DUST 6: Sternengöttin - Martin Kay - E-Book

DUST 6: Sternengöttin E-Book

Martin Kay

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Beschreibung

Der Frieden in der Freien Republik wird durch einen neuen Feind gestört. In dem Pflanzenkollektiv der Humendron findet der frühere Anführer des scardeenischen Wissenschaftsrats einen mächtigen Verbündeten, der die durch Abrüstungsbemühungen geschwächte Republik empfindlich trifft. Zwar konnte eine Invasion der Erde mit vereinten Kräften und den letzten verbliebenen Stadtschiffen zurückgeschlagen werden, doch der Gegner sammelt sich erneut. Auf der Suche nach den Koordinaten des geheimnisvollen Plejadensteins kehren Shydug, Helen Dryer und die Humendron zur Erde zurück. Offenbar ist der Stein identisch mit dem Kristall der Macht, den die untergegangenen Drahusem vor langer Zeit verehrten und nach dem sie suchten. Simon McLaird und die übergelaufene Humendra Megonee finden in einer alten Schlossruine Schottlands wichtige Hinweise über den Verbleib des Plejadensteins. Ein Wettrennen gegen die Zeit beginnt.

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Seitenzahl: 198

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Inhalt

Prolog

Teil 1 Das Geheimnis von Moorewood Castle

1

2

3

4

5

6

7

8

9

Teil 2 Der Plejadenstein

10

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13

Nachwort

Glossar

Weitere Atlantis-Titel

Martin Kay

DUST 6 – Sternengöttin

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg April 2020 Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild: Dirk Berger Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-732-1 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-733-8 Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de
Für Ulrich Bettermann Viel zu früh, viel zu früh bist du von uns gegangen. Ad Astra, mein Freund!

Prolog

Zwei Tage nach der Invasion der außerirdischen Pflanzenrasse, die sich selbst Humendron nennen, setzten sich die Präsidenten der Freien Galaktischen Republik mit den Vereinten Nationen des Planeten Erde in Verbindung, um Verhandlungen über die Eingliederung des Randplaneten in das galaktische System aufzunehmen.

Der erste Schritt bestand in der Wahl eines Gouverneurs, der die Erde im galaktischen Rat vertrat. Die politische Ausrichtung der Erde als Vielstaatenbund sollte hiervon nicht angetastet werden. Noch regierten zahlreiche Staatsmächte ihre eigenen Hoheitsgebiete, statt sich untereinander zu einen. Dieser Punkt sollte zu einem späteren Zeitpunkt mit den Vereinten Nationen verhandelt werden. Im Zuge des ersten Schritts entsandte die Freie Galaktische Republik Entwicklungshelfer zur Erde, bestehend aus einem Team scardeenischer Wissenschaftler und Soziologen. Diese sollten sie nicht nur mit dem gegenwärtigen Stand der Technologie vertraut machen, sondern ihnen auch die Lebensweisen, Philosophien und unterschiedlichen Kulturen innerhalb der Republik nahebringen.

Die bisherige Organisation Shadow Command wurde als eine Art Wächter- und Polizeitruppe ins Solsystem gesandt. In einer militärischen Basis auf dem Mars wurden mehrere Schlachtschiffe der Republik stationiert, die das irdische Sonnensystem vor Angriffen aus dem interstellaren Raum schützen sollten. Auch die Spezialeinheit Ghost Fighters wurde auf der Erde stationiert, um lokale Kräfte bei der Eindämmung der Kriminalität zu unterstützen. Die Menschheit der Erde stand an einem Wendepunkt. In naher Zukunft sollten die ersten Handelsbeziehungen zu anderen Planeten aufgenommen werden. Das Projekt FFH – Far from Home –, das interstellares Reisen ermöglichte, wurde gestartet.

