Elfendrache - Tanja Rast - E-Book

Elfendrache E-Book

Tanja Rast

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Beschreibung

Ein Blick hinter düstere Fassaden, der die Wahrheit enthüllt. Eine Liebe, die alles verändert.

Das Autorenkollektiv Die Uferlosen präsentiert: »Der Schöne und das Biest«. In jedem Buch wird das Thema neu interpretiert, aber eins haben alle Bände gemeinsam: Sie sind Balsam für das Herz. Bis in die Wolken ragt der Heilige Berg Sarrian-ma auf. Zu seinem Schutz hat die kleine Göttin, die in ihm wohnt, einen entsetzlichen Wächter berufen …

Aus dem Flachland fallen Sonnenkrieger ein. Sie suchen nach wertvollen Rohstoffen und wollen die wilden Bergelfen zum Glauben an ihren einen Gott bekehren. Widerstand wird brutal gebrochen, und so schleicht der Elf Jaron sich lieber in das Lager und das Herz des Kommandanten ein, um die Gegner auf seine Art zu verwirren.

Leider fliegt er auf. Als seine Häscher ihn am Fuße des Sarrian-ma stellen können, werfen sie ihn der Einfachheit halber dem Wächterdrachen vor die Krallen. Damit ist das Problem erledigt … denken sie. Denn sie haben die Rechnung ohne das einsame Herz des Drachen gemacht.

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Für meine Uferlosen

 

 

Elfendrache

 

 

 

 

Tanja Rast

 

 

 

 

 

 

Roman

Inhaltswarnungen

 

Kann Spuren von Erdnüssen enthalten!

 

Es gibt Inhalte, die Betroffene triggern können, das heißt, dass womöglich alte Traumata wieder an die Oberfläche geholt werden. Deswegen habe ich für diese Personen eine Liste mit möglichen Inhaltswarnungen für alle meine Romane zusammengestellt:

 

www.tanja-rast.de/inhaltswarnungen

Inhaltsverzeichnis
1. Sonnenlager
2. Nach Rallien-de
3. Aufgeflogen
4. Die Schlucht
5. Auf der Flucht
6. Feuerklauen
7. Drachenhort
8. Erkundungen
9. Erkenntnisse
10. Abschied
11. Sonnenuntergang
12. Felder in Flammen
13. Ein Versprechen
14. Wachposten
15. Pflichterfüllung
16. Magierfeuer
17. Rettungsmission
18. Kadin
19. Befreiungsschlag
20. Sharann und Jaron
21. Sharanns Geschichte
22. Sharann
23. Jaron
24. Sonnenkrieg
25. Elfendrachen
26. Fürstin der Hochlande
27. Sarrian-ma
28. Epilog: Mittsommer

 

uferlos: Der Schöne und das Biest
Die Autorin
Eine kleine Bitte
Danksagung

1.

Sonnenlager

 

Jaron seufzte wohlig, als die große Hand über seinen nackten Rücken streichelte und dann auf der Schulter zu liegen kam. Er murrte protestierend, als Kadin ihn dann jedoch nicht wirklich liebevoll schüttelte.

»Aufwachen, mein Hübscher. Wir bauen das Lager ab, und falls du nicht splitterfasernackt und sehr alleine zurückbleiben willst, bewegst du jetzt besser deinen reizenden Hintern.«

Jaron wandte den Kopf. »Lager abbauen? Aber warum? Hier ist es doch schön.«

»Der Befehl kam heute Morgen. Und … schön? Du rührst dich doch nur selten aus dem Zelt.«

»Ja, eben deswegen«, behauptete Jaron, drehte sich auf den Rücken, räkelte sich ein wenig aufreizend und seiner Wirkung auf den Kommandanten der Sonnenkrieger eingedenk und lächelte träge.

Heute verfing das nicht. Kadin schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht. Beeil dich lieber. Sonst baut man das Zelt über deinem Kopf ab.«

Er stand auf, und jetzt erst sah Jaron, dass der hochgewachsene Mann nicht nur voll bekleidet war – seltener Anblick hier im Zelt, wenn er ehrlich war -, sondern auch schon in seiner Rüstung steckte. Auf dem Brustpanzer prangte eine orangefarbene Scheibe, die von einem gelben Flammenkranz umgeben war. Jaron fand dieses Bildnis scheußlich, was vor allem daran lag, dass die Menschen die Sonne – und nur sie – verehrten und als eine Gottheit ansahen. Dabei wusste doch jedes Elfenkind … Er brach den Gedanken ab, als Kadin aus dem Zelt trat, ohne sich noch einmal nach ihm umgesehen zu haben.

Verdammt! Er sollte sich besser wirklich beeilen, wenn er den Anschluss nicht verlieren wollte. Diese Position in Kadins Bett und ein wenig auch im Vertrauen des Kommandanten hatte er sich hart genug erarbeitet.

Und Kadin hatte den Zelteingang offen stehen lassen. Großartig. Jaron war es gewohnt, seine Haut zu Markte zu tragen, aber vor einem ganzen Heerlager hatte er das bislang nicht getan. Zähneknirschend warf er die Decken von sich und erhob sich, um zur Waschschüssel zu eilen. Nach einer schweißtreibenden Nacht mit Kadin schlüpfte er ganz bestimmt nicht ungewaschen in seine Kleidung. Gleichgültig, wer jetzt alles einen Blick auf ihn werfen konnte.

Das Wasser war kalt und abgestanden. Dieser ganze Weckruf und die harsche Anweisung waren so bezeichnend für Kadin. Der Mann war im Bett weder besonders einfallsreich noch gut, aber wenigstens war er kein Grobian, der nur an sich dachte. Da hätte Jaron es erheblich schlechter treffen können. Dass der Kommandant von ihm fasziniert war, konnte Jaron nur als offensichtlich bezeichnen. Die Reize dunkler Haut, spitzer Ohren und einer im Vergleich zu Menschen geringeren Körpergröße und Wucht taten ihre Wirkung.

Seit über einer Woche teilte er nun nachts das Lager mit Kadin, nachdem er zuerst einfach im Heerlager aufgetaucht war und wie viele andere Elfen einfache Arbeiten verrichtet hatte. Immer auf der Suche nach Auskünften, die seiner Fürstin behilflich sein könnten, die Eindringlinge möglichst ohne große Schlachten wieder loszuwerden.

