2,99 €
Zwei Reiche. Zwei Krieger. Ein Dämon, den die Welt auslöschen will. Als der Name Thalan'kur nach Jahrhunderten wieder ausgesprochen wird, reagieren die Reiche mit Angst – und mit Stahl. Jeder ist sich einig: Das uralte Wesen muss gefunden werden, bevor es erwacht. Doch nicht alle wollen dasselbe. Manche wollen vernichten. Andere kontrollieren. Kaelen und Lysandra werden ausgesandt, um den gefährlichsten Feind der Geschichte aufzuspüren. Sie stammen aus unterschiedlichen Reichen, wurden unterschiedlich erzogen und misstrauen einander zutiefst. Gemeinsam sollen sie jagen, was die Welt zu vergessen versucht hat. Doch je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr bröckelt die einfache Wahrheit, an die sie geglaubt haben. Spuren passen nicht zusammen. Dörfer werden zerstört – aber niemand stirbt. Warnungen erscheinen, wo Vernichtung erwartet wurde. Und der Dämon entzieht sich jeder eindeutigen Definition. Während Reiche ihre Banner erheben und der Druck wächst, müssen zwei Krieger erkennen: Vielleicht ist die wahre Gefahr nicht das, was sie jagen – sondern das, was man ihnen beigebracht hat zu glauben. Epische Fantasy über Schuld, Wahrheit und eine Jagd, die alles verändert.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Der letzte Dämon
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Impressum neobooks
Der Wind roch nach Regen und Eisen. Über den nördlichen Ebenen Valdyrs türmten sich Wolken wie graue Kathedralen, deren Schatten sich wie Finger über das Land legten. Es war ein Abend, an dem die Welt den Atem anhielt – als wüsste sie, dass etwas beginnen würde, das nicht mehr aufzuhalten war.Kaelen ritt allein.Seit Stunden schon führte ihn der schmale Pfad durch das Moorland, dessen endlose Weite sich in melancholischer Stille ausbreitete. Nur das gleichmäßige Stampfen der Hufe und das leise Klirren des Metalls an seinem Gürtel durchbrachen die Dunkelheit. In seinem Inneren jedoch tobte ein Sturm, der lauter war als jeder Donner.Er war nicht aus freien Stücken hier. Niemand, der noch bei Verstand war, würde freiwillig einen Auftrag annehmen, der einer Hinrichtung gleichkam. Und doch war er hier – weil Ehre, Schuld und die brennende Hoffnung, noch etwas wiedergutmachen zu können, ihn zwangen, zu gehen, wo andere geflohen wären.Der Dämon.Schon das Wort allein genügte, um in jeder Schenke und jedem Dorf Furcht auszulösen. Thalan’kur. Ein Name, der nicht laut ausgesprochen wurde, als könne er durch das bloße Sprechen aus der Finsternis heraufbeschworen werden. Ein uraltes Wesen, älter als die Reiche selbst, so sagten sie. Es habe keine Gestalt, keine Grenzen, kein Ende – nur Hunger nach Leben und Macht. Vor Jahrhunderten war es gebannt worden, tief unter die Erde verstoßen. Und nun war es zurück.Kaelen wusste nicht, warum man gerade ihn geschickt hatte. Vielleicht, weil er nichts mehr zu verlieren hatte. Vielleicht, weil es niemanden sonst gab. Vielleicht, weil man hoffte, er würde sterben und damit eine Schuld begleichen, die man nie laut ausgesprochen hatte.Er zog den Mantel enger um sich und drückte die Fersen in die Flanken seines Pferdes. „Nur noch ein Stück“, murmelte er in den Wind. „Nur noch ein Stück, dann beginnt alles.