Dr. Holl 1913 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1913 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Es beginnt wie ein Liebesfilm. Der heißeste Typ der Uni hat nur noch Augen für sie, das tollpatschige Mauerblümchen Linda Silbernagel. Die unscheinbare Studentin kann ihr Glück kaum fassen. Philipp könnte doch wirklich jede haben, warum ausgerechnet sie? Aber schon bald zerplatzt die rosarote Seifenblase der ersten Verliebtheit, der Schönling zeigt sein wahres Gesicht. Philipp ist unberechenbar, jähzornig und gewalttätig! Und dann - auf der großen Frühlingsparty - geschieht es: Ein heftiger Streit, zu viel Alkohol, erhitzte Gemüter, und plötzlich ist alles vorbei. Philipp kommt in dieser Nacht ums Leben. Linda erwacht drei Tage später mit einer schweren Kopfverletzung in der Berling-Klinik, aber sie kann sich an nichts mehr erinnern. Die Polizisten sprechen von Mord, und als sie Linda der furchtbaren Tat verdächtigen, flieht sie entsetzt aus der Berling-Klinik ...

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Seitenzahl: 129

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Inhalt

Cover

Flucht aus der Berling-Klinik

Vorschau

Impressum

Flucht aus der Berling-Klinik

Seit der Mordnacht leidet die Hauptzeugin unter Amnesie

Von Katrin Kastell

Es beginnt wie ein Liebesfilm. Der heißeste Typ der Uni hat nur noch Augen für sie, das tollpatschige Mauerblümchen Linda Silbernagel. Die unscheinbare Studentin kann ihr Glück kaum fassen. Philipp könnte doch wirklich jede haben, warum ausgerechnet sie?

Aber schon bald zerplatzt die rosarote Seifenblase der ersten Verliebtheit, der Schönling zeigt sein wahres Gesicht. Philipp ist unberechenbar, jähzornig und gewalttätig! Und dann – auf der großen Frühlingsparty – geschieht es: Ein heftiger Streit, zu viel Alkohol, erhitzte Gemüter, und plötzlich ist alles vorbei. Philipp Wolf kommt in dieser Nacht ums Leben.

Linda erwacht drei Tage später mit einer schweren Kopfverletzung in der Berling-Klinik, aber sie kann sich an nichts mehr erinnern. Die Polizisten sprechen von Mord, und als sie Linda der furchtbaren Tat verdächtigen, flieht sie entsetzt aus dem Krankenhaus ...

Wie erstarrt stand Linda am Ufer des Münchner Olympiasees. Um besser sehen zu können, hielt sie die Hand über die Augen und blinzelte hinaus auf die glitzernde Wasserfläche. Das konnte doch einfach nicht wahr sein!

»Hey, Prinzessin. Hilf mir mal! Oder hast du beschlossen, hier Wurzeln zu schlagen?«

»Was? Wie? Ach so.«

Wie aus einem Traum erwachend, drehte sich Linda um und sah hinüber zu Matthias, ihrem allerbesten Freund, seit sie denken konnte.

Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, seine nackte Brust hob und senkte sich, als er sich über das zweite der beiden Boards beugte, die er gerade mithilfe einer Doppelhubpumpe startklar gemacht hatte.

»Ich spiele ja gerne den Lakaien für dich und ab und zu sogar den Hofnarren.« Matthias richtete sich wieder auf. »Aber leider bin ich nicht Superman. Zwei Boards auf einmal zu Wasser lassen, ist dann doch ein bisschen viel.«

Seine Augen blitzten unter der widerspenstigen Strähne, die ihm immer in die Stirn fiel. Linda lächelte verlegen.

»Nicht böse sein, Matt, aber ich glaube, ich habe es mir anders überlegt.«

Was habe ich mir nur dabei gedacht, als ich seinem Vorschlag zugestimmt habe? Ich habe doch von Anfang an gewusst, dass eine Sportart, bei der Geschicklichkeit, Koordination und Körpergefühl gefragt sind, nicht für mich geeignet ist.