Draußen wurden bereits Pferde vorgeführt. Hastig trocknete Jaron sich ab und zog knielange Hose, Leinenhemd und die flachen Lederschuhe an, ehe er sich den Kapuzenumhang über den Kopf zerrte und seine Waschsachen im bescheidenen Bündel verstaute. Nur zur Sicherheit tastete er die eine Naht des Umhangs ab, fand die kleine Beule in der verborgenen Tasche und atmete wie jedes Mal lautlos auf.

»Elf, sieh zu, dass du da raus kommst, wir bauen jetzt ab!«, rief einer der menschlichen Knechte vom Zelteingang.

Jaron nickte, warf sich den Trageriemen über die Schulter und hastete nach draußen, wo gestern Abend noch ein gut befestigtes Lager des kaiserlichen Heers gestanden hatte.

Die meisten Zelte waren bereits abgebrochen und wurden auf Lasteneseln verstaut. Eseln, die bis vor Kurzem noch Elfen gehört hatten. Das Gleiche galt für die Ochsen, auf deren starken Rücken Käfige mit geraubten – eingezogenen, wie die Sonnenkrieger es nannten – Hühnern und Getreidesäcke festgezurrt wurden. Dass sie im Hochland nicht auf breite Wege hoffen durften, auf denen bequem Karren fahren konnten, hatten die Menschen rasch und bereits vor Jarons Ankunft im Lager verstanden. Seit dieser Erkenntnis hatten sie Bauern ihr Vieh abgenommen, um ihren Vorstoß ins Gebirge weiterhin zu ermöglichen.

Jaron benötigte jetzt ein friedliches Fleckchen in all diesem geschäftigen Wirrwarr. Eine kurze Nachricht musste an die Fürstin gesandt werden, ohne dass jemand das bemerkte. Vor allem niemand, der ihm das Plätzchen in Kadins Bett neidete. Doch erst sollte Jaron herausfinden, wohin die weitere Reise ging.

Gemächlich schlenderte er durch den Aufruhr und hielt auf die Pferde zu, wo Kadin inmitten seiner Soldaten stand und Befehle erteilte. Ein wirklich stattlicher Mann, und wäre dieses Sonnensymbol nicht auf seiner Rüstung, würde sie ihm prächtig stehen. Einen Kopf größer als die meisten Elfen, breitschultrig mit ansehnlichen Beinen, alles an ihm muskelschwer und deutlich vom Soldatenleben gezeichnet. Gut, dass Kadin nicht wusste, warum Jaron wirklich im Lager und in seinem Bett war, sonst wären die großen, starken Hände wie gemacht, ihn ganz allmählich zu erwürgen.

Er blieb mit einem Abstand zur Soldatengruppe stehen und sah Kadin einfach nur mit einem Lächeln an. Der merkte das, das wusste er. Vor drei Tagen hatte der große Mensch gesagt, es fühle sich an, als würde ihm jemand glühende Kohlen in den Rücken drücken. Dann hatte er gelacht, einen Schluck Bier genommen und behauptet, das wären eben Soldateninstinkte.

Sonderlich gut waren sie ja sonst auch nicht ausgeprägt, fand Jaron spöttisch und lächelte weiterhin so unschuldig wie möglich. Ein kleines Wunder, dass Kadin ihm das abkaufte, doch im gemeinsamen Bett hatte Jaron sich stets vornehm zurückgehalten. Gerade nur so viel Raffinesse, dass Kadin die Luft wegblieb und Jaron ihn weiterhin an sich fesseln konnte.

Wenn er ehrlich war, hatte er auf einen Offizier gehofft, den er um den kleinen Finger zu wickeln vermochte, notfalls auf einen einfachen Soldaten, dessen Vertrauen er gewinnen konnte. Ein Glücksfall, dass es ausgerechnet der Kommandant dieser Heeresgruppe geworden war. Jede noch so kleine Auskunft hatte Jaron weitergeleitet, nachdem er mit weit aufgerissenen Augen und halb geöffneten Lippen wie gebannt Kadins Worten gelauscht hatte. Das wirkte ganz beachtlich und schmeichelte dem großen Mann.

Jetzt drehte Kadin sich um, da er den Blick offenbar wirklich gespürt hatte. Oder er hatte gemerkt, dass ein, zwei seiner Männer zu Jaron gesehen hatten. Die meisten waren nicht sonderlich begeistert, dass ihr Kommandant sich ein Elfenliebchen in sein Zelt geholt hatte, vermutete Jaron, immerhin waren die Sonnenkrieger hier, um sich das Hochland und dessen Bewohner untertan zu machen.

Er lächelte weiterhin und wartete auf den knappen Wink, der ihm gestattete, näher zu Kadin zu treten. Der Kommandant entließ seine Männer und legte einen Arm schwer um Jarons Schultern. »Du kannst hinter mir auf dem Sattel sitzen, wenn du möchtest.«

Eine Auszeichnung, das war klar. Dazu eine, die den Soldaten gar nicht gefallen würde. Blitzschnell wog Jaron das Für und Wider ab, riss die Augen weit auf und sah zu den langbeinigen Pferden. Hastig schüttelte er den Kopf.

Kadin lachte und drückte ihn fester an sich. »Ich gebe schon acht, dass du nicht fällst. Aber ganz wie du willst, solange du nur abends nicht zu müde bist.«

Jaron lehnte den Kopf an die breite Brust des Kommandanten. »Bestimmt nicht. Ich bin es doch gewohnt, mich zu Fuß durch das Hochland zu bewegen.«

»Wie eine verdammte Bergziege. Wie heißen die Biester?«

»Gämsen. Und nein, so geschickt wie die bin ich nicht. Sie erklettern sogar beinahe senkrechte Felswände. Sagst du mir, wohin es nun geht? Ich dachte, wir bleiben über Winter hier?«

»Das stand nie zur Debatte. Wir blieben nur hier, weil es ein guter Lagerplatz ist, bis wir neue Befehle bekommen. Die sind nun heute früh eingetroffen.« Kadin musterte ihn streng. »Du kannst vielleicht sogar behilflich sein, mein Hübscher.«

»Ich?« Ein Blick der Sorte scheue Unschuld flog dem Kommandanten zu.

»Du kennst dich hier aus, hast du gesagt. Du wurdest hier doch irgendwo in der Nähe geboren, oder?«

Jaron hatte nie Dergleichen geäußert, sondern sich bewusst immer vage gehalten. Doch jetzt nickte er.