Encyclopaedia Galactica Die Erde, Band 5 1993–2041

Teil 1 Das Geheimnis von Moorewood Castle

1

Mit einem Schluck leerte Simon Thomas McLaird sein Glas Rum und stellte es anschließend auf den runden Glastisch zurück. Er lehnte sich in die bequemen Polster und blickte sein Gegenüber interessiert an. Sein Freund Ken Dra hatte gerade seinen Bericht über die Reise nach DUST beendet und schenkte sich nun ebenfalls ein Glas Rum ein.

»Tja«, sagte McLaird und schürzte die Lippen.

Ken Dra hob die Brauen. »Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?«

»Lass mich nachdenken.« McLaird schloss die Augen. Er hörte, dass Ken Dra sich entfernte und zum Verandafenster hinüberging. Wahrscheinlich betrachtete er dort, genauso in Gedanken versunken wie er selbst, die wahnsinnige Aussicht von einem der höchsten Türme Königin Lasarias Palast auf Mazoni. Nach der Schlacht gegen die Humendron waren die Amazonen hierher zurückgekehrt.

»Beeil dich«, sagte Ken.

»Wieso? Hast du etwas entdeckt, das sich lohnt, unten nachzusehen?« Statt eine Antwort abzuwarten, schwang sich McLaird aus dem Sessel und gesellte sich an die Seite seines Freundes.

Unten zwischen den Häusern fand der Wochenmarkt statt. In den Straßen und Gassen der Hauptstadt des Waldplaneten tummelten sich Bewohner, die ihre Waren feilboten, und Besucher anderer Welten der Freien Republik, die um sie feilschten. Zwischen all dem Treiben entdeckte McLaird auch einige von Lasarias Wächterinnen, die auf Pferden durch die Stadt ritten, um für Ordnung zu sorgen.

»Da«, sagte Ken.

Im selben Moment erkannte auch McLaird, was sein Freund entdeckt hatte. Zwischen dem Treiben in den Straßen bewegten sich zwei Gestalten zielstrebig auf den Palast zu. Sie stachen aus der Menge hervor, weil sie Uniform trugen. Die schwarz-gelben Farben wiesen sie als Angehörige Shadow Commands aus. Captain Sean Harris und Natasha, ein Aspekt der ursprünglich menschlichen Frau Natasha Quire.

Die beiden zwängten sich durch die Menge der Besucher und Marktschreier auf dem Markt zielstrebig auf den Palast zu. Schweigend beobachteten McLaird und Ken Dra ihre Ankunft, bis sie fast außer Sichtweite die Wächter erreichten, die sie anstandslos passieren ließen.

Ken Dra wandte sich ab und kehrte zurück in die Suite. McLaird ließ seinen Blick ein letztes Mal über den Markplatz schweifen, ehe er sich seinem Freund anschloss. Von allen besiedelten Welten der Freien Republik und des ehemaligen Scardeenischen Reichs wirkte Mazoni am rückständigsten und hatte mit seinen Burgen und Palästen, Amazonen, Königinnen und Prinzessinnen für McLaird etwas Mittelalterliches an sich. Dabei trog der äußere Schein. Diese Welt war genauso zivilisiert und hochtechnologisiert wie jede andere in der Republik. Schwerter, Speere und Pferde auf der einen Seite – Schweber, Raumhäfen und Raumkreuzer auf der anderen. Die Amazonen besaßen mit zwei gigantischen Stadtschiffen des vernichteten Planeten Cloudgarden genug Feuerkraft, um es mit jedem erdenklichen Gegner aufnehmen zu können. Selbst die riesigen Kuppelschiffe der Humendron waren ihnen nicht gewachsen gewesen.

