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Nach nur sechs Wochen eigenständigen Unterrichts hat Referendar Juri heftige Zweifel, ob er dem Lehrerjob jemals gewachsen sein wird. Die Angst, nach über fünf Jahren Ausbildung vielleicht etwas komplett Neues beginnen zu müssen, setzt ihm zu. Es graut ihm vor jeder neuen Unterrichtsstunde. Der junge Mann leidet an Schlafstörungen, verspannten Schultern und Rückenschmerzen - und er fühlt sich immer unglücklicher und elender.
Hinzu kommt, dass auch in seiner Beziehung zu Paola gerade so manches im Argen liegt. Die beiden schaffen es schlecht, über ihre Gefühle zu sprechen und landen immer wieder in destruktiven Streitereien. Paola fühlt sich bei ihrem Kampf für Tierrechte immer häufiger überschwemmt von dem Leid der Tiere. Sie überschätzt regelmäßig ihre Kräfte, und gerät dann in Zustände hilfloser Überforderung, Depression und Verzweiflung. Juri versucht, ihr beizustehen, doch er merkt mehr und mehr, dass er dafür kaum noch Kraft hat. Hinzu kommt, dass Paola selbst - auch in den Phasen, in denen es ihr gut geht - nicht wirklich für Juri da sein kann oder will. Als sie eines Abends nach einer Protestaktion nicht nach Hause kommt, spitzt sich die Lage zu ...
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Mentale Schieflage
Vorschau
Impressum
Mentale Schieflage
Arztroman um eine instabile Beziehung, die an Ängsten zu zerbrechen droht
Nach nur sechs Wochen eigenständigen Unterrichts hat Referendar Juri heftige Zweifel, ob er dem Lehrerjob jemals gewachsen sein wird. Die Angst, nach über fünf Jahren Ausbildung vielleicht etwas komplett Neues beginnen zu müssen, setzt ihm zu. Es graut ihm vor jeder neuen Unterrichtsstunde. Der junge Mann leidet an Schlafstörungen, verspannten Schultern und Rückenschmerzen – und er fühlt sich immer unglücklicher und elender.
Hinzu kommt, dass auch in seiner Beziehung zu Paola gerade so manches im Argen liegt. Die beiden schaffen es schlecht, über ihre Gefühle zu sprechen und landen immer wieder in destruktiven Streitereien. Paola fühlt sich bei ihrem Kampf für Tierrechte immer häufiger überschwemmt von dem Leid der Tiere. Sie überschätzt regelmäßig ihre Kräfte, und gerät dann in Zustände hilfloser Überforderung, Depression und Verzweiflung. Juri versucht, ihr beizustehen, doch er merkt mehr und mehr, dass er dafür kaum noch Kraft hat. Hinzu kommt, dass Paola selbst – auch in den Phasen, in denen es ihr gut geht – nicht wirklich für Juri da sein kann oder will. Als sie eines Abends nach einer Protestaktion nicht nach Hause kommt, spitzt sich die Lage zu ...
Juri Waldländer lief im langsamen und gleichmäßigen Trab durch das sanfte Frühlingslicht, das durch die schlanken, geraden Stämme der Fichten fiel. Juri liebte den Hofoldinger Forst, obwohl er fand, dass der Wald nicht wirklich eine Schönheit war. Dafür war er zu sehr von den ewig gleichen Fichten-Monokulturen geprägt. Aber für Juri war dieser Ort im letzten Jahr zu einer Art zweitem Zuhause geworden. Hier konnte er abschalten und Kraft tanken. Konnte all den Stress vergessen, der sein Leben in der letzten Zeit so fest im Griff zu haben schien. Der leichte Stroboskopeffekt, den die tiefstehende Nachmittagssonne im Wechsel mit den so regelmäßig dastehenden dunklen Fichten erzeugte, hatte eine angenehm beruhigende Wirkung. Beim Laufen durch dieses besondere Licht geriet Juri oft in einen fast schon meditativen Zustand.