»Ich kann eure elfischen Namen für Berge, Schluchten und Flüsse nicht aussprechen. Da kriegt man ja einen Knoten in der Zunge. Es geht zu einem Wasserfall, der nur ein paar Tagesmärsche entfernt liegen soll. Kennst du den?«

»Rallien-de?«

»Ich sagte doch …«

Rasch stellte Jaron sich auf Zehenspitzen und hauchte einen Kuss auf die Wange des Mannes. »Ja, ich weiß. Rallien-de ist ein halbmondförmiger Wasserfall, und der Fluss dorthin führt durch eine tiefe Schlucht. Stimmt das mit deinem Befehl überein?«

»Guter Elf«, knurrte Kadin und zog ihn vollends an sich, um ihn zu küssen. Seine Zunge schmeckte nach Bier und gebratenem Fleisch mit rohen Zwiebeln.

Eine Hand fand den Weg auf Jarons rechte Pobacke und drückte behutsam zu. Starke Finger, und Jaron musste einen Schauder unterdrücken, weil er sich allzu lebhaft die gleiche Hand um seinen Hals vorstellen könnte. Er erwiderte den Kuss, stand dabei immer noch auf Zehenspitzen und hatte einen Arm um Kadins Nacken geschlungen. Die Panzerung drückte unangenehm gegen seine Brust, er fühlte die Kühle des Metalls durch Umhang und Hemd.

Nach einiger Zeit und viel Biergeschmack gab Kadin ihn frei. »Du solltest wirklich bei mir mitreiten. Ich will dich nahe bei mir haben, mein Hübscher. Hätte auch nie gedacht, dass mir ein Bergelf den Kopf verdrehen kann, aber du hast es geschafft.«

Jaron lachte leise und fühlte sich zum Lohn noch einmal fest gegen die Rüstung gedrückt. »Die Überraschung ist ganz auf meiner Seite, Kommandant Kadin. Aber wie sollte ich widerstehen, nachdem ich dir am Bach begegnete?« Eine zurückhaltende Umschreibung der nackten Tatsachen, die ihm da präsentiert worden waren. Mittlerweile wusste er ja, dass Kadin sich nicht häufig wusch, das gut geplante Zusammentreffen war also in Wahrheit ein Glücksfall gewesen.

»Gut, lauf, wenn du unbedingt willst.« Endlich stellte Kadin ihn wieder richtig auf die eigenen Füße. »In einer halben Stunde geht es los zum … wie auch immer dieser Wasserfall heißt. Ich hoffe doch, dass du wenigstens in der Nähe meines Pferdes sein wirst.«

»Natürlich.« Er machte sich aus der Umarmung frei und sah einer Gewitterwolke gleich Unmut über Kadins Gesicht fliegen. »Der Ruf der Natur, Kommandant. Aber ich werde zur Stelle sein, wenn du abreitest.«

»Pass auf diese ekligen Brennnesseln auf«, riet Kadin ihm und lachte.

Jaron gestattete sich ein leises Glucksen, nickte und machte sich auf den Weg in ein Gebüsch ein wenig abseits vom Lager. Rallien-de! Wenn es nach Jaron ging, würde diese Heerestruppe den Wasserfall nicht erreichen! Er musste schleunigst dafür sorgen, dass dieses Ziel der Fürstin bekannt wurde. Inzwischen musste sie einfach genug Zeit gehabt haben, um eine Verteidigung des Hochlands auf die Beine zu stellen. Sie selbst besaß in der Bergfestung von Togan-tir nur eine kleine Besatzung, zu der bis vor Kurzem auch Jaron gezählt hatte. Aber in jedem kleinen Weiler, die wie Sternenfunkeln am Rande jeder fruchtbaren kleinen Ebene standen, gab es Jäger und den einen oder anderen schlagkräftigen Dorfwächter. All diese Elfen hatte die Fürstin zusammenzuziehen versucht, als Jaron und andere Spione sich auf den Weg gemacht hatten.

Die Sonnenkrieger mochten versucht haben, mit einem einzigen großen Heer ins Hochland einzufallen, alleine das schwierige Gelände, die schmalen Ziegenpfade hatten das Vorhaben vereitelt und das Heer zersplittert. Übrig geblieben waren schlagkräftige Einheiten, die unter einem Oberbefehlshaber wie Kadin standen, Siedlungen plünderten und immer weiter ins Elfenland eindrangen. Und das anscheinend ziemlich mühelos, was Jaron ärgerte. Aber bislang war das Hochland selbst der beste Schutz der Elfen gewesen.

Doch mit diesem allzu einfachen Vorstoß war jetzt zumindest für Kadins Truppe Schluss, hoffte Jaron, während er sich vorsichtig umsah, ob er sicher vor neugierigen Blicken war. Dann tastete er nach der geheimen Tasche in seinem Mantel, zog das bronzefarbene Stäbchen hervor und drehte es auf, bis er in jeder Hand ein Teil davon hielt. Ein scharfer Dorn kam zum Vorschein, und Jaron stach sich eine Fingerkuppe an, ließ einen Tropfen Blut in die Höhlung des Stabes fallen, um diesen danach eilig wieder zusammenzuschrauben.

Hellblau schimmerten Elfenrunen auf, die vorher wie matter Türkisstein im Metall gewirkt hatten. Zur Vorsicht spähte Jaron noch einmal ringsum, dann duckte er sich zusätzlich hinter ein Gebüsch, ehe er leise und rasch sagte: »Jaron. Einheit unter Kommandant Kadin rückt vor auf Rallien-de. Das Lager wird gerade abgebrochen, ich rechne mit drei bis vier Tagesmärschen, bis die Fälle erreicht werden. Jaron Ende.«

Die Runen glommen noch einmal auf, dann wurden sie wieder zu mattem Schmuckstein. Die Nachricht war unterwegs. In zwei oder drei Stunden sollte sie die Fürstin in Togan-tir erreichen.

Jaron wischte sich eine nach der anderen die schweißfeuchten Hände am Mantel ab, ehe er das Stäbchen wieder in der geheimen Tasche verbarg, zweimal tief durchatmete und aufstand, um betont lässig und zugleich mit allen Anzeichen der Erleichterung aus seinem Gebüsch wieder aufzutauchen.