“Zur selben Zeit, viele Meilen südlich, schritt Lysandra über die Marmorhallen des Tempels von Aerith. Das Sonnenlicht fiel in gebrochenen Strahlen durch hohe Fenster, tanzte über den Boden und legte sich wie ein Segen auf ihre Haut. Sie war eine Kriegerin des Lichts, ausgebildet, um jene zu vernichten, die die Welt bedrohten. Und doch war ihr Herz schwer, als man ihr die Schriftrolle überreichte, die ihr Schicksal besiegelte.„Du weißt, was es bedeutet“, sagte der Hohepriester. Seine Stimme war wie immer ruhig, aber in seinen Augen lag ein Hauch von Sorge. „Dies ist kein Kampf gegen einen Menschen. Kein Feind aus Fleisch und Blut.“„Ich weiß“, antwortete sie und schloss die Finger um das Siegel. „Aber jemand muss es tun.“„Und wenn du versagst?“„Dann versagen wir alle.“Sie drehte sich um, ohne eine Verabschiedung. Worte hatten keinen Platz in ihrem Leben – nicht für diesen Weg. Sie hatte gelernt, zu kämpfen, zu töten und zu überleben. Und doch spürte sie tief in ihrem Inneren eine Beklemmung, die sie nicht einordnen konnte. Nicht wegen der Gefahr. Nicht wegen des Dämons.Sondern wegen eines seltsamen, unerklärlichen Gefühls, dass sie auf diesem Pfad nicht allein sein würde.Der Abend senkte sich langsam über die Welt, und irgendwo zwischen den Schatten, zwischen Schicksal und Zufall, bewegten sich zwei Menschen aufeinander zu – noch ohne zu wissen, dass ihre Wege längst verbunden waren. Zwei Krieger, von verschiedenen Herren entsandt, mit demselben Ziel: den Dämon zu finden und zu vernichten.Und während über den Hügeln das erste ferne Grollen des Donners erklang, begann eine Geschichte, die nicht nur ihre Leben, sondern das Schicksal aller verändern würde.
Der Morgen brach grau und schweigend über die Hügel von Tar’Vareth herein. Nebel kroch wie ein lebendiges Wesen über den Boden, umschlang Steine, Gräser und die Wurzeln knorriger Bäume, deren Schatten im Dunst zu flimmernden Gestalten wurden. Kaelen hatte sein Lager bei Sonnenaufgang abgebrochen und war nun wieder unterwegs – der Pfad führte tiefer ins Niemandsland, dorthin, wo nur alte Legenden lebten und selbst Vögel die Stille nicht zu durchbrechen wagten.Es gab keinen Plan. Nur ein Ziel.Und doch fühlte er, dass er näherkam. Nicht mit den Augen, nicht mit dem Verstand – sondern mit jenem Instinkt, der ihn schon immer geleitet hatte, wenn der Weg selbst im Nebel verschwand. Etwas lag vor ihm, das älter war als Zeit, dunkler als Nacht. Und es rief ihn.Er spürte es in den Knochen.Sein Pferd schnaubte leise, als sie einen schmalen Grat hinaufkletterten, von dem aus man weit über das Land blicken konnte. In der Ferne zeichnete sich eine Silhouette gegen den bleichen Himmel ab – die Ruinen einer Festung, halb von Efeu verschlungen, halb vom Nebel verschluckt. Kaelen hielt an und musterte sie schweigend.„Vielleicht bist du dort“, murmelte er. „Vielleicht wartest du.“Er wusste nicht, ob er mit dem Dämon sprach oder mit sich selbst.Viele Meilen südlich schlug auch Lysandra ihr Lager ab. Sie war allein unterwegs, nur das Notwendigste auf dem Rücken ihres Pferdes und das Schwert an ihrer Seite. Seit drei Tagen hatte sie kaum geschlafen, und doch trieb sie eine Unruhe voran, die stärker war als Müdigkeit. Jede Nacht hatte sie geträumt – von Feuer, von einer Stimme, die ihren Namen flüsterte, von Augen, die sie nie zuvor gesehen hatte und doch seltsam vertraut wirkten.„Unsinn“, sagte sie laut zu sich selbst, als wolle sie die Gedanken verscheuchen. „Konzentriere dich.