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Robin Kronberg wird mit Fieber, trockenem Husten und sehr schlechtem Blutbild in die Waldner-Klinik eingeliefert. Der junge Tenor hat bereits seit mehreren Tagen Beschwerden, die trotz Schmerzmittel und verschiedenster Hausmittel nicht besser werden, sondern sich sogar verschlechtern. Dr. Frank glaubt nicht an eine einfache Erkältung, ist doch der Entzündungswert des Patienten astronomisch hoch. In der Klinik wird Robin intravenös mit Antibiotikum versorgt und überwacht.
Als die Werte sich weiter verschlechtern, ist schnelles Handeln angesagt. Auf dem Röntgenbild der Lunge sieht man, dass der rechte untere Lungenflügel entzündet ist. Internist Dr. Stein möchte dem weiter auf die Spur gehen und ordnet ein CT an. Dort lässt sich ein Fremdkörper erkennen. Die Ärzte drängen nun auf eine Bronchoskopie. Der Befund muss abgeklärt werden. Handelt es sich womöglich um einen Tumor?
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Fremdkörper
Vorschau
Impressum
Fremdkörper
Arztroman um einen unerwünschten »Gast«
Robin Kronberg wird mit Fieber, trockenem Husten und sehr schlechtem Blutbild in die Waldner-Klinik eingeliefert. Der junge Tenor hat bereits seit mehreren Tagen Beschwerden, die trotz Schmerzmittel und verschiedenster Hausmittel nicht besser werden, sondern sich sogar verschlechtern. Dr. Frank glaubt nicht an eine einfache Erkältung, ist doch der Entzündungswert des Patienten astronomisch hoch. In der Klinik wird Robin intravenös mit Antibiotikum versorgt und überwacht.
Als die Werte sich weiter verschlechtern, ist schnelles Handeln angesagt. Auf dem Röntgenbild der Lunge sieht man, dass der rechte untere Lungenflügel entzündet ist. Internist Dr. Stein möchte dem weiter auf die Spur gehen und ordnet ein CT an. Dort lässt sich ein Fremdkörper erkennen. Die Ärzte drängen nun auf eine Bronchoskopie. Der Befund muss abgeklärt werden. Handelt es sich womöglich um einen Tumor?
Die Familie des Unternehmers Rieger hatte sich am ovalen Esstisch versammelt. Man nahm das Abendessen ein. Soeben trug Haushälterin Wanda die Vorspeisenteller zurück in die Küche.
Bis zum Hauptgang, der aus Hirschragout mit Preiselbeeren und Pilzknödeln bestand, dauerte es noch ein paar Minuten. Den Hirsch hatte Walter Rieger, Besitzer eine Elektro-Handels-Kette, selbst erlegt, wie er gerade zum wiederholten Mal verkündete.
Seine Tochter Lena unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. Sie hätte gern die kurze Pause genutzt, um etwas viel Wichtigeres mitzuteilen, etwas, was nicht nur sie, sondern die ganze Familie betraf. Aber Vater Walter mochte es nicht, wenn man ihn bei den Erzählungen seines Jagdglücks unterbrach.
Lenas Mutter Elisabeth spielte nachdenklich mit dem Stil ihres Wasserglases, während Tante Mia sich immer wieder ein Stückchen Weißbrot in den Mund schob und dabei viele Krümel auf der Tischdecke hinterließ.
»Der Hirsch wird euch schmecken«, versicherte Walter und warf ein Blick in die Runde. Erst jetzt schien ihm aufzufallen, dass der Platz neben Lena leer war. Die breite Stirn legte sich in Falten. »Wann kommt Martin? Er sollte pünktlicher sein. Wir können nicht mit dem Essen auf ihn warten. Oder bearbeitet er gerade einen komplizieren Fall? Der Junge arbeitet einfach zu viel.«
Lena räusperte sich. Sie prüfte kurz den Gesichtsausdruck eines jeden Familienmitglieds und versuchte sich vorzustellen, wie ihre Botschaft ankommen würde. Mit einem kurzen Schlag des Dessertlöffels gegen ihr Glas erzeugte sie ein Klirren. Sie wandte sich an ihren Vater.