Das Einzige, das ihn an der wundervollen Magie der Stäbchen störte, war, dass es nur in eine Richtung ging. Nur von seinem Exemplar nach Togan-tir, aber niemals eine Antwort. Andererseits war das vielleicht gut so. Die Vorstellung, jemand könnte versuchen, ihm eine wichtige Nachricht zukommen zu lassen, während er gerade Kadin im Bett hatte, ließ einen eisigen Schauder über Jarons Rücken fliegen. Nein, das war schon ganz gut so. Und er würde die Auswirkungen seiner Bemühungen ja beobachten können, da der Kommandant ihn beständig an seiner Seite wünschte. Wenn das Elfenheer zuschlug, musste Jaron nur zusehen, dass er möglichst unbeschadet aus Kadins Reichweite gelangte. Aber das bekam er hin. Er mochte den Menschen klein und zerbrechlich erscheinen, sodass sie nicht sehen konnten – oder wollten – dass er ein voll ausgebildeter Krieger war, der mit Bogen, Klingenstab oder Säbel eine ernsthafte Gefahr für sie darstellte und sich seiner Haut zu wehren wusste. Kadins dummes Gesicht wäre dann wirklich sehenswert. Aber derzeit war Jaron unbewaffnet und besser auf der Hut.

Er sah zurück ins Lager, als Rauchgeruch seine Nase streifte. Kein einziges Zelt stand mehr. Die Palisaden waren in Brand gesteckt worden. Kadin wollte offenbar nicht, dass Elfen sich hier verschanzen konnten.

Schwer beladene Packesel bildeten eine lange Schlange hinter den Pferden. Rechts und links von ihnen standen Fußsoldaten und bedienstete Elfen, von denen lange nicht alle freiwillig für die Eindringlinge arbeiteten.

Jaron hielt sich von ihnen fern. Unwahrscheinlich, dass ein verschleppter Bergbauer ihn erkennen würde, aber die Distanz, die ihm selbst weh tat, schützte ihn vor jeglichem Verdacht, vielleicht doch kein ganz so williges Elfenliebchen zu sein, wie Kadin das von ihm annahm.

Er schritt würdevoll an den Lasttieren und Soldaten vorbei, bis er zu Kadins Pferd gelangte.

Als hätte er nur auf ihn gewartet, was wirklich schmeichelhaft war, nickte der Kommandant ihm zu und schwang sich in den Sattel. Hinter ihm machten die anderen Reiter es ihm nach.

»Komm an meine Seite, mein Hübscher.«

Der Tonfall zu dicht an einem Befehl, als dass es auch nur halbwegs als Bitte hätte durchgehen können, aber Jaron lächelte dem Mann, den er so leicht um seine schlanken Finger wickeln konnte, liebreizend zu und kam noch ein wenig dichter zum Pferd, obwohl er dessen Hufe fürchtete. Das Vieh war einfach zu groß, und als Kriegspferd ausgebildet auch nicht zimperlich, wen es trat oder biss.

Esel waren so viel liebenswerter!

2.

Nach Rallien-de

 

Jaron fühlte sich noch frisch, als die Truppe eine Mittagsrast einlegte. Wachen wurden ringsum aufgestellt, Diener trugen Wasserschläuche zu den Soldaten und verteilten Fladenbrote und körnigen Frischkäse an die Männer.

Auch Jaron erhielt eine Ration, wenngleich der Mann, der ihm diese reichte, mürrisch dreinblickte, dass er als Mensch einen Elfen zu bedienen hatte.

Kadin setzte sich auf einen großen Stein und klopfte einladend auf einen Platz neben sich. Mit einem Lächeln kam Jaron der Aufforderung nach, lehnte sich sacht an den großen Kommandanten und behielt die Umgebung unauffällig im Auge. Wie weit entfernt mochten die Truppen der Fürstin sein? Wann würden sie zuschlagen? Die Mittagszeit erschien ihm selbst am weisesten, denn dann gab es nur die Postenkette, während ein Nachtlager besser gesichert werden würde. So viel hatten bereits andere Spione gemeldet, ehe Jaron die Festung der Fürstin verlassen hatte.

Er kaute auf einem Stück Brot und überlegte sich, wie viele Männer und Frauen wie er wohl gerade versuchten, mehr über den Vormarsch der Sonnenkrieger herauszufinden. Wie viele Elfen wie er damit beschäftigt waren, Hindernisse zu erschaffen, Menschen zu verwirren und irgendwie das Hochland vor ihnen zu beschützen.

Ernüchternd und kalt kam noch ein Gedanke hinzu: Wie viele mochten die Sonnenkrieger bereits erwischt haben? Er wusste von zwei Elfen, die sich nach anfänglich täglichen Berichten nicht mehr gemeldet hatten. Nach fünf Tagen hatte niemand im Umkreis der Fürstin mehr ihre Namen erwähnt oder noch Hoffnung auf weitere Nachrichten gehegt. Die Blicke, die die Magier sich zugeworfen hatten, hatten Bände gesprochen und Jaron auch noch einmal verdeutlicht, wie gefährlich sein Auftrag tatsächlich war.

Trotzdem hoffte er, dass jeder Elf bei dieser Truppe ein Spion wäre. Einfach, weil dann der Verlust eines einzigen – Jaron selbst zum Beispiel – nicht so schwer wog, da die Fürstin trotzdem noch Nachrichten bekäme. Aber er war sich ganz und gar nicht sicher, ob noch jemand außer ihm ein Kundschafterstäbchen verbarg. Die meisten schienen ihm wirklich Bauern zu sein, vielleicht ein, zwei Jäger und ein paar Händler. Er schmiegte sich enger an Kadin. Besser, sich keine Hoffnungen zu machen, dass jemand anderes zur Hand wäre, falls er versagte. Er durfte einfach nicht scheitern, sich keinen Fehler erlauben. Und immerhin fraß Kadin ihm aus der Hand und schien sich seiner Zuneigung und Hingabe vollkommen sicher.

Der Kommandant legte einen Arm um ihn. »Na, doch müde? Ich kann das nicht erlauben, mein Hübscher. Weißt du, was ich nach einem langen Tag im Sattel mag?«

Jaron konnte es sich lebhaft vorstellen. Noch ein Grund mehr, warum er laufen wollte! Er lächelte empor und ließ die Lider berechnend halb sinken, öffnete die Lippen gerade weit genug, dass Kadin es wahrnehmen konnte.

Der mächtige Brustkorb an seiner Seite wurde von Gelächter erschüttert. »Ja, das auch. Das versteht sich ja von selbst.«

Kadin beugte sich vor und küsste ihn. Wenigstens schmeckte er nun auch nach Frischkäse und Brot. Und nach Bier, es war ja so klar.

»Ich mag es«, sagte Kadin leise direkt in Jarons Ohr, wobei der borstige Bart über die Wange kratzte, »wenn du mir den Rücken durchknetest. Den ganzen Tag im Sattel, da ist es eine Wohltat.«

»Eine Wohltat für dich – und für mich«, flüsterte Jaron mit rauchiger Stimme.