Schon gar nicht, wenn sich der heißeste Typ der ganzen Uni auf der anderen Seite des Olympiasees beim Wakeboarden vergnügte, umringt von seiner ganzen Clique. Ihr Johlen wehte über den See.

Was für eine großartige Gelegenheit, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Wieder einmal!

Matthias bemerkte Lindas Zögern. Sein Blick folgte dem seiner Freundin. Seine Miene wurde düster.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, stöhnte er. »Hast du gewusst, dass der Schönling und sein Hofstaat auch hier sind?«

»Natürlich nicht! Sonst wäre ich erst gar nicht mitgekommen ...«

Matthias überlegte einen Augenblick.

»Egal. Ich denke ja gar nicht daran, mir von dem Schnösel den Spaß verderben zu lassen«, beschloss er und packte einen der Griffe am rot-weiß gemusterten Board. »Hilfst du mir?«

»Klar.« Auf dem Weg zu ihrem besten Freund stolperte Linda über ihre eigenen Füße. Wie ein nasser Sack landete sie auf der Wiese. »Uff!«

Matthias ließ das Board fallen und half ihr wieder auf die Beine.

»Hast du dir wehgetan?«

»Eine grandiose Idee, Stand-up-Paddling! Wo ich noch nicht einmal auf dem harten Boden der Tatsachen richtig stehen kann«, erwiderte Linda kopfschüttelnd und wischte sich die Erde von den Knien. »Wie sollte ich mich da auf einem schaukelnden Brett im Wasser aufrecht halten?« Sie sah Matthias an und zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. »Sei mir nicht böse, aber du musst ohne mich paddeln. Ich bleibe hier und bewundere dich aus der Ferne.«

Matthias wollte schon zustimmen, als sein Blick über Lindas Schulter fiel. Seine Augen wurden schmal.

»Mich? Oder willst du lieber dem Schönling huldigen?«

Linda fuhr herum. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. In seinem nassen, blauen Surfanzug, der seine Augen so gut zur Geltung brachte, sah Philipp Wolf aus wie eines dieser Sportmodels in den Fitness-Zeitschriften. Der Neoprenanzug lag eng an seinem Oberkörper an, und seine Haare ringelten sich in feuchten Wellen über den Ohren.

Noch nie hatte er auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ja, sie hatte sogar gedacht, dass er sie noch nicht einmal bemerkt hatte. Und jetzt spazierte er plötzlich in aller Selbstverständlichkeit über die Wiese auf sie zu.

Linda spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. Träumte sie? Sollte sich ihr größter Wunsch der vergangenen Monate erfüllen?

Seit Studienbeginn im Herbst beobachtete sie Philipp. Doch erst jetzt, fast ein Jahr später, war sie ihm offenbar aufgefallen. Er blieb stehen. Ein Wassertropfen seilte sich aus seinen Haaren ab und fiel auf seinen Arm.

»Für so langweilig hatte ich dich gar nicht gehalten.« Abfällig nickte Philipp hinüber zu den SUP-Boards. »Du solltest lieber was Anständiges lernen.«

Er deutete mit dem Kinn zu dem Board, das lässig unter seinem Arm klemmte.

Meinte er wirklich sie? Die ungeschickte Linda, die ständig blaue Flecken hatte? Verstohlen sah sie sich um. Aber außer Matthias war niemand da.

Linda drehte sich wieder um und fragte sich, wie jemand, der so braun gebrannt war, so unverschämt weiße Zähne haben konnte. Ihr Verstand setzte aus. Sie erwiderte Phils Lächeln.

»Ich weiß nicht«, hörte sie sich sagen und drehte sich zu Matthias um.

Blitzschnell zogen sich seine Mundwinkel hoch.

»Geh nur! Ich bin eh froh, wenn mir keiner zuschaut«, sagte er so leicht wie möglich.

Der Ausdruck in seinen Augen sprach eine andere Sprache. Aber den bemerkte Linda in diesem denkwürdigen Moment nicht.