McLaird schnalzte mit der Zunge und knüpfte an das Gespräch mit Ken Dra an, das sie vor dem Ausflug auf den Balkon begonnen hatten. Nur ein paar Stunden zuvor war Ken Dra von Dai Urshar Senekar Tarmalis zurückgekehrt, den Planeten, den McLaird kurz DUST getauft hatte. Er kam mit beunruhigenden Nachrichten. Die frühere Schwertmeisterin und Kampfgefährtin Jee A Maru war als einzige Pyramidenwächterin auf DUST verblieben, während die anderen Wächter in höhere Bewusstseinssphären aufgestiegen waren. Doch das war nicht alles. Offenbar war Jee A Maru der Wächterkraft beraubt und hatte ihre kosmische Magie weitgehend verloren. Der Kopf, der hinter den Humendron-Angriffen auf die Erde stand, hieß Shydug, früherer Führer des Wissenschaftsrates von Scardeen und graue Eminenz – der Imperator, der aus den Schatten regierte. Was McLaird jedoch noch mehr Bauchschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass Shydug nicht nur ein verstoßener Wächter von DUST war, sondern dass sich in ihm der Namensgeber des Planeten Dai Urshar manifestierte, der einst den Planeten aus kosmischer Kraft geschaffen hatte.

Sie hatten gegen einen Gott gekämpft und zweimal gewonnen. Doch Shydug war nicht geschlagen, sondern konnte sich jedes Mal zurückziehen. Zweifelsohne hatte er jedoch im Laufe der Zeit seine gottähnliche Macht eingebüßt. Um sie zurückzuerlangen, war er auf der Suche nach einem Kristall der Macht – auf den Spuren einer Legende, die sich unter den Pyramidenwächtern DUSTs verbreitet hatte. Jee A Maru glaubte nicht mehr an die Existenz des Kristalls, doch Ken Dra war umso überzeugter, dass es ihn tatsächlich gab. Anders ließ sich Shydugs Beharrlichkeit bei dessen Suche nicht erklären.

McLaird schwirrte der Kopf von dem Bericht seines Freundes. »Das alles ist nicht einfach zu verdauen. Ich glaube aber nicht, dass wir Jee helfen können. Wir haben einen Teil von Shydugs Macht auf Scardeen am eigenen Leib erfahren und dennoch kennen wir nicht das volle Ausmaß seiner … geistigen, kosmischen, wie auch immer wir es nennen wollen, Kräfte. Alter, er hat einen Planeten erschaffen? Der Kerl ist … ein Gott! Sollen wir ihm mit einem Laser und Schwert an die Gurgel gehen?«

Ken Dra nickte bedächtig und verschränkte die Arme vor der Brust. Mit einem Finger fuhr er sich über das Kinn. »Du hast recht. Wir können gar nichts gegen ihn unternehmen. Ich glaube auch nicht, dass diese Pflanzen ihn unter Kontrolle haben, oder?«

McLaird schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen! Eher er sie. Sie sind sein Mittel zum Zweck, um diesen Kristall zu finden. Danach wird er sie fallen lassen.«

Ein Klopfen an der Holztür der Suite ließ die beiden innehalten.

»Das ging schnell«, murmelte McLaird. »Herein!«

Die Türflügel schwangen nach innen auf und Sean Harris betrat in Begleitung von Natasha und der Humendron Megonee, die von allen kurz Meg genannt wurde, die Suite.

»Guten Morgen, schöner Morgen heute Morgen, nicht wahr?« Harris grinste breit.

Die Freunde begrüßten sich mit einer Umarmung. McLaird bot ihnen Plätze auf der geräumigen Polsterlandschaft an und besorgte Gläser für Getränke.

»Wo sind Kassim und Lisy?«, fragte Ken Dra.

Harris legte den Kopf schief und nahm das Grinsen nicht aus dem Gesicht. »Och … weißt du, die beiden sonnen sich irgendwo im Vorstadtwald. Typisch Steckrüben.« Er erhielt sowohl von Natasha als auch von Megonee einen Ellbogenstoß in die Seite. »Au!«

Meg sagte mit deutlicher Verärgerung in der Stimme: »Captain Kassimdrad und Lisydore sind in De Suhn mit Photosynthese beschäftigt.«

Mit De Suhn bezeichneten die Amazonen den gewaltigen Wald, in dessen Herzen die Hauptstadt Mazonis lag – Ley’d En.

