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Jennifer Friedrichs geht in die dreizehnte Klasse des Grünwalder Gymnasiums. Niemand zweifelt daran, dass das bildhübsche Mädchen im nächsten Sommer ein Einserabitur ablegen wird. Auch die Eltern haben hohe Erwartungen an ihre einzige Tochter. Nach dem Willen des Vaters soll Jenny nach einem Jurastudium in seine international renommierte Wirtschaftsrechtskanzlei einsteigen. Die Mutter wiederum kann sich für ihre musisch begabte Tochter eine Laufbahn als Opernsängern vorstellen, denn ihre eigene als Balletttänzerin hat sie damals für die Karriere ihres Mannes aufgegeben.
Aufgrund der belastenden familiären Situation leidet Jenny trotz ihrer hervorragenden schulischen Leistungen an starken Selbstzweifeln; oft fühlt sie sich wie das sprichwörtliche hässliche Entlein, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Zusätzlich wird sie von einigen Mitschülerinnen gemobbt. Als es während einer Schultheateraufführung, bei der Jenny die Hauptrolle spielt, wieder einmal zu einem Streit zwischen den Mädchen kommt, ritzt sich die Schülerin am Abend zum ersten Mal die Haut. Jenny verspürt eine tiefe Erleichterung, als die Rasierklingen in ihre Haut schneiden ...
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Versteckte Wunden
Vorschau
Impressum
Versteckte Wunden
Arztroman um Selbstzweifel und Selbstverletzung
Jennifer Friedrichs geht in die dreizehnte Klasse des Grünwalder Gymnasiums. Niemand zweifelt daran, dass das bildhübsche Mädchen im nächsten Sommer ein Einserabitur ablegen wird. Auch die Eltern haben hohe Erwartungen an ihre einzige Tochter. Nach dem Willen des Vaters soll Jenny nach einem Jurastudium in seine international renommierte Wirtschaftsrechtskanzlei einsteigen. Die Mutter wiederum kann sich für ihre musisch begabte Tochter eine Laufbahn als Opernsängern vorstellen, denn die eigene als Balletttänzerin hat sie für die Karriere ihres Mannes aufgegeben.
Aufgrund der belastenden familiären Situation leidet Jenny trotz ihrer hervorragenden schulischen Leistungen an starken Selbstzweifeln; oft fühlt sie sich wie das sprichwörtliche hässliche Entlein, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Zusätzlich wird sie von einigen Mitschülerinnen gemobbt. Als es während einer Schultheateraufführung, bei der Jenny die Hauptrolle spielt, wieder einmal zu einem Streit zwischen den Mädchen kommt, ritzt sich die Schülerin am Abend zum ersten Mal die Haut. Jenny verspürt eine tiefe Erleichterung, als die Rasierklingen in ihre Haut schneiden ...
»So, jetzt versammelt euch bitte mal! Und hört um Gottes willen auf zu schnattern. Silence please! Hier geht es ja zu wie in einem Hühnerstall!«
Die laute Stimme der Englischlehrerin und ihr ungeduldiges Händeklatschen hallten durch die Aula und verursachten ein eigenartiges Echo in dem alten Gebäude.
Dass es hier heute überhaupt so summte wie in einem Bühnenstock, lag daran, dass die dreizehnte Jahrgangsstufe an diesem tristen Novemberfreitag zum letzten Mal das Theaterstück probte, welches in zwei Tagen seine Uraufführung in der Aula erleben würde. Für den gesamten Vormittag war ihnen das altehrwürdige Gebäude für die Generalprobe zur Verfügung gestellt worden.
Normalerweise wurde es für Ehrungen, Tagungen oder ähnliche Veranstaltungen genutzt. Auch die Stadt München mietete die Aula manchmal an. Heute jedoch durften sich die Schüler und Schülerinnen des Englisch-Leistungskurses in den alten Gemäuern austoben – und das Beste daran war, dass diese Generalprobe in der regulären Unterrichtszeit stattfand.
Der Kurs probte Shakespeares »Romeo und Julia«, allerdings in einer zeitgemäßen Bearbeitung, denn die Schüler hatten daraus ihr diesjähriges Theaterprojekt gemacht. Um dabei möglichst vielen zumindest eine kleine Rolle zu geben, war das Stück in mehrerlei Hinsicht abgewandelt worden. Zum Beispiel spielte sich die bekannte Feindschaft nicht mehr zwischen zwei Familien im alten Italien ab, sondern zwischen den Schülern zweier Schulen im heutigen München.