Doch heute war es anders. Seine Gedanken kamen einfach nicht zur Ruhe. Immer wieder wälzte er im Kopf die letzte Unterrichtsstunde des Tages herum. Die Liste von Situationen, in denen er in den letzten Monaten als angehender Lehrer gescheitert war, wurde immer länger. Und wie immer war es die Klasse 6d gewesen, die seinem Jammerspiel die Krone aufgesetzt hatte. Was sich bei den anderen Schülern und Schülerinnen üblicherweise als Desinteresse, ständiges Abgelenktsein und heimliches Quatschmachen äußerte, war bei der 6d längst zur offenen Rebellion hochgekocht. Bei der Erinnerung an sich selbst, wie er vor weniger als drei Stunden hilflos vor der tobenden Klasse gestanden hatte, stöhnte Juri gequält auf.
Was hätte er anders machen müssen? Was würde die Schulleiterin von ihm denken, wenn sie die letzte Stunde miterlebt hätte? Würde die nächste Stunde noch schlimmer werden? Würde er jemals das Referendariat bestehen? Und warum nur war er verpflichtet, diese Kinder – eigentlich schon Jugendliche – mit Beethoven zu quälen?! War es nicht offensichtlich, dass sie den Musikunterricht so nur zu hassen lernten?!
Unzählige solcher und ähnlicher Fragen kreisten wie ein Wirbelsturm durch seinen Kopf. Und immer wieder ging die Litanei von vorne los. Es war quälend und anstrengend – und es führte zu nichts. Das Schlimmste war, dass er inzwischen kaum noch richtig schlafen konnte, denn in der Nacht drehte sich das Gedankenkarussell in seinem Kopf fröhlich weiter. Am nächsten Morgen kam er dann nicht nur völlig überfordert, sondern auch noch völlig übermüdet in der Schule an.
Juri blieb abrupt stehen und drückte seine Stirn gegen den rauen Stamm einer Fichte. Sein Nacken war komplett verspannt, und er merkte, wie sich die ersten Vorboten einer Kopfschmerzattacke meldeten. Er fühlte sich, als wäre sein ganzer Körper in einem eisernen Netz gefangen. Dabei war er ein Mensch, der seine Freiheit über alles liebte. Aus einem plötzlichen Impuls heraus schlug er mit der Faust gegen den Baum. Verdammt! So ging es nicht weiter. Irgendetwas musste passieren!!
***
Laika maunzte erwartungsvoll und strich um Paola Obermeyers Beine. Die stand an der Arbeitsfläche der Küche und war dabei, Laikas Futter genau abzuwiegen. Seit sie und Juri sich entschieden hatten, ihre Katze weitgehend vegetarisch zu ernähren, war es vorbei mit den Zeiten, in denen man nur schnell eine Dose Katzenfutter öffnen und in den Napf löffeln brauchte. Im Gegensatz zu Menschen – und sogar zu Hunden – waren Katzen von Natur aus reine Fleischfresser. Das bedeutete, dass man bei vegetarischer Ernährung auf Hunderte kleiner Sachen achten musste, damit das Tier keine Mangelerscheinungen entwickelte. Hinzu kam, dass das Ganze ein Vermögen kostete, weil alles mit der Tierärztin abgestimmt werden musste. Paola beneidete Juris Bruder Niklas, der seinem Hund Merlin einfach mit veganem Trockenfutter ernähren konnte.
Aber der Aufwand lohnte sich, fand Paola. Laika ging es wunderbar, und Paola hätte es einfach nicht mehr übers Herz gebracht, dass wegen ihrer Liebe zu einer Katze andere unschuldige Tiere sterben mussten.
Sie bückte sich und streichelte Laikas weiches, graugetigertes Fell.
»Ist ja schon gut, mein kleiner Vielfraß!« Laika maunzte ungeduldig.
»Ich weiß, ich weiß, du hast jetzt wirklich anderes im Sinn, als dich mit mir zu unterhalten.« Paola stand wieder auf, nahm den Napf von der Arbeitsfläche und stellte ihn auf den Boden. Sofort machte sich Laika begeistert über ihr Futter her.
Paola sah ihrer geliebten Katze beim Fressen zu und war froh, dass Juri nicht da war. Bestimmt hätte er sich wieder lustig darüber gemacht, dass sie mit Laika redete. Dabei tat er selbst das auch, wenn er sich unbeobachtet fühlte! Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie beide langsam wunderlich wurden. Dabei waren sie erst Anfang dreißig! Aber als kinderloses Paar mit einer Katze in einem Einfamilienhaus in einem Wohngebiet, in dem es vor jungen Familien nur so wimmelte ... Vielleicht wurde man da einfach ein bisschen komisch.
