Dr. Stefan Frank 2680 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2680 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Krankenschwester Julia Martin steckt in der Bredouille: Entweder hilft sie ihrem drogenabhängigen Bruder Timo oder überlässt ihn sich selbst. Sie begeht den Fehler ihres Lebens, als sie eines Nachts Medikamente für ihn entwendet, denn ihre Tat bleibt nicht unentdeckt. Für Julia beginnt von da an ein Spießrutenlauf, der erst endet, als sie in die Waldner-Klinik wechselt - so glaubt sie zumindest.
Der Zeuge spürt sie selbst dort auf und erpresst die Krankenschwester mit anonymen Botschaften. In ihrer Panik wendet sie sich an den Arzt ihres Vertrauens: Dr. Stefan Frank. Kann er Julia helfen?


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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Verzweiflungstat

Vorschau

Impressum

Verzweiflungstat

Eine Krankenschwester steckt in großen Schwierigkeiten

Krankenschwester Julia Martin steckt in der Bredouille: Entweder hilft sie ihrem drogenabhängigen Bruder Timo oder überlässt ihn sich selbst. Sie begeht den Fehler ihres Lebens, als sie eines Nachts Medikamente für ihn entwendet, denn ihre Tat bleibt nicht unentdeckt. Für Julia beginnt von da an ein Spießrutenlauf, der erst endet, als sie in die Waldner-Klinik wechselt – so glaubt sie zumindest.

Der Zeuge spürt sie selbst dort auf und erpresst die Krankenschwester mit anonymen Botschaften. In ihrer Panik wendet sie sich an den Arzt ihres Vertrauens: Dr. Stefan Frank. Kann er Julia helfen?

Nach einem anstrengenden Arbeitstag in der Klinik schloss Julia die Wohnungstür auf und warf ihre Tasche achtlos Richtung Garderobe. Sie war fix und fertig. Gleich sechs neue Patienten mit Fieber und Schüttelfrost waren eingeliefert worden. Seit Kurzem ging ein Magen-Darm-Infekt um. Die Folge waren überfüllte Betten, gestresste Ärzte und nicht minder geforderte Schwestern und Pfleger. Zum Glück arbeiteten ihr Kollege Niklas Körber und sie Hand in Hand, sodass sie auch diesen anstrengenden Mittwoch erfolgreich hinter sich gebracht hatten.

Nachdem sich Julia bereits auf ein Feierabendbier vor dem Fernseher eingestellt hatte, runzelte sie plötzlich die Stirn und hielt angespannt inne. Sie hörte leises Stimmengewirr aus dem Wohnzimmer. In ihrer Panik hielt sie die Luft an und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Vorsichtig setzte sie einen Schritt vor den anderen, wich den paar knarrenden Dielen gekonnt aus und griff nach einer leeren Blumenvase auf ihrer Kommode. Diese hielt sie wie einen Schläger über den Kopf, während die andere Hand mit flinken Fingern die Nummer der Polizei wählte. Sie verharrte über dem grünen Hörersymbol und schlich näher.

Als sie den verstrubbelten Braunschopf erkannte, der es sich auf ihrer Couch bequem gemacht hatte, ließ sie die Vase seufzend sinken. Der drei Jahre jüngere Mann wandte seinen Kopf nicht um, als sie näher kam und ihn begrüßte.

»Timo«, sagte sie mit vorwurfsvoller Stimme. »Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass du dich vorher bei mir melden sollst, wenn du herkommst. Den Schlüssel hast du nur für Notfälle, nicht, um meinen Kühlschrank leer zu futtern und mein Bier zu verbrauchen. Hast du mir wenigstens eine Flasche übriggelassen?«

Als Julia ihren kleinen Bruder in Augenschein nahm, erschrak sie zutiefst. Sein Gesicht wirkte noch blasser und eingefallener als sonst. Er blickte aus leeren grünen Augen zum Bildschirm. Timo schien der Krimiserie nicht folgen zu können. Ab und zu verzogen sich seine blutleeren, rissigen Lippen zu einem Lächeln, ehe er wieder erstarrte und in die Leblosigkeit von davor fiel. Julia kannte diesen Zustand zu Genüge. Nun begann er zu summen.