Trotzdem war das Grundthema natürlich das gleiche geblieben. Aber die Handlung ging in der neuen Version nur beinahe tragisch aus, anders als im Original, denn jetzt würde Julia rechtzeitig aus ihrem tiefen Schlaf erwachen und damit verhindern, dass sich Romeo in der Annahme, seine Geliebte habe sich das Leben genommen, ebenfalls umbrachte.
Natürlich hatten sie im Kurs lange diskutiert, welche moderne Substanz den Tiefschlaf von Julia vortäuschen sollte. Aber obwohl die Englischlehrerin normalerweise sehr tolerant war und bisher so gut wie allen ihren Änderungen zugestimmt hatte, hatten die Schüler mit ihrer Idee, Marihuana als Substanz der Wahl zu benutzen, bei ihr doch auf Granit gebissen.
Deshalb hatte man sich – diplomatisch und kompromissbereit, wie es sich für eine dreizehnte Klasse gehörte, die in einem knappen Jahr in die Erwachsenenwelt entlassen werden wollte – schließlich darauf geeinigt, die schlaferzeugende Substanz gar nicht zu erwähnen.
Aber zu einer Abschlussklasse eines Gymnasiums gehörten nun mal auch die obligatorischen Abschlussstreiche. Und so hatten die Schüler untereinander verabredet, dass man zumindest dem eingeweihten Teil des Publikums heimlich doch irgendwie zeigen würde, wovon die Rede war.
Die ganze Sache versprach ein großer Spaß zu werden, denn es stand nicht viel auf dem Spiel. Dem gesamten Leistungskurs einen Schulverweis zu geben, das konnte sich der Direktor nicht leisten, ohne Gefahr zu laufen, dass seine Schule damit zum Stadtgespräch wurde. Die Aufführung wurde ja nicht nur vor Lehrern, Eltern und Geschwistern gezeigt, sondern auch vor etlichen geladenen Ehrengästen aus dem Förderverein und dem öffentlichen Leben.
Im Moment standen die Schüler und Schülerinnen hinter dem samtartigen Theatervorhang und warteten auf den Beginn der Generalprobe. Heute sollte alles ganz genauso ablaufen wie in der Hauptvorstellung, zu der die Aula wahrscheinlich bis zum Bersten gefüllt sein würde. Deshalb sollte jetzt auch geprobt werden, wie lange man warten musste, bis alle imaginären Besucher ihre Plätze eingenommen hatten und das Scharren, Rascheln und Flüstern im Publikum verstummt war.
Unter den jungen Schauspielerinnen hinter dem Vorhang befand sich auch Jennifer Friedrichs, achtzehn Jahre alt und beste Schülerin im Englisch-Leistungskurs, so dass es keine Frage gewesen war, dass sie die Julia spielen würde, denn diese Rolle hatte auch in der bearbeiteten Version den meisten Sprechtext.
Dass ausgerechnet Jennifer ausgewählt worden war, bewirkte, dass ihr im Moment nicht nur freundliche Gefühle entgegenschlugen. Hinzu kam nämlich, dass Jennifer nicht nur die Beste im Englisch-Leistungskurs war, sondern die beste Schülerin des Gymnasiums überhaupt. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde sie ihr Abi mit Eins Komma Null abschließen und dadurch sogar Jahrgangsbeste werden.
Außerdem war sie nicht nur geistig, sondern auch körperlich ungerechtfertigt stark vom Schicksal begünstigt worden, jedenfalls fühlte sich das für die anderen so an. Sie galt als eins der – nein, als das hübscheste Mädchen der Schule, und es gab wahrscheinlich keinen Jungen, der nicht schon heimlich mal von ihr geträumt hatte.
Noch schlimmer war, dass Romeo nicht von Jennifers Freund Finn gespielt wurde, sondern von Luca, einem ebenfalls sehr attraktiven, durchtrainierten Einwanderersohn aus Montenegro, in den in der Schule eine Menge Mädchen verschossen waren. Das hatte unter Lucas Verehrerinnen beinahe einen Tumult ausgelöst, und Victoria, Lucas derzeitig Bevorzugte, zu Jennys erklärter Feindin werden lassen.
