Dr. Stefan Frank 2634 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2634 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

In ihren Berufsjahren als Altenpflegerin sind Claudia Mirbach viele schwerkranke und gebrechliche Menschen begegnet. Sie hat oft genug beobachten können, wie aufopfernd sich Angehörige, Ärzte und Pflegepersonal um die Kranken kümmerten. Das hat sie manchmal mit Neid erfüllt. Sie selbst ist lieblos aufgewachsen. Familiäre Geborgenheit gab es kaum, und dieser Umstand hat Claudia geprägt.
Immer häufiger malt sich die Frau nun in Gedanken aus, wie es wohl wäre, wenn sie eine schwere Krankheit hätte. Dann wäre sie sicher nicht allein. Claudia stellt sich dann vor, wie Familie, Freunde und Kollegen sich um sie Sorgen machen und sie fast täglich im Krankenhaus besuchen würden. Sie sieht sich umgeben von Ärzten und Schwestern, die sich darum bemühen, sie zu heilen. Claudias Wunsch nach Beachtung wird so übermächtig, dass sie eines Tages tatsächlich beginnt, sich Krankheiten auszudenken. Sie scheut weder Schmerzen noch bleibende körperliche Schäden, um glaubhaft zu vermitteln, krank zu sein. Auch vor einer Operation schreckt sie nicht zurück. Der innere Zwang zu lügen, treibt sie immer weiter an - bis sie auf Dr. Frank trifft ...

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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Cover

Wenn die Lüge zur Krankheit wird

Vorschau

Impressum

Wenn die Lüge zur Krankheit wird

Dr. Frank und eine Patientin mit Münchhausen-Syndrom

In ihren Berufsjahren als Altenpflegerin sind Claudia Mirbach viele schwerkranke und gebrechliche Menschen begegnet. Sie hat oft genug beobachten können, wie aufopfernd sich Angehörige, Ärzte und Pflegepersonal um die Kranken kümmerten. Das hat sie manchmal mit Neid erfüllt. Sie selbst ist lieblos aufgewachsen. Familiäre Geborgenheit gab es kaum, und dieser Umstand hat Claudia geprägt.

Immer häufiger malt sich die Frau nun in Gedanken aus, wie es wohl wäre, wenn sie eine schwere Krankheit hätte. Dann wäre sie sicher nicht allein. Claudia stellt sich dann vor, wie Familie, Freunde und Kollegen sich um sie Sorgen machen und sie fast täglich im Krankenhaus besuchen würden. Sie sieht sich umgeben von Ärzten und Schwestern, die sich darum bemühen, sie zu heilen. Claudias Wunsch nach Beachtung wird so übermächtig, dass sie eines Tages tatsächlich beginnt, sich Krankheiten auszudenken. Sie scheut weder Schmerzen noch bleibende körperliche Schäden, um glaubhaft zu vermitteln, krank zu sein. Auch vor einer Operation schreckt sie nicht zurück. Der innere Zwang zu lügen, treibt sie immer weiter an – bis sie auf Dr. Frank trifft ...

»Sie haben nur eine leichte Sehschwäche«, erklärte Dr. Alexandra Schubert und blickte von ihrem Computerbildschirm auf. »Ansonsten sind Ihre Augen völlig gesund.«

Der Augenärztin gegenüber saß Claudia Mirbach. Die Patientin klagte über ständige Kopfschmerzen und hatte daher Dr. Schuberts Praxis aufgesucht.

»Aber woher kommen dann meine Kopfschmerzen?«, fragte die junge Frau. »Ich hatte gedacht, es liegt an meinen Augen. Und mir schon Sorgen gemacht.«

»Ich habe Ihren Augenhintergrund gründlich untersucht und keine Veränderungen entdeckt, die auf eine Wucherung hinweisen. Wir können daher ausschließen, dass Sie einen Tumor im Bereich des Sehnervs haben. Außerdem sind dort auch keinerlei Entzündungsherde, die Ihre Augen beeinträchtigen.«

»Ich hatte so etwas Ähnliches schon befürchtet.« Claudia lächelte erleichtert.

Sie war das erste Mal Patientin bei Dr. Alexandra Schubert. Und von dem freundlichen Umgangston der Ärztin sehr angetan.

