Dr. Stefan Frank 2672 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2672 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Juliane ist eine Singlefrau ohne Kinder, die als Bibliothekarin in München lebt. Sie wohnt, trotz ihrer neununddreißig Jahre, immer noch bei ihren Eltern. Zu dritt lebt die Familie in einer Villa in Grünwald. Obwohl Juliane ihren Beruf liebt und in ihm aufgeht, ist sie oft traurig: Ihr fehlt ein Partner, und auch ihr unerfüllter Kinderwunsch belastet sie sehr. Als Beate, Julianes Schwester, sich zu einem Besuch ankündigt, beginnt ihr sonst so beschauliches Leben sich zu ändern.
Juliane spürt sofort eine Verbindung zu ihrem Neffen Ben, den sie über zehn Jahre nicht gesehen hat. Der Teenie wirkt verschlossen und auch zeitweise recht seltsam. Beate vertraut Juliane an, dass sie viele Schwierigkeiten mit ihm hat, er ist schlecht in der Schule, er hat keine Freunde und sorgt oft für Ärger. In den USA wurde ADHS diagnostiziert. Beate gesteht ihrer Schwester, dass sie damit völlig überfordert ist. Juliane möchte ihrem Neffen helfen, sie sucht immer wieder den Kontakt und bemerkt, dass er ziemlich schlau ist. Wie passt das mit Beates Äußerungen zusammen? Zusammen mit Ben besucht sie Dr. Frank und fragt ihn um Rat. Dr. Frank vertieft sich in Literatur, kontaktiert Fachärzte und kommt, nach weiteren Treffen, zu der Vermutung, dass die ADHS-Diagnose falsch ist. Er vermutet, dass bei Ben ein Asperger-Syndrom vorliegt ...


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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Fehldiagnose ADHS

Vorschau

Impressum

Fehldiagnose ADHS

Teenager Ben leidet unter einer schweren autistischen Entwicklungsstörung

Juliane ist eine Singlefrau ohne Kinder, die als Bibliothekarin in München lebt. Sie wohnt, trotz ihrer neununddreißig Jahre, immer noch bei ihren Eltern. Zu dritt lebt die Familie in einer Villa in Grünwald. Obwohl Juliane ihren Beruf liebt und in ihm aufgeht, ist sie oft traurig: Ihr fehlt ein Partner, und auch ihr unerfüllter Kinderwunsch belastet sie sehr. Als Beate, Julianes Schwester, sich zu einem Besuch ankündigt, beginnt ihr sonst so beschauliches Leben sich zu ändern.

Juliane spürt sofort eine Verbindung zu ihrem Neffen Ben, den sie über zehn Jahre nicht gesehen hat. Der Teenie wirkt verschlossen und auch zeitweise recht seltsam. Beate vertraut Juliane an, dass sie viele Schwierigkeiten mit ihm hat, er ist schlecht in der Schule, er hat keine Freunde und sorgt oft für Ärger. In den USA wurde ADHS diagnostiziert. Beate gesteht ihrer Schwester, dass sie damit völlig überfordert ist. Juliane möchte ihrem Neffen helfen, sie sucht immer wieder den Kontakt und bemerkt, dass er ziemlich schlau ist. Wie passt das mit Beates Äußerungen zusammen? Zusammen mit Ben besucht sie Dr. Frank und fragt ihn um Rat. Dr. Frank vertieft sich in Literatur, kontaktiert Fachärzte und kommt, nach weiteren Treffen, zu der Vermutung, dass die ADHS-Diagnose falsch ist. Er vermutet, dass bei Ben ein Asperger-Syndrom vorliegt ...

»Meine Güte, ich bin ja so aufgeregt«, gestand Ingrid Lorenz.

»Aber, aber, mein Liebes«, versuchte ihr Ehemann, sie zu beruhigen, setzte seine Lesebrille ab und erhob sich aus seinem Ohrenbackensessel, der im Wintergarten der Villa stand. »Es ist ja nicht so, als hättest du sie nicht erst vor Kurzem gesehen«, meinte er und spielte damit auf den Besuch seiner Frau in den USA im letzten Sommer an. »Ich hoffe nur, der Junge benimmt sich diesmal ein bisschen besser!«

Als Andreas Lorenz in der Küche angekommen war, legte er seiner Frau die Hände auf die Schulter und schaute, was sie gerade kochte.