***

Natürlich lernte Linda Wakeboarden nie. Dieser Trendsport aus den USA, eine Mischung aus Wellenreiten, Snowboarden und Wasserski, überforderte sie schlicht. Es war ein weiterer missglückter Versuch, eine Sportart zu betreiben, die Koordinationsvermögen erforderte. Sie wagte sich nur auf das Board, um Zeit mit Philipp zu verbringen.

Der junge Mann dankte es ihr, indem er die anderen Mädchen abblitzen ließ, die sich um ihn scharten wie Bienen um einen Honigtopf, allen voran Helena Schaumburg.

Dabei war Helena wunderschön. Sie hatte langes, blondes Haar, das ihr seidig und glatt über den Rücken fiel. Ihre graugrünen Augen erinnerten an die einer Katze, und ihr Teint war ungewöhnlich braun für ein Blondine. Obendrein war Helena größer und durchtrainierter als ihre ärgste Konkurrentin und eine talentierte Sportlerin.

So wunderte sich Linda nicht darüber, dass sie, seit sie Philipps Freundin war, mehr Feinde als Freunde hatte. Philipps Clique war ausnahmslos auf Helenas Seite, und Linda erhielt den Außenseiterposten, weil sie sich den begehrtesten Mann der Privatuniversität geangelt hatte.

»Stell doch dein Licht nicht ständig unter den Scheffel«, hatte Phil sie anfangs immer getadelt, wenn Linda wieder einmal unsicher gewesen war. »Du bist wunderschön.«

Er hatte ihr langes Haar durch die Finger gleiten lassen. Seine Blicke hatten ihre schlanke Figur gestreichelt, die in Lindas Augen zwar nicht so atemberaubend war wie die von Helena, aber immerhin ganz passabel.

Trotzdem wusste Linda bis heute nicht, was genau es war, das Philipp so anzog, dass er sogar die Meinung seiner Freunde ignorierte.

Und irgendwann hatte sie nicht mehr darüber nachgedacht, denn in der ersten Zeit ihrer Liebe hatte Phil dafür gesorgt, dass sie keine Zeit mehr für Zweifel gehabt hatte. Sie hatten lange Spaziergänge entlang der Isar unternommen. Er hatte Linda mit dem Geländewagen seines Vaters abgeholt, um mit ihr in den Alpen über schmale Wege zu brettern, dass ihr angst und bange geworden war. Er hatte sie in Luxusrestaurants entführt und mit Champagnerfrühstück überrascht. Zum allerersten Mal in ihrem Leben hatte sich Linda wie eine leibhaftige Prinzessin gefühlt.

Besonders beeindruckt hatte Philipp sie aber in der Nacht, in der ihr Großvater gestorben war und er sie in den Armen gehalten hatte, als sie in Tränen aufgelöst gewesen war.

»Das klingt ja nach einem echten Traummann«, ätzte Matthias, als Linda ihm später davon erzählte.

»Ach, komm schon.« Lachend stupste sie ihren Freund an. »Bist du etwa eifersüchtig?«

»Wie denn? Wir sehen uns ja kaum noch.«

Das stimmte, und Linda wusste es. Es war nämlich genau andersherum. Philipp war neidisch auf ihre Freundschaft mit Matthias. Er tat alles Mögliche, damit sich die beiden nicht mehr sahen. Und nicht nur dafür sorgte er ...

***

»Bella Linda!«, rief eine Stimme von weit her.

Linda drehte sich im Halbschlaf um. Es dauerte einen Moment, bis ihr bewusst wurde, wer sie da gerufen hatte. Es gab nur einen Menschen auf der ganzen Welt, der sie so nannte.

Sie fuhr im Bett hoch, sah zuerst auf den Wecker – erst kurz nach Mitternacht – und dann hinüber in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

»Phil?«

»Mach das Fenster auf!«

Im Gegensatz zu Philipp konnte sich Linda keine eigene Wohnung leisten und lebte noch im Haus ihrer Eltern. Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen und lauschte. Ein Glück, kein Laut von ihrer Mutter! Linda schlüpfte aus dem Bett und huschte durch das Zimmer, bedacht darauf, nicht auf die knarrende Holzdiele zu treten. Das Fenster stand einen Spaltbreit offen.

