke, Vater», murmelte Eva und stand auf. «Ich geh dann auch zu Bett.»

«Wart noch.» Die Augen ihres Stiefvaters waren gerötet, das schüttere Haar klebte in Strähnen auf der verschwitzten Stirn. «Sollst nicht denken, ich würd dich an den Nächstbesten verscherbeln. Vielleicht überleg ich’s mir nochmal mit dem Bomeranz.»

Er trat auf sie zu. Auch er schwankte beträchtlich.

«Bist viel zu schade für den.»

Daraufhin geschah etwas Grauenhaftes. Gallus Barbierer zog sie an sich und presste seine geöffneten Lippen auf ihren Mund, die Zunge suchte fordernd Einlass. Eva wand sich wie ein Aal, würgte und spuckte, doch sie steckte fest wie in einer Schraubzwinge. Die Deckenbalken über ihr begannen zu schwanken, in ihren Ohren rauschte ein Sturmwind, ein stechender Schmerz fuhr ihr in die Brust, als ihr Stiefvater sie plötzlich mit seinem ganzen Gewicht zu Boden drückte und sich auf sie presste. Nun war es statt des Nachtwächters seine Hand, die ihr den Schenkel hinauf bis zum Schoß glitt.

«Keine Angst», keuchte er. «Ich tu dir nichts. Will nur nachprüfen, ob alles rechtens ist bei dir. Sollst schließlich als Jungfer in die Ehe gehen.»

Was nun folgte, würde ihr nur mehr als eine Folge verzerrter greller Bilder in Erinnerung bleiben, gleich einer nachtschwarzen Landschaft in tosendem Unwetter, die immer wieder durch gleißende Blitze erhellt wird. Die Luft blieb ihr weg, als etwas schmerzhaft mitten in ihre Scham griff, dann wurde ihre Hand gegen den offenen Hosenlatz ihres Stiefvaters gepresst, aus dem eine Rute ragte, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte, so hart und groß, so unerhört bedrohlich. In diesem Augenblick hörte sie sich selbst schreien aus voller Kehle, schlug und trat um sich, sah den Stiefvater mit einem Mal neben sich am Boden, mit stumpfem Blick und offenem Maul. Nur fort von hier, brüllte es in ihr, nur fort von diesem Ungeheuer, hinaus in die dunkle, eisige Nacht!

Nun kauerte sie mitten auf der menschenleeren Gasse, das Zittern hörte nicht auf, fuhr ihr wie Wellen durch den Körper und ließ ihre Glieder, selbst als sie schon am Boden lag, zucken und beben, als gehörten sie nicht zu ihr. Längst war ihr Schreien in Röcheln übergegangen, Schaum quoll ihr aus dem Mund, die Augäpfel verdrehten sich zum Himmel, alles krampfte und zog und bog sich in ihr. Gerade als ihr Schädel zu bersten drohte, erblickte sie über sich das liebe Gesicht der alten Hoblerin, dann die Fratze ihres Stiefvaters, und noch einmal die Hoblerin, bevor ihr gänzlich schwarz vor Augen wurde.

Auf einem Strohsack mitten in der Stube kam sie zu sich. Ihr Kopf schmerzte, und die Kehle brannte wie Feuer.

«Was … ist mit mir?»

«Es ist vorbei. Alles wird wieder gut.»

Das sagte die Hoblerin, die neben ihr auf einem Schemel saß, während ihr Bruder auf dem blanken Boden hockte. Auf einen Wink der Alten hob Niklas ihren Kopf an und führte einen Becher an ihre gesprungenen Lippen. Das lauwarme Getränk schmeckte bitter, tat aber gut. Da erkannte Eva den Stiefvater, der zusammengesunken auf der Bank saß, und stieß einen Schrei aus.

«Ich sag’s euch, Hoblerin» – Gallus Barbierer schüttelte den Kopf –, «das Kind ist toll geworden. Vollkommen narrisch. Gegen den eigenen Vater ist sie gegangen!»