»Mama ist seit Tagen zu nichts mehr zu gebrauchen«, kommentierte Tochter Juliane, während sie das Gemüse schnitt, »seit klar ist, dass Beate alle Kinder mitbringt, ist sie völlig aus dem Häuschen.« Obwohl Juliane sich mindestens genauso sehr auf den Besuch ihrer Schwester freute, die seit fast zwei Jahrzehnten in Philadelphia lebte, war sie gleichzeitig seltsam bedrückt.

»Wie machen wir das eigentlich mit dem Übernachten?«, wollte sie sodann wissen.

Obwohl Juliane mit ihren neununddreißig Jahren streng genommen zu alt dafür war, noch bei ihren Eltern zu leben, genoss sie die Nähe zu ihnen. In ihren Kinder- und Teenagerjahren hatte sie sich oft übersehen gefühlt. Immer war Beate im Mittelpunkt gestanden, für Juliane hatte sich niemand so richtig interessiert. Die drei Jahre ältere Schwester hatte die besseren Noten nach Hause gebracht, hatte sportliche Erfolge gefeiert und war ihrem gemeinsamen Vater, der eine angesehene Professur in der juristischen Fakultät in München bekleidete, sogar in das Jurastudium gefolgt. Juliane konnte sich noch gut erinnern, wie stolz ihr Vater bei Beates zweiten und abschließenden Staatsexamen gewesen war.

Juliane selbst hatte nicht viel für Rechtswissenschaften übrig. Nach mehreren abgebrochenen Studiengängen hatte sie sich für eine Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste entschieden. Zu ihrer Verwunderung hatte ihr Vater sich nicht dagegen ausgesprochen, obwohl es für den intellektuellen Mann sonst nur eine Option im Leben gab: Wer etwas auf sich hielt, studierte! Vielleicht war sie ihm einfach nicht so wichtig. Oder er hatte es längst aufgegeben, zwei Töchter zu haben, die ihn gleichermaßen stolz machten.

»Was meinst du?«, fragte der Vater und drehte sich zu Juliane um. »Für Beate und die Mädchen machen wir dein Zimmer zurecht, und der Junge schläft im Keller.«

Der Keller der Familie Lorenz sah alles andere aus wie ein Keller, sondern erinnerte eher an eine kleine, aber feine ausgebaute Wohnung. In dieser Sache stimmte Juliane mit dem Vorschlag ihres Vaters überein. Dem Jungen im Teenageralter etwas Privatsphäre zu gewähren, hielt sie für eine gute Idee.

»Und was ist mit mir?«, wollte Juliane wissen.

»Du kannst entweder die Couch nehmen oder vielleicht bei Ingrid schlafen?«, schlug ihr Vater vor und enthüllte damit, dass sich bisher niemand damit beschäftigt hatte, wo Juliane die nächsten Wochen unterkommen sollte.

»Ich meine, ich habe kein Problem damit, dass Beate mit den Mädchen bei mir im Dachgeschoss ist«, gestand Juliane ein, »aber ich dachte, ich könnte vielleicht mit den drei zusammen in meinem Zimmer schlafen.«

Die Zwillingsmädchen waren mit ihren neun Jahren sicher eine Handvoll Arbeit, und Juliane war davon ausgegangen, dass Beate um jede Unterstützung froh wäre. Seit Wochen freute Juliane sich auf das Wiedersehen und hatte sich vorgenommen, so viel Zeit wie nur möglich mit ihren Nichten zu verbringen.

»Papperlapapp«, wehrte die Mutter ab, »das wird doch viel zu eng! Und außerdem schlafe ich direkt unter euch, ich kann das nicht gebrauchen, wenn ihr zwei Hühner die ganze Nacht durchquatscht.«

Perplex schaute Juliane ihre Mutter an.

»Aber ... aber ich hab mich so drauf gefreut!«, versuchte Juliane, sich durchzusetzen.