Alexandra Schubert hatte sich viel Zeit bei der Untersuchung der Augen und des Augenhintergrundes gelassen. Zum Glück gab es keine unangenehmen Überraschungen. Der anschließende Sehtest lieferte dann die Diagnose.

Doch Claudia wusste, dass sie nicht mehr so gut sah wie früher. Besonders in der Dunkelheit fühlte sie sich oft unsicher, da sie in der Ferne nicht alles erkennen konnte.

»Ich kann Sie wirklich beruhigen«, versicherte Dr. Schubert und lächelte. »Und gegen Ihre Sehschwäche kann man etwas unternehmen. Die leichte Kurzsichtigkeit wird durch eine richtig eingestellte Brille gut ausgeglichen.«

»Ich habe noch nie eine Brille getragen«, bemerkte Claudia Mirbach.

»Sie müssen die Brille nicht immer tragen, Frau Mirbach«, versicherte Alexandra Schubert ihrer Patientin. »Ich rate Ihnen nur, die Brille zunächst beim Autofahren und in der Dunkelheit aufzusetzen. Und beim Fernsehen vielleicht noch. Möglicherweise legen sich dann auch die Kopfschmerzen. Ich denke, Ihre Augen sind überanstrengt.«

Claudia Mirbach zögerte. Sie war noch nicht überzeugt von einer Brille. Statt sich zu freuen, bedauerte sie es fast, dass Dr. Schubert keine andere Diagnose stellte.

Verwundert spürte sie, wie sich in ihrem Inneren Enttäuschung breit machte. Doch was hatte sie erwartet? Einen bösartigen Tumor? Sie dankte Dr. Schubert für ihre Beratung und erhob sich von ihrem Stuhl.

»Ein paar Häuser weiter finden Sie einen Optiker«, erklärte die Ärztin. »Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Mirbach.«

Die Augenärztin erhob sich ebenfalls von ihrem Platz und begleitete Claudia Mirbach zum Ausgang. Die junge Frau war für diesen Tag ihre letzte Patientin.

»Sollten sich Ihre Beschwerden verschlimmern, so rate ich Ihnen, umgehend Ihren Hausarzt aufzusuchen«, fügte Dr. Schubert hinzu. »Kopfschmerzen können auch andere Ursachen haben. Aber ich versichere Ihnen, dass sie nicht von einer Augenerkrankung hervorgerufen werden.«

Claudia Mirbach blickte in das hübsche Gesicht der freundlichen Ärztin. Plötzlich änderte sich ihre Stimmung.

Sie bildete sich ein, dass Dr. Schubert sie loswerden wollte. Ich brauche ja auch nur eine Brille, dachte sie.

»Ich weiß nicht, ob mir damit geholfen ist«, erwiderte die junge Frau schroff und wandte sich zum Gehen. Ohne ein weiteres Wort, eilte sie aus der Praxis.

»Was war das denn?«, fragte Dr. Schuberts junge Sprechstundenhilfe Lena Berger.

»Ich weiß es nicht«, gestand Dr. Schubert und blickte verwundert zur Tür. Offensichtlich hatte sich Frau Mirbach von ihrem Arztbesuch mehr versprochen.

»Ich habe fast den Eindruck, die Patientin hätte lieber eine schwere Erkrankung gehabt, statt einer leichten Sehschwäche.«

»Seltsam«, erwiderte Lena und zuckte mit den Schultern.

»Wir dürfen nicht vorschnell über Frau Mirbach urteilen. Sie leidet unter Kopfschmerzen und macht sich Sorgen. Vielleicht hat sie auch zu viel Stress.«

Dr. Alexandra Schubert ging in ihr Sprechzimmer und ordnete noch ein paar Papiere. Dann griff sie nach ihrer Handtasche und löschte das Licht.

»Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende«, verabschiedete sie sich vor der Praxistür von Lena Berger. »Haben Sie etwas Bestimmtes vor?«

Die junge Frau strahlte über das ganze Gesicht. Ihre Wangen röteten sich. Ja, das hatte sie tatsächlich!

»Ich habe vor drei Wochen jemanden kennengelernt. Heute Abend ist unser zweites Date«, erzählte sie aufgeregt. »Ich bin gespannt, wie es verläuft. Max und ich wollen etwas Essen gehen und uns dann einen Blockbuster in der Spätvorstellung ansehen.«

»Dann wünsche ich Ihnen einen romantischen Abend«, erwiderte Alexandra Schubert und lächelte.