»Martin kommt heute nicht.« Und nach einem weiteren Blick in die Runde: »Ich habe euch etwas zu sagen.«
»Nur zu, mein Goldkind!«, erklärte ihr Vater Walter leutselig. »Du weißt doch, für mein Schätzchen habe ich immer ein Ohr.«
Mutter Elisabeth nickte ihr zu, und Tante Mia hörte vorerst mit der Brotkrümelei auf. Lena erinnerte sich an die Worte ihres Hausarztes Dr. Frank, den sie vor Kurzem auch um Rat wegen ihrer persönlichen Situation gebeten hatte.
»Sagen Sie einfach schnörkellos, was gesagt werden muss. Auch wenn die Familie sich aufregt, Sie werden sich erleichtert fühlen.«
Lena biss kurz die Zähne zusammen, bevor sie sprach.
»Ganz richtig, Papa. Martin kommt heute nicht«, verkündete Lena mit fester Stimme. »Er kommt auch morgen nicht. Er kommt überhaupt nicht mehr. Wir haben unsere Verlobung gelöst. Es wird also keine Hochzeit geben.«
»Aber wir haben doch schon mit der Planung begonnen!«, entfuhr es Elisabeth bestürzt. »Habt Ihr euch gestritten?«
Tante Mia, Mutters ältere Schwester und im Herzen mit ihren siebzig Jahren immer noch ein Hippie-Mädchen, beugte sich neugierig über den Tisch.
»Oder ist euch die Liebe abhandengekommen?«
Walter Rieger allerdings hatte es für ein paar Augenblicke die Sprache verschlagen. Die Stirnfurchen wurden noch etwas tiefer. Er rang nach Luft.
»Was soll das heißen?«, fragte er mit der gepressten Stimme, die bei ihm fast immer einem Zornausbruch vorausging.
Lena ließ sich nicht verunsichern. Sie kannte ihren Vater und konnte daher seine Reaktion gut einschätzen.
»Es heißt das, was ich gesagt habe. Mit Martin ist es vorbei. Ende, aus. Wir haben unsere Verlobung gelöst.« Sie warf ihrem Vater einen angriffslustigen Blick zu. »Was ist daran nicht verstehen? Es soll doch schon mal vorkommen, dass Menschen sich wieder trennen, selbst dann, wenn sie schon verheiratet sind.«
Wanda trug die Platten mit dem Hauptgang auf. Niemand griff zu.
»Und warum?« Jetzt fing Walter an, umständlich die Brille zu putzen. »Streitereien kann man beilegen.«
Jetzt kam des Geständnisses zweiter Teil.
»Wenn man das will. Ich will aber nicht«, erklärte Lena. »Ich liebe einen anderen. Schon seit einiger Zeit. So, und jetzt wisst ihr es endlich.«
Walter setzte seine Brille auf.
»Ja, bist du denn von allen guten Geistern verlassen?«, donnerte er. »Ich habe darauf vertraut, dass du und Martin ... Martin ist ein hervorragender Anwalt. Ich brauche ihn in der Firma ...«
»Dem steht doch nichts im Wege«, versetzte Lena. »Wir sind im Guten auseinandergegangen.«
»Und wer ist der Neue?«, fragte Tante Mia, die stets behauptete, nicht neugierig zu sein. Sie wollte nur immer alles wissen.
»Er heißt Robin Kronberg und ist Sänger. Er ist Tenor.«
»Tenor?«, kreischte Mama. »Um Himmels willen!«
Walter blieb der Mund offen stehen, ohne dass ein Wort herauskam.
»Ja, Opernsänger«, erwiderte Lena sichtlich stolz. »Robin ist ein dramatischer Tenor, er singt Mozart, Puccini und Verdi. Ihm wird noch eine große Karriere vorausgesagt. Ich kann euch einige Kritiken zeigen ...«
»Was er singt, interessiert mich einen feuchten Kehricht!«
In Walters Mundwinkeln sammelten sich schon kleine Schaumflöckchen.
»Meinetwegen soll er Alle meine Entchen schmettern, aber du wirst ihn nicht heiraten«, tobte Walter lautstark und schlug mit der Hand so heftig auf den Tisch, dass die Gläser und das Besteck gleichermaßen klirrten. »So jemand kommt mir nicht ins Haus.«
Das Hirschragout in Rotwein erkaltete still vor sich hin.