»Nein, mein Schatz«, entschied ihre Mutter und blieb hart, »das ist wirklich keine gute Idee. Schau, du kannst dir doch das Wohnzimmer herrichten, das ist wirklich kein Problem für uns, oder Andreas?«

»Wenn du meinst«, grummelte Andreas Lorenz unzufrieden und schaute seine Frau an. »Ich dachte, es wäre am besten für alle, wenn du Juliane mit zu dir in dein Zimmer nimmst. Ich meine, wir wollen den Wohnraum doch tagsüber nutzen, und du weißt, ich lese jeden Morgen meine Zeitung im Wintergarten!«

»Ist ja schon gut«, entgegnete Juliane seufzend. »Wir schauen einfach, wie es sich aufteilt, und zur Not kann ich mein Lager auch im Poolhaus aufschlagen.«

Die Grünwalder Villa besaß einen Pool, der zwar selten benutzt, aber trotzdem immer allen Gästen vorgeführt werden musste. Das kleine Gartenhäuschen war zwar beheizt und besaß eine ausziehbare Couch, aber gemütlich war es dort nicht. Doch Juliane hatte keine Lust sich zu streiten. Nicht heute, nicht am Tag der Ankunft ihrer Schwester und deren Kindern, die sie schon viel zu lange nicht mehr gesehen hatte.

***

»Und du meinst, das ist wirklich in Ordnung?«, fragte Juliane zum wiederholten Mal.

»Ja, das habe ich dir doch schon mehrmals gesagt!«, erwiderte ihre Kollegin Anna. Juliane konnte hören, wie diese am anderen Ende der Telefonleitung seufzte. »Du musst aufhören, dir immer so viele Gedanken zu machen. Wenn ich sage, ich übernehme deine Schichten, dann meine ich das auch so!«

»Gut, dann bin ich froh«, sagte Juliane erleichtert. »Ich hatte nur Sorge, dass du es dir vielleicht anders überlegt hast.«

»Nein, nein«, beruhigte Anna sie, »du bist bisher immer für mich eingesprungen, wenn ich mit meiner Familie kurzfristig irgendwo hin musste. Du hast dir diese freien Wochen wirklich verdient!«

»Danke, du bist ein Schatz«, erwiderte Juliane glücklich und setzte mit dem Kugelschreiber einen Haken neben den Spiegelstrich auf ihrer Liste, die alle Punkte enthielt, die sie vor der Ankunft ihrer Schwester noch zu erledigen hatte.

Ein erneuter Blick auf die Liste verriet Juliane, dass sie ihren Routinetermin bei ihrem Hausarzt Dr. Stefan Frank absagen oder zumindest verschieben sollte.

»Mama, ich bin noch mal weg«, rief sie Ingrid Lorenz im Flur zu, während sie sich die Schuhe schnürte.

Die Mutter trat aus der Küche in die Diele.

»Wo geht es denn hin?«, wollte diese wissen und zog ihre Augenbrauen mahnend nach oben, »du weißt schon, dass deine Schwester in zwei Stunden landet. Ich erwarte, dass du dann hier bist!«

»Mama«, stöhnte Juliane genervt auf, die sich manchmal immer noch wie ein Kind behandelt fühlte, »natürlich bin ich dann da, das musst du mir doch nicht sagen. Ich geh nur schnell zu Doktor Frank und auf dem Heimweg ein paar Blumen kaufen.«

Zufrieden nickte ihre Mutter und drückte ihr einen Hundert-Euro-Schein in die Hand, den sie aus ihrem Geldbeutel fischte.

»Mama, du musst mir kein Geld geben«, wehrte Juliane ab, »du weißt doch, ich verdiene mein eigenes und bin schon groß!«

»Ich kenne dein Gehalt«, entgegnete die Mutter und überhörte geflissentlich ihren ironischen Unterton, »und wir haben nun wirklich genug Geld. Also kauf gerne den schönsten Blumenstrauß, den du finden kannst!«

Juliane seufzte im Stillen. »Alles klar«, erwiderte sie knapp, steckte den zerknüllten Geldschein in ihre Tasche und verließ die Villa. »Hundert Euro ... ich glaub es nicht«, murmelte sie aufgebracht vor sich hin, während sie zum Gartentor lief.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals überhaupt einen Blumenstrauß bekommen zu haben. Dabei liebte sie Blumen. Doch leider war da niemand, und vor allem niemand Männliches, der ihr ab und zu mal Blumen mitbrachte. Ein paar selbst gepflückte Wiesenblumen – was hätte sie dafür gegeben!

***

»Kein Problem, Frau Lorenz, wenn ihre Schwester heute kommt, können wir den Termin gerne verschieben. Wie wäre es mit morgen früh? Sonst kann ich Ihnen leider erst wieder was in zwei Wochen anbieten ...«, unterrichtete Marie-Luise Flanitzer die Patientin über das volle Terminbuch der Praxis.