Die Ärztin verstand zu gut, wie sich die junge Frau fühlte. Sie selbst freute sich auf einen entspannten Abend mit ihrem Freund Stefan Frank. Sie waren seit mehreren Monaten ein Paar. Doch Alexandra kam es so vor, als würden sie sich schon seit vielen Jahren kennen.

Ganz unverhofft war Stefan Frank in ihr Leben getreten und sie wollte keine Minute mehr ohne ihn verbringen. Er war ihre große Liebe.

***

Claudia Mirbach schämte sich für ihren plötzlichen Ausbruch. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie so unfreundlich zu ihrer Augenärztin gewesen war. Schließlich hatte Dr. Schubert ihr nur helfen wollen.

Während die junge Frau durch die sommerlichen Straßen in Richtung Innenstadt ging, verfiel sie ins Grübeln. Sie hatte kaum einen Blick für den strahlend blauen Himmel und die unzähligen Biergärten, die sich an diesem lauen Abend mit Menschen füllten.

Schon seit einiger Zeit kreisten ihre Gedanken ständig um Krankheiten. Und seltsamerweise fürchtete sie sich nicht davor. Ganz im Gegenteil. Sie wünschte sich tatsächlich, krank zu sein! Vielleicht litt sie nur unter zu viel Stress?

In ihren Berufsjahren als Altenpflegerin waren ihr viele schwerkranke und gebrechliche Menschen begegnet. Sie hatte oft genug beobachten können, wie aufopfernd sich Angehörige, Ärzte und Pflegepersonal um die Kranken kümmerte. Das hatte sie manchmal mit Neid erfüllt.

Sie selbst war lieblos aufgewachsen. Ihre Eltern hatten den ganzen Tag gearbeitet und hatten wenig Zeit für ihre einzige Tochter gehabt. Familiäre Geborgenheit hatte es kaum gegeben, und dieser Umstand hatte Claudia geprägt.

Je älter sie wurde, desto häufiger malte sich die Frau in Gedanken aus, wie es wohl wäre, wenn sie eine schwere Krankheit hätte. Dann war sie sicher nicht allein.

Claudia stellte sich dann vor, wie Familie, Freunde und Kollegen sich um sie Sorgen machten und sie fast täglich im Krankenhaus besuchten. Sie sah sich umgeben von Ärzten und Schwestern, die sich darum bemühten, sie zu heilen.

Doch in solchen Momenten wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie in Wirklichkeit kaum Freunde hatte. Und in München knüpfte sie bisher kaum neue Kontakte.

Und da war noch ihre schmerzliche Trennung von Martin! Mit ihm hatte sie kurze Zeit sogar zusammengelebt. Wäre es möglich, dass Martin zurückkäme, wenn sie schwerkrank wäre?

Claudia hatte nach seiner Trennung sofort ihre Arbeitsstelle gekündigt, hatte sich in München als Altenpflegerin beworben und den Wohnort gewechselt. Sie hatte Stuttgart so schnell wie möglich verlassen wollen. Die Stadt hatte sie zu ersticken gedroht.

Claudia hatte ein neues Leben gewollt. Doch die Veränderung war ihr schwerer gefallen als gedacht. Sie fühlte sich einsam. An manchen Tagen bedauerte sie ihren Entschluss, nach München gezogen zu sein, doch was bleib ihr anderes übrig, als zu bleiben?

Während die Altenpflegerin weiter durch die Straßen lief, begegnete ihr ein junges Paar. Deutlich konnte Claudia erkennen, dass die junge Frau ein Kind erwartete. Sie stand offensichtlich kurz vor der Geburt.

Claudia beobachtete wehmütig, wie der Mann die Hand seiner Frau nahm und zärtlich küsste. Das Paar sah unendlich glücklich aus. Die Altenpflegerin sah zu Boden, als die beiden Fremden an ihr vorbeigingen. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken, dass sie das Paar anstarrte.

Unverhofft kam ihr eine Idee. Warum sollte sie nicht auch einmal behaupten, schwanger zu sein? Was war schon dabei, wenn sie für ein paar Wochen die Schwangere spielte?