»Ein Künstler!«, rief Tante Mia begeistert. »Kann er auch was Rockiges?«
»Den nimmst du nicht. Niemals!«, bekräftigte Walter mit einem wütenden Schnaufer. »Schlag dir den aus dem Kopf. Ich werde einer Heirat niemals zustimmen.«
»Das ist auch nicht nötig, Papa. Ich bin fünfundzwanzig. In diesem Alter heirate ich, wen ich will.«
»Denk doch an die Familie«, jammerte Elisabeth. »Eine geplatzte Verlobung macht in unseren Kreisen keinen guten Eindruck.«
Lena lachte auf. »Das ist mir vollkommen gleichgültig. In unseren Kreisen, wie du es nennst, passieren viel schlimmere Dinge. Und wer sich über mein Privatleben aufregt, ist selbst schuld.«
»Ich werde mit Martin telefonieren.« Walter hatte sich immer noch nicht beruhigt.
»Das kannst du gern tun, Papa, aber es ändert rein gar nichts an meinem Entschluss. Martin und ich, wir sind geschiedene Leute. Findest euch damit ab. Sollten wir jetzt nicht essen?«
Walter knallte seine Serviette auf den Tisch und wuchtete sich hoch.
»Mir ist der Appetit vergangen«, knurrte er und verließ das große Esszimmer.
»Walter!«, rief seine Frau und eilte wie eine Henne hinter ihm her. »Denk doch an dein Herz.«
Lena war nun mit Tante Mia allein.
»Glaubst, dass die zwei sich noch mal einkriegen?«
Mia verzog das Gesicht.
»Keine Ahnung. Das war wirklich ein harter Schlag für deine Eltern. Aber meinen Segen hast du. Das Wichtigste im Leben ist die Liebe und nicht die gute Versorgung und schon gar nicht eine arrangierte Ehe.«
»So arrangiert war meine Beziehung zu Martin gar nicht. Ich hatte ihn schon sehr gern. Und versorgen kann ich mich selbst. Aber seit ich Robin kenne, weiß ich erst, was wahre Liebe ist.«
»Genau das meine ich. Auf mich kannst du jedenfalls zählen. Und dein Vater kann dich nicht zwangsverheiraten, auch wenn er das liebend gern tun würde.« Mia griff nach der Tischglocke und läutete.
Wanda kam herein. »Ist was mit dem Ragout?«, fragte sie erschrocken. »Sie haben ja gar nichts angerührt. Schmeckt es nicht?«
»Ach bitte, Wanda, können Sie es noch mal ein wenig aufwärmen?«, bat Lena. »Jetzt würde ich schon ganz gern was davon essen.«
»Ich auch«, schloss sich Mia ihrer Nichte an.
Fünf Minuten später ließen sie es sich schmecken.
Lena war froh, dass wenigstens eine Person aus der Familie sie verstand. Tante Mia hatte zwar nichts zu sagen, sie war ja nur als Mamas mittellose Schwester im Haus geduldet. Aber die Zustimmung stärkte Lenas Verfassung. Nachdem sie mit Mia gegessen hatte, fuhr sie in ihre Grünwalder Wohnung, wo Robin schon auf sie wartete.
Eigentlich wollten die Eltern, dass ihr einziges Kind bei ihnen in der großen Bogenhausener Jugendstil-Villa wohnte. Aber Lena wollte auf eigenen Beinen stehen, in ihrer eigenen Wohnung leben und ihr eigenes Geld verdienen. Und da sie bereits Anteile an der Firma besaß, vererbt vom Großvater, konnte sie sich das auch leisten.
***
»Komm her, mein Engel.«
Mit einem Jubellaut stürzte sich Lena in die geöffneten Arme ihres Liebsten. Sie schmiegte ihr Gesicht an seinem Hals, küsste ihn und fuhr mit beiden Händen durch sein dunkelblondes Haar.
Robin schob sie ein wenig von sich weg, um sie besser betrachten zu können.
»Jetzt sag schon, wie war's?«
»Mein Vater hat noch schlimmer reagiert, als ich dachte. Er ist vom Tisch aufgesprungen und davongerauscht, ohne was zu essen. Meine Mutter ist natürlich hinter ihm her. Dann haben Mia und ich zu zweit gegessen.«
»Du hast ihm mit deinem Geständnis den Appetit verdorben«, stellte Robin fest. »Tut mir schon irgendwie leid.«
Lena winkte gelassen ab.