“Ihr Weg führte sie durch ein verlassenes Tal, in dessen Tiefe sich ein Fluss durch graue Felsen fraß. Hier und da stieß sie auf Überreste vergessener Lagerstätten – kalte Feuerstellen, zerbrochene Waffen, alte Knochen. Zeichen, dass andere hier gewesen waren. Jäger. Sucher. Vielleicht Narren.Doch keiner hatte gefunden, was sie suchte.Gegen Mittag erreichte sie ein kleines Dorf – oder das, was einst eines gewesen war. Nur ein paar windschiefe Hütten standen noch, die Fenster leer, die Türen zersplittert. Es roch nach Verfall und nach dem, was der Wind von alten Schlachten zurücklässt: nach Rost, Staub und Erinnerung.Sie stieg ab, führte ihr Pferd durch die Hauptstraße und lauschte. Kein Laut. Kein Mensch. Nur das Knarren eines Fensters, das sich im Wind bewegte.„Hallo?“ Ihre Stimme hallte zwischen den Häusern wider. Keine Antwort.Doch als sie sich umdrehte, glaubte sie für einen Moment, eine Bewegung zu sehen – ein Schatten, der sich hinter einer Hauswand zurückzog. Lysandra legte instinktiv die Hand auf den Griff ihres Schwertes und trat näher.„Ich weiß, dass jemand hier ist“, sagte sie ruhig. „Zeig dich.“Nichts. Nur Wind.Und doch – sie war nicht allein.Während sie sich durch das Dorf bewegte, war auch Kaelen nicht mehr weit entfernt. In der Ferne, nur jenseits eines kleinen Hügelzuges, sah er denselben Strom, denselben verlassenen Ort. Er wusste nicht, warum er anhielt. Vielleicht, weil die Luft hier schwerer war. Vielleicht, weil die Stille zu vollkommen klang.Er ritt weiter, Schritt für Schritt, und hielt schließlich an einem alten Brunnen an, der inmitten der verlassenen Gassen stand. Sein Pferd scharrte unruhig mit den Hufen.„Ruhig“, murmelte er und stieg ab.Er ging ein paar Schritte, ließ den Blick schweifen – und blieb stehen. Da war es wieder: dieses Gefühl. Als wäre jemand hier gewesen. Oder war noch immer hier. Nur jenseits der nächsten Ecke, nur hinter der nächsten Wand.Er drehte sich langsam im Kreis.„Wer bist du?“ flüsterte er in die Stille.Der Wind antwortete nicht. Aber irgendwo, nicht weit von ihm, hielt Lysandra ebenfalls den Atem an – nur durch zwei Mauern getrennt, ohne zu wissen, wie nah sie sich bereits gekommen waren.Die Sonne begann zu sinken, als beide das verlassene Dorf wieder verließen – sie Richtung Norden, er Richtung Westen. Nur ein halber Tagesritt trennte sie voneinander. Nur ein halber Schritt, und sie hätten sich begegnet.Doch das Schicksal war geduldig.Es wusste, dass sie sich nicht jetzt treffen sollten. Noch nicht.
Die Sonne stand tief, als Lysandra das Tal hinter sich ließ. Vor ihr öffnete sich die Ebene von Reth’Mar – ein stilles, von Wind und Zeit gezeichnetes Land, durchzogen von alten Handelsrouten, die längst keiner mehr nutzte. Staub wehte über die Straße, die sie ritt, und jeder Schritt ihres Pferdes klang wie ein ferner Pulsschlag im leeren Land.Sie wusste nicht genau, wohin sie ritt. Nur dass sie weiter musste. Immer weiter. Jede Stunde, die verstrich, brachte sie näher an ihr Ziel – und an die Gefahr, die dort wartete.Am zweiten Tag ihrer Reise erreichte sie ein kleines Dorf, kaum mehr als ein Dutzend Häuser und eine zerfallene Mauer aus Lehm. Kinder spielten barfuß auf der Straße, eine alte Frau fegte vor ihrem Haus den Staub zusammen, und irgendwo bellte ein Hund. Es war friedlich hier, zu friedlich für eine Welt, in der ein uralter Dämon wieder auf Erden wandelte.