»Meine Güte, Phil, was machst du um diese Uhrzeit hier? Du hast mich zu Tode erschreckt.«

»Dafür siehst du noch ziemlich lebendig aus.« Mit der Hand schob er das Fenster auf und schwang sich über den Sims. Eine kühle Brise bauschte die Vorhänge auf. Mit einem Satz stand er im Zimmer. »Wo hast du heute gesteckt? Ich hab den ganzen Tag versucht, dich zu erreichen.«

Philipps Gesicht lag im Schatten. Linda fühlte nur, wie sein Blick auf ihrem Körper brannte. Reflexartig verschränkte sie die Arme vor der Brust. Sie fühlte sich wie bei einem Verhör, so ganz ohne Make-up, in einem riesigen T-Shirt, das die blauen Flecken am ganzen Körper nur unzureichend verbarg.

»Ich habe meinen Eltern geholfen, Opas Wohnung auszuräumen.«

»Ist die Wohnung auf dem Mars, oder warum war dein Handy aus?«

Linda spürte, wir ihr das Blut in die Wangen schoss.

»Ich habe diesen Monat kein Geld mehr, um Guthaben aufzuladen.«

Wie erwartet lachte Philipp. Es klang abfällig.

»Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der noch keinen Handyvertrag hat.«

»Ich wollte mir ja einen Job suchen. Aber du findest ja, dass wir dann zu wenig Zeit füreinander haben.«

»Du etwa nicht?«, kam prompt die Gegenfrage. »Abgesehen davon solltest du nicht vom Thema ablenken. Du hättest mir sagen sollen, wo du hingehst.« Phils Stimme dröhnte durch die Stille des Hauses. Doch Linda wagte es nicht, ihn zu bitten, leiser zu sein. »Und weshalb hat das so lange gedauert? Wer war noch dabei? Matthias etwa?«

»Nein, natürlich nicht.«

Im Normalfall hätte sein Interesse Linda geschmeichelt. Doch der Unterton in seiner Stimme machte sie nervös.

»Ich muss wissen, wo du bist.« Phil machte einen Schritt auf sie zu. Er stand so dicht vor Linda, dass ihr sein teures Parfum in die Nase stieg. »Deshalb habe ich das hier für dich gekauft.«

Er drückte ihr etwas Glattes, Kaltes in die Hand.

Linda hob die Hand. Das Licht der Nachttischlampe fiel auf das viereckige Gerät und das unverkennbare Logo des Herstellers, das auf der Rückseite prangte.

»Ein Handy?«

»Das neueste Modell«, frohlockte Phil. »Gefällt es dir? Es hat 256 Gigabyte Speicherkapazität, damit du nie mehr wieder eine Nachricht von mir löschen musst. Mit dem Teleobjektiv der Kamera kannst du super Fotos von mir schießen. Eine bessere Videoqualität findest du bei keinem anderen Gerät auf der Welt.«

»Aber das kann ich mir nicht ...«

»Keine Angst, Bella Linda.« Er legte die Arme um ihre Schultern und zog sie an sich. »Das ist ein Geschenk. Die Karte läuft über meinen Vertrag.«

»Oh, Phil, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, stammelte Linda in seinen Armen.

»Wie wäre es mit ›danke‹? Übrigens ist meine Nummer unter der Drei als Kurzwahl eingespeichert.« Sein heißer Atem streifte ihren Hals. »Ab jetzt gibt es keine Ausreden mehr.«

***

Je länger die Beziehung zwischen Philipp und Linda dauerte, umso unglücklicher wurde Matthias. Anfangs hatte er sie sogar verstanden. Er kannte Linda gut genug, um zu wissen, welche Bestätigung das Interesse des Unternehmersohns für ihre verletzte Seele war.