»Dann ist das abgemacht. Gut, iss auf, wir müssen weiter. Ich habe Kundschafter voraus geschickt, die einen guten Rastplatz für die Nacht aufstöbern sollen.« Kadin erhob sich, und ohne Murren folgten seine Männer diesem Beispiel.

Jaron sah ihnen an, dass sie müde waren. Die Höhenluft waren sie mittlerweile einigermaßen gewohnt, aber die schmalen Pfade, die üblicherweise nur von Gämsen betreten wurden, verlangten Männern und Tieren einiges ab. Vielleicht war dieser rasche Vormarsch auf Rallien-de doch keine so dumme Idee, und möglicherweise ließ die Fürstin ihren eigenen Truppen absichtlich ein wenig Zeit, um marschmüde Sonnenkrieger erst kurz vor Erreichen des Ziels besonders vernichtend überraschen zu können.

Außerdem wohnte Rallien-de eine kleine Gottheit inne, wie jedem großen Berg, jedem Fluss, jeder besonderen Stelle im Hochland. Die Überzeugung der Sonnenkrieger, dass alleine die Sonne eine mächtige Gottheit war, konnte Jaron nur lächerlich finden. Das Tagesgestirn spendete das Licht, das die Wunder der Natur erhellte, mehr nicht. Aber trotzdem würde sich kein Elf anmaßen, einen Menschen bekehren zu wollen. Die hingegen waren auch auf ihrem Zug durch das Gebirge, um den Elfen ihren Glauben aufzuzwingen. Das war eine Kunde, die Jaron schon in Togan-tir vernommen hatte. Zu einem Mann wie Kadin passte das nur allzu gut. Der nahm es mit den Andachten, die die Menschen zu Sonnenauf- und -untergang abhielten, selbst nicht so genau, aber er hatte Jaron mehr als einmal spöttisch gefragt, ob vielleicht irgendwo einer der Götzen heulte, weil Bäume gefällt wurden. Jaron hatte Interesse am Sonnenglauben geheuchelt, doch wann immer er eine freie Sicht fand, sah er zu Sarrian-ma, dem höchsten Berg, dessen schneebedeckter Gipfel bis in die Wolken reichte. Dafür war die Sonne gut, wenn sie die Flanken des Heiligen Berges rot und golden färbte, die Schneekappe zum Glitzern brachte und die Wolken am Gipfel in ein prächtiges Farbenspiel tauchte.

Er lächelte gedankenverloren, und Kadin bemerkte das, zog ihn ungeachtet des halb gegessenen Brotes auf die Beine und in eine Umarmung.

»Du ahnst gar nicht, mein Hübscher, wie sehr mir dieses Lächeln gefällt. Aber ein paar Meilen schaffen wir noch, ehe wir das Nachtlager aufschlagen.«

Das Fladenbrot zerkrümelte, da es zwischen Jarons Brustkorb und der ungemütlichen Rüstung eingeklemmt wurde. Jaron ließ es los und drängte den Arm aus der Klemme, um eine Hand auf Kadins Rücken legen zu können. Und ob er wusste, dass Kadin es mochte, wenn er lächelte! Aber er war unaufmerksam gewesen, hatte nicht berechnend, sondern alleine wegen der Gedanken an Sarrian-ma gelächelt, und solche Nachlässigkeit konnte ihm gefährlich werden.

»Und jetzt kommst du mit aufs Pferd. Ich passe schon auf dich auf, mein Hübscher. Keine Widerrede!«

Da er bei diesen Worten Jarons Handgelenk fest umfasste und ihn einfach mit sich zog, fand Jaron, dass eine weitere Weigerung ihm nur schaden konnte. Außerdem würde er unterwegs ein wenig an Kadin herumfummeln, ihm unanständige Dinge ins Ohr raunen, ihn gründlich ablenken und vor Lust benommen machen. Das wog zwar immer noch nicht vollkommen das Unbehagen auf, das Jaron angesichts des Kriegspferdes befiel, aber wer wusste schon, wozu es noch gut sein würde.

Kadin stieg auf und zog Jaron dann auf diese unnachahmlich robuste Art nach oben und hinter sich.

Es war ungemütlich, und Jaron wusste, dass sein Hintern schmerzen würde, wenn er von diesem verdammten Pferd wieder absteigen durfte. Er schlang beide Arme um Kadins Mitte und hielt sich fest, als der Befehl zum Abritt kam. Dieses Reittier war eindeutig zu groß!

Und falls die Truppen der Fürstin jetzt angriffen, musste er rasch zu Boden springen und in ein Gebüsch oder die eigenen Reihen flüchten, da er unbewaffnet war. Eine verborgene Klinge hätte ein viel zu großes Risiko bedeutet. Das Kundschafterstäbchen war klein genug, um nicht entdeckt zu werden – und doch war genau das stets Jarons größte Sorge.

Er gewöhnte sich nach einiger Zeit an die Bewegungen des Pferdes und ließ die Hände deutlich tiefer gleiten. Sofort legte Kadin seine auf Jarons Finger und drückte ein wenig fester zu, um mehr von der Liebkosung zu haben.

Jaron lachte leise und betont rau und kuschelte sich fester an den starren Panzer. »Das ist aber nicht dein Rücken, den ich durchkneten sollte«, neckte er den großen Mann.

Falls Elfen irgendwo in den Berghängen in einem Hinterhalt lauerten, stellte es eine immense Erhöhung von deren Erfolgsaussichten dar, wenn der Kommandant nicht ganz Herr seiner Sinne war. Führerlose Truppen waren so viel einfacher zu überrumpeln, außerdem war Kadin ein gewaltiger Krieger, den Jaron gerne so lange wie möglich aus einem Gefecht heraushalten wollte.

Doch statt niedergehender Elfenpfeile unterbrach Hufschlag das Ablenkungsmanöver, denn Kadin wischte Jarons Hände von seinem Gemächt, als er die Annäherung von Reitern vernahm. So viel zu Jarons Hoffnung, diesen durch und durch erprobten Krieger ablenken zu können.

Er spähte an Kadins Schulter vorbei. Die beiden Reiter waren dessen eigene Kundschafter, und sie sahen sehr zufrieden aus. Etwas, was Jaron instinktiv missfiel.

»Habt ihr einen guten Lagerplatz gefunden?«, rief Kadin ihnen entgegen.