Denn zu allem Unglück gab es in der bearbeiteten Fassung des Theaterstücks mehrere Kussszenen. Und die hatte Luca ziemlich häufig vermasselt, so dass sie während der Proben öfter wiederholt werden mussten. Nicht nur Victoria, sondern auch die anderen Mädchen waren der Meinung, dass Luca die Gunst der Stunde dabei allzu stark ausnutzte und Jenny während der Proben ungerechtfertigt häufig küsste. Aber anstatt Luca die Schuld dafür zu geben, zogen die Mädchen nun gemeinsam über Jenny her.
Auch jetzt gab es wieder heftiges Getuschel und Gestichel hinter dem Vorhang. Ein Teil davon betraf die Kostüme. Es war beschlossen worden, dass das Stück, wenn schon modern, dann auch in moderner und frecher Kleidung gespielt werden sollte, um die Liebesgeschichte gebührend in den Vordergrund zu stellen, denn das war schließlich das Thema, das in ihrem Alter alle interessierte.
Und zur Liebe gehörte ... richtig, auch der Sex, mit dem die meisten hier schon erste Erfahrungen gemacht hatten. Deshalb sollte Luca alias Romeo in einem hyperengen sexy Muskelshirt auf die Bühne kommen, das seine starken Schultern und das ausgeprägte Sixpack zeigte, während man Julia einen Minirock und ein knappes Shirt verpasst hatte, das den Namen eigentlich gar nicht verdiente.
Es waren Kleidungsstücke, die Jennifer ansonsten nicht zu ihrer Garderobe zählte. Sie fühlte sich darin auch nicht sonderlich wohl und hatte sie zu den Proben bisher nicht getragen.
»Meine Güte, fetter Arsch und flach wie ein Brett, genau die Mischung, die nun wirklich niemand sehen will«, hörte Jennifer hinter ihrem Rücken ein bösartiges Flüstern und gleich darauf ein gehässiges Gelächter, während sie fühlte, wie sie rot wurde.
Es war wahrscheinlich dumm von ihr gewesen, die Rolle überhaupt anzunehmen. Aber ihr hatte die Aussicht gefallen, endlich auch ihr schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen. Denn Jennifer verfügte neben einem ihrem naturwissenschaftlichen auch über großes musisches Talent.
Seit Jahren sang sie im Schulchor und hatte auf Betreiben ihrer Mutter sogar eine stimmliche Ausbildung durchlaufen, außerdem spielte sie Flöte, Geige und und sogar ein bisschen Klavier. Ihr Jugendzimmer schmückten selbstgemalte Aquarelle und mehrere Bilder in Öl und Acryl. Zudem hatte sie jahrelang Ballett getanzt. Und reiten konnte sie auch noch.
Was ihre Mitschülerinnen allerdings nicht wussten: Jennifer fühlte sich trotz allem nicht annähernd so talentiert, wie sie überall wahrgenommen wurde. Im Gegenteil, häufig verspürte sie gerade in der Schule ein quälendes Gefühl des Nichtgenügens, der Hochstapelei und des Versagens.
Jennifer konnte selbst nicht sagen, woher dieses Gefühl kam. Aber im Laufe der Jahre hatte es eher noch zugenommen und dazu geführt, dass sie sich mehr und mehr zurückzog. Und das hätte sie wahrscheinlich noch viel stärker getan, wenn die Lehrer sie nicht ständig zurück ins Rampenlicht geschoben hätten.
Um nicht undankbar zu erscheinen, machte Jennifer dabei meist gute Miene zum bösen Spiel. Aber das ständige Loben ihrer Vorzüge war ihr peinlich. Sie fühlte sich unwohl und zu Unrecht bevorteilt. Alles kam ihr vor wie ein großer Schwindel, der bestimmt irgendwann auffliegen würde.
Und ganz schlimm war es mit ihrem Aussehen. Obwohl ihr von allen Seiten versichert wurde, dass sie mit ihren großen blauen Augen, den blonden Haaren, dem hübschen mandelförmigen Gesicht und ihren vollen Lippen sehr gut und sogar sexy aussah, fand sie sich hässlich, grau und unattraktiv.