Dennoch war er tief in seinem Inneren davon überzeugt gewesen, es würde sich nur um eine kurze Episode handeln. Irgendwann würde Linda feststellen, wie oberflächlich dieser Schnösel in Wirklichkeit war. Und dann würde sie endlich begreifen, wer der richtige Mann für sie war. Der Mann, der sie liebte, wie sie war, mit all ihren Einschränkungen, die in seinen Augen gar keine waren. Der Mann, der um ihr großes Geheimnis wusste und der ihr helfen wollte, es endlich zu überwinden.

Matthias wollte derjenige sein, der die Last von Lindas Schultern nahm; eine Last, die auf ihnen ruhte, seit die junge Frau denken konnte.

Doch die Dinge entwickelten sich nicht so, wie Matthias es gehofft hatte. Statt eines Tages reumütig zurückzukehren und endlich ihre Liebe für ihn zu entdecken, zog sich Linda mehr und mehr zurück. Bald war sie nur noch an der Seite von Philipp Wolf anzutreffen.

Und wenn die Freunde sich doch einmal allein auf einem der Uni-Flure trafen, wirkte Linda wie ein verschrecktes Reh, das nur darauf wartete, wieder im Dickicht verschwinden zu können. Dann flogen ihre Blicke hin und her, dass sie sich gar nicht auf seine Worte konzentrieren konnte.

Wie damals, als sie so mir nichts, dir nichts aus seinem Leben verschwunden war, hatte Matthias versucht, Linda zu vergessen. Doch diesmal war es anders. Inzwischen waren sie erwachsen geworden. Ihr Anblick beim Wiedersehen nach all den Jahren hatte ihn getroffen wie ein Blitz. Seit diesem magischen Moment hatte Matthias gewusst, dass er sie liebte, wie er nie mehr wieder eine Frau lieben würde. Dass sie sich fast jeden Tag in der Uni über den Weg liefen, machte die Sache nicht unbedingt besser.

Matthias hatte hin und her überlegt, was er tun sollte. Nachdem er aber keine Idee gehabt hatte, wie er Philipp Wolf in den Schatten stellen sollte, hatte er einfach abgewartet. Irgendwann würde Linda doch begreifen müssen. Den Ausschlag, an dieser Situation etwas zu ändern, gab jedoch erst die Bitte seiner Tante.

»Wo steckt eigentlich Linda? Das liebe Mädchen war schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr hier. Kannst du sie nicht mal wieder einladen? Wir hatten immer so viel Spaß beim Domino spielen. Obwohl sie wusste, dass ich schummle, hat sie sich nie beschwert.«

Matthias' Herz wurde schwer, wenn er nur an Linda dachte.

»Das Studium ist ganz schön anspruchsvoll. Wir müssen alle ziemlich viel lernen«, redete er sich heraus.

»Trotzdem wird sie doch mal ein Stündchen Zeit haben für eine arme, alte Frau. Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.«

Tante Winnie zwinkerte ihrem Neffen zu und lächelte so strahlend, dass er es nicht übers Herz brachte, ihr die Bitte abzuschlagen.

»Solche Reden will ich gar nicht hören!«, schimpfte Matthias seine Tante. Ganz wohl war ihm trotzdem nicht dabei, denn im Grunde hatte Winnie recht. Wer wusste schon, wie viel Zeit einem auf dieser schönen Erde vergönnt war? »Aber gut, ich werde sehen, was ich tun kann«, versprach er.

Seither waren schon wieder ein paar Wochen ins Land gegangen. Weihnachten und Silvester waren vorbei. Schon roch die Luft wieder nach Frühling. Die Vögel zwitscherten um die Wette, und die Äste der Bäume streckten das erste Grün der Sonne entgegen. Und noch immer war es Matthias nicht gelungen, Linda allein zu sprechen. Ständig summte der Schnösel um sie herum und schien sie zu bewachen wie seinen Augapfel.

An diesem Sonntagmorgen im März lag Matthias im Bett und lauschte auf das Morgenkonzert vor seinem Fenster. Was stand für heute auf dem Plan? Ach ja, die Einladung bei Winnie.