«Redet keinen Blödsinn. Das war ein Anfall von Veitstanz, der kommt vor bei Mädchen in dem Alter. Sie braucht die nächsten Tage Ruhe, nur dann besteht die Aussicht, dass sich der Anfall nicht wiederholt. Spinnen kann sie jedenfalls vorerst nicht, richtet das dem Weber nur gleich aus.»

«Wollt Ihr mir etwa Vorschriften machen? Ihr habt mir gar nichts zu sagen.»

Die Witwe zuckte die Schultern. «Ich sag’s nur, wie es ist.»

Barbierer erhob sich und schlurfte zur Tür. «Heut mag sie meinetwegen liegen bleiben, aber ab morgen ist mit dieser angeblichen Leibesblödigkeit Schluss. Und jetzt muss ich zur Arbeit, höchste Zeit.»

Eva begriff kaum, was sie gehört hatte. Veitstanz! Das waren doch diese armen Kreaturen, die man hin und wieder an den Straßenecken fand, mit Schaum vor dem Mund und grässlich verrenkten Gliedern! Denen der Teufel in den Leib gefahren war und denen, wenn überhaupt, nur noch der Priester helfen konnte. Erneut ergriff sie der Schwindel, und sie schloss die Augen. Da tauchte das Entsetzliche wieder auf: das sabbernde Gesicht ihres Stiefvaters, seine Hände auf ihrem Körper, sein riesiges, geschwollenes, rosafarbenes Geschlecht. Sie begann zu schluchzen und zu würgen gleichzeitig, erbrach sich neben dem Strohsack in Krämpfen, die nicht enden wollten, bis nur noch Galle kam.

«Ist der Vater fort?», flüsterte sie, dann verlor sie erneut das Bewusstsein.

 

An den nächsten Tagen war Eva keineswegs in der Lage, Wolle zu spinnen, denn ein böses Fieber hielt sie im Griff. Tagsüber sah die Hoblerin hin und wieder nach ihr, wusch ihr mit einem Schwamm den Schweiß vom Körper und flößte ihr Kräuterwein ein, den sie selbst angesetzt hatte. Als einstiger Bader wusste Gallus Barbierer ebenfalls um die Versorgung und Behandlung von Kranken, doch kaum kam er von der Arbeit und näherte sich Evas Lager, brach sie in angstvolles Stöhnen aus. So blieb ihm nichts anderes übrig, als ihre Pflege in den Abend- und Nachtstunden Niklas zu überlassen. In ihren wenigen klaren Momenten hörte Eva ihren Stiefvater fluchen und schelten, wie verstockt sie sei, was für ein hundsdummes Narrenkind, und am vierten oder fünften Tag schließlich – sie hatte ihr Lager längst wieder oben auf der Bühne – stand er unten an der Stiege und rief ihren Namen.

«Herrgott, Eva, jetzt gib schon Antwort, wenn du wach bist.»

Eva spürte, wie ihr Herz zu rasen begann. Bis auf den Schein der Tranlampe in der Stube war es dunkel, und sie wusste nicht, welche Tageszeit herrschte. Ihr Arm tastete neben sich, um zu prüfen, ob ihr Bruder dort lag, doch der Platz war leer.

«Eva! Antworte mir!»

Sie presste die Zähne zusammen und schwieg.

«Ich weiß, dass du mich hörst. Was auch immer in deinem Hirn vorgeht – ich habe nichts Unrechtes getan. Wollte bloß mal sehen, ob alles zum Besten steht mit dir. Das ist meine Pflicht als Vater! Schließlich hab ich dich verlobt, und das ist kein Kinderkram, verstehst du?»

Als sie weiterhin schwieg, fuhr er fort, jetzt deutlich lauter und zorniger: «Ich warne dich: Wag es ja nicht, deine Hirngespinste irgendwem zu erzählen! Dann wird alle Welt erfahren, dass du irre geworden bist, und man steckt dich ins Narrenhäusl. Als Büttel ist es mir ein Leichtes, das zu veranlassen. Und damit würd ich mir sogar noch ein hübsches Zugeld verdienen!»