»Besser, Kommandant! Vor uns befindet sich der Trupp von Kommandantin Vila. Sie hat bereits einen Platz für die Nacht festgelegt und lässt diesen nun so befestigen, dass wir mit ihr lagern können. Auch sie soll zu diesem Wasserfall.«

»Mit vereinten Kräften, das gefällt mir.«

Mir nicht, aber mich fragt ja niemand. Vor allem musste er erneut eine Gelegenheit finden, um eine Nachricht zu den Magiern der Fürstin abzusetzen. Und noch mehr Menschen, die ihm auf die Schliche kommen könnten. Schon Kadins Männer waren nicht glücklich darüber, wie absolut verfallen ihr Kommandant einem Elfen schien, diese Kommandantin würde das noch sehr viel weniger witzig finden. Vila. Jaron merkte sich den Namen. In Togan-tir konnte man damit vielleicht schon etwas anfangen.

Der Trupp folgte nun den Kundschaftern, die nach geraumer Zeit, während schon Blau aus dem Himmel und dem Unterholz kroch, einen Seitenpfad einschlugen, der zumindest die Ochsen vor eine Herausforderung stellen würde. Jaron sah über die Schulter zurück: Es gingen nur menschliche Knechte neben den großen Lasttieren. Kein Verlust, falls einer von denen die Bergflanke hinabgestoßen wurde, sagte er sich grimmig. Dann nahm er auch schon den Geruch von Rauch wahr.

Der Pfad öffnete sich auf eine kleine Ebene, die zum Teil von einem Felsüberhang geschützt wurde. Aufgeworfene Wälle aus Geröll und die unvermeidlichen Palisaden schützten das Lager auf zwei Seiten, während die letzte durch den Abgrund abgeschirmt wurde.

Ein guter Ort, um ungestört die Nacht hier zu verbringen, fand Jaron und unterdrückte nur wegen der direkten Nähe zu Kadin mühsam ein Zähneknirschen.

Kadin lenkte sein Pferd zur Seite, um den nachfolgenden Tross ins Lager gelangen zu lassen. »Runter mit dir, mein Hübscher, sonst bist du mir beim Absteigen im Weg.«

Jaron verfluchte ihn im Stillen, denn das große Tier war auf dem Weg hierher nicht um einen Zoll geschrumpft. Er hielt sich an Kadins Waffengürtel fest, zog ein Bein zwischen ihnen auf die andere Seite des Sattels und sprang zu Boden. Er hatte die Entfernung ein wenig unterschätzt, und der Boden war uneben. Ein Stechen schoss ihm in den rechten Knöchel, und Jaron biss die Zähne zusammen, belastete den Fuß vorsichtig und fand, dass der Schmerz schon wieder nachließ. Alles halb so wild.

»Kadin! Welch Freude, dich in diesem beschissenen Bergland zu treffen.« Eine hoch gewachsene Frau trat zu Jarons Kommandanten, als dieser sich gerade lässig zu Boden ließ. Ein Knecht war schon hinzugetreten, um das Pferd zu übernehmen und für die Nacht zu versorgen.

»Wenigstens regnet es nicht mehr den ganzen Tag. Ich dachte, wir werden ertränkt. Wir konnten den Zelten beim Verfaulen zusehen.« Er ging der Kommandantin entgegen, und die beiden begrüßten sich mit einem klatschenden Handschlag, der wohl besonders kameradschaftlich wirken sollte.

»Willst du bei mir im Zelt schlafen?«, fragte Vila.

»Ungern. Hab da ein Liebchen, das mir noch eine Massage und mehr schuldet.«

Sie lachte und warf dabei den Kopf in den Nacken. »Dann bitte ich dich, dein Zelt so weit wie möglich von meinem entfernt aufzuschlagen, damit ich heute Nacht überhaupt ein Auge zumachen kann.«

Sie fasste nach Kadins Arm, und Jaron rückte unauffällig und mit der Bewegung der ankommenden Lastesel näher, als er sah, wie Vilas Miene sich bei dieser Bewegung veränderte. Härter wurde, wie Falten sich zwischen ihren Brauen wie kleine Schluchten eingruben. Da hatte jemand schlechte Nachrichten, und Jaron hatte eine unstillbare Vorliebe für alles, was den Menschen Kopfzerbrechen bereitete. Er spitzte aufmerksam die Ohren, während er immer noch die nachrückenden Soldaten, Knechte und Packtiere als Deckung nutzte.

»Wir haben einen Elfenspion geschnappt, Kadin. Der reiste seit fast zwei Wochen in meinem Trupp und hat sonst etwas ausgeplaudert.«

»Wie soll er …?«

Jaron fühlte Eis in seine Muskeln rieseln, als Vila Kadins Frage unterbrach, indem sie ihm die offene Hand hinstreckte, auf der klein, zerbrechlich und scheinbar harmlos mit Türkisen geschmückt ein Kundschafterstäbchen lag.

»Verdammt, was ist das?«

»Genau wissen wir es auch nicht. Mein Magier Rufinos meint, es sendet Nachrichten direkt zu dieser Elfenkönigin – oder wie auch immer sie sich nennt. Das spitzohrige, kleine Miststück hat alles Mögliche belauscht und dann mit diesem Dings weitergemeldet. Und ich weiß nicht, was er alles ausgeplaudert hat.«

»Du hast ihn verhört?«

»Natürlich habe ich das! Aber Elfen sind zäh, und er hat nicht eine Frage beantwortet, ehe er starb. Ich glaube nur, wir sollten besonders vorsichtig sein. Ich rechne mit einem Hinterhalt der Elfen. Gut, dass unsere Truppen jetzt vereint zu diesen Wasserfällen ziehen werden. Denn das hat er nicht gewusst und nicht weitergemeldet. Sie rechnen also mit vierzig Bewaffneten und bekommen es mit der doppelten Menge zu tun.«

»Noch mehr, wenn wir die Knechte mit Bögen ausstatten. Sie sind ungeübt, aber wenn dreißig Pfeile fliegen, wird ja wohl wenigstens einer treffen«, sagte Kadin und rieb sich bei diesen Worten das Kinn.

Trauer und Zorn fochten einen Kampf in Jarons Herzen aus. Wer auch immer hier enttarnt, gefoltert und ermordet worden war – er hatte diesen Elfen wahrscheinlich gekannt. Sie waren möglicherweise gemeinsam ausgebildet und für diese Mission ausgesucht worden. Wer war es gewesen? Gesichter und Namen tanzten einen wilden Reigen vor seinem geistigen Auge. Alles Bekannte, Vertraute, Freunde. Und alle waren sich der Gefahren ihres Auftrags ebenso bewusst gewesen wie er.