Umso schlimmer hatte sie eben der Satz getroffen, den sie mitgehört hatte. Dicker Hintern und flach wie ein Brett? Damit sollte sie jetzt vor den Vorhang treten und in zwei Tagen sogar vor der vollbesetzten Aula spielen; dazu in Klamotten, die all ihre körperlichen Mängel einem erbarmungslosen Publikum noch einmal extra preisgeben würden?
Das konnte nur schiefgehen.
***
Joshua Wegener hatte Mittagspause. Endlich. Seit morgens um sechs Uhr war er schon auf den Beinen, denn seit knapp sieben Wochen arbeitete der gut aussehende junge Mann als BFDler in der Waldner-Klinik in München-Schwabing.
BFDler, das waren Leute, die freiwillig ein Jahr ihres Lebens in den Gemeinschaftsdienst stellten. Früher waren das die sogenannten Zivis gewesen: Zivildienstleistende, die – meist aus Gewissensgründen – den Dienst in der Bundeswehr verweigert hatten und entsprechend in zivilen Einrichtungen eingesetzt worden waren. Seit die Pflicht zur Ableistung des Grundwehrdienstes aber ausgesetzt war, gab es auch die Zivis nicht mehr, denn der Zivildienst war das Äquivalent zum Grundwehrdienst gewesen.
Trotzdem gab es immer noch Menschen wie Joshua, die der Gemeinschaft etwas zurückgeben wollten. Für sie war der Bundesfreiwilligendienst eingeführt worden, den sowohl Männer als auch Frauen ableisten konnten. Anders als beim Freiwilligen Sozialen Jahr gab es hierbei keine Altersbeschränkung, wobei das in Joshuas Fall ohnehin keine Rolle spielte: Mit seinen erst zwanzig Jahren erfüllte er die Voraussetzungen für beide Möglichkeiten.
Beim Bundesfreiwilligendienst gab es trotz der reinen Freiwilligkeit ein monatliches Taschengeld, natürlich Urlaub und pädagogische Begleitung. Man war kranken-, unfall-, pflege- und rentenversichert und hatte Anspruch auf Kindergeld, sofern man den Anforderungen dafür entsprach. Einige Anbieter boten auch Dienstunterkunft und Verpflegung.
Aber all das war nicht der Grund, warum sich Joshua für den Freiwilligendienst entschieden hatte. Vielmehr hatte er seinen Entschluss nach langer und schmerzlicher Überlegung getroffen.
Dabei hatte auch eine Rolle gespielt, dass er immer noch nicht wusste, was er ansonsten mit seinem Leben anfangen sollte. Denn Joshua war mit seinen zwanzig Jahren bereits Waise. Seine Eltern waren vor anderthalb Jahren bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen.
Joshua konnte sich noch sehr gut an den schrecklichen Tag erinnern:
Er hatte begonnen wie jeder andere Tag auch. Joshua hatte sich für die Schule fertiggemacht und nach einem kurzen Abschiedsruf in die Küche, wo die Mutter noch das Frühstücksgeschirr zusammenräumte, bevor die Eltern zur gemeinsamen Arbeitsstelle fahren wollten, die Wohnung verlassen.
Sein älterer Bruder Louis zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren nicht mehr zu Hause, sondern studierte an der Technischen Hochschule in Dresden Informatik. Joshua selbst war zum damaligen Zeitpunkt im letzten Gymnasialjahr gewesen. Nach bestandenem Abitur, so sein Plan, hatte er erst einmal ein Jahr in der Weltgeschichte herumreisen wollen; ein Work-and-Travel-Aufenthalt in Australien oder Neuseeland hatte ihm vorgeschwebt oder eine Reise quer durch Lateinamerika auf Che Guevaras Spuren.
Joshua war jung gewesen und hatte etwas von der Welt sehen wollen, bevor es zu spät war. Nie hätte er geglaubt, dass es längst zu spät sein könnte.
An jenem Abend waren seine Eltern, beide als Justiziare für einen großen internationalen Konzern tätig, nicht heimgekommen. Dafür hatten irgendwann spätnachts zwei Polizisten vor seiner Tür gestanden, höflich um Einlass gebeten und ihm dann eine Nachricht überbracht, die ihn buchstäblich aus den Schuhen gekippt hatte: Das Auto seiner Eltern war auf der Autobahn von einem Lastzug erfasst worden, hatte sich mehrfach überschlagen, und während dem betrunkenen Lastwagenfahrer so gut nichts passiert war, hatten seine Eltern den Unfall nicht überlebt.