An diesem Nachmittag tauchte ganz unerwartet Josefina auf. Das Fieber hatte etwas nachgelassen, und zum ersten Mal war Eva, wenn auch schwach, so doch einigermaßen bei sich. Nur der Kopf schmerzte noch immer.

«Was machst du nur für Sachen?» Liebevoll strich Josefina ihrer Schwester über die Stirn. «Ich wär schon früher gekommen, aber die Lindhorns haben mir heut erst freigegeben. Stell dir vor, sie haben mir sogar was mitgegeben für dich.»

Sie zeigte ihr ein Körbchen mit Lebkuchen. Weihnachten stand vor der Tür, das Fest der Liebe und des Friedens, und bei diesem Gedanken brach Eva plötzlich in Tränen aus.

«Nicht weinen, Eva. Du wirst schon wieder gesund. Ich war grad bei der Hoblerin, die hat mir alles erzählt. Dass dich der Veitstanz gepackt hat, muss nichts heißen, sagt sie. Oft kommt er, wenn die Körpersäfte durcheinandergeraten, grad bei jungen Frauen und durch zu viel Anstrengung und Aufregung. Wahrscheinlich hast dich übernommen, mit der Arbeit und der Haushaltung und dem allen. Sie sagt, wenn du wieder bei Kräften bist, soll Vater dich zur Ader lassen.»

«Nein!»

«Jetzt beruhig dich. Werd erst mal gesund. Niklas spinnt übrigens die Wolle für dich, der stellt sich gar nicht dumm an, auch wenn er nur die Hälfte schafft. Und der Webermeister murrt anscheinend nicht mal, er will dich wohl nicht verlieren. Na ja, sonst hätt er sich längst eine andre gesucht.»

Die sanfte Stimme Josefinas tat ihr gut, und so lauschte Eva die nächste Stunde mit halbgeschlossenen Augen, was ihre Schwester Neues aus dem Haus ihrer Herrschaft und aus der Bischofsstadt zu berichten wusste. Zum Abschied nahm Josefina sie fest in den Arm.

«Übermorgen ist Sonntag, da komm ich den ganzen Nachmittag. Und iss die Lebkuchen, du bist viel zu mager.»

 

Am nächsten Sonntag war Eva wieder halbwegs auf den Beinen. Zwar fühlte sie sich noch zu schwach für den Kirchgang, zumal ihre Familie zu den Leuten gehörte, die während des Gottesdienstes stehen mussten, doch schaffte sie es immerhin, ein wenig Ordnung in Stube und Küche zu bringen. Zu essen fand sie in der Vorratstruhe nur noch hartes Brot, eine Käserinde, einen halbleeren Hafen mit eingesäuerten Rüben und einen Rest Dinkel für den Morgenbrei. Sie würde dringend wieder arbeiten müssen.

Sie stellte Brot und Käse auf den Tisch, dazu das Körbchen mit den restlichen Lebkuchen. Das musste reichen für eine Brotzeit, aus den Rüben würde sie heute Abend ein Mus kochen. Dann setzte sie sich auf die Bank und starrte in den halbdunklen Raum, in den schmale Lichtschlitze durch die verschlossenen Fensterläden fielen. Sie hatte letzte und vorletzte Nacht kaum geschlafen. Albträume hatten sie gequält, sobald sie eingeschlafen war, und die immer gleichen Gedanken, wenn sie wach lag. Wie sollte es weitergehen, jetzt, wo sie wieder bei Kräften war? In der Enge des Häuschens konnte sie ihrem Stiefvater kaum aus dem Weg gehen, und immer wieder stellte sich ihr dieselbe Frage: Würde er es noch einmal wagen? Noch nie hatte sie sich so hilflos und allein gefühlt.

Das schrille Quietschen der Haustür schreckte sie aus den Gedanken. Josefina und Niklas traten mit einem Schwall kalter Luft und über und über weiß gepudert ein.