»Schon gut«, wehrte Harris ab. »Ich werde nie wieder Witze über euch machen.«

McLaird und Ken Dra lachten.

Nachdem alle mit Getränken versorgt waren, fuhr Ken Dra an der Stelle fort, an der er durch die Gäste unterbrochen worden war, und erläuterte sein Vorhaben.

»Die Humendron«, er sah Megonee an und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, »kamen in erster Linie zur Erde, weil Hinweise auf den legendären Sternenstein sie dorthin geführt hatten. In Schottland, genauer gesagt im Schloss Moorewood, sollten sich weitere Informationen über den genauen Aufenthaltsort des Kristalls befinden. Nach mehreren Fehlschlägen bei der Suche befahl Shydug, der abtrünnige Pyramidenwächter von DUST, die Erde anzugreifen, in der Hoffnung, die Menschen würden ihm die Informationen über den Verbleib des Sternensteins liefern. In seiner Überheblichkeit zog er nicht in Betracht, dass die Menschen nie von der Überlieferung des Steines gehört hatten. Zwar gibt es in irdischen Mythologien einige Pendants, wie beispielsweise den Heiligen Gral, doch nach meiner Einschätzung weist kein Mythos auf den echten Kristall der Macht hin.«

Ken Dra holte Luft und zeigte auf McLaird. »Simon platzierte gefälschte Hinweise in Moorewood Castle und lockte mit diesen Informationen die Humendron von der Erde fort. Wir können aus der Tatsache, dass sich Shydug mit den Humendron verbündet hat, schließen, dass auch seine Macht nicht unendlich ist. Er ist auf Hilfe angewiesen.«

Ken Dra blickte in die Runde.

McLaird hob die Brauen und fuhr sich mit einer Hand nachdenklich über das Kinn. »Was … wenn der Kristall nicht notwendigerweise eine Erweiterung von Shydugs Machtpotenzial darstellt, sondern gleichzeitig auch eine Gefahr für ihn sein könnte?«

»Durchaus möglich.« Ken Dra nickte. »Ganz gleich, was er für ihn ist, für uns wäre der Kristall ein Mittel, Shydug zu besiegen. Er ist die einzige Chance, die wir gegen diesen Wahnsinnigen haben.«

McLaird schnalzte mit der Zunge. »Also schön, Freunde. Dann lasst uns nicht länger Tageslicht verschwenden und endlich was tun. Sean und Natasha fliegen zurück zur Erde, um bei der Einrichtung unseres Mars-Stützpunktes zu helfen. Außerdem unterstützt ihr die Ghost Fighters. Die Mädels und Jungs sind dabei, einige schwere Verbrechen aufzudecken, Harris. Du wirst deine Action bekommen.«

»Dein Wort in Gottes Gehörgang!« Harris legte den Kopf schief. »Was machst du?«

»Ich komme mit zur Erde und werde mir noch einmal Moorewood Castle genauer anschauen. Die Humendron waren so versessen darauf, dort etwas zu finden, dass ich fest davon überzeugt bin, dass es dort wirklich irgendwo versteckte Hinweise zum Sternenstein gibt. Ken, du musst zurück nach DUST. Jee soll versuchen, mehr Informationen zum Kristall der Macht aus der Pyramide zu bekommen.«

Ken schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht. Ich habe Sherilyn versprochen, so schnell wie möglich nach Morgun zurückzukehren.«

McLaird runzelte die Stirn. Er konnte sich nicht gegen die Bilder wehren, die bei der Erwähnung von Sherilyn Stones Namen in seinen Gedanken aufblitzten. Bilder aus der Zeit, die er mit ihr zusammengewesen war. Ihre Beziehung war kurz, aber heftig gewesen, bis sie beide gemerkt hatten, dass sie nicht auf Liebe basierte, sondern eher zweckgerichtet gewesen war. Sie hatten sich einvernehmlich voneinander getrennt, dennoch schmerzte es McLaird, als er erfuhr, dass sie sich anschließend seinem besten Freund an den Hals geworfen hatte. Hinzu kam Jee A Marus Prophezeiung, dass Sherilyns und Ken Dras Kinder das Universum befreien würden. Er war sich nicht sicher, ob ihn diese Verheißung mit Stolz erfüllen sollte oder ihn eher beunruhigte. Damals hatte er mit Jees Worten nichts anfangen können, erst mit Sherilyns Schwangerschaft begann er zu verstehen. Es fügte sich alles zusammen. So wie auch jetzt.