Natürlich war Louis sofort von Dresden nach Hause gekommen. Aber der große Bruder, selbst unvermutet zur Waise geworden, hatte es nicht in der Folgezeit vermocht, den jüngeren aufzufangen.
In den Wochen und Monaten nach dem Unglück war Joshua immer mehr in sich versunken, hatte begonnen, die Schule zu schwänzen, sich herumzutreiben, und schließlich sogar zu trinken. Als Louis dann noch mitbekam, dass Joshua Drogen ausprobierte, hatte er die Reißleine gezogen und den jüngeren Bruder schweren Herzens in psychologische Behandlung übergeben.
Wobei das wahrscheinlich die richtige Entscheidung gewesen war. Denn auf diese Weise war Joshua endlich wieder zu sich gekommen. Man hatte ihn buchstäblich in letzter Sekunde von dem Graben zurückgezogen, in den er abzustürzen drohte.
Allerdings war das Abitur verloren. Zu viel hatte er in jenem Jahr versäumt – und sich für ein Jahr zurückstufen zu lassen, um das Versäumte nachzuholen, dafür war Joshua zu stolz gewesen.
Oder zu gleichgültig; das wusste er selbst nicht so genau. Die Schule hatte ihn jedenfalls nicht mehr interessiert, denn es hatte sich ja gezeigt, dass sie, obwohl man dort angeblich fürs Leben lernte, die Schicksalsschläge des Lebens nicht zu verhindern vermochte.
Es hatte ein paar weitere Monate gedauert, dann war Joshua auf eine Idee gekommen und hatte sich als BFDler beworben. Denn das würde ihm nochmals Aufschub geben; ein weiteres Jahr lang, in dem er über seine Perspektiven nachdenken und gleichzeitig etwas Sinnvolles tun konnte.
Dass es für die Tätigkeit nicht mehr als ein Taschengeld gab, war ihm egal gewesen. Geld war ohnehin nicht das Wichtigste in seinem Leben. Auf keinen Fall war es ein Garant für ein glückliches Leben. Denn Joshuas Eltern waren nicht gerade arm gewesen, ihr Beruf hatte ihnen ein gutes Einkommen beschert, und trotzdem hatte es nichts verhindern können.
Wenigstens hatte er die Möglichkeit, weiter das Haus seiner Eltern im Münchener Stadtteil Harlaching zu bewohnen, das jetzt ihm und seinem Bruder gehörte. Außerdem verfügten die beiden Brüder jetzt über das gut gefüllte Bankkonto der Eltern, was bedeutete, dass Joshua zumindest von materieller Seite keine Not drohte.
Trotzdem fühlte er sich wie ein losgerissenes Blatt im Sturm. Was sollte er mit seinem Leben anfangen? Zum Glück hatte sich schon in den Wochen und Monaten nach der psychiatrischen Klinik ganz langsam eine Idee in ihm herauskristallisiert: Joshua wollte Menschen helfen, die ähnliche Schicksalsschläge durchgemacht hatten wie er.
Und wo würde das besser gehen als in einer Klinik? Allerdings hatte seine anfängliche Begeisterung zunächst einmal einen Dämpfer erhalten, denn mit einem abgebrochenen Abitur und keinerlei Ausbildung war nicht viel anzufangen. Es war ein großer Glücksfall gewesen, dass ausgerechnet die Waldner-Klinik in Schwabing ihn als Bundesdienstfreiwilligen angenommen hatte, denn sie hatte einen sehr guten Ruf.
Joshua hatte dem Gremium im Bewerbungsgespräch aber auch sehr freimütig von seinen Lebensumständen erzählt. Und was für andere Chefs vielleicht ein Grund gewesen wäre, ihn aufgrund seiner traumatischen Erfahrungen und des Aufenthaltes in einer psychiatrischen Klinik nicht zu nehmen, hatte beim Leiter der Waldner-Klinik genau zum entgegengesetzten Schluss geführt.
Dr. Ulrich Waldner ging davon aus, dass Joshua mit seiner Vorgeschichte sogar ein besseres Einfühlungsvermögen hatte als manch anderer Pfleger. Also hatte er dem jungen Mann ohne Wenn und Aber eine Stelle angeboten.