Auf dem Couchtisch lag eine leere braune Flasche. Das Etikett fehlte. Sie wirkte schmutzig und bereits mehrfach gebraucht.

Die Frau tippte ihrem Bruder an die Stirn, bis er zu ihr aufsah. Sie hatte endlich seine volle Aufmerksamkeit.

»Julia«, erkannte er sie träge. Seine Augen schauten gläsern, sein Blick huschte immer wieder zur Seite, als beobachte er jemanden in ihrem Rücken, der seiner Fantasie entsprang. »Was ... machst du denn hier?«, fragte er abgeschlagen.

Sein Tonfall war ruhig und entspannt. Etwas zu entspannt für einen dynamischen jungen Mann, der einst davon geträumt hatte, Fußballtrainer zu werden.

»Ich wohne hier«, erwiderte Julia seufzend und setzte sich neben ihn. »Was ist das?«, wollte sie etwas brüsker wissen und packte ihn am Arm. Julia hielt ihm das Fläschchen unter die Nase. »Ist es das, was ich denke?«

»Eine leere Flasche?«, veralberte er sie und grinste schräg.

Ihr Griff wurde noch fester. Mittlerweile bohrten sich ihre Fingernägel in sein Fleisch, doch selbst das bemerkte Timo nicht. Er stand eindeutig schon wieder unter dem Einfluss von Opiaten.

»Wie oft muss ich dir noch sagen, dass dieses Mittel gefährlich ist! Das nimmt man für echte Schmerzen, nicht, wenn es einem körperlich gut geht.«

»Und wenn schon«, gab Timo leise zur Antwort und schloss die Augen für einen Moment. Als Julia glaubte, dass er einschlief, schüttelte sie Timo wild. Er wollte ihre Hand wegschlagen, verfehlte sie in seinem müden Zustand jedoch. »Lass mich!«

»Nein, ich lasse dich nicht! Du gehst jetzt sofort ins Bad und duschst ordentlich. Hast du das verstanden? Und glaub ja nicht, dass ich Medikamente in meinem Schrank aufbewahre. Seit deinem letzten Besuch verstecke ich sie lieber.«

Timo war erneut in einen Strudel aus Sucht geraten, seit er Probleme bei der Arbeit hatte. Sein Job machte ihn nicht glücklich, seine Beziehung war nach wenigen Jahren wieder zerbrochen, und er begnügte sich lieber mit der Einsamkeit und angsthemmenden, euphorisierenden Drogen. Einzig zu seiner Schwester und seinem besten Freund Valentin Schultze, seines Zeichens selbst Krankenpfleger, hatte er noch sporadischen Kontakt. Timo kam und ging allerdings, wie es ihm gefiel. Sehr zum Ärger von Julia, die ihn nicht ständig im Auge behalten konnte. Sie wollte ihm den Wohnungsschlüssel aber auch nicht wegnehmen, falls er tatsächlich eines Tages in ernsthafte Schwierigkeiten geriet. Seit er sich von ihren Eltern losgesagt hatte, waren sie und Valentin seine einzigen verbliebenen Ansprechpartner. Julia wollte ihm den letzten Funken Hoffnung nicht auch noch nehmen, indem sie das Weite suchte und ihm ihre Hilfe verweigerte.

Sie fasste Timo an beiden Schultern und zwang den geistig Zerstreuten nach einem leichten Rütteln, sie anzusehen. Julia nickte Richtung Fläschchen.

»Woher hast du das schon wieder? Ich habe dir doch erklärt, dass du durch dieses Opiat in die Abhängigkeit gerätst. Du brauchst so etwas nicht, Timo.«

Ihre Worte gingen wie immer unter. Er lächelte versonnen und lehnte sich zurück.