Er nickte Ken Dra zu. »Ich verstehe. Dann muss jemand anderes nach DUST fliegen, jemand, den Jee kennt und der positiv auf sie einwirken kann.«

»Schick Kardina«, sagte Ken. »Sie war bei unserem ersten Flug nach DUST dabei.«

»Gute Idee. Okay, wir sehen uns, wenn wir etwas herausgefunden haben, und bleiben auf der üblichen Hyperfrequenz in Kontakt. Meldet euch, wenn ihr etwas habt.«

Die anderen nickten.

»Kann ich euch helfen?«, fragte Megonee.

»Bleib erst einmal hier auf Mazoni und halte dich in Bereitschaft. Falls jemand Unterstützung benötigt, kann er sich bei dir melden.«

Als Harris gemeinsam mit Natasha und der Humendron die Suite verließ, summte McLairds Armbandkommunikator. Hal Quire rief ihn an.

»Was gibt’s, Hallyboy?«

»Überraschung, Mackie!«, gab der Sohn des verstorbenen Mel Quires zurück.

Touché!, dachte McLaird.

»Hey, den alter Kumpel Charlie Stevens versteht eine Menge von Bioenergie, da könnten unsere scardeenischen Wissenschaftler glatt einpacken und gehen. Durch seine Arbeit bin ich auf die Energieverbindung in der Klinge der Schwertträger gestoßen. Ich habe eine neue Theorie, die ich bereits an deinen und Ken Dras Gedankenmustern, die ihr mir freundlicherweise überlassen habt, testen konnte. Es könnte funktionieren.«

McLaird sah Ken Dra an und entdeckte in dessen Augen das gleiche aufkeimende Glücksgefühl, das er selbst verspürte. Wenn Hal Quire es schaffte, neue Schwerter zu produzieren, dann konnten sie neue Schwertträger benennen.

Sichtlich gerührt flüsterte Ken: »Neue Schwertträger. Es kann alles wie früher werden … auf Prissaria.«

McLaird nickte und sprach ins Komlink. »In Ordnung, Hal, wir sind gleich bei dir.«

Φ

Nachdem die beiden Freunde den halben Palast durchquert hatten, erreichten sie die unter der Erde befindlichen Laboratorien, in denen sie auf Hal Quire und Charlie Stevens stießen. Die beiden erwarteten sie bereits in einem Vorraum neben dem Eingang des großen Hauptlabors. Die wissenschaftlichen Einrichtungen auf Mazoni mochte nicht so modern und umfangreich ausgestattet sein wie auf Scardeen, doch sie würden jeden irdischen Wissenschaftler vor Neid erblassen lassen. So war es Stevens ergangen, als er das erste Mal diese Räume betreten hatte.

Hal öffnete einen deckenhohen Panzerschrank und holte eine Metallkiste daraus, die er mithilfe Stevens’ auf einen Tisch hievte. Anschließend gab der Wissenschaftler auf einem kleinen Bildschirm einen Code ein, worauf sich die Front der Kiste öffnete.