»Dann lassen Sie uns doch gleich morgen früh machen, das passt. Haben Sie vielen Dank.« Juliane verabschiedete sich von der netten Praxishilfe.

»Wer war das?«, wollte Dr. Frank wissen, als er aus der Personalküche lugte.

Das Praxisteam machte zwar gerade Mittagspause, schloss die Tür zur Praxis jedoch nie ab, für den Fall, dass jemand die Öffnungszeiten nicht kannte oder eben trotzdem auf gut Glück vorbeikam.

»Ach, nur Frau Lorenz. Eine Terminverschiebung«, erklärte Marie-Luise Flanitzer.

»Welche der Lorenz-Damen war es denn?«, hakte Dr. Frank nach.

»Die junge«, erklärte Marie-Luise Flanitzer lächelnd, »die Tochter.«

»Verstehe«, antwortete Dr. Frank und dachte nach. »Richtig! Herr Lorenz hat mir vor ein paar Tagen ganz aufgeregt von Beates Besuch berichtet. Die beiden Schwestern haben sich seit mehreren Jahren nicht gesehen«, fügte er hinzu.

Dr. Frank konnte sich noch gut daran erinnern, wie schlimm es für Juliane Lorenz gewesen war, als ihre Schwester nach ihrem Auslandssemester in den USA geblieben war, um dort zu heiraten und zu leben. Obwohl der Allgemeinmediziner zu all seinen Patienten gleich nett und höflich war, hatte er Juliane aus der Familie immer am meisten gemocht.

»Ach ja, stimmt«, schaltete sich jetzt auch Martha Giesecke in das Gespräch ein. »Die beiden Schwestern sollen sich ja nicht gerade ähnlich sein.«

»Woher wissen Sie das denn?«, fragte Dr. Frank amüsiert.

»Na, von Frau Lorenz höchstpersönlich! Ick bin ja ziemlich gut mit der Frau Professor bekannt«, brüstete sich die rüstige Arzthelferin, die ihren Chef mit ihrem leichten Berliner Akzent oft zum Schmunzeln brachte.

»Das kann ich mir vorstellen«, lachte er.

In der Tat waren die beiden Schwestern recht unterschiedlich.

»Vielleicht laufen wir der Familie Lorenz ja in den nächsten Wochen über den Weg«, vermutete Marie-Luise Flanitzer. »Ich habe gehört, dass die beiden Zwillingsmädchen total süß aussehen sollen.«

»Ja«, stimmte Martha Giesecke zu, »ick hab beim letzten Besuch von Frau Lorenz ein Foto gesehen. Ganz entzückend, mit ihren Zahnlücken und den langen, blonden Zöpfen.«

»Ja, Andreas ist unheimlich stolz darauf, was seine Beate sich da drüben aufgebaut hat«, teilte Dr. Frank sein Wissen mit seinen Angestellten.

»Kann er auch sein«, pflichtete Marie-Luise Flanitzer bei, »und trotzdem ..., so ganz leicht ist das bestimmt nicht für die andere Frau Lorenz. Wenn die Schwester alles hat.«

Nachdenklich nickte Dr. Frank. Seine feinfühlige Praxishilfe hatte recht. Obwohl Juliane eine aufgeweckte, fleißige Frau mit einem riesigen Herz war, war sie zu seiner Überraschung immer noch Single. Dabei wusste er, dass sich seine Patientin nichts mehr wünschte, als eine eigene Familie zu gründen. Vor ein paar Jahren war sie deswegen sogar bei ihm gewesen, um ihn nach seiner Meinung zum Thema künstlicher Befruchtung zu fragen. Allerdings hatte sich diese Idee schnell zerschlagen, als Andreas Lorenz, das Familienoberhaupt, davon Wind bekommen hatte. Ein Kind in die Welt zu setzen ohne den passenden, standesgemäßen Mann dazu, das kam für einen traditionellen Mann in seiner Position nicht infrage!

***

»Mama«, rief Beate ihrer Mutter entgegen, als sie noch auf dem Kiesweg, der verschlungen durch den Garten führte, stand.

»Beate!« Ingrid Lorenz hob freudig die Hände in die Luft und lief ihrer Tochter entgegen, so schnell sie es in ihrem Alter noch vermochte.

Juliane wartete auf der Türschwelle und beobachtete die Szene. Aufgeregt hüpften die beiden jungen Mädchen um ihre Mutter herum und fingen sofort an, am Kaschmir Cardigan ihrer Großmutter zu zupfen.