Er musste noch vorsichtiger sein, aber vor allem hatte er dafür zu sorgen, dass diese traurige Geschichte ebenso wie die veränderte Truppenstärke die Magier in Togan-tir erreichte, damit die Elfenkrieger vorgewarnt wurden. Die Fürstin musste hiervon erfahren. Und zwar rasch.

Doch dafür musste er Kadin entschlüpfen und einen ruhigen Ort finden, an dem er sein Kundschafterstäbchen einzusetzen wagte.

Wieder fiel ihm nur die Ausrede eines dringenden Rufs der Natur ein. Auch Menschen erledigten solche Dinge gerne ungestört und unbeobachtet. Gleichgültig, ob es hier eine Dranktonne oder ein gemeinschaftliches Loch mit einem Balken darüber gab. Jaron ließ sich weiter mit den Packtieren und Knechten treiben und hielt Ausschau nach einem Elfendiener, dessen Gesicht ihm noch fremd war, der dementsprechend in Vilas Tross unterwegs war und das neue Nachtlager schon ein wenig kannte. Er musste rasch handeln, denn Kadin, der geile Bock, plante eine ereignisreiche Nacht, und ihm während dieser zu entkommen, war fast unmöglich, da der Kerl einen leichten Schlaf hatte. Jaron konnte ja nicht ständig eine schwache Blase vorschützen.

Endlich entdeckte er einen Mann, der mit eingezogenem Kopf Feuerholz schleppte. Jaron sah sich hastig noch einmal nach Kadin um, aber der stand noch bei Vila und hatte das Fehlen seines Elfenliebchens wohl noch nicht bemerkt.

Also hastete Jaron zu dem Elfen, fasste ihn sanft am Arm und fragte: »Verzeih, gibt es hier … Latrinen?«

3.

Aufgeflogen

 

Jaron fühlte sich wohlig benommen, erfüllt von Wärme und rechtschaffen müde. Er lag in Kadins Armen, fest an dessen mächtigen Brustkasten geschmiegt unter schweißfeuchten Decken, eingehüllt in den ein wenig strengen Geruch des großen Mannes.

Träge streichelten Kadins Fingerkuppen in kreisenden Bewegungen über Jarons Bauchdecke, zeichneten immer wieder eine Linie vom Bauchnabel bis zum unteren Rand des Brustbeines nach. Der Mann schlief selbst halb, nur noch diese Hand schien ein wenig wach zu sein. Rückblickend, wie lebhaft sie es getrieben hatten, war das auch kein Wunder. Und Jaron schöpfte daraus auch eine gewisse Beruhigung, dass Kadin ihn nicht verdächtigte. Niemand konnte sich so fallen lassen, der seinem Bettgefährten nicht vollkommen vertraute, fand er.

Schließlich grunzte Kadin leise und wälzte sich zur Seite vom Bettgestell, wobei er die Decke ein Stück weit mitnahm, ehe er diesen Umstand bemerkte. Jaron fröstelte, als kühle Nachtluft über seine schweißfeuchte Haut streichelte.

»Muss mal pissen«, murmelte Kadin undeutlich und blieb für einen Augenblick auf der Bettkante sitzen, um sich mit den Händen über das Gesicht zu fahren und dann die leicht fettigen Haare nach hinten zu streichen.

Jaron raffte sich auf und rückte näher, wobei er die Decke wieder an sich zog, ehe er einen Kuss auf ein Schulterblatt drückte. »Beeil dich.«

»Halt das Bett fein warm, mein Hübscher. Will da noch etwas Neues ausprobieren.«

Jaron lachte und ließ sich zurück auf die Grasmatratze fallen, räkelte sich genüsslich und gab mit einem wohl berechneten Schnurren in der Stimme zurück: »Ich bin gespannt.«

Mit einem zufriedenen Lachen stand Kadin auf, und Jaron konnte den Blick über die muskulöse Rückansicht des Mannes gleiten lassen. Eindeutig, ohne Rüstung sah Kadin viel besser aus. Es verblüffte Jaron ein wenig, dass er einen Menschen tatsächlich attraktiv finden konnte, aber es half und machte all dies deutlich angenehmer.

Der Kommandant griff nach seiner Hose, die auf einer Truhe nahe dem Bett lag, über die auch Jarons Beinkleider und der Mantel geworfen worden waren. Die Schuhe lagen etwas weiter entfernt, und sein Hemd konnte Jaron nirgends ausmachen. Würde sich bei Tagesanbruch sicher finden lassen, wenn er nicht mehr ganz so wirr im Kopf war.

Er betrachtete das Spiel der Muskeln in Kadins Arm, auf dessen feuchter Haut das Licht einer Öllaterne ein Schattenspiel von Adern und Sehnen hervorhob, als Kadin mit einem Ruck seine Hose unter Jarons Mantel hervorzog. Oder es zumindest versuchte, denn der Kapuzenumhang landete auf dem Boden.

»Verdammt, muss mal«, murrte Kadin und bückte sich, um den Mantel wieder aufzuheben.

Mit halb geschlossenen Augen betrachtete Jaron versonnen den nackten Hintern und was er sonst noch so erspähen konnte.

Kadin ließ seine Hose fallen. Zu viel Bier. Ein Wunder, dass du im Bett noch so leistungsfähig bist, Kommandant. Und wenn du so weitermachst, wird dein wunderbar flacher Bauch bald von einer Wampe geziert. Egal, vor Rallien-de wirst du das wohl nicht mehr schaffen, und wenn du dreimal so viel Bier in dich kippst wie ohnehin schon.

Alle Muskeln verhärteten sich, traten schärfer hervor, als Kadin sich wieder aufrichtete, Jarons Mantel immer noch in den Händen. Vielleicht wollte er sich den ausleihen, weil er zu beduselt war, um in seine Hose zu finden. Der Umhang wäre natürlich zu kurz, und wahrscheinlich würde bei jedem Schritt ein halber Hintern hervorblitzen. Jaron biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu lachen.

»Du kleines Stück Scheiße«, sagte Kadin leise und mit einer Stimme, die sämtliche Härchen in Jarons Nacken aufstellte.

Kalt und schneidend, wie weggeblasen die wohlige Benommenheit, die sie beide nach zu viel schweißtreibender Hingabe befallen hatte. Der Tonfall vertrieb auch den Rest flauschiger Wärme aus Jarons Schädel.

Sein Mund wurde aschtrocken, und ein Schauder überlief ihn. Was?

Langsam drehte Kadin sich um. Auf der Handfläche lag klein, warm schimmernd im Licht der Laterne das Kundschafterstäbchen. Der Mantel fiel zerknäuelt und unbeachtet zu Boden.