Abrupt blieb Claudia stehen. Ihre Gedanken überschlugen sich und ein warmes Glücksgefühl durchströmte ihr Herz.

Ich erwarte ein Baby! Diesen Satz sagte sie leise vor sich hin. Wie schön das klang! Sie konnte es plötzlich nicht mehr abwarten, ihren Kolleginnen von einer angeblichen Schwangerschaft zu erzählen.

Claudia sah sich um und machte sich so schnell wie möglich auf den Weg nach Hause.

***

»Ich muss dir unbedingt etwas erzählen«, sagte Claudia Mirbach zu ihrer jüngeren Kollegin Stefanie Kerken, als beide zusammen den Speisesaal für das Mittagessen vorbereiteten.

In der vornehmen Seniorenresidenz aßen die Altenpflegerinnen und Bewohner vom Sankt Josef Stift getrennt voneinander. Gegen zwölf Uhr Mittag wurde den Senioren das Essen serviert, danach begaben sich die Pflegerinnen zum Essen in die hauseigene Kantine. Dort waren sie unter sich.

Stefanie Kerken sah verwundert von ihrer Arbeit auf. Sie hatte mit Claudia noch nicht viele Worte gesprochen. Was mochte sie ihr wohl erzählen wollen?

»Wir können nachher die Pause gemeinsam in der Kantine verbringen«, schlug sie aus Höflichkeit vor.

Claudias Gesicht strahlte. »Das ist eine gute Idee.«

Die beiden Frauen wandten sich wieder ihrer Arbeit zu.

Kurz darauf erschienen die ersten Senioren und Seniorinnen, denen Claudia die Stühle zurechtrückte.

Mit allen Bewohnern sprach sie stets freundlich und bemühte sich, deren Wünsche zu erfüllen. Trotzdem blieben viele Bewohner des Heimes ihr gegenüber reserviert. Die Altenpflegerin ärgerte sich oft darüber. Claudia ließ sich aber nicht beirren und ignorierte häufig jede Andeutung von höflicher Zurückweisung.

Nach etwa zwei Stunden saß die Altenpflegerin mit ihrer Kollegin Stefanie an einem separaten Tisch in der Kantine. Im Speisesaal hatten sie die Tische abgeräumt und die Bewohner auf ihre Zimmer begleitet.

Die Pflegerinnen hatten sich nun beide einen deftigen Eintopf ausgewählt und löffelten ihn schweigsam. Er war genau das Richtige für ein schnelles Mittagessen.

Plötzlich konnte sich Claudia nicht mehr zurückhalten.

»Ich bin schwanger!«, verkündete sie halblaut und achtete genau auf Stefanies Reaktion.

Wie zu erwarten, sprang die junge Kollegin auf und umarmte Claudia.

»Das ist ja großartig«, erwiderte sie. »Seit wann weißt du es?«

»Ich habe heute Morgen einen Schwangerschaftstest gemacht und wollte es zunächst selbst nicht glauben. Aber der Test zeigte deutlich an, dass ich ein Kind erwarte«, behauptete Claudia ohne Gewissensbisse.

»Dann solltest du so schnell wie möglich mit einem Arzt sprechen«, riet Stefanie aufgeregt. Sie freute sich für ihre Kollegin, die ihr immer ein wenig einsam zu sein schien.

Aber offensichtlich hatte sie sich geirrt, denn Claudia Mirbach begann von ihrem Freund zu erzählen.

»Er ist Anwalt und arbeitet die meiste Zeit im Bereich der Wirtschaftskriminalität«, log Claudia. »Wir leben in einer wundervollen alten Villa in Bogenhausen.«

Ehe sie sich versah, erzählte Claudia eine Lüge nach der anderen. Sie konnte ihren Redefluss kaum stoppen.

»Als ich meinem Freund heute Morgen von der Schwangerschaft erzählte, hat er mir sofort einen Heiratsantrag gemacht. Das plante er insgeheim schon seit längerer Zeit. Aber den Ring trage ich lieber nicht bei der Arbeit. Er ist zu kostbar.«

Mit großen Augen folgte Stefanie Kerken den Erzählungen ihrer älteren Kollegin.

»Du hast ein tolles Leben«, sagte sie, als Claudia eine kurze Pause machte. »Bogenhausen ist ein teurer Wohnort. Da würde ich auch sehr gerne ein Haus besitzen. Wie bist du denn dazu gekommen, als Altenpflegerin zu arbeiten?«

Für die junge Frau schien das nicht zusammenzupassen.