»Hey, hello, hi«, versuchten die Mädchen auf Englisch, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Hellooo!«

Ein warmes Lächeln legte sich auf Julianes Lippen. Wie hübsch die beiden waren und so lebendig! Nur zu gerne wäre sie ihnen entgegengerannt und hätte am besten gleich beide in den Arm genommen, um sie danach durch die Luft zu wirbeln. Doch Juliane wollte ihrer Mutter den Vortritt lassen und mit der Begrüßung warten, bis die erste Aufregung sich gelegt hatte.

»Kann mir mal jemand helfen?«, fluchte Andreas Lorenz, der vergeblich versuchte, die beiden großen Koffer seiner Tochter auf ihren Rollen über den Kiesweg zu ziehen. »Ben?«, sagte er mit scharfer Stimme.

Doch seine Aufforderung blieb unbemerkt. Juliane sah, wie ihr angesprochener Neffe mit gesenktem Blick an seiner Großmutter vorbeitrottete, ohne sie zu begrüßen.

»Hallo«, sagte sie, als der Teenager sie an der Haustür erreicht hatte, »ich bin Juliane, deine Tante. Wir haben uns seit über zehn Jahren nicht gesehen, damals warst du noch ganz klein«, erzählte sie und versuchte, ihre Unsicherheit zu überspielen.

»Klein«, murmelte Ben und ging, ohne sie eines Blickes zu würdigen, an ihr vorbei und blieb mit dem Blick zur Wand im Flur stehen.

»Ähm ... willst du mir das vielleicht geben?«, fragte Juliane und deutete auf seine Tasche, die er in der Hand hielt. Vielleicht schaffte sie es so, mit ihrem Neffen ins Gespräch zu kommen.

»Nein«, antwortete er bestimmt und schaute grimmig zu Boden.

Juliane fragte sich, ob sie etwas Falsches gesagt hatte.

»Oh ... na ja«, stammelte sie, »du musst sie mir natürlich nicht geben. Aber soll ich deine Jacke vielleicht aufhängen?«

Trotz hohen Temperaturen trug Ben eine für diese Jahreszeit unüblich dicke Jacke.

»Nicht anfassen!«, raunte er und machte einen Schritt von Juliane weg.

»Entschuldige ..., ich wollte nicht ..., es tut mir leid«, stotterte Juliane überfordert. »Du bist bestimmt müde von der Reise. Weißt du was?«, Juliane holte Luft, um die unangenehme Situation zu entschärfen, »ich zeig dir erst mal, wo du die nächsten Wochen wohnen wirst, dann kannst du dich ausruhen von der langen Reise. Ich geh vor, folg mir einfach!«

Ohne etwas zu erwidern, folgte Ben seiner Tante über die Treppe in den Keller. Juliane konnte die kühlen Fliesen durch ihre dünnen Socken spüren und fragte sich, ob es ihren Neffen hier unten warm genug sein würde.

»Wenn dir zu kalt ist, sag Bescheid, dann machen wir die Fußbodenheizung an«, bot sie ihm an.

Ben blieb stumm. Als die beiden unten angekommen waren, öffnete Juliane die weiße Tür. Mit viel Sorgfalt hatte sie das Zimmer für Ben hergerichtet.

»Ich ... ich wusste nicht, was du gerne magst«, sagte sie verlegen, als sie bemerkte, wie Ben das Zimmer inspizierte.

Juliane hatte sich wirklich viel Mühe gegeben. Obwohl Beate auffällig selten über Ben und viel öfter über ihre Zwillinge sprach, hatte Juliane viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, was sich ein 15-jähriger Junge wünschte. Sogar ihre Kollegin Anna hatte sie angerufen, um Tipps zu bekommen, auf was die Jugendlichen aktuell standen. Da Anna einen Sohn im ähnlichen Alter hatte, waren ein paar brauchbare Hinweise dabei gewesen.

»Gefällt es dir?«, wollte Juliane wissen und versuchte, auf seinen Gesichtsausdruck zu achten.

Starr schaute der Junge durch den Raum. Dann legte er seine Tasche auf den Boden und ging zu der Stelle unter dem kleinen Fenster, wo Juliane den Schreibtisch mit einem großen Bildschirm, einem Computer und einer Tastatur ausgestattet hatte.

»Soll ich dir beim Auspacken helfen?«, wollte Juliane wissen.