»Vergiss es. Er kann sich noch so sehr ärgern oder wettern, sein Appetit kommt auf jeden Fall wieder. Ich fühle mich nicht im Geringsten schuldig. Er soll sein Leben haben und mir das meinige lassen. Das muss er begreifen.«
Immer noch Arm in Arm ließen sie sich auf das Sofa sinken.
»Gut, dass sie jetzt Bescheid wissen. Nun haben sie was zum Nachdenken. Wir zwei werden jedenfalls wie ausgemacht heiraten.«
»Ohne deine Eltern?«
»Wenn sie nicht kommen, dann ja, ohne meine Eltern!«, bekräftigte Lena.
»Ich hoffe, du wirst das nie bereuen.«
Sie umfasste sein Gesicht und knabberte zärtlich an seinem Kinn.
»Ich bereue nichts«, sagte sie. »Du bist der Mann meines Lebens. Heute und überhaupt für immer. Ich weiß es einfach. Mein Vater kann Purzelbäume schlagen, ich werde trotzdem nicht nachgeben. Wär ja noch schöner, wenn ich, eine Frau im einundzwanzigsten Jahrhundert, mir vom Vater mein Leben vorschreiben lassen müsste.«
Sie kannten sich nun zwar erst acht Monate, aber Lena wusste, was sie wollte: Den attraktiven Robin Berghof, ein gutgebautes Mannsbild mit einer sensiblen Künstlerseele. Und dennoch, es war ihr nicht leichtgefallen, Martin die Verlobung aufzukündigen, aber der hatte weit weniger Theater gemacht als ihr Vater.
»Meiner Mutter graut es hauptsächlich vor dem Gerede ihrer Freundinnen. Aber da muss sie durch, das kann ich ihr nicht ersparen.«
»Lass deinen Eltern einfach Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen«, schlug Robin vor.
»Aber das tu ich doch auch. Ich werde meine Mutter morgen anrufen und ihr meine Gesprächsbereitschaft anbieten. Ich lasse über alles mit mir reden, nur nicht darüber, dich aufzugeben.«
»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich dich liebe, mein Schatz. Deine Entschlusskraft und deine Energie imponieren mir sehr. Wir werden glücklich sein, das weiß ich. Du bist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.«
Sie redeten noch lange über das verkorksten Abend mit Lenas Eltern. Ursprünglich hatte Lena sogar vorgehabt, Robin einfach zum Essen mitzubringen und die Familie vor vollendete Tatsachen zu stellen, doch davon hielt Robin nichts. So ein Überraschungscoup war in seinen Augen kein guter Einstieg. Vielmehr versuchte er beharrlich, Brücken zu bauen.
»Deine Eltern lieben dich, sie müssen einsehen, dass du einen eigenen Willen hast, den du auch durchsetzen wirst. Schließlich bist du die Tochter deines Vaters und hast sicher einige Eigenschaften von ihm mitbekommen, wie zum Beispiel dein Durchsetzungsvermögen. Das müsste ihn doch stolz machen.«
»Wir werden sehen«, entgegnete Lena. »Wie auch immer, ich habe entschieden – und dabei bleibt es.«
Gegen Mitternacht gingen sie zu Bett. Robin hatte zwar noch ein Apartment in der Marienstraße zehn, aber dort hielt er sich zurzeit nur selten noch auf. Allerdings wollte er diese kleine Wohnung auch nicht aufgeben. Nach langen Opernproben konnte er zu Fuß dort hingehen und musste nicht mehr nach Grünwald fahren. Auch wenn sie zusammen ins Zentrum ausgingen, hatten sie immer eine gemütliche Bleibe in der Nähe.
Er hatte schon einige Gastauftritte in der Bayrischen Staatsoper gehabt, nun sollte er zur nächsten Herbstsaison einen Vertrag als festes Ensemblemitglied bekommen.
***
Als Lena am nächsten Morgen erwachte, war ihr Ärger über die Reaktion des Vaters weitgehend verflogen. Dass Robin schon in der Küche hantierte, erkannte sie an dem verlockenden Gebäck- und Kaffeearoma, das bis zu ihr ins Bett zog.