»Das hilft mir. Ich habe es im Griff. Sieh doch, wie gelassen ich bin. Ich habe mich seit Monaten nicht mehr so super gefühlt.«

Julia verdrehte die Augen.

»Du hast nicht auf meine Frage geantwortet. Wie bist du an das synthetische Opioid gekommen? Soweit ich weiß, bekommst du es nicht über die Krankenkasse oder in der Praxis, solange du keinen Krebs hast oder gerade operiert wurdest. Du weißt, dass andere dieses Mittel für ihr Schmerzleiden verwenden. Du solltest es dir nicht selbst unter den Nagel reißen.«

Auch diese Predigt fruchtete nicht.

»Ich habe das keinem weggenommen«, verteidigte er sich.

»Woher ist es dann, wenn nicht aus einer Klinik?«

»Ich kenne da jemanden«, wich Timo ihr aus.

Julias Zorn ließ sie beinahe aufspringen. Sie konnte sich gerade noch beherrschen, weil sie wusste, dass es nichts brachte, Timo in seinem Zustand Wut entgegenzuschleudern.

»Also hast du wieder einen Dealer? Auf der Straße? Fehlt aus diesem Grund auch das Etikett? Timo, das ist vollkommen verrückt und lebensgefährlich! Diese Typen strecken ihre Mittel, um mehr davon an verzweifelte Menschen wie dich zu verkaufen. Es geht denen doch nur um ihr Geschäft. Was aus dir wird, ist ihnen völlig egal. Du weißt nicht einmal, was wirklich hier drin ist.«

»Ach, du immer mit deiner Angst. Typisch Frau«, meinte er und winkte lachend ab. »Es ist alles bestens. Mir geht es wunderbar. Wenn ich will, höre ich auf, aber ich möchte nicht. Ich bin erwachsen und kann selbst entscheiden.«

»Erwachsen«, spie sie aus und ballte ihre Hände zu Fäusten. »Davon sehe ich nicht mehr viel. Hast du deine Wohnung noch?«

Als er eine weitere wegwerfende Handbewegung machte, ließ Julia den Kopf enttäuscht hängen. Sie hatte es mehrmals bei Hilfsorganisationen probiert, doch solange Timo nicht von selbst auf sie zukam, konnte man ihn nicht dazu zwingen, in eine Entzugsklinik zu gehen. Sein Leben entglitt ihrem Bruder von Woche zu Woche mehr. Julia war verzweifelt und wusste nicht mehr weiter. Nun besorgte er sich sein Gift erneut auf der Straße, bis er womöglich an den Falschen geriet und sich aus Versehen eine Überdosis mit einem völlig anderen Mittel als gewollt verabreichte. Die gestreckten Drogen würden ihn irgendwann ins Grab bringen, war sich Julia sicher. Sie konnte nicht tatenlos dabei zusehen, wie sich Timo zu Grunde richtete.

Er nahm ihre Sorgen leider nicht ernst. Julia hatte irgendwann damit aufgehört, mitzuzählen, wie oft sie ihm diese Dinge bereits gesagt hatte. Sie war müde und ausgelaugt von ihrer Arbeit. Die Krankenschwester brauchte nicht auch noch einen Patienten in ihren eigenen vier Wänden. Dennoch wollte und konnte sie ihren geliebten Bruder nicht einfach sich selbst überlassen. Timo brauchte jemanden, der ihn an die Hand nahm und ihn ablenkte. Jemand, der ihm zeigte, dass das Leben auch ohne Opium schön und glücklich verlaufen konnte.

Kurzerhand griff sie zum Telefon und informierte Valentin über das plötzliche Auftauchen von Timo. Er klang erleichtert, da auch er seit zwei Wochen nichts mehr von seinem Freund gehört hatte und dessen Verbleib ein Rätsel für ihn gewesen war. Er war froh, dass es ihm gut ging.