McLaird spürte, wie die Spannung wuchs. Seine Augen wurden feucht und er fühlte sich aufgeregt wie ein kleiner Junge, der Weihnachtsgeschenke bekam, obwohl er in diesem Fall wusste, was sich in dem Geschenkkarton befand. Er warf Ken Dra einen Blick zu und sah auch dessen Augen glänzen. Der Moment war einzigartig. Er bedeutete die Wiederbelebung einer lang gehegten Tradition von Prissaria, der Heimatwelt der Drahusem, auf der auch Ken Dra geboren worden war. Dieser Moment konnte alles verändern und die Tradition eines untergegangenen Volkes zu einem neuen Symbol der Galaxis werden lassen. Die Wiedergeburt eines Mythos.

Schwertträger.

McLaird bemerkte Charlie Stevens’ aufmunterndes Nicken, als die Kiste ihren Inhalt offenbarte. In Samtpolstern eingelegt befanden sich zwei goldene Klingen. Langsam streckte Ken Dra als Erster seine Hand aus und umschloss den Griff des technomagischen Schwertes.

»Bei Prissaria!« Er senkte die Lider und atmete tief durch. »Dieses … dieses unbeschreibliche Gefühl, dass alles wieder so werden kann wie früher …«

Nun trat auch McLaird vor und nahm die für ihn bestimmte Klinge an sich. Er betrachte die scheinbar antiquierte Waffe eingehend und drehte sie um sein Handgelenk. Sie war perfekt ausbalanciert, wie für ihn und nur für ihn geschaffen. Vorsichtig berührten seine Fingerkuppen den kühlen Stahl oder welches Material auch immer Hal verwendet hatte, um die Klinge zu schmieden. Instinktiv wusste er, dass er damit alles spalten konnte. Ein Gefühl der Erhabenheit und Ehrfurcht wuchs in ihm.

»Mossar-re!«, riefen beide Schwertträger synchron, ohne sich vorher abgesprochen zu haben. Wie durch Magie lösten sich die Schwerter in Luft auf. Unsichtbar für menschliche Augen und Ortungsgeräte und substanzlos schwebten sie an der Seite ihres jeweiligen Trägers und würden ihm überallhin folgen, bis sie durch die Umkehrung des eben gesprochenen Kommandos wieder sicht- und greifbar wurden. Bis heute hatte McLaird nicht verstanden, welche Technologie dies bewirkte, und die Drahusem weigerten sich, darüber zu reden oder daran zu denken.

»Ein Gläubiger stellt auch seinen Gott nicht infrage«, hatte Jee A Maru einmal gesagt.

McLaird musste sich damit begnügen und den Mystizismus um die Klinge eines Schwertträgers für sich akzeptieren.

»Hal …«, sagte Ken Dra leise und ehrfürchtig, »ich … ich weiß nicht, was ich sagen oder wie ich dir danken soll. Du hast Unmögliches vollbracht.«

»Wir«, korrigierte Hal Quire und nickte in Richtung von Stevens. »Sagt nichts oder dankt uns später. Aber ihr könnt uns einen Gefallen tun.«

»Der wäre?«, fragte McLaird.

»Nun, wir müssen noch eine neue, sichere Weihestätte für zukünftige Schwertträger errichten. Wisst ihr einen geeigneten Ort?«

McLaird und Ken Dra sahen sich an und schmunzelten, da sie beide den gleichen Gedanken fassten.

»In der Nähe von Prissaria befindet sich ein Asteroid namens Gernah«, sagte Ken. »Dort befand sich die erste Weihestätte der Schwertträger. Sie wurde damals von deinem Vater demontiert und nach Cloudgarden gebracht. Gernah wäre der ideale Standort. Aber bist du sicher, dass du die Weihestätte rekonstruieren kannst? Nicht einmal dein Vater hat das geschafft und musste so das originale Heiligtum verlegen.«

»Wir schaffen das«, sagte Stevens. »Jetzt, wo wir herausgefunden haben, wie die Klingen funktionieren, ist der Rest ein Kinderspiel.«

Er fing sich einen nervösen Seitenblick von Quire ein. »Was Charlie sagen wollte, wir haben eine ungefähre Idee, wie wir es anfangen können.«