Paola seufzte. Doch das Thema Kinderkriegen stand auf ihrer Liste schwieriger Themen nicht so wahnsinnig weit oben. Ganz im Gegensatz zu ihrem täglichen Kampf für das Wohl und die Rechte von Tieren – momentan wohl das Wichtigste, das es in ihrem Leben gab.
Es klingelte, und eine übertrieben fröhliche elektronische Melodie erklang, die ihr regelmäßig einen Schreck einjagte. Sie musste unbedingt endlich diesen Klingelton umstellen! Sie ging zur Tür, um Juri zu öffnen.
»Hey, Baby«, begrüßte sie ihn und gab ihm einen Kuss. Er sah müde aus. Und nicht besonders glücklich. »Alles okay?«, fragte sie.
Er nickte und zog seine sandigen Laufschuhe aus.
»Passt schon. Bis auf das Übliche. Ich muss gleich mal eine Kopfschmerztablette nehmen.«
Er schenkte ihr ein schiefes Grinsen. Paola wusste, dass sie wahrscheinlich nachfragen sollte, aber sie hatte Riesenhunger – und nicht wirklich Zeit.
»Hast du Lust auf Linseneintopf? Wir haben noch was von gestern. Oder lieber Nudeln mit Pesto? Ich muss leider in einer halben Stunde los. Hab heute Abend noch ein Meeting mit der Taskforce.«
»Linsen sind super. Ich glaube, ich esse ein bisschen Räuchertofu dazu. Aber, sag mal, Taskforce? Im Ernst? Ist das jetzt etwa euer Name?«
Paola lachte. »Nee, uns fällt einfach kein guter Name ein. Und irgendwas muss man ja sagen. Na, komm, geh doch schnell duschen, und dann können wir noch zusammen essen.«
Als sie zehn Minuten später zusammen am Tisch saßen, fragte Paola doch nach: »Ist es wegen der Schule? Ich meine, deine unglückliche Miene?«
Juri antwortete erst nicht, sondern aß stumm und mit nachdenklicher Miene weiter. Das kannte Paola schon von ihm. Er brauchte immer ein bisschen Anlauf, bis er mit der Sprache herausrückte. Das Blöde war, dass sie wirklich wenig Zeit hatte. Heute Abend fand ein extrem wichtiges Treffen statt. In den letzten Wochen war ihr immer klarer geworden, dass ihr die Arbeit, die sie als Tierschutzaktivistin bei ihrem Arbeitgeber AUFA – eigentlich Act Up For Animals e. V. – leistete, nicht mehr genug war. Weltweit litten Milliarden Tiere – Tag für Tag! Ganz abgesehen von den absolut verheerenden Folgen, die die Massentierhaltung für das Klima hatte! Und nichts änderte sich. Mit ihrer Arbeit bei AUFA erreichte sie einfach zu wenig, das war Paola inzwischen glasklar. Doch die Taskforce würde Paolas Kampf für Tierrechte auf die nächste Stufe zu bringen. Würde die Öffentlichkeit endlich aufrütteln ... Würde der Politik klarmachen, dass es Menschen gab, die nicht mehr bereit waren, diese skandalöse Untätigkeit länger hinzunehmen ...
»Ich glaube, ich hasse diesen Job einfach«, murmelte Juri finster.
Paola starrte ihn verständnislos an. Sie wusste im ersten Moment überhaupt nicht, wovon er sprach. Dann fiel es ihr wieder ein – natürlich, die Schule.
Sie nahm seine Hand. »Kannst du nicht einfach kündigen?«
Er zog gereizt seine Hand weg. »Was meinst du damit? Einfach kündigen – und dann? Soll ich freiberuflich als Klavierlehrer arbeiten? Für elf Euro die Stunde? Und über fünf Jahre Ausbildung einfach in den Wind schreiben?«
»Nein ... Ich meine ... Vielleicht könntest du ja an einer anderen Schule ...«
Er unterbrach sie ärgerlich: »Mann, Paola, als ob das alles so einfach wäre!«
Paola schob ihren halb leer gegessenen Teller von sich. Sie hatte keine Lust, sich so blöd anblaffen zu lassen – nur, weil sie hatte helfen wollen.