Ein Trick! Er hat das von Vila. Er prüft mich nur! Aber er wusste es besser, sah die reine Mordlust, die Erkenntnis über den Verrat in Kadins Augen, den hasserfüllten Zug um den Mund.

Mit einem fauchenden Einatmen schleuderte Kadin das Stäbchen beiseite und stürzte sich mit zu Klauen gekrümmten Händen auf Jaron.

Es ging alles zu schnell, Jaron hatte das Entsetzen über das Bronzestäbchen in Kadins großer Hand noch nicht abgeschüttelt, und jetzt war die Bettdecke im Weg, klebte auch noch an ihm, als er versuchte, sich auf der anderen Seite aus dem Bett zu rollen.

Kadins Hand schloss sich wie eine Stahlklammer um seinen Unterarm, riss ihn mit einem Ruck zurück und herum, und Jaron trat zu, ehe er noch einen klaren Gedanken außer Flucht hatte fassen können.

Alle Luft entwich mit einem schrillen Pfeifen aus Kadins Lungen, als er beide Hände vor seine angestoßenen Weichteile presste und dann ganz langsam in die Knie ging. Er war mit einem Schlag – oder einem Tritt – kreidebleich geworden, und riesige Schweißperlen traten auf seine Stirn und Wangen. Ein Anblick, der das Herz erwärmte.

Jaron wartete nicht ab, wie rasch der große Kerl sich davon erholen würde, zumal er ziemlich sicher war, ihn weder voll noch richtig erwischt zu haben.

Er sah zu, dass er aus dem Bett kam, die feuchten Decken loswurde und an Kadin vorbei rannte, ehe der noch einmal nach ihm greifen konnte. Der wilde, verzweifelte Tritt verhinderte jetzt, dass der Kommandant nach Wachen und Unterstützung brüllte. Dafür fehlte Kadin schlichtweg der Atem. Aber gleich würde er herumschreien, und im Lager befanden sich über einhundert Menschen, die bestimmt gerne Jagd auf einen Elfen machen würden. Besonders auf das Liebchen des Kommandanten.

Er hetzte zum Zeltausgang, hoffte, dass seine dunkle Haut als Tarnung ausreichte, zumal er splitterfasernackt war, und wirbelte nach links herum.

In seinem rechten Knöchel stach etwas kalt und brennend zugleich zu, als er zur Seite sprang. Jaron biss die Zähne zusammen. Kadin konnte jeden Augenblick losbrüllen!

Er flog regelrecht um das Zelt herum, lautlos auf nackten Sohlen, nur ein Schatten unter vielen, und erreichte die Rückseite der Unterkunft, als Kadin zu schreien begann. Nach Wachen, über Verrat, über eine Belohnung für denjenigen, der ihm den Kopf des vormaligen Elfenliebchens brächte.

Jaron warf sich zu Boden und hörte, wie der große Mann durch den Zelteingang trampelte, immer noch brüllend und fluchend. Und bestimmt immer noch mit einer Hand über seinem geknickten Schwänzchen. Jaron biss sich auf die Unterlippe, um nicht leise zu lachen. Die Gefahr berauschte ihn, und das durfte er nicht zulassen.

Und ringsum hämmerten Stiefel auf Gestein, riefen Soldaten sich gegenseitig etwas zu. Ein riesengroßer Wirrwarr. Jaron lächelte und schlüpfte unter der Plane hindurch zurück ins Zelt. Kleidung, Schuhe, sein Gepäck, das Kundschafterstäbchen.

Hastig fuhr er in die Hose, zog die Schuhe an, suchte währenddessen mit Blicken nach dem Hemd und entdeckte es immer noch nicht. Also zerrte er sich Kadins über den Kopf, auch wenn es nach dem Menschen, nach Bier und zu wenig Reinlichkeit roch. Mantel, Bündel. Wo war das Stäbchen?

Wohin hatte Kadin es geworfen? Das Zelt war nicht wirklich groß, doch jeglicher Raum, den nicht das Bett beanspruchte, wurde von Kadins Ausrüstung, Panzerung, Waffen, Sattel und Rüstung seines Pferdes gefüllt.

Zumindest konnten Kadin und Vila mit dem Stäbchen nichts anstellen, weil es nur dann zu senden vermochte, wenn Jarons frisches Blut in seinem Inneren die Magie weckte. Verdammt, es war fort und unauffindbar, und ihm rann die Zeit zwischen den Fingern davon. Sein Blick fiel auf Kadins Waffengurt, und Jaron atmete tief ein, stürzte dorthin und löste mit fliegenden Fingern die Dolchscheide vom Riemen, stopfte die Waffe in sein Bündel und schlang sich dessen Riemen über eine Schulter. Und jetzt?

Jetzt befand er sich – noch – an dem einzigen friedlichen Ort im ganzen Lager. Ringsum Stiefelgetrampel, Rufe, und durch die Zeltplanen sah er Lichter und Schatten. Das gesamte Lager war ein einziger Tumult. Das half ihm aber auch nicht.

Ganz nüchtern betrachtet war er ein toter Mann, falls die Sonnenkrieger ihn erwischten. Selbst die im Lager anwesenden Elfen konnten ihn verraten, weil sie sich Vergünstigungen, eine Belohnung oder die Freiheit damit zu erkaufen hofften. Und Jaron wusste nicht, ob er der Folter so viel Stärke entgegenzusetzen hatte wie der andere Spion, den Vila enttarnt hatte.

Er atmete schaudernd tief ein, dann klemmte er sich den Mantel unter den Arm und hängte ganz behutsam die Laterne von ihrer Befestigung am Zeltgestänge aus. Ein böses Lächeln kräuselte seine Lippen, als er das Glasgefäß mitsamt seiner öligen Füllung und dem brennenden Docht voller Schwung auf das nach Kadin stinkende Bett schleuderte.

Die Zelte standen alle dicht an dicht, und da selbst die Unterkunft eines Kommandanten mit all seinen Habseligkeiten vollgestopft war, sah das in den anderen Zelten genauso aus. Die Sonnenkrieger waren mutterseelenalleine in feindlichem Gebiet, die hingen ganz gewiss an jeder Socke, jeder Wolldecke und jedem Rüstungsriemen mit ganzem Herzen.

Die Flammen fraßen sich gierig in die Grasmatratze, verschlangen die Decken mit einem Bissen, schlugen höher, schwärzten die Zeltbahn, fraßen Löcher hinein, und Funken segelten durch die Luft.

---ENDE DER LESEPROBE---