»Ich koche uns was. Valentin kommt gleich vorbei und isst mit uns. Die Dusche ist so lange dir überlassen«, verkündete sie Timo und wartete geduldig, bis er sich von der Couch gerollt hatte. Durch seinen beißenden Schweißgeruch schossen Julia beinahe Tränen in die Augen. Sie hielt die Luft an und wies zur Zimmertür gegenüber. »Ich hoffe, du hast mir noch genug Essen dagelassen, damit ich nicht schon wieder beim Lieferservice anrufen muss.«

»Dein Gemüse kannst du ruhig behalten«, lachte er frech und schlurfte tatsächlich ins angrenzende Badezimmer, ohne dass sie ihn erneut dazu auffordern musste.

Timo benahm sich mit seinen fünfundzwanzig Jahren noch immer wie ein kleines, trotziges Kind. Kurz darauf hörte Julia fließendes Wasser und atmete auf.

Sie stützte sich ausgelaugt am Herd ab und konzentrierte sich auf ihre hämmernden Kopfschmerzen. Eine böse Überraschung jagte die nächste. Julia konnte es kaum erwarten, endlich Feierabend zu machen und ganz für sich zu sein. Wenigstens freute sie sich auf Valentins Besuch. Auch sie hatte den attraktiven, mobilen Krankenpfleger nicht mehr gesehen, seit er einen Erste-Hilfe-Kurs in ihrer Klinik absolviert hatte. Julias Herz schlug schneller, während sie Nudeln kochte und das Gemüse wusch. Sie redete sich ein, dass es an Timos plötzlichem Auftauchen lag.

***

Nach einer Viertelstunde klingelte es an der Tür. Julia wischte sich die Hände an ihrer Schürze trocken und öffnete mit klopfendem Herzen. Es machte einen weiteren Satz, als sie dem großen, ansehnlichen Valentin gegenüberstand. Er hatte sich im Laufe der Monate kaum verändert. Nur sein dunkelblondes Haar reichte ihm inzwischen bis auf die Schultern. Er band sich sogleich einen Zopf daraus. Die Frisur komplettierte seinen lässigen Look, bestehend aus Lederjacke und ausgewaschenen Bluejeans.

»Hallo, Julia«, begrüßte er sie sichtlich erfreut. »Wie schön, dich mal wiederzusehen. Wie lange ist das her?«

»Ich weiß es nicht, aber definitiv zu lange. Komm doch rein. Ich koche gerade für uns. Hoffentlich hast du Hunger mitgebracht.«

Julia schenkte ihm ein Lächeln und fuhr sich nervös durch das braune, lange Haar. Als Valentin nicht hinsah, überprüfte sie ihr Aussehen im Spiegel an der Wand. Ihre Mandelaugen schimmerten mal grün, mal blau. Bis heute war sie sich selbst nicht sicher, welche der beiden Farben ihre Iriden dominierte. Diese Besonderheit hatte sie stets interessanter für die Männerwelt gemacht, aber der Richtige war nie darunter gewesen. Julias Blick wanderte zurück zu ihrem heimlichen Schwarm. Valentin wusste nichts von ihren Gefühlen. Julia selbst konnte nicht sagen, ob es eine reine Schwärmerei oder Ernst war. Heute würde es auch nicht um sie gehen, sondern um ihren abhängigen Bruder, der sich noch immer nicht zeigte.

Julia klopfte an die Badezimmertür. Sie überlegte fieberhaft, ob sie ein Pillendöschen oder einen Blister irgendwo hatte liegen lassen, aber die Krankenschwester war sich ziemlich sicher, dass sie alles unter ihrem Bett versteckt hatte, bevor sie zur Arbeit gegangen war.

»Timo, alles in Ordnung bei dir?«

»Hmm«, antwortete er mit einem unverständlichen Brummen.

»Ich komme jetzt rein, ja?«, warnte sie ihren Bruder vor und drückte die Klinke vorsichtig nach unten.