„Eine Reisende?“, fragte der Wirt, als sie die Schenke betrat. Er war ein breiter Mann mit grauem Bart und den Augen eines Menschen, der schon alles gesehen hatte.„Nur auf der Durchreise“, antwortete Lysandra und setzte sich an den Tisch am Fenster.Er stellte ihr eine Schale mit Eintopf hin. „Man hört viele Geschichten in diesen Tagen“, sagte er beiläufig, während er die Theke wischte. „Die Leute sagen, der Schatten des Alten ist zurückgekehrt. Dass in den Bergen wieder Zeichen zu sehen sind.“„Zeichen?“„Lichter, Geräusche, manchmal auch Tote. Manchmal nur Stille. Aber immer… Unruhe.“„Habt ihr etwas gesehen?“Der Mann schüttelte den Kopf. „Nicht ich. Aber Reisende. Händler. Einer meinte, er habe einen Mann auf der alten Straße nach Vareth gesehen. Groß, dunkelhaarig, mit einem Blick, der mehr Gewicht trägt als ein Schwert.“Lysandra erstarrte. „Was wollte er?“„Er fragte nach dem Dämon.“Sie sagte nichts mehr, aß in Schweigen und dachte über die Worte nach. Jemand war also ebenfalls unterwegs – und er schien dasselbe Ziel zu haben. Doch wer? Ein Jäger? Ein Verbündeter? Oder ein Rivale?Zur selben Zeit saß Kaelen in einer anderen Schenke, ein gutes Stück weiter nördlich, und hörte ähnliche Geschichten.„…sie sagten, eine Frau reite durch die Länder. Eine Kriegerin. Schön und tödlich. Sie fragt nach alten Legenden, nach Bannritualen.“„Eine Jägerin?“„Vielleicht. Oder eine Narren. Aber sie ist auf der Spur von Thalan’kur.“Kaelen trank einen Schluck Wasser und schwieg. Also war er nicht allein. Irgendjemand war ihm voraus oder dicht auf den Fersen. Es gefiel ihm nicht.Er hätte sich freuen können – ein weiterer Krieger bedeutete eine Chance, zu überleben. Doch tief in seinem Inneren wuchs eine Unruhe, die er nicht benennen konnte. Nicht, weil er Konkurrenz fürchtete. Sondern weil er ahnte, dass diese Person nicht zufällig denselben Pfad gewählt hatte wie er.„Hat sie einen Namen?“ fragte er.„Nein. Nur, dass sie aus dem Süden kommt. Vom Orden der Sonnenklingen.“Kaelen lehnte sich zurück. Der Orden der Sonnenklingen – ein Name, den selbst er kannte. Fanatische Dämonenjäger, heilig und unerbittlich. Wenn sie auf derselben Spur war, würde sie ihn töten, sobald sie ihn traf. Nicht aus Hass. Sondern aus Pflicht.„Dann soll sie kommen“, murmelte er. „Vielleicht führt sie mich zum Ziel.“Über Tage hinweg ritten sie beide weiter – Lysandra nach Norden, Kaelen nach Osten –, ohne zu wissen, wie nah sie einander bereits waren. Sie überquerten denselben Fluss, tranken an denselben Brunnen, hörten dieselben Geschichten aus verschiedenen Mündern.Und immer wieder fiel derselbe Name, geflüstert wie ein Fluch: Thalan’kur.Der Dämon war nicht einfach zurückgekehrt. Er ließ Spuren zurück. Alte Tempel öffneten sich wieder, Zeichen erschienen auf den Felsen, Tiere flohen aus den Wäldern. Etwas Erwachendes pulsierte unter der Haut der Welt, und beide spürten es – wie einen Herzschlag tief unter der Erde.In einer Nacht, als der Himmel voller Sterne stand und der Wind kalt über die Ebene strich, blickte Lysandra in die Dunkelheit und fragte sich, wer dieser andere Sucher war.Und viele Meilen entfernt tat Kaelen dasselbe.Sie wussten es nicht.Aber ihre Wege waren nicht länger getrennt.Nur unsichtbare Fäden hielten sie noch auseinander – und sie wurden mit jedem Schritt dünner.