»Ich weiß, dass das nicht einfach ist«, sagte sie mit fester Stimme. »Nichts in diesem Leben ist einfach. Aber Jammern bringt dich bestimmt nicht weiter. Wenn du etwas ändern willst, dann musst du auch bereit sein zu kämpfen! Was glaubst du, was ich den ganzen Tag tue?!« Sie stand auf und brachte ihren Teller zur Spüle. »Ich muss los, tut mir leid. Wir reden ein anderes Mal weiter, okay?« Sie beugte sich über ihn und drückte ihm einen leichten Kuss aufs Haar.
»Du hast ja recht«, lenkte er reumütig ein. »Sorry fürs Anschnauzen! Und viel Erfolg mit deinem Geheimkommando. Vielleicht erzählst du mir morgen endlich mal, was ihr eigentlich plant ...«
Paola erstarrte kurz. Doch sie fing sich schnell wieder.
»Vielleicht ... Wenn du brav bist!«, sagte sie betont scherzhaft. Bevor Juri weiterfragen konnte, drückte sie ihm noch einen schnellen Kuss auf die Stirn. »Ciao, Baby.«
Als Paola im Auto saß und den Motor startete, wusste sie genau, dass sie Juri auf keinen Fall davon erzählen konnte, was sie und die anderen planten. Wenn er wüsste, was sie vorhatten, würde er unter allen Umständen versuchen, sie davon abzuhalten.
***
Als Juri am nächsten Morgen das Fanny-Hensel-Gymnasium in Holzkirchen betrat, fühlte er sich körperlich so unwohl, dass ihm fast schon übel war. Er war um fünf Uhr morgens mit komplett verspanntem Nacken aufgewacht und hatte einfach nicht mehr einschlafen können. Und je näher sein Arbeitsbeginn gerückt war, desto schlimmer war die Verspannung geworden. Beim Frühstück hatte er nichts essen können, was das flaue Gefühl in seinem Magen wahrscheinlich noch verstärkte.
Okay, sagte er sich, es ist jetzt acht Uhr. In sechs Stunden habe ich es für heute hinter mir. Und dann gehe ich laufen. Oder lege mich in die Wanne.
Aber er wusste genau, dass er es am Nachmittag nicht schaffen würde, wirklich abzuschalten. Und am nächsten Morgen würde das Ganze von vorn losgehen. Und am Morgen danach. Und so weiter. Er konnte sich noch nicht mal sagen, dass er nur das Referendariat überstehen musste. Dass dann alles anders werden würde. Nein, wenn er das Referendariat geschafft hatte – falls er es überhaupt schaffte! –, lag eine endlose, deprimierende Kette von Jahren als Musiklehrer vor ihm. Nichts würde besser werden, da war er sich sicher.
Auf dem Gang begegnete ihm die Schulleiterin Frau Arden. Wie immer trug sie ein schickes Kostüm und durchquerte den Gang in resolutem Eilschritt. Er grüßte sie, und sie nickte ihm kurz zu. Ihr Gesichtsausdruck wirkte nicht besonders freundlich. Aber wahrscheinlich bildete er sich das nur ein. Inzwischen hatte er das Gefühl, dass die ganze Welt ihn mit kritischer Miene beobachtete.
»Herr Waldländer?« Die Schulleiterin war stehen geblieben und hatte sich zu ihm umgedreht. »Wir hatten ja lange keine Gelegenheit, zu sprechen. Hätten Sie heute Nachmittag vielleicht Zeit? Direkt nach der sechsten Stunde?«
Sie lächelte ihn an, aber in ihrem Lächeln lag keinerlei Wärme. Es war ein professionelles Lächeln. Ein Lächeln, das sagte: »Ich weiß genau, wie man dieses Spiel spielt. Und du spielst besser mit!«
Juri schluckte. »Ja, äh ... eigentlich ...«
Sie schaute streng.