Sie schlüpfte in ihren Seiden-Kimono. Der Tisch war gedeckt mit herrlich duftenden Croissants, Konfitüre und Butter. In einer silbernen Kanne befand sich die aufgeschäumte Milch.
»Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen? Du siehst wundervoll aus. Darf ich dir den Kaffee eingießen?«
Lena lächelte gerührt. Nach dem Streit mit dem Vater hatte es zum Ausgleich himmlischen Sex mit Robin gegeben. Und jetzt dieses wunderbare Frühstück. Nein, sie hatte keinen Grund, sich zu beklagen. Das Leben wundervoll. Sie liebte Robin, ihren Traummann, und wurde wieder geliebt. Ihnen konnte also gar nichts Widriges passieren.
»Erst einen Kuss«, verlangte die junge Frau.
Bereitwillig kam Robin ihrer Aufforderung nach. Besser konnte ein Tag kaum beginnen.
***
»Die Rückenschmerzen haben sich also gebessert? Das sind gute Nachrichten.«
Dr. Frank war zufrieden mit dem, was er von Lena Rieger hörte.
Die junge Frau lächelte. »Vielleicht, weil ich mich endlich gegen meinen Vater durchgesetzt habe.«
Dr. Frank war neugierig. »Ach, das interessiert mich aber jetzt. Also natürlich nur, wenn Sie mir davon erzählen möchten.«
Und jetzt erfuhr der Grünwalder Arzt, was sich im Hause Rieger abgespielt hatte. Er selbst hatte ihr ja immer zugeredet, Symptome wie Verdauungsbeschwerden und Rückenschmerzen als Signale des Körpers zu begreifen in dem Sinne, dass er mit den körperlichen Auswirkungen ungelöster seelischer Probleme überfordert war.
Für die Blasenentzündungen, die in den letzten beiden Jahren aufgetreten waren, hatte Dr. Frank ihr ein Medikament verschrieben, aber auch die Ansicht vertreten, dass aus psychosomatischer Sicht die Blasenentzündung einen Konflikt zwischen Festhalten-wollen und Loslassen-müssen darstellen konnte.
Diese Erklärung hatte Lena sehr treffend gefunden und die Erkenntnis auf sich wirken lassen. Seitdem waren diese Beschwerden verschwunden.
»Das wollte ich Ihnen sagen, Dr. Frank: Robin und ich, wir werden heiraten. Der Termin steht schon fest.« Lena hielt kurz inne. »Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich endlich meine eigenen Entscheidungen treffe und auch dazu stehe. Ich lasse mich nicht mehr unter Druck setzen. Meine Eltern haben schon angedroht, nicht zu kommen. Und wie ich meinen Vater kenne, zieht er das auch durch.«
»Jetzt versuchen Sie erst mal, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Und vielleicht ändert Ihr Vater seine Meinung noch und will doch dabei sein, wenn seine einzige Tochter heiratet.«
»Das glaube ich nicht. Er ist selten bereit, einen Fehler zuzugeben, selbst den offensichtlichsten nicht. Hoffentlich werde ich im Alter nicht so sein wie er. Ich danke Ihnen jedenfalls sehr, Herr Doktor. Durch sie habe ich einiges über mich gelernt. Jetzt weiß ich, wie wichtig es ist, auf seinen Körper zu hören.«
***
Nach dem Besuch bei ihrem Hausarzt fuhr Lena in die Rieger-Zentrale im Stadtteil Giesing. Kaum hatte sie ihr Büro betreten, wurde sie auch schon von der Sekretärin ihres Vaters telefonisch gebeten, ebenjenen aufzusuchen.
»Guten Morgen, Papa«, sagte sie betont gut gelaunt beim Betreten des Büros.
Walter Rieger knurrte etwas, das alles Mögliche heißen konnte, aber eher nicht wie eine Begrüßung klang.
Lena ließ sich nicht verunsichern und blieb bei ihrem lockeren Ton. »Was gibt's?«
»Setz dich bitte.«
»Gibt es einen Kaffee?«, frage Lena freundlich.
»Nein«, blaffte Walter. »Das hier ist kein Kaffeekränzchen. Wir haben über etwas Wichtiges zu reden. Über die Firma.«
Die junge Frau zuckte gelassen mit den Schultern. »Nur zu.«