Kapitel 4Die Sonne stand bereits tief, als Lysandra den Grat erklomm, der zum alten Kloster von Aedran führte. Es lag dort wie ein vergessener Zahn im Fleisch des Gebirges – halb verfallen, von Ranken überwuchert und doch noch immer voller stiller Macht. Kein Mensch hatte seit Generationen dort gelebt, und doch spürte sie, dass sie nicht allein war.Schon aus der Ferne hatte sie Rauch gesehen, der aus den zerborstenen Fenstern aufstieg, und eine Spur frischer Hufabdrücke im weichen Boden. Jemand war hier gewesen. Vielleicht war er noch immer hier.Sie stieg ab, band ihr Pferd an einen verwitterten Pfeiler und zog das Schwert. Jeder Schritt über das mit Moos bedeckte Pflaster hallte wie ein Herzschlag zwischen den Mauern wider.Die große Eingangshalle roch nach Staub und kaltem Stein. Sonnenstrahlen fielen durch ein zersprungenes Fenster auf die zerbrochenen Statuen alter Heiligen und ließen sie wirken, als würden sie atmen. Lysandra lauschte. Kein Laut. Nur der Wind, der durch leere Gänge strich.Doch irgendwo tiefer im Kloster knarzte ein Balken. Ganz leise.Sie war nicht allein.Kaelen war schon seit Stunden hier. Er hatte die Hallen durchsucht, Räume geöffnet, Schriften gesichtet – doch das meiste war längst von Zeit und Feuchtigkeit verschlungen worden. Nur eines war geblieben: ein Raum tief im Herzen des Klosters, in dem die Luft anders roch, schwerer, dichter. Dort hatte er ein Relief gefunden, eingraviert in schwarzen Stein.Es zeigte eine Gestalt aus Schatten und Feuer, gebannt in einen Kreis aus runischen Zeichen. Darunter Worte in einer Sprache, die niemand mehr sprach:„Keine Ketten halten, was ohne Anfang ist. Nur zwei Hände können es führen.“Kaelen fuhr mit den Fingern über die Gravur. „Zwei Hände…“, murmelte er. „Nicht eine.“Was immer Thalan’kur war, es konnte nicht allein besiegt werden. Zwei Kräfte, zwei Pfade mussten sich kreuzen. Vielleicht war das der Sinn dieser ganzen Suche – und vielleicht bedeutete es, dass er nicht der Einzige war, der sie unternahm.Er hörte Schritte.Ganz fern.Ganz leise.Lysandra folgte einem schmalen Korridor, der in eine Bibliothek führte. Die Regale waren eingestürzt, Pergamente zu Staub zerfallen. Doch auf einem der Tische lag etwas, das nicht hierhergehörte: ein noch nicht verstaubtes Stück Stoff, grob zusammengerollt – und daneben ein Stück Brot, nur halb gegessen.Sie erstarrte. Jemand war jetzt hier.Ihre Finger schlossen sich fester um den Griff ihres Schwertes, und sie bewegte sich weiter, diesmal lautlos, Schritt für Schritt. Hinter der nächsten Tür musste er sein. Sie spürte ihn – eine Präsenz, fest und schwer wie eine unsichtbare Hand auf ihrer Schulter.Nur wenige Meter entfernt stand Kaelen in einem anderen Raum, die Hand auf der Steinwand. Er hatte es auch gespürt – nicht den Wind, nicht ein Tier. Jemanden. Jemanden wie ihn.Er griff nach dem Griff seines Messers, hielt jedoch inne. Vielleicht war es töricht, aber irgendetwas sagte ihm, dass diese Präsenz nicht feindlich war. Zumindest nicht nur.Er hinterließ ein Zeichen – eine winzige Rune, eingeritzt in den Türrahmen, ein Symbol für „Suche“. Dann verließ er den Raum und ging zurück in Richtung Eingang.Später, als die Sonne bereits hinter den Bergen versank, fand Lysandra diese Rune. Sie kannte das Zeichen – alte Jäger verwendeten es, um einander stumme Botschaften zu hinterlassen. Es bedeutete, dass jemand denselben Weg ging wie sie. Und dass sie nicht allein war.„Wer bist du?“ flüsterte sie in die Stille. Doch die Mauern antworteten nicht.Draußen färbte sich der Himmel blutrot, und ein kühler Wind zog über das Tal. Zwei Reisende verließen das alte Kloster – sie durch den Westausgang, er durch den Ostpfad. Nur eine Wand hatte sie getrennt. Nur ein Atemzug hatte gefehlt.Und doch wusste jeder von ihnen nun, dass da draußen ein anderer war.Jemand, der denselben Feind jagte.Jemand, dessen Weg sich mit dem eigenen kreuzen würde.Es war keine Frage ob.Nur wann.
Kapitel 5Der Tag begann mit Regen. Dünne, graue Schleier zogen über das Land und legten sich wie ein Schleier aus kaltem Atem über Wälder, Wege und Steine. Kaelen ritt schweigend durch das nasse Unterholz, das unter den Hufen seines Pferdes matschig nachgab. Die Stille war seltsam dicht – keine Vögel, kein Wind. Nur sein eigener Atem und das stetige Trommeln der Tropfen auf seinen Schultern.