»Doch«, beeilte sich Juri zu sagen, »das kann ich einrichten. Natürlich. In Ihrem Büro?«
»Wunderbar!« Wieder dieses Lächeln. »Bis dann! Viel Erfolg beim Unterricht!«
Sie ließ Juri stehen und eilte weiter in Richtung ihrer zahllosen wichtigen Aufgaben. Er fragte sich, ob sie mit ihren letzten Worten irgendetwas hatte andeuten wollen. Doch zum Glück hatte er nicht viel Zeit, darüber nachzugrübeln.
Juri beeilte sich, in den vierten Stock zu kommen. Sein Unterrichtstag begann mit einer Doppelstunde. Die 11a – und natürlich die ewige, öde Musiktheorie. Wenigstens waren die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe nicht ganz so brutal wie die jüngeren, bei denen es gerade erst losgegangen war mit der Pubertät. Bei den älteren Schülern waren die vorherrschenden Themen Langeweile und die Sorge um ihre Noten. Noch vor einem Jahr hätte Juri sich nicht vorstellen können, dass er einmal dankbar für eine solche Haltung bei seinen Schülern sein würde. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, ob all die jungen und idealistischen Lehrer so schnell resignierten wie er.
***
Sechs Stunden später stand er am Waschbecken der Lehrertoilette und kühlte sich die Schläfen mit kaltem Wasser. Er war fix und fertig, und sein Schulternackenbereich schmerzte höllisch. Er wünschte, er könnte einfach nach Hause fahren und ... irgendwas machen ... am besten Tiefkühlpizza essen und Netflix gucken. Sich verkriechen. Er bereute, dass er Frau Arden zugesagt hatte. Warum hatte er nicht einfach behauptet, einen Termin zu haben?!
Als er das Büro der Schulleiterin betrat, telefonierte diese gerade. Sie bedeutete ihm mit einer Geste, sich zu setzen. Juri tat dies und versuchte erfolglos, sein Herzklopfen in den Griff zu bekommen. Vielleicht würde sie ihm einfach kündigen. Wobei sie das wahrscheinlich gar nicht so einfach konnte. Vielleicht eine Beschwerde an das Schulamt weiterleiten ... oder einfach einen Rüffel ...
Frau Arden beendete ihr Telefongespräch und wandte sich ihm zu.
»Also«, sagte sie gedehnt, »wie geht es Ihnen denn in der letzten Zeit?«
Juri schaute sie verständnislos an. Das hier sollte doch sicher kein Plausch darüber werden, wie es ihm ging. Aber irgendetwas musste er wohl antworten.
»Ganz gut. Mein Rücken macht mir ein bisschen zu schaffen.«
Sie kramte in den Papieren, die vor ihr auf dem Schreibtisch lagen. Als sie gefunden hatte, wonach sie suchte, setzte sie sich eine Lesebrille auf und las einen Moment. Dann schaute sie ihn über den Rand der schmalen Brille hinweg an.
»Herr Waldländer, Sie gestalten jetzt seit fast drei Monaten einige Stunden in der Woche eigenständig den Musikunterricht ... Das ist ja immer ein ganz schöner Schritt, wenn man da zum ersten Mal allein vor einer Klasse steht. Und es kann eine ziemliche Herausforderung sein.«
Sie schaute ihn prüfend an. Juri wurde es immer ungemütlicher. Wieso rückte sie nicht einfach mit der Sprache heraus? Dass sie so um den heißen Brei herumschlich, zermürbte langsam seine Nerven.
Sie nahm die Brille ab und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
»Erzählen Sie mir doch mal ein bisschen. Wie läuft es so für Sie? Wie läuft es mit den Schülerinnen und Schülern? Sie unterrichten ja sogar die berüchtigte 6d, wie ich gesehen habe! Klappt das einigermaßen?«
Juri räusperte sich. Die Schmerzen in seinen Schultern machten ihm das Denken schwer. Aber was sollte er auch sagen? Dass die 6d ihm auf der Nase herumtanzte? Dass er nicht das Gefühl hatte, dass irgendjemand irgendetwas bei ihm lernte? Dass ihn mindestens die Hälfte der Schüler zu verachten – wenn nicht zu hassen – schien? Dass das einzige Ziel des Lehrplans zu sein schien, jungen Menschen die Lust an der Musik auszutreiben? Ja, vielleicht sollte er einfach da ansetzen. Sie hatte schließlich gefragt.