McLaird sah seinen alten Kumpel an, den er durch seine Rückkehr zur Erde und der Begegnung mit den Humendron erst in den ganzen intergalaktischen Schlamassel mit hineingezogen hatte. »Du willst also bleiben und nicht wieder nach Hause?«

Stevens legte den Kopf schief. »Ich will nicht sagen, das hier wäre jetzt mein Zuhause. Vielleicht überkommt mich ja irgendwann das Heimweh, aber für den Moment möchte ich bleiben, ja. Es gibt so viele faszinierende und spannende Dinge zu entdecken und zu erforschen. Mein bisheriges Leben als Wissenschaftler war dagegen extrem langweilig.«

»Ach!« McLaird schürzte die Lippen. »Sicher, dass da nicht noch eine Frau im Spiel ist?«

Charlie errötete, seine dunkelbraune Haut wurde noch eine Spur dunkler. »Das tut nichts zur … wie hast du … wen meinst du überhaupt?«

»Hab gehört, du hast ein Auge auf Doktor Summers geworfen.«

Stevens räusperte sich. »Das hab ich jetzt nicht gehört. Na los, verschwindet, werdet glücklich mit euren Schwertern und tut, was immer Schwertträger so tun.«

Alle lachten.

Φ

Auf dem Weg zu den abflugbereiten Schlachtschiffen, die zum Mars aufbrechen sollten, hielt Sean Harris unvermittelt inne. Natasha, die noch zwei, drei Schritte weiter ging, ehe sie merkte, dass der Captain sich nicht mehr an ihrer Seite befand, drehte sich irritiert um.

»Was ist?«

Harris schnitt eine Grimasse. Er wirkte ratlos. »Weiß nicht. Ich hatte gerade ein seltsames Gefühl.« Er taxierte die wunderschöne Frau und musterte sie von oben bis unten.

»Ist dir nicht gut?«

Ohne Vorwarnung schritt er auf sie zu, packte sie an den Schultern und zog sie zu sich heran. Sie wehrte sich nicht, als seine Lippen sich auf ihre pressten. Für eine Sekunde. Dann stieß Natasha ihn von sich fort, vermutlich mit viel mehr Kraft als beabsichtigt. Harris wurde von ihr fort und gegen die Korridorwand hinter ihm geschleudert. Er stöhnte, als sein Rücken auf den Plastahl traf, und sackte an der Wand herunter.

Natasha stürzte erschrocken auf ihn zu. »Oh nein, es tut mir leid! So feste wollte ich dich nicht schubsen.«

Harris betastete seinen Hinterkopf. Kein Blut. In dem Moment bemerkte er, wie dumm er sich verhalten hatte. »Nein, nein. Es ist meine Schuld. Ich … ich hab jemand anderen in dir gesehen, weißt du?«

Natasha nickte. »Du hast sie gesehen. Deine Natasha.«

»Ja.« Harris richtete sich auf und ließ sich beim Aufstehen von dem Aspekt helfen. »Du … siehst aus wie sie, auch wenn du dich in vielen Dingen anders verhältst, aber alleine wenn ich dich sehe, dann …«

»Verstehe.«

Harris kam sich nicht nur dumm vor, sondern fühlte sich elendig. Was war nur über ihn gekommen? Er hatte damals auf Cloudgarden mit Tausenden der Natasha-Aspekte zusammengearbeitet und sich dennoch nur in eine von ihnen, NAT 6-Omega, verliebt. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, eine der anderen zu küssen, nur weil sie optisch einander ähnelten wie eineiige Zwillinge oder Klone und sich selbst ihre Stimmen gleich anhörten.

Das hier war nicht NAT 6-Omega. Er musste sich damit abfinden. Seine geliebte Angel gab es nicht mehr. Und jedes Mal, wenn er an ihren Tod dachte, verdrängte er, was geschehen war. Er hatte es nicht einmal den anderen erzählt. »Wir gehen getrennte Wege«, war seine Aussage, wenn man ihn darauf ansprach. Etwas anderes hätte er auch gar nicht zu sagen vermocht, denn er wusste selbst nicht, was geschehen war. Schmerzhaft erinnerte er sich daran, wie sie ihm mitteilte, dass es an der Zeit wäre. »An der Zeit wofür?«, hatte er gefragt.