Dank des fehlenden Schlüssels hätte er nicht abschließen können, aber Julia erinnerte sich an ein Erlebnis von vor einem halben Jahr, als es Timo geschafft hatte, die Tür von innen zu blockieren, während er über dem Badewannenrand gehangen hatte, um sich sein weißes Pulver einzuverleiben. Das war der Beginn seiner Sucht gewesen. Seine akute Sucht nach Entspannung und Ablenkung stellte jedoch alles in den Schatten, was vorher passiert war. Sie würde sich nicht wundern, wenn sich Timo sogar zu einem Raubüberfall auf eine Apotheke hinreißen ließ, um seinen Drang nach dem angstlösenden Mittel zu stillen.

Ihr Bruder saß in ein Handtuch gewickelt auf dem Toilettendeckel und hatte das feuchte Gesicht in den Händen verborgen. Offenbar ließ die Wirkung gerade nach.

»Ich habe Kopfschmerztabletten, wenn du eine magst«, sagte Julia ruhig und hockte sich vor ihn hin. »Willst du wirklich jedes Mal wieder in ein noch tieferes Loch fallen? Du kannst nicht ewig Opiate nehmen. Auf Dauer werden sie bei dir keine Wirkung mehr zeigen, sodass du auf immer härtere Drogen oder größere Mengen umsteigen müsstest. Diese Spirale findet kein Ende, Bruderherz. Ich denke, dass ein ordentliches Essen der beste Anfang ist, um neu zu starten. Was sagst du dazu?«

Julia bemühte sich um einen vorwurfslosen, verständnisvollen Tonfall, um zu ihm durchzudringen. Timo schien noch immer neben sich zu stehen. Julia wusste, dass ihm bald darauf schlecht werden würde, wenn er nichts aß.

»Gibt es auch Rührei?«

Sie lächelte wehmütig. Einerseits war sie froh über seinen Umschwung, andererseits fragte er nach dem Frühstück, obwohl der Abend hereinbrach. Rührei war Timos Leibspeise gewesen, als sie noch zu viert am Frühstückstisch gesessen und sich mit ihren Eltern über den nächsten Familienurlaub unterhalten hatten. Als die Welt noch in Ordnung war und er sich nicht mit ihnen wegen der abgebrochenen Berufsausbildung zerstritten hatte. Die beiden fragten manchmal nach Timo, aber selbst Julia konnte und wollte ihnen nicht viel Auskunft geben. Er ließ sich sogar bei ihr kaum blicken, seit er abgerutscht war. Sie konnte nie sagen, was ihn umtrieb.

»Wenn du magst, mache ich dir eines«, meinte sie und blinzelte die Tränen weg. Ihre Stimme klang heiser, weshalb sich Julia räusperte. Sie versuchte, den dicken Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Mit Blick auf das Handtuch, das er sich um seine Hüfte gewickelt hatte, fügte sie hinzu: »Ich hole dir Wechselklamotten. Warte hier.«

»Das passt schon«, erwiderte er mit einem schiefen Lächeln.

Sein Kinn war unrasiert, und die braunen Haare standen ihm trockengerubbelt vom Kopf ab wie die Stacheln eines Igels. Nun sah Timo tatsächlich wieder wie der kleine Junge von damals aus. Das Wichtigste für Julia waren jedoch seine grünen Augen, die zwar müde, aber wenigstens wieder voller Leben strahlten. Er war zurück in ihrer Welt. Die Dusche hatte offenbar Wunder bewirkt.

»Valentin ist da«, bemerkte sie erneut. »Er freut sich auf dich. Aber du solltest dich vorher anziehen. Ich habe noch ein altes Shirt und eine zu weite Jogginghose von einem Ex-Freund da. Müsste dir beides passen.«

Timo nickte ermattet. Er ließ es geschehen, weil er viel zu schwach war, um gegen Julias Bemühungen anzukämpfen.

»Ich bin gleich wieder da. Gib mir einen Moment und warte, ehe du rübergehst«, betonte sie und lief eilig ins Schlafzimmer.

Als Julia zurückkam, war Timo natürlich bereits nach nebenan gegangen, um seinen Freund zu begrüßen. Sie verdrehte die Augen und folgte ihrem Bruder auf dem Fuß.