»Ich kümmere mich gerne um alte und kranke Menschen«, erklärte Claudia, ohne die Theatralik zu bemerken, die in ihrer Stimme mitschwang. »Ich habe in Berlin sogar ein paar Semester Medizin studiert, aber dann musste ich meine krebskranke Großmutter pflegen. So entdeckte ich meine wahre Berufung als Altenpflegerin«, behauptete Claudia.

Sie fand immer mehr Gefallen an der neuen Rolle, die sie ihrer Kollegin vorspielte. Fast glaubte sie selbst schon, was sie sagte.

»Das kann ich gut verstehen«, erwiderte Stefanie. »Ich habe mich aus einem ähnlichen Grund für diesen Beruf entschieden.«

Ehe sie von sich weiter erzählen konnte, erhob sich Claudia von ihrem Platz. Sie interessierte sich nicht für Stefanies Privatleben. Es war ihr nur wichtig gewesen, über ihre angebliche Schwangerschaft zu sprechen.

Dass die junge Kollegin nun auch glaubte, sie lebe in einer festen Beziehung, war ein positiver Nebeneffekt.

»Bitte erwähne meine Schwangerschaft noch nicht vor den anderen«, bat Claudia ihre Kollegin beim Verlassen der Kantine. »Ich möchte erst abwarten, was mein Gynäkologe sagt.«

»Selbstverständlich verrate ich nichts«, versprach die jüngere Kollegin. Sie wusste, dass man erst bis zur zwölften Schwangerschaftswoche wartete, bis man Näheres bekanntgab. »Du kannst dich auf mich verlassen, Claudia.«

Mit einem Lächeln verabschiedete sie sich von ihrer Kollegin und ging in Richtung Schwesternzimmer. Dort war sie für die Tablettenausgabe zuständig.

***

»Doktor Frank?«, hörte der Grünwalder Arzt eine Stimme hinter sich rufen. Abrupt drehte er sich um.

Er war gerade dabei, das Zimmer seiner langjährigen Patientin Magdalena Bartels zu betreten. Die alte Dame war über neunzig Jahre alt und lebte mittlerweile im Sankt Josef Stift.

Frau Bartels verabscheute den Begriff »Seniorenheim«. Sie bezeichnete das vornehme Stift immer als »Seniorenresidenz«. Davon ließ sie sich von niemandem abbringen.

Seit drei Jahren besuchte Dr. Stefan Frank sie einmal im Monat, um mit ihr Karten zu spielen oder im Garten spazieren zu gehen.

Vor ihm stand nun eine Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Er schätzte sie auf Ende dreißig.

»Guten Tag, ich wollte mich direkt einmal vorstellen«, sagte die fremde Frau. Forsch streckte sie Stefan Frank die Hand entgegen. Sie trat noch näher an ihn heran. »Mein Name ist Claudia Mirbach. Ich arbeite seit ein paar Monaten als Altenpflegerin hier im Sankt Josef Stift. Frau Bartels hat mir schon viel von Ihnen erzählt. Leider hatte ich noch nicht die Gelegenheit, Sie zu treffen.«

»Hat sie das?«, fragte Stefan Frank mit leichtem Erstaunen.

Magdalena Bartels war eher wortkarg und unterhielt sich nur, wenn es wirklich nötig war. Sie gab ungern Privates preis. Nur Dr. Frank gegenüber war sie offener.

Die alte Dame liebte es, mit Dr. Frank Karten zu spielen, und er tat ihr gerne diesen Gefallen. Frau Bartels hatte einen wachen Verstand und hätte es niemals geduldet, wenn er sie gewinnen ließe, ohne sich anzustrengen.

»Aber natürlich hat sie mir von Ihnen erzählt. Und ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen. Sie sind Allgemeinmediziner, oder?«, fragte die Altenpflegerin. Ein seltsames Leuchten flackerte in ihren Augen auf.

»Ich bin Allgemeinmediziner und Geburtshelfer«, antwortete Dr. Frank höflich.

Er fühlte sich ein wenig bedrängt von der Pflegerin. Außerdem wartete Frau Bartels auf ihn. Sie hasste Unpünktlichkeit.