»Ich liebe dich, Sean«, waren ihre letzten Worte gewesen, ehe sie wortwörtlich vor seinen Augen verblasste, als hätte es sie nie gegeben. Als wäre sie nur ein Produkt seiner Fantasie.

Er wollte die Erinnerungen beiseiteschieben, doch in dem Moment legte sich Natashas Hand auf seine Wange und berührte ihn zärtlich. »Gib mir Zeit«, sagte sie einfach.

Harris sah in ihre tiefen, blauen Augen und fragte sich, wie er je den Gedanken ertragen sollte, dass sie nicht seine Natasha war.

Gib mir Zeit. Die Worte hallten in ihm nach und säten den Funken der Hoffnung. Konnte es sein, dass …?

Sie half ihm auf die Füße, blickte ihn noch ein paar Sekunden an, ehe sie mit dem Kinn in Richtung des Ausgangs des Korridors nickte.

»Wir müssen los. Ich werde mit der Infinity zur Erde fliegen.«

Harris presste die Lippen aufeinander und nickte. »In Ordnung. Ich nehme die Hope. Wir sehen uns dann … auf der anderen Seite.«

Ihre Wege trennten sich.

2

Die Geschwindigkeit der Raumjacht war deutlich höher, als ihre Konstrukteure es im Atmosphäreflug für sie ausgelegt hatten. Ken Dra ignorierte die Warnsignale auf den Instrumentenschirmen und steuerte das Schiff zielsicher durch die äußere Lufthülle des Planeten Morgun. Seit Ankunft im Orbit versuchte er, mit Sherilyn Funkkontakt aufzunehmen, bisher ohne Erfolg. Wahrscheinlich rekelte sie sich im Garten in der Sonne und hatte sämtliche Komlinks im Haus gelassen. Ken und Sherilyn wohnten auf der nördlichen Halbkugel Morguns, die sich in ihrer Neigung zur Sonne Wega momentan im Sommerzyklus des Jahres befand. Die Temperaturen konnten dabei unerträglich heiß werden, wurden aber durch milde Winde abgeschwächt. Ken Dra näherte sich der Region, die sie bewohnten. Keine Wolke war am Himmel zu sehen. Den Bungalow konnte er mit bloßem Auge ausmachen, als die Raumjacht in halsbrecherischer Geschwindigkeit der Oberfläche entgegenstürzte.

Das pfeilförmige Schiff bremste ab. Ken Dra steuerte den Landeplatz neben ihrem Grundstück an, fuhr die Gravitationsstelzen aus und drosselte die Triebwerke. Normalerweise brachte er eine sanfte Landung zustande, doch seine zu hohe Ausgangsgeschwindigkeit überforderte die Trägheitskompensatoren. Ein Ruck ging durch das Schiff, ehe es etwas holperig auf dem Betonboden der Landestelle aufsetzte. Ken schaltete die Instrumente ab und fuhr die Bordrechner herunter. Dann sprang er aus dem Pilotensitz und konnte die Ausgangsschleuse gar nicht schnell genug erreichen. Er hatte Sherilyn vermisst. Wie sehr, das spürte er erst jetzt, als er heimkehrte. Von der Brücke führten zwei Gänge zur Hauptschleuse. Ken wartete erst gar nicht, bis die Rampe gänzlich ausgefahren war, sondern sprang direkt vom Ausgang auf den Landeplatz.

Er überquerte den angrenzenden Rasen zu seinem Grundstück und betrat das Haus. Die intelligente Automation erkannte ihn und öffnete für ihn die Türen. Gleich auf den ersten Blick erkannte Ken Dra, dass sich im Innern des Haus nichts verändert hatte.

